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Dienstag, 14. Juli 2026

Über Wahrheit, Wissen, Glauben

Man könnte sagen (und hat es gesagt): Ein Fledermaus fliegt selbsttätig durch die Luft, also ist sie ein Vogel. Denn Vögel sind Lebewesen, die selbsttätig durch die Luft fliegen. Ein klares, durchaus sinnvolles Kriterium und ein unbestreitbarer Befund liegen vor, die Sache ist geklärt.
Man könnte sagen (und hat es gesagt): Ein Biber schwimmt selbsttätig durch das und im Wasser, also ist er ein Fisch. Denn Fische sind Lebewesen, die selbsttätig durch das und im Wasser schwimmen. Ein klares, durchaus sinnvolles Kriterium und ein unbestreitbarer Befund liegen vor, die Sache ist geklärt.
Dass man zu anderen Zeiten andere Kriterien anlegte und also die Befunde anders deutete, lag aber nicht an besserer „Einsicht“ in die „wahren Verhältnisse“, sondern an einer anderen Formierung der Wissenschaft. Keineswegs an einer rationaleren oder realistischerem, sondern bloß an einer anderen. Denn dass Vögel fliegen und Fische schwimmen, sind empirische Fakten, und an der Deutung, also sind Fledermäuse Vögel und Biber Fische,ist nichts unvernünftig. „Falsch“ wird diese Deutung erst durch einen Wechsel der Kriterien. Statt sich auf Erfahrung zu verlassen ― „Schau hin, sie fliegt, schau hin, er schwimmt!“ ―, stützte man sich auf anatomisch-physiologische Systembildungen. Das kann man machen, setzt aber die, die es anders gemacht haben in einer umfassenderen, nicht bloß der aktuellen Interpretation verhafteten Sichtweise nicht ins Unrecht.
Es war also nicht so, dass die, die einst in der Fastenzeit Biber trotz des Fleischverbotes essen zu dürfen meinten, weil ein Biber ja ein Fisch sei (und Fisch kein Fleisch sei), betrügen wollten. Sie sahen die Sachlage bloß anders. ― Ganz abgesehen von der Hypothese, Mönche und Nonnen hätten willkürlich ihr Seelenheil aufs Spiel gesetzt, nur um außer Fisch auch Biber essen zu können. Das ist genauso absurd wie die Deutung der schwäbischen Maultaschen als „Hergottsbscheißerle“; also ob die Kleriker nicht bedacht hätten, dass das verbotene Fleisch in einer Teighülle zu verstecken, gegenüber einem allwissenden Gott nicht funktionieren könne, selbst wenn sie überhaupt, warum auch immer, hätten „bescheißen“ wollen.
Die These, dass eine zoologische „Wahrheit“ von Kriterien abhängig sein könnte, die innerhalb eines jeweils so oder so gestalteten wissenschaftlichen Beschäftigungszusammenhanges angewandt oder nicht angewandt werden, ist eine arge Zumutung für die, die auf die absolute Gewissheit naturwissenschaftlicher Erkenntnis vertrauen möchten (und es auch tun, manche geradezu fanatisch). Für sie ist nämlich ein Wal „in Wahrheit“ kein Fisch, wobei sie mit „wahr“ meinen: zu allen Zeiten, an allen Orten und unter allen Bedingungen wahr (statt „nur gemäß einer bestimmten, so und so begründeten Deutung wahr“) . In Wahrheit gibt es aber solche absoluten Wahrheiten in den Naturwissenschaften gar nicht. Sagen zumindest die Naturwissenschaftler, die sich wissenschaftstheoretisch informiert haben: In den Naturwissenschaften gilt das als vorläufig war, was noch nicht schlüssig widerlegt wurde.
In der Praxis stimmt das freilich nicht, sondern viele Naturwissenschaftler verlünden ihre Erkenntnisse als unumstößliche Wahrheiten. Sei’s drum. Wissenschaftstheorie ist selbst keine Naturwissenschaft und folgt anderen Kriterien …
Prinzipiell jederzeit falsifizierbare Wahrheit ist im Grunde nur Wahrscheinlichkeit. „Alles oder doch das meiste, was wir derzeit darüber wissen, spricht dafür, dass es sich so und so verhält. Es könnte auch anders sein, aber das halten wir derzeit für unwahrscheinlich.“
Ein Zumutung, wie gesagt, für die, die an Gewissheit glauben wollen. Und die gerade darum übersehen, dass es Gewissheit nur durch glauben gibt. Denn der ist nicht das Gegenteil von Wissen ― „Wer nichts weiß, muss alles glauben“ ―, sondern im Gegenteil die Grundlage allen Wissens ― „Wer nichts glaubt, kann auch nichts wissen“. Glauben ist nicht einfach Für-wahr-Halten, schon gar nicht immer grundloses, sondern Einsicht in die Tatsächlichkeit. Wissen, heißt es, ist begründetes Meinen. Glauben, könnte man sagen, ist gegründetes Wissen.
Wissenschaft (im allgemeinen Sinne, nicht bloß als Naturwissenschaften) ist immer auch dies: Erkundung der Kriterien für wahr und falsch, die innerhalb eines Deutungszusammenhanges zur Anwendung kommen. Das ist durchaus ein infiniter Regress, wenn es nicht nur um Deskription („X wird aus dem und dem Grund für wahr gehalten“), sondern um die Wahrheit von Wahrheiten geht: „Ist es wahr, dass X wahr ist? Ist es wahr, dass es wahr ist, dass X wahr ist?“). Der Regress kann pragmatisch und methodisch abgebrochen werden ― „Wir beschäftigen uns hier nur mit …“ ―, aber er ist keineswegs so abwegig und unerträglich, wie viele befürchten. Wenn es immer und jederzeit darum geht, Wahrheitskriterien zu untersuchen (anhand bestimmter Wahrheitskriterien), dann hört das zwar nie auf, befreit aber zugleich von gewissen Wahrheitszwängen und eröffnet Zugänge zu Wahrheit, die nicht bloß in betrieblich, kulturell, ideologisch usw. vorgegebenen Bahnen sich zeigt.
Letzte Wahrheit, mit Verlaub, ist ein theologisches Thema. Oder doch zumindest ein metaphysisches. Letzte Wahrheit verweis auf Unbedingtes, also, traditionell gesagt, auf den Unbedingten, auf Gott. Auch daran scheiden sich gewiss die Geister. Und doch scheint der Gedanke unbedingt wahr, dass, wenn alles relativ ist, auch diese Relativität relativ sein muss. Und das schafft immerhin Platz für ein Absolutes. Wer dort wohnt, wer weiß es ...

Donnerstag, 2. Juli 2026

Zwei Skizzen (über die Mitmenschen)

Jeder Mensch hat dasselbe Recht darauf, danach beurteilt zu werden, ob er sich anständig verhält oder selbstsüchtig, heuchlerisch, schamlos, gierig, gemein und bösartig, ob er zu den Sachkundigen gehört oder zu dem Dampfplauderern, ob zu den Befähigten oder zu den Untauglichen, zu den Wohlgesinnten oder zu den Böswilligen, zu den Großzügigen, Hilfsbereiten und Verantwortungsvollen oder zu den Geizigen, Kaltherzigen und Gleichgültigen, zu den Selbstkritischen oder den Egomanen, zu den Barmherzigen oder den Grausamen, zu den Verbesserungswilligen oder den Angepassten; und je nach dem darf man jeden Menschen für einen erträglichen bis erfreulichen Zeitgenossen halten oder für einen minderwertigen.
Minderwertig im moralischen, kognitiven, charakterlichen Sinne, beurteilt nach Verhalten und geäußerten Überzeugungen; selbstverständlich nicht nach Abkunft, Herkunft, zufälliger Zugehörigkeit.
Minderwertigkeit ist kein Schicksal, schon gar kein angeborenes. Prägung, Erziehung, Milieu, Kontext ― das macht etwas mit den Menschen. Es gibt Strukturen, Institutionen, Gewohnheiten, obrigkeitliche Normen und soziokulturelle Anreize, die die Entfaltung der in jedem Menschen angelegten Güte behindern, beschränken, unterbinden. Wie man zum Guten geführt werden kann, so kann man zum Bösen verführt werden.
Die Möglichkeit zur Minderwertigkeit ist jedem gegeben, die Gefährdung ist groß, und doch gelingt es vielen, sich nicht reduzieren zu lassen aufs Niedrige und Gemeine, sondern ab und zu zu oder habituell das Richtige zu tun. Andererseits nutzen nur wenige die ebenfalls fast jedem gebotene Chance, dauerhaft angeeigneten Verkümmerung zu entkommen.
 
Andere Menschen haben andere Lebensentwürfe. Daran ist zunächst nichts Besonderes und auch nichts auszusetzen. Dass mir dies und das womöglich nicht gefällt, muss ich aushalten. Jeder darf so leben, wie er will, und soll so leben dürfen wie er kann. Allerdings sind die verschiedenen Lebensweise nie ganz ohne Auswirkungen aufeinander, Wirkungen, die unterschiedlich ausfallen, aber immer insgesamt das gesellschaftliche Gefüge bestimmen.
Wenn ich also vermuten muss und belegen kann, dass diese oder jene Lebensweise für andere unangenehm, bedrückend, gefährdend oder schädlich ist, vielleicht sogar für alle, für die Gesellschaft als ganze, dann bin ich nicht nur berechtigt, sondern verpflichtet, das zu kritisieren, Rechenschaft zu verlangen und auf Änderung zu drängen.

Freitag, 12. Juni 2026

Natur als theologische Herausforderung

Fressen und Gefressenwerden: Um leben zu können, muss getötet werden (Tier oder Pflanze). Wer hat die Welt so eingerichtet? Ein liebender Gott?

