Samstag, 10. Oktober 2026
Zwei kleine Freuden
Freitag, 9. Oktober 2026
Ich verstehe die Leute nicht
Unter anderem verstehe ich nicht, was die Leute daran so beglückt, einander das Leben schwer zu machen. Sie fordern Anpassung und passen sich selbst an, was sie nicht davon abhält, sich für Individualisten und geradezu Rebellen zu halten. Vielleicht meinen sie damit, dass sie sich an dir Regeln, die sie anderen auferlegt wissen wollen und deren Nichteinhaltung sie empört, selbst nicht halten.
Ich verstehe nicht, wie man sein Begehren und sein Glück an dem orientieren kann, was andere haben oder haben wollen. warum um Himmelswillen sollte man sich irgendeiner Mode unterwerfen? Die Leute halten ihren Konformismus, also ihr Bestreben, knapp hinter der Avantgarde des Konsums zu marschieren, für ein Zeichen der Überlegenheit. Sie wissen Bescheid und können sich etwas Leisten. In Wahrheit sind das alles Abzeichen der Beschränktheit und Unterdrückung.
Ich verstehe diese wahnsinnige Lust der Leute nicht, Scheiße zu fressen, frische, dampfende Scheiße und alte, eingetrocknete. Was man ihnen auch vorsetzt, sie schlingen es gierig hinunter: Musik, Literatur, Kunst, Einrichtung, Vergnügen, Hauptsache es ist wertlos und lenkt sie ab. Sie stopfen sich voll mit Unsinn und Bedeutungslosigkeit.
Ich verstehe diese allgemeine Bereitschaft zur Komplizenschaft nicht. Es gehört doch nicht viel dazu einzusehen, dass die Ausbeutung von Mensch und Natur Unrecht ist, unvernünftig und unheilvoll. Wie bringen die Leute es fertig, daran aktiv profitieren zu wollen? Welchen Wer hat materieller Reichtum, wenn man moralisch zurückgeblieben ist?
Ich verstehe die Ignoranz der Leute gegenüber metaphysischen Fragen nicht. Woher man kommt, wohin man geht, was das alles soll ― die existenzielle Dringlichkeit von Sinnfragen kann man doch nicht mit Spaß und Rausch übertünchen. Wie verkorkst muss man sein, um sich mit lauter Ausflüchten und Ausreden selbst in die Leere abzuschieben?
Donnerstag, 8. Oktober 2026
Drei Philosophen
Samstag, 12. September 2026
Bei mir ist das so (1)
Montag, 13. April 2026
Wie ich es halte
Sonntag, 19. Oktober 2025
Keiner von denen
Ich bin keiner von denen. Ich stehe für mich. Meine Art zu schreiben imitiert niemanden. das könnte ich gar nicht. Und habe es auch niemals probiert. Wozu auch? Man wird vielleicht Ähnlichkeiten finden und vielleicht sogar Vorbilder, von denen ich nichts weiß, aber das macht nichts, ich brauche das nicht, meine ich, aber wenn andere meinen, es für mich zu brauchen, wenn sie also etwas besser wissen mich als ich, dann umso besser, wenn es denn etwas erklärt.
Ich denke mir Schriftsteller immer wieder als Nonkonformisten, Abweichler, Außenseiter. Aber mir ist klar, damit liege ich in den meiste Fällen völlig falsch. Ich hingegen bin tatsächlich ein Außenseiter, ein Abweichler, einer, der nicht konform gehen will oder kann. Ich gehöre zu nichts niemandem dazu. Eben auch nicht zu irgendwelchen anderen Schriftstellern und ihren Gruppen und Vereinen, Strömungen und Cliquen. Ich bin keiner von denen. Wer aber nicht zu den Schriftstellern gehört, ist keiner. Könnte man sagen und sagt es wohl auch.
Mir liegt daran nichts. Ob ich ein Schriftsteller bin oder nicht, was soll die Frage, da geht es um eine soziale Rolle, eine einzunehmende Stellung, ein kulturelles Muster. Das interessiert mich nicht, längst nicht mehr. Wem soll ich etwas beweisen, wem muss ich einen Beruf vorweisen, wem will ich das Recht zugestehen, meinem Lebensinhalt, dem Schreiben, ein Etikett aufzukleben? Schriftsteller oder nicht: Ich schreibe. Dafür muss ich niemanden um Erlaubnis fragen.
Wahrscheinlich war es ein Fehler mich nicht abhängig gemacht zu haben von der Anerkennung anderer. Wenn überhaupt galt mir nur mein Selbstverständnis etwas, nicht das Urteil anderer, und ich arbeitete unverantwortlicherweise nie darauf hin, von ihnen oder von noch anderen als einer von denen anerkannt zu werden. Ein Fehler war das und ist das insofern, als es vielleicht einiges leichter gemacht hätte, angenehmer, beruhigender, galtter. Aber eben auch, nun ja, sozusagen gewissermaßen unreiner. Weil es das Schreiben verfälscht, wenn das Kriterium nicht der Text selbst ist, sondern der Effekt, den er in sozialer und ökonomischer Hinsicht hat.
Geld zu verdienen mit Schreiben, ich hab’s gemacht, es war gut, als es war, ich kann mir auch vorstellen, es wieder zu machen, aber es nicht machen zu müssen, ist besser. Keine Rücksicht nehmen zu müssen auf Vorgaben, Erwartungen und Wünsche, scheint mit ein kleines Stück Freiheit, das kaum zu hoch zu bezahlen ist.
Erfolg? Was heißt schon Erfolg? Geschnittenes Brot und warme Semmeln, aber das Metier des Schreibens ist von anderer Art. Der Ausdruck „Beststeller“ war mir immer schon zuwider. Dass es sich gut verkauft, ist kein Kriterium für den Wert eines Buches, es lässt (bei mir) nur Vermutungen aufkommen, wie maßgeschneidert, also angepasst und systemkomplizenhaft das Ding sein muss. Pfui gack.
Ich sage nicht: Wenn ich nur wollen würde, könnte ich das auch. Ich sage: Ich habe das nie gewollt, hätte das nie über mich und nie zu Stande gebracht. Ich will und kann nicht schreiben, was ich nicht lesen will. Ich bin unweigerlich mein erster Leser, um mein Urteil geht es vor allem, und selbst wenn das bedeuten müsste, mein einziger Leser zu bleiben, kann und will ich mich nicht verstellen, verdrehen, verstecken, verderben. Und das müsste ich wohl, um einer von denen zu sein, die „Erfolg“ haben. Oder ist alles nur Zufall? Könnte ich ebenso gut berühmt sein?
Selbstverständlich hätte ich nie etwas dagegen gehabt, umjubelt und auf Händen getragen zu werden. Viele Leser zu haben, das wäre womöglich besser, als ganz, ganz wenig zu haben, weil es unter Umständen die Chance erhöhte, dass darunter ein paar richtige wären. Aber es ist, wie es ist.
Ich bin keiner von denen, die ihren Zeitgenossen vertrauen. Was wissen die schon? Zu oft schon lagen, geschichtlich gesehen, Zeitgenossen völlig falsch.
