Montag, 18. Mai 2020

Nachtrag zu „Ist der Mensch gut?“

A. Verstehe ich das richtig, dass nur jemand Gutes tun kann, der an Gott glaubt?
B. Nein, das ist ein Missverständnis. Gott ist der Ursprung alles Guten, aber das muss der, der Gutes tun will, weder wissen noch bekennen.
A. Der Glaube an Gott ist also nicht Voraussetzung, um Gutes zu tun oder ― wie man sagen würden ― ein guter Mensch zu sein?
B. Bei anderer Gelegenheit könnten wir einmal darüber sprechen, ob es überhaupt möglich ist, nicht an Gott zu glauben und was das heißt. Derweil gebe ich zwei Stellen aus dem Evangelium nach Matthäus zu bedenken: „Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern wer den Willen meines Vaters im Himmel tut.“ (7,21) Und 25,31-46, wo es heißt: „Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, empfangt das Reich als Erbe, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist! (…) Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Aber auch: „Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist! (…) Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan. Und diese werden weggehen zur ewigen Strafe, die Gerechten aber zum ewigen Leben.“ Ich schließe daraus: Gott schaut nicht darauf, was jemand zu glauben behauptet, sondern darauf, was er tut.
A. Nicht Glaube, sondern gute Werke.
B. Praktizierter Glaube statt bloßen Bekennens eines Fürwahrhaltens ohne praktische Folgen.
A. Aber wie soll, wer nicht glaubt, Glauben praktizieren?
B. Wer Gottes Willen tut, der vollzieht, was es in der Praxis heißt (oder vielmehr heißen sollte) zu glauben, egal, ob er nun weiß, dass es Gottes Wille ist, den er tut, oder nicht.
A. Was unterscheidet dann den Gläubigen vom Nichtgläubigen oder, anders gefragt, wozu ist Glaube dann gut?
B. Wozu ist Wahrheit gut?
A. Ich verstehe nicht ganz …
B. Der Glaube ist die Antwort des Menschen auf die Offenbarung Gottes, wie sie von anderen Menschen bezeugt wird. Wer glaubt, hält die Wahrheit für wahr. (Man kann auch Falsches für wahr halten, das ist dann Irrglaube.) Die Wahrheit aber hat keinen Zweck, Gott hat keinen Zweck, der Glaube an ihn hat keinen Zweck. Der Sinn der Wahrheit ist die Wahrheit. Der Sinn Gottes ist Gott. Der Sinn des Glaubens ist es, sich mit dem endlich und bedingten Dasein bejahend auf das unendliche und unbedingte Dasein Gottes zu beziehen; mit anderen Worten: Gott zu lieben.
A. Wer aber Gott nicht liebt …
B. Ist es möglich, Gott zu begegnen ― und sei es „nur“ durch das Zeugnis anderer ―, ohne ihn zu lieben? Mir scheint, wer auch nur andeutungsweise versteht, mit wem er es zu tun hat, wenn er es mit Gott zu tun hat, kann nicht anders, als ihn zu lieben.
A. Wer aber nicht mit Gott zu tun hat …
B. Mit dem hat trotzdem Gott zu tun. Aber wie gesagt, über die Unmöglichkeit, nicht zu glauben, wollen wir ein anderes Mal sprechen. Jetzt nur so viel: Wer Gutes tut, bezeugt, dass es Gutes gibt. Da Gott der Ursprung alles Guten ist, bezeugt, wer Gutes tut, das Dasein Gottes. Der explizite Glaube mag eine Motivation sein, Gutes zu tun; wer aus anderen guten Gründen Gutes tut, bei dem könnte man also von implizitem Glauben sprechen.
A. Das Gute und der Glaube gehören also immer zusammen?
B. Gott ist gut. Er ist vollkommen gut. Nichts und niemand ist besser. Der Glaube an Gott ist somit Glaube an das Gute schlechthin. Das Gute und nur das Gute zu wollen und Gott zu wollen, ist in gewisser Weise dasselbe. Wer Gott liebt, also sein Dasein bejaht, will Gottes Willen tun; wer Gottes Willen tut, nämlich Gutes tut, bejaht somit, auch ohne es zu wissen, Gottes Dasein. Aber selbstverständlich ist es besser, um Gott zu wissen, als nicht um ihn zu wissen.

Samstag, 16. Mai 2020

Ist der Mensch gut?

