Montag, 18. Mai 2020

Nachtrag zu „Ist der Mensch gut?“

A. Verstehe ich das richtig, dass nur jemand Gutes tun kann, der an Gott glaubt?
B. Nein, das ist ein Missverständnis. Gott ist der Ursprung alles Guten, aber das muss der, der Gutes tun will, weder wissen noch bekennen.
A. Der Glaube an Gott ist also nicht Voraussetzung, um Gutes zu tun oder ― wie man sagen würden ― ein guter Mensch zu sein?
B. Bei anderer Gelegenheit könnten wir einmal darüber sprechen, ob es überhaupt möglich ist, nicht an Gott zu glauben und was das heißt. Derweil gebe ich zwei Stellen aus dem Evangelium nach Matthäus zu bedenken: „Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern wer den Willen meines Vaters im Himmel tut.“ (7,21) Und 25,31-46, wo es heißt: „Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, empfangt das Reich als Erbe, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist! (…) Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Aber auch: „Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist! (…) Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan. Und diese werden weggehen zur ewigen Strafe, die Gerechten aber zum ewigen Leben.“ Ich schließe daraus: Gott schaut nicht darauf, was jemand zu glauben behauptet, sondern darauf, was er tut.
A. Nicht Glaube, sondern gute Werke.
B. Praktizierter Glaube statt bloßen Bekennens eines Fürwahrhaltens ohne praktische Folgen.
A. Aber wie soll, wer nicht glaubt, Glauben praktizieren?
B. Wer Gottes Willen tut, der vollzieht, was es in der Praxis heißt (oder vielmehr heißen sollte) zu glauben, egal, ob er nun weiß, dass es Gottes Wille ist, den er tut, oder nicht.
A. Was unterscheidet dann den Gläubigen vom Nichtgläubigen oder, anders gefragt, wozu ist Glaube dann gut?
B. Wozu ist Wahrheit gut?
A. Ich verstehe nicht ganz …
B. Der Glaube ist die Antwort des Menschen auf die Offenbarung Gottes, wie sie von anderen Menschen bezeugt wird. Wer glaubt, hält die Wahrheit für wahr. (Man kann auch Falsches für wahr halten, das ist dann Irrglaube.) Die Wahrheit aber hat keinen Zweck, Gott hat keinen Zweck, der Glaube an ihn hat keinen Zweck. Der Sinn der Wahrheit ist die Wahrheit. Der Sinn Gottes ist Gott. Der Sinn des Glaubens ist es, sich mit dem endlich und bedingten Dasein bejahend auf das unendliche und unbedingte Dasein Gottes zu beziehen; mit anderen Worten: Gott zu lieben.
A. Wer aber Gott nicht liebt …
B. Ist es möglich, Gott zu begegnen ― und sei es „nur“ durch das Zeugnis anderer ―, ohne ihn zu lieben? Mir scheint, wer auch nur andeutungsweise versteht, mit wem er es zu tun hat, wenn er es mit Gott zu tun hat, kann nicht anders, als ihn zu lieben.
A. Wer aber nicht mit Gott zu tun hat …
B. Mit dem hat trotzdem Gott zu tun. Aber wie gesagt, über die Unmöglichkeit, nicht zu glauben, wollen wir ein anderes Mal sprechen. Jetzt nur so viel: Wer Gutes tut, bezeugt, dass es Gutes gibt. Da Gott der Ursprung alles Guten ist, bezeugt, wer Gutes tut, das Dasein Gottes. Der explizite Glaube mag eine Motivation sein, Gutes zu tun; wer aus anderen guten Gründen Gutes tut, bei dem könnte man also von implizitem Glauben sprechen.
A. Das Gute und der Glaube gehören also immer zusammen?
B. Gott ist gut. Er ist vollkommen gut. Nichts und niemand ist besser. Der Glaube an Gott ist somit Glaube an das Gute schlechthin. Das Gute und nur das Gute zu wollen und Gott zu wollen, ist in gewisser Weise dasselbe. Wer Gott liebt, also sein Dasein bejaht, will Gottes Willen tun; wer Gottes Willen tut, nämlich Gutes tut, bejaht somit, auch ohne es zu wissen, Gottes Dasein. Aber selbstverständlich ist es besser, um Gott zu wissen, als nicht um ihn zu wissen.

