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Mittwoch, 30. September 2026

Maschinell fabrizierte Belletristik

Mir als jemandem, der den zeitgenössischen Literaturbetrieb verabscheut, könnte es egal sein, dass man dort heutzutage mehr oder minder bereit zu sein scheint, vor der Maschine zu kapitulieren, oder es könnte mich boshafterweise sogar freuen. Aber ich sehe diesen selbstverschuldeten Niedergang in einem größeren Zusammenhang, und der ist noch übler als das, was dort üblicherweise so zusammengeschrieben wird.
Dass Maschinen darauf programmiert werden, belletristische Texte zu verfassen, ist keine neue Idee; mir ist sie zum ersten Mal in George Orwells Roman „1984“ begegnet, in dem auf diese Weise das billige Lesefutter für die dumpf-glücklichen Massen produziert wird. Kaleidoskopartig werden dort Handlungsstränge der Geschichten rekombiniert und dann wohl mit passenden Figuren und abgestimmtem Erzählstoff ausgefüllt. Als Orwell das skizzierte, war es technisch vermutlich Zukunftsmusik, von der Sache her aber entsprach es ganz der Realität der Massenproduktion der Groschenhefte.
Die geradezu mechanische Fabrizierbarkeit von gehaltvollen Texten ist ein Effekt der Buchstabenschrift. Deren Elemente sind in einer endlich großen Zahl rekombinierbar, von denen selbstverständlich nur eine viel kleinere Anzahl als sinnvolle Wörter, Sätze, Texte gelesen werden. (Auch syllabische und ideographische Schriften sind, ausreichend riesige Datensätze vorausgesetzt, schematisch reproduzierbar, aber ihre Verknüpfungsregeln sind andere.) Wird Sprache als etwas zu Verschriftlichendes oder gar immer schon schon Verschriftlichtes konzipiert, wird sie zum Ding und hat also messbare Quantitäten. Diese und erst sekundär irgendwelche Sinneffekte, gilt es zu regulieren.
Das Sprache-ist-Schrift-Konzept hat folgerichtig zum Denkbild von den sehr, sehr vielen Affen geführt, die sehr, sehr lange willkürlich auf Schreibmaschinen herumtippen und dabei, wenn es nur lange genug (nämlich nahezu unendlich lang) dauerte und Papier und Tintenbänder nicht ausgingen, irgendwann sämtliche möglichen Texte herstellten, Shakespeares Werke und die Bibel miteinbegriffen. Die Affen wüssten selbstverständlich nichts davon, was in den Texte stände, und die Entstehung der Werke wäre bloßer Zufall.
Heutige Großrechner benötigen keine Affen (es wären denn ihre Macher und Bediener welche), sie tippen sozusagen innerlich selbst, und die Willkürlichkeit der Buchstabenkombinationen wird vorab durch statistische Gewichtungen und ermittelte Muster eingeschränkt; Bedeutung hat demnach, was häufig und in wiederkehrenden Verbindungen vorkommt und zwar in unvorstellbar großen Textmengen, die dafür ausgewertet werden.
Während die automatische Erzeugung von Texten, die geschäftliche und wissensvermittelnde Funktion haben, inzwischen eine hohe gesellschaftliche Akzeptanz findet ― die einen bestehen ohnehin fast nur aus „Textbausteinen“, die anderen suchen und erfinden bereits vorkommende Aussagen über Tatsachen ―, trifft die Erzeugung belletristischer Texte derzeit noch auf eine gewisse Skepsis und erweckt bei manchen ein unbestimmtes Unbehagen, während andere sich schon mit Feuereifer beim „Schreiben“ ihrer Werke „helfen“ lassen. Schäne Literatur hat anscheinend noch eine Rest-Aura, die im Spannungsverhältnis zur gedankenlosen Statistik und Kombinatorik der Maschinen zu stehen scheint. Kreativität, subjektive Empfindung und persönliche Einsicht gelten manchen noch als unverzichtbare Quellen des anspruchsvollen Schreibens. Andere sind bereits damit zufrieden, sich als bloße Auftraggeber und Verbesserer des von den Roboter lesefertig Formulierten zu konzipieren.
Dass „Künstliche Intelligenz“ als Mittel eingesetzt wird, um belletristische Texte zu verfertigen, wirft für viele viele Fragen auf: Wie ist die Qualität dieser Texte? Was ist mit dem Urheberrecht? Worin besteht da noch die kreative Leistung? Usw.
Ich frage mich noch etwas anderes: Warum macht das überhaupt jemand? Gewiss gibt es Leute, die einen ökonomischen Zwang unterliegen, literarische Produkte in den Markt einzuspeisen, weil sie sich auf einen Lebensentwurf eingelassen haben, in dem sie durch Schreiben das nötige Geld verdienen. Aber auch für sie gilt doch hoffentlich, was für alle gilt, die als Schreibende leben: Man schreibt, weil man das will. Weil das Schreiben eine Existenzform ist. Eine Reihe von Akten, mit denen man sein Weltverhältnis gestaltet. Etwas sentimental formuliert: Schreibend drückt man sich aus, arbeitete sich an Erinnertem und Geahntem, Gewünschtem und Befürchteten ab. Wer schreibt, will schreiben, fühlt das Bedürfnis, es zu tun, will die Lust des Formens und Umformens erleben und weiß, dass das Ausbleiben dieser Lust ebenfalls etwas über ihn sagt, worauf er hören sollte.
Wie kann jemand, der seinen Lebensinhalt in kreativem Umgang mit Sprache sieht, diese existenziellen Ereignisse an eine Maschine delegieren wollen? Dass ist doch, als hätte man nicht selbst Sex mit jemandem, sondern steckte ihm einen Roboter ins Bett, der einem mit der Mühe der Fremdbefriedigung auch noch den eigenen Orgasmus abnähme …
Und doch gibt es anscheinend Schriftsteller, die genau das tun. Die die künstliche Texterzeugung als „Hilfsmittel“ verwenden, wie sie sagen; oder gleich den ganzen Text nicht selber schreiben, sondern nur einen für sie herbeigerechneten „überarbeiten“. Was ist das für ein Selbstverständnis? Warum stört und zerstört diese Ersetzung des Menschlichen durch das Maschinelle nicht das Selbstverständnis dieser Leute?
Jahrzehntelang hat man dem interessierten Publikum eingeredet, es sei die Sprache selbst, die spreche, das Subjekt sei nur ein Effekt der Texte, und niemand brauche es zu kümmern, wer überhaupt spreche. Das war immer schon falsch, aber verständlich, weil es die die Erfahrung der Fremdheit und Verdinglichung in der industriellen Moderne artikulierte. Doch auch solche Diskurse wurden noch von Hand geschrieben oder getippt. Dass Maschinen die Diskursivität als rein quantitative Simulation erzeugen würden, war damals für fast alle noch dystopische oder techno-euphorische Phantasie. Dass der Automatismus heute Realität ist, macht die Sache nicht unverständlicher.
Wenn ein Schüler den ihm abgeforderten Aufsatz oder das Referat nicht selbst verfasst, sondern diese Arbeit von einem Programm erledigen lässt, so wird man dies nicht deshalb kritisieren, weil der präsentierte Text schlechter ist, als einer, den der Schüler mühevoll erarbeitet hätte, im Gegenteil, das Maschinen-Werk kann und wird besser sein als das, was das Kind oder der Jugendliche alleine zu Stande bekommen hätte. Was man zu Recht kritisiert ist vielmehr, dass der Schüler, die Leistung nicht erbracht hat, die man ihm deshalb abverlangte, damit er, sie erbringend, dabei etwas lerne. Der sich der „künstlichen Intelligenz“ bedienende Schüler hat in der Sache nicht gelernt und sich der Übung in ihrer Darstellung entzogen. Er hatc sich fürs Dummbleiben entschieden und das Hilfsmittel gefunden, das ihm das erlaubt. ― Keine Frage, Rechner etwas errechnen zu lassen, kann das Leben leichter machen. Aber gar nicht erst selbst rechnen zu lernen, weil man ohnehin Zugang zu Rechnern hat, bedeutet Verdummung und Unfreiheit.
Menschen schreiben Belletristik, weil das Gestalten als solches ihrem Wesen entspricht. Ob Materie oder Sprache: Dem, was man macht, eine Form zu geben, die über Funktionalität hinausstrebt, ist Kernbestand der Humanität. Manche sind dabei zugegebenermaßen kreativer als andere, einige sind bedürftiger als andere, sich des Gestaltens als Lebensmittels zu bedienen. Ein solches Bedürfnis verträgt sich nun allerdings überhaupt nicht mit der Auslagerung an Automaten. Nicht, weil diese nicht aus ungeheuren Datensätzen neue, wie Geschriebenes wirkende Buchstabenkombinationen hervorbringen könnten, das könnten sie offensichtlich. Sondern aus einem banalen Grund: Weil Maschinen nicht lieben und hassen, weder Freude noch Angst kennen, keine Gefühle, kein Begehren, keine Lust haben. Weil literarische Texte gelesen werden nicht bloß wegen dem, was darinsteht, sondern weil sie von anderen Menschen stammen und, pathetisch gesagt, ein Seele sich bei einer anderen wiederfinden will.
Nun gebe ich zu (oder behaupte vielmehr), dass schon ganz ohne KI viel Geschriebenes , dass der Markt vertreibt, ganz nach den (von Verlagen anhand von Verkaufszahlen definierten) anspruchslosen Erwartungen des Publikums gemodelt ist. Literatur als existentzielle Abweichung, als nicht geschickt inszenierter, sondern unabgesicherter Bruch mit dem Bestehenden und Vorhersagbaren wäre, kommt nicht oder nur in Nischen vor. Dem Erwartbaren eilt die simulatorische Texterzeugung entgegen. Der Krimi oder die Liebesschmonzette oder der Fantasyquatsch sind schon immer der Form nach auf genretypische Muster angelegt, die von Maschinen noch leichter zu imitieren sind als von menschlichen Autorinnen und Autoren. Für andere Genres gilt Entsprechendes. Aber kann die Massenware für Zerstreuungswillige das Modell für Literatur überhaupt sein?
Manche meinen, „kreatives Schreiben“ sei lehrbar, ein Handwerk des Spannungsaufbaus und der Figurencharakterisierung. Das ist zweifellos der Fall, und so gekonnt und langweilig ist das Zeug dann auch. (Langweilig für solche wie mich, für die seit jeher Spannung nur ein durchschaubarer Trick ist, Affekte durch Ignoranz zu manipulieren; daraus lernt man jedenfalls nichts über das, was ist.) Das Konzept und die Praxis, dass Schreiben nur ein Metier und keine Existenzform ist, begünstigt die Maschinisierung auch dieser Aktivität. Der Fortschritt (Verfall) kennt kein Halten, wenn damit Geld zu machen ist. Für die „Ingenieure der Seele“ (wie Stalin die Schriftsteller nannte), sind Texterzeugungsprogramme ideale Produktionsmittel. Es stellt sich freilich die Frage: Verfügen jene über diese oder umgekehrt? Und wenn das die schöne neue Welt der Literatur ist, frage ich mich: Wer will das?

