Montag, 5. Dezember 2016

Nach der Wahl ist vor der Wahl

Nun, gewiss, man kann durchaus froh sein und sogar darüber jubeln, dass Van der Bellen den zweiten Wahlgang der Bundespräsidentenwahl gestern zum zweiten Mal gewonnen hat. Auch mir persönlich ist ja ein Nichtnazi in der Hofburg lieber als ein Nazi, keine Frage. Aber es ist nicht nur das gewohnheitsmäßige Granteln des gelernten Österreichers, dass mich noch mehr als die Freude darüber, dass das Glas mehr als halb voll ist, die Sorge beschäftigt, dass das Glas jadann auch fast halb leer ist. Wie oft wird der Klassenkampf noch gut ausgehen? Wie oft wird das Bürgertum die Arbeiterschaft, werden die Frauen die Männer, die Städter die Landbevölkerung, die Maturanten und Akademiker die Hauptschüler, die Jüngeren die Älteren noch in Schach halten können?  Der Rechtspopulismus ist weiter auf dem Vormarsch, und längst machen Rot und Schwarz blaue Politik. Irgendwann wird wieder gewählt, und dann braucht die FPÖ keine absolute Mehrheit, nur willige Koalitionspartner, um so unmittelbar auf staatliche Machtmittel zugreifen zu können, wie sie es jetzt schon mittelbar auf Herz und Hirn (besser wohl: Psyche und Maul) so vieler in diesem Lande vermag. Ob man mit dem Zuschütten von Gräben, das man jetzt zum Programm erheben will, überhaupt hinterherkommt, wenn so viele den festen Willen haben, anderen eine Grube zu graben? Kann es genügen, den Totengräbern von Anstand und Menschlichkeit die Hand zu reichen, um sie von ihrem Geschäftsmodell abzubringen? Et is noch immer jot jejange, sagt man in Köln. Es kommt nichts Besseres nach, weiß man in Wien.

