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Montag, 12. Oktober 2026

Überlegungen zur Jugend von heute

Die Jugend von heute, das sind die, über die die Jugend von gestern nur den Kopf schütteln kann.
 
Wenn die anderen jung sind, ist man selbst es nicht mehr. Das ist unverzeihlich.
 
Die Jugend von heute, das sind schubweise immer andere. Aber immer sind es unverantwortliche, unerfahrene, ungebildete, rechthaberische Nervtöter mit schlechtem Geschmack.
 
Der Geschmack der heutigen Jungend ist grundfalsch, weil er so perfekt ist. Weil sie ihn schon fix und fertig erwerben. Weil sie gar keinen haben, sondern nur simulieren.
 
Ich selbst war nie jung, sage ich immer. Weshalb ich weder die heutige Jugend verstehe noch irgendeine andere und sowieso dagegen bin.
 
Mir kommen die jungen Leute oft so verwaschen, so schwammig, so teigig vor. Selbst dort, wo alles vorschriftsmäßig wohldefiniert ist. Oder besonders dort.
 
Wie man bloß so lasch und prall zugleich sein kann.
 
In Wahrheit pickelig, haben sie geradezu übertrieben glatte Haut. Und die schreit wohl nach Tätowierungen.
 
Auch als Kulturpessimist kann ich nur ungläubig staunen, mit welcher Vehemenz die einen enthemmten Konsumismus praktizieren, die noch nicht geboren waren, als ich mir diese Vokabel zu eigen machte.
 
Haben ist Sein und Sein ist Haben: Wer besitzt, was ihn ausmacht, ist ungefähr genau der, der er sein muss. Die rasche Folge der Versatzstücke hat als Fortschritt zu gelten. (Er ist hier selbstverständlich vor allem auch sie.)
 
Man muss sich immer in Erinnerung rufen: Wie jede Mode wird auch diese vergehen. Was wohl den Fanatismus erklärt, mit dem sie befolgt wird.
 
Aus der seit langem vorhergesagten, ja nachgerade versprochenen Androgynität ist immer noch nichts geworden. Äußerlich ist der Geschlechtsunterschied merkbar wie eh und je. Und erstaunlicherweise sogar in den „Rollen“.
 
Die Ballerina-Prinzessin, dieser Kinderzimmertraum in Rosa, geht nahtlos über in die Influencerin, diese Verschmelzung von Ego, Reklame und Produkt zu einer leeren Hülle. Was unterdessen die Jungs machen, wenn sie nicht im Fitnessstudio sind, interessiert keinen. (Wichsen?)
 
Sie wissen nichts, aber alles besser. Das konnte man immer schon sagen, aber heute soll es mehr denn je stimmen.
 
An ihren Selbstverständlichkeiten sollt ihr sie erkennen, was sie nicht in Frage stellen, macht sie aus. Das stimmt heute noch wie früher schon.
 
Was man weiß, ist ein Ding unter anderen, auf den Tauschwert kommt es an.
 
Ich verträte diese bestimmte Meinung, weil ich eben Ü50 sei, erklärte mir einer, der selbst U30 war. Ach, Herzchen, ich war dieser meiner Meinung schon, als ich so alt war wie du, und ich konnte sie sogar ohne Internet begründen.

Dienstag, 6. Oktober 2026

Die Zukunft war früher besser

Als einst die Optimisten darüber phantasierten, wie herrlich es werden würde, wenn erst die Maschinen den Menschen die Arbeit abnähmen, da ging es um schwere, gefährliche, schmutzige, geistlose und entwürdigende Tätigkeiten. Die sollten, so der Wunsch, den Robotern vorbehalten sein, während die Menschen, sofern sie überhaupt noch arbeiten wollten, ihr kreatives Potenzial frei und lustvoll entfalten sollten.
Doch seltsam: Heutzutage, wo die Robotik auch in Fabriken weit fortgeschritten ist, arbeiten immer noch Menschen in Bergwerken, auf Ölfeldern, in Fabriken für Massenprodukte, als Kanalräumer und Straßenreiniger usw. usf. Von all den Bauern und Fischern in den wenig industrialisierten Weltgegenden ganz abgesehen.
Die sich früher schon über die Zukunft ganz genau Bescheid wussten, sagten für heute schon längst fliegende Autos voraus. Gekommen sind Fahrradkuriere, die essen ausliefern, ein Mangel an Ladestationen für E-Autos und eine in Dysfunktionalität versinkende Bahn.
Als große Errungenschaft unserer Zeit gilt es hingegen, dass sogenannte „künstliche Intelligenz“ den Menschen das Lesen und Schreiben abnimmt, längst auch das kreative, dass man im Kundendienst von Firmen und beim Zugang zu Behörden und anderen Instanzen von unnahbaren Programmen abgewimmelt wird, dass man mit realitätslosen Bildchen und Filmchen bespaßt und betrogen wird … Viele freuen sich auf Telemedizin und darauf, dass die Alten und Kranken von Robotern gepflegt werden, während man die Einsamen mit Roboterhaustieren, Roboterenkeln und Sexrobotern abspeist. ― Tapfere neue Welt der Zombies und ihrer maschinellen Herren!

Montag, 14. September 2026

Bei mir ist das so (2)

„Bei mir ist das so und so“: Manche scheinen zu meinen, ihr Gegenüber an einer Art von Offenbarung teilhaben zu lassen, wenn sie es (oft ungefragt) in die Besonderheiten ihrer Gewohnheiten und Vorlieben einweihen. Sie halten ihre Macken für Charakterzüge und machen sich das Zufällige daran nicht klar; und schon gar nicht, dass derlei verschwände, wenn sie nur einmal versuchten, es anders zu halten. Es ist wohl so, dass sie ihr willkürliches Für und Wider zur Ausformung und Aufrechterhaltung ihrer „Identität“ benötigen, ihrem Selbstbild also, das sie wie eine kostbare und unveräußerliche Ware behandeln; vermutlich darum, weil es aus lauter erworbenen Versatzstücken besteht und nicht zuletzt als Konsumverhalten praktiziert wird. Wen außer ihnen aber können ihre Eigenarten (und deren Verkündigung) interessieren, wenn sie nichts anders über die Welt lehren als, dass jedes Tierchen seine Pläsierchen hat, an denen nichts bemerkenswert ist. ― Du magst keinen Fisch? Deine Armseligkeit langweilt mich.