Freitag, 7. August 2026

Was auch ein Schriftsteller muss

Die Verpflichtung eines Schriftstellers ist es durchaus, die Verhältnisse zu kennen, in denen er lebt und in denen seine Mitmenschen leben. Nicht verpflichtet ist er auf schöne Worte. Schöne Worte machen sie alle, auch und gerade die Verführer; nun ja, was man halt so für schön hält.
Jedenfalls muss er wissen, was Sache ist, sonst ist, was er schreibt, so geschickt oder erhebend oder berührend oder einfühlsam es auch sein mag, bloßes Geschreibsel.
Wenn er Unrecht bemerkt, aber nicht anklagt, ist er Komplize. Ebenso, wenn er Leid sieht. Oder wenn er wegschaut und nichts bemerken will.
Ein Schriftsteller muss nicht Politik machen. (Er darf es aber, wie ein Schuster oder eine Waldpädagogin.) Und was er schreibt, muss nicht „politisch“ in dem Sinne sein, dass er Vorschläge zur Weltverbesserung macht. Aber er muss sich der Realität stellen, und die besteht nun einmal im Zusammenleben der Menschen und den herrschenden Verhältnisse. Nimmt er alles einfach hin, ist er dumm oder boshaft.
Es soll Haltung zeigen. Macht er einfach nur sein Ding, ohne sich um die ethischen Implikationen und Extrapolationen der Wirklichkeit und seiner Erfindungen zu scheren, führt er den Lesern vor, dass man ignorant sein kann und trotzdem Ästhet. Will er das?
An einen Schriftsteller ist die selbe Forderung zu richten wie an den Schuster und die Waldpädagogin: Sei ein anständiger Mensch, verführe nicht zum Bösen. Niemand kann verlangen, dass einer ein guter Schriftsteller sei (oder ein guter Schuster); es darf auch Versager geben. (Notfalls wendet man sich halt an einem, der's kann.) Von jedem aber darf verlangt werden, dass er ein guter Mensch sei.

Sonntag, 23. November 2025

Notiz über Kafka

Von Kafka zu lernen, heißt scheitern zu lernen. Man mag Kafkas Leidenschaft für das Schreiben bewundern und das von ihm Geschriebene wegen seiner kunstvoll ans Unbewusste rührenden Machart hochschätzen, aber seine Texte führen nirgendwohin. Dazu ist Literatur auch nicht verpflichtet. Kafka erklärt nicht die Welt, er gibt keine tiefen Einblicke in die Seelen der Menschen, er kennt den Sinn des Lebens nicht (selbst seine eigenen Texte entzieht er geschickt dem Sinn im Sinne einer eindeutigen Deutbarkeit), er sagt nicht, was zu tun oder nicht zu tun ist. Er führt nur vor, nämlich sich selbst, aber nicht als Person, sondern seine Sprache. Er schrieb einmal, er sei ganz und gar Literatur. Das stimmt, wenn er schreibt. Seine Texte sind genau das: Literatur, und weisen nicht über sich hinaus.
Da helfen auch all die biographischen Einzelheiten und Querverweise nichts, die die akribische Forschung herbeigeschafft und aufgehäuft hat, dieses unverschämte Zurschaustellen sämtlicher irgend fassbarer Lebensereignisse und Lebensäußerungen ― das Kafka, diesen scheuen, zurückhaltenden, bescheidenen, sich niemals wichtig machenden Menschen, hätte er sich eine solche mikroskopische Autopsie seiner Existenz jemals vorstellen können, unendlich gequält hätte. Es nützen auch Psychologie und Exegese nichts, die Texte sind die Texte und sie verraten nicht mehr, als da steht.
Und auch philologische Eifer des Vergleichs von Textvarianten ändert daran nichts. Was geschrieben steht, steht geschrieben. Mehr wollte Kafka nicht und mehr konnte er auch nicht. Eher weniger.
Keineswegs ist das heutige kanonische Kafka-Korpus die Literatur, die Kafka schreiben wollte. Die er vielleicht geschrieben hätte, wie er gewollt hätte, wenn er sich getraut hätte, es zu dürfen.
Kafkas Wunsch, dass nach seinem Tod alles Unveröffentlichte vernichtet werden sollte, ist bekannt. (Brod missachtete ihn zum Glück.) Dieser Wunsch entstammt wohl nicht nur der Schamhaftigkeit und Bescheidenheit Kafkas (und de, vorausschauenden Unwillen, dass andere über seine Texte verfügen sollen), sondern auch dem Bewusstsein des Versagens. Kafka wurde nicht fertig mit dem, was er schreiben wollte, und brachte es nicht und nicht zu Stande.
Nicht nur seine drei Romane sind Bruchstücke geblieben, unzählige Texte wurden angefangen zum Teil umgeschrieben und irgendwann unfertig liegen gelassen )nicht erst bei Kafkas Tod).
Kafka wurde nicht der Autor, der er hätte sein wollen. Weil er es nicht konnte, aber auch, weil er es paradoxerweise nicht wollte. Der Selbstzweifel, die Selbstverhinderung dürften die Person Kafkas in hohem Maße ausgezeichnet haben, so viel darf man sagen, ohne indiskret zu werden. (Die ausgezeichnet Editionslage all des Unfertigen bezeugt es ja,) Er wollte und wollte nicht. Aber er hörte nicht auf und schrieb und schrieb und schrieb. Das und seine Sprache macht ihn als Schriftsteller groß.
In seinem Freund Brod hatte er einen, der ihn zum Veröffentlichen drängte. Oft verweigerte er sich dem, oft auch nicht. Er genoss seine Weigerung und litt an ihr, er fand Gefallen am Veröffentlichen und litt daran. Mann vergisst zuweilen, dass Kafka nicht nur einzelnen Personen oder im kleinen Kreis eigene Texte vorlas, sondern auch öffentlich.
Das Fragment ist keineswegs die Kafka angemessene Form. Es ist überhaupt keine Textform, es ist ein Textzustand. Es könnte auch anders sein. Kafka war es lieber, wenn es anders war. (Wie stolz war auf das „Urteil“!) aber es gelang ihm oft nicht. Es gelang ihm öfter nicht als doch. Das war keine Absicht, kein Gestaltungswille, das war ein Versagen, eine Ratlosigkeit, ein Abbrechenmüssen. Insofern zwar auch eine schriftstellerische Entscheidung ― das Liegenlassen wegen Unvermögens; vom Vernichteten wissen wir ja meist nichts ―, aber eine bloß negative, eben ein Eingeständnis des Scheiterns.