Montag, 4. Mai 2026

Du und deine Autonomie

Der, der du bist, bist du, weil du mit anderen zusammengelebt hast. Andere waren schon da, bevor du gezeugt wurdest. Denn wäre hätte dich gezeugt, du dich etwa selbst? Nein, andere waren es, von denen du gezeugt, empfangen, ausgetragen, geboren, jahrelang umsorgt und aufgezogen wurdest. Von anderen hast du sprechen gelernt und damit auch (in Begriffen) zu denken. Von anderen hast du gelernt, wie des und das heißt, was es mit dem und jenem auf sich hat, was man damit tun oder nicht tun kann, wie dies und das zu bewerten ist. Und selbst wenn du irgendwann das, was du gelernt hast, in Frage gestellt und sogar verworfen hast, konntest du das nur auf der Grundlage des Gelernten, denn um mit Gewohnheiten und Überzeugungen, mit Weltsichten und Weltanschauungen, mit den den dir vertrauten moralischen, politischen, ästhetischen usw. Wahrnehmungen und Wertungen brechen zu können, musstest du diese erst einmal haben. Und du hattest sie von anderen. Selbst deine Vorlieben und Abneigungen hast du an dem ausgebildet, was andere hatten, durch Übernahme und Abgrenzung, auf jeden Fall aber im Verhältnis zu anderen. Tatsächlich bist du immer noch in vielem, vielleicht sogar fast allem geprägt von dem, was dich mit anderen verbindet. Du hast übernommen und übernimmst immer noch. Um unter und mit anderen zu leben, passt du dich an und fügst dich ein. Wonach du verlangst, Wonach du strebst, was du für Erfolg und Befriedigung hältst, hast du anhand des Vorlebens anderer ausgebildet und beurteilst es nach Kriterien, die du nicht selbst erfunden hast.
Nun gibt es schlaue Menschen, die erklären dir, du seist ein souveränes Subjekt und solltest gefälligst autonom sein. Das hörst du gern. Es schmeichelt dir. Niemand soll dir was dreinreden, du weißt selbst am Besten, was gut für dich ist. Bloß, woher nimmst du, der Gesetzgeber deiner Selbst, die Begriffe und Normen deiner Gesetzgebung? Worauf gründest du sie? Auf die Kontingenz deiner Wünsche und Ängste, deiner Begehrlichkeiten und Möglichkeiten? Und angenommen, du vermöchtest deine ethische Autonomie irgendwie hervorzuzaubern wie der Zauberkünstler das Kanichen aus dem Zylinder (das aber schon drin war, als der Hut angeblich leer war), was ist mit den anderen? Die sind doch auch autonom, oder? Wenn aber jeder seine eigenen Gesetze macht, wenn auch nur für sich selbst, wie soll da ein Zusammenleben möglich sein? Geschweige denn, ein gedeihliches?
Die Selbstgesetzgebung des Individuum, die die bürgerliche Ideologie propagiert, ist eine Lüge. Sie kann nicht gelingen, weil sie weder über Grund noch Folgen der angeblichen Autonomie (in Wahrheit Egomanie) zustimmungsfähig Auskunft geben kann. Was jedoch durchaus möglich und vernünftig ist, ist die Gestaltung eines herrschaftsfreien Zusammenlebens, bei dem jeder für jeden da ist, falls nötig, und jeder jedem jede Freiheit gewährt, sofern möglich. Mit anderen Worten: Anarchie statt Autonomie.
Im herrschaftsfreien Zusammenleben kannst du „dich“ am besten „verwirklichen“, also deine Endlichkeit annehmen, deine Möglichkeiten ausschöpfen oder erweitern, schöpferisch sein und in Ruhe gelassen werden, dein Ding machen und auf der Grundlage der Faktizität der Alterität und Interdependenz neue Freiheiten entdecken. Du musst weder das Rad neu erfinden, noch Räder stehlen. Du kannst dein eigenes Rad machen oder Räder mit anderen teilen. Du kannst Alternativen zum Rad ausprobieren oder radfrei leben. Sei frei, nicht autonom!

Samstag, 4. April 2026

Vereinfachen oder verkomplizieren

Man könnte mir nachsagen, ich sei ein schrecklicher Vereinfacher. Ich striche dann „schrecklich“ und ersetzte es durch „wunderbar“. Aber so einfach darf man es sich gewiss nicht machen.
Tatsächlich bin ich ein schlichtes Gemüt. Will sagen, um etwas verstehen zu können, muss ich es mir so zurechtlegen, dass es ich es handhaben kann. Es sozusagen mundgerecht schneiden, statt das Maul zu weit aufzureißen und mich dann an übergroßen Bissen zu verschlucken.
Im Grunde macht das jeder, mit mehr oder weniger Geschick: Was man verstehen will, muss verständlich gemacht werden, muss den eigenen Möglichkeiten des Verstehens angepasst werden, der eigenen Begrifflichkeit, den eigenen Denkgewohnheiten angepasst werden. Freilich kann man auch sich selbst verändern, um etwas zu verstehen, neue Begriffe, neue Denkweisen einüben. Manche allerdings lassen das, was sie nicht verstanden haben, einfach so stehen, machen aber trotzdem davon Gebrauch, um so schlauer zu wirken, als sie sind …
Darin, das Komplizierte zwar nicht auf Simples zu reduzieren, aber doch verweisen zu lassen, sehe ich übrigens auch eine notwendige Methode der Philosophie. Indem man vereinfacht, kann man auch Schwieriges begreifen, jedenfalls ein Stück weit. Denn etwas Kompliziertes ist ja aus Elementen zusammengesetzt, die keineswegs selbst kompliziert sein müssen. So kann man schrittweise verstehen oder mit dem eigenen Unverständnis umgehen lernen.
Meinem Verständnis von Philosophie entgegengesetzt handeln viele Schaudenker, Schönredner und Dummschwätzer, die ihre Geschäftstätigkeit darauf gründen, das Einfache möglichst vertrackt und unübersichtlich darzubieten. So simulieren sie Tiefsinn und erhöhten Durchblick. Derlei wird dann gern von denen gekauft, die am Distinktionsgewinn durch das ornamentale Geschwafel der schrecklichen Verkomplizierer teilhaben wollen.
In Wahrheit erlaubtem erst Klarheit und Deutlichkeit, also auch das Vereinfachen des Schwierigen und Zerlegen des Komplizierten, kritisches Denken. Die Verhältnisse sind oft unübersichtlich genug, künstliche Schwierigkeiten einzuführen und Verständnishindernisse aufzurichten. ist autoritär und elitär.
Der Trick ist oft, Kritik am Verkomplizieren damit zurückzuweisen, dass die Kritiker einfach nicht den Komplexitätsgrad erkannt und verstanden hätten, der von der Sache her geboten sei. Das ist ein Denkfehler: Je komplizierter etwas ist, desto einfacher muss es Schritt für Schritt gemacht werden. Das Verstandenhaben von schwer zu Verstehendem durch gewollte Unverständlichkeit zu simulieren, ist denkfeindlich.
Selbstverständlich muss angemessene von unangemessener Vereinfachung unterschieden werden. Von Mal zu Mal. Darin besteht ja die Kunst, das Herausfordende nicht um seinen Gehalt zu bringen, sondern mit geeigneten Mittel von den Widrigkeiten der Unzugänglichkeit, Unfassbarkeit, Undurchdringlichkeit zu befreien. Wenn denn da überhaupt ein Gehalt ist und nicht nur heiße Luft.
Was jeweils angemessen ist, entscheidet der Erkenntnisgewinn. Klingt einfach, ist es aber nicht. Jetzt habe ich es verstanden, freut sich ein Subjekt, aber andere Subjekte schütteln nur den Kopf. Und der Prozess des Verständlichmachens geht weiter. Wirklich verstanden hat man nur, was man anderen verständlich machen kann.
Es ist besser, von etwas nur ein bisschen zu verstehen, als gar nichts. Lieber ein produktives Missverständnis als völliges Unverständnis. Besser etwas besser verstehen, als es gemeint ist, als schlechter, als es gemeint sein könnte. Und auf jeden Fall ist Vereinfachen, das verstehen lässt, dem Verkomplizieren vorzuziehen, das bloß beeindrucken will und von Verstehen ausschließt. 

Karsamstagsmeditation

Ich bin Anarchist, weil ich überzeugt bin, , dass nur ein herrschaftsfreies Zusammenleben der menschlichen Würde entspricht, dass nur unter den Bedingungen gewaltloser Gleichheit und gleichberechtigter Verschiedenheit eine wirklich vernünftige und gerechte Ordnung gestaltet werden kann, dass nur so das Wohlergehen von jedem und allen erreicht werden und gewahrt bleiben kann. Zugleich glaube ich an Gott, weil selbst die besten irdischen Zustände, die Freiheit, Gerechtigkeit und Wohlstand gewähren, nicht genügen ― denn warum und wozu das alles? Am Leben zu sein und glücklich miteinander zu leben, sich ohne Zwang entfalten zu können und seine schöpferischen Möglichkeiten zum eigenen und allgemeinen Wohl oder doch Wohlgefallen auszuschöpfen, das ist unmöglich ein Selbstzweck. Zufriedenheit und Glück kann nicht alles gewesen sein, denn Menschen sind endlich und sterblich. Mit dem Tod eines Einzelnen schon stirbt ein Teil der Welt und scheint unwiederbringlich verloren. Welchen Sinn hat es, für den Einzelnen zu kämpfen, wenn er sterben muss? Wenn die Welt zu Grunde gehen kann und irgendwann auch wird.
Es muss doch für all das, wofür es sich einzusetzen lohnt, einen Grund und einen Sinn geben, der über das Endliche und Vergänglich hinausweist, einen letzten Sinn, ein letztes Ziel, eine letzte Erfüllung. Das aber kann nicht von diese Welt sein, es muss transzendent sein. Es kann auch nicht etwas sein, es muss jemand sein: Gott. Das vollkommene und vollkommen gute Wesen, dass alles geschaffen hat und erhält. Auf ihn ist alles ausgerichtet, in ihm findet alles Grund und Sinn.
Darum gehören für mich Anarchismus und Glaube zusammen. Gott ist Freiheit. Wer Gott und seinen Nächsten liebt, will Freiheit, will Würde und Gerechtigkeit, will, dass es allen geistig, seelisch, körperlich gut geht. Er will auf keinen Fall Unterdrückung, Ausbeutung, Zerstörung und Tod. Weil aber Menschen sterblich und schon so viele gestorben sind, muss es den einen geben, der den Tod besiegt und das ewige Leben gewährt.
Leid und Tod sind Folgen der Sünde, der eigenen Sünden und der Sünden der anderen, an denen man mitträgt, einfach, weil man Mensch unter Menschen ist. Sünde ist Unfreiheit, Leid ist der erlebte Widerspruch von Sein und Sollen. Gott allein kann davon befreien. Nur seine Gnade kann zu einem freien, nämlich auch sündenfreien Menschen machen und zur ewigen Seligkeit führen. Unterwegs dahin müssen die Menschen alles tun, um der Herrschaft der Sünde entgegenzutreten und sich ihr nicht zu unterwerfen.
Das ist für mich Anarchismus: Unaufhörlicher Kampf gegen das Böse, gegen das System, des Bösen, gegen die Verführung zum Bösen, und der Versuch, schon jetzt anders, besser, freier, fürsorglicher, gerechter, rücksichtsvoller, schöpferischer mit einander umzugehen und für dafür Denkweisen und Organisationsformen zu entwerfen und zu praktizieren.
Herrschaft von Menschen über Menschen (und die angestrebte Herrschaft von Maschinen über Menschen) ist unmoralisch, dumm und zerstörerisch. Was man das „Reich Gottes“ nennt ist gut, weise, vernünftig, gerecht und schöpferisch. In Gemeinschaft mit Gott ist den Menschen alles möglich. Auch das ewige Leben.

