Dienstag, 21. November 2017

Notiz zur Zeit (167)

Viele deutsche Kommentatoren sorgen sich, was nur aus Europa, ja gar aus "der Welt" werden soll, wenn die BRD wochenlang keine gewählte Regierung hat. Und man muss ja auch sagen, dass in den sogenannten Sondierungen Deutschlands Verantwortung für die Welt immer eine entscheidende Rolle gespielt hat. Statt sich mit innerdeutschen Befindlichkeiten und nationaler ´Kollektiv-Egomanie zu befassen, fragten sich die Beteiligten dauernd: Wie kann Deutschland seine erhebliche Mitwirkung an der Weltwirtschaftsordnung so gestalten, dass Ausbeutung, Zerstörung und Verblödung vermindert werden? Welches Unrecht haben wir begangen, was können wir stattdessen und zum Ausgleich tun? Wie präsentieren wir uns als das weltoffene, menschenfreundliche, selbstlose Land, das wir in der Tiefe unseres Herzens sind und immer schon waren? Ja, so war das. Aus unbekannten Gründen ist nichts daraus geworden. Wie schade für die Welt!

Sonntag, 12. November 2017

Recht auf Arbeit bei Andersgläubigen?

Eines vorweg: Ich bin kein Veganer, ich finde Veganismus Blödsinn und mache mich gern über Veganer lustig. Allerdings bin ich auch davon überzeugt, dass in einer pluralistischen Gesellschaft Menschen Veganer sein dürfen müssen. Sie müssen sogar davon überzeugt sein dürfen, dass allein ihre Weltanschauung richtig ist und alle anderen auf unverantwortliche Weise falsch liegen; solange sie niemanden mit Gewalt zum Veganertum zu zwingen versuchen, keine ungebührliche Belästigung entfalten und sich auch sonst an Recht und Gesetz halten, dürfen sie denken und tun, was sie wollen. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob Veganer außer Vereinen und allenfalls noch Restaurants auch andere Einrichtungen unterhalten — Kindergärten, Schulen, Altenheime und dergleichen —, aber wenn sie es täten, warum sollten sie es nicht dürfen? Und sie dürften auch von den in solchen und anderen von ihnen betriebenen Einrichtungen Beschäftigten erwarten, dass diese nicht nur in ihrer Arbeitszeit Veganismus praktizieren, in ihrer Freizeit aber Fleischfresser, Pelz- und Lederträger oder Tierquäler sind, sondern sie dürfen es durchaus zur Bedingung machen, dass die Beschäftigten überzeugte Veganer sind. Alles andere scheint mir unzumutbar und ein Eingriff in die Weltanschauungsfreiheit.
Die entsprechende Religionsfreiheit scheint für Christen nicht zu gelten. Jedenfalls wenn es nach dem geht, was in diesen Tagen der Generalanwalt am Europäischen Gerichtshof diesem zu entscheiden vorschlägt: Dass nämlich religiöse Gemeinschaften nicht in jedem Fall das Recht hätten, eine bestimmte Religion oder Konfession zur Voraussetzung einer Beschäftigung in von ihnen betriebenen Einrichtungen zu machen. Das hänge von der Art der Tätigkeit ab und müsse im Einzelfall (von nationalen Gerichten) entschieden werden.
Also soll ein Koch in einem veganen Restaurant Veganer sein müssen dürfen, die Putzfrau aber nicht? Mag sein, dass das auch den Betreibern richtig erscheint, wenn es ihnen aber falsch erscheint, scheint es mir falsch, ihnen per Gericht eine karnivore Putzfrau aufzudrängen. Sollen sich nicht so haben, die Veganer, verputzt die Putzfrau halt in ihrer Pause ein Schinkenbrötchen, ist doch ihr gutes Recht. Oder nicht? Man setze für Veganer Katholiken, für Putzfrau Krankenschwester und fürs Schinkenbrötchen Atheismus. Ist es nicht egal, woran die Pflegekraft glaubt oder nicht, solange sie ihre Arbeit gut macht?
Mag sein. Aber muss es einem egal sein? Muss es den „Trägern“ der jeweiligen Einrichtung egal sein? Gehört zum Pluralismus nicht auch, dass man ihn für sich und das eigene Tätigkeitsfeld ablehnen darf? Gibt es nicht ein Recht darauf, frei zu bestimmen, mit welchem Personal man eine weltanschaulich oder religiös markierte Einrichtung betreiben will? Solange Weltanschauungen und Religionen selbst als frei gelten (was Grenzen hat und hoffentlich bei beispielsweise Rassismus oder Satanismus nicht der Fall ist; oder wer möchte, dass Teufelsanbeter Kindergärten betreiben und Rassisten Altenheime?), solange also Weltanschauungen und Religionen frei sind, muss diese Freiheit auch die Möglichkeit der ihnen Anhängenden implizieren, unter sich bleiben zu können.
Ein Recht hingegen, von Menschen in Lohn und Brot gebracht und gehalten zu werden, deren grundsätzliche, lebensweisenrelevante Überzeugungen man nicht teilt, die aber Bedingung dafür sind, dass die Arbeitsstelle überhaupt existiert, ein solches Recht jedenfalls kann es nicht geben, wenn damit das grundlegende Recht auf freie Ausübung der jeweiligen Weltanschauung oder Religion eingeschränkt wird.
Natürlich wird es früher oder später zu dieser Einschränkung kommen. Dem säkularen Staat sind Christen, die allzu überzeugt von ihren Überzeugungen sind, ein Gräuel. Er wird alles gutheißen, was ihre Autonomie faktisch untergräbt und ihre Abgrenzung von einer pluralistischen Gesellschaft, in der Überzeugungen egal sind, Hauptsache du funktionierst, diskreditiert. Der Staat hat immer Recht und bestimmt darüber, Rechte hat und welche und wer nicht. Wenn sich das die Veganer gefallen lassen, sind sie selber schuld.

Montag, 6. November 2017

Inmitten von Gut und Böse

In einer Welt lebend, in der Menschen es sich seit jeher zur Gewohnheit gemacht haben, Menschen zu quälen und zu töten, zu entrechten und zu verdummen, zu entwürdigen und auszubeuten; in einer Welt, in der auch das, was man „natürliche Ressourcen“ nennt verschwenderisch ausgebeutet und sinnlos zerstört wird; in einer Welt, in der Schönes in den Schmutz gezogen, Weises verlacht, Anständiges ignoriert oder korrumpiert wird, während Hohles, Dumpfes, Närrisches, Anstößiges begierig herumgezeigt und inbrünstig verherrlicht wird; mit anderen Worten: in einer Welt lebend, in der das Gute schwach, aber notwendig, das Böse und Unnötige hingegen stark zu sein scheint, verstehe ich nicht, was (außerhalb fachphilosophischer Diskussionen über Nietzsche) die Rede von einem „Jenseits von Gut und Böse“ denn heißen soll.
Wie um alles in der Welt kann man als fühlendes und denkendes Wesen nicht die Partei des Guten ergreifen und das Böse verurteilen wollen? Mag sein, dass die Unterscheidung nicht immer gleich leicht ist. Aber Gewissen, Geschmack und Anstand dürften, wo sie nicht gänzlich abtrainiert sind, als Richtschnüre auch dem genügen, den komplizierte ethische Diskussionen langweilen oder überfordern. Dass man sich mit den Übeln dieser Welt nicht abfinden soll, liegt in der Natur der Sache. Ebenso, dass man nicht so tun darf, als sei Böses gut oder weder gut noch böse.
Es stimmt zwar, dass falsche oder falsch angewendete Moral Schaden anzurichten vermag; aber Mangel an Moral und explizite Moralverweigerung können das auch. Zu viel Willen, das Richtige zu tun, gibt es also schwerlich, offensichtlich eher das Gegenteil.
Wie man angesichts des Übels in der Welt nicht aus ganzem Herzen dagegen sein kann, verstehe ich nicht. Und ich verstehe übrigens auch nicht, wie man, angesichts dieses ungeheuren Übels und seiner wenigstens scheinbaren Übermacht, die doch so schmerzlich erfahrbar ist, nicht an eine völlig gute „höhere Macht“ glauben will, die das letzte Wort haben muss, nicht nur, weil daran Bedarf und weil Verlangen danach besteht, sondern aus Einsicht in die unbedingte Notwendigkeit. Freilich, Glaube lässt sich nicht aus Vernunftgründen ableiten, sonder muss der persönlichen Erfahrung des Guten stammen, das es ja eben auch gibt. Nur dass es auf Erden, also im sogenannten „Diesseits“, nicht überall sehr beliebt zu sein scheint.
Wie aber an all der Dummheit und Niedertracht der Mitmenschen nicht verzweifeln, ohne auf das Dasein des vollkommen Guten zu vertrauen? Wie die eigene Endlichkeit und vor allem die der anderen ertragen, ohne darauf zu hoffen, dass am Ende alles gut wird? Und wie soll alles gut werden ohne Gott?

Montag, 30. Oktober 2017

Nicht gelesen zu werden ist vermutlich besser als gelesen zu werden, denn wie die Erfahrung zeigt, lesen die Leute in das, was man geschrieben hat, allerhand hinein, was nicht darin steht, und ignorieren vieles, was sie darin hätten lesen können. Es geht dabei nicht um Missverständnisse, die sich hätten vermeiden lassen, wenn man klarer und deutlicher geschrieben hätte, sondern um eine grundsätzliche Unfähigkeit, einen Unwillen, sich von Texten etwas sagen zu lassen, was man so nicht erwartet hat. Man mag so verständlich und unmissverständlich schreiben, wie es nur möglich ist, die Leute werden immer nur das lesen, was sie bestätigt, und nie das, was sie in Frage stellt. Und selbst sie offen und zugänglich sind, wenn sie Kritik schätzen, wünschen sie sich, dass das kritisiert werde, was sie (an anderen und an sich selbst) ohnehin nicht mögen.