Dienstag, 7. Oktober 2025

Skandal im längst entlaubten Blätterwald

Die österreichische Tageszeitung „Kurier“ schafft ihre wöchentlichen Buchbesprechungen ab und entlässt die zuständige Redakteurin. Das löst in der österreichischen Literatuszene Empörung aus und mich erreicht eine e-mail, in der von allerhand mehr oder minder gut im Geschäft stehenden Autoren und Autorinnen die sofortige „Rücknahme der Entscheidung“ des privaten Mediums gefordert wird.
Ich würde (wenn man mich denn fragte) einen solchen Protest nicht unterschreiben. Einerseits wegen der indiskutablen Sprache („canceln“, „Qualitätsmedium“). Andererseits wegen der Unterzeichner (darunter die Literaturnobelpreisträgerin und, wie sie genannt wurde, „dümmste Frau Europas“). Vor alle aber, weil mir scheißegal ist, was im „Kurier“ steht oder nicht. Ich lese derlei nicht. Genauso wenig wie die „Krone“ oder „Heute“ oder wie auch immer der Dreck* heißt.
Wer derlei freiwillig konsumiert, weiß, worauf er sich einlässt. Er will miesen Journalismus und bekommt ihn. Wie groß dabei je das Bedürfnis nach und das Interesse an Buchbesprechungen war ist und sein wird, weiß ich nicht. Fehlt der Leserschaft jetzt vielleicht die qualifizierte Beratung bei Kaufentscheidungen im Falle extremer Langweile nahe am Hirntod? Ich mache mir die Mühe, suche im Internet nach Buchbesprechungen im „Kurier“ und finde solche Überschriften: „Anleitung zum Nichtstun“, „Von der Blumenhändlerin zur Kranführerin, „Mordsbrise, ein Ostfrieslandkrimi“, „Ferdinand von Schirach …“, „Isolde Charim …“, „Schauspieler Michael Dangel verzichtet aufs Ich“, „Wolfgang Schüssel: Wendekanzler bringt neues Buch heraus“ und „10 Bücher, die ähnlich sind wie Harry-Potter-Romane“. ― Mir scheint, der Verlust ist sehr gering.
Das erwähnte Protestschreiben weist übrigens auch den Vorschlag „mit aller Entschiedenheit“ zurück, künftig Buchbesprechungen von der Funke-Mediengruppe zuzukaufen. „In diesem Kontext spielen österreichische Autor/inn/en, Bücher und Verlage und anspruchsvolle Literatur nicht die geringste Rolle.“
Ja klar, weil die Piefke bekanntlich nur Piefke lesen (und Ösis auf dem Literaturmarkt voll benachteiligt werden; siehe auch Nobelpreis) …
Jedenfalls machen die Empörten damit sehr deutlich, worum es ihnen geht: Eine österreichische Zeitung soll österreichische Literatur ― also auch die der Unterzeichnerinnen und Unterzeichner des Protests ― bewerben. Der Markt ist klein, der Schreibwilligen sind viele, da muss man sehen, wo man bleibt. Und mit jeder Besprechung, selbst in einem Scheißhausblatt (aka Qualitätsmedium), verkauft man ein paar Bücher mehr. Das darf nicht anders werden.
Dass der Buchmarkt längst bestimmt wird vom Internet, unter anderem von einschlägigen influencers, und nur sehr wenig vom papiernen oder papieroiden Feuilleton (zumal Leser heutzutage eher Analphabeten sind), ist den etablierten Literaturproduzenten alter Schule vermutlich nur undeutlich bewusst, wenn überhaupt. In ihrer Jugend war das nicht so, da war der „Kurier“ wichtig, also soll das so bleiben.
Wie gesagt, ich würde es nicht unterschreiben, aber mich fragt ja zum Glück auch keiner.
 
* Vielleicht ein zu starker Ausdruck und viel zu pauschal. Man wird mir vorrechnen, wie viel besser doch diese Zeitung sei als jene. Nun, Scheiße ist auch nicht gleich Scheiße, aber ich interessiere mich nicht für Stuhlproben. (Jetzt hab ich’s auch noch schlimmer gemacht.)

Sonntag, 28. September 2025

Nationalliteraturen: Nur die Deutschen konnten einen „größten Dichter“ hervorbringen, dessen bekanntestes Zitat das des Götz von Berlichingen ist.

Sonntag, 10. August 2025

Das Leben überbietet die Kunst

Wie ich einer Annonce in einem sozialen Netzwerk entnehme, gratuliert das Team Strommer Fliesen & Stein GmbH seinem Lehrling Lorenzo Birnstingl herzlich zur bestandenen Lehrabschlussprüfung.
Lorenzo Birnstingl. Wenn ich in einem meiner belletristischen Texte einen solchen Namen verwendete, sagte man mir bestimmt, das sei übertrieben bizarr.
Aber so ist das Leben. Es will immer noch phantastischer sein als die Literatur. Life imitates art, sagte Oscar Wilde. Ich sage: Was das Bizarre betrifft, setzt das Leben immer noch eins drauf.

Sonntag, 29. Juni 2025

Wenn das Literatur ist

Wenn man (wie ich) manchmal so durch die Tefaukanäle schaltet, gerät man in diesen Tagen womöglich in eine Übertragung des Klagenfurter „Wettlesens“. Zweimal saß da in meinem Bildschirm eine gelangweilte junge Frau (es war wohl nicht dieselbe, aber die gleiche), die im Tonfall einer schlecht gelaunten Schülerin, die ihre Schlaftabletten schon genommen hat, einen Text herunterleierte, an den sie offensichtlich selbst nicht glaubte. Wenn das Literatur ist, bin ich dagegen. (Ja, mein Eindruck ist zufällig, subjektiv und hoffentlich nicht repräsentativ. Aber er bestätigt so schön meine Vorurteile.)
 
Nachtrag.
Es hat also mittlerweile irgendsoeine Lese-Else den Dingsbums-Preis gewonnen. So ist es recht. Natascha Irgendwer. Kenn ich nicht. In Ösiland heißen bekanntlich alle jungen jungen Frauen Natascha. Vorn. Und hinten Pimplović oder Pumplhofer. Oder auch Pumplhofer-Pimplović. Oder so. Egal. Ich kenne nichts von der. Ganz sicher schreibt sie ganz großartige Sachen. Ist überhaupt ein sehr guter Mensch und nur durch falsche Freunde in den Literaturbetrieb geraten. Den verabscheue ich bekanntlich, aber Frau Pimplović oder Pumplhofer wünsche ich alles Gute für ihren weiteren Lebensweg.