Samstag, 14. März 2026

Über Natur als etwas Kulturelles

Natur kommt in der Natur nicht vor. Natur, was auch immer man darunter verstehen will, wird ausschließlich innerhalb von dem, was man Kultur nennt, zum Thema. Das bedeutet nicht, dass es nichts außerhalb von Kultur gibt, sondern dass das „Außerkulturelle“, was immer es sein mag, nur „innerkulturell“ zur Sprache kommen kann. Nichts Wirkliches, sei es auch noch so mächtig und wirke es auch noch so ungewusst und unbewusst, kann auf den Begriff gebracht werden, ohne dass das im menschlichen Denken geschieht.
Das gilt auch für die sogenannten Naturwissenschaften. Auch wenn ihre Gegenstände nichts Kulturelles sind (worüber man übrigens verschiedener Meinung sein kann: Heißt etwas zum Gegenstand zu machen nicht immer auch, es in seiner Gegenständlichkeit zu setzen?), auch wenn also die sogenannten objektiven Naturtatsachen als unabhängig von Menschen existierend konzipiert werden, so sind doch die wissenschaftlichen Tätigkeiten des Beobachtens, Messens, Auswertens, Beschreibens, Theoretisierens (und auch noch das Übertragen solcher Funktionen an Maschinen) und selbstverständlich auch das Betreiben von Forschungseinrichtungen, Bildungseinrichtungen, Fachpublikationen, Konferenzen usw. usf. allesamt menschliche Tätigkeiten, die nur innerhalb eines sozialen und damit kulturellen Kontextes stattfinden und nur in diesem Rahmen als sinnvoll erscheinen können.
Natur ist außerhalb von Kultur nicht zugänglich. Jeder Naturbegriff setzt kulturelle Zusammenhänge voraus und gilt nur innerhalb von ihnen. Wer also, wie manche es beanspruchen oder fordern, über den Menschen hinaus denken und die Perspektive von Außermenschlichem (der Umwelt, dem Planeten, dem Kosmos oder was auch immer) einnehmen will, sollte bedenken, dass er das, wenn überhaupt, nur als Mensch kann. Nur Menschen können versuchen, sich vorzustellen, wie es wäre, wenn es sie nicht gäbe oder wenn für sie Bedingungen gälten, die weit über sie hinausgingen.
Dass alle Rede von Natur ein kulturelles Tun ist, ist ethisch wichtig und auch epistemologisch. Den einerseits müssen alle Konzept der Realität sich fragen lassen, was sie für das menschliche Tun und Lassen bedeuten, ob sie Handlungsfähigkeit und das Übernehmen von (wie auch immer begrenzter) Verantwortung stärken oder ob sie Ausreden fördern und den bequemen Rückzug auf ein Gefühl der Vergeblichkeit und des Ausgeliefertseins. Andererseits muss die Unvermeidbarkeit des Menschlichen an allen aufs Außermenschliche gerichteten Erkenntnisbestrebungen unbedingt (wenn schon nicht in der Methodologie der Naturwissenschaftem so doch in der Philosophie) mitbedacht werden, weil bei derlei Bemühungen sonst bloß unehrliche Ideologie und falscher Mythos herauskommen können.
Mag sein, dass der Mensch nicht das Maß aller Dinge ist. Aber jedes Maß, das Menschen anlegen sollen, muss eben von ihnen angelegt werden. Ein anders Maß, einen anderen Maßstab zu fordern, ist nur dann sinnvolle Rede, wenn sie sich an Menschen richtet. Wer sonst sollte etwas an seiner Sichtweise, gar an seinem Handeln ändern?

Donnerstag, 12. März 2026

Strafe oder Einsicht, Mensch oder Funktion

In einer Diskussion über China zitiert jemand eine alte Frau, die gesagt habe, wenn ihr ein junger Mann im Bus seinen Sitzplatz anbiete, sei es völlig egal, ob er das aus Höflichkeit tue oder weil er sonst ein Punktabzug im Sozialen Kreditsystem befürchten müsse.
Ich finde das entsetzlich. Die Reduktion des Mitmenschen auf die Funktion, die er für mich hat, ist entwürdigend, für beide Seiten. Wenn man annehmen muss, alle Menschen, mit denen man es zu tun habe, verhielten sich nicht freiwillig und auf Grund ihrer moralischen Überzeugungen so, wie sie sich verhalten, sondern unter Druck und aus Angst, dann lebt man in einer Gesellschaft des permanenten Terrors.
Zu sehr haben sich die Insassen der modernen Zivilisation daran gewöhnt, im Alltag regelmäßig rein funktionale Beziehungen zu einander zu haben, asoziale Beziehungen sozusagen, entmenschlichte. Der Busfahrer, die Supermarktkassiererin, die Person am Schalter oder bei der Service-Hotline usw. usf.: Nie geht es um die Person als solche, nicht um ihren Charakter, ihre Geschichte, ihre Lebenssituation, ihre Wünsche, Träume, Vorlieben. Meist auch nicht um ihren Namen oder ihr Aussehen. Der Mensch, mit dem ich es zu tun habe, hat nur eine Funktion für mich, es geht um das, was ich will und der andere für mich tun soll.
Genau darum gibt es ja die Tendenz, Menschen durch Maschinen zu ersetzen: Fahrkartenautomaten und „autonom“ fahrende Busse, Supermarktkassen, an denen man die Warenpreis selbst addieren lassen muss, Computerprogramme, die Auskünfte geben und „weiterhelfen“. Störanfällig und oft ohne Spezialwissen nicht zu bedienen (und wie soll man ein Gerät fragen, wie man es bedienen soll?), aber der Zug der Zeit: kein Lohn, kein Krankenstand, kein Betriebsrat.
Die Phantasien gehen ja bekanntlich noch weiter: Roboter, die in Krankenhäusern pflegen und womöglich sogar behandeln;, die die Betreuung und den Unterricht für Kinder übernehmen und einen Sozialkontaktersatz für einsame Alte übernehmen. Roboter, die Kriege ausführen, deren Strategien Computer errechnet haben.
Die schrittweise Abschaffung sozialer Beziehungen und ihre Ersetzung durch automatisierte Funktionen findet unter dem allbeherrschenden Gesetz der Profitmaximierung als Zwang statt; angedient freilich wird sie den Benützern (die damit freilich immer mehr zu Benützten werden) Erleichterung und Entlastung, als Vereinfachung und Verbesserung, zudem getarnt als Spielzeug und putzige Quasilebewesen: Seht nur was für niedliche Kinderaugen der Roboter hat, wie er als Hundchen lustig kläfft, wie geschickt er tanzt oder Akrobatik vollführt! Wie soll man etwas gegen die Entmenschlichung haben, wenn sie so sentimental und spektakulär daherkommt! Inzwischen lassen sich Menschen nicht nur von chatbots in allen Lebenslagen beraten, sie verlieben sich sogar in sie ― und wollen sie heiraten.
Doch zurück zur alten Chinesen vom Anfang. Angeblich erfreut sich das (noch in Testphasen befindliche Sozialkreditsystem) größter Zustimmung und Beliebtheit. Ob das stimmt, kann man nicht wissen, da es im kommunistisch beherrschten China weder freie Medien noch unabhängige Demoskopie gibt; und wer Teil eines Testprojektes ist, kann ohnehin nur zustimmen …
Erwünschtes Verhalten wird belohnt, unerwünschtes bestraft, noch dazu schön in Zahlen ausgedrückt mit einem Punktesystem. Wem es an Punkten mangelt, der kommt beruflich nicht voran oder verliert sogar seinen Arbeitsplatz, darf nicht reisen (schon gar nicht ins Ausland), ihm wird die Geschwindigkeit des (ohnehin allgemein zensierten) Internets gedrosselt, er zahlt höhere Steuern usw. usf. Den Müll nicht trennen, im Bus einer Oma den Sitzplatz nicht anbieten, die falschen Bücher lesen wollen: Da spart man sich das Strafrecht und bestraft (wohl automatisiert) mit Punktabzug.
Wer will in solch einer Gesellschaft leben? Wie heruntergekommen muss eine Kultur sein, um derlei gut zu finden und nicht von ganzem Herzen zu hassen!
Probleme des Zusammenlebens sind politische und moralische Probleme und bedürfen deshalb politischer und moralischer Lösungen, keiner technischen. Das heißt nicht, dass sie nicht funktionieren. Mein Lieblingsbeispiel (bei dem es noch nicht einmal um Automatisierung geht); Selbstverständlich bringen Bodenschwellen in Straßen, die an Kindergärten und Schulen vorüberführen, die Autofahrer dazu, langsamer zu fahren, weil sie ihr Fahrzeug nicht schädigen wollen. Aber wäre es nicht besser, bereits ein Schild „Kindergarten“ oder „Schule“ brächte die Verkehrsteilnehmer auf Grund von einsichtsvoller Erziehung und selbständiger Einsicht dazu, sich ausreichend rücksichtsvoll und achtsam zu verhalten?
Welche Gesellschaft ist höher entwickelt und in welcher möchte man lieber leben: Einer, in der Menschen tun, was sie (nach Meinung der Obrigkeit) tun sollen, weil man sie mit Strafe und Lohn dazu zwingt? Oder in einer, in der die Menschen gute Umgangsformen haben und von sich aus, weil sie es wollen, das Richtige tun und das Falsche lassen?
Technische Lösungen sind effizient und darauf aus, Abweichungen zu eliminieren. Wer aber legt ihre Normen fest? Wer organisiert die Kontrolle und Auswertung? Wer sammelt die Daten und macht damit, was er will? Naturgemäß die, die an der Macht sind. Eine freie Gesellschaft gestaltet man damit nicht. Nur eine von gehorsamen Punktesklaven, von Heuchlern und Denunzianten. Es herrscht dann eine totalitäre Sozialpolizei, die sich tief in der Psyche verankern will. Gute Nacht, Menschlichkeit!