Mittwoch, 5. August 2026

Pünktlichkeit?

Pünktlichkeit ist eigentlich der falsche Ausdruck. Es geht gar nicht darum (außer in technischen Zusammenhängen wie einem Fahrplan), dass irgendetwas um Punkt soundsoviel Uhr eintritt: eine Begegnung, eine Mitteilung, eine Überreichung. Vielmehr geht es darum, den Mitmenschen zu achten, seine Zeit nicht zu vergeuden und Verabredungen einzuhalten. Das ist ein Thema der Kultur, der Lebensart, der Umgangsformen, nicht des Kalküls. Es genügte also von Höflichkeit zu sprechen. Und das „Punktuelle“ dem Technischen zu überlassen.

Mittwoch, 27. Mai 2026

Fragment über die Leute und ihren Tod

Sie sorgen sich sehr darum, dass sie sterben könnten. Dass sie oder so sterben werden, wissen sie zwar, aber sie wollen es nicht wahrhaben. Sie wollen nicht sterblich sein. Zumindest jetzt nicht und nicht in absehbarer Zeit. Jeder Tod, der nicht sehr spät kommt, erscheint ihnen verfrüht. Dass dauernd andere Leute sterben, beunruhigt sie nicht, es sei denn, es wären ihnen Nahestehende oder gar Gleichaltrige. Mit dem Tod der übrigen haben sie eigentlich nichts zu tun. Hunger und Elend, Naturkatastrophen und Krieg betreffen sie zum Glück nicht. Das sind alles schreckliche Dinge, gewisse, aber das kann man doch nicht vergleichen mit ihrem eigenen Tod. Ein verhungertes Kind, ein von Bomben zerfetztes, das hat doch gewissermaßen Pech. Was soll man da machen. Wenn aber sie selbst schon mit 40, 50. 60 Jahren schon sterben müssten, dann erschienen ihnen das als Unrecht und Ungeheuerlichkeit. Krankheit, wieso denn, es gibt doch Ärzte. Warum ist nicht alles heilbar? Warum sollten ausgerechnet sie sterben? Sie doch nicht! Noch nicht jetzt. Später. Viel später.

Mittwoch, 13. Mai 2026

Aktuelle Werte

Nicht, dass es mich übermäßig interessiert, aber was sind eigentlich die „Werte“, die heute gelten? Was ist denn Leuten wichtig? Ich vermute das Folgende.
In erster Linie: Spaß zu haben. Etwas zu erleben. Das Leben zu genießen.
Sodann: Sicherheit. Geborgenheit. Nicht in Frage gestellt zu werden.
Weiters: Selbstoptimierung. Also sich an den Erwartungen anderer auszurichten und sich dem anzupassen, was angesagt ist. Und so die Identität von Individualismus und Konformismus zu praktizieren.
Überhaupt: Wohlgefühl. Ein mehr oder minder gutes Gewissen oder die Normalisierung des schlechten Gewissens. Der Wunsch, auf der richtigen Seite zu stehen, der erfolgreichen, der der Mehrheit. Sich nichts vorwerfen (lassen) zu müssen. Das Gefühl des Ungenügens möglichst nicht zu zulassen oder nur, wenn das erwartet wird.
Das ist alles sehr allgemein und unscharf formuliert, um möglichst viel der Widersprüchlichkeit zum Trotz zu umfassen. ― Gegenfrage: Was sind meine „Werte“, was ist mir wichtig?
Wahrheit. Ich will wissen, was es mit dem auf sich hat, was mir widerfährt. Wie es womit zusammenhängt. Warum man mich ablenken will, warum man lügt und betrügt.
Freiheit. Als Folge und Voraussetzung der Wahrheit. Wer sich nichts vormachen lassen will, muss sich befreien, von Vorurteile, Ideologien, Lügen. Das geht nur durch Widerspruch, Nichtanpassung. Nichtunterwerfung.
Gerechtigkeit. Parteinahme für die Unterdrückten, die Schwächeren, die Benachteiligten, die Manipulierten.
Ich will in Ruhe gelassen werden. Auch und besonders vom Staat und seinen Avataren (Banken, Versicherungen usw.). Auch von der Technik. Und vom Geldverdienenmüssen. (Was nicht klappt.)
Bildung. Ohne sie kein Zugang zur Wahrheit. Und kein echter Genuss.
Schönheit. Heiligkeit.
Freundschaft. Obwohl ich im Laufe meines Lebens mehr Freunde und Freundinnen verloren habe, als ich je hatte … Doch ging das fast nie von mir aus. Außer insofern, als ich den Leuten mit meiner Kritisiererei auf die Nerven gehe. (Bei ihnen einen Nerv treffe.) Amicus X, magis amica veritas.