A. Ist der Mensch gut oder schlecht?
B. Falsche Frage. „Den Menschen“ gibt es nicht.
A. Meinetwegen. Sind die Menschen gut oder schlecht?
B. Was soll das heißen „gut sein“? Gott allein ist gut. (Lk 18,19). Menschen tun Gutes oder Böses. Sie sind weder gut noch böse.
A. Aber man sagt doch: Der hier ist ein guter Mensch, der dort ein schlechter.
B. Wenn man damit meint: Der hier tut Gutes, also ist er gut, der dort tut Böses, also ist er schlecht, dann mag das als façon de parler durchgehen. Wenn aber gemeint ist: Der hier ist gut, darum tut er Gutes, der hier ist schlecht, darum tut er Böses, dann klingt mir das zu sehr nach Prädestination.
A. Vorherbestimmung zum Guten oder Bösen, zu Himmel oder Hölle.
B. Ja. Das ist zum Beispiel im US-amerikanischen Denken fest verankert. „Unsere Tochter ist ein guter Mensch“, sagten die Eltern der Foltererin von Abu Ghraib, Lynndie England, „die macht solche Sachen nicht.“ Die Vorstellung, Menschen seien gut oder böse und handelten entsprechend, ist unsinnig und die Voraussetzung von üblen soziobiologischen Phantasien (als säkularisierte Prädestinationslehren): Anhand der Gene den Charakter eines Menschen festzustellen und seine Handlungen vorhersagen zu können. Einmal Dieb, immer Dieb, einmal erfolgreicher Geschäftsmann, immer erfolgreicher Geschäftsmann.
A. Aber ich wollte ja eigentlich darauf hinaus, ob die Menschen insgesamt eher gut oder schlecht sind, also meinetwegen eher Gutes tun oder Böses.
B. Das sieht man doch. Man kann es am Zustand der Welt ablesen. Es gibt Ausbeutung, Zerstörung, Verblödung, es gibt Hunger, Krieg und vermeidbare Krankheiten, es gibt Unterdrückung und Untertanengeist.
A. Also sind Menschen tendenziell eher schlecht, weil sie viel Schlechtes tun?
B. Keineswegs. Jeder einzelne und alle zusammen können Gutes tun oder Böses. Es ist ihre Entscheidung. Oft stehen dem Bedingungen entgegen, gesellschaftliche Verhältnisse, die dazu verleiten, Böses zu tun oder zuzulassen. Aber im Grunde seines Herzens kann jeder Mensch sich entscheiden. Er muss sich allerdings frei machen von Vorurteilen und Ängsten, Ressentiments und Haltungen wie Gier, Neid, Trägheit.
A. Und Gene oder psychische Prägungen oder sozioökonomische Zwänge machen die Menschen nicht prinzipiell unfrei? Sie können trotzdem Gutes tun wollen?
B. Jeder kann sich jederzeit für das Gute entscheiden. Gott fordert uns auf, Gutes zu tun und Böses zu lassen. Es wäre absurd, wenn er von uns etwas forderte, was wir gar nicht tun können.
A. Aber wir sündigen trotzdem.
B. Weil wir frei sind, das Gute oder das Böse zu wählen, können wir auch sündigen, ja. Die Menschen sind schwach und neigen zur Sünde. Darum braucht der Mensch Gott. Dass der Mensch Gutes tun und Böses lassen kann und dass er Gutes tut, ist Wirkung von Gottes Gnade.
A. Kann man also sagen: „Der Mensch ist gut, weil Gott ist gut ist“?
B. Wenn das im Sinne des bisher Gesagten gemeint ist, dann meinetwegen. Ich zöge freilich vor: „Der Mensch kann Gutes tun, weil Gott ist gut ist.“
A. Bleibt noch die Frage, was es heißt, Gutes zu tun.
B. Ja.

Dienstag, 21. April 2020

Fragment über den Staat

Gewiss, man kann und darf differenzieren: Diese Maßnahme finde ich richtig, diese fragwürdig, diese falsch. Aber man sollte sich mit damit nicht um die grundsätzliche Frage herumschwindeln: Wer ergreift hier mit welchem Recht überhaupt Maßnahmen wogegen und wofür?
Man spricht von einem Krieg. Wer führt ihn? Wer ist Feind, wer Freund? Lassen wir den Anlass für einen Augenblick beiseite und fragen uns: Welche Kriege werden sonst geführt?
Der gewöhnliche Krieg ist der des Staates gegen alle. Ein wichtige Waffe ist die Verblödung. Sie bewirkt zu Beispiel, dass die Leute der Politreklame glauben und sagen: Der Staat, das sind wir alle. Der Staat wird zum Gemeinwesen umgedeutet, seine Handlungen und Unterlassungen gelten als im Prinzip auf Gemeinwohl ausgerichtet, mit kleinen Unvollkommenheiten, versteht sich. Die Realität ist eine andere. Es stimmt schon, nebenher sorgt der Staat auch schon mal für Ordnung und Sicherheit, für Recht und ungestörten Lebensführung. Aber das sind Nebenwirkungen, die das Funktionieren der Hauptsache garantieren sollen. Der Staat ist dazu da, die Reichen werden zu lassen und die Armen in Schach zu halten. Sein Daseinszweck ist der Schutz und die Förderung der Weltwirtschaftsordnung: Ausbeutung, Zerstörung, Verblödung.
In vielen Weltgegenden erfüllt der Staat seinen Zweck mit brutaler Gewalt. Wo Menschen hungern, an vermeidbaren Krankheiten sterben, in Kriegen verstümmelt und getötet werden, wo sie in Dreck und Elend hausen, wo sie niedergeknüppelt, weggesperrt und abgemurkst werden, wenn sie aufmucken oder einfach nur unerwünscht sind, dort ist die Wahrheit unmittelbar sichtbar. Im Globalen Norden wird sie versteckt. Behübscht. Dort gibt es Demokratie und genug zu essen, Unterhaltungselektronik, Sommer- und Wintermode und Individualismus. Lauter feine Sachen, die die Menschen im Globalen Süden auch gerne hätten, aber sie haben nicht das Geld dafür.
Die Behübschung erlaubt vielen ein angenehmes Leben und lässt den Zwang als freiwillig gewählte Lebensweise erleben. Die Ausbeutung ist komfortabel abgefedert, die Umweltzerstörung eine Sorge, von der einen die Urheber schon irgendwie wieder befreien werden, und die Verblödung verschränkt schier unfassbare Bildungsmöglichkeiten mit hirnloser Dauerbespaßung.