Verblödung in der Wissensgesellschaft

Wie kann es sein, dass wir angeblich in einer Wissensgesellschaft leben, die Leute aber immer blöder werden? Oder ist beides dasselbe. die Zunahme des Wissens und von dessen Bedeutung einerseits und andererseits die Fülle der Formen des Unwissens? Als ob das spezialisierte Wissen in einigen Bereichen ein unspezifisches Unwissen in so vielen anderen gleichsam mitproduzierte. Das alte Thema von Fachidiotie und mangelnder Allgemeinbildung? Gefördert von überforderten Schulen und höheren Bildungseinrichtungen, die nur formale Qualifikationen einfordern, auf Zusammenhänge und Bildungsweite und Bildungstiefe aber nicht achten können und wollen?
Wissen werde immer wichtiger, heißt es. Aber das ist Blödsinn. Wissen war immer schon wichtig und entscheidend. Schon die Jäger und Sammler, um die mal wieder zu erwähnen, mussten wissen, wie man jagt und was man sammelt und was man mit Gesammeltem und Erbeutetem anfangen kann. Und was giftig und unbekömmlich ist. Ihr Wissen war überlebenswichtig und wurde gewiss von Generation zu Generation weitergegeben. Heutzutage ist den hochtechnisierten und massiv arbeitsteiligen Gesellschaften das wichtige Wissen oft nicht mehr eine Frage von Leben oder Tod, sondern ein Bedienungswissen. Nahrung, Kleidung, Obdach, Medikation usw. ― darum kümmern sich im Grunde andere, die man dafür bezahlt. Man selbst muss eigentlich nur wissen, was man braucht, um einen Job erledigen zu können, der einem das Bezahlen erlaubt. Und man will wissen, wie man Spaß hat und von anderen akzeptiert wird (Spiel- und Sozialwissen).
Selbstverständlich stellen selbst unzureichende Bildungseinrichtungen eine Menge an Wissen zur Verfügung, das früher nur wenigen zugänglich war. Aber was soll man sagen, obwohl in so vielen Ländern fast jeder die Chance bekommt, Lesen und Schreiben zu lernen, hapert es (man schaue im Internet auf die Kommentare) bei viel zu vielen mit der Anwendung. Ebenso mit Geschichtswissen, Rechnen, den Grundlagen der Naturwissenschaften oder Kenntnissen von Literatur, Künsten, Musik.
Fast scheint es, das Bildungs- und Kommunikationssystem reserviere spezielles Wissen für wenige und enthalte Allgemeinbildung den Vielen vor. Verblödung ist kein Zufall, sondern systemimmanent. Wissen soll dem System dienen ― also der Profitmaximierung auf Kosten von Natur und Mensch ― , also praxisnah, beschränkt, zusammenhanglos und technisch sein. Grundsätzliche Fragen sollen entweder nicht vorkommen oder die Spinner, Träumer, Schwätzer sollen damit unter sich bleiben. Funktioniere, hab Spaß, nähre dich redlich und mucke nicht auf. Wisse nur, was du musst. Frag nicht zu viel. Bleib bei deinem Leisten.

Über permanente technische Innovation

Wozu braucht es immer mehr und immer neue Technik? Es liegt auf der Hand: Um die Menschen zu entmündigen, zu unterdrücken und auszubeuten. Man gaukelt ihnen zwar vor, „die Technik“ ― um diesen mythischen Ausdruck zu gebrauchen ― sei ihre Freundin. Das ist sie aber nicht und kann es nicht sein, nicht unter denen herrschenden Bedingungen, wenn also Entwicklung, Verbreitung und auch Anwendung technischer Phänomene fest in der Hand von profitsüchtigen Konzernen sind. Welches Interesse hätten diese daran, technische Mittel erfinden zu lassen und zur Verfügung zu stellen, die den Menschen ein freieres, selbstbestimmteres, gerechteres, würdevolleres Leben und Zusammenleben ermöglichten? Keines. Im Gegenteil. Man ködert mit Spieltrieb, Unterhaltung, Zerstreuung, ein wenig Bequemlichkeit (die oft mit Abhängigkeit bezahlt wird) und zwingt dann Geräte und Gebrauchsweisen auf, teils direkt (etwa in der Arbeitswelt), teils indirekt (durch Moden und sozialen Druck). „Die Technik“ ist ein Herrschaftsmittel ― und zwar umso mehr, als sie „nicht mehr wegzudenken“ ist (wie die verräterische Phase lautet), also den Alltag bestimmt, fest in individuellen Praktiken verwurzelt ist und als Dispositiv funktioniert als unkritisch hinzunehmender sozialer, politischer, kultureller, ökonomischer Rahmen, der festlegt, was geschehen darf und was nicht, was denkbar ist und was undenkbar.
Gewiss dient die permanente technische Innovation auch dem Umsatz: Technik als Ware soll rasch veralten, um durch neue ersetzt werden zu müssen. Das betrifft Geräte, Programme und auch bloßes Aussehen. Alles wird so konstruiert, dass es nicht dauerhaft zu gebrauchen ist. Die nächste Ware wartet schon. Aber das ist nur die Zwischenphase vor dem nächsten Innovationsschub, der dann eine neue Art von technischem Gerät einführt, die man unbedingt haben, der man sich unbedingt unterwerfen muss.
Technische Entwicklungen werden als unvermeidlich hingestellt: das und das wird kommen, das und das muss kommen, und wir werden es alle haben wollen. Kritik kann demnach nur technikfeindlich sein, weltfremd, spinnert. „Die Technik“ macht alles besser, schöner, einfacher. Und wenn sie mal nicht funktioniert, was in Wahrheit mindestens so sehr ihr normaler Status ist wie das Funktionieren, sind das Störungen, die mit noch mehr Technik leicht zu beheben sind. Grundsätzliche Fragen nach dem Sinn immer neuer technischer Produkte, immer stärkerer Abhängigkeit und Entmündigung werden nicht gestellt. Damit sind sie aber eigentlich auch beantwortet …

Mittwoch, 4. März 2026

Kollektivschuld

Das dumme Wort gegen das Konzept der Kollektivschuld, wenn alle schuldig seien, sei es niemand (Hannah Arendt, verkennt das Wesentliche und verdeckt das Entscheidende: dass nämlich individuelle Schuld und kollektive Schuld einander nicht nur nicht ausschließen, sondern bedingen. Nur weil Individuen mit ihrem Tun und Lassen schuldig werden, gibt es die Schuld von Kollektiven; und weil Kollektive Strukturen ausbilden, die zum Schuldigwerden verführen, anleiten, zwingen, laden Individuen Schuld auf sich, die sie von sich aus gar nicht gewollt hätten.
Bei individueller Schuld kommt es ganz genau darauf an, was dieser oder jener getan oder nicht getan hat, jedes Detail zählt und bedeutet etwas, es gibt unterschiedliches Ausmaß, unterschiedliche Schwere der Schuld, man kann je nachdem verschiedene Entlastungen und Entschuldigungen vorbringen, es kann Trotz oder Reue, Umkehr oder Versteifung, Sühne oder Gleichgültigkeit geben.
Kollektive Schuld ist anderer Art. Sie ergibt sich nicht einfach aus der Summe einzelner Taten, individueller Verfehlungen und böser Absichten. Bei ihr geht es um die Wirkungen von gemeinschaftlichen Verhaltensmustern, um Sitten und Gebräuche, um die Großen Erzählungen, die das kollektive Selbstverständnis bestimmen, um die geschichtliche Lage und das eingeübte Verhältnis zu anderen Kollektiven. Und es geht um Institutionen, Regeln, Normen, die dem Individuum auferlegt werden, ob es will oder nicht, denen es sich unter Umständen auch dann beugen muss, wenn es nicht damit einverstanden ist.
Nur individuelle Schuld gelten zu lassen, aber keine kollektive, privatisiert das Schuldigwerden, entsozialisiert, entpolitisiert und enthistorisiert es und verkleinert so Schuld auf das Einzelnen Mögliche, also auf im Ganzen meist ganz unbedeutende Taten, die ― außer bei einigen wenigen ― so monströs dann gar nicht zu sein scheinen, wie es der Monstrosität der Ereignisse entspräche. Täter, Tat und Schuld werden banalisiert und das Gewaltige gerät aus dem Blick. Geschichte hört dann auf, ethisch bewertet werden zu können. Politik liegt dann außerhalb der Moral.
Erst das kollektive Zusammenwirken aber, die Vielfältigkeit (und sogar Widersprüchlichkeit) der Beteiligungen, das sozusagen anonyme Funktionieren der kleinen Rädchen, das sich nur im Überblick als Riesenmaschine mit Richtung, Ziel und Auswirkung darstellt, erst das Verständnis für Überindividuelle also ermöglicht das Erkennen einer Schuld, die menschliches Maß übersteigt.
Denn wenn selbst sich dieses oder jenes Individuum wenig zu schulden kommen lässt, kann sein für sich genommen vielleicht nicht zu beanstandendes oder doch verständliches Handeln, nicht zuletzt aber auch sein Wegschauen, sein Leugnen, seine Ausflüchte und sogar sein Widerstand zu bösem Tun beitragen.
Um ein Beispiel zu geben. Der Überfall auf Polen war der Beginn des Zweiten Weltkrieges. Sollen man sagen: Hitler war schuld? Das war er gewiss, aber er als Individuum gab keinen Schuss ab und marschierte nirgendwo ein. Er gab Befehle. Aber wer hat gehorcht? Soll man die Namen der planenden und kommandierenden Offiziere nennen, waren sie die Schuldigen? Oder die marschierenden, Panzer fahrenden, schießenden Soldaten? Soll man sagen, Müller, Meyer, Schulze usw. waren die Schuldigen? Offensichtlich genügt das nicht. Um das historische Ereignis des Überfalls auf Polen zu begreifen, muss man sagen: Deutschland hat Polen überfallen. Und weil nicht Länder handeln, sondern Menschen: Die Deutschen haben die Polen überfallen. Das verallgemeinert und lässt möglicherweise außer Acht, was Einzelne taten oder unterließen, wofür oder wogegen sie waren. Aber keine noch so genaue (ja sogar: gerade eine jede Einzelheit erfassende) Aufzählung ergäbe keinen Begriff der Wirklichkeit und verwiese das Ereignis in die Nichtigkeit eines Durcheinanders.
Erst der Begriff der Kollektivschuld erlaubt es also, Geschichtliches zu erklären und die Schuldfrage nicht nur individuell, sondern auch politisch zu klären.