Sonntag, 27. November 2016

1. Advent 2016

War’s das schon oder kommt da noch was? Das kann doch noch nicht alles gewesen sein. Das Unbehagen demgegenüber, dass dieses Leben, das man bisher geführt hat und das man voraussichtlich so bis zum absehbaren Ende führen wird, das Gefühl des Ungenügens demgegenüber, dass diese Welt, in der man lebt und in der man irgendwann sterben wird, schon alles ist, was man berechtigterweise erwarten darf, das Unbehagen, mit anderen Worten, am sogenannten Diesseits, seiner Beschaffenheit und der eigenen Rolle darin, dieses Unbehagen mag es hie und da bei diesem oder jenem noch geben, im Großen und Ganzen jedoch sind die Gegenkräfte sehr bemüht, es den Leuten auszutreiben. Und diese Kräfte haben, wenn schon nicht die besseren Argumente, so doch sehr effiziente Instrumente auf ihrer Seite. Die ganze gewaltige Maschinerie der Ablenkung, Bespaßung und Infantilisierung, der die Insassen der westlichen Konsumgesellschaften unterworfen sind, läuft auf die eine Botschaft hinaus: Die Welt ist vielleicht nicht schön und die Verhältnisse sind vielleicht grauenvoll, aber was kümmert’s dich, du brauchst doch nichts anderes zu tun, als es dir gemütlich zu machen, dich in der wunderschönen Warenwelt einzurichten und von einem guten Leben zu träumen, und alles was dafür von dir verlangt wird, sind deine Arbeitskraft, deine Wünsche und Begehrlichkeiten und dein Gewissen. Und wenn einer zwischen Unterhaltungselektronik, Sommerurlaub, Kleinfamilienterror und Selbstvermarktungshektik doch noch Platz hat, darf er gerne auf die ideologischen Angebote zurückgreifen. Evolutionismus, Tiefenpsychologie, Hirnforschung, Genforschung usw. wissen alle dasselbe zu berichten: Du bist nicht schuld, du bist nicht verantwortlich, da kannste nichts machen. Das widerspricht zwar ein wenig dem sonstigen Imperativ, sich dauernd zu optimieren, sich marktkonform zu verhalten und die richtigen Kaufentscheidungen zu treffen, ist doch aber gerade dann, wenn’s dabei kriselt, so herrlich entlastend. Der Mensch ist auch nur ein Tier, das Ich nicht Herr im eigenen Hause, die Willensfreiheit eine Illusion, weil das Hirn alles für einen entscheidet, und die Gene haben einen auf all das programmiert, was man ist und was einem widerfährt. Und wenn du tot bist, bist du tot. Ja sicher, man lebt in den Erinnerungen der Menschen weiter, die einen geliebt haben, aber mal ehrlich, wie viele waren das schon, zumal gegen Ende? Nein, nein, der Tod ist das Ende, da kommt nichts mehr, alles andere ist Illusion, kindliche Tröstung, frommes Gerede. Derlei zu akzeptieren, muss umso leichter fallen, je diesseitiger das Leben vor dem Tode gelebt wurde. Wer sich vor allem um sich selbst gekümmert hat und um andere nur, sofern sie im Gefühlshaushalt eine produktive Rolle spielten; wer sich nicht für die herrschenden Verhältnisse interessiert hat und um das Leid, das sie für so viele bedeuten; wer sich nur darum gesorgt hat, was er außer dem, was er schon hat, noch haben kann, und sich nie ohne Not gefragt hat, worauf er verzichten könnte; wer nie das in dieser Welt nicht aufhebbare und nicht ausgleichbare Unrecht, das Leiden und den Tod als unerträgliche Zumutung erfahren hat; wer also, kurz gesagt, ein rein diesseitig orientierter Materialist und Egoist ist, bei dem ist klar, dass er von irgendeiner Transzendenz nichts wissen will. Er könnte jedoch sogar ein engagierter Idealist sein, gegen das Unrecht auftreten, Leiden zu lindern versuchen und für eine bessere Welt kämpfen — wenn es sich dabei immer nur um diese Welt handeln, sind diese Bemühungen, so gut und ehrenwert sie für sich genommen wären, letztlich zum Scheitern verurteilt. Denn gesetzt selbst, es ließe sich das Paradies auf Erden errichten und alle Menschen lebten in gerechten Verhältnissen, Wohlstand und geistigem Reichtum, was würde aus all dem Leiden, das es bis dahin gab, aus all dem Unrecht und der Schuld dafür und was würde aus den Toten? Selbst wenn es nämlich gelänge, den Tod zu besiegen und die gerade Lebenden für immer am Leben zu halten, die bis dahin Gestorbenen wären und blieben doch tot. Mit anderen Worten, selbst wenn, was angesichts der bestehenden Wirklichkeit völlig unwahrscheinlich ist, eines Tages auf Erden alles gut würde, es bliebe doch die Vergangenheit, die nicht gut war. Darf das sein? Materialismus, Egoismus, Konsumismus, Immanentismus haben auf diese kleine, aber alles entscheidende Frage keine befriedigende Antwort, keine, die jenes Unbehagen aufheben könnte, das nicht bloß am eigenen Wohl und Wehe entzündet, nicht am eigenen Glück, sondern nicht zuletzt am Unglück der anderen, am diesseitig irreparablen Unglück derer, die litten und starben, die entwürdigt und entrechtet wurden, die man sowohl um ein Minimum wie um das Maximum an gutem Leben in dieser Welt betrog. Die Ideologen der reinen Diesseitigkeit haben darauf, wie gesagt keine Antwort. Darauf antwortet nur die Religion.