Und wie immer sage ich an dieser Stelle: Kafka. Hat der etwa zu Lebzeiten Bestseller geschrieben? Hätte man ihm, von ganz, ganz wenigen seiner Zeitgenossen abgesehen, überhaupt zugestanden, ein Schriftsteller zu sein? Veröffentlicht hatte er am Ende nur wenig, unvollendet hinterlassen viel, und hätte Brod auftragsgemäß nach Kafkas Tod alles Hinterlassene vernichtet, der Name „Franz Kafka“ tauchte allenfalls in einem längst vergriffenen Speziallexikon zu deutschsprachigen Prager Autoren auf. Wenn überhaupt. Auch gänzliches Vergessen wäre möglich gewesen. War Kafka also denn nun zu Lebzeiten tatsächlich ein Schriftsteller? Oder wurde er es erst post mortem und rückwirkend? Und was war er denn, wenn er kein Schriftsteller war, als er schrieb? Selbstverständlich war er, missachtet und verkannt, auch von sich selbst, kaum etwas veröffentlichend, keinen Erfolg erwartend oder wünschend, weil ihm jeder erfolg als quälendes Misstverständnis vorkommen musste, sondern nur für wenige und für sich selbst schreibend, ein Schrifststeller. Was denn sonst? Ein bedeutender sogar, wie heute alle überzeugt sind. Aber er war eben keiner von denen. Q. E. D.
Freilich, ich bin nicht Kafka und schreibe nicht wie er. Überhaupt nicht. Umso besser. Ich schreibe wie ich selbst. Wie ein Eigenbrötler. Ein Einzelgänger. Ein Wichtigtuer. Ein Spinner. Wie einer von denen, auf die man nicht achten muss. Aber ich bin keiner von denen.
Donnerstag, 21. März 2024
Glücklich und zufrieden?
‘tschuldigung, aber wie soll das gehen? In der Welt, in der ich lebe, verrecken Menschen an Hunger und hausen im Elend, werden in Kriegen zerfetzt, werden weggesperrt und gefoltert, werden systematisch ausgebeutet, vergiftet, verblödet. Die Weltordnung ist eine Weltunordnung und Menschen tun Menschen Böses an. In der Gesellschaft, in der ich lebe, sind ein Drittel der Leute bereit, ihre Stimme von Nazis kaum zu unterscheidenden Rechtspopulisten zu geben, und die anderen sind auch nicht besser, niemand scheint ersthaft daran interessiert, die sozialen, ökonomischen, ökologischen Probleme im eigenen Land geschweige in der Welt anzugehen. Und da soll ich glücklich und zufrieden sein?
Nun ja, wird man sagen, aber dein Glück hängt doch nicht vom Wohl und Wehe anderer ab. Doch, tut es. Dass Wissen um das ungeheure und so unnötige Leiden viel zu vieler meiner Mitmenschen, während andere in Saus und Braus leben, macht mich traurig und wütend. Ich bin entsetzt über die Missstände und den Mangel an Bereitschaft, etwas dagegen zu tun.
Manchmal möchte ich den Leuten ins Gesicht schlagen und sie in den Arsch treten. Seid ihr verrückt, möchte ich sie anschreien, euch das gefallen zu lassen! Wie könnt ihr es hinnehmen, von solchem Gesindel regiert zu werden? Mag sein, dass es euch gut geht oder zumindest erträglich, aber kapiert ihr denn nicht, dass ihr durch eure konsumistisch-hedinistischen Grundhaltung, eure Erwerbsgesinnung, euer Wir-wir-wir-Denken und all eure Anstrenungen der Unterhaltung, Ablenkung, Zerstreuung, Betäubung zu Komplizen und Komplizinnen einer menschenverachtenden Maschinerie des Unrechts, der Unmoral, der Unanständigkeit seid?
Wie kann man glücklich sein, wenn auch nur ein Menschenbruder oder eine Menschenschwester es nicht sein kann? Wie kann man zufrieden sein, wenn man nichts dagegen tut? Sich wehrt? Wenigstens dagegen ist?
Il faut cultiver notre jardin? Scheiß drauf. Wir müssen aus diesr Welt die beste aller möglichen machen. Das sind wir einander schuldig. Alles andere ist verbrecherisch. Für Glück ist dann immer noch Zeit genug. Vorher nicht.
Freitag, 1. März 2024
Meiner Omi zum 120. Geburtstag
Ich war fünf, als Omi starb. Schlaganfall mit 67. Beugte sich am Tisch sitzend hinunter, um eine zu Boden gefallene Patience-Karte aufzuheben ― und zack! Ich war dabei. Seither (53 Jahre) kann ich mich zu nichts Hinuntergefallenem beugen, ohne an meine Großmutter und ihren plötzlichen Schlaganfall zu denken ...
Weil ich so klein war, als meine Omi starb, sind fast alle Anekdoten, die ich mit ihr verbinde, Erzählungen anderer. Etwa, dass ich beim gemeinsamen Spaziergang, auch schon aus dem Kinderwagen heraus, meine kleinen Hände gern durch Zäune steckte, weil ich unbedingt ein dahinter befindliches „Hundi“ streichen wollte, was bei meiner Großmutter selbstverständlich Entsetzen auslöste, weil sie wusste, dass nicht jeder Hund so lieb war, wie ich ihn hatte. Es ist nie etwas passiert. Und ein Hundefreund bin ich geblieben.
Bezeichnend für mich ist auch die Geschichte, dass meine Omi beim Vorlesen von Märchen, Sagen, Kinderbüchern gern ein bisschen was übersprang, sei es, weil sie die Geschichten schon hundertmal hatte vorlesen müssen, sei es, weil sie müde war, woraufhin ich, dem die Texte ja nur allzu bekannt waren, immer gesagt haben soll: „Das stimmt nicht, da fehlt etwas!“
Mein Großmutter, eine ausgebildete Erzieherin (und später Hausfrau und Mutter, auch ihrer beiden Stiefsöhne), war das, was man eine einfache Frau nennt. Sie war zurückhaltend, ruhig, bescheiden, still, unauffällig, herzensgut und arm. Als sie starb, hinterließ sie nicht viel, schon gar nichts Wertvolles. Ich „erbte“ zwei Sachen, die sie immer in ihrem Nachtkästchen aufbewahrt hatte: eine Dose mit lauter einzelnen Knöpfen in unzähligen Formen und Farben und ein dickes, kleines, mit einer Messingschließe versehenes Buch mit starrem Einband, darauf ein Kruzifix, wohl eher aus Zellophan denn aus Bein, gar Elfenbein. Mit beidem, der Kopfsammlung und dem Gebetbuch, hatte ich ab und zu spielen dürfen. Gelesen hatte ich in dem Büchlein allerdings nie, ich lernte ja erst Lesen, als Omi schon tot war.
Lange Jahre bewahrte ich das Gebetbuch auf, vergaß es wohl fast, und erst als Jugendlicher, wohl mehr als zehn Jahre nach Omis Tod, fiel es mir wieder in die Hände und ich schlug es auf. Zu meinem großen Erstaunen war es auf Tschechisch verfasst!