Donnerstag, 19. Februar 2026

Notiz über Technikkonsum

Als es erfunden worden war und auf den Markt kam, brauchte kein Mensch so ein Ding. Wer es sich anschaffte, hatte einfach ein neues Spielzeug. Und zeigte, dass er „für Neues offen“ war, also bereit sich, den Konsumwünschen, die ihm nahegelegt wurden, zu unterwerfen. Dann aber verbreitete sich der Besitz des Dings, zu Zeiten geradezu explosiv, und schließlich wurde es allgemein. Fast jeder besaß eines oder mehrere. Wer dann nicht „wie alle“ eines besaß, war ausgeschlossen und galt als minderbemittelt. Als schließlich unübersehbar wurde, welche Nachteile der Gebrauch des Dings für alle hatte, hieß es: Es geht nicht mehr ohne.
Für „Ding“ kann man in dieser Geschichte, die immer mehr oder minder gleich zu verlaufen scheint, verschiedenes einsetzen; das Automobil oder das Mobiltelephon, den Kühlschrank oder die Klimaanlage. Immer geht es um Konsumterror, beschränkten nutzen und erhebliche ökologische, kulturelle und seelische Kosten
(24. März 2023; überarbeitet) 

Mittwoch, 18. Februar 2026

Über Vulgärevolutionismus

„Der Daumen ist evolutionär zum Greifen gedacht.“ Von wem?, möchte man fragen. Sätze wie dieser, von denen sich unzählige irgendwo aufschnappen lassen, zeigen, wie die Evolutionshypothese, die zum wissenschaftlichen Standardmodell geworden ist, zugleich als Mythosersatz und Ersatzmythos funktioniert. Selbst wenn man, warum eigentlich?, die wissenschaftliche Darstellung dessen, was Evolution gewesen sein soll, vom populären Glauben daran unterscheiden möchte, kann man die Wissenschaftler mit ihrem Drang, ihre annahmen zu popularisieren und als Fakten hinzustellen, nicht davon freisprechen, dem mythischen Denken damit Vorschub geleistet zu haben. Eine Evolutionshypothese ist das eine, der Evolutionismus, der jeden Widerspruch diskreditierende Glaube an das Zutreffen der Hypothese, ist etwas anderes und verbindet sich, angesichts unterschiedlicher Bildungskompetenzen und Reflexionsgewohnheiten, geradezu zwangsläufig mit völlig unwissenschaftlichen (also mit wissenschaftlichen Mitteln nicht zu rechtfertigenden) Vorstellungen. Das ergibt einen Vulgärevolutionismus, und der steht dem vernünftigen Denken im Wege.
Die sehr verbreiteten Vorstellungen, „die Natur“ oder „das Universum“ oder eben „die Evolution“ steuere einen zielgerichteten Prozess, der dafür sorgt, das Lebewesen so sind, wie sie sind, und sich so verhalten, wie sie sich verhalten, ist völliger Blödsinn. Im Grunde werden hier Modelle aus den Religionen auf naturkundliche Zusammenhänge übertragen. Wer heute noch sagte: „Der liebe Gott hat dem Menschen zwei Daumen gegeben, damit er greifen kann“, machte sich vermutlich lächerlich. Wer aber sagt: „Die Natur / die Evolution hat dafür gesorgt“ usw., wird durchaus Verständnis und Zustimmung finden.
Aber gibt es eine Entität, die man „die Natur“ oder „das Universum“ oder „die Evolution“ nennen kann? Ist diese Entität mit der Fähigkeit zur Planung, zur Zielsetzung, zur Durchsetzung von bestimmten Vorhaben (und zur Verwerfung anderer) ausgestattet? Nein. Das sind mythische Vorstellungen. Ihnen entspricht nichts in der Realität. Zumindest nicht in der wissenschaftlich erforschbaren.
Die Evolutionshypothese besagt, einfach formuliert, dass Exemplare einer Spezies durch zufällige Mutationen (Veränderungen ihres Erbgutes) ihren Umweltbedingungen besser angepasst sind als andere und sich in der Folge auch erfolgreicher fortpflanzen können. Von einer Entwicklung (einem „Evolutionsprozess“) kann nur rein deskripitiv die Rede sein („es war so“), nicht normativ („es sollte so kommen“). Es gibt keine „Höherentwicklung“, weil es zwar ein Kriterium, die Anpassung als Fortpflanzungsbedingung, aber ansonsten nur Zufälle gibt. Es ist möglich und soll vorgekommen sein, dass keine der Mutationen zur einer gelingenden Anpassung an veränderte Umweltbedingungen führt und eine Spezies ausstirbt. Denkbar wäre sogar, dass zufällig keine Spezies sich ausreichend anpasst und sämtliche Lebewesen irgendwann aussterben. (Auch wenn das wegen der Fülle der Spezies und mutatorischen Möglichkeiten unwahrscheinlich ist; auch ändern sich Umweltbedingung selten radikal ― es sei denn, der Mensch greift ein.)
Man kann also sinnvollerweise nur sagen: Zufällig hat der Mensch Daumen und das hat für ihn den und den Vorteil. Keineswegs aber: Weil Daumen vorteilhaft sind, hat der Mensch welche. Welche Instanz hätte diesen Vorteil vorhergesehen und die Ausbildung von Daumen herbeigeführt?
Um Grunde wird mit der Einführung von Teleologie und Intention in die Annahme eines ansonsten zufälligen Prozesses, die Evolutionstheorie ad absurdum geführt. Sie wurde ja gerade aufgestellt, um die Verschiedenheit (und Veränderlichkeit) der Arten mit rein naturwissenschaftlichen Mitteln erklären zu können, ohne also einen übernatürlichen Schöpfer und Erhalter postulieren zu müssen.
Indem nun aber „die Evolution“, „die Natur“, „das Universum“ (in moralisher Hinsicht. „das Karma“) zu einer Quasiperson stilisiert wird, die dieses will und jenes sorgt, die Absichten hat, Zwecke verfolgt, Ziele erreicht usw., indem also ein wissenschaftlich als rein zufälliges zu beschreibendes Geschehen wie ein Gottesersatz oder Ersatzgott behandelt wird, zeigt sich, dass der Evolutionismus zwar als Ideologie (die Ideen als Fakten andient) sehr erfolgreich war, das aber nur um den Preis, dass sein atheistisch-säkularistisches Gegenprojekt zum Schöpfungsglauben bei vielen seiner Anhänger doch nur als Variante einer Mythologie aufgefasst wird.
Soll man daraus schließen, dass die Menschen Sehnsucht nach einer sinnvoll geordneten, auf zunehmendes Gutsein ausgerichteten Welt haben? Dass sie zwar bereit sind, einen konkreten Gott zu leugnen oder zu Ignorieren, aber seine stelle mit diffusen Konzepten besetzen müssen, weil sie ein bloß kontingentes Universum nicht ertragen? Vermutlich.
Es geht übrigens gar nicht darum, ob die Evolutionshypothese zutreffend ist oder nicht. Es geht darum, Hypothese und Faktizität auseinanderzuhalten und kritisch zu betrachten, welche Funktionen welche Annahmen (egal, ob richtig oder falsch) und Welche Tatsachenbehauptungen (ebenso) im Denken, Fühlen und Handeln der Menschen und in ihrem Zusammenleben haben. Der Darwinismus war eine Projektion der kapitalistischen Verhältnisse des viktorianischen Zeitalters auf das „Reich der Natur“. (Weshalb der Ausdruck „Sozialdarwinismus“ ein Pleonasmus ist.) Moralfreies Profitstreben und dessen Belohnung mit politischer, ökonomischer, kultureller Macht und entsprechendem Ansehen erschienen so als Anpassungsleistung (Anpassungszufall) und Überleben des Stärkeren (stärker Angepassten). Ausbeutung und Konformismus erhielten eine „naturwissenschaftliche“ Begründung. Der Erfolgreichere war gegenüber dem Versager im Recht. So amalgamierten Calvinismus und Szientismus. Kolonialismen und Rassismen aller Art konnten religiöse und ethische Bedenken endgültig beiseite wischen.
Indem nun der Vulgärevolutionismus den herkömmlichen persönlichen Gott, der etwas will und fordert und daraus Konsequenzen zieht, durch unpersönliche Mächte ersetzt, die zwar Teleologien verfolgen, aber im Grunde keine ethische Forderungen erheben (das vielbeschworene „Karma“ ist ja bloß ein abstraktes Vergeltungsprinzip: Auge um Auge), entmoralisierter und verunmenschlicht er weiter die menschlichen Verhältnisse und verweigerte sich den Begriffen Sünde, Reue, Vergebung und Erlösung. 

Dienstag, 20. Januar 2026

Wie viel Aufwand Dummheit und Niedertracht erfordern! Ich hielte es immer noch für sehr viel einfacher, klug und gut zu sein.

Montag, 19. Januar 2026

Fragment über Barbarei

Man tut den als Barbaren Imaginierten großes Unrecht, wenn man ihnen unterstellt, sich „barbarisch“ zu verhalten, was ja oft nicht einfach nur kulturlos und unzivilisiert heißen soll, sondern nicht zuletzt roh und grausam. Aber nicht die vermeintlich Unterentwickelten (oder Wiederverrohten) sind die Blutrünstigen und Schamlosen, sondern ganz im Gegenteil waren es zu allen Zeiten die, die sich für höherwertig hielten und alles Fremde als unverständlich, rückständig und grobschlächtig verachteten, die die besonders gewaltigen und nachhaltigen Verbrechen begingen. Urbane Verfeinerung hielt die Zentren nie davon ab, sich der Peripherien zu bemächtigen und Menschen, Tiere, Pflanzen auszubeuten, ganze Landschaften umzugraben, auszuhöhlen und zu vergiften und fremde Kulturgüter, Gebräuche, Denkweisen zu vernichten (oder sich, falls für brauchbar erachtet, unentgeltlich anzueignen).
Nicht Attila und Tamerlan (oder formatlose Mickerlinge wie Hitler, Stalin, Mao) sind die typischen Menschen- und Kulturvernichter, sondern repräsentativ für die Akteure von Menschheitsverbrechen sind die kleinen Bürokraten und Ingenieure, die Krämer und Lakaien, die anonym, beflissen und gierig Unheil planen und vollstrecken, das sie nicht verantworten wollen. Diese Herrenmenschen im Gartenzwergformat genießen alle Vorteile des modernen Lebens, Klospülung und Zentralheizung, Schule, Strom und Rechnerkapazität, während ihre raffinierten Beiträge zu Reklame, Produktion und Zerstreuung den zeitgenössischen Terror der Verwertung und Niederhaltung designen und umsetzen. Die Kosten der Profitmaximierung tragen alle, auch die verfeierungsfreudigen Funktionäre, die Ungeschlachten aber umso mehr, als sie keine Chance haben sollen, sich an der Weltausbeutung anders denn als Handlanger und menschliches Verbrauchsmaterial zu beteiligen. Wer aufmuckt, ist ein Spinner, Fanatiker, Abweichler und Gefährder, diskursiv und vernichtungstechnisch vogelfrei.
So funktioniert das System. Und wenn das Zivilisation und Kultur ist, muss man es aus ethischen und ästhetischen Gründen verwerfen. 
Kurzum, „barbarisch“ ist in Wahrheit, wer die Welt in Zivilisierte und Barbaren aufteilt, weil diese abwertende Grenzziehung immer noch dem Geschäftsmodell der Sklavenhalter gedient hat, auch wenn die Sklaven schließlich Arbeiter und Subunternehmer heißen. Wann nämlich hätte denn bei den selbsternannten Kulturnationen die Absage an Grausamkeit und Menschenverachtung begonnen? Nach dem Dreißigjährigen Krieg? Nach der Französischen Revolution? Nach Belgisch-Kongo? Nach Auschwitz? Nach Vietnam? Nach dem letzten Schulmassaker?