Symbol für Angst und Gehorsam

Einer teilt in einem sozialen Netzwerk mit, er wolle gerade lieber in einem Land leben, in dem das Tragen einer Atemmaske als Symbol für Gemeinsinn und Rücksichtnahme verstanden wird und nicht als ein Symbol für Angst oder Schwäche oder vorauseilenden Gehorsam.
Tja, so ist das wohl: Freiheit ist Sklaverei („Ich mache gern, was man mir vorschreibt“), Krieg ist Frieden („Leben schützen durch soziale Distanz“), Unwissenheit ist Stärke („Corona ist schlimmer als jede Grippe“). Man kann alles umdefinieren. „The question is“, sagt Humpty Dumpty, "which is to be master — that's all.“
Man schwärmt derzeit viel von den Asiaten, die schon lange Atemmasken trügen (und auch die Asiaten schwärmen von sich und Vertreter des rotchinesischen Regimes fordern den Westen auf, endlich von ihm zu lernen). Man vergisst, dass sie es nicht des Seuchenschutz wegen taten, sondern weil die Luft in ihren Großstädten hemmungslos verschmutzt ist, weil der Staat Wirtschaftswachstum und Profit über Menschenleben und Umweltschutz stellt. Nie war die Maske als Schutz für andere gedacht, immer als Eigenschutz.
„Gemeinsinn“ wäre, Infektionen zuzulassen, was den allermeisten Menschen erlaubte, immun zu werden. „Rücksichtnahme“ wäre, alte und kranke Menschen nicht wegzusperren und einsam krepieren zu lassen.
So aber ist die völlig sinnlose und kontraproduktive Maske für jeden, der noch halbwegs zu einem kritischen Gedanken fähig und willens ist, ein perfektes Symbol für Dummheit und Angst, für die Bereitschaft, jeden Schwachsinn zu glauben und sich der Obrigkeit zu unterwerfen, wenn einem dafür nur Überleben und „Normalität“ versprochen wird.

Samstag, 18. April 2020

Was in der „Krise“ zählt

Da man sich für die wirklichen Todesursachen nicht interessiert (sondern lieber alle „mit Corona“ als Fälle zählt, statt nur die erwiesenermaßen „durch Corona“), interessiert man sich in Wahrheit auch nicht für die Alten und Kranken, um deren Schutz es doch angeblich vorrangig geht.
Warum richten sich die Maßnahmen auf die biopolitische Regulierung der gesamten Bevölkerung, ohne dass man die tatsächlichen Auswirkungen auf Risikogruppen untersucht? Immer ist abstrakt von schützen, gar Leben retten die Rede, ohne dass gesagt werden könnte, ob tatsächlich auch nur ein einziger nicht stirbt, weil alle zu Hause bleiben und Masken tragen.
Aber nein, hohe Infektionszahlen gelten als Horrorszenarien und sinkenden Infektionsquoten als gutes Zeichen und kollektiver Erfolg.
Der Gegengedanke ― dass es gut ist, wenn viele sich infizieren, weil das Immunsystem der meisten die Infektion symptomlos wegsteckt, es nur bei wenigen zu leichten Erkrankungen kommt und nur bei sehr wenigen zu schweren, meist bei solchen, die auch an anderen Krankheiten leiden ― wird verpönt.
Als geradezu unmoralisch gilt der Hinweis darauf, dass Menschen sterblich sind, dass hohes Alter und Mehrfacherkrankungen auch ganz "ohne Corona" dem Tode näher bringen. Wer nicht um der noch so unwahrscheinlichen Möglichkeit willen, dass ein neunzigjähriger Kettenraucher mit Diabetes ein paar Stunden länger in medizinisch Apparatur eingezwängt, handlungsunfähig, allein gelassen und sicher nicht glücklich, bereit ist, alle Menschen wegzusperren und die halbe Volkswirtschaft lahmzulegen, der gilt als sozialdarwinistischer Menschenfeind.
Lieber bleibt man zu Hause, vergnügt sich mit Unterhaltungselektronik, finanziert Amazon, Netflix und andere Großkonzerne und hängt an den Lippen von Regierung und regierungsnahen Experten. Man starrt auf Statistiken, die oft substanzlos sind und den Vergleich scheuen müssen. Man will sich ängstigen und dann wieder hoffen, die da oben sollen alles richtig machen, damit man weiterleben kann wie früher. (Als es noch "normal" zuging.)
Es geht aber gar nicht ums Überleben. Im doppelten Sinn: Das Überleben (der Menschheit, der Gesellschaft, von Hinz und Kunz) ist gar nicht gefährdet. Und: Überleben ist kein Wert an sich, vor allem, wenn das Leben, das man führt, nicht richtig ist.
Damit meine ich nicht, dass ich es sinnlos finde, mit Nikotinsüchtigen über Lungenerkrankungen zu diskutieren …
Damit meine ich, dass das „normale“ Leben für viele schon „ohne Corona“ nicht gut war und durch die „Coronakrise“ (das ist nicht die Pandemie, sondern die wegen dieser ergriffenen Maßnahmen) sehr viel schlimmer wurde. Ja, viele sterben in den USA, nicht mehr als bei einer Grippewelle, aber mehr als es sein müssten, wenn sie nicht arm wären. In Indien, in Südostasien stehen Millionen wörtlich vor dem Nichts. Oder schauen wir nach Afrika …
All das interessiert die fanatischen Lebensretter nicht, die den Ausdruck „Herdenimmunität“ für blanken Faschismus halten, sich aber nicht daran stören, dass in sonst schon auf Segmentierung und Gegeneinanderauspielen gerichteten Gesellschaften plötzlich nur dauernd von „gemeinsam“, „miteinander“, „Solidarität“ die Rede ist und Politiker, deren Dummheit und Niedertracht als erwiesen gelten muss, höchste Zustimmungswerte erreichen.
Aber nein! Deutscher Spargel muss geerntet werden und deutsche Rentner, Raucher und Diabetiker müssen gerettet werden. Kein Einwand meinerseits, ich mag Spargel und habe nichts gegen Alte und Kranke. Ich will nur wissen, was der Preis ist und was man wirklich dafür bekommt.

