Dienstag, 11. Juli 2017

Aufgeschnappt (bei Max Frisch)

Dass mit Gewalt nichts zu verändern sei, das sagen auch die Inhaber der Macht. Man kann ihren Ärger verstehen, wenn es zu Unruhen kommt; zwar werden sie damit fertig, aber die gewaltlose Unterdrückung, Repressalie in Ruhe und Ordnung, ist ungefährlicher auch für sie, denn die Anwendung von Staatsgewalt hat immer etwas Aufreizendes, etwas Lehrreiches, sie bringt zum Bewusstsein, dass die Botschaft von der Gewaltlosigkeit immer an die Unterdrückten gerichtet ist.

Montag, 10. Juli 2017

Gipfelsplitter

„Zum G20-Gipfel werden Tausende Linke aus dem Ausland erwartet.“ Stimmt eigentlich. Wo bleibt vorm und beim Weltherrschergipfel der Protest von rechts? Wenigstens der inländische? Siehste.

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„Das Treiben prügelsüchtiger Gruppen, denen sonst nichts fehlt, dominiert leider nicht nur die erlaubten Proteste, sondern die gesamte Wahrnehmung der Gipfel.“ Ich finde es ungeheuerlich, wir Reinhard Müller (FAZ) hier gegen die Polizei hetzt.

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Ich finde, der Gipfel ist ein voller Erfolg. Die Polizei freut sich, dass sie all ihr schönes Gerät verwenden und ein bisschen prügeln kann. Die Demonstranten freuen sich, dass sie heldenhaft für ein bessere Welt oder gegen die Langweile kämpfen können. Die Bürger freuen sich, dass sie sich über Schurken erregen können, die sinnlos Gewalt anwenden (womit sie erstaunlicherweise nicht die Gipfelteilnehmer meinen, sondern „marodierende Linksradikale“). Und die Herrscher dieser Welt freuen sich, dass sie wichtig sind und die Geschäfte gut laufen.

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Nur der Papst meckert wieder rum. Aber den hat ja auch keiner eingeladen.

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Ist es Heuchelei oder sind Gipfelgegner und Gipfelgegnerinnen, die sich über das Verhalten der Polizei beschweren, wirklich so naiv? Glauben die wirklich immer wieder von Neuem an die Mär vom „Freund und Helfer“, der in der Hauptsache dazu da ist, gebrechliche Omas liebevoll über die Straße zu bugsieren? Der moderne Staat ist dazu da, dass die Reichen ungestört reicher werden können und der Rest der Gesellschaft in Schach gehalten wird. Die Polizei ist des Staates Büttel mit dem Knüppel. Zu seiner täglichen Arbeit gehört es, Feindbilder aufzubauen und durchzusetzen. Was aber bestätigt die systemrelevanten Ressentiments der hart arbeitenden Mehrheit der Gesellschaft besser, als eine mit Wasserwerfern, Tränengas und Schlagstock vorgenommene Unterscheidung von friedlichem Protest und mutwilligen Krawallmachern? Da lobe ich mir (ohne Straftaten gutzuheißen, was ja strafbar wäre) die, die privat mit dem Ziel der Randale angereist sind und sich ihr Vergnügen besorgt haben. Das ist ehrlich und durchdacht. Die wollen nix verbessern, die wollen Spaß. Mit der Polizei physisch zu konfligieren scheint Spaß zu machen. Schaufenster einzuschlagen, scheint Spaß zu machen, auch ohne Plündern. Autos anzuzünden, scheint Spaß zu machen. (Hier trifft der kriminalisierbare Hedonismus einer Minderheit mit dem braven Konsumismus der Mehrheit zusammen, das Auto ist beiden eine heilige Kuh.) Zu glauben, man könne das herrschende System ernsthaft kritisieren — und am Straßenrand stünden Politiker, Journalisten und Polizisten und applaudierten, wäre ziemlich doof. Aber das glaubt ja eh keiner, oder?
 