Samstag, 29. November 2025

Nachtrag zu „Leute (37)“

Wie sich herausstellte, war X. empört über das, was ich über die Unmöglichkeit, P. zu lesen (und P. und L. zu hören), gesagt hatte. Nicht, weil daran irgendetwas falsch gewesen wäre, sondern weil sie das eben „anders sieht“. Sie nahm die (zugegebermaßen wie bei mir üblich scharf polemisch vorgebrachte) Kritik nicht zum Anlass sachlicher Auseinandersetzung, sondern nahm es persönlich. Folgerichtig suchte sie auch nicht das Gespräch und stellte zur Rede, sondern spielte die beleidigte Leberwurst und strafte mit Schweigen. Wie Frauen das halt so machen. Als sie wieder ansprechbar war, kamen allerhand Ausreden und Beschuldigungen. Uninteressant. Ich habe nichts falsch gemacht, auch nicht, dass ich erst darüber nachdachte, bevor ich darüber schrieb. (Worüber ich ja übrigens auch geschrieben habe.)
Unzutreffend ist die Behauptung von X., ich drehte es mir, wie ich wolle. Einmal sei ich gegen die akademische Philosophie, dann aber dafür, wenn es gegen P. gehe. Daran stimmt gar nichts. Es ist vielmehr so: Ich hatte in „Leute (37)“ geschrieben: „Ich habe Philosophie studiert und kann ganz gut Geschwätz von genuinem Denken unterscheiden.“ Inwiefern widerspricht das zum Beispiel dem Zitat von Cioran, das ich meiner Aphorismensammlung „Philosophie als heitere Wissenschaft und strenge Kunst“ vorangestellt habe: „Die Philosophen schreiben für die Professoren, die Denker für die Schriftsteller“? Gar nicht. Während Cioran nämlich Philosophen und Denker unterscheidet, unterscheide ich (in besagtem Text gegen P.-Lektüre) zwischen genuiner Philosophie und Geschwätz. Geschwätz im Sinne von Nicht-Philosophie, die sich als Philosophie ausgibt; dass sich außerdem innerhalb der wirklichen Philosophie eine akademisch gebundene und eine wie auch immer zu benennende andere Praxis („Denken“) unterscheiden lassen, hat mit der Unterscheidung von Geschwätz und ernstzunehmendem Philosophieren nichts zu tun. Meine Kritik am Philosophiebetrieb, seiner größtenteils musealen Einstellung und der viel zu oft bürokratischen Leidenschaftslosigkeit der dargereichten Erzeugnisse impliziert doch in keiner Weise, dass ein mediengeiler Dummschwätzer eine Alternative zum universtätsprofessoralen Diskurs ist! 
Nein, ich habe in „Leute (37)“ meine Kritik nicht „gedreht“, sondern sie auf einen anderen Gegenstand gerichtet. Dass ich Philosophie studiert habe, ist keine Parteinahme für die akademische Philosophie (sonst hätte ich ja wohl auch deren Diplome erworben). Dass ich Philosophie und Geschwätz zu unterscheiden vermag, ist eine Selbsteinschätzung, die bestreiten kann, wer möchte, er oder sie möge es aber mit Argumenten tun. Davon, dass ich „es mir drehe, wie ich es brauche“, kann (in diesem Zusammenhang) also überhaupt keine Rede sein. X. hat da etwas missverstanden, vermutlich, weil sie etwas missverstehen wollte. Man sollte aber halt das lesen, was wirklich da steht, darf sich nicht vom Groll und der eigenen Leberwurstigkeit übermannen lassen und jemandem eine widersprüchliche Argumentation unterstellen, der wenigstens Argumente hat (und nicht bloß Befindlichkeiten und Lebensumstände).
Wie auch immer. Wirklich wichtig ist das alles nicht. Es gibt viel pseudophilosophisches Geschwätz auf dem Markt und manche konsumieren das eben gern. Warum ich aber ausgerechnet P. besonders verabscheue, ihn aus der Öffentlichkeit verbannt sehen möchte und nicht will, dass er Zuschauerinnen (beiderlei Geschlechts), Zuhörerinnen (ebenso) und Leserinnen (dito) hat, betrifft aber nicht zuletzt den gefährlichen Schwachsinn, den er zu einem entscheidenden politischen Thema abgesondert hat: Er verbreitet russländische Narrative („NATO bedrohte Russland“), hetzt gegen die Ukraine und fordert de facto deren Kapitulation. Dass die Ukraine, seiner Meinung nach keine Demokratie ist (trotz frei gewähltem Parlament und ebensolchem Präsidenten ― ganz im Unterschied zu Russland mit seinem Diktator und dessen gefälschten Wahlen) ―, westliche Werte verteidige, hält er für eine „bizarre Vorstellung“. Dass die Ukraine den Krieg gewinnen könne, schließt er aus. Da kann er hundertmal den russischen Angriffskrieg einen Angriffskrieg nennen: Wer nicht ohne Wenn und Aber für die demokratisch-selbstbestimmte Souveränität und die territoriale Integrität der Ukraine eintritt, treibt Putins Politik. Wer nicht Putins Niederlage wünscht, steht auf Putins Seite. Das ist verbrecherisch. Leider anscheinend nicht im justiziablen Sinne. Also dann eben: unverzeihlich. 

Dienstag, 18. November 2025

Über Neologismen, besonders akademische

Vor fast einem Vierteljahrhundert moderierte ich eine Buchpräsentation. Es ging um einen kultur- und sozialanthropologischen Sammelband. Den hatte ich selbstverständlich gelesen und entdeckt: Einer der Beiträger verwendete in seinem Text mehrfach das Wort „Anthropogem“ Als ich darauf stieß, war ich doch ertwas irritiert, dass weder ihm noch jemandem, der vielleicht Korrektur gelesen hatte, die Missbildung aufgefallen war. Die Silbe „gem“ mach ja überhaupt keinen Sinn. Wenn man schon, analog zu Mythologem und anderem, einen Ausdruck, der wohl „Gedanke, Lehrsatz, wiederkehrende Aussage in der Anthropologie bedeuten soll, bilden möchte, dann muss er korrekt „Anthropologem“ lauten.
Fehler passieren. Und wenn man sie nicht bemerkt oder von anderen darauf hingewiesen wird, wiederholt man sie womöglich. Der Beiträger tat genau das bei seinem Vortrag bei der Buchpräsentation. Mehrmals sprach er von „Anthropogemen“.
Damit nicht genug, ein anderer Beiträger, der in seinem Text das falsch gebildete Wort (und auch das richtig gebildete) nicht verwendet hatte, griff den Ausdruck in seinem Vortrag auf und benutzte ihn ebenfalls mehrmals.
Bei der Diskussion schließlich sprach ich, lästig wie ich bin, den Erfinder des „Anthropogems“ darauf an, ob es denn nicht richtig „Anthropologem“ heißen müsse. Er zuckte nur die Achseln. Korrekte Wortformen waren ihm offenkundig wurscht. (Er wurde später Professor für Kultursoziologie in Mittelhessen und ist es meines Wissens noch.)
Weit mehr als die Gleichgültigkeit des Konstrukteurs des „Anthropologems“ faszinierte mich in der leidigen Angelegenheit übrigens die Freude des bereitwilligen Weiterverwenders an dem neuen begrifflichen Spielzeug. Da war keinen Augenblick Zeit zum Überlegen gewesen, ob das neue Wort richtig gebildet war (und es fehlten wohl auch die sprachlichen Kenntnisse, um das beurteilen zu wollen). Das Wort war da, es war frisch, man konnte etwas damit anfangen. Das machte Spaß und schindete vielleicht Eindruck.  
 