Montag, 6. April 2020

Post-Coronexit-Frustration

Kein Vergleich, nur eine Erinnerung: 1914 begeisterte sich eine ganze Gesellschaft für den Krieg, nahm vier Jahre lang für Kaiser, Gott und Vaterland Tod, Verstümmelung, Entbehrung, Unfreiheit auf sich. Dann aber hatte man den Krieg plötzlich verloren. Das heißt: Die Leute verloren den Krieg, den ihre Obrigkeit begonnen hatte. Die, für die man all das auf sich genommen hatte, waren weg oder nicht greifbar, die Gesellschaft stand schlechter da als vorher, viel schlechter, und das Schlimmste war: All das Erlittene war umsonst. Aus der darauf reagierenden Frustration und aus dem Hass auf die angeblichen Verursacher der Niederlage (Linke, Juden) erwuchs der Faschismus. Der Nationalsozialismus war im Grunde nichts anderes als das Versprechen, den Krieg nachträglich doch noch zu gewinnen, den Verlusten einen Sinn zu geben und alle, die nicht zur doch noch siegen wollenden Verlierergemeinschaft gehören wollten oder sollten, zu eliminieren.
2020 begeistern sich die Leute für social distancing und stay the fuck home. Die Regierung hat mit ihren „Maßnahmen“ immer Recht, sie wird uns das ewige Leben schenken, wenn wir jetzt brav sind. Wellen der Selbstkasteiung und der kreativen Ausgestaltung der Unterwerfung durchzucken die Gesellschaft. So viel home story war nie. Irgendwann aber werden die „Maßnahmen“ beendet werden müssen. Es geght gar nicht anders. Die angekündigte Katastrophe (Millionen Tote, Zusammenbruch des Gesundheitssystems) wird allerdings ausgeblieben sein. (Einfach weil die Virus.Epidemie einen „normalen“ Verlauf genommen hat.) 
Selbstverständlich werden die Regierung und ihre blamierten Experten dann eine umgekehrte Dolchstoß-Legende in die Welt setzen: Nur wegen unserer Maßnahmen blieben alle verschont. Trotzdem werden die Leute frustriert sein, die wirtschaftlichen Schäden werden enorm sein, aber während derzeit die Regierung die dicken Spendierhosen zur Schau trägt, als stände in jedem Ministerium einen Batterie von dukatenscheißenden Goldeseln, wird es hinterher bei jedem sinnvollen Vorschlag wieder wie früher heißen: Also dafür haben wir nun wirklich kein Geld … 
Und vielleicht fällt der Gesellschaft das Hinauszögern der Herdenimmunität auch noch auf den Kopf; denn das muss man den Regierungsexperten ja zugestehen: Sie versprachen nie, dass durch die von ihnen geforderten „Maßnahmen“ sich insgesamt weniger Menschen infizieren und weniger Menschen durch virusbedingte Erkrankung sterben werden, sie wollten nur auf die „Abflachung der Kurve“ hinaus, um ihr Arbeitsgebiet, das Gesundheitssystem, zu schonen. Also werden irgendwann womöglich doch noch hohe Zahlen von Infektion und (isoliert betrachtet) erschreckend viele Todesfälle berichtet werden. Es sei denn, die Medienmeute schaut weg, wie ja auch regelmäßig bei all den „normalen“ Grippe-Epidemien der letzten Jahre.
Falls die Bevölkerung den ganzen Schwindel nach seinem Ende doch noch durchschaut, ist Frustration unvermeidbar. Wozu hat man sich wochenlang selbst weggesperrt, wenn das überhaupt niemandem genützt, sondern im Gegenteil allen geschadet hat? Und was aus dieser Frustration dann erwächst, ist unabsehbar …

Sonntag, 29. März 2020

Was ist bloß los mit mir?