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G20 einigen sich auf freien Handel. Ich atme auf.
 
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„Der HVV verschenkt Monatskarten an Autobesitzer, deren Wagen bei den G20-Krawallen in Brand gesteckt wurden.“ Und so haben die Randalierer auch noch der Umwelt was Gutes getan. Wenigstens für einen Monat.
 
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Wenn das wohlstandsverwahrloste Spießergesindel wirklich über das bisschen Randale in Hamburg erschrocken ist, dann empfehle ich ihm dringend, sich mal im Rest der Welt umzusehen. Dort findet sinnlose Brutalität statt, gegen die das infantile Autoabfackeln und Polizistenärgern wie ein Fliegenschiss neben Tschornobyl wirkt.
 
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Eigentlich könnte es ganz reizvoll sein, wenn die brutalen Kriminellen, die das arme Hamburg so verwüstet und der Polizei solche Sorgen gemacht haben, ausgeforscht würden. Bin gespannt, wie viele V-Leute des Verfassungsschutzes darunter wären.
 
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Nachtrag. Ein besonderes Verbrechen bei dem an unschönen Ereignissen nicht armen Gipfel zu Hamburg war es, den Staatsgästen ausgerechnet Musik des Anarchisten Ludwig van Beethoven zu servieren.

Fragment über die „marodierenden Banden“

Man muss da, meiner bescheidenen Meinung nach, keine historischen Gesetzmäßigkeiten und politökonomischen Dialektiken bemühen. Es geht bei all diesen Phänomenen schlicht darum, auf Kosten anderer die eigene Bedürftigkeit zu kompensieren. Die Leuten handeln doch in aller Regel nicht aus Überzeugungen (Islamismus, Marxismus, Neonazismus, Blablabla), sondern sie suchen sich die Überzeugungen und Praktiken, von denen sie sich die beste Befriedigung ihrer Bedürfnisse (nach Anerkennung, Spaß, Kommunität, Grandiosität usw.) versprechen zu dürfen meinen. Strategien des Rechthabens und des Insunrechtsetzens aller anderen, um sich gegen Kritik und Gewissen zu immunisieren. Kommt einem bekannt vor, oder? Nur dass die meisten nicht hingehen und Autos anzünden oder Geiseln enthaupten. Aus verschiedenen Gründen, die man vom Effekt her alle gutheißen kann. Aber die alltägliche Rücksichtslosigkeit ist auch nicht viel besser, nur weniger plakativ. Und das summiert sich dann tatsächlich zu so etwas wie gesellschaftlichen Verhältnissen. Von unten nach oben. Gewiss, die Strukturen (beispielsweise: class, race, gender) wirken auf das Verhalten zurück, aber zunächst ist es das Verhalten (von jedem zu allen), das die Strukturen begründet. Terrorismus ist der trotzige Versuch, dem Staat, an den man nicht ran kann, weil alle ihn verwirklichen, seine Imitation („Guck mal, Vati/Mutti, ich kann so brutal sein wie du“) entgegenzuhalten. Das gibt dem Staat Gelegenheit zur Klage, zur Sorge und zum Ausbau seiner Kontrollsysteme. Es sind keine abstrakten „Interessen“ oder ökonomischen Notwendigkeiten, die da eine Totalität steuern. Es geht um die Mickrigkeit des eigenen Daseins, mit der viel zu viele nicht zurechtkommen, weil sie in die falsche Richtung schauen. Auf diese Weise bleiben leider viel zu viele auf der Strecke. Kann man da gar nichts machen? Doch, man könnte. Aber nicht allein. Eben das ist der Irrtum.

Donnerstag, 6. Juli 2017

Montag, 3. Juli 2017

Notiz zur Zeit (138)

„Liste Peter Pilz“ ist natürlich Quatsch. „Liste Beleidigte Leberwurst“ muss das heißen. Slogan: Demokratie ist, wenn ich gewählt werde. Sonst gründe ich mein eigenes Parlament.