Donnerstag, 19. Februar 2026

Notiz über Technikkonsum

Als es erfunden worden war und auf den Markt kam, brauchte kein Mensch so ein Ding. Wer es sich anschaffte, hatte einfach ein neues Spielzeug. Und zeigte, dass er „für Neues offen“ war, also bereit sich, den Konsumwünschen, die ihm nahegelegt wurden, zu unterwerfen. Dann aber verbreitete sich der Besitz des Dings, zu Zeiten geradezu explosiv, und schließlich wurde es allgemein. Fast jeder besaß eines oder mehrere. Wer dann nicht „wie alle“ eines besaß, war ausgeschlossen und galt als minderbemittelt. Als schließlich unübersehbar wurde, welche Nachteile der Gebrauch des Dings für alle hatte, hieß es: Es geht nicht mehr ohne.
Für „Ding“ kann man in dieser Geschichte, die immer mehr oder minder gleich zu verlaufen scheint, verschiedenes einsetzen; das Automobil oder das Mobiltelephon, den Kühlschrank oder die Klimaanlage. Immer geht es um Konsumterror, beschränkten nutzen und erhebliche ökologische, kulturelle und seelische Kosten
(24. März 2023; überarbeitet) 

Donnerstag, 15. Januar 2026

Traumbuchhandlung

Ich träumte unlängst von einer mir bis dahin unbekannten Buchhandlung. Ich gehe hinein und bin begeister. Die Bücher stehen ordentlich in den Regalen und sind sehr zahlreich. Fast alle sehen aus wie neu, obwohl sie, wie ich feststelle, zum Teil schon vor langer Zeit veröffentlicht wurden. Die Einbände, ob weich ob fest, sind anmutig und schlicht. Die Regale und die Bücher darin wurden nach Sachgebieten, Verlagen und Autoren geordnet. Ich gehe durch den Laden und entdecke viel Vielversprechendes und einiges, das mir bekannt ist (oder vorkommt). Hier könnte ich viel Geld ausgeben. Ich bin in Hochstimmung. Als ich schließlich vor einer Regalwand stehe, die alle noch nicht vergriffenen Bände der Reihe „suhrkamp taschenbuch wissenschaft“ enthält, nach ihren Nummern geordnet, weine ich fast vor Glück.
Wunscherfüllende Träume dieser Art hatte ich früher oft. Es gab für mich nichts Beglückenderes, als von Läden mit neuen und alten Büchern zu träumen, ganz unwahrscheinlich Entdeckungen zu machen und mir unglaublich Verheißungsvolles auszusuchen. Am Ende ging ich meist voller Vorfreude auf die Lektüre mit einem Stapel Bücher zur Kasse ― und war dann sehr enttäuscht, wenn ich aufwachte und das Glück sich bloß als Traum erwies.
Früher ging ich auch im wachen Leben gern in Buchhandlungen. Als Student, der wenig Geld hatte, schaute ich zwar mehr, als ich kaufte, ließ aber letztlich trotzdem viel Geld in Buchläden. Ich stand nicht selten lange vor den Drehgestellen, die es damals noch gab, und überlegte zum Beispiel, welches Merve-Bändchen ich mir leisten sollte. Oft kam ich erst am nächsten Tag oder übernächsten wieder, um es zu kaufen. Selten oder gar nicht wurde man von einem Buchhändler bei Schauen oder gar Lesen (was ich nie tat) behelligt und zum Kaufen aufgefordert. Die Buchhändler rund um die Universität kannten eben ihr Publikum. (Manche Kolleginnen und Kollegen stahlen Bücher, auch das tat ich nie.) Auch die Bibliotheken, bei denen man selbst ins Depot durfte (oder musste), um zu suchen, was man entlehnen wollte, mochte ich sehr. Ach, all die Bücher, die ich gern gelesen hätte, nie lesen würde, aber lesen könnte …
Und ich hatte jahrzehntelang eine Vorliebe für Antiquariate, besonders moderne. Dabei wusste ich vor allem „Grabbelkisten“ mit Büchern aus Nachlässen sehr zu schätzen, darin waren herrliche Funde zu machen. Etwa interessante Taschenbücher, noch gar nicht so schrecklich alt, meist gut erhalten. (Manchmal erwarb ich übrigens später Bücher, die ich mir als Student nicht hatte leisten können oder wollen, Jahre, Jahrzehnte doch noch.) Das Unvorhersehbare am Stöbern in solchen Bücherkisten gefiel mir, ich erhoffte und fand auch zuweilen Werke, von deren Existenz ich nichts geahnt hatte, und die sich dann oft als sehr lesenswert erwiesen.
Mit dem Schließen so vieler Buchhandlungen und mit der Verlagerung des Buchhandels ― auch und gerade des antiquarischen, und hier auch und gerade des Handels mit gebrauchten und darum sehr billigen Taschenbüchern ― ins Internet, haben die Überraschungen stark abgenommen oder bleiben ganz aus. Grabbelkisten sind fast ausgestorben. Oder dürftiger geworden. (Möglicherweise werfen heutzutage Erben alte Bücher einfach ins Altpapier, statt sie als Kulturgut weiterzugeben.) Dieser Niedergang ist jedenfalls mein Eindruck, betreffend die Großstadt, in deren Nähe ich wohne. Vielleicht ist es anderswo anders.