Sonntag, 8. Juni 2025

Notiz über Literatur

Wenn einer schriebe, Kalkutta liege an der Seine und Paris am Ganges, dann ist das völlig in Ordnung, es stellt sich allenfalls die Frage: In welcher? In der einen Ordnung und in einer anderen nicht. Die Entscheidung, welche er wählt oder ob er gar Unordnung vorzieht, wird man dem Schreibenden überlassen müssen, es ist ja sein Text, in dem das steht. Warum sollte denn Geographie, wie sie herkömmlicherweise gelehrt wird, der Maßstab der Literatur sein? Warum sollte nicht, wer kann und will, eine alternative Geographie behaupten dürfen? Man nennt das Fiktion und sollte es von der Faktenhuberei unterscheiden, die manche zur Kunst erheben wollten. Das möglichst akribisch Nachbeten einer vermeintlichen Realität (Regnete es am Tag der Schlacht von Waterloo? Von wann bis wann und wie viel? Was hatte Napoleon gefrühstückt? Musste er noch aufs Klo?) ist nicht an sich sinnvoll, es müsste, wie alles Geschriebene es muss, seine Sinnhaftigkeit im Zusammenhang der sprachlichen Gestaltung erst unter Beweis stellen. Oder diesen Beweis aus guten Gründen schuldig bleiben, auch das kann zulässig sein. Was stimmt oder nicht, unterliegt in der schönen Literatur anderen Regeln, Absichten und Erfordernissen als in der Geschichtsschreibung. Wer nur sagen will, wie es gewesen ist, ist in der Belletristik fehl am Platze. Er muss schon etwas können, das es sinnvoll macht, so tu tun, als sei etwas so gewesen oder anders. Wer also erzählen möchte, Napoleon sei damals während starken Schneefalls auf einem lahmenden Einhorn ungefrühstückt aufs Schachtfeld geritten, möge das tun, wenn er weiß (oder immerhin vermuten kann), was er da tut, und wäre auch das, was er tut, zur Erfüllung des Wunsches gemacht, zu verstören und in die Irre zu führen. Warum er jemanden dorthin bringen will (in die Irre), was er sich davon verspricht und was er von einem Rückweg hält, darf ganz ihm überlassen bleiben, derlei Tun und Machen ist jedenfalls nicht von vorn herein weniger berechtigt als das Anliegen, überpüfbare Rekonstruktion und eindringliche Information zu geben. Aber auch nicht unbedingt mehr. Weshalb Reflexion und Offenlegen der Gründe gerade dann nicht schaden wird, wenn ohnehin schon Illusion als Sinn und Zweck des Schreibens auuscheidet, also ein Text sich ebenso gut gleich selbst kommentieren kann. Wie es übrigens seit jeher recht häufig Sitte ist, sonderlich in dem Zeitalter, das man das moderne nennen möchte. Erfindung und deren Aufdeckung nehmen dem Lesevergnügen nichts, wenn anders dieses nicht vor allem darin bestehen soll, das Lesen und mit ihm das Geschriebene zu vergessen und einzutauchen in unechte Wirklichkeit. Im gewöhnlichen Umgang sind „alternatve Fakten“ einfach Lügen und also böse. In der Schönen Literatur aber ist alles erlaubt, was gut gemacht ist; oder so schlecht, dass es schon wieder gut ist. Alles, außer eben das: Den Unterschied von Fiktionen und Fakten vergessen machen zu wollen, weil das zu unkritischer Haltung erzieht und also böse ist.

Dienstag, 22. April 2025

Literatur als Gesellschaftskritik, was sonst?

Ich könnte nie mit der Motivation von Gesellschaftskritik ein Buch schreiben. Gesellschaftskritik, das ist viel zu dürr und trocken und eindimensional. Und irgendwie zu dumm. (A. Krauß)
Außer diesen Sätzen, die mir irgendwie aus den Nebeln des Internets zufielen, habe ich nichts von Frau K. gelesen, und das wird hoffentlich auch so bleiben. Von solchen dämlichen Autorinnen möchte ich nämlich eigentlich nicht einmal wissen, dass sie existieren. Leider interessiere ich mich aber für Literatur, und obwohl ich von meinen Zeitgenossen und Zeitgenossinnen nichts halte und mich bemühe, deren literarische Produktion weitgehend zu ignorieren, rutscht in meinem bescheidenen einschlägigen Medienkomsum ab und zu solcher Quatsch doch durch und verschmutzt meine Wahrnehmung. Um die Intoxikation durch derlei übermäßige Unintelligenz loszuwerden, muss ich jetzt ein wenig dagegen anschreiben.
Ich sag mal so: Wer nicht vorhat, ein Buch zu schreiben, um die Gesellschaft, in der er sich befindet, zu kritisieren, sollte bitte überhaupt nicht schreiben. Da kommt dann sonst nur das übliche Unterhaltungs-, Entspannungs- und Ablenkungszeug heraus, das das Feld beherrscht und die Kanäle verstopft.
Wer hingegen Literatur als Kunst auffasst, setzt sie notwendigerweise gegen das, was ist. Dazu muss er gar nicht wissen, dass das tatsächlich Gesellschaftskritik ist. Freilich, wer darüber mittels geeigneter Begriffe nachdächte, käme darauf. Und auch kundigen Leser und Leserinnen sollte es eigentlich aufgefallen sein. Denn was wären, um nur ein fast willkürliches Dutzend wichtiger Werke der Neuzeit zu nennen, „Don Quijote“ oder „Tristram Shandy“, „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ oder „Ulysses“, „Der Mann ohne Eigenschaften“ oder „Der Prozess“, „Der Zauberberg“ oder „1984“, „Naked Lunch“ oder „Die Strudelhofstiege“, „Archipel GULag“ oder „Petrolio“ ― was also wären alle diese „Bücher“, wenn nicht Gesellschaftskritik? Nämlich (keineswegs dürre, trockene, eindimensionale und dumme) Auseinandersetzungen mit Geschichte und Gegenwart der real existierenden gesellschaftlichen Verhältnisse. Man kann aber natürlich auch Kochbücher und Krimis oder irgendwas mit Drachen, Vampiren und auf Einhörnen reitenden außerirdischen Feen schreiben und lesen …
Ein Schriftsteller, der seinen Beruf ernst nimmt und nicht bloß einen Job erledigt, schreibt über das, was ist, was nicht sein soll, was sein soll. Wenn er das nun allerdings affirmativ täte, wäre es banal, langweilig und uninteressant. Also schreibt er, um das wenigste zu sagen, explizit oder implizit problematisierend. Bereits das ist, in weitem Sinne, Gesellschaftskritik.
Aber man kann sogar noch tiefer ansetzen: Wer schreibt, erzeugt sprachliche Ereignisse, die mit schon bestehenden sprachlichen Ereignissen korrespondieren. Das ist eine etwas abstrakte Weise zu sagen: Wer Literatur produziert, so originell, innovativ und gegebenenfalls sprachverformend und sprachzertrümmernd er auch vorgehen mag, arbeitet immer mit Sprache, also etwas, das andere schon gestaltet haben, etwas, dessen Regeln und Bedeutungen, wie auch immer er sie erweitert, bricht oder abändert, ihm vorgegeben sind. Arbeit mit und an und durch Sprache aber, die nicht bloß halb bewusstloses Plappern ist, ist unweigerlich Gesellschaftskritik. Weil in der Sprache die expressiven und kommunikativen Verhaltensweisen nachklingen und sich als wiederholbar ankündigen, die nicht weniger die gesellschaftlichen Verhältnisse ausmachen als beispielsweise das Herstellen, Verkaufen und Kaufen von Waren. Wer wie spricht (oder eben schreibt und geschrieben wird), gehört ebenso zur gesellschaftlichen Wirklichkeit wie Einkommensverteilungen, Bildungschancen und Freizeitvergnügen. Sprache zu verwenden bedeutet, sich gesellschaftlich zu betätigen. Sprache bewusst, gestaltend und gegen das bloß Bestehende zu verwenden bedeutet, Gesellschaft zu kritisieren.
Damit wird Literatur nicht zu Gesellschaftskritik umdefiniert oder zu etwas, was sie nicht ist, „nobilitiert“. Sondern es wird hier bloß das Unvermeidliche festgestellt: Es ist unmöglich, ernst zu nehmende Literatur zu produzieren, die nicht in einem für sie charakteristischen Sinn Gesellschaftskritik wäre. Wer das nicht will ― und das sind vermutlich leider viele ―, sollte besser die Griffel von der Feder oder Tastatur lassen. Aber wer schriebe dann den ganzen Dreck, mit dem der Buchhandel die Massen abfüttert?