„Deine Großmutter konnte noch Tschechisch, ihre Eltern waren ja Tschechen“, sagte meine Mutter ungerührt, als ich ihr von meiner Entdeckung berichtete. Ich war verblüfft. Ich hatte gewusst, dass die Mutter meiner Mutter in Wien geboren war. Nun erfuhr ich, dass ihre Eltern aus Mähren stammten, bei der Eisenbahn gearbeitet hatten („Eisenbahnerböhmen“ nannte und nennt man diese tschechischen Arbeitsmigranten in Wien; es gab zum Beispiel auch „Ziegelböhmen“, die in den Ziegeleien am Wienerberg schufteten ― und deren Nachkommen noch heute eine vitale Gemeinschaft bilden). Meine Mutter konnte sich auch noch an den Vornamen ihres Großvaters und den Mädchennamen ihrer Großmutter erinnern.
Die Nachricht, dass meine geliebte Omi Tschechisch gekonnt hatte, überraschte mich nicht nur, sie erschütterte mich. Wie gesagt, von ihr war ich in die Welt der gestalteten Sprache eingeführt worden, Märchen, Sagen, Kindergeschichten, Lieder und Gedichte hatte ich von ihr und durch sie gelernt. Aber kein tschechisches Wort war ihr dabei je über die Lippen gekommen, kein Abzählreim, keine Liedzeile, nichts. Wie konnte das sein?
Ich weiß nicht, warum es so war, aber ich kann es mir denken. Tschechisch galt einst in Wien (und ganz Deutsch-Österreich) als unerwünscht, nicht erst nach dem Ersten Weltkrieg oder in der Nazi-Zeit. In der Reichshaupt- und Residenzstadt gab es eine große tschechische Minderheit, aus Böhmen, Mähren und Schlesien zugewanderte Handwerker, Arbeiter und Dienstboten (darunter die berühmte „böhmischen Köchinnen“, die die Wiener Küche geschaffen haben). Im Laufe der Jahre kam es für einige zum sozialen Aufstieg, sogar ein Tschechisches Gymnasium gab es in Wien, und so wie die Deutsch-Böhmen in Böhmen betrachteten auch die die Deutsch-Wiener in Wien ihre tschechischen Mitbürger als Konkurrenz und entwickelten eine bizarre Feindseligkeit. Unter dem heute fast nur noch für seinen strategischen Antisemitismus bekannten Bürgermeister Lueger mussten Tschechen und Tschechinnen, wenn sie das Wiener Bürgerrecht erwerben wollten, einen Eid ablegen, dass sie hinfort ihre Muttersprache nicht mehr gebrauchen, sondern nur noch Deutsch reden würden!
Es gab also gute Gründe, warum meine Großmutter, die den Untergang der Monarchie, die aufgewühlte Zwischenkriegszeit und die Nazizeit (in der sie zeitweise in Thüringen in einem Kinderheim arbeitete, ihre kleine Tochter, meine Mutter, bei einer fürsorglichen Bauernfamilie zurücklassend, wo sie wie deren eigenes Kind aufwuchs) überstanden hatte, ihre Muttersprache „vergaß“, also lieber dauerhaft für sich behielt und nicht mehr verwendete. Mag sein, dass es zwischen 1966 bis 1971, als sie mich aufzog, solcher Vorsicht nicht mehr bedurft hätte, aber sie, die mir so viel an Liebe, Zuwendung und durch Vorlesen, Vorsingen, Vorsprechen eben auch sprachlicher Kompetenz schenkte, kam wohl gar nicht auf die Idee, mich auch mit ein paar Wörtern in der Sprache meiner Vorfahren zu beschenken. Das ist verständlich, aber traurig.
Ich mache meiner Omi nicht den geringsten Vorwurf. Im Gegenteil, ich sehe sie als Opfer (und in der Folge auch mich). Ein Opfer der in Österreich üblichen Vergangenheitsunterdrückung durch Verleugnung und Vergessen. Ostösterreich war immer schon, seit Römerzeit und Mittelalter und erst recht in den Zeiten der Vielvölkermonarchie ein Einwanderungsland und ist es bis heute. Das macht auch viel vom Charme Wiens aus, aber offiziell wird davon nichts repräsentiert. Man bleibt als Migranten und Migrantinnen zunächst unter sich, passt sich an, gibt sich, übertrieben gesagt, auf, die zweite, dritte Generation verliert schon die Muttersprache, die Kultur, die Bräuche, vielleicht sogar die Religion der Herkunft. Alle reden nur noch „Deitsch“. Zumindest Wienerisch (was sie vom Gegrunze und Geröchel der Westösterreicher unterscheidet).
Das ist so. Aber mir ist es nicht gleichgültig. Ich hätte gern als Fünfjähriger wenigsten bis fünf zählen können auf Tschechisch. Oder ein tschechisch Lied im Ohr gehabt haben mögen. Oder …
Es hat nicht sein sollen. Österreich ist eine gewaltige Herkunftsvernichtungsmaschine, geschichtsbesessen, aber auch geschichtenvergessend. Einer der vielen Gründe, warum ich mich hier, wo ich geboren bin und von Geburt an die Staatsbürgerschaft besitze, ganz im Ernst als Migrant fühle. Also nicht nur wegen meiner ukrainischen, slawonischen, „krowodischen“, banatdeutschen usw. usf. Vorfahren, sondern auch wegen der böhmischen, mährischen, schlesischen (wie ich inzwischen weiß: auch von der Seite des Vaters meiner Mutter).
Vor einiger Zeit tauchten alte Dokumente wieder auf, die die Erinnerung meiner Mutter an den Mädchennamen ihrer Großmutter bestätigten und die auch den Mädchennamen von deren Mutter nannten: Pinkas. Hoppla, ein eindeutig hebräischer Nachname! War die Mutter der Mutter der Mutter meiner Mutter jüdischer Abstammung? (Wodurch dann lustigerweise auch ich, halachisch gesehen, sozusagen Jude wäre …) Leider konnte ich dieses Stammbaumrätsel bisher nicht lösen. Auch ein Fall von Erinnerungsabbruch, Dokumentmangel nach zwei großen Krieg und anderen Verwüstungen. Es liegt ja auch nichts daran.
Obwohl ich also, abstammungsmäßig gesprochen, ein mindestens halber Tscheche bin (mit womöglich einem Einsprengsel vom Stamme Levi), kann ich bis heute nicht Tschechisch und war auch nur selten in der Tschechischen Republik. Vielleicht ist es zu spät für mich, mich mit meiner Herkunft zu „identifizieren“, aber um vor Ort und aus der Ferne das angenehme Gefühl der vertrauten Fremdheit und befremdlichen Vertrautheit zu haben, reicht es. Und zum Jammern über Verlorenes und Unmöglichgemachtes sowieso ― was wiederum sehr österreichisch ist.
Odpočívej v pokoji, babičko!
Sonntag, 18. Juni 2023
Notiz über Sozialismus
Ich bin Sozialist, weil ich konservativ bin. Weil ich überzeugt bin, dass das Wahre, Gute und Schöne, das auf uns gekommen ist, nur bewahrt werden kann, wenn es zur Sache aller Menschen gemacht wird, es gegen die Gier der Mächtigen und die Dummheit der Massen zu verteidigen. Nur eine Gesellschaft, in der niemand dadurch erpressbar ist, dass seine Grundbedürfnisse nicht oder nicht ausreichend gestillt sind, wäre immerhin so frei, sich dem Wesentlichen zuzuwenden. Wenn das Fressen vor der Moral kommt, nun, dass alle sich satt essen, damit wir uns endlich der „Moral“ zuwenden können, also der Philosophie, den Künsten, der Religion, dem sinnvollen Leben.
Freitag, 21. April 2023
Ein Lernprozess
Sonntag, 26. Februar 2023
Rezeptionsgeschichte
Donnerstag, 5. Mai 2022
Grausame Realität
Donnerstag, 24. März 2022
Freitag, 4. März 2022
Am neunten Tag
Seuche. Teuerung. Krieg. Hunger. Heuschrecken. Erdbeben und Vulkanausbrüche. Sturmfluten. Plastik in der Umwelt und im Körper. Euthanasie. Kybernetisierung. Blutige Diktaturen feiern die olympische Idee.
Und Putin überfällt die Ukraine.
Krieg also. Es war auch vorher schon Krieg, auch und gerade dort. Aber jetzt ist es erst recht Krieg. Jetzt kann keiner mehr wegschauen. (Sollte man meinen.)
Darf das wahr sein? Es ist so völlig absurd, so absolut irreal, so total abstrakt. Und doch findet es statt. Es ist Wirklichkeit. Ganz konkret. Menschen sterben, Dinge werden zerstört. Krieg. Jetzt. Hier. Wie kann das sein? Wer macht so etwas? Wer lässt das zu?
Krieg war schon oft. Krieg ist auch anderswo. Dies ist nur ein weiterer Krieg. Nur.
Es ist unfassbar. Im Radio dasselbe Gedudel, dieselbe Reklame wie jeden Tag. Im Fernsehen dieselben Filme, Serien, Shows wie jeden Tag. Immerhin werden Karnevalsumzüge abgesagt. Und dauernd gibt es Sondersendungen, die auch nichts anderes als zu berichten haben als die Nachrichten (und für die es eigene Nachrichtensender gäbe).
Ein Rückfall in die Realität: Nach über zwei Jahren des Wahns, gegen ein tödliches Virus kämpfen und dafür Grundrechte, Ethik, Vernunft opfern zu müssen, wird schlagartig etwas anderes zum beherrschenden Thema, und das zuletzt von pandemischen Wellen geknechtete Europa schwenkt um zu einer Woge der Solidarität und Hilfsbereitschaft.
Was hätte man sich ― und den Ukrainern und Ukrainerinnen! ― ersparen können, wenn man schon 2014 gesagt hätte: Halt, nicht weiter! Zurück, marsch, marsch. Und jetzt, hätte man damals sagen müssen, nach der Eroberung der Krim und dem Einmarsch in die Ostukraine, tritt die Ukraine erst recht der NATO bei und außerdem der EU. 2014 hätte man sich 2022 ersparen können.
Krieg also. Man kann dagegen sein, und ich bin es, aber wenn er schon stattfindet, dann kann man nicht so tun, als gäbe es ihn nicht.
Oder doch. Manche können es. Manche halten Putin immer noch die Stange. Am russischen Überfall auf die Ukraine sei der Westen schuld. Die Einkreisung durch das Verteidigungsbündnis. Die US-amerikanischen Interessen. Es sei auch gar kein richtiger Krieg. Die Ukrainer sterben aus reiner Bosheit, wenn sie von den Russen bombardiert werden. Diese Faschisten! Diese Antisemiten! Und außerdem gibt es gar keine Ukrainer, die sind ja doch bloß Russen!
Das alles ist widerlich und dumm. Dass darunter auch Leute sind, die Kritik am Coronaregime geäußert haben (zum Teil durchaus vernünftige Kritik) finde ich besonders abstoßend, wie ich ja schon seit langem die Zustimmung (und sei es durch Schweigen) zum Coronaregime durch Leute, deren kritische Einstellung zu wissenschaftlicher Wahrheitsproduktion, Realitätssimulation, Überwachungsstaat, Biopolitik usw. usf. ich zuvor vorausgesetzt und zum Teil sogar gekannt und geschätzt hatte, erstaunlich abstoßend fand und finde. (Und dafür abgestraft werde.)
Na und? Was ist daran so ungewöhnlich, das ich nicht allem zustimme, was jemand sagt, manchem schon? Inwiefern spricht das gegen mich und meine Sicht der Dinge? Gar nicht. Ich will versuchen, es grundsätzlich zu erklären: X vertritt die Überzeugungen A und B, Y vertritt die Überzeugungen C und D. Ich kann sehr wohl B und C zustimmen und A und D zurückweisen. Dass weder X noch Y mich deshalb als einen der Ihren anerkennen, damit kann ich leben. Magis amica veritas.
Und jetzt ist Krieg. Wie fast immer. Nicht nur der Weltbürgerkrieg, als den ich die Weltwirtschaftsordnung, also eigentlich die Weltwirtschaftsunordnung, zu betrachten pflege, sondern sozusagen Krieg im Krieg.
Das stört. Und das ist gut. Auch die abgestumpften, zerstreuten, satten, abgelenkten, systematisch desinformierten und verblödeten Menschen „des Westens“ haben einen klaren Moment und begreifen: So nicht!
Aber Moment mal! Dieselben Regierungen, deren Coronapolitik ich von Anfang auch deshalb ablehnte, weil ich sagte, die da jetzt angeblich so besorgt um Leib und Leben ihrer Untertanen seien, seien doch dieselben Regierungen, die sonst für Ausbeutung, Umweltzerstörung und Verblödung arbeiteten, diese selben Regierungen also unterstützen jetzt die richtige Seite? Eben noch Hysterie und Panik und jetzt Empörung, Solidarität und praktische Hilfe? Nun, man hat gesehen, wie sie gezögert haben, wie sie unverantwortlich lange von Dialog gequatscht haben. Wie sie weiter Geschäfte machen wollten (und sie zur Stunde auch immer tatsächlich noch machen!). Der Krieg wurde ihnen aufgezwungen. Sie haben bei ihm nichts zu gewinnen. Sie werden ihn für sich nützen. Sie sind immer noch der Feind. Ein Feind. Der sich zufällig genötigt sieht, einem anderen Feind entgegenzutrenen. Gut so.
Dass ich die real existierenden Demokratien ablehnen, heißt ja nun wirklich nicht, dass ich die Diktaturen gut finde, ganz im Gegenteil, ich will ja nicht weniger, sondern mehr als „Demokratie“ und „soziale Marktwirtschaft“. Im Konfliktfall weiß ich, wessen Partei ich ergreife. Dazu muss ich meine Haltung nicht ändern, meine Überzeugungen nicht aufgeben: für Freiheit und Gerechtigkeit, für Würde und Selbstbestimmung, für ein friedliches und gedeihliches Zusammenleben. Gegen Unterdrückung, Lüge, Menschenverachtung. Das sind Kriterien und mit ihnen lässt sich etwas messen und entscheiden.
Immer wieder ist es doch so: Nicht meine Überzeugungen ändern sich ― außer durch Dazulernen und Umlernen auf Grund besserer Argumente, versteht sich ―, sondern die Verhältnisse ändern sich (wenngleich selten zum Besseren) und das Verhalten der Leute zu den Verhältnissen ändert sich. Ich war und bin gegen den Krieg: Ob nun „Krieg gegen das Virus“ oder „Befreiung der Ukraine von drogensüchtigen Faschisten“, beides ist von Grund auf falsch, weil die Voraussetzungen nicht stimmen, die Mittel untauglich sind, die Begründungen verlogen und weil die wahren Opfer verschwiegen werden.
Ich will diesen Krieg nicht. Ich will gar keinen Krieg. (Das hat mich immer schon von „Linken“ unterschieden, die von Revolution als Massenmord und Bürgerkrieg träumten. Das und ihr theoretischer und praktischer Autoritarismus, ihre mal offene, mal klammheimliche Liebe zu diktatorischen Regimes.)
Ich will keinen Krieg. Ich will nicht sterben. Ich will nicht töten. Ich will nicht, das getötet und gestorben wird. Aber. Und es gibt ein Aber. Aber wenn es schon geschieht, dann soll die richtige Seite gewinnen. Denn es gibt eine richtige Seite und eine falsche. Es gibt Angreifer und Angegriffene. Es gibt Gut und Böse. Alle verlieren im Krieg: Ihr Leben, ihr Hab und Gut, ihre Moral, ihre Hoffnung, ihre Zukunft. Ihren Frieden. Ihr Heil. Also muss wenigstens verhindert werden, dass auch noch all der Verlust zum „Sieg“ der Unheilstifter werden kann.
Man braucht weder das Polen von 1939 gemocht haben, noch das Frankreich oder Großbritannien von damals. Man muss damals auch nicht Tscheche oder Jude (oder tschechischer Jude) gewesen sein. Aber ab spätestens dem 1. September 1939 gab es für keinen anständigen Menschen auf der Welt eine andere vertretbare Option, als gegen Hitlers Deutschland (und dessen Verbündete, zu denen bis 1941 die Sowjetunion gehörte) und für „den Westen“ Partei zu ergreifen. Und jeden, der in Wort oder Tat dagegen arbeitete, als Gegner zu betrachten. ― Ja, doch, man kann sehr wohl aus der Geschichte lernen: der Reigen der dialogversessenen Putinbesucher vor dem Krieg erinnert an München 1938 und die derzeitigen publizistischen Putinversteher sind Möchtegern-Hamsuns …
Wenn Krieg ist, muss er eben geführt werden. Man kann nicht so tun, als wäre er nicht. Aber ja, man könnte auch kapitulieren. Wenn man bereit ist, um der Rettung eigenen Interessen willen alle anderen zu verraten, ja, dann kann man schon mal vorauseilend kapitulieren.
Die Soldaten der Bundeswehr in Litauen haben zu wenig warme Unterwäsche, lese ich. Eines der reichsten Länder der Welt schert sich einen Dreck darum, ob seine Soldaten und Soldatinnen anständiges Unterzeug haben. Das ist irrational. (Und mies auch.) Man kann mit guten Gründen gegen Streitkräfte und Rüstung sein. Aber wenn man sich schon ein Militär leistet, dann sollte es funktionsfähig sein. Alles andere ist irrational. Wasch mir den Panzer, aber mach ihn nicht nass. Wenn schon eine Maschinerie zwecks Tötung und Zerstörung, dann so, dass sie zumindest ihre defensive und einschüchternde Funktion auch wirklich ausüben kann.
Das ist nicht Bellzismus, sondern Pragmatismus. Wenn schon, denn schon. Wenn nicht, dann nicht. Klare Verhältnisse und keine Halbheiten.
Igitt, Aufrüstung!, empört sich der Pazifismusspießer. Das will doch bloß das Kapital! Ja, stimmt, Krieg kostet nicht nur Leben und Sachgüter, er kostet auch Geld. Das heißt: Jemand verdient daran. Besser wär’s, wenn’s nicht so wäre, aber da es nun einmal so ist, muss man das Beste daraus machen. Krieg ist etwas Schlechtes. Ihn nicht zu verlieren, ist etwas Gutes.
Ich freue mich über die wirklich große und wirksame Hilfsbereitschaft, die besonders den aus der Ukraine Flüchtenden gilt. Plötzlich ist die EU in der Lage, auf Bürokratie, Demütigung und Entrechtung zu verzichten (wo war die entsprechende Rechtsvorschrift von 2001, die jetzt aktiviert wurde, eigentlich 2015 oder danach?). In Deutschland verzichtet die Bahn sogar auf Fahrscheinkontrollen! Ein unerhörter Vorgang. Wie hätte man sich das auch für Flüchtlinge aus Syrien, Libyen, Eritrea, Afghanistan usw. usf. gewünscht! Und wünscht es sich immer noch; ich jedenfalls. Darum: Alle erforderlich Unterstützung für die Ukrainerinnen und Ukrainer auf der Flucht! Und für die anderen Flüchtlinge nicht minder!
Was mich am meisten verblüfft: Hundertausende überqueren die Grenzen zu EU, viele Tausende werden auch in Deutschland aufgenommen ― und niemand fragt: Seid ihr geimpft? Wie oft? Oder genesen? Wenigstens negativ getestet? Solche Lächerlichkeiten sind (noch) kein Thema. Erst vor Kurzem noch war jeder Reiseheimkehrer misstrauisch als potenzielle Virusschleuder beäugt worden, man nahm absurde Einreisebeschränkungen und Quarantänevorschriften als Notwendigkeiten hin, die Gefahr kam aus dem Ausland. Welch ein erfreulicher Einbruch der Realität in den Coronawahn! (Dabei wird es allerdings nicht bleiben …)
Überall Gelb und Blau. In meinem Herzen sowieso. Nicht erst 2022, auch nicht erst seit 2014. Woher willst du wissen, ob das stimmt, was du über die Verhältnisse dort zu wissen meinst, wurde ich früher oft gefragt, du bist nicht vor Ort und sprichst nicht Ukrainisch. Ich verlasse mich auf die Schriftsteller, antwortete ich dann. Die Medien mögen lügen. Der Literatur, seit jeher eine Erfinderin von Wahrheiten, vertraue ich. Andruchowytsch und Schadan, um nur zwei zu nennen (denen ich zudem persönlich begegnen durfte), lügen nicht. So viele andere Autorinnen und Autoren lügen nicht. Selbst wenn sie einseitig, aus beschränkter Perspektive und mit bestimmten Interesse schrieben, wäre doch ihre Literatur wahr. Weil ich sie zu lesen verstehe (behaupte ich). Nicht, dass ich Belletristik mit Journalismus verwechselte, aber ich traue Romanen, Gedichten und Essays mehr als Reportagen. Wem ich vorher vertrauen konnte, dass er kein Lügner und Blender ist, dem darf ich auch in Krisenzeiten vertrauen. Und das sind eben die Leute, deren Handwerk ich einschätzen zu können vermeine, weil es auch das meine ist.