Noch eine Woche

So. Noch eine Woche. Dann wird in Österreich wieder einmal der Bundespräsident gewählt. Man erwartet sich ja nicht viel von dem Land und seinen Bewohnern, aber dass sie es zu Stande bringen, keinen Nazi zum Staatsoberhaupt zu machen, wird man ihnen ja wohl noch abverlangen dürfen. Doch dafür sieht es nicht gut aus. Denn obwohl so ziemlich jeder aus Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft, dessen im Name im In- und Ausland etwas gilt, sich wenn schon nicht für Van der Bellen, so doch gegen Hofer ausgesprochen hat, liegt dieser in Umfragen vorn. Klassischer Fall des Auseinandertretens von „Elite“ und „Masse“. Davon profitieren ein Kandidat und eine Partei, die mit dem Etikett „rechtspopulistisch“ eher noch gut wegkommt, weil ihre vielfältigen personellen Verbindungen in den alt- und neonazistischen Sumpf, zahlreiche hetzerische Aussprüche und der ganze Habitus einer rücksichts- und bedenkenlosen Machtergreifungsbewegung auch die Bezeichnung „nationalsozialistisch“ rechtfertigten. Das hält einen Großteil der Bevölkerung nicht davon ab, für dieses Gesindel zu votieren. Selige Zeiten, als man sich noch darüber empören konnte, dass das Potenzial der FPÖ-Wählerschaft bei einem Drittel lag. Die Bundespräsidentenwahl hat gezeigt, dass knapp die Hälfte der Österreicherinnen und Österreicher sich an Rassismus und anderen Formen des Menschenhasses nicht stören und derlei wohl sogar ganz in Ordnung finden. Sicher, nicht alle, die Nazis wählen, sind selber Nazis. Aber das ist ebenso irrelevant wie im Grunde der Ausgang der Wahl selbst. Denn auch wenn die Anständigen, Nichtverblödeten und Nochnichthirntoten eine hauchdünne Mehrheit bilden können und, was ich hoffe, Van der Bellen gewählt würde, bliebe das Faktum, dass fast die Hälfte der Leute einen Nazi gewählt hat, was eigentlich genau so schlimm ist, wie wenn ihn mehr als die Hälfte gewählt hätte. Die sogenannten etablierten Kräfte haben dem offenbar nichts Wirksames entgegenzusetzen. Wie etwa die aktuelle Debatte um die „Mindestsicherung“ zeigt, betreiben Rote und Schwarze bereits eine Politik, die von denselben rassistischen Ressentiments und vom selben sozialen Destruktionswillen geprägt ist wie das blaue Projekt. Sozial engagierte Kleriker, gewitzte Kabarettisten, denkwillige Wissenschaftler, informierte Wirtschaftstreibende e tutti quanti derer, deren Horizont weiter als bis zum Rand eines Bierdeckels reicht und deren Gewissen und politisches Bewusstsein nicht von Gratiszeitungen und anderem Verblödungsmüll ausgelöscht ist, können dem halb verzweifelt, halb optimistisch entgegenhalten, was sie wollen: Die, die dumm sein wollen, die hassen wollen, die wollen, dass es anderen schlechter geht als ihnen, bilden eine stabile Mehrheit. Trotz alledem hoffe ich, wie gesagt, dass Van der Bellen die Wahl gewinnt. Aber auch danach, dass muss klar sein, kann man nicht weitermachen wie bisher. Es muss etwas systematisch und vehement anders werden in diesem allzu selbstgefälligen, allzu grantlerischen, allzu dumpfen Land. Oder es muss weg. Wenn die Österreicher es nicht schaffen, den Nazismus auf ein Minimum zu begrenzen, dann gehört Österreich abgeschafft.