Mittwoch, 16. April 2025

Mein Tierkreiszeichen

„Was ist dein Tierkreiszeichen?“, fragte mich vor Jahrzehnten eine Mitschülerin. „Nashorn“, antwortete ich ohne Zögern. Dabei bin ich geblieben und habe es niemals bereut.

Mittwoch, 26. Februar 2025

Über mein Gedicht „Station Philadelphiabrücke“

Zuerst war da die Wendung mein Herz dröhnt. Die fiel mir unvermutet ein und verlangte danach, dass etwas mit ihr gemacht werde. Mein Herz dröhnt. Ohne viel nachzudenken, assoziierte ich sogleich damit, dass mir seit ein paar Jahren in der Wiener U-Bahn-Station Philadelphiabrücke bei der donnernden Einfahrt eines Zuges immer das Herz stark bebt, wenn ich am Bahnsteig stehe. Ich kenne keine andere Station, in der das so ist. Dort aber finde ich den Lärm und die Erschütterung immer sehr unangenehm. Irgendwer hat da irgendwann irgendetwas technisch oder architektonisch verpfuscht, dass solch gewaltiges Dröhnen entsteht; früher war das jedenfalls nicht so.
Also schrieb ich Mein Herz dröhnt / von der Unvernunft der Verhältnisse und setzte dann erläuternd hinzu: wenn der U-Bahn-Zug einfährt. Aber das schien mir nicht ausreichend deutlich. Konnte ein Leser wirklich schon sehen, hören und verstehen, dass jemand am Bahnsteig steht und ein lauter, alles und also auch den Wartenden durchrüttelnde Zug einfährt? Darum beschloss ich zunächst, dass das Gedicht die Überschrift Philadephiabrücke bekommen solle. Und ich fügte als vierten Vers ein: Wenn ich in der Station am Bahnsteig stehe. Das passte aber nicht gut an das Ende. U-Bahnzug/Bahnsteig, das klapperte, das donnerte nicht. Also stellte ich die Wendung, gekürzt zu Ich stehe am Bahnsteig, an den Anfang. (Die Station wanderte in die Überschrift.)
Nun waren die Verse auch nicht mehr so verschieden lang. Das wäre zwar möglich gewesen, weil ich die Form gern vom Stoff her bestimme, aber so erschien es mir doch besser.
Dass ich aus von der Unvernunft der Verhältnisse dann von der Verhältnisse Unvernunft machte, war eher Gefühlssache. Es klang für mich besser und war zwar ein wenig gestelzt, aber gerade das schien mir zu passen: Dem brutalen Rumpeln des Fahrzeugs eine „edle“ Formulierung entgegenzusetzen.
Allerdings missfiel mir sehr, dass da ein „Ich“ am Anfang stand. Im Gedicht davor hatte ich mich noch über das lyrische Ich mockiert, über meine Neigung, immer und immer wieder davon Gebrauch zu machen. Probehalber setzte ich das Gedicht deshalb in die dritte Person. Er steht am Bahnsteig. Sein Herz dröhnt / von der Verhältnisse Unvernunft, / wenn der U-Bahnzug einfährt.
Das war’s. Das hätte mir schon genügt als eines meiner „minimale“ Gedichte. Aber als ich den Text dann aufschrieb ― ich „schreibe“ Gedichte oder Gedichtentwürfe immer erst in Gedanken, notiere sie dann und schreibe sie manchmal noch ab, bevor ich sie abtippe ―, sprudelte es hervor: Mitten durch ihn hindurch / gehn die falschen Zwecke und Mittel / der gehetzten Leute. Und der lapidare Schlusspunkt: Dann steigt er ein.
Im Grunde bringen der vierte, fünfte, sechste Vers nichts Neues. Was das Bild vom dröhnenden Herzen zeigen soll, wird paraphrasierend wiederholt und damit bekräftigt. Die Unvernunft der Verhältnisse erscheint als falsche Zwecke und Mittel, als etwas, was nicht nur besteht und geschieht, sondern vorgenommen und ausgeführt wird. Wie eben der Bau einer U-Bahnstation und von U-Bahnwägen, die zusammen fast unzumutbaren Krach machen. Oder wie all die Pläne und Handlungen, die die Leute, die eilig und gegeneinander gleichgültig in so eine U-Bahn einsteigen, gewiss umtreiben und die mit allen anderen Plänen und Handlungen (gesellschaftliche) Verhältnisse ergeben, die unvernünftig sind: für den Einzelnen unangenehm und schier bedrohlich. Kultur- und Gesellschaftskritik wird hier nicht expliziert, sondern als unschönes Erlebnis, das regelmäßig wiederkehrt (darum das Präsens) dargestellt. Aber es hilft ja nichts, die Verhältnisse sind, wie sie sind, der Einzelne kann da vorderhand nichts machen, auch er hat Pläne, will irgendwohin, darum muss er jetzt einsteigen wie alle anderen..
Kurz überlegte ich, ob ich wirklich die strophenartige Gliederung beibehalten sollte und strich (beim Abtippen) die Leerzeilen. Aber das sah falsch aus. Zu gedrängt. Mit den Leerzeilen schien es mir großzügiger und lesbarer. Viel Text war es ja ohnehin nicht.
Ich sage nicht, dass mir da ein sehr gutes Gedicht gelungen ist. Aber doch eines, mit dem ich zufrieden sein muss, weil ich es nicht besser machen könnte.Vielleicht interessert es den einen oder anderen Leser, wie ich dabei vorgegangen bin. Darum, und um es mir selbst zu erklären, habe ich es hier erzählt. 
Das Gedicht findet man auch hier:

Montag, 27. Mai 2024

Zum 140. Geburtstag von Max Brod

Viele haben viel Schlechtes über Max Brod, den Romancier und Lyriker, den Essayisten, Literaturhistoriker und Biographen, den umtriebigen Publizisten, Librettisten und Literaturimpresario und nicht zuletzt den Kafka-Herausgeber und Kafka-Deuter gesagt und geschrieben. Ich habe nicht vor, hier irgendeinem der herabsetzenden Urteile zu widersprechen, erstens, weil ich es nicht besser weiß, und zweitens, weil es mir egal ist. Mir ist etwas ganz anderes viel wichtiger.
Max Brod verdankt die Menschheit das Werk Franz Kafkas. Punkt. Diese unbestreitbare Tatsache allein verpflichtet alle, die Kafkas Texte schätzen (und vielleicht mehr als das: sie lieben, von ihnen besessen sind, ohne sie nicht existieren möchten usw.) zu ewigem Dank. Nochmals: Punkt.
Brod war bekanntlich von Kafka damit beauftragt worden, nach dessen Tod den gesamten schriftlichen Nachlass zu vernichten. Brod tat, wie ebenfalls jeder weiß, geradewegs das Gegenteil: Er sammelte alles, was von dem, was Kafka je geschrieben und gezeichnet hatte, noch aufzutreiben war. Und er begann nach und nach, vieles davon zu veröffentlichen.
Ob Brod anders hätte handeln sollen oder gar müssen, also Kafkas Texte verbrennen, diese Frage kann doch nicht im Ernst gestellt werden! Wer, der noch alle Tassen im Schrank hat, könnte sagen: Na, dann hätten wir eben weder die Texte von Herrn Kafka, noch die Bibliotheken füllende Literatur über sie. Absurd. Nein, Brod musste sich übers Kafkas manifesten Wunsch hinwegsetzen und er tat es. Damit hat er sich ein Stück Unsterblichkeit verdient. Ohne Brod kein Kafka. Und ohne Kafka wäre die Literaturgeschichte, nicht nur die der Literatur in deutscher Sprache, eine ganz andere. Mir persönlich ist gar nicht vorstellbar, was für eine.
Max Brod hat der Welt einen Kafka gegeben, den es sonst schlechterdings nicht gegeben hätte. Gewiss kann man seine Auswahlen, Zusammenstellungen, Eingriffe kritisieren und sogar verwerfen. Aber alle späteren kritischen Ausgaben, die so viel genauer, umfangreicher, differenzierter, vielschichtiger und korrekter sind, haben zwar philologische Vorteile, aber den Schriftsteller Franz Kafka, der zweifellos zu den bedeutendsten des 20. Jahrhunderts gehört, haben sie weder hervorgebracht noch sein Bild relevant verändern können. Den Schriftsteller Kafka, dessen Namen Millionen kennen und dessen Texte zum kulturellen Erbe der Menschheit gehören und dazu gehören werden, solange Menschen noch Bücher lesen, dieser Kafka also verdankt sich einzig und allein Max Brod.
Umgekehrt: Ohne Brod wäre Kafka, der zu Lebzeiten fast nichts veröffentlichte (und wenn, dann dank Brod) bestenfalls eine Fußnote in irgendeinem vergriffenen Schmöker über deutschsprachige Prager Literatur zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Wenn überhaupt.
Max Brod hätte es also verdienst, dass man ihm überall auf der Welt, wo man Kafkas Werke schätzt, aus Dankbarkeit Denkmäler errichtet. Oder zumindest ehrend gedenkt. Als dem Mann, der Kafkas Texte vor Kafka, dem neurotischen Selbstverhinderer, gerettet hat. Darum:
Danke, Max Brod!

Samstag, 10. Juni 2023

Zum Problem der Unterbrechung des Erzählflusses und der Vergrößerung der Distanz zu den Figuren

„Problematisch erscheinen die bereits auf der zweiten Textseite einsetzenden häufigen Fragen des auktorialen Erzählers an sich selbst, in der Art von ‘Vielleicht dies und das erwähnen?’ Möglicherweise als Einblicke in die Schriftstellerwerkstatt gedacht, unterbrechen sie den Erzählfluss und vergrößern die Distanz zu den handelnden Personen.“
Wer hier war von wem bespricht, ist ohne Belang, mir geht es um die Haltung, die sich in diesem Stückchen einer Roman-Rezension ausdrückt. Was um alles in der Welt ist „problematisch“ daran, wenn der Erzählfluss eines Textes unterbrochen und die Distanz zu den „handelnden Personen“ vergrößert wird? Einschübe, die den Gang des Erzählens aufhalten oder ablenken, gibt es seit de Anfängen der modernen Erzählkunst (und auch schon früher), mal wurden Gedichte eingeschoben oder ganze Novellen. Das geradlinige, diskursiv fortschreitende Modell des bürgerlichen Realismus des 19. Jahrhunderts findet sich etwa bei Cervantes, Lawrence Sterne oder auch den Romantikern überhaupt nicht. Die hatten nämlich gar nicht vor, ihre Leser zu manipulieren, ihnen die Illusion vorzusetzen, sie läsen kein Buch, sondern tauchten ein in eine alternative Realität. Ein Betrug (von seiten des Autors) und Selbstbetrug (von seiten des Lesers) der sich bis zu der absurden Vorstellung steigern kann, es gebe im Text handelnde Personen und nicht bloß als agierend bezeichnete Figuren.
Alles, was in voller Absicht dem Leser erlaubt, Distanz zum Geschrieben zu wahren, ist zu begrüßen. Alles, was ihn bezaubert, betört, verstrickt, macht ihn hingegen unmündig und lenkt ihn von der Realität ab. Darum ist die ubiquitäre Forderung nach „Wiederfinden“ und „Identifikation“ so reaktionär. Damit soll das eigentlich Potenzial der Literatur, die kritische Reflexion, zu Gunsten der bloßen Unterhaltung, des Nervenkitzels, der Wunschbefriedigung verschenkt werden. Die genüssliche Lektüre, der Text als runde Sache, nach der man glücklich und zufrieden (und vielleicht ein bisschen erregt oder gegruselt oder …) das Buch beiseite legt, die Literatur als Konsumgut unter anderen ― all das macht konform mit den herrschenden Verhältnissen und trägt nichts dazu bei, kritisches Denken und handeln zu befördern.
Einblicke in die Schriftstellerwerkstatt? Wenn dort keine Bomben gebaut werden, will ich gar nichts davon wissen. „Wir brauchen aber die Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt, wie der Tod eines, den wir lieber hatten als uns, wie wenn wir in Wälder vorstoßen würden, von allen Menschen weg, wie ein Selbstmord, ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.” Basta.

Samstag, 17. September 2022

In eigener Sache

 


Mein Roman „Romans Erzählungen“ ist erschienen. Er kann ab sofort direkt bei BoD.de oder bei jedem anderen Buchhändler bestellt werden. Die ISBN lautet 978-3-75-682198-3.

Sonntag, 19. Juni 2022

Nachtrag zu einer Kanaille I (Trojanow)