In einem Gespräch mit einer wichtigen oder sich zumindest wichtig nehmenden deutschen Zeitung (die den Text hinter einer Bezahlschranke hütet) sagte Jurij Andruchowytsch laut Schlagzeile: „Wenn es so weit ist, gehe ich zu den Partisanen.“ Ich verstehe genau was er meint. (Meine ich.) Das ist keine künstliche Dramatisierung. Keine Romantik. Das ist die innere Notwendigkeit eines fühlenden, denkenden, schreibenden Menschen, der in seiner Existenz als fühlender, denkender, schreibender Mensch tödlich bedroht ist. Der nicht hinnehmen darf, dass derartige Gewalt über ihn herrscht und alles auslöscht, wofür er lebt, und der sich darum gegebenenfalls mit Gewalt gegen die Gewalt wehren muss.
Wohl dem, der, wenn es so weit ist, ins Exil gehen kann oder der schon dort ist. Man hat ihm schon genommen, was ihm gehörte. Das Leben freilich nicht. Und vielleicht bleibt ihm die Sprache und das Schreiben. Aber einen Teil von ihm hat man zerstört. Für immer kaputt gemacht. Es gibt Schlimmeres als das Exil. Und doch verstehe ich jeden, der sich weigert, nur das Allerschlimmste nicht hinzunehmen, sondern der schon vorher nein sagt und nach Mitteln sucht, ganz praktisch gegen das Böse zu kämpfen.
Wohl dem, der Böses nicht mit Bösem vergilt. Wohl dem, der die andere Wange hinhält, wenn man ihn auf die eine schlägt; es sollte nur unbedingt und zweifelsfrei ausschließlich die eigene Wange sein …
Ich bin zu einem Viertel ukrainischer Abstammung. „Wir Ukrainer“ sind eine Nation von Partisanen. Bis weit in die 50er Jahre hinein kämpften „Nationalisten“ gegen die sowjetischen Besatzer. Sie unterlagen. Aber lieber starben sie für die Freiheit, als sie freiwillig aufzugeben. Zur Hälfte bin ich böhmischer Abstammung: Jan Palach verbrannte sich auf dem Wenzelsplatz, um gegen die sowjetische Besetzung der Tschechoslowakei zu protestieren. (Einen Monat später verbrannte sich Jan Zajíc, nochmals zwei Monate später Evžen Plocek.) Ich will das alles nicht, keinen Krieg, keine Partisanen, keine Märtyrer. Aber der Krieg findet bereits statt.
Als notorischer Wehrkraftzersetzer und habitueller Zivilist, der noch nie eine Waffe oder auch nur eine Uniform (und sei es von der Feuerwehr) getragen hat, bin ich nicht „für“ den Krieg. Ich hasse ihn aus ganzem Herzen. Allerdings findet er statt, und ich kann es niemandem verdenken, sich zu wehren. Auch wenn dazu Töten und Zerstören gehört. Ich bin nicht in der Situation, vom Schreibtisch aus über die Verteidiger ihrer selbst, ihrer Angehörigen und ihrer Landsleute (und letztlich menschlichen Werte) irgendwie zu urteilen. Wer weiß, was ich selbst täte, wenn nicht bloß ich, sondern alles, was mir etwas bedeutet, durch einen irren und albernen Diktator und seine Kriegsverbrechen bedroht würde. Gewaltlosigkeit muss man sich erst einmal leisten können. Sie hat ihren Preis. Könnte ich ihn aufbringen?
Ich will auch nicht, dass Russen sterben. Junge Männer sehe ich vor mir, unschuldig, unwissend, dumm gemacht, nichts Böses wollend, zum Bösen gezwungen. Mit Freude lese ich die Meldung (die bitte wahr sein möge!), wonach Polizei und Zivilisten Panzer aufgehalten und deren Besatzungen sich widerstandslos ergeben hätten. Jeder Mensch ist mein Bruder oder meine Schwester. Ich will nicht seinen oder ihren Tod. Aber. Und es gibt ein Aber. Wenn die einen Brüder die anderen Brüder umbringen wollen, haben die alles Recht der Welt, sich zu wehren.
Dirigenten zu entlassen oder Sängerinnen nicht auftreten zu lassen, weil sie nicht die gewünschte Gesinnungsbekundung abgeben, ist schäbig. Eine persönliche Bekanntschaft mit Putin ergibt keine Kontaktschuld. Auch Nationalismus wäre von Meinungsfreiheit gedeckt. Diese Leute sind ja nicht erst seit gestern auf diese oder jene Weise mit der Macht verklüngelt. Man betrachte den Einzelfall und handle nicht aus vorauseeilendem Ressentiment gegen alles „Russische“. Wenn also einer Putins Krieg ausdrücklich unterstützt: Hinaus mit dem Schuft! Wenn aber einer nur nichts sagt, etwa weil er zu Hause noch Familie und Freunde hat, für die er Repressalien befürchtet, dann reagiere man mit Milde und Verständnis.
Wirtschaftliche Sanktionen treffen auch die „kleinen Leute“ in Russland. Das ist nicht zu vermeiden. Und der Krieg trifft die Menschen in der Ukraine noch viel härter. Darum dürfen, müssen und können die Sanktionen kaum scharf genug sein. Und sie sollten nicht bloß die Oligarchen treffen, die Putin im Grunde völlig wurscht bis verhasst sind, sondern die komplette Hierarchie seines Herrschaftsapparats. Seine bürokratischen, polizeilichen, geheimdienstlichen militärischen Handlanger. Keine Konten, keine Shoppingtouren, keine Villen, keine studierenden Kinder mehr für sie im „Westen“!
Putins Krieg ist nicht nur einer gegen die Ukraine. Auch nicht nur gegen den Westen. Putins Krieg ist ein Krieg gegen alle Menschen. Nichts, was Wert hat, ist vor ihm sicher. Putin führt Krieg, weil er es kann. Das Böse ist grundlos. Ideologien sind doch bloß Vorwände. (Die Bolschewiken waren Marxisten, weil sie an die Macht wollten, nicht umgekehrt.) Wer von Geopolitik, Sicherheitsinteressen oder dergleichen schwatzt, hat nichts begriffen. Herrschaft wird um der Herrschaft willen ausgeübt. Krieg ist eines ihrer Mittel, gerade weil dabei so sinnlos und unwiederbringlich Leben und Güter vernichtet werden.
Das Undenkbare kommt der Realität gefährlich nahe. Fast hätte man die gewaltigen Vorräte an Atomwaffen, die überall auf der Welt in falschen Händen sind, schon vergessen haben können. Nun kann man wieder gar nicht anders, als an sie zu denken.
Es ist letztlich noch immer gut gegangen. Nichts garantiert, dass das so bleibt. Es gibt nichts Gutes, außer man tut es (Kästner). Es muss alles getan werden, um nicht das Böse gewinnen zu lassen.