Neologismen haben im akademischen Betrieb eine wichtige Funktion. Einen neuen Begriff oder einen neuen Ausdruck für einen bereits existierenden Begriff irgendwo aufzuschnappen und selbst als einer der ersten verwenden zu können, befriedigt nicht nur den Spieltrieb, es ist vor allem auch Abzeichen dessen, dass man vorne dran ist an den neuesten Entwicklungen. Und das ist eine Erfordernis des akademischen Arbeitens: Man muss keine eigenen Gedanken haben, man muss nur die „einschlägigen Debatten“ kennen, die aktuellen wie die tradierten, man muss zeigen, dass man die neueste Literatur ebenso kennt wie die grundlegenden Texte. (Und heutzutage vielleicht auch podscasts und andere elektronische Darreichungsformen.)
Die akademisch anerkannte wissenschaftlich Leistung ― nicht im Bereich der Naturwissenschaften und technischen Fächer mit ihrem ganz anderen Realitätsbezug, auch nicht in der empirischen Sozialforschung oder klinischen Psychologie, sondern im Bereich der Gesellschafts- und Kulturwissenschaften, wo (außer ein paar nichttextuellen Artefakten vielleicht) Texte fast alles sind, was einer Empirie gleichkommt ― akademisch anerkannte wissenschaftlich Leistung also besteht üblicherweise darin, korrekt zu zitieren, Quellen auszuweisen und das für wesentlich Gehaltene von Debattenbeiträge auf andere Debattenbeiträge zu beziehen. Einen eigenen Gedanken daran zu knüpfen, ist nicht notwendig, ein bisschen Gewichtung und (auf oft auf institutionelle Anbindung und Karriereabsichten abgestimmte) Wertung genügt völlig. Originalität mag als Distinktonsmerkmal auf dem Markt der Buchverkäufe und Vortragseinladungen dienen, aber ein zu eigenständiges Denken droht immer, einen aus der akademischen Gemeinschaft als Angeber herauszuheben und letztlich als Wichtigtuer hinauszutreiben, was ohne bereits nachhaltig gesicherten Posten (oder festen Verlagsvertrag) karrierebeendend sein kann.
Verwendet man nun einen neues Wort, das man nicht erfunden, sondern vorhin erst vorgefunden hat, so ist das oft stimulierend und ein bisschen glamourös. Ein neues, vielversprechendes Spielzeug eben. Bei aller gebotenen Vorsicht: Je rascher und geschickter man damit spielt, desto besser. Man beweist dann Offenheit, Neugier, Souveränität. Man versteht sich dann offensichtlich darauf, anderer Leute neueste Gedanken aufzugreifen und auf der Stelle zu verarbeiten. Vielleicht kann man aus einem Neologismus (durch Bezug auf bestehende Debatten …) sogar mehr herausholen als sein Erfinder. Pech nur, wenn das Wort ein sprachlicher Missgriff ist und sich deshalb (oder trotzdem) nicht durchsetzen wird …
Es geht dabei übrigen nicht um die Erfordernisse (sachlicher oder ritueller Art) einer Fachsprache. Neologismen können, müssen aber nicht, das Begriffsinventar einer Disziplin bereichern. In der Regel sind sie schlicht Signale der Zugehörigkeit zu einer Schule oder Richtung oder auch nur einer Person: Seht her, ich spreche auch so, sogar auf dem neuesten Stand. Wichtiger aber ist für das akademische Fortkommen die erwiesene Kenntnis der „Paläologismen“, also der üblichen Vokabeln und ihres zunftmäßigen Gebrauchs, weil es, wie gesagt, eher darauf ankommt, das Bisherige verlässlich zu repräsentieren, als die eigene Originalität auszuposaunen. (Was den weniger originellen Konkurrenten sowieso nicht gefällt, aber womöglich auch den längst auch nicht mehr originellen Posteninhabern nicht, von denen man abhängt und etwas will.)
Brandneue Ausdrücke sind also im kulturwissenschaftlichen Betrieb wie exotische Gewürze in der gutbürgerlichen Küche: mit Vorsicht zu gebrauchen. 
 
Was ich hier übers Akademische und seine Rituale gesagt habe, lässt sich offensichtlich auf Sprachverwendung überhaupt anwenden: neue Wörter haben oft einen Reiz, wenn man Gebrauch von ihnen macht, kann man sich als einer erweisen, der sozusagen die Zunge am Puls der Zeit hat, als einer, der weiß, was (zumindest bei gewissen Leuten) gerade angesagt ist und somit zumindest sprachlich dazugehört.
So funktioniert nicht zuletzt die Vermehrung symbolischen Kapitals in den sogenannten Jugend- und Szenesprachen, in Soziolekten also, die schon deshalb auf immer neue Neologismen angewiesen sind, weil nur dann die gewünschte Abgrenzung zu Stande kommt.
Zu Grunde liegt ein oft übersehener Umstand: Sprache ist immer die Sprache der anderen. Nicht nur eine Fremdsprache, sondern schon jede Muttersprache wird erlernt, indem andere Sprechende imitiert werden. Bevor man Wörter, geschweige den Sätze bilden kann, muss man angesprochen werden, immer wieder, und ahmt daraufhin dann das „Sprechen an sich“ (also sozusagen Sprache ohne Semantik) nach ― und brabbelt. Sprechen lernen heißt, sich die Sprache anderer anzueignen. Dabei ist anfangs alles neu und ungewohnt. Später erst, wenn man schon sprechen kann, entdeckt man den Reiz neuer Wörter, vor allem solcher, die nur von einigen verwendet (und verstanden) werden, von anderen nicht. Sprache als Praxis der Kommunikation, also auch der sozialen Bindung, wird auch zur Praxis der Distinktion (der Bindung nicht mehr an alle, sondern Verbindung mit anderen).
Darum ist es zum Beispiel völlig unnötig zu wissen, wo ein bestimmter jugendsprachlicher Ausdruck stammt (wer ihn „erfunden“ hat), es kommt darauf an, dass er schon verwendet wird, das er erlaubt, Eingeweihte von Uneingeweihten, Junge von Alten abzugrenzen. Unzählige neue Ausdrücke schaffen das nicht. Und weniges altert so schnell (wird funktionslos) wie junge Wörter. (Freilich gehen manche in die allgemeine Umgangssprache ein, rücken sozusagen eine Generation weiter. Und wenn erst Senioren etwas „mega“ finden, ist der Distinktionsgewinn gleich null.)
Ich weiß, woher „Anthropogem“ kommt, und bin froh, dass sich das meines Wissens nicht über einen Textbeitrag und zwei Vorträge bei einer Buchpräsentation hinaus ausgebreitet hat. Vielleicht war es doch zu nicht so leicht, etwas in Bildungsinstitutionen hineinzuschmuggeln.

Sonntag, 5. Oktober 2025

Über das Mehrheitsprinzip

„Die Mehrheit entscheidet.“ Aber warum? Das Mehrheitsprinzip scheint so selbstverständlich, dass es gar nicht begründet werden muss. Die meisten können wohl gar nicht verstehen, dass man das Prinzip überhaupt in Frage stellen wollen kann. „Die Mehrheit entscheidet. Wer denn sonst? Etwa die Minderheit? Das wäre ja noch schöner!“
Tatsächlich gibt es überhaupt keinen vernünftigen Grund, warum die Mehrheit entscheiden soll. Und es wird darum in der politischen Theorie oder Alltagsdebatte auch nie einer genannt. „Die Mehrheit ist dafür, also soll es geschehen. Punkt.“
Ganz selten einmal merkt jemand an, dass ja vermutlich in einer größeren Zahl von Leuten „mehr kluge Köpfe“ vorhanden seien als in einer kleineren. Dieses statistische Argument ist absurd und widerspricht der Erfahrung. Außerdem geht es ja bei Wahlen und Abstimmungen nicht unbedingt darum, kluge Entscheidungen zu treffen, sondern überhaupt welche. Ob die Entscheidung aus kluger Erwägung oder irrationaler Vorliebe geschieht, spielt für das Mehrheitsprinzip keine Rolle. (Das ist es ja, was Popuisten ausnuützen können.)
Beispiel: Wenn fünf Leute gemeinsam ins Kino gehen wollen, sich aber nicht auf einen Film einigen können und dann abstimmen, ist der Film, für den drei stimmen, doch nicht in jedem Fall besser als der, für den nur zwei stimmen. (Blöd wäre es übrigens, wenn zwei A sehen wollen, zwei B und einer sagt, es sei ihm egal …)
In Wahrheit ist das Mehrheitsprinzip eine abstrakte Formalität, freilich eine mit unguter Herkunft. Denn es handelt sich dabei um nichts anderes als um die Durchsetzung der zahlenmäßig Stärken: „Wir sind mehr als ihr, wenn ihr also nicht macht, was wir wollen, können wir euch verdreschen.“ Das Mehrheitsprinzip ist nur die verdeckte, zivilisierte, meistens gewaltfreie Version davon.
Allerdings sieht jeder (der kein Faschist ist) ein, dass es ein „Recht des Stärkeren“ nicht gibt, dass bloße Durchsetzung von etwas nicht bedeutet, dass das Durchgesetzte richtig ist (weshalb nebebenbei bemerkt  der Wahrheitsbegriff der Pragmatisten eigentlich faschistisch ist) und dass die ständige Aufteilung in Mehrheiten und Minderheiten zwar zuweilen durchaus stabile Verhältnisse schaffen kann (zumal wenn großzügig „Minderheitenrechte“ gewährt werden), dass es sich aber letztlich ein irrationales, auf Gewalt gegründetes Verfahren handelt, das dauernd die Vernunft und die Selbstbestimmungsrechte derer missachtet, die nicht mit der Herde blöken.
Was ist die Alternative? Konsens selbstverständlich. Jeder darf mitreden, jeder darf mitentscheiden. Nicht eine Mehrheit entscheidet, sondern alle, entweder einstimmig oder einmütig (also ohne Gegenstimmen).
„Iiih, wie langweilig, wie anstrengend. Dauernd über alles quatschen müssen, und dann kommt vielleicht doch nichts dabei heraus. Da ist abzustimmen und die Mehrheit entscheiden zu lassen viel effizienter.“
Tatsächlich ist die Effizienz von Konsensverfahren abhängig von der Bereitschaft aller zu Rücksichtnahme und Zurückhaltung, von einer hochentwickelten Diskussionskultur und einer Ethik des Kompromisses. Für eine Gesellschaft von Egoisten hingegen, die gern rasch ihren Willen durchsetzen (weshalb sie das wollen, von dem sie meinen, dass es alle wollen), ist das Mehrheitsprinzip genau das Richtige.