Samstag, 16. Mai 2020

Ist der Mensch gut?

A. Ist der Mensch gut oder schlecht?
B. Falsche Frage. „Den Menschen“ gibt es nicht.
A. Meinetwegen. Sind die Menschen gut oder schlecht?
B. Was soll das heißen „gut sein“? Gott allein ist gut. (Lk 18,19). Menschen tun Gutes oder Böses. Sie sind weder gut noch böse.
A. Aber man sagt doch: Der hier ist ein guter Mensch, der dort ein schlechter.
B. Wenn man damit meint: Der hier tut Gutes, also ist er gut, der dort tut Böses, also ist er schlecht, dann mag das als façon de parler durchgehen. Wenn aber gemeint ist: Der hier ist gut, darum tut er Gutes, der hier ist schlecht, darum tut er Böses, dann klingt mir das zu sehr nach Prädestination.
A. Vorherbestimmung zum Guten oder Bösen, zu Himmel oder Hölle.
B. Ja. Das ist zum Beispiel im US-amerikanischen Denken fest verankert. „Unsere Tochter ist ein guter Mensch“, sagten die Eltern der Foltererin von Abu Ghraib, Lynndie England, „die macht solche Sachen nicht.“ Die Vorstellung, Menschen seien gut oder böse und handelten entsprechend, ist unsinnig und die Voraussetzung von üblen soziobiologischen Phantasien (als säkularisierte Prädestinationslehren): Anhand der Gene den Charakter eines Menschen festzustellen und seine Handlungen vorhersagen zu können. Einmal Dieb, immer Dieb, einmal erfolgreicher Geschäftsmann, immer erfolgreicher Geschäftsmann.
A. Aber ich wollte ja eigentlich darauf hinaus, ob die Menschen insgesamt eher gut oder schlecht sind, also meinetwegen eher Gutes tun oder Böses.
B. Das sieht man doch. Man kann es am Zustand der Welt ablesen. Es gibt Ausbeutung, Zerstörung, Verblödung, es gibt Hunger, Krieg und vermeidbare Krankheiten, es gibt Unterdrückung und Untertanengeist.
A. Also sind Menschen tendenziell eher schlecht, weil sie viel Schlechtes tun?
B. Keineswegs. Jeder einzelne und alle zusammen können Gutes tun oder Böses. Es ist ihre Entscheidung. Oft stehen dem Bedingungen entgegen, gesellschaftliche Verhältnisse, die dazu verleiten, Böses zu tun oder zuzulassen. Aber im Grunde seines Herzens kann jeder Mensch sich entscheiden. Er muss sich allerdings frei machen von Vorurteilen und Ängsten, Ressentiments und Haltungen wie Gier, Neid, Trägheit.
A. Und Gene oder psychische Prägungen oder sozioökonomische Zwänge machen die Menschen nicht prinzipiell unfrei? Sie können trotzdem Gutes tun wollen?
B. Jeder kann sich jederzeit für das Gute entscheiden. Gott fordert uns auf, Gutes zu tun und Böses zu lassen. Es wäre absurd, wenn er von uns etwas forderte, was wir gar nicht tun können.
A. Aber wir sündigen trotzdem.
B. Weil wir frei sind, das Gute oder das Böse zu wählen, können wir auch sündigen, ja. Die Menschen sind schwach und neigen zur Sünde. Darum braucht der Mensch Gott. Dass der Mensch Gutes tun und Böses lassen kann und dass er Gutes tut, ist Wirkung von Gottes Gnade.
A. Kann man also sagen: „Der Mensch ist gut, weil Gott ist gut ist“?
B. Wenn das im Sinne des bisher Gesagten gemeint ist, dann meinetwegen. Ich zöge freilich vor: „Der Mensch kann Gutes tun, weil Gott ist gut ist.“
A. Bleibt noch die Frage, was es heißt, Gutes zu tun.
B. Ja.

Dienstag, 21. April 2020

Fragment über den Staat

Gewiss, man kann und darf differenzieren: Diese Maßnahme finde ich richtig, diese fragwürdig, diese falsch. Aber man sollte sich mit damit nicht um die grundsätzliche Frage herumschwindeln: Wer ergreift hier mit welchem Recht überhaupt Maßnahmen wogegen und wofür?
Man spricht von einem Krieg. Wer führt ihn? Wer ist Feind, wer Freund? Lassen wir den Anlass für einen Augenblick beiseite und fragen uns: Welche Kriege werden sonst geführt?
Der gewöhnliche Krieg ist der des Staates gegen alle. Ein wichtige Waffe ist die Verblödung. Sie bewirkt zu Beispiel, dass die Leute der Politreklame glauben und sagen: Der Staat, das sind wir alle. Der Staat wird zum Gemeinwesen umgedeutet, seine Handlungen und Unterlassungen gelten als im Prinzip auf Gemeinwohl ausgerichtet, mit kleinen Unvollkommenheiten, versteht sich. Die Realität ist eine andere. Es stimmt schon, nebenher sorgt der Staat auch schon mal für Ordnung und Sicherheit, für Recht und ungestörten Lebensführung. Aber das sind Nebenwirkungen, die das Funktionieren der Hauptsache garantieren sollen. Der Staat ist dazu da, die Reichen werden zu lassen und die Armen in Schach zu halten. Sein Daseinszweck ist der Schutz und die Förderung der Weltwirtschaftsordnung: Ausbeutung, Zerstörung, Verblödung.
In vielen Weltgegenden erfüllt der Staat seinen Zweck mit brutaler Gewalt. Wo Menschen hungern, an vermeidbaren Krankheiten sterben, in Kriegen verstümmelt und getötet werden, wo sie in Dreck und Elend hausen, wo sie niedergeknüppelt, weggesperrt und abgemurkst werden, wenn sie aufmucken oder einfach nur unerwünscht sind, dort ist die Wahrheit unmittelbar sichtbar. Im Globalen Norden wird sie versteckt. Behübscht. Dort gibt es Demokratie und genug zu essen, Unterhaltungselektronik, Sommer- und Wintermode und Individualismus. Lauter feine Sachen, die die Menschen im Globalen Süden auch gerne hätten, aber sie haben nicht das Geld dafür.
Die Behübschung erlaubt vielen ein angenehmes Leben und lässt den Zwang als freiwillig gewählte Lebensweise erleben. Die Ausbeutung ist komfortabel abgefedert, die Umweltzerstörung eine Sorge, von der einen die Urheber schon irgendwie wieder befreien werden, und die Verblödung verschränkt schier unfassbare Bildungsmöglichkeiten mit hirnloser Dauerbespaßung.

Symbol für Angst und Gehorsam

Einer teilt in einem sozialen Netzwerk mit, er wolle gerade lieber in einem Land leben, in dem das Tragen einer Atemmaske als Symbol für Gemeinsinn und Rücksichtnahme verstanden wird und nicht als ein Symbol für Angst oder Schwäche oder vorauseilenden Gehorsam.
Tja, so ist das wohl: Freiheit ist Sklaverei („Ich mache gern, was man mir vorschreibt“), Krieg ist Frieden („Leben schützen durch soziale Distanz“), Unwissenheit ist Stärke („Corona ist schlimmer als jede Grippe“). Man kann alles umdefinieren. „The question is“, sagt Humpty Dumpty, "which is to be master — that's all.“
Man schwärmt derzeit viel von den Asiaten, die schon lange Atemmasken trügen (und auch die Asiaten schwärmen von sich und Vertreter des rotchinesischen Regimes fordern den Westen auf, endlich von ihm zu lernen). Man vergisst, dass sie es nicht des Seuchenschutz wegen taten, sondern weil die Luft in ihren Großstädten hemmungslos verschmutzt ist, weil der Staat Wirtschaftswachstum und Profit über Menschenleben und Umweltschutz stellt. Nie war die Maske als Schutz für andere gedacht, immer als Eigenschutz.
„Gemeinsinn“ wäre, Infektionen zuzulassen, was den allermeisten Menschen erlaubte, immun zu werden. „Rücksichtnahme“ wäre, alte und kranke Menschen nicht wegzusperren und einsam krepieren zu lassen.
So aber ist die völlig sinnlose und kontraproduktive Maske für jeden, der noch halbwegs zu einem kritischen Gedanken fähig und willens ist, ein perfektes Symbol für Dummheit und Angst, für die Bereitschaft, jeden Schwachsinn zu glauben und sich der Obrigkeit zu unterwerfen, wenn einem dafür nur Überleben und „Normalität“ versprochen wird.

