Montag, 4. Mai 2026

Du und deine Autonomie

Der, der du bist, bist du, weil du mit anderen zusammengelebt hast. Andere waren schon da, bevor du gezeugt wurdest. Denn wäre hätte dich gezeugt, du dich etwa selbst? Nein, andere waren es, von denen du gezeugt, empfangen, ausgetragen, geboren, jahrelang umsorgt und aufgezogen wurdest. Von anderen hast du sprechen gelernt und damit auch (in Begriffen) zu denken. Von anderen hast du gelernt, wie des und das heißt, was es mit dem und jenem auf sich hat, was man damit tun oder nicht tun kann, wie dies und das zu bewerten ist. Und selbst wenn du irgendwann das, was du gelernt hast, in Frage gestellt und sogar verworfen hast, konntest du das nur auf der Grundlage des Gelernten, denn um mit Gewohnheiten und Überzeugungen, mit Weltsichten und Weltanschauungen, mit den den dir vertrauten moralischen, politischen, ästhetischen usw. Wahrnehmungen und Wertungen brechen zu können, musstest du diese erst einmal haben. Und du hattest sie von anderen. Selbst deine Vorlieben und Abneigungen hast du an dem ausgebildet, was andere hatten, durch Übernahme und Abgrenzung, auf jeden Fall aber im Verhältnis zu anderen. Tatsächlich bist du immer noch in vielem, vielleicht sogar fast allem geprägt von dem, was dich mit anderen verbindet. Du hast übernommen und übernimmst immer noch. Um unter und mit anderen zu leben, passt du dich an und fügst dich ein. Wonach du verlangst, Wonach du strebst, was du für Erfolg und Befriedigung hältst, hast du anhand des Vorlebens anderer ausgebildet und beurteilst es nach Kriterien, die du nicht selbst erfunden hast.
Nun gibt es schlaue Menschen, die erklären dir, du seist ein souveränes Subjekt und solltest gefälligst autonom sein. Das hörst du gern. Es schmeichelt dir. Niemand soll dir was dreinreden, du weißt selbst am Besten, was gut für dich ist. Bloß, woher nimmst du, der Gesetzgeber deiner Selbst, die Begriffe und Normen deiner Gesetzgebung? Worauf gründest du sie? Auf die Kontingenz deiner Wünsche und Ängste, deiner Begehrlichkeiten und Möglichkeiten? Und angenommen, du vermöchtest deine ethische Autonomie irgendwie hervorzuzaubern wie der Zauberkünstler das Kanichen aus dem Zylinder (das aber schon drin war, als der Hut angeblich leer war), was ist mit den anderen? Die sind doch auch autonom, oder? Wenn aber jeder seine eigenen Gesetze macht, wenn auch nur für sich selbst, wie soll da ein Zusammenleben möglich sein? Geschweige denn, ein gedeihliches?
Die Selbstgesetzgebung des Individuum, die die bürgerliche Ideologie propagiert, ist eine Lüge. Sie kann nicht gelingen, weil sie weder über Grund noch Folgen der angeblichen Autonomie (in Wahrheit Egomanie) zustimmungsfähig Auskunft geben kann. Was jedoch durchaus möglich und vernünftig ist, ist die Gestaltung eines herrschaftsfreien Zusammenlebens, bei dem jeder für jeden da ist, falls nötig, und jeder jedem jede Freiheit gewährt, sofern möglich. Mit anderen Worten: Anarchie statt Autonomie.
Im herrschaftsfreien Zusammenleben kannst du „dich“ am besten „verwirklichen“, also deine Endlichkeit annehmen, deine Möglichkeiten ausschöpfen oder erweitern, schöpferisch sein und in Ruhe gelassen werden, dein Ding machen und auf der Grundlage der Faktizität der Alterität und Interdependenz neue Freiheiten entdecken. Du musst weder das Rad neu erfinden, noch Räder stehlen. Du kannst dein eigenes Rad machen oder Räder mit anderen teilen. Du kannst Alternativen zum Rad ausprobieren oder radfrei leben. Sei frei, nicht autonom!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen