Dienstag, 27. Juni 2023

Glosse CXXI

Einer faselt von der Verbrennung ganzer Katakomben von Ketzern, und hätte bemerkenswerterweise auch dann nicht Recht, wenn er korrekt von „Hekatomben“ schriebe.

Mittwoch, 21. Juni 2023

Friedenspreis?

Wohl kein zweiter Belletrist hat je für so viel Unfrieden in der Welt gesorgt wie Herr R. 

Glosse CXX

Wer fehlendes Bewusstsein für Menschen mit geistiger Behinderung beklagt, ist sich wohl dessen nicht bewusst, dass es Bewusstsein nur von, nicht für etwas gibt. Und kann man sich denn überhaupt einer Person (oder Personengruppe) bewusst sein (und nicht etwa nur deren Existenz, Lage, Anliegen usw.)? Kann ich mir deiner bewusst sein oder ist nicht ein Bewusstsein von dir dein Selbstbewusstsein?

Sonntag, 18. Juni 2023

Notiz über Sozialismus

Ich bin Sozialist, weil ich konservativ bin. Weil ich überzeugt bin, dass das Wahre, Gute und Schöne, das auf uns gekommen ist, nur bewahrt werden kann, wenn es zur Sache aller Menschen gemacht wird, es gegen die Gier der Mächtigen und die Dummheit der Massen zu verteidigen. Nur eine Gesellschaft, in der niemand dadurch erpressbar ist, dass seine Grundbedürfnisse nicht oder nicht ausreichend gestillt sind, wäre immerhin so frei, sich dem Wesentlichen zuzuwenden. Wenn das Fressen vor der Moral kommt, nun, dass alle sich satt essen, damit wir uns endlich der „Moral“ zuwenden können, also der Philosophie, den Künsten, der Religion, dem sinnvollen Leben.

Samstag, 10. Juni 2023

Über die Sorgen einer KI-Forscherin

„Zum einen müssen wir herausfinden, warum heute so viel Unzufriedenheit in der Gesellschaft ist, die Falschinformation auf fruchtbaren Boden fallen lässt, und wie wir das ändern können. Zum anderen müssen wir uns um die Technik kümmern, sie sicherer machen.“ (Sandra Wachter)
Wenn die KI-Forscherin wirklich nicht weiß, was die Ursachen gesellschaftlicher Unzufriedenheit sind ― Ausbeutung, Umweltzerstörung, Verblödungsindustrie, kurzum Kapitalismus ―, ist sie zu Recht KI-Forscherin und nicht etwa Geistes- oder Gesellschaftswissenschaftlerin. Vielleicht meint sie ja aber auch bloß die Unzufriedenheit im engeren Sinne, jene also, „die Falschinformation auf fruchtbaren Boden fallen lässt“. Dann lebt sie in einer Märchenwelt, in der früher die Menschen alle zufrieden und aufgeklärt war, kein Politiker, kein, Konzern, kein Medium log und alle unter Regenbögen auf Einhörnern durch Blumenwiesen hopsten. Bis irgendwie eine böse Hexe usw.
„Falschinformationen“ hat es immer gegeben, nur nicht immer dieselben technischen Optionen, sie zu verbreiten und daran zu verdienen. Unzufriedenheit hat es auch immer gegeben, aber meistens waren die Menschen damit beschäftigt, sich vor noch größerer Unzufriedenheit irgendwie zu verstecken.
Was heute nicht mehr funktioniert, ist das Märchen von der gerechten Gesellschaft, die einige wenige Reiche braucht, damit deren Reichtum nach unten durchtröpfelt und so auch die vielen Nichtreichen ein bisschen wohlhabend macht. Der absolute Gegensatz zwischen dem konzentrierten Reichtums und der Massenarmut, der von der Technologisierung in ihrer kommerziellen Ausgestaltung noch verschärft wird, lässt sich nicht länger verbergen, und nervt auch die Mittelschichten des Globalen Nordens, die, eingeklemmt zwischen Abstiegsdrohung und Ausbeutungsrealität, Zukunftsangst (Klima!) und Privatvergnügen, sich als Konsumenten gebraucht sehen und als Stimmvieh umschmeichelt, tatsächlich aber dauernd belogen und betrogen werden. Die Unterhaltungsindustrie (zu der auch die Hersteller von Spielzeug gehören: Mobiltelephon, Tablet usw.) zieht ihnen das Geld aus der Tasche, vernebelt ihr Denken und Fühlen und lässt sie unbefriedigt zurück. (Erst habe ich geschrieben „wie eine durchgefickte frigide Nutte, die für den schlechten Sex auch noch bezahlt hat“, aber das habe ich dann als Grobianismus gelöscht.)
Irgendwer muss an der Misere schuld sein. Das eigene Verhalten (Konsumieren, Zerstreuen, Ablenken, Wählen, Arbeiten, Wegdröhnen …) kann es nicht sein. Denn daran könnte man etwas ändern, täte es aber nur ungern. Und wäre nicht auch das wieder schrecklich individualistisch? Also bleibt, was wenigstens ein bisschen Kitzel verspricht: Die Lüge. Die Auswahl von Sündenböcken. Der Rassismus.
Da jeder Versuch, das tatsächliche System der Ausbeutung, Unterdrückung, Zerstörung und Verblödung zu bekämpfen, sinnlos erscheint, weil er an den anderen scheitert, die weiterhin konform leben, erlaubt die Flucht in die Scheinwelt beides: Alles zu lassen, wie es ist, und zugleich das Gefühl zu haben, dagegen zu sein.
Der „fruchtbare Boden“ von Falschinformation ist schlicht der Raum freier Meinungsäußerung, der so frei nicht ist. Nicht frei von Verboten und nicht frei von Unwahrheit. Wenn jeder sagen darf, es gibt keinen Gott, darf auch jeder sagen, Reptiloide regieren die Welt, oder es gibt zu viele Asylanten oder die Ukrainer sind alle Nazis. (Nur auf „die Juden“ darf man nichts kommen lassen und nicht auf die Frauen und die LGBTIQ.)
Die Gründe der Unzufriedenheit sind Legion, und keiner davon wird von KI behoben werden. Die zitierte Forscherin ist auch gar nicht an den Problemen der Menschen interessiert, sie will, dass sich „um die Technik“ gekümmert werde. Keine Sorge, die sorgt für sich selbst! Die ihr eingeschrieben Prinzipien ― maximale Expansion, Verfeinerung der Kontrolle, Auslöschung des Menschen ― funktionieren automatisch. Dass die „KI“ dabei nicht klüger, nur mächtiger wird, liegt in der Natur der Sache. Und unterscheidet die Herrschaft der menschengemachten Maschinen nicht von der der Menschen über Menschen. Trump ist auch strunzdumm und war schon einmal Präsident.

Zum Problem der Unterbrechung des Erzählflusses und der Vergrößerung der Distanz zu den Figuren

„Problematisch erscheinen die bereits auf der zweiten Textseite einsetzenden häufigen Fragen des auktorialen Erzählers an sich selbst, in der Art von ‘Vielleicht dies und das erwähnen?’ Möglicherweise als Einblicke in die Schriftstellerwerkstatt gedacht, unterbrechen sie den Erzählfluss und vergrößern die Distanz zu den handelnden Personen.“
Wer hier war von wem bespricht, ist ohne Belang, mir geht es um die Haltung, die sich in diesem Stückchen einer Roman-Rezension ausdrückt. Was um alles in der Welt ist „problematisch“ daran, wenn der Erzählfluss eines Textes unterbrochen und die Distanz zu den „handelnden Personen“ vergrößert wird? Einschübe, die den Gang des Erzählens aufhalten oder ablenken, gibt es seit de Anfängen der modernen Erzählkunst (und auch schon früher), mal wurden Gedichte eingeschoben oder ganze Novellen. Das geradlinige, diskursiv fortschreitende Modell des bürgerlichen Realismus des 19. Jahrhunderts findet sich etwa bei Cervantes, Lawrence Sterne oder auch den Romantikern überhaupt nicht. Die hatten nämlich gar nicht vor, ihre Leser zu manipulieren, ihnen die Illusion vorzusetzen, sie läsen kein Buch, sondern tauchten ein in eine alternative Realität. Ein Betrug (von seiten des Autors) und Selbstbetrug (von seiten des Lesers) der sich bis zu der absurden Vorstellung steigern kann, es gebe im Text handelnde Personen und nicht bloß als agierend bezeichnete Figuren.
Alles, was in voller Absicht dem Leser erlaubt, Distanz zum Geschrieben zu wahren, ist zu begrüßen. Alles, was ihn bezaubert, betört, verstrickt, macht ihn hingegen unmündig und lenkt ihn von der Realität ab. Darum ist die ubiquitäre Forderung nach „Wiederfinden“ und „Identifikation“ so reaktionär. Damit soll das eigentlich Potenzial der Literatur, die kritische Reflexion, zu Gunsten der bloßen Unterhaltung, des Nervenkitzels, der Wunschbefriedigung verschenkt werden. Die genüssliche Lektüre, der Text als runde Sache, nach der man glücklich und zufrieden (und vielleicht ein bisschen erregt oder gegruselt oder …) das Buch beiseite legt, die Literatur als Konsumgut unter anderen ― all das macht konform mit den herrschenden Verhältnissen und trägt nichts dazu bei, kritisches Denken und handeln zu befördern.
Einblicke in die Schriftstellerwerkstatt? Wenn dort keine Bomben gebaut werden, will ich gar nichts davon wissen. „Wir brauchen aber die Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt, wie der Tod eines, den wir lieber hatten als uns, wie wenn wir in Wälder vorstoßen würden, von allen Menschen weg, wie ein Selbstmord, ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.” Basta.

Annäherung an eine Unsittlichkeit

Wie es scheint, wird auch in diesem Fall mal wieder kein faires Verfahren benötigt, sondern einfach kurzer Prozess gemacht. Herr L. von der Band „R.“ ist schon verurteilt, bevor auch nur Anklage erhoben worden wäre. Bloße Vorwürfe genügen völlig für große Empörung. Und für „Konsequenzen“. Die Unschuldsvermutung spülen wir im Klo runter und brauchen politikerseits mal wieder dringend ein paar neue Gesetze, um künftig das zu verhindern, von dem unbekannt ist, ob es überhaupt passiert ist.
Der Schaden ist angerichtet, und geschädigt ist vor allem die rechtliche Gesittung, weil es ja eigentlich zu den simpelsten Regeln gehört, zumindest zu fragen: Was ist wahr an Beschuldigungen? Und was sagt der Beschuldigte dazu? Stattdessen schreiten Medien und Aufmerksamkeitswirtschat sofort zur Exekution, gnadenlos, gedankenlos, realitätsfern.
Wie jene Damen, die angeblich dachten, backstage werde bloß Kamillentee getrunken und Mau-Mau gespielt, und die annehmen musste, sie würden dazugebeten, weil sie so klug sind und man mit ihnen übers Wetter reden wolle. Als es dann, Überraschung!, doch bloß ums Ficken ging, erhoben sie zwar keine Einwände, stellten aber Jahre später fest, für ihre Dienste nicht bezahlt worden zu sein. Und nun gibt es einen Skandal.
Ich hege keine Sympathien für Herrn L. Die Performanz von „R.“ finde von vorn bis hin hinten primitiv und infantil. Wer solche Musik mag, hat nicht schlechten Geschmack, sondern offensichtlich gar keinen. Egal. Auch die Produzenten mieser Unterhaltungsware haben das Recht auf ein faires Verfahren und bis zu einer Verurteilung als unschuldig zu gelten. Frauen hingegen, die sich zu solchen lauten, aber schlichten Gemütern hinter die Bühne bitten und lassen und dann behaupten, sie hätten nicht gewusst, dass es um Sex gehen werde, lügen entweder oder sind dumm bis zur Psychiatriereife, Jedenfalls haben ihre Auslassungen in der Öffentlichkeit nichts zu suchen, das gehört vor Gericht, aber nicht in die Schlagzeilen.Alles andere ist unmoralisch. Und rechtssaatswidrig sowieso.