Donnerstag, 8. Oktober 2026

Rassismus statt Zuwanderung

Es gebe zu viel Zuwanderung, heißt es wieder und wieder. Aber wer bestimmt denn eigentlich, was zu viel ist oder was angemessen oder sogar zu wenig ist? Und anhand welcher Kriterien? Geht es denn überhaupt um um Berechnungen? Oder nicht viel eher um nicht messbare Gefühle? Und wenn es nicht um Quantitäten geht, sondern um Qualitäten, sind dann reale gemeint oder imaginäre?
Sind die Zuwanderer ein Problem, weil sie so und so viele statt so und so viele sind? Oder gelten sie als Problem, weil sie anders sind? Warum aber soll Andersheit überhaupt ein Problem sein? Ist denn, wer nicht so ist, wie man selbst zu sein meint, deshalb notwendig schlechter als man selbst? Gibt es an den Eingesessenen nichts auszusetzen, sodass an allem, was schlecht ist, die Zuwanderer schuld sein müssen?
Dass die Zuwanderer anders sind als die Eingesessenen, liegt in der Natur der Sache. Die Nichteinheimischen sind Fremde, und ein Fremder ist nun einmal fremd. Aber doch nicht sich selbst, sondern nur dem, der ihm fremd und dem er fremd ist. Aus der Sicht des Zuwanderers ist der Eingesessene der Fremde, der Andersartige. Doch diese Sicht interessiert im Allgemeinen nicht.
Verstände man, dass man einander fremd ist, wäre das eine Gemeinsamkeit. Etwas, worüber man sich verständigen könnte, wodurch man es aufhöbe. Warum hebt man stattdessen die Unterschiede hervor (oder erfindet sie), die trennen, und nicht die Gemeinsamkeiten, auf denen man aufbauen könnte? Weil man dazu zu Wort kommen lassen müsste, also erst einmal eine gemeinsame Sprache haben oder aber sich von Kundigen übersetzen lassen müsste.
Dazu aber müsste man zugeben, dass es nicht allein die Fremden mit ihren fremden Sprachen sind, die die Verständigung erschweren, sondern man selbst mit der Unkenntnis jener Sprachen. Warum jedoch sieht man darin, dass man die Sprachen der anderen nicht spricht, nur das Problem derer, die sie sehr wohl sprechen, statt es als ein gemeinsames Problem zu verstehen, das auch gemeinsam gelöst werden kann?
Warum macht man eigentlich aus der eigenen Sprache, also der Sprache der Eingesessenen, kein Angebot, um zu wechselseitiger Verständigung zu kommen, sondern fordert sie einseitig ein und zwingt sie als Druckmittel auf? Du musst unsere Sprache sprechen, weil wir deine Sprache nicht sprechen können, weil deine Sprache minderwertig ist. Niemand braucht deine Sprache. Es ist die falsche Sprache. Gib sie auf.
Der Zuwanderer gilt als die defekte Vorform des Eingesessenen. Er soll sich integrieren, also einfügen, in das Bestehende, wie es den Eingesessenen vertraut ist, um ein besserer Mensch zu werden. Unmöglich kann das, was an ihm fremd ist, das vertraute Bestehende in Frage stellen oder gar verbessern helfen. Der Zuwanderer bringt nichts mit, er kann nichts, nicht einmal die richtige Sprache, seine Geschichte, seine Gewohnheiten, seine Erwartungen sind nichts wert. An ihn sind Forderungen zu richten, er selbst wird als Fordernder und Herausfordernder wahrgenommen.
Hörte man hingehen den Zuwanderern (und Zuwanderungswilligen) zu, statt nur über sie zu reden, müsste man entdecken, dass sie sich gerade darin, was sie sich von Zuwanderung erhoffen, in nichts von denen unterscheiden, die nicht zuzuwandern brauchen, weil sie schon hier sind (und sich einbilden, immer schon hier gewesen zu sein).
Ein Leben in Sicherheit und Ruhe, ohne Gewalt, mit den vertrauten und geliebten Menschen, Gesundheit, sinnvolle Arbeit, ein bisschen Wohlstand und Lebensglück, Bildung und Aufstieg für den Nachwuchs, Bewahrung von Überliefertem und Freude an guter Nachbarschaft.
Nichts davon bedroht irgendwen. Im Gegenteil. Die Ähnlichkeit der Wünsche, das streben nach wenigstens bescheidenem Erfolg und respektvoll-gedeihlichem Miteinander wäre ein gute Grundlage für eine Gesellschaft, die als moderne zu Unverbindlichkeit und Bindungsarmut neigt.
Stattdessen wird Zuwanderung zum Problem stilisiert. Der Zuwanderer bringt nicht nur Probleme. Er ist ein Problem. Als ob er nicht bloß akzidentiell, sondern grundsätzlich anders wäre. Die Verkörperung der eigenen Andersheit. Das führt notwendig zur Leugnung seiner Mitmenschlichkeit, letztlich seiner Menschlichkeit überhaupt. Die Fremdenfeindlichkeit formiert sich als Rassismus: Die müssen weg (zur Not krepieren), damit wir leben können.
Die gewünschte Quantität der Zuwanderung ist dann null. Ob durchsetzbar oder nicht, schon die Idee ist wie ein Machtrausch. Die totale Abwertung des Fremden fungiert als Minimalkonsens der Selbstaufwertung. Wer nichts hat, was er an Gelingendem vorweisen kann, kann sich immer noch darauf berufen, immerhin nicht zugewandert zu sein. (Oder nichts mehr davon zu wissen.)

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