Mittwoch, 1. Juli 2026

Intellektuelle und der Rest

Dass es Intellektuelle gibt ― also Menschen, die einen mehr oder minder öffentlich Gebrauch von ihrem Einsichtsvermögen machen, sei es hauptberuflich, sei es aus privater Passion ― impliziert, dass es andererseits Menschen gibt, bei denen mit der Intellektualität nicht so weit her ist, bei denen es also um das gewohnheitsmäßige Einsehen und Verstehen, das Durchleuchten und Durchschauen, das möglichst umfassend Gebildetsein und darum doch immer wieder Erklärenkönnen nicht so gut bestellt ist. Viele haben Meinungen und wollen damit Recht haben, aber nur bei wenigen trifft dieses zu und ist jenes für andere genießbar.
Das quantitative Missverhältnis zwischen den recht wenigen Intellektuellen und der überwiegenden Restbevölkerung steht im krassen Widerspruch zum Selbstbild der meisten Leute. Ihnen sind Intellektuelle, die sie als fremde Instanz in ihrem Medienkonsum wahrnehmen, kein Ansporn, sich selbst zu informieren und sich gründlicher zu bilden ― was ihnen für gewöhnlich entweder nicht möglich ist oder unnötig erscheint; sondern die allzu klug und kundig Redenden und Schreibenden sind eine Kränkung der Eigenwahrnehmung der Leute und eine Herausforderung ihres Vertrauens darauf, selbst alles am besten beurteilen zu können.
Die bloße Existenz von Intellektuellen ist somit mit dem Lebensstil und der Weltsicht der Masse unvereinbar. Das kommt nicht gut an. Wie dürfen diese Eierköpfe sich erdreisten, mehr als man selbst von der gemeinsamen Wirklichkeit zu verstehen und das auch noch besser ausdrücken zu können! Das ist undemokratisch. Denn das herrschende Modell einer sich in Wahlen und Abstimmungen manifestierenden Demokratie hat zum Prinzip, dass die Mehrheit das Sagen hat (und also Recht hat) und dass der Souverän (also die Masse der Leute) unabhängig von Intelligenz und Sachkenntnis entscheidet.
Daraus ergibt sich ganz natürlich ein Antiintellektualismus, der breite Schichten der Bevölkerung völlig durchtränkt. Und der seinerseits auf gar nicht so wenige Intellektuelle zurückwirkt, die sich so schrecklich gern den kleinen, einfachen Leuten zurechnen möchten.
Der Antiintellektualismus, also die Abneigung gegen professionelles Selbstdenken und kognitive Autonomie, ist in der Populärkultur fest verankert. In dieser gibt es per definitionem Intellektuelle nur als Angeber, Spinner, sogenannte nerds, verrückte Professoren und dergleichen. Dem Massengeschmack entspricht nämlich die Lust am Gewöhnlichen und Dummen, an der kollektiven und individuellen Unwissenheit. Je dümmer, desto lustiger. Zwar sind die Beschränkten oft Gegenstand des Verlachens, zugleich aber immer auch Identifikationsfiguren. Solche könnten kluge, gebildetete, nachdenkliche Figuren nie sein. Diese haben sich als nicht weniger gewöhnlich, als ungeschickt und aufgeblasen zu erweisen, oder sie bleiben verfemt.
Das kommt den Manipulationsinteressen der Unterhaltungsindustrie und der an sie angeschlossenen „Politik“ sehr entgegen. Zwar tauchen dort bei Bedarf „Experten“ für dieses oder jenes auf, die sozusagen eine Art von Intellektuellenersatz sind. Das Feld aber beherrschen nicht fachlich Versierte, sondern für alles und nichts Zuständigkeit simulierende Vermittler und Verwalter der gängigen Meinungen. Die deshalb gängig sind, weil sie gängig gemacht werden. Weil sie kompatibel sein sollen mit den Interessen der Konzerne.
Intellektuelle können bekanntlich sehr wohl Lakaien des Kapitals sein. Aber ihre bloße Intellektualität stellt doch eine Gefahr dar in einem System, in dem zu viel Nachdenken und zu viel Fragen nicht erwünscht ist. Darum müssen Intellektuelle streng überwacht werden, ihre Äußerungsmöglichkeiten begrenzt und ihre beruflichen Chancen kanalisiert. Vor allem muss, außer in Diktaturen, die zu ängstlich dafür sind, eine Meinungsvielfalt inszeniert werden, die die einzelne Stimme im Chor der Vielen untergehen lässt. Bis man in gewissen Situationen doch wieder die Einheitsmeinung braucht, deren Inszenierung freilich wiederum etwaige Solisten vom Chor übertönen lässt.