Früher ging ich, wie gesagt, gerne in Buchhandlungen. Heute nicht mehr. Es macht mir keinen Spaß mehr, die mitunter nur noch schlecht bestückten Regale durchzusehen. Zu sehr haben sich die Bücher in ihrer Erscheinung (vom Inhalt will ich her gar nicht reden) verändert. Sie sind allzu schmuck geworden, oft grell und schrill, bunt jedenfalls. Und aufgebläht. Ich habe auch Werke gesehen, die ich einst als schlichtes Taschenbuch gekauft hatte, und die nun als marktschreierische Papierziegel aufgemacht waren. Das missfällt mir. Mein Ideal waren immer die unaufdringlich daherkommenden Bücher des französischen Verlages Gallimard (und anderer): Im Grunde Buchblöcke mit weichen Einband (die man, wenn man unbedingt will, binden lassen kann). Oder im deutschen Sprachraum die früher sehr schlicht gehaltenen Einbände (der Taschenbücher von) Suhrkamp, Reclam, Felix Meiner, UTB usw. Einfach, sachlich, unaufgeregt. Klostermann kann das immer noch. Reclam ist leider oft bunt geworden, die Büchlein von Matthes & Seitz bilden sozusagen die Grenze: geschmackvoll, schlicht, vorsichtig ornamental. Was ich sage, ist alles sehr subjektiv, aber warum auch nicht, ich bin kein Buchwissenschaftler, ich bin Kunde und Leser und darf Gefallen an etwas finden oder mein Missfallen an Zuständen und Entwicklungen äußern.
Auch die Buchhandlungen selbst haben sich verändert. Außer im Bereich „Romane“ (vor allem Krimis, Thriller, Fantasy und anderer Dreck, äh, Zeugs) und „Lebenshilfe Schrägstrich Esoterik“ scheint mir alles ausgedünnt, die Regale halten fast nur noch Bestseller feil. (Meist werden Bücher inzwischen ohnehin lieber hingelegt als hingestellt, da sie eine Schauseite haben, die nach Aufmerksamkeit ruft.) Sortiment, was ist das. Sogar sogenannte „Klassiker“ muss man bestellen. (Sie sind Nischenprodukte.) Aber bestellen kann ich auch von zu Hause aus. Dazu brauche ich nirgendwohin zu gehen, schon gar nicht in Läden, die nicht mich als Kunden gar nicht wollen, in denen ich mich wie im falschen Film fühle. Gehe ich (außerhalb der „Vorweihnachtszeit“) doch noch einmal in eine größere Buchhandlung, treffe ich meist mehr Angestellte an als potenzielle Käufer. Aber man versichert mir, auf Nachfrage, alles sei in Ordnung, heute sei nur ein ruhiger Tag. Viele ruhige Tage ergeben freilich einen Ruhestand, letztlich einen Friedhof.
Der sogenannte „stationäre“ Buchhandel ist zu Abfütterungsstationen für Lesestoffkonsumenten verkommen. Die Ware Buch ist mehr denn je ein bloßes Unterhaltungs- und Zerstreuungsmittel, keine Notwendigkeit, um sich in Frage stellen zu lassen und sich zu verändern. (Fachbücher gibt es zwar, aber sie grassieren gern virtuell, wie die Exzerpte und Zusammenfassungen, damit man möglichst wenig lesen muss.) Kochbücher, Reiseführer, Ratgeber aller Art mischen sich in großer Zahl unter die erzählende Literatur. Wörter wie Geist, Bildung, intellektuelle Herausforderung sind nicht nur in diesem Zusammenhang antiquiert, elitär, inhaltslos. Lesen soll Spaß machen und der Spaß soll simpel, ablenkend, folgenlos sein.
Subjektives Genörgel eines alten Mannes? Gewiss. Was nicht heißt, dass der Verfall nicht real ist. Wer sonst sollte ihn bemerken, wenn nicht einer, der ihn nicht will, der ihn nicht ausstehen kann? Veränderung, Verfall, Untergang: ohne zu werten, hätte die Diagnose keinen Sinn.
Aber es wird doch immer mehr gelesen, sagt man mir, besonders junge Leute usw. Die Buchmessen werden immer größer, die Besucherzahlen steigen und die Buchhandelsketten usw. Einmal abgesehen davon, dass Quantität nichts über Qualität besagt, es also nicht auf Verkaufszahlen ankommt, sondern auf Formen und Inhalte von Büchern, stimmt es gar nicht, dass mehr gelesen wird. Die Statistik spricht eine andere Sprache: Die Lesekompetenz sinkt, die Lesetätigkeit verlagert sich zu Kurznachrichten, Newslettern, Textschnippseln, Übersichtsartikeln, also eher zu rasch Konsumierbarem, weg vom Buch. Je geringer der Bildungsstand, desto mehr verringern sich Kompetenz und Lesetätigkeit, aber das wird von den (angeblich) besser Gebildeten nicht ausgeglichen. Dass die Umsatzzahlen für steigen, liegt an steigenden Preisen, die Absatzzahlen sind rückläufig. Und das Bücher gekauft werden, heißt weder, dass sie gelesen werden, noch dass sie gut sind. (Was immer „gut“ heißt: niveauvoll, fordernd, horizonterweiternd, charakterbildend, kritisch; oder einfach cool und geil.)
Es wird also weniger gelesen. Es wird schlechter gelesen. Es wird Schlechteres gelesen. Der Buchkonsum wird zum kleinen Luxus-Event, vergleichbar mit Wellnessbad und Fitnessstudio. Einem alten Kulturpessimisten macht das keine Hoffnung auf die kommende Revolution. Aber man wird ja trotzdem noch von guten Büchern für kluge Leser träumen dürfen …

