Samstag, 25. September 2021

Auslöschungen

Und wieder einer weniger. Wieder hat mich im sozialen Netzwerk einer als seinen „Freund“ gelöscht (und blockiert). Manchmal denke ich, ich habe in den letzten zehn Jahren Mehr „Freunde“ durch ihre oder meine Löschung „verloren“, als ich je hatte … Ich bin aber auch ein zu schrecklicher Mensch, mit mir kann man nicht befreundet sein wollen. Oder nur bis zu einem gewissen Punkt, dann muss man die Notbremse ziehen und aussteigen ― oder (um im Bild zu bleiben) mich aus dem oder vor den Zug werfen. Hauptsache, es ist Schluss. In den letzten anderthalb Jahren ging es dabei selbstverständlich immer um, ähem, na sagen wir mal: die Krise. Um ein Virus, seine Effekte und die behördlichen Maßnahmen. Da erlaube ich mir ja bekanntlich eine andere Meinung als die vermutliche Mehrheit. (Und als die Obrigkeit sowieso.) Das ist schwer zu ertragen, das verstehe ich. Die Reaktionen zeigen mir allerdings, dass ich Recht habe. Warum solche Aggressivität, wenn ich mich im Irrtum befände? Ihr schlechtes Gewissen, das sie sich nicht eingestehen, lässt die Leute sehr, sehr wütend werden. Dann ist so eine Löschung eine Wohltat. Vor allem, wenn sie hinterrücks kommt, also ohne Ankündigung oder erläuternde Mitteilung. Einfach löschen, zack, zack, der ist erledigt. Zerquetscht wie eine Laus. Zugegeben, einige wenige haben Gründe genannt. Einer etwa hatte von zwei Leuten gehört, Bekannten seiner Eltern, rüstigen Rentnern, die an Corona gestorben seien. (Statistisch unwahrscheinlich, aber möglich.) Darum sei, was ich schriebe, unerträglich. Als ob ich je geleugnet hätte, das Menschen sterben, woran auch immer. Hier konnte einer seine Lektüre meiner Kritik nicht mehr mit seinem Wunsch vereinbaren, die hegemonialen Erklärungsmuster gelten zu lassen. Was merkwürdig ist, denn wenn einer sagt, so schlimm ist das nicht mit dem Virus, dann wäre das doch eigentliche eine gute Nachricht, auch wenn man sie für falsch hält, und man muss schon sehr von der Lust an der Krankheit und ihrer staatlichen Verwaltung befallen sein, um eine (vermeintlich) falsche theoretische Interpretation als existenzielle Bedrohung wahrzunehmen. Das trifft anscheinend bei vielen seropositiven Schwulen zu. Die fühlen sich anscheinend in ihrer Weltanschauung und ihrem Lebensstil in Frage gestellt, wenn einer meint, dass Viren nicht das Problem sind und Vater Staat nicht die gütige Schutzmacht ist, die in weniger als einer Generation von Totalverbot nach § 175 (in Österreich: § 209) auf Homo-Ehe und Regenbogenbeflaggung umgeschaltet hat. Ein anderer hat mich, bevor er mich löschte, noch angekotzt und einen „Coronaidioten“ und „anarchofaschistischen Judenhasser“ genannt. Das verstehe ich, auch wenn es Quatsch ist. Die Ablehnung von Herrschaft von Menschen über Menschen, die auch dann gilt, wenn viele sich einen starken Staat wünschen, muss so einem rituellen Antifaschisten naturgemäß als Faschismus erscheinen (so wie Stalinisten von „Hitlertrotzkismus“ phantasierten). Die Forderung nach Menschenrechten auch für Palästinenser kann er sich dann als Judenhass umdeuten, weil mit dem „Faschismus“ der „Antisemitismus“ als bewährtes Mittel der Kritikabwehr schon bereitliegt. Und „Coronaidiot“ übersetzt das einige Zeit lang beliebte Wortspiel „Covidiot“ ins Gemeinverständliche und Dümmliche (zumal es ja „Anti-Corona-Idiot“ heißen müsste). Idiot ist, wer den Hohepriestern der Propaganda kein Wort glaubt und ihre Mysterien nicht mitfeiern will. Ein dritter schließlich, den ich erwähnen will, war anfangs selbst kritisch und skeptisch, aber spätestens nach einem Jahr drehte er sich um 180 Grad, jetzt war zwar nicht alles richtig, was die Regierung sagte und forderte, aber es war eben so, wie es war, da müsse man mitmachen, Augen zu und durch. Nach und nach war dann doch richtig, was die Regierung sagte und tat, vor allem die Impfung war richtig und wichtig, schon wegen der Pocken und weil irgendwer vor Jahren das HI-Virus geleugnet hatte (ja, so verwirrt waren die „Argumente“). Er ließ sich zweimal impfen. Dann kam der Impfdurchbruch, aber was soll’s, kann ja passieren, Nebenwirkungen und Wirkungslosigkeiten gibt es immer. Kurzum, wer von der Realität nicht mehr erreichbar ist, den überzeugt auch keine Argumentation. Mir fiel auf: Wenn er stirbt, hätte ich Unrecht gehabt, weil das Virus eben doch lebensbedrohlich ist. (Wobei ich nie „geleugnet“ habe, dass es das sein kann.) Wenn er wieder gesund wird, hätte ich Unrecht gehabt, weil die Impfung eben doch wirkt. So oder so. Er wurde, vermute ich, wieder gesund, und bald darauf verschwand er. Oder vielmehr, er ließ mich verschwinden. Gut so. Löscht mich, löscht mich alle, ihr falschen Freunde. Oder ignoriert mich. Mir ist das egal. Euch entgeht etwas, nicht mir. Was ich schreibe, könnte euer Leben ändern und die Welt verbessern, aber bitte, wer nicht will, der hat wohl schon. Um mich geht es dabei gar nicht. Ich mag unangenehm berührt, enttäuscht, gekränkt sein, aber das bin ich gewohnt. Darauf kommt es also nicht an. Wer nicht mit mir „befreundet“ sein will, hat alles Recht der Welt dazu. Aber auch nur das. Das Entscheidende fehlt.

Freitag, 24. September 2021

Ein Hungerstreik

Ein halbes Dutzend junger Leute aus Greifswald war einige Tage in Berlin im Hungerstreik, um gegen den Klimawandel und das Versagen der Politik zu protestieren und um Gespräche mit den „Kanzlerkandidaten“ bei der Bundestagswahl sowie die Einsetzung eines „Bürger:innenrates“ für Klimapolitik zu erzwingen. Inzwischen haben alle bis auf einen, dem sich ein Groupie angeschlossen hat, die Nahrungsverweigerung abgebrochen.
Hungerstreiks sind üblicherweise das Mittel von politisch Verfolgten oft bereits Eingesperrten, um ein konkretes Ziel zu erreichen, das unmittelbar mit ihnen oder anderen in ihrer Lage zu tun hat. Man kennt derlei unter anderem von den nordirischen Freiheitskämpfern, von den Terroristen der RAF, von Mahatma Gandhi und Don Camillo.
Die sechs jungen Klimaaktivisten aber haben aus einem eindrucksvollen letzten Mittel in verzweifelter Situation ein lächerliches Gedöns übersättigter Wohlstandskinder gemacht. Selbst wenn sie verhungert wären (und einer hat ja noch die Chance dazu), was hätte das gebracht?
Was wollen sie überhaupt? Seit wann ist es ein unbedingt mit dramatisch-existenziellen Gesten anzustrebendes Ziel, mit Parteifunktionären zu plaudern? Kann man da nicht einfach mit dem zuständigen Büro einen Termin ausmachen? Das die betreffenden Politiker sich nicht erpressen ließen, ist ausnahmsweise gut und richtig gehandelt. Man droht nicht mit dem eigenen Tod, nur um eine Mischung aus Talkshow und Pressekonferenz geschenkt zu bekommen, das ist hysterisch und infantil.
Und was soll das mit dem Klimarat? Zusätzlich zu den Verfassungsorganen oder statt dieser? Wer soll da drin sitzen? Wie sollen die Mitglieder bestellt werden? Welche Befugnisse soll der Rat haben? Was soll der Unterschied zu Expertenkommissionen und Parlamenten sein? Oder ist an eine Diktatur von Aktivisten gedacht? Und die befehlen dann was?
Und die wichtigste Frage: Warum sollten Politiker, die durch die Bank für eine Politik stehen, die eine Weltwirtschaftsordnung eintritt, die Millionen Menschen systematisch verhungern, durch vermeidbare Krankheiten und in für Rüstungskonzerne profitable Kriege krepieren lässt und die völlig auf Ausbeutung und Umweltzerstörung beruht, warum sollten sich solche Politiker also davon beeindrucken lassen, dass ein paar pathetische Jugendliche ihre Gesundheit schädigen oder sogar sterben? Man mag die Motive der Hungerstreiker für nobel halten, ihre Weltsicht ist bestenfalls naiv und uninformiert und ihr Verhalten unreif und egomanisch. „Wir werden die Welt retten, weil unser Leben so wichtig ist, dass man uns nicht sterben lässt, sondern macht, was wir wollen!“ Nö. Und jetzt zum Wetter.

Schwänzen for future

„Wir lehnen es ab, dass die Schulpflicht zugunsten politischer Aktionen ― etwa im Rahmen eines sogenannten Klimastreiks ― aufgehoben wird“, lässt der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes die Medien wissen. Wie bei einen Lehrer (und Verbandsfunktionär) nicht anders zu erwarten, hat der Mann nichts verstanden. Wenn die Schulpflicht aufgehoben würde, wäre es ja kein Schwänzen. Aber genau darum geht es: Das Gesetz zu brechen, um ein Zeichen zu setzen. Erlaubtes Schwänzen wäre völlig sinnlos. Soll etwa der Schulbus die Kinder und Jugendlichen zur Demo fahren, und hinterher gibts Noten fürs schönste Plakat?
Der Lehrerpräsident steht fest neben der Spur. Es könne doch auch in der Schule ein Zeichen gegen den Klimawandel gesetzt werden, etwa in Arbeitsgruppen, durch Aktionen im Unterricht und Schuldebatten. Schule und Engagement für eine bessere Umwelt seien doch keine Gegensätze!
Wie denn nun, die Schulpflicht darf nicht wegen irgendwelcher politischer Aktionen ausgesetzt werden, aber wenn  die Schule aus Politischem die Luft rauslässt, indem sie es im Unterricht verlangweilt und in Arbeitsgruppen und Debattenspielen versinnlost, dann ist wieder alles okay?
Schulen sind wichtige Indoktrinations- und Desinformationsfabriken des Systems. Sonst würden sie nicht öffentlich alimentiert und es gäbe keine Schulpflicht. Junge Menschen sollen dort lernen, dumm und folgsam zu sein, an die Autorität von Experten und das Funktionieren der Pseudodemokratie zu glauben.
Da ist das Schuleschwänzen schlicht moralische Notwehr. In der Schule ist nur Konformismus und simulierte Diversität und Toleranz möglich. Mna muss damit brechen, wenn man dem entkommen will. Diese Lektionen können die Schülerinnen und Schüler gar nicht früh genug lernen.

Augeschnappt (bei Hans Sahl über Hermann Borchardt)

Er hasste die Dummheit und die Dummheit hasste ihn, denn er war ihr erbittertster Gegner: ein Denker, der gegen die Zersplitterung die Einheit, gegen die Auflösung das Verpflichtende eines strengen, religiösen Wertsystems setzte; ein Stilist, der Unklarheit durch Genauigkeit, die Verschwommenheit eines gewissen philosophischen „Fach“-Jargons durch äußerste Klarheit ersetzte; ein Schriftsteller, dem es gegeben war, das Schwierigste auf einfachste weise zu sagen, und der in seinen Theaterstücken und Romanen eine literarische Form anstrebte, die im besten Sinne „Volkstümlich“ war (…) In seinem oft widerspruchsvollen, sich selbst parodierenden Wesen vereinigten sich viele, scheinbar einander ausschließende Züge: Milde und Streitbarkeit, satirischer Witz und Religiosität, Blick in die Ewigkeit und Beschäftigung mit dem Alltäglichsten.

Donnerstag, 23. September 2021

Ungerecht und unsolidarisch (2)

Ich stehe immer noch unter choc. Der gestrige Beschluss, in der BRD bei lohnarbeitenden „Ungeimpften“ den Lohnersatz im erzwungenen Quarantänefall zu streichen, ist ungeheuerlich. Noch ungeheuerlicher ist, dass Empörung und Widerstand ausbleiben (oder sich auf die kleine Zahl Kreis der bekennenden Coronaskeptiker  beschränken).
Die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall ist eine der Errungenschaften des Sozialstaates. Die Gleichheit vor dem Gesetz eine Grundlage des Rechtsstaates. Das Recht, Rechte zu haben, darf nicht vom Wohlverhalten abhängig sein. „Ungeimpfte“ sind nicht „selber schuld“, wenn sie zu Quarantäne verpflichtet werden. Auch „Geimpfte“ können testpositiv und infektiös sein. Schon mal was von „Impfdurchbrüchen gehört“?
Für die Abschaffung des Lohnersatzes gibt es keinerlei Sachgründe. Es handelt sich um reine Schikane. Die Absicht ist es, die Leute dazu zu pressen, sich „impfen zu lassen“.
Mich empört das. Und die Reaktionslosigkeit der Gesellschaft deprimiert mich. Warum eigentlich. Es passiert doch nur das, was ich immer schon gesagt habe. Der Staat ist böse. Politiker sind dumm und niederträchtig. Ihre Untertanen sind ängstliche, hysterisierte, verblödete Konformisten.
Aber mir geht es eben wie jedem Propheten*: Ich will nicht Recht behalten! Ich klage an und kündige schlimme Folgen an, damit die Menschen umkehren und ein besseres Leben miteinander leben. Und nicht, damit sie einander die Hölle auf Erden bereiten und danach endgültig zur Hölle fahren.
Dass die Gesellschaft sich entsolidarisiert, also das Wenige, was in den reichen Gesellschaften des Nordens an institutioneller Solidarität erreicht war, zum Abbau freigibt und so regional und global Ausbeutung, Zerstörung und Verdummung neue Dimensionen erreichen lässt, ist genau das, was ich vorhergesagt habe. Aber eben, damit es nicht eintritt, damit man sich dagegen wehrt, dass es eintritt.
Darin dachte ich mit einigen Leuten einig. Falsch gedacht. Die akademische Linke schweigt. Oder grinst zustimmend. Es ist widerlich. Ich war in diesen Milieus, wie in allen anderen, immer schon ein Fremdkörper. Inzwischen bin ich anscheinend ein Virus. Etwas, das man abstößt, isoliert, fertigmacht.
Sei's drum. Ich habe Braven und Konformisten noch nie etwas verdankt. Meine Anreger waren immer die Abweichler, die Unangepassten, die Ausgeschlossenen. Das hat nichts mit Stilisierung zu tun. Das ist die Realität. Und sie ist monströs.

* Außer Jonas, versteht sich, der als Ausnahme die Regel bestätigt.