Ilija Trojanow ist einer dieser zur Zeit wieder einmal unerwartet auftauchenden Militärexperten, die mit profunder geopolitischer Vorbildung vom Schreibtisch aus das Leben und Sterben anderer dirigieren: „Eine Flugverbotszone ist illusorisch“ dekretierte er am 23. März 2022 in der „Tageszeitung“. „Wer in Talkshows und Interviews eine Flugverbotszone fordert, sollte sich einen Tag freinehmen und ein wenig auf den Webseiten recherchieren, die sich ― vor allem auf Englisch ― militärischen Fragen widmen.“ Mit anderen Worten: Lass Experten sprechen. Das hat ja schon bei Corona so gut funktioniert. (Weil jede Regierung zufällig immer gerade die Experten zur Hand hat, die genau die Politik, die ohnehin beabsichtigt wird, als alternativlos erweisen können.)
Was also meint Trojanow, der englischsprachige Schulen besucht hat und darum auf „Webseiten“ (sic; nur das „site“ nicht Seite, sondern Ort bedeutet …) recherchieren kann, die anderen seiner Meinung nach unbekannt sind, dort gelesen zu haben? „Nicht nur wäre es logistisch fast unmöglich, es müssten zudem Stellungen in Russland beziehungsweise Belarus bombardiert werden. Das würde unweigerlich den Krieg ausweiten und in die Hände der russischen Propaganda (NATO als Aggressor) spielen.“
Hanebüchen. Erstens ist es völlig gleichgültig, wie Putins Propaganda lautet, die braucht keinen Anhalt in einer zurechtgedeuteten Realität, die kommt mit bloßen Lügen völlig aus. Zweitens gibt es keinen Grund, zur Durchsetzung einer Flugverbotszone Flugzeuge, die weder in der Zone noch überhaupt fliegen, zu bombardieren. Drittens ist eine „Ausweitung“ des Krieges, anders gesagt: eine direkte Beteiligung der NATO auf Seiten der Ukraine sogar höchst wünschenswert.
Es spricht also alles für eine Flugverbotszone. Sie würde Leben retten, direkt und indirekt. Direkt, indem Luftangriffe auf ukrainische Städte verhindert würden. Indirekt, indem für die ukrainischen Streitkräfte, die den russischen in der Luft unterlegten sind, bessere Operationsmöglichkeiten ihrer Bodentruppen geschaffen würden.
Das interessiert Trojanow nicht. Er sorgt sich um hohe Militärausgaben. Die einfache Rechnung, dass westliche Verteidigungsbudgets, egal, wie hoch oder niedrig sie sein mögen, der Ukraine nichts nützen, wenn sie nicht für deren Unterstützung ausgegeben werden, macht er nicht.
Stattdessen antiukrainische Polemik: „Von manchen wird eifrig ein schneller EU-Beitritt der Ukraine gefordert. Vorsichtige Stimmen werden der bürokratischen Apathie beschuldigt. Dabei sind die Gefahren eines überstürzten Aufnahmeverfahrens hinlänglich bekannt.“
Die Gefahr der Nichtmitgliedschaft in EU und NATO ist noch viel bekannter: Man wird von Russland überfallen. Aber was sorgt Trojanow? „In manchen Ländern Osteuropas haben die Fördersummen aus Brüssel die Macht der neuen Plutokraten gestärkt.“ Stimmt. Aber nicht nur dort. Die „Plutokraten“ (ein guter alter Nazi-Terminus) sitzen ja auch in den westeuropäischen Ländern. Korruption und Oligarchie gibt es auch dort. (Oder hat Trojanow noch nie etwas davon gehört, wie wenig Leuten in der BRD wie viel Vermögen gehört? Milliarden und Abermilliarden, die nicht zuletzt durch entsprechende politische Entscheidungen begünstigt werden; wobei westliche Politiker außer in Ausnahmefällen gar nicht gekauft werden müssen, weil sie von sich aus „die Wirtschaft“, also happy few begünstigen.) Trojanow hält jedenfalls fest, dass die „strukturellen Defizite“ in der Ukraine „weder durch das schreckliche Leid der Menschen noch den Mut der Kämpfenden überwunden“ werden. Hat das jemand behauptet?
Und haben andererseits bisherige Beitritssverhandlungen nicht jedes Mal doch immerhin zu einer Minderung struktureller Defizite (auch hinblicks Demokratie, Rechtsstaat, Korruptionsbekämfung) geführt? Soll man Ungarn, Bulgarien, Rumänien wieder aus der EU ausschließen, weil es dort Autoritarismus, Illiberalismus, Nationalismus, Korruption, Regierungskriminalität usw. gibt?
„Wir müssen die Menschen in der Ukraine entschieden unterstützen, aber das bedeutet nicht, dass wir die Augen verschließen vor demokratischen Mängeln (…)“ Das hat meines Wissens auch niemand verlangt. Weder auf ukrainischer Seite, noch im Westen. „Zudem wäre eine überhastete Aufnahme der Ukraine ein katastrophales Signal für den gesamten Balkan, weiterhin ein Pulverfass.“ Wie schön, dass der Ex-Bulgare Trojanow endgültig zum teutonischen Spießer geworden ist. Das Wort Balkan (eigentlich ein Gebirgszug, gemeint ist Südosteuropa) zieht ja im deutschen und österreichischen Phrasendreschjournalismus immer unweigerlich das Wort Pulverfass nach sich. Nur dass eigentlich gar niemand eine „überhastete“ Aufnahme verlangt hat, nur die grundsätzliche Bereitschaft, die Ukraine nicht für unwürdiger der Zugehörigkeit zu Europa zu betrachten als Länder wie Serbien, Albanien, (Nord-Mazedonien), denen eine EU-Mitgliedschaft immer mal wieder in Aussicht gestellt wird. Beitrittsverhandlungen wäre ein politisches Symbol, ein Ausdruck der Solidarität und eine Ermunterung auch der Zivilgesellschaft, keinesfalls aber ein Blankoscheck. Warum um alles in der Welt sollte das europäische Land Ukraine auch nicht Mitglied der Europäischen Union werden (wenn die üblichen wirtschaftlichen, und rechtsstaatlichen Kriterien erfüllt sind)?
Eine rassistische Konstruktion wäre es hingegen, wonach osteuropäische und südosteuropäische Nationen, weil zurückgeblieben, nur als Märkte und Lieferanten, nicht aber als gleichberechtigte Mitgestalter von Europas politischer, sozialer, kultureller, wirtschaftlicher und militärischer Zukunft in Frage kommen. Derlei mag Trojanows Verständnis und Selbstverständnis entsprechen (oder ist er der gute Balkanese, der sich aus dem „Pulverfass“ herausgearbeitet hat?), aber nicht der unvoreingenommen Realität. Die Hypothese, nach der Ukrainerinnen und Ukrainer sowieso minderwertig, also nicht würdig der EU-Mitgliedschaft sind, ist beleidigend und dumm.
Den Gipfel der Infamie erreicht Trojanow dann mit diesem Phantasiegebilde: „Gold in der Ukraine Leider versprüht ein rabiater Nationalismus sein tägliches Gift, auch seitens ukrainischer Intellektueller. Wenige Tage nach Kriegsbeginn forderte etwa der ‘PEN Ukraine’ gemeinsam mit anderen Institutionen zu einem ‘totalen Boykott von Büchern aus Russland auf der ganzen Welt!’ auf, da ‘Bücher zu Waffen gegen die Demokratie werden können’.“
Das ist schon darum so unerhört widerlich, weil Trojanow weiß (oder wissen müsste), dass der Präsident des PEN-Zentrums der Ukraine, Andrij Kourkow, in Russland geboren ist und seine Bücher nach wie vor auf Russisch schreibt. Bei ihm also von „ukrainischen Nationalismus“ ― diesem beliebten antiukrainischen Phantasma, das nicht nur „Linke“ kultivieren, sondern auf eine besonders verstiegene Weise der Kriegsverbrecher Putin höchstselbst, der bekanntlich die Ukraine vom „Nazismus“ befreien will ― also keine Spur. Kurkows Bücher werden seit vielen Jahren in Russland nicht mehr verlegt und er selbst steht auf einer schwarzen Liste. Wenn so jemand sagt, dass zum Boykott russischer Waren (als Teil internationaler Sanktionen gegen den Aggressor) selbstverständlich auch der Boykott von in Russland fabrizierten Büchern gehört, ist das bloß eine Selbstverständlichkeit, kein „Nationalismus“.
Niemand will Herrn Trojanow seinen Dostojewski oder seinen Solschenizyn oder seinen Iljin verbieten ― oder was immer er dringend braucht, um vielleicht zu erfahren, wie er sagt, „wo der Wahn imperialer russischer Größe herkommt?“ Er soll einfach nur nicht durch den Kauf von Büchern den Krieg gegen die Ukraine finanzieren. Wenn er wirklich erst herausbekommen muss, wie die Russen ticken, dann könnte ja Bibliotheken aufsuchen oder Übersetzungen lesen. Niemand hat zu Bücherverbrennungen aufgerufen. Einen „geistigen Exterminismus“ kann ich eigentlich nur auf Seiten der westlichen Zuarbeiter Putins erkennen, nicht aber beim PEN Ukraine.
Am Schluss seines Geschreibsel wird Trojanow einfach schwachsinnig. „Der offene Brief (des Pen, Anm.) endet mit dem Aufruf: ‘Glory to Ukraine!’ Nein! Ruhm und Ehre gelten den Menschen, aber nicht einem Nationalstaat! Wenn wir dies wieder als Ideal hochhalten, können wir das europäische Projekt vergessen, inklusive der Versöhnung, die in Zukunft nötig sein wird, über alle Wunden und Gräben hinweg.“
Die alte Grußformel ist zweiteilig: Auf „Ruhm der Ukraine!“ antwortet man „Ruhm den Helden!“ Es geht also offensichtlich nicht um irgendeinen „Nationalstaat“ ― als ob das „europäische Projekt“ nicht lauter Nationalstaaten umfasste! ―, sondern um das „Projekt“ eines freien und unabhängigen Gemeinschaft (die viele verschiedene Nationalitäten, Sprachen, kulturelle Traditionen und Religionen einbegreift). um die Freiheit von Unterdrückung und Bevormundung durch andere „Nationalstaaten“ (oder selbsternannte „Imperien“) und um die Menschen, die sich dafür einsetzen ― die „Heldinnen“ und „Helden“.
Das alles weiß Trojanow (oder müsste es wissen), aber in seinem schlecht verhehlten Hass auf die Ukraine macht er sich selbst dumm. Egal. Was mich betrifft, ich werde in Zukunft seine Bücher boykottieren. Leute wie er sind Schreibtischtäter, die durch ihre Gegnerschaft zur (auch militärischen) Unterstützung der Ukrainer dem putinschen Völkermord zuarbeiten. Mich ekeln diese Wichtigtuer an.