Man kann es wohl nicht verstehen, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Es ist furchtbar. Ich erlebe es so: Ich weiß, dass zweimal zwei vier ist. Alle Welt um mich herum behauptet aber, es sei fünf, wenn nicht gar sechs. Selbst die Wohlmeinendsten konzedieren bloß, dass das Produkt der Multiplikation von zwei mit zwei zwar vielleicht nicht unbedingt fünf, aber doch auch nur schwerlich vier sei, wahrscheinlich eher so vierkommafünf, vierkommasechs oder um den Dreh.
Bin ich verrückt oder die anderen? Ich rechne nach. Zweimal zwei Äpfel macht vier Äpfel. Zweimal zwei Birnen macht vier Birnen. Es stimmt. Warum sagen die anderen, es seien fünf Bananen?
Ich mache mein abweichendes Rechenergebnis öffentlich. Ich bringe Belege. Ich lasse andere zu Wort kommen, die auch auf vier, nicht auf fünf kommen. Die hätten wohl den Schuss nicht gehört, heißt es daraufhin. Ich solle doch bitte nicht solchen Quatsch verbreiten. Das sei unverantwortlich. Ich hätte wohl den Ernst der Lage nicht begriffen. Jetzt müssten wir alle zusammenhalten und fünfe gerade sein lassen. Ob ich denn an eine Verschwörung glaubte? Es sei doch wohl höchst unwahrscheinlich, dass alle Welt sich dermaßen verrechnet hätte. Selbst wenn fünf oder sechs nicht stimme, vier sei ganz bestimmt falsch. Dann halte man sich lieber an fünf.
Es zermürbt mich. Auch helle Köpfe, oder die ich dafür hielt, stecken den Kopf in den Sand. Vorher murmeln sie noch: Fünf, fünf, fünf, es sind sicher fünf … Dann höre ich nichts mehr von ihnen. Sie wollen nicht mehr mit mir reden.
Ich zweifle an mir. Ich rechne nach. Es kommt vier heraus. Immer wieder. Ich kann einfach nicht verstehen, warum alle sagen, das sei falsch.
Oder fast alle. Denn langsam mehren sich die Stimmen, die Äpfel und Birnen wieder getrennt verrechnen und auch von Bananen unterscheiden wollen. Die vier für möglich halten. Die immer schon gesagt haben wollen: Zweimal zwei ist vier.
Bis sich das durchsetzt, wenn überhaupt, ist viel Obst verfault. Siehst du, wird man mir dann sagen, wir hatten Recht, es war zu viel Obst; reden wir also von Gemüse.
Entschuldigen wird sich bei mir keiner. Es wird mir nichts nützen, richtig gerechnet zu haben. Davon wird keine Rede sein. Das war Zufall, wird man bestenfalls sagen. Vielleicht hattest du Recht, vielleicht auch nicht. Eher nicht. Selbst wenn fünf nicht stimmte, das konnte ja niemand wissen.
Beim nächsten Mal werden sie wieder an irgendeine Zahl glauben wollen. Es wird wieder eine falsche sein. Woher ich das weiß? Ich kann rechnen. Das hoffe ich zumindest. Vielleicht bin ja aber ich der Verrückte.

Samstag, 28. März 2020

Notiz über „Ängste“ und Lust

Es ist mal wieder von „Ängsten“ die Rede. Die Leute hätten Angst um ihre Gesundheit, letztlich im ihr Leben. Das mag sein, aber es erklärt nicht alles. Nicht die Freude am Gehorsam und die Wut gegen Kritiker.
Es gibt auch die Lust daran, sich der Obrigkeit zu unterwerfen, andere zur Unterwerfung zu drängen und Ungehorsame zu denunzieren. Und auch die Lust, das Eigene gegen ein bedrohliches Außen abzuschotten.
Genauso wenig, wie Rechtspopulismus bloß mit den Verlustängsten von Abgehängten Stimmung macht, sondern wesentlich auf der Lust beruht, auszugrenzen, abzuwerten, zu schikanieren, Ressentiments auszuleben und einfach mal menschenverachtenden Unsinn auszusprechen, kurzum: auf dem Angebot, hassen zu dürfen, beruht auch die schöne neue Volksgemeinschaft („Solidarität! Gemeinsam stehen wir das durch! Wir schaffen das!“) nicht bloß auf Angst vor Krankheit und Tod, sondern ganz wesentlich auf der Lust am kritikbefreiten Ausleben des Herdentriebs.