Sonntag, 3. August 2025

Anarchismus und Gesetzestreue

Ich bin ein Gegner des Staates, daraus habe ich nie einen Hehl gemacht. Ein grundsätzlicher Gegner und einer sämtlicher Erscheinungen und Nebenwirkungen der Staatlichkeit. Freilich leugne ich nicht, dass ich in einem Staat lebe, seinen Gesetzen unterworfen und auf staatliche Tätigkeit angewiesen bin. Selbstverständlich bin ich das, denn ich sehe weit und breit kein herrschaftsfreies Gemeinwesen, in das ich auswandern könnte.
Mir nun vorzuwerfen, dass ich als Anarchist zugleich Staatsbürger (und zudem ein gesetzestreuer) bin, wäre ungefähr so lächerlich, wie einem Gefangenen vorzuwerfen, dass er im Gefängnis sitzt, sich in seine Zelle einsperren und zum Hofgang abholen lässt, dass er das Gefängnisessen isst und in den Gefängnisduschen duscht. Gewiss, man kann sich auch zu Tode hungern, sich von Mitgefangenen und anderen Wärtern zusammenschlagen lassen, sich am Fensterkreuz erhängen oder versuchen, mit einem gestohlenen Teelöffel in jahrzehntelanger Arbeit einen geheimen Tunnel ins Freie zu graben. Aber das ist sinnlose Romantik. Gefangenenaufstände sind selten erfolgreich und mit dem Risiko behaftet, selbst dabei draufzugehen. Der Gefangenschaft als solcher entflieht man also für gewöhnlich nicht, indem man sich selbst schädigt, sondern man wird als Weggesperrter vernünftigerweise versuchen, einen modus vivendi zu finden, durchzuhalten und die mögliche Entlassung zu erwarten.
Ähnlich verhält es sich mit dem Anarchisten, der in einem Staat nach dessen Regeln lebt. (Und gibt es einen anderen?) Ich sehe keinen Widerspruch darin, den Staat einerseits abzulehnen und entschieden für seine Abschaffung einzutreten, und andererseits widerwillig zu akzeptieren, dass der Leviathan im Augenblick stärker ist und das beste Mittel, die Kräfte im friedlichen Kampf gegen ihn zu schonen, darin besteht, der selbstzerstörerischen Konfrontation auszuweichen und keinen Anstoß zu erregen. Im Bezug auf die jeweils geltenden Gesetze, versteht sich, nicht hinsichtlich der Polemik und Aufklärungsarbeit.
Ich halte nichts von denen, die zwar realistischerweise die Überlegenheit des Staates anerkennen müssen, sich aber zugleich wie im Rausch über sie hinwegsetzen zu können meinen, indem sie punktuell Gewalt anwenden. Mir scheint, Terroristen handeln vor allem aus Selbstgerechtigkeit, Mord- und Zerstörungslust und wollen sich im Prinzip bloß an die Stelle des Staates setzen, gegen den sie angeblich aufbegehren. Sie üben Gewalt aus, wie der Staat Gewalt ausübt, nur unsystematischer und ineffektiver. Dabei führen ihre Taten bloß dazu, die Terrorisierten in die Arme des Schutz versprechenden Staates zu treiben und diesem zu erlauben, die Anwendung seiner Machtmittel auszubauen. Fanal einer Revolution ist Terrorismus nie.
Ich halte auch nichts vom Betrügen. Wenn ich mich bereit erklärt habe, ein Spiel zu spielen, auch eines, das ich nicht gut finde, dann halte ich mich an die Regeln und schummle nicht. Das hielte ich für unter meiner Würde. Es wäre auch eine Missachtung der Mitspieler.
Ich meine darum: Wer willens ist, im Staat zu leben, sollte dessen Rechtsvorschriften auch einhalten. Wie schäbig ist all dieses kleine Schummeln und große Betrügen, vom absichtlichen Falschparken über das kalkulierte Schwarzfahren bis zur Steuerhinterziehung, dieser ganze moralisch unsaubere und rechtlich unahltbare Alltag. Die Leute akzeptieren zwar im Prinzip die Legitimität des Staates und fordern gern von anderen ein, die Normen und Regeln gefälligst zu beachten, aber für sich selbst machen sie in Eigenregie dauernd irgendwelche Ausnahmen , nicht offiziell, versteht sich, sondern unter der Hand und in der Hoffnung, nicht erwischt zu werden.
Statt also dem Leviathan den Kampf anzusagen und gegen ihn aufzutreten, billigen die Leute dessen Herrschaft (auf Nachfrage; denn Ordnung muss sein) und entziehen sich ihr doch aus eigennützigen Gründen so ein klitzekleines bisschen, wenn sie meinen, dass er gerade nicht hinsieht. Vielleicht ist diese übliche Mikrodelinquenz, die unausrottbar zu sein scheint und gegen die der Staat nur nachlässig, lustlos und angelegentlich vorgeht, eine Art von sozialem Kitt, ein Mindestmaß an Unmoral von Seiten der Untertanen, das die (regelmäßig geleugnete und tatsächlich oft nicht durchschaute) Immoralität des Herrschaftsgebildes „Staat“ fundiert. (Kitt, Beton und Schmiermittel in einem.)
Wie anders sollte ein Anarchist handeln! Gerade weil er die Gewalt des Staates ablehnt, sollte er die Gesetze sorgfältig einhalten. Er will ja nicht innerhalb des Systems ein bisschen schummeln, sondern das System abschaffen. Durchs Schummeln aber wird das System in Wahrheit gestützt und verinnerlicht. Der Anarchist sucht nicht den kleinen eigenen Vorteil, ihm geht es um das Gemeinwohl. Er bestreitet die Legitimität der Regeln, nicht ihr Funktionieren. Solange er dem aber nichts entgegensetzen kann, wäre er als Regelbrecher nur der übliche Spießer, dessen irrationale Zwiemoral ihm erlaubt, im Kleinen zu betrügen und sich im Großen zu unteerwerfen.
Dass alles bedeutet selbstverständlich nicht, dass Anarchisten, bevor der Staat abgeschafft ist, nicht gegen dessen Vorschriften und Gewaltmaßnahmen vorgehen dürfen und sollen. Oder dass der Protest gegen das Unrecht nicht auch im Bruch mit dem angeblichen „Recht“, also in der bewussten, begründeten und gezielten Übertretung des Gesetzes bestehen kann. Aber doch nur, wenn das vernünftig ist und etwas bewirkt. Ein bloßes Herumrebellieren und gemütliches Regelschwänzen ist infantil und dient dem System nur als anarchofolkloristisches Dekor.

Mittwoch, 9. Juli 2025

Notiz vom 31. März 1994

Schon früh ― in meiner Schulzeit, bei Diskussionen mit [meinem besten Freund] ― formulierte ich eine Art „Grundsatz der Macht-Erhaltung“. Damals problematisierte ich den „Abbau“, das „Verschwinden“ von Macht durch Demokratisierung: Irgendwo müsse die Macht ja bleiben …
Auch entdeckte ich folgende Parallele: Uns, den Schülern und Schülerinnen, wurde eingepaukt, die Freiheit des einen ende dort, wo die Freiheit des anderen beginne. Ebenso schien mir aber die Macht des einen von der Macht des anderen begrenzt zu werden. Also lag es für mich nahe, Freiheit und Macht gleichzusetzen …
Später diskutierte ich mit meine Philosophielehrer dar­über, ob Demokratie Herrschaft und damit von Übel sei … Ich war unbelehrbar davon überzeugt. (Und bin es noch).
Nicht nur wegen der in den Lehrplänen vorgesehenen Politischen Bildung (und auch nicht erst wegen meiner politischen Aktivität als Klassen-, Kurs- und Schul­sprecher) war der Lebensraum Schule genau der Ort, an dem ich meine ersten Be­griffe im Denken des Politischen entwarf.
Die Situation, wie ich sie erlebte, war die eines Einzelnen, der nicht bloß „von oben“ (Lehrern, Lehrerinnen, dem Schulsystem überhaupt …) reglementiert, sondern auch „von der Seite“ (also von den Mitschülern und Mitschülerinnen) diszipliniert wer­den soll. Sein zu sollen und handeln (denken, sprechen …) zu sollen wie alle anderen und zugleich mit ihnen ― und sei es nur auf abstraktem Feld ― konkurrie­ren zu sollen. Anpassung, Zugehörigkeit, Isolation, Autorität, Sanktionen; die Ein­samkeit und Schwere des Widerspruchs, der Zwang zum Mitmachen, die Dummheit der Mächtigen …
Ich genoss es zu sehr, eine abweichende Meinung zu vertreten und gegen den Rest der Welt (der Klasse oder des Kurses) argumentativ zu verteidigen, zu sehr nämlich, um Demokrat zu sein. Mehrheiten ― so meine Erfahrung ― waren mächtig und trä­ge und dumm und ängstlich und rückständig und lagen meist falsch. Dazu gehört für mich aber auch die Erfahrung, durch besonderes Geschick (Sprach- und Denkbe­gabung …) aufzufallen und durch eine gewisse Art von Witzigkeit und Unzugäng­lichkeit gerade noch eben ― trotz der Isolation ― recht beliebt zu sein. (Oder auch rundheraus gehasst zu werden.)
 
Diese wiedergefundene Notiz, in der ich als achtundzwanzigjähriger auf mich und meine jugendlichen Überlegungen zum Politischen zurückblickte, überrascht mich durch die Kontinuität der Themen und nicht zuletzt der Haltungen, die ich dazu schon damals einnahm. Die Zuückweisung der liberalistischen Doktrin, wonach die Freiheit des einen durch die Freiheit der anderen begrenzt werde, als einseitig (und ihre Ergänzung durch die wesentliche Einsicht, dass die Freiheit und also Handlungsfähigkeit des einen durch die anderen überhaupt erst ermöglicht werde); die Deutung der Demokratie als Herrschaft (der Mehrheit und der Vertreter); das Zusammenbringen und geradezu Gleichsetzen von Freiheit und Macht (frei ist, er machen kann, was er will); die Entdeckung mittelbarer Herrschaft durch soziale Normen und den sanften oder unsanften Druck des Umfeldes; die persönliche Möglichkeit, sich (zumindest rhetorisch) abzugrenzen und zur Wehr zu setzen und dadurch fast so etwas wie (zumindest intellektuelle) Souveränität zu erarbeiten; all das beschäftigte mich mit schon als Schüler, also vor weit über vierzig Jahren, und es beschäftigt mich heute noch. Wahrscheinlich sollte es mich bedenklich stimmen, dass ich im Laufe der Jahrzehnte zwar manche Formulierungen überarbeitete und neue Begriffe verwendete (und zuweilen wieder aufgab), dass ich aber meine Grundüberzeugungen niemals änderte: Herrschaft ist von Übel; die Masse ist dumm; die Mitmenschen sind ebenso meine Einschränkung wie vor allem meine Ermöglichung; Demokratie ist auch bloß Herrschaft (weshalb man über sie hinaus muss; man sollte versuchen, sich von den Vorurteilen der anderen frei zu machen (und so von den eigenen). Solches Festhalten an einmal Gedachtem mag manchen als Zurückbleiben und als Engstirnigkeit erscheinen. Andererseits ist diese meine (freilich durchaus bewegliche) Beständigkeit vielleicht auch etwas Gutes, denn ich bin geneigt, in ihr, wenn schon nicht einen Hinweis auf die Richtigkeit meiner Ansichten, so doch eine Bestätigung ihrer persönlichen Unvermeidbarkeit zu sehen: So dachte ich schon früher, weil ich es so wollte, und weil ich es immer noch will, denke ich immer noch so. (9. Juli 2025)