Dienstag, 16. November 2021

Zweierlei Deutsch?

Eine mir nicht weiter bekannte Frau M. (die anscheinend irgendetwas mit Literatur zu tun hat) deklariert ihre lingustistische Kompetenz: „Ich habe zwei Deutsch in mir. Der Deutsche geht eher mit einer sprachlichen Axt durch die Welt, er sagt, was er will, und das so knapp als möglich. Der Österreicher ist umwunden, 'schliaferlt' herum.“ 
Ich gestehe, es freut mich sehr, dass ich das Wort „schliaferln“ noch nie gehört ― oder gar gelesen ― habe. Und während ich nicht zu sagen wüsste, wie viele Deutsch ich selbst in mir habe, genügt mir ohnehin ein einziges, um zu bemerken, dass es „so knapp wie möglich“ zu heißen hätte …

Sonntag, 24. Oktober 2021

Literatürliches (5)

Nur fünf Prozent der Schreibenden können vom Schreiben leben, lese ich irgendwo. Bemerkenswert daran finde ich, dass also 95 Prozent trotzdem schreiben. Ob sie mehr oder Besseres schrieben, wenn sie davon leben könnten? Schreibt denn, wer davon leben kann, besser als einer, der das nicht kann? Kommt, wer vom Schreiben lebt, vor lauter Anstrengung, das zu schaffen, überhaupt noch zum Schreiben? Schriebe er, wenn er nicht davon leben müsste, nicht gelassener? Man weiß es nicht. Was aber gewiss ist, wenn die genannten Zahlen auch nur halbwegs stimmen: Dass das Schreiben keine kommerzielle Tätigkeit ist. Man schreibt, weil man will (oder zu müssen meint). Man schreibt, damit etwas geschrieben ist. Das Geschriebene ist seinem Wesen nach keine Ware, auch wenn es durchaus dazu gemacht werden kann. Es ist ein Geschenk, dass ein Schreibender sich und anderen macht. Das Warenförmige ist lediglich ein Effekt, den die Einspeisung ins Wirtschaftssystem hervorbringt, nichts was zur Tätigkeit und ihrem Ergebnis notwendig dazugehört. Nun ist nichts dagegen zu sagen, dass in einer Welt, in der fast alles Geld kostet, dieses auch mit Geschriebenem verdient wird. Man muss sich ja das Schreiben erst einmal leisten können. Wer Zeit aufs Schreiben verwendet, von dem er nicht leben kann, dem fehlt diese Zeit, um in ihr etwas zu machen, was er verkaufen kann. Er schreibt dann nur, weil er will (oder zu müssen meint) und hat erstaunlicherweise auch Gelegenheit und passende Bedingungen dazu. Soll man das Freiheit nennen? Und das Schreibenmüssen, um davon leben zu können, Unfreiheit?

Literatürliches (4)

Je selbstgefälliger eine Reiseerzählung gerät ― aus Gutwilligkeit möchte man ironisch gemeinte Rollenprosa annehmen ―, desto mehr stören arge Schnitzer die aufwändige Simulation von Weltläufigkeit. Einer schreibt über Florenz: „Unser Hotel, in der Via di Santo Spirito gelegen, wird als Residenza d'Epoca geführt. Ich weiß nicht, ob das eine illustre Kette oder ein schmückendes Beiwort ist. Nun ja, es scheint eine noble Kette zu sein.“ Man könnte ja einfach ins Wörterbuch schauen und so erfahren, dass casa d’epoca schlicht Altbau bedeutet. Des Weiteren heißt es: „Am Piazza Santo Spirito befindet sich nicht nur die Kirche Santa Maria del Carmine, sondern auch das Insider-Restaurant Dolce Vita plus Cocktail-Bar.“ Ach, man kann schon mal etwas verwechseln. Das grammatische Geschlecht von la piazza und dem Platz zum Beispiel. Oder die Orte, die man angeblich so gut kennt, denn die Karmeliterkirche befindet sich am Karmeliterplatz und am Heiliggeistplatz steht die Heiliggeistkirche; welche Szene-Örtlichkeiten wo sind (und wie oft dort eine asiatische Touristin Gelegenheit zum außerehelichen Geschlechtsverkehr hätte) entzieht sich allerdings meiner Kenntnis.

Samstag, 23. Oktober 2021

Literatürliches (3)

Ich halte nichts davon, nur zu loben und nie etwas Schlechtes über literarische Werke zu sagen, wie es so mancher angeblich praktiziert. Literaturkritik braucht Verrisse. Nicht nur um des Unterhaltungswertes willen (Verrisse sind immer lustiger als Lobeshymnen). Sondern ich möchte vor schlechten Büchern gewarnt werden. Auch wenn ich solche Warnungen vielleicht in den Wind schlage. Das ist meine Sache. Sache dessen hingegen, auf dessen Befund ich mich verlassen können möchte, ist es, Gelungenes und Misslungenes aufzuzeigen und seine Kriterien offen zu legen. Lob allein lehrt nichts. Oder wie es so schön heißt: Ned g’schimpft is g’lobt gnua.

Literatürliches (2)

Als ich von X. seinen Roman über den Schriftsteller Y. las, dachte ich, ich müsse sterben vor Langeweile. Ohne Spaß! Spaß hatte überhaupt nichts zu tun damit. Unter dem vielen öden Zeug, das mir untergekommen ist, gehört dieser Roman zum allerödesten. Ich ärgerte mich über mich selbst, dass ich die Lektüre nicht früher abbrach. Warum hatte ich sie überhaupt begonnen? Weil Z. den X. gelobt hatte. Ich selbst hatte noch nichts von X. gelesen oder auch nur gehört. (Von Y. hatte ich gehört, aber auch nichts gelesen.) Leider gebe ich viel auf Z.s Urteil, auch wenn wir einen sehr verschiedenen Geschmack zu haben scheinen. Aber was liegt am Geschmack! Es geht um begründete Urteile. Z. kennt vieles, das ich nicht kenne, weiß vieles, was ich nicht weiß, und was er sagt, hat meist Hand und Fuß. Leider verabsäumte ich in diesem Fall, herauszubekommen, was der Grund für Z.s Lob von X. war. Vielleicht hätte ich sonst vorher gewusst, wie sterbenslangweilig ich X. und Y. finden würde, und die Lektüre unterlassen. Im Unterschied zu Z. halte ich nämlich nichts davon, absichtlich schlechte Bücher zu lesen. Z. meint, daraus lerne man, wie es nicht sein solle. Danke, aber dafür ist mein Leben zu kurz. Seltsamerweise vertritt Z. andererseits die Auffassung, man solle nur loben, nie tadeln. Was soll man daraus lernen? In Wahrheit gibt es vieles, was Z. ausdrücklich verwirft. Während er nun aber mir oft vorhält, ich urteilte zu gern, urteilt er seinerseits mit großem Nachdruck und nicht selten hart. Aber Urteile nimmt er anscheinend nur bei anderen als solche wahr. Jedenfalls hat die lebensbedrohliche Lektüre von X.s Roman mir nicht nur diesen und seinen Autor verleidet, sondern auch Y. und sogar meine Wertschätzuung von Z. angekratzt. Was das Lesen schlechter Bücher nicht alles anrichten kann!