Mittwoch, 25. März 2020

Notiz über Staat und Gesundheit

Das staatliche (oder private, vom Staat reglementierte) Gesundheitssystem ist eine wunderbare Einrichtung, wenn es funktioniert, in reichen Ländern naturgemäß besser als in armen, denn es rettet Leben, und das ist gut so, aber auch dann, wenn alle Teile der Bevölkerung einigermaßen gleichen Zugang zu Behandlung und Medikamenten haben, ohne sich gleich maßlos verschulden zu müssen, bleibt der Staat, der das fördert, ein Staat und ist als solcher böse. Zweck des modernen Staates ist die Sicherstellung von Ausbeutung, Zerstörung und Verdummung, das Reicherwerden der Reichen und das In-Schach-Halten der Armen. In den Gesellschaften des globalen Nordwestens wird dazu die Mittelschicht mit dem Zuckerbrot des relativen Wohlstandes und der Peitsche von Abstiegsangst und Sinnlosigkeit gefügig gemacht. Hedonistischer Konsumismus und individualistischer Konformismus gehören zusammen. Der Staat ist also, klassisch formuliert, nach wie vor ein Instrument der Klassenherrschaft. Manche profitieren von ihm. Viele nicht. Moralisch gesehen niemand.
Trotzdem gibt es, gerade in der Krise, Leute, die dem Staat unbedingt vertrauen und von ihm Rettung erwarten. Was dieselben Politiker, die sich sonst als Schwätzer und leicht zu korrumpierende Handlanger von Wirtschaftssinteressen erweisen, plötzlich zu klugen Ratgebern und legitimen Bestimmern über Tun und Lassen machen soll, ist freilich unerfindlich.
Seid solidarisch und bleibt zu Hause“, fordert der Staat. Dass das paradox ist, fällt sogar einer Frau Merkel auf. Ohnehin klingt es obszön, wenn eine Politikerin, die sonst Tag für Tag die Entsolidarisierung und Segmentierung der Gesellschaft vorantreibt, von „Solidarität“ spricht.
Die Verminderung von Sozialkontakten soll Leben retten, glauben viele. Das ist Unsinn. Es geht darum, die Zahl der Neuinfektionen langsamer ansteigen zu lassen: die berühmte „Abflachung der Kurve“. Krankheit und Gesundheit, Leben und Tod sind Zahlen, die sich zu einer Statistik (von nlat. status „der Stand, der Staat“) fügen, die, als Diagramm anschaulich gemacht, die Realität weniger abbildet als vorgibt. Die absoluten Zahlen der Infektionen und Toten bleiben in diesem Modell gleich. Es wird also keineswegs, wie das Gerede besagt, „das Virus gestoppt“, noch werden „Leben gerettet“. Es geht nur darum, die Zahl derer, die in Krankenhäusern behandelt werden, auf einen längeren Zeitraum zu verteilen, weil ansonsten womöglich die Kapazitäten an Personal, Betten und Geräten nicht ausreichen. Dann sterben Menschen voraussichtlich nicht wegen der Pandemie, sondern wegen des überlasteten Gesundheitssystems.
Der Staat „schützt“ also niemanden vor dem Virus und dem Tod durch Erkrankung ― zumal es kein Heilmittel gibt, die Behandlung in den Krankenhäusern also allenfalls Symptome lindern und das Sterben, wenn es denn ansteht, hinauszögern kann. Er will nur vor den zusätzlichen Toten „schützen“, die das von ihm unterhaltene Gesundheitssystem produziert. Zu Recht weisen Kritiker darauf hin, dass die neoliberale Logik, wonach Krankenhäuser Betriebe sind, die Profit erwirtschaften müssen, erst zu einer Ausdünnung und Unterbezahlung des ärztlichen und pflegerischen Personals geführt hat, die sich nun, in der „Krise“ rächt.

Samstag, 14. März 2020

Ein Faschismus unserer Tage

Die „Bewegung“ mit dem schönen Anglizismus #staythefuckhome als nom de guerre ist unverantwortlicher Unsinn. Die Epidemologen sind sich ziemlich einig, dass es in jedem Fall zu einer hohen Infektionsrate mit Covid-19 kommen wird, wohl um die 70% der Bevölkerung. So oder so. Die Mortalitätsrate ist noch nicht abzusehen, aber es wird die Risikogruppen (alte und Kranke) voll treffen. So oder so. Keine der derzeit vom Staat oder in vorauseilendem Gehorsam von Privaten gesetzten Maßnahmen ist geeignet, das Virus zu „stoppen". Es geht nur darum, die Ausbreitung zu verlangsamen. Nicht der Menschen wegen, die werden so oder so angesteckt werden, erkranken oder sterben, sondern um eine Überlastung des Gesundheitssystems zu verhindern. Es ist richtig, die Überlastung kann die Mortalität erhöhen. Aber das betrifft nicht allein Angehörige von Risikogruppen. Die sind nämlich ohnehin bei jedem Krankenhaushalt besonders gefährdet, weil Krankenhäuser ohnehin wunderbare Brutstätten von Keimen, Bakterien, Viren sind …
Das nunmalkluge und aggressiv vorgetragene #staythefuckhome ist also nichts anderes als Unterwerfung unter die Staatsräson, eine Affirmation des Terrors* und Schutz der bestehenden Verhältnisse. Mit anderen Worten: Ein Faschismus unserer Tage. 

Nachbemerkung. Viele verstehen den Unterschied nicht zwischen „Alle sollen zu Hause bleiben“ und „Menschen mit besonderer Gefährdung sollen besonders auf sich aufpassen (etwa, in dem sie möglichts nicht unter Menschen gehen)“. Das eine macht jeden Menschen zur bloßen Zahl in einer Statistik, das andere ist ein vernünftiger Ratschlag. Das eine dient dem System ― und das ist, trotz all der unzweifelhaften Vorteile, die es manchen bietet, kein gutes ―, das andere den Menschen. Seit Jahren rate ich zwecks Verhinderung von terroristischen Akten dazu, allen Menschen die Hände mit Handschellen auf den Rücken zu binden. Wer Hirn und Herz hat, mag darin Ironie in kritischer Absicht erkennen. Die anderen, sehr beschäftigt, ihr Leben zu retten (wofür eigentlich?), halten mich für einen verrückten Stänkerer. Ich weiß, wer Recht hat. 