Ich will diesen Krieg nicht. Aber er findet statt. Ich will ihm nicht zum Opfer fallen. Auch andere sollen nicht zu seinen Opfern werden. Aber. Und es gibt ein Aber. Aber wenn es schon Opfer gibt, soll es sie nicht „umsonst“ gegeben haben. Die gute Seite muss gewinnen. Wenigstens ein bisschen. Zumindest darf sie nicht alles verlieren.
Наша дума, наша пісня
Не вмре, не загине …
От де, люде, наша слава,
Слава України!
Freitag, 3. Dezember 2021
Dies ater
Also her mit dem Gerät. Wenigstens soll es fair und nachhaltig produziert sein, recyclebar und und unnötigen Schnickschnack. Das habe ich bekommen. Ich werde mich darein finden. Ich werde nicht damit verwachsen wie so viele andere. Weiterhin werde ich gegebenenfalls behaupten: Ich habe kein „Handy“. Was dann heißen soll: Ich habe keines dabei. Ich habe es nicht in Gebrauch. Jedenfalls nicht so, Sie sich das vorstellen.
Trotzdem empfinde ich den Kauf und Besitz als Niederlage. Man hat mir etwas mit unsanftem Druck nahegelegt. Aber letztlich war ich es, der aufgegeben hat. Wieder einer weniger, der sagen kann: Ich mache da nicht mit. Dass ich das als etwas Bedauerlich erlebe, wird fast allen unverständlich sein. Auch das finde ich schlimm.
Wie ich immer sage: Es sind nicht die Geräte, die uns ihren Gebrauch aufzwingen, es sind die anderen Menschen (und damit die gesellschaftlichen Verhältnisse), deren Gebrauch der Dinge uns zu einem bestimmten Verhalten zu nötigen versucht. Die Menschheit informiert, kommuniziert, spielt und trällert sich in die kollektive Verbblödung, deren technologischer Rahmen nicht zufällig mit denen der Überwachung und Steuerung zusammenfällt. So ein smartphone ist ein wesentlicher Bestandteil der Maschinerie.
Aber nun ist es eben so. Ich gebe mich ― in dieser einen Sache! ― geschlagen. Vae victis!
Dienstag, 30. November 2021
Donnerstag, 25. November 2021
Zwischenbemerkung
Man könnte sich erinnern, dann wüsste man, dass das Versprechen, durch Impfung werde man vor Infektion geschützt, gebrochen wurde. Man könnte sich erinnern, dann wüsste man, dass das Versprechen, durch Impfung würde andere vor Infektion geschützt, gebrochen wurde.
Man könnte sich informieren und angesichts von „Impfdurchbrüchen“, also erkrankten und gestorbenen „vollständig“ Geimpften, mitbekommen, dass auch das Versprechen, durch Impfung werde man vor „schweren Verläufen“ geschützt, offensichtlich nicht hält.
Man könnte sich informieren, dann wüsste man, dass 2020 das Gesundheitssystem zu keinem Zeitpunkt überlastet war. Und 2021, wo es doch die Impfung gibt, soll diese Gefahr unmittelbar bevorstehen?
Darüber könnte man mal nachdenken.
Man kann sich aber auch weigern, sich mit der Realität zu konfrontieren, und brav an dem Spektakel der Simulation, das von Politik, Medien „Experten“ vehement aufgeführt wird, festhalten. Dann müssen einem alle, die das nicht machen, als irrational, ja mehr oder minder gefährliche Irre erscheinen.
Wie einem, der Gespenster sieht, jeder, der sagt: Es gibt keine Gespenster, als hoffnungslos den Gespenstern ausgeliefert erscheinen muss. Die eigene Angst ist eine gute Ausrede für Wut gegen die, die die Angst nicht teilen. Phantasien des Zwangs, des Ausschlusses, der Auslöschung machen die Runde.
Das sind keine neuen Phänomene. Ich selbst habe mich immer schon für das Leben in autoritären und totalitären Gesellschaften, Bolschewismus und Nazismus also, interessiert und erkenne manches wieder. Diese Unterwerfungsbereitschaft, die die nicht oder nicht ganz Unterworfenen so unheimlich, so bedrohlich, so hassenswert macht. Diese Hoffnung, wenn man sich „richtig“ (also systemkonform) verhalte, werde alles gut gehen. Die sinnlose Irrationalität der Macht, die aber Rationalität und Sinnhaftigkeit vorzugaukeln vermag. Der Wunsch des Systems, nicht nur zu unterdrücken, sondern auch die Einwilligung der Unterdrückten zu erhalten.
Das eine oder andere kann man aktuell in abgewandelter oder völlig gleicher Gestalt wiedererkennen. Könnte man.
Ich habe die Hoffnung aufgegeben, irgendwann würden Anstand und Vernunft doch noch dazu führen, den ganzen Schwindel auffliegen zu lassen. Wer nicht hören will ― sich nicht kritisch informieren, sich nicht erinnern will ―, muss fühlen. Nur ein Zusammenbruch (1945, 1989) kann etwas verändern. Oder es kommt noch schlimmer. Die historischen Totalitarismen sind vielleicht keine Modelle, sondern vergleichsweise dürftige Vorläufer kommender Überwachungs- und Steuerungssysteme. Ein schrecklicher, aber nicht völlig unbegründeter Gedanke.
Mir bleibt nur, derselbe zu sein, dasselbe zu glauben, dasselbe zu denken, dasselbe zu machen wie vor der „Krise“. Haltung zu bewahren, standhaft zu bleiben, nicht mitzuspielen, ehrlich zu bleiben, furchtlos und mir und meinen Überzeugungen treu.
Sie können mich schikanieren, aber nicht überzeugen, und sie müsste mir schon das Hirn herausnehmen und durch einen Blumenkohl ersetzen, damit ich aufhöre, gegenüber Lug und Trug, Ausbeutung, Zerstörung und Verblödung nicht mehr dissident zu sein. ― So, manchmal braucht es einfach ein bisschen selbstheroisierendes Pathos, um den grauenvollen Alltag durchzustehen.