Samstag, 18. April 2020

Was in der „Krise“ zählt

Da man sich für die wirklichen Todesursachen nicht interessiert (sondern lieber alle „mit Corona“ als Fälle zählt, statt nur die erwiesenermaßen „durch Corona“), interessiert man sich in Wahrheit auch nicht für die Alten und Kranken, um deren Schutz es doch angeblich vorrangig geht.
Warum richten sich die Maßnahmen auf die biopolitische Regulierung der gesamten Bevölkerung, ohne dass man die tatsächlichen Auswirkungen auf Risikogruppen untersucht? Immer ist abstrakt von schützen, gar Leben retten die Rede, ohne dass gesagt werden könnte, ob tatsächlich auch nur ein einziger nicht stirbt, weil alle zu Hause bleiben und Masken tragen.
Aber nein, hohe Infektionszahlen gelten als Horrorszenarien und sinkenden Infektionsquoten als gutes Zeichen und kollektiver Erfolg.
Der Gegengedanke ― dass es gut ist, wenn viele sich infizieren, weil das Immunsystem der meisten die Infektion symptomlos wegsteckt, es nur bei wenigen zu leichten Erkrankungen kommt und nur bei sehr wenigen zu schweren, meist bei solchen, die auch an anderen Krankheiten leiden ― wird verpönt.
Als geradezu unmoralisch gilt der Hinweis darauf, dass Menschen sterblich sind, dass hohes Alter und Mehrfacherkrankungen auch ganz "ohne Corona" dem Tode näher bringen. Wer nicht um der noch so unwahrscheinlichen Möglichkeit willen, dass ein neunzigjähriger Kettenraucher mit Diabetes ein paar Stunden länger in medizinisch Apparatur eingezwängt, handlungsunfähig, allein gelassen und sicher nicht glücklich, bereit ist, alle Menschen wegzusperren und die halbe Volkswirtschaft lahmzulegen, der gilt als sozialdarwinistischer Menschenfeind.
Lieber bleibt man zu Hause, vergnügt sich mit Unterhaltungselektronik, finanziert Amazon, Netflix und andere Großkonzerne und hängt an den Lippen von Regierung und regierungsnahen Experten. Man starrt auf Statistiken, die oft substanzlos sind und den Vergleich scheuen müssen. Man will sich ängstigen und dann wieder hoffen, die da oben sollen alles richtig machen, damit man weiterleben kann wie früher. (Als es noch "normal" zuging.)
Es geht aber gar nicht ums Überleben. Im doppelten Sinn: Das Überleben (der Menschheit, der Gesellschaft, von Hinz und Kunz) ist gar nicht gefährdet. Und: Überleben ist kein Wert an sich, vor allem, wenn das Leben, das man führt, nicht richtig ist.
Damit meine ich nicht, dass ich es sinnlos finde, mit Nikotinsüchtigen über Lungenerkrankungen zu diskutieren …
Damit meine ich, dass das „normale“ Leben für viele schon „ohne Corona“ nicht gut war und durch die „Coronakrise“ (das ist nicht die Pandemie, sondern die wegen dieser ergriffenen Maßnahmen) sehr viel schlimmer wurde. Ja, viele sterben in den USA, nicht mehr als bei einer Grippewelle, aber mehr als es sein müssten, wenn sie nicht arm wären. In Indien, in Südostasien stehen Millionen wörtlich vor dem Nichts. Oder schauen wir nach Afrika …
All das interessiert die fanatischen Lebensretter nicht, die den Ausdruck „Herdenimmunität“ für blanken Faschismus halten, sich aber nicht daran stören, dass in sonst schon auf Segmentierung und Gegeneinanderauspielen gerichteten Gesellschaften plötzlich nur dauernd von „gemeinsam“, „miteinander“, „Solidarität“ die Rede ist und Politiker, deren Dummheit und Niedertracht als erwiesen gelten muss, höchste Zustimmungswerte erreichen.
Aber nein! Deutscher Spargel muss geerntet werden und deutsche Rentner, Raucher und Diabetiker müssen gerettet werden. Kein Einwand meinerseits, ich mag Spargel und habe nichts gegen Alte und Kranke. Ich will nur wissen, was der Preis ist und was man wirklich dafür bekommt.