* Terror, der: 1. [systematische] Verbreitung von Angst und Schrecken durch Gewaltaktionen (besonders zur Erreichung politischer Ziele). 2. Zwang, Druck [durch Gewaltanwendung]. 3. große Angst. 4. (ugs.) a) Zank und Streit, b) großes Aufheben um Geringfügigkeiten. (Duden) 

Gottvertrauen einst und jetzt

Gab's früher eine Seuche, taten die Menschen Buße und gelobten Wallfahrten und Kirchenbauten zur größeren Ehre Gottes.
Heute glauben sie fest an die Götzen Staat und Wissenschaft. Und gibt's eine Seuche, lassen sie auch schon mal die Gottesdienste ausfallen.
Dem Glauben ans Übernatürliche verdanken wir wesentliche Kulturgüter. Was werden wird dem Glauben an die modernen Götzen verdanken?

Qui vivra, verra.

Freitag, 13. März 2020

Ich frage für einen Freund

Was muss ich jetzt noch rasch vorsorglich einkaufen, falls ich später mal plündern möchte? Heugabel? Fackeln? Äh, nein, das ist wohl eher die Ausrüstung fürs Lynchen. Ach, ich kenn mich halt nicht aus mit Gewalttaten.

Warum ich gelassen bin


Wann und wie du stirbst, kannst du getrost dem lieben Gott überlassen. Der weiß schon, was er tut.

Wie du aber lebst, was du aus dem machst, was dir gegeben ist, das liegt in deiner Verantwortung.

Darum kann ich mich sehr darüber aufregen, wenn Menschen ihr oder mein Leben oder das von Dritten verunstalten und verpfuschen. Dem Tod aber sehe ich gelassen entgegen.

„An irgendwas muss man ja sterben“, pflege ich oft und gern zu sagen (und ernte regelmäßig Unverständnis in meiner humorlosen Mitwelt). Es stimmt aber doch.

Prioritäten in Zeiten der Krise

Wenigsten wird unmissverständlich klar, was eine Gesellschaft, die sich in der Krise glaubt, für entbehrlich hält: Schulen, Universitäten, Museen, Theater, Konzerte, Demonstrationen, Gottesdienste ...

Aber ohne Netflix u. dgl. gäb's wahrscheinlich einen Volksaufstand.

Zwischenfrage

Will man mir im Ernst erzählen, dass Jens Spahn, der bisher immer ein Depp war, jetzt plötzlich alles richtig macht?

Krise fürs System

Ach ja, die Biopolitik. Wer sich infiziert, erkrankt, stirbt, ist egal, es kommt auf die Zahlen an, nicht unbedingt darauf, ob sie hoch oder niedrig sind, das ist ohnedies höhere Gewalt, sondern darauf, wie sie sich verteilen, mithin auf die Kurve. Die soll flach sein. Also soll nicht verhindert werden, dass viele Menschen sich anstecken, erkranken, sterben – man wüsste auch gar nicht wie; sondern die Maßnahmen sollen verhindern, dass sie es gleichzeitig werden. Das könnte das System nicht verkraften. Das System aber ist wichtiger als Einzelne. Wichtiger also jeder Einzelne. Man könnte auch sagen: Das System ist das Gegenteil jedes Einzelnen. Der ist letztlich entbehrlich. Das Große Ganze nicht. Man lasse sich bloß nicht einreden „Das System, das sind wir alle“. Nein, ich bin nicht das, was mich verwaltet (auch wenn es mich zur Selbstverwaltung zwingen will). Das ist der Unterschied zwischen Fürsorge und Biopolitik: Du kümmerst dich um mich (oder nicht), ich kümmere mich um dich (oder nicht), das System sorgt nur für sich selbst. Die Effekte mögen dir oder mir gefallen oder missfallen, wir mögen davon davon profitieren oder nicht, darum geht es nicht. Wir sind, wie gesagt, entbehrlich. Nicht für einander, aber fürs System.

Donnerstag, 12. März 2020

Aufgeschnappt (bei Umberto Eco)

Stellt ein Mediziner fest, daß alle Patienten, die an hepatitischer Leberzirrhose leiden, entweder Whisky mit Soda oder Cognac mit Soda oder Gin mit Soda trinken, und zieht daraus den Schluss, dass Soda die hepatitische Leberzirrhose hervorruft, so irrt er sich.

Montag, 9. März 2020

Rationalität einst und jetzt

Früher gelobte man einfach der Allerheiligsten Dreifaltigkeit oder der Allerseligsten Jungfrau eine Kirche oder wenigstens Bildsäule – und die Seuche kam zum Erliegen.

Heute sperrt Italien mal eben ein Viertel seiner Bevölkerung weg*, der Bankkaufmann Jens Spahn ist deutscher Gesundheitsminister und Donald Trump erklärt, dass das mit dem Virus sich im April, wenn's wärmer wird, sowieso erledigt haben wird. Vom Nudelhamstern und Klopapiebunkern gar nicht zu reden.

Und jetzt sagt mir, was rationaler ist.

* Nachtrag: Zuletzt sogar die ganze.

Samstag, 7. März 2020

„Einfache Leute“ – Eine Erinnerung

„Masaryk war das Kind einfacher Leute.“ Ja was denn sonst? Doppelter Leute?

Zugegeben, der Einwand mit den doppelten Leuten stammt nicht von mir (er fiel mir nur ein, als ich obigen Satz las), sondern von P. Raphael Schulte, OSB. In dem Konversatorium, dass Prof. Schulte im zweiten Semester meines Theologiestudiums zu seiner Vorlesung „Einführung in das Heilsmysterium Christi“ abhielt, sprach ein Kollege beiläufig von „einfachen Leuten“. Prof. Schulte wies ihn freundlich-humorvoll darauf hin, dass es keine doppelten Leute gebe, die Rede von einfachen sich also erübrige. Seither ist mir der Ausdruck nie wieder über die Lippen gekommen (dem Kollegen hoffentlich auch nicht), und wenn ich ihn irgendwo höre oder lese, zucke ich zusammen und denke an den westfälische Benediktiner, der ihn mir dankenswerterweise verleidet hat. Vergelt’s Gott!