Samstag, 23. Oktober 2021
Nur so ein Gedanke
Im Grunde erweise ich der Welt einen Gefallen, wenn ich mich still verhalte und unbekannt bleibe. Denn irgendwann muss ich ja sterben, und dann ist es doch besser, es stirbt eine kaum bemerkte und niemandem wirklich wichtige Person, als die Schlagzeilen müssten lauten: „Der berühmte, viel gelesene und vielfach mit Preisen ausgezeichnete Schriftsteller, Philosoph und politische Aktivist Stefan Broniowski ist tot. Millionen Menschen in aller Welt trauern und sehen sich ihres geistigen Führers beraubt. Er hatte noch so viel vor!“
Samstag, 25. September 2021
Auslöschungen
Und wieder einer weniger. Wieder hat mich im sozialen Netzwerk einer als seinen „Freund“ gelöscht (und blockiert). Manchmal denke ich, ich habe in den letzten zehn Jahren Mehr „Freunde“ durch ihre oder meine Löschung „verloren“, als ich je hatte … Ich bin aber auch ein zu schrecklicher Mensch, mit mir kann man nicht befreundet sein wollen. Oder nur bis zu einem gewissen Punkt, dann muss man die Notbremse ziehen und aussteigen ― oder (um im Bild zu bleiben) mich aus dem oder vor den Zug werfen. Hauptsache, es ist Schluss. In den letzten anderthalb Jahren ging es dabei selbstverständlich immer um, ähem, na sagen wir mal: die Krise. Um ein Virus, seine Effekte und die behördlichen Maßnahmen. Da erlaube ich mir ja bekanntlich eine andere Meinung als die vermutliche Mehrheit. (Und als die Obrigkeit sowieso.) Das ist schwer zu ertragen, das verstehe ich. Die Reaktionen zeigen mir allerdings, dass ich Recht habe. Warum solche Aggressivität, wenn ich mich im Irrtum befände? Ihr schlechtes Gewissen, das sie sich nicht eingestehen, lässt die Leute sehr, sehr wütend werden. Dann ist so eine Löschung eine Wohltat. Vor allem, wenn sie hinterrücks kommt, also ohne Ankündigung oder erläuternde Mitteilung. Einfach löschen, zack, zack, der ist erledigt. Zerquetscht wie eine Laus. Zugegeben, einige wenige haben Gründe genannt. Einer etwa hatte von zwei Leuten gehört, Bekannten seiner Eltern, rüstigen Rentnern, die an Corona gestorben seien. (Statistisch unwahrscheinlich, aber möglich.) Darum sei, was ich schriebe, unerträglich. Als ob ich je geleugnet hätte, das Menschen sterben, woran auch immer. Hier konnte einer seine Lektüre meiner Kritik nicht mehr mit seinem Wunsch vereinbaren, die hegemonialen Erklärungsmuster gelten zu lassen. Was merkwürdig ist, denn wenn einer sagt, so schlimm ist das nicht mit dem Virus, dann wäre das doch eigentliche eine gute Nachricht, auch wenn man sie für falsch hält, und man muss schon sehr von der Lust an der Krankheit und ihrer staatlichen Verwaltung befallen sein, um eine (vermeintlich) falsche theoretische Interpretation als existenzielle Bedrohung wahrzunehmen. Das trifft anscheinend bei vielen seropositiven Schwulen zu. Die fühlen sich anscheinend in ihrer Weltanschauung und ihrem Lebensstil in Frage gestellt, wenn einer meint, dass Viren nicht das Problem sind und Vater Staat nicht die gütige Schutzmacht ist, die in weniger als einer Generation von Totalverbot nach § 175 (in Österreich: § 209) auf Homo-Ehe und Regenbogenbeflaggung umgeschaltet hat. Ein anderer hat mich, bevor er mich löschte, noch angekotzt und einen „Coronaidioten“ und „anarchofaschistischen Judenhasser“ genannt. Das verstehe ich, auch wenn es Quatsch ist. Die Ablehnung von Herrschaft von Menschen über Menschen, die auch dann gilt, wenn viele sich einen starken Staat wünschen, muss so einem rituellen Antifaschisten naturgemäß als Faschismus erscheinen (so wie Stalinisten von „Hitlertrotzkismus“ phantasierten). Die Forderung nach Menschenrechten auch für Palästinenser kann er sich dann als Judenhass umdeuten, weil mit dem „Faschismus“ der „Antisemitismus“ als bewährtes Mittel der Kritikabwehr schon bereitliegt. Und „Coronaidiot“ übersetzt das einige Zeit lang beliebte Wortspiel „Covidiot“ ins Gemeinverständliche und Dümmliche (zumal es ja „Anti-Corona-Idiot“ heißen müsste). Idiot ist, wer den Hohepriestern der Propaganda kein Wort glaubt und ihre Mysterien nicht mitfeiern will. Ein dritter schließlich, den ich erwähnen will, war anfangs selbst kritisch und skeptisch, aber spätestens nach einem Jahr drehte er sich um 180 Grad, jetzt war zwar nicht alles richtig, was die Regierung sagte und forderte, aber es war eben so, wie es war, da müsse man mitmachen, Augen zu und durch. Nach und nach war dann doch richtig, was die Regierung sagte und tat, vor allem die Impfung war richtig und wichtig, schon wegen der Pocken und weil irgendwer vor Jahren das HI-Virus geleugnet hatte (ja, so verwirrt waren die „Argumente“). Er ließ sich zweimal impfen. Dann kam der Impfdurchbruch, aber was soll’s, kann ja passieren, Nebenwirkungen und Wirkungslosigkeiten gibt es immer. Kurzum, wer von der Realität nicht mehr erreichbar ist, den überzeugt auch keine Argumentation. Mir fiel auf: Wenn er stirbt, hätte ich Unrecht gehabt, weil das Virus eben doch lebensbedrohlich ist. (Wobei ich nie „geleugnet“ habe, dass es das sein kann.) Wenn er wieder gesund wird, hätte ich Unrecht gehabt, weil die Impfung eben doch wirkt. So oder so. Er wurde, vermute ich, wieder gesund, und bald darauf verschwand er. Oder vielmehr, er ließ mich verschwinden. Gut so. Löscht mich, löscht mich alle, ihr falschen Freunde. Oder ignoriert mich. Mir ist das egal. Euch entgeht etwas, nicht mir. Was ich schreibe, könnte euer Leben ändern und die Welt verbessern, aber bitte, wer nicht will, der hat wohl schon. Um mich geht es dabei gar nicht. Ich mag unangenehm berührt, enttäuscht, gekränkt sein, aber das bin ich gewohnt. Darauf kommt es also nicht an. Wer nicht mit mir „befreundet“ sein will, hat alles Recht der Welt dazu. Aber auch nur das. Das Entscheidende fehlt.
Mittwoch, 15. September 2021
Schriftstellerischer Zufall
Das muss ich Ihnen noch erzählen: Sie kennen doch bestimmt Hermann Kestens berühmtes Buch „Dichter im Café“? Ich kenne es auch, das heißt: ich weiß seit Jahrzehnten, dass es existiert, habe es aber, aus Gründen, die mir unbekannt sind, in all der Zeit nie in Händen gehabt. Letztens wurde es in einem anderen Buch erwähnt, ich horchte auf, bestellte es mir, es wurde vorgestern geliefert. Als ich es nun gestern zu lesen begann, bekam ich schon bei Seite 14 einen tränenreichen Lachanfall. Denn dort beschreibt Kesten, wie er in Rom an der Piazza del popolo im „Rosati“ sitzt, hinüber aufs „Canova“ und über den Platz schaut. Genau diese Szene kommt (ohne Kesten, versteht sich) zweimal in dem Roman vor, an dem ich in den letzten Jahren schreibe! Ich finde das wunderbar. Was für ein erstaunlicher Zufall! Denn ein Zufall ist es, etwas, das mir (und, wenn ich das so sehen darf, Kesten) zustößt: Ich habe nicht abgeschrieben oder auch nur auf Gelesenes angespielt, und doch … ― Man ist eben immer weniger originell, als man meint, selbst wenn man aus persönlicher Erfahrung und den Tiefen des Unterbewusstseins schöpft.