Samstag, 20. Dezember 2025

Ghostwriting durch die Maschine

Haben Sie Schwierigkeiten, Ihre Doktorarbeit oder wissenschaftliche Arbeit zu schreiben? Was wäre, wenn ein Prompt einen ganzen 80-seitigen Entwurf für Sie generieren könnte ― komplett mit Inline-Zitationen und Referenzen aus echten wissenschaftlichen Arbeiten?
Tja, was wäre dann? Dann hätte nicht ich diesen Entwurf verfasst.
Darum geht es aber bei einer wissenschaftlichen Arbeit, mit der man zeigen soll, dass man etwas kann (also einer „Abschlussarbeit“): Sie selbst zu machen. Nur dadurch beweist man, dass man Wissen erworben, Fähigkeiten geschult und dadurch eine gewisse Selbständigkeit ausgebildet hat, und nicht einfach andere für sich denken und schreiben lässt. 
Wer sich nicht zutraut, die jeweilige Abschlussarbeit seines Bildungsweges selbständig zu verfassen, hat ein ganz anderes Problem, als sich durch das Vor-Schreiben durch eine Maschine lösen lässt. Wer es tatsächlich nicht kann, soll es lassen; und wenn er es simulieren lässt, betrügt er.
Kämen jemand auf den Gedanken, statt selbst Schach zu spielen, einen Computer gegen wen auch immer spielen zu lassen? Statt selbst ins Fitnessstudio zu gehen, einen Roboter zu schicken, damit der trainiert?
Mag sein, dass man sich von Maschinen diese oder jene lästige Tätigkeit abnehmen lassen kann. Aber doch nicht die, die einen ausmachen und die, gerade weil sie herausfordernd sind, einem das Vergnügen und die Befriedigung verschaffen, sie zu meistern.
Es ist offensichtlich, wird aber nicht oft genug gesagt: Texte die „Künstliche Intelligenz“ produziert (oder „entwirft“), sind keine eigenen Texte, keine eigene Leistung, also auch kein Befähigungsnachweis dessen, der derlei in Auftrag gibt.
Wenn ein Schüler sich seine Hausaufgaben von einem anderen schreiben lässt, wird man das zu Recht für Betrug erklären. Nicht anders verhält es nicht mit „künstlich-intelligent“ erzeugten Texten. Sie sind aus dem Geschriebenen anderer durch fremde Rechenleistung zusammengebastelte Waren, keine eigenständige Arbeit.

Lustig finde ich auch diese Formulierung aus der eingangs zitierten Reklame: Schreib deine hausarbeit oder Thesis mit (…) Einer „Intelligenz“, die die einfachsten Regeln der Klein- und Großschreibung nicht beherrscht, sollte man nicht unbedingt zutrauen, aus „echten wissenschaftlichen Arbeiten“ zitieren zu können (zumal KI ja auch aus den eigenen Lügen immer nur lernt, weiter zu lügen).

Freitag, 3. Oktober 2025

Balken & Splitter (119)

Es versteht sich ja wohl von selbst, dass zwei Tote vor einer Synagoge in England wesentlich betrauernswerter sind als Zehntausende von Toten im Gazastreifen. Dass man das überhaupt diskutieren muss (oder dass das gar als Rassismus kritisiert), ist unzweifelhaft antisemitisch.
 
In Österreich verschuldete der Flugverkehr im ersten Halbjahr 2025 rund 1,5 Millionen Tonnen an Treibhausgasen, 120.000 Tonnen mehr als im Vergleichszeitraum. Ist das nicht wunderbar? Die Leute gönnen sich ihre Spaßreisen und lassen sich nicht von irgendwelchen Ökospinnern mit ihrem Klima-Alarmismus den ressourcenvergeudenden und erderwärmenden Lebensstil vermiesen. Das hat Zukunft! Eine beschissene, aber immerhin.

Samstag, 30. August 2025

Vorschlag zur Güte: Jahrzehnte nummerieren!

Von Nullerjahren oder gar den Nullern zu reden, finde ich ausgesprochen hässlich. Andererseits scheint es wahrscheinlich vielen viel zu umständlich, einfach zu sagen: das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts. Aber es gäbe noch eine andere Redeweise. Denn wenn man die Jahrhunderte (seit dem von Christi Geburt) durchnummeriert, warum nicht auch die Jahrzehnte?
Das erste Jahrzehnt umfasste dann die Jahre 1 bis 10, das zehnte Jahrzehnt die Jahre 91 bis 100. (Man rechne nach.) Die Jahre 101 bis 110 bildeten also das 11. Jahrzehnt, 1001 bis 1010 folgerichtig das 101., somit 2001 bis 2010 das 201. (zweihunderterste). Das Jahr 2025 liegt demnach im 203. Jahrzehnt nach Christi Geburt (oder „nach unserer Zeiteichng“ für Säkularitätsfanatiker).
Anfangs wäre diese Redeweise gewiss ungewohnt und darum verwirrend. Aber hat sie sich ersteinmal eingebürgert, erkennt man ebenso gewiss ihre Rationalität und Schönheit.
Welches Jahrzehnt einer Jahreszahl entspricht, ist übrigens leicht zu berechnen: Das letzte Jahr des Jahrzents, in dem das gegebene Jahr liegt, durch zehn geteilt – und man weiß die Nummer des Jahrzehnts. 996 gehört zum 100., 1535 zum 154. und 1789 zum 179. Jahrzehnt.

Freitag, 4. Juli 2025

Stau ist kein Schicksal

Ich bin ein Gastarbeiterkind. Selbstverständlich fuhren wir jeden Sommer in die „alte Heimat“. Alle paar Jahre mit einem etwas besseren, etwas teureren Auto. Übrigens nie ― wer erinnert sich noch? ― mit einer Waschmaschine oder einem Kühlschrank auf dem Dach. Aber mit rammelvollem Kofferraum. Bei der Hin- und vor allem der Rückfahrt (weil es so viele gute Sachen der Heimat in der Fremde nicht gab). Wir düsten meist gleich zu Ferienbeginn los, zuweilen auch früher (wen interessiert schon so eine Zeugnisverteilung?), und wenn dann der angesammelte Urlaub meines Vaters knapp vor Schulbeginn zu Ende war, ging’s wieder zurück.
Mein Vater machte es bei der Reiseplanung richtig. Erstens fuhr er nie tagsüber, sondern immer nachts. (Nachtarbeit war er beruflich gewohnt.) Und zweitens garantiert nie an den Tagen, an denen allen andere nach Norden oder Süden fuhren. Perfekt.
So ging das zehn Jahre lang, erst reisten auf diese Weise meine Eltern, meine Schwestern und ich, dann nur noch meine Eltern und ich. Im Jahrzehnt darauf besuchte ich meine Eltern (und Freunde) sommers gern, in dem ich für die Hinfahrt die Bahn nahm und zur die Rückfahrt manchmal, wie in alten Zeiten, mit meinen Eltern im Auto mitfuhr. Unzählige Male bin ich also mit Zug und Pekaweh von Niederösterreich nach Niedersachsen, von Niedersachsen nach Niederösterreich gereist.
Warum erzähle ich das? Weil ich immer daran denken muss, wie klug mein Vater in dieser Hinsicht war, wenn ich Jahr für Jahr im Tefau sehe, wie die Leute zu Ferienbeginn in gewaltigen Staus stecken. Absolut bescheuert. Nun gut, nicht jeder mag weite Strecken bei Nacht fahren. Aber warum, wenn schon mit dem Auto gefahren werden muss, gerade an den Tagen, von denen man weiß, dass unzählige andere dann auch unterwegs sein werden? Gewiss, die Deutschen lieben ihre Autobahnen. Aber erklärt das den Wahnsinn? Geht es um eine Art Volksgemeinschaft der Kriecher auf Asfalt und Beton? Gehört das zum Ferienerlebnis einfach dazu?
Ich jedenfalls durfte schon als Kind lernen, wie man entspannt und effizient reist. Aber ich war ja auch ein Gastarbeiterkind.