Wenn Kommunismus links ist, dann bin ich nicht links

Wenn Kommunismus links ist, dann will ich nicht links sein. Wenn es links ist, zu lügen und zu betrügen, dann will ich nicht links sein. Wenn es links ist zu morden und Morde gutzuheißen, dann will ich nicht links sein. Wenn es links ist, nach Herrschaft zu streben, dann will ich nicht links sein. Wenn es links ist, den Zweck die Mittel heiligen zu lassen, dann will ich nicht links sein. Wenn es links ist, Unrecht zu bejahen, wenn man meint, dass es einem nützt, dann will ich nicht links sein. Wenn es links ist, Recht und Ethik nur als Instrumente der Klassenherrschaft begreifen zu können, dann will ich nicht links sein. Wenn es links ist, Individuen nur als Exemplare eines Kollektivs („Klasse“) zu betrachten, dann will ich nicht links sein. Wenn es links ist, „Dialektik“ als einen Trick zu verstehen, immer Recht zu haben, dann will ich nicht links sein. Wenn es links ist, eine verkorkste Metaphysik („Materialismus“) zu predigen, dann will ich nicht links sein. Wenn es links ist, eine verkappte, aber lächerliche Geschichstheologie zu predigen, dann will ich nicht links sein. Wenn es links ist, den Kapitalismus als notwendige Durchgangsstufe zum Sozialismus zu bejahen, dann will ich nicht links sein. Wenn es links ist, für die Diktatur einer Klasse zu sein, dann will ich nicht links sein. Wenn es links ist, alle Nichtproletarier beseitigen zu wollen, dann will ich nicht links sein. Wenn es links ist, die Herrschaft einer Partei, also eigentlich: des Politbüros oder des Generalsekretärs zu befürworten, dann will ich nicht links sein. Wenn es links ist, einen „Führer“ kultisch zu verehren, dann will ich nicht links sein. Wenn es links ist, zu behaupten, die Partei habe immer recht, dann will ich nicht links sein. Wenn es links ist, Sozialismus zu sagen, aber das Privateigentum der Partei an den Produktionsmitteln zu praktizieren, dann will ich nicht links sein. Wenn es links ist, Demokratie zu sagen, aber Diktatur zu praktizieren, dann will ich nicht links sein. Wenn es links ist, Internationalismus zu sagen, aber Nationalismus zu praktizieren, dann will ich nicht links sein. Wenn es links ist, Solidarität zu sagen, aber den Kampf der Partei gehen alle zu praktizieren, dann will ich nicht links sein. Wenn es links ist, Industrialisierung als Sklavenarbeit zu organisieren, dann will ich nicht links sein. Wenn es links ist, Menschen rücksichtslos auszubeuten, dann will ich nicht links sein. Wenn es links ist, natürliche Ressourcen rücksichtslos auszubeuten, dann will ich nicht links sein. Wenn es links ist, das eigene planerische Versagen Saboteuren und Spionen in die Schuhe zu schieben, dann will ich nicht links sein. Wenn es links ist, die Umwelt nachhaltig zu schädigen, dann will ich nicht links sein. Wenn es links ist, Ressourcen für Prestigeprojekte zu vergeuden, dann will ich nicht links sein. Wenn es links ist, jede freie Meinungsäußerung zu unterbinden und, wenn sie doch vorkommt, zu bestrafen, dann will ich nicht links sein. Wenn es links ist, Künste und Wissenschaften zu Mitteln der Politreklame und des Massenamüsements zu erniedrigen, dann will ich nicht links sein. Wenn es links ist, Kulturgüter zu vernichten, die einem nicht in den Kram passen, dann will ich nicht links sein. Wenn es links ist, sich Kulturgüter unter den Nagel zu reißen, die einem in den Kram passen, dann will ich nicht links sein. Wenn es links ist, Religion im Allgemeinen und das Christentum im Besonderen zu bekämpfen, dann will ich nicht links sein. Wenn es links ist, bürgerliche Umgangsformen durch Vulgarität, Befehlston, gegenseitiges Misstrauen und soziale Kälte zu ersetzen, dann will ich nicht links sein. Wenn es links ist, den Staat zu einem Repressionsapparat auszubauen, wie es in de Geschichte keinen schlimmeren gegeben hat, dann will ich nicht links sein. Wenn es links ist, Putsche und Staatsstreiche als „Revolutionen“ zu verklären, dann will ich nicht links sein. Wenn es links ist, Krieg und Bürgerkrieg zu führen oder zu fördern, dann will ich nicht links sein. Wenn es links ist, mit den Nazis zu paktieren und von den Nazis Verfolgte an diese auszuliefern, dann will ich nicht links sein. Wenn es links ist, Menschen zu beleidigen und zu erniedrigen, dann will ich nicht links sein. Wenn es links ist, Menschen zu berauben und im Elend leben zu lassen, dann will ich nicht links sein. Wenn es links ist, Menschen zu bespitzeln und zu verleumden, dann will ich nicht links sein. Wenn es links ist, Menschen einzusperren oder zu verbannen, dann will ich nicht links sein. Wenn es links ist, Menschen zu falsche Geständnisse zu zwingen und sie in Schauprozessen vorzuführen, dann will ich nicht links sein. Wenn es links ist, Menschen in Arbeitslager zu stecken und sie dort verrecken zu lassen, dann will ich nicht links sein. Wenn es links ist, Menschen willkürlich zu verhaften und ohne auch nur den Anschein der Legalität zu liquidieren, dann will ich nicht links sein. Wenn es links ist, Menschen millionenfach verhungern zu lassen, dann will ich nicht links sein. Wenn es links ist, Menschen umzubringen, weil die falsche Nationalität oder Klassenangehörigkeit haben, dann will ich nicht links sein. Wenn es links ist, Menschen umzubringen, weil sie „Kosmopoliten“ (also Juden) sind, dann will ich nicht links sein. Wenn es links ist, Menschen umzubringen, weil sie Brillenträger sind, dann will ich nicht links sein. Wenn es links ist, gegebenenfalls jeden einzelnen Menschen im Namen „der Menschheit“ opfern zu wollen, dann will ich nicht links sein. Kurzum, wenn Kommunismus links ist, dann bin ich nicht links.

Mittwoch, 16. November 2016

Das ganze Elend dieser Zivilisation steckt in der Wendung „Ich habe das Buch nicht gelesen, aber ...