Versteh ich nicht

Es gibt Dinge, die ich nicht einfach verstehe, man kann sie mir so oft erklären, wie man will. Entropie. Derivative Finanzinstrumente. Reality TV. Die Spielregeln von Cricket.
Oder dass man, vor die Wahl zwischen Biden und Sanders gestellt, nicht den sympathischen, intelligenten Sozialisten wählt, sondern den senilen, selbstgefälligen Vertreter des Establishments.

Montag, 10. Februar 2020

Thüringer Hanswurstiade

So geht das einfach nicht. Dass völlig legal gewählte Abgeordnete völlig legal einen Ministerpräsidenten wählen, buchstabengetreu nach der Verfassung. Politik wird in Teutonien gefälligst immer noch von Parteizentralen auf Grund von in der Verfassung nicht vorgesehenen Absprachen gemacht! Mit Billigung der zuständigen Journalisten. Wer sich an Recht und Gesetz hält, ist kein Demokrat. Wer Demokrat ist, bestimmt die KPD (oder wie der Verein gerade heißt).

Ich finde es absolut heuchlerisch, ein System zu akzeptieren, in dem Nazis und Nazifreunde Parlamentsabgeordnete werden können, aber dann, wenn diese Abgeordneten tun, wozu sie gewählt wurden, nämlich in ihrem Sinne abzustimmen, moralisch empört zu sein. Hätten die AfDler Ramelow gewählt, wäre er auch zurückgetreten? Der thüringische Landtag wird aufgelöst, weil er nicht so funktioniert, wie es den Regierenden gefällt. Demokratie ist schon eine tolle Sache.

Die FDP ist eine Partei der marktwirtschaftlichen Grausamkeit, der obszönen Profitgier, der Entsolidarisierung. Wenn sie mit CDU und SPD zusammenarbeitet, ist das okay, aber wenn sie es mit der AfD tut (die auch für Ausbeutung, Umweltzerstörung und Verblödung ist), dann ist das plötzlich pfui gack? Erklär mir eine die teutonischen Erregungsmuster.

Mir kommt vor, als hätten AfD und FDP gar keine Mehrheit im thüringischen Landtag. Warum also wird die CDU jetzt viel weniger verhauen? Immer auf die Kleinen ...

Dass die rechten Deppen dauernd plärren "Merkel muss weg!", macht Merkels Politik noch lange nicht auch nur ansatzweise akzeptabel.

Das meine ich mit Heuchelei: „Linke fordert CDU auf, für Ramelow zu stimmen.“ Als sie für Kemmerich stimmten, waren sie „keine Demokraten“, wenn sie für Ramelow stimmen, sind sie wieder welche? Ein schlichtes Politikverständnis. – Für mich ist diese Hennig-Wellsow eine der widerlichsten Erscheinungen der bundesdeutschen Politik.

Anne Will“ muss weg. Wieso war da schon wieder die Weidel eingeladen?

Sonntag, 9. Februar 2020

Schwarz, heiß, süß

Mir scheint, ich habe eine Cappuccino- und Latte-Unverträglichkeit. Nicht, wenn ich das Zeug trinke (das würde ich nie), sondern wenn es jemand im Umkreis von ca. 5 Metern neben mir bestellt, vor sich stehen hat oder trinkt. Ich spüre dann eine Art Grollen in mir, das zum Aufschrei werden will. Auf angepatzte Milch“ (Latte macchiato) reagiere ich ebenso, nur stärker.
Milchkaffee ist für Kinder oder zum Frühstück. Wenn schon Kaffee (und ich bin ja eingefleischter Teetrinker), dann untertags, abends, nachts nur Espresso. Schwarz.
Ich mag eben meinen Kaffee wie meine Männer: Je dünkler, desto besser, richtig heiß und zuweilen süß.

Unterwegs (11)

Ich war in Venedig. Ich habe die Massen gesehen. Sage mir keiner, das Proletariat habe den Klassenkampf nicht gewonnen.

Lagerfeld lag völlig falsch. Wer eine Jogginghose trägt, hat nicht die Kontrolle über sein Leben verloren, sondern mit Seinesgleichen die Kontrolle über den Planeten übernommen.

In Venedig sah ich die „Carinthia VII“ vor Anker liegen. Gibt es etwas Prolligeres als so eine Luxusjacht? (Die Eigentümerin spendete übrigens 2018/19 fast eine Million an die ÖVP, die Seenotrettung kriminalisieren möchte.)

Bin schon gespannt, was bei dem Experiment, wie viele Chinesen passen auf die Rialtobrücke, bis sie zusammenbricht, herauskommt.

Mittwoch, 22. Januar 2020

Kurzer Dialog über Natürlichkeit

Hör bitte mit X auf.
Aber wieso denn? X ist doch völlig natürlich.
Eben deshalb. Was zivilisiert ist, kann man in der Öffentlichkeit machen. Das bloß Natürliche erledige bitte, wenn du mit dir allein bist.