Montag, 23. Juni 2025

Herr Piosga bei Frau Mistorius, zum Beispiel

Wenn die Leute sich aufregen, was der und der Politiker (m/w/d) bei der und der Journalistin (m/w/d) mal wieder Arges gesagt hat, frage ich mich: Warum schauen die das überhaupt? Wer noch eine ausreichende Anzahl von Tassen im Schrank hat, weiß doch im Voraus, wer in solchen Quatschsendungen welche Meinung verkünden wird. So wird dort gefragt, so wird dort geantwortet: Dass nichts dabei herauskommt als das Erwartbare. Wenn doch einmal einem Befragten eine prägnante Formulierung unterläuft oder gar, hurra eine verräterische, hat auch das eine Funktion: Nun kann man sich aufregen, dass der das gesagt hat. Oder es befürworten und verteidigen. Nach Belieben.
Mir scheint, die Aufregerei nach solchen Sendungen, ist die Ware, die dem Zuschauer (der Zuschauerin) verkauft werden soll. Schaut her, hier werdet ihr nicht informiert und könnt außerdem eure Affekte in dieses Simulationsszenario investieren.
Dass solche Sendungen weder an Wahrheit noch an Wirklichkeit sonderlich interessiert sind, steht für mich seit langem fest. Darum schaue ich sie nicht.
Wenn ich mich über etwas aufregen wollte, dann darüber, das andere derlei Ablenkungstefau schauen, statt sich richtig zu informieren und ihre Affekte in Kritik zu investieren. Selbst wenn sie in der derselben Zeit bloß gerade so viel über sich selbst nachdächten wie ich über sie, wäre schon etwas, wenn auch sehr wenig, zur Verbesserung der Welt getan.

Donnerstag, 19. Juni 2025

Heteronomes Fahren

Ich bin ja ein bisschen dumm. Darum verstehe ich zwei Dinge überhaupt nicht.
Erstens: Warum heißt es „autonomes“ Fahren, wenn doch der Mensch, der im Fahrzeug sitzt, keine Entscheidungen mehr zu treffen braucht (und vielleicht auch nicht mehr kann)? Soll das etwa heißen, das Ding ist „autonom“? Eine Maschine, also ein unpersönliches Etwas ohne Willen, ohne Bewusstsein und ohne Moral, demnach ohne die Fähigkeit, sich selbständig Ziele zu setzen und zwischen Gut und Böse zu unterschieden, soll „autonom“ sein? Was ist das für ein Begriff von Autonomie? Wäre im Hinblick auf den Menschen, der seiner Autonomie beraubt wird (wenn er sie nicht freiwillig hergibt), nicht besser von heteronomem Fahren die Rede?
Und zweitens: Wozu braucht man den Scheiß?
Wahrscheinlich bin ich von all der Gesellschaftskritik, mit der ich seit Jahrzehnten befasst bin, bis ins Mark verdorben, aber mir drängt sich der Verdacht auf, hier gehe es um Entmündigung. Wie schon bei so viel anderem „Spielzeug“, das angeblich nicht mehr wegzudenken ist und tatsächlich als weitgehend fest verschraubt mit geschäftlichen Notwendigkeiten und soziokulturellen Üblichkeiten gelten muss. Wer kann heutzutage, im aktuellen Zustand der technoiden Verzivilisiertheit, noch ohne Schaden und ohne Bedrängnis ganz ohne Smartphon leben? Wer morgen ohne Smartwatch? Und wer weiß, was übermorgen der heiße Scheiß sein wird. Hirnimplantate?
Läuft es beim fremdbestimmten Fahren nicht darauf hinaus: Deine Maschine wird dir sagen, wo du hinwillst und wie du am besten hinkommst. Du hast für die Maschine bezahlt, aber gebaut und programmiert haben sie andere, und die haben auch dauerhaft Zugriff auf das Ding. Diese anderen sind übrigens profitgeile Konzerne, die noch nie etwas Gutes für dich getan haben und nur daran interessiert sind, dich zu benützen. Sie wollen Geld machen mit dir und dich beherrschen. Punkt.
Und dass ist das ist das Dritte, das ich nicht verstehe: Warum die Leute wie verrückt in jede neue Konsumfalle rennen, wo doch die Nachteile des Zeugs vorhersehbar sind und die Vorteile hauptsächlich solche für die Ausbeuter?

Mittwoch, 4. Juni 2025

Glotze

Ich mochte es nie, wenn jemand vom Fernsehen als der Glotze sprach. Ob einer gern fernsieht oder nicht, muss jeder selber wissen, ob er es tut oder lässt, darf jeder selbst entscheiden. Aber das Fernsehen durch einen solchen Ausdruck abzuwerten und sich seiner dann doch zu bedienen (oder sich davon bedienen zu lassen), das erschien mir immer als Heuchelei.
Bedauerlich finde ich es aber vor allem, dass mit dem abschätzigen Ausdruck „Glotze“ schon das Fernsehen belegt worden ist, wo er doch heute so gut gebraucht werden könnte, um das Mobiltelephon zu bezeichnen. Lässt sich da nichts machen? Der Wortgebrauch scheint mir ohnehin stark rückläufig, übers Tefau zu meckern in der Internetära zudem weitgehend obsolet. Vielleicht darf man den Ausdruck also als bereits wieder frei geworden betrachten und somit auf besagtes Gerät anwenden.
Denn der Umgang mit diesem ist, soweit ich sehe, genau das: ein Glotzen. Manche sagen: ein Starren, auch das stimmt, aber vom „Handy“ als „Starre“ zu reden, wäre dann wohl doch zu abseitig.
Warum aber nicht „Glotze“? Es wird geglotzt, es wird gewischt, wieder geglotzt, getippt, wieder geglotzt und so weiter und so fort, das kann eine kleine Ewigkeit so gehen, manchmal auch nur ein paar Sekunden, dafür aber immer alle paar Minuten.
Nur selten noch wird geschwatzt. Zu oft, an der Lästigkeit gemessen, wenn es öffentlich geschieht, im Ganzen aber doch seltener, als der Begriff des Telephons vermuten ließe. Es gibt sogar, höre ich und habe es selbst bei einigen bemerkt, Fortgeschrittene, die gar nicht mehr mit dem Mobiltelephon telephonieren. Sie tippen nur noch, was sie zu sagen haben.
Es geht also ums Glotzen, Glotzen, Glotzen, und darum wäre Glotze so ein passender Ausdruck. Ich rate dringend dazu, ihn zu verwenden. Und wäre es auch nur in der pseudanglisierten Form „Glotzy“.

Dienstag, 13. Mai 2025

„Kultur“ im postkulturellen Zeitalter

Ja ja, stimmt schon, man sollte den „Spiegel“ nicht lesen. Aber irgendwie geriet ich an die Onlineversion, als ich mal eben rasch im Netz die Schlagzeilen des heutigen Tages überfliegen wollte. Und dann wunderte ich mich doch, dass da nichts aus dem Bereich zu finden war, den man früher einem Feuilleton zugeordnet hätte. Ich suchte ― und fand die Rubrik „Kultur“ und darin folgende aktuelle Schlagzeilen:
„Schlechte Quoten: RTL beendet Raab-Show ‘Du gewinnst hier nicht die Million’“;
„Urteil in Frankreich: Schauspieler Gérard Depardieu wegen sexueller Gewalt schuldig gesprochen“;
„Protestschreiben gegen Intendanten: Neue Vorwürfe gegen Hamburger Ballettchef Demis Volpi“;
„Neue Streamingserie: Jude Law und Andrew Garfield spielen ‘Siefgried & Roy’“;
„’Aus Gründen des Anstands’: Filmfestival von Cannes verbietet zu viel nackte Haut auf rotem Teppich“;
„Prozessauftakt in New York: Zeuge spricht über Sean Combs ‘teuflischen Blick’“.
Nennt mich erzkonservativ und vorvorgestrig, aber wenn das „Kultur“ ist, dann will ich nicht wissen, was Unterhaltungskommerz, Publikumsverarschung und Lüsternheitsökonomie ist.

Freitag, 4. April 2025

Zeitvertreib statt Lebenssinn

Wenn die Leute (die meisten schon im Ruhestand) im Tefau nach ihren Hobbys befragt werden, bin ich von den Antworten oft unangenehm überrascht. „Ich fahre gerne Fahrrad.“ Ein Fahrrad ist ein Fortbewegungsmittel. Sich fortzubewegen ist für sich genommen noch keine Freizeitbeschäftigung. Dasselbe gilt für als Hobby angeführte Automobile, Motorräder und dergleichen. Selbst wenn daran geschraubt werden muss. „Wir verreisen gern.“ Mag sein, aber doch nicht jede Woche. Ortswechsel sind kein Hobby. „Mein Hund.“ Ein Haustier ist ein Lebewesen und kein Steckenpferd. „Meine Enkel.“ Um Gottes willen! „Mein Mann.“ Geht’s noch? Was für asoziales Gesocks ist das denn, das Sozialbeziehungen, mögen sie Geschenk oder Last sein, als Freizeitgestaltung betrachtet. So wie vorher in „Beruf und Familie“, oder wie? Wo Ehemann (oder Ehefrau) und Kinder Teil der Doppelbelastung waren, das familiäre Zusammenleben also nicht Sinn und Zweck des Gelderwerbs (neben der Selbsterhaltung), sondern vorübergehendes Beiwerk.
Gewiss gibt es auch Leute, die Volkstanz machen, Kreuzworträtsel lösen, Sonnenuntergänge oder Gänseblümchen photgraphieren, Angeln oder Stricken. Aber selbst all das ist doch bloß Zeitvertreib. Das kann doch kein erfülltes Leben sein. Das dient doch offensichtlich im Gegenteil dazu, die Frage danach, was eine sinnvolle Lebensführung sein könnte, gar nicht erst aufkommen zu lassen.
Die Leute verschwenden ihr Leben, das einzige, das sie haben, mit oft sinnloser Erwerbsarbeit und völlig sinnbefreiten und noch nicht einmal halbwegs aufregenden Tätigkeiten, die im Grunde nur Vertrödeln und Verblöden sind. Wie bescheuert ist das denn!
Ich verstehe das wirklich nicht. Warum gibt es diese Leute? Interessiert sie das nicht? Sind sie so von ihren Gewohnheiten und der allgemeinen Gewöhnlichkeit zugedröhnt, dass das Ungeheure ― „Ich habe nur dieses eine Leben, daraus muss ich etwas machen!“ bei ihnen nicht aufkommt? Ist ihre Existenz für sie ein Zufall, der irgendwann vorüber ist, nichts, was Gründe, Ursache, Zwecke, Ziele hat, nichts für dessen Gestaltung oder Vergeudung man sich rechtfertigen müsste? Und wäre es nur vor sich selbst … Ich finde das unanständig.

Dienstag, 4. Februar 2025

Anziehsachen

Es gibt heutzutage Menschen, die haben einen Beruf daraus gemacht, dass sie sich anziehen (und andere dabei zusehen lassen).
 
Das finde ich erstaunlich. Aber richtig schlimm scheint mir, dass es Menschen gibt, die aus dem Anziehen einen Lebensinhalt gemacht haben.
 
Mir ist so wurscht, wer was anhat (Hauptsache, es verhüllt, was ich ungern sähe), dass mir die, denen es offensichtlich ganz und nicht egal ist, zuweilen ziemlich auf die Nerven gehen.

Ästhetisches Verhalten ist ethisches Verhalten. Schon der Versuch, der ja nicht selten kläglich scheitert, das eigene Aussehen nach den gerade geltenden Regeln zu gestalten, erscheint mir mitunter als Affront. Hast du schon die Welt gerettet? Nein? Dann kümmere dich doch erstmal darum, bevor du hier als Möchtegern-Modepüppchen rumstolzierst.
 
(Männer, die viel Aufhebens um ihr Aussehen machen ― Kleidung, Frisur, teurer Duft, gebleichte Zähne, antrainierte Muskeln, nicht zuletzt piercings und tattoos ― finde ich zumeist spontan unattraktiv. Vielleicht unterstelle ich immer einen Mangel an Persönlichkeit.)

Mir ist schon klar, dass Kleidung immer auch eine symbolische Funktion hat und seit jeher der Distinktion dient. Und doch wäre mir am liebsten, der code lautete einfach immer nur: Das ist bequem und erfüllt seinen Zweck.
 
Aber unter den Herrschaft der Mode sendet selbst der, der (wie ich) sich der Mode verweigert (einfach weil er sie zumeist gar nicht kennt) eine lesbare Botschaft.

Mittwoch, 28. August 2024

Sport als Politik

Sportspektakel haben eine an die Massen gerichtete eindeutige politische Botschaft der Veranstalter und Profiteure: „Wir verachten Euch. Ihr seid so dumm! Statt Euch um das zu kümmern, was Euch betrifft, lasst ihr Euch von uns mit irgendwelchem Schwachsinn, völlig sinnlosen körperlichen ‘Leistungen’, ablenken. Wir stehlen Euch Eure Zeit, Eure Aufmerksamkeit und womöglich auch Euer Geld. Jedenfalls aber verkaufen wir Euch für dumm und Ihr merkt es noch nicht einmal. Ihr investiert große Gefühle und bekommt nichts dafür als hysterisch plappernde Reporter, Nationalhymnen vom Band und Sportler, die in Medaillen beißen. Was seid Ihr doch für ein minderwertiger Pöbel!“

Mittwoch, 14. August 2024

„Sommermärchen“

Wer zum Teufel hat eigentlich damals diesen dämlichen Ausdruck „Sommermärchen“ aufgebracht, der seither jedes Jahr bei jeder Gelegenheit nachgeplappert wird? Was soll das überhaupt sein, ein „Sommermärchen“? So etwas wie ein „Sommerhit“, aber als Massenspektakel? Wahrscheinlich fing das 2006 an, als irgendwer den Titel Heines Versepos „Deutschland, ein Wintermärchen“ abwandelte, als sich nämlich „Deutschland“, will sagen: die lautesten Teile Bevölkerung der BRD, während und nach der Fußball-Weltmeisterschaft plötzlich in der Illusion wog, man sei im Ausland doch nicht so unbeliebt, wie man insgeheim immer angenommen hatte, und der massenhafte Verkauf von schwarz-rot-goldenem Fan-Artikeln sei rührend Ausdruck einer nationalen Gemeinschaftlichkeit.
Tatsächlich wird Kleindeutschland im Ausland immer überschätzt. Die Deutschen gelten als ebenso humorlos wie effizient, ordentlich und gründlich. Wer je mit wachen Sinnen in der BRD war, weiß, dass beides Qutasch ist. Es gibt dort ausgezeichnete Satiriker und eine marode Infrakstruktur, eine alles blockierende Bürokratie und eine politische Elite, die nur mit sich selbst und ihrem Fortkommen befasst ist, während sie nicht im Traum daran denkt, reale Probleme realistischen Lösungen zuzuführen. Wie wenig in deutschen Landen tatsächlich gut funktioniert, konnten die Besucher bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2024 ja detailreich beobachten (solange sie nüchtern waren).
Das ist wohl auch der Grund, warum man sich nach irgenwelchen „Sommermärchen“ sehnt: Für ein paar Tage oder Wochen stundenweise fernab der Realität in völlig bedeutungslosen Gefühlen schwelgen, einem „Wir“ huldigen, das völlig substanzlos ist, und Leistungen hemmungslos bewundern oder betrauern, die nichts, aber schon gar nichts mit dem eigenen Leben oder der Fülle anstehender gesellschaftlicher Probleme zu tun haben.
Und die Herrschenden sind durchaus bemüht, solche konsumbefördernden Spektakel zu bieten. Mal Fußball, mal Olympia, mal Konzerte von Adele und Taylor Swift ― ha, hoppla, bei letzteren hat irgendwo irgendwer dazwischengefunkt. Aber so eine Konzertabsage mit anschließender Fan-Hysterie im öffentlichen Raum, das ist doch auch ein hübsches Spektake, fast schon ein kleines „Sommermärchen“ (halt nur eines für Mädchen; beiderlei Geschlechts).