Posts mit dem Label kultur werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label kultur werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 12. Juni 2026

Verleger

Verleger wissen immer sehr genau, was Leser wollen und was sie nicht wollen, was sie verstehen werden und was sie überfordern wird, was sie anziehen kann und was sie abstoßen muss. Und selbst wenn sie Recht hätten ― was sie gewiss nicht haben, jedenfalls nicht in jedem Fall, weil ihr Urteil auf subjektiven Erfahrungen und deren subjektiver Deutung beruht ― so gilt doch immer (oder zumindest in den besten Fällen sollte gelten): Bücher werden nicht in dem Sinne für Leser geschrieben, dass sie deren Erfahrungen „widerspiegeln“, deren Erwartungen erfüllen und deren Gewohnheiten bestätigen sollen. Im Gegenteil, gute Bücher brechen mit dem Geschmack der Voreingenommenheit der Leser. Die Aufgabe von Verlegern wäre es, andere Kriterien als bloß kommerzielle zu haben und nicht bloß Waren feilzubieten, sondern Kunstwerke zu propagieren. Also mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln alles zu tun, um die Leser auf einen neuen Geschmack zu bringen.
Mit dem gewöhnlichen Dreck können sie das ja auch. Denn die Realität sieht so aus: Verlag verdienen ihr Geld nicht mit literarischen Kunstwerken, sondern mit Literatursimulationen, mit der Vorspiegelung von Belletristik, mit mal mehr, mal weniger geschickt fabriziertem Lesestoff, der ablenkt, zerstreut, verdummt. Das ist ihre Sache. Wo sie aber im Namen ihres Anliegens ― Geld. Geld, noch mehr Geld ― in Kunstwerke einzugreifen versuchen, muss man ihnen das verwehren. Das ist die Verantwortung des Schriftstellers, des schwächsten Gliedes in der Lieferkette Autor-Text-Verlag-Ware-Leser. Lieber nicht publizieren, als angepasstes, marktgängiges, sinnloses Zeug in den Betrieb zu pumpen. Lieber unbedeutender Sand im millionenschweren Getriebe sein, und wäre es durch Verlagsverweigerung.

Donnerstag, 14. Mai 2026

Hyperbarbaren

Nicht die Barbaren sind es, also die Subalternen, die Marginalisierten, die Ausgesperrten von jenseits der Grenze (zwischen unserer Kultur und deren Zurückgebliebenheit), die man fürchten muss, sondern die Hyperbarbaren sind es, also die angeblich Hochzivilisierten, die sich für grundsätzlich überlegen halten und diese Einstellung durchsetzen, die sich immer wieder dafür entscheiden, grausam, unmenschlich, bedenkenlos, destruktiv zu sein, die alles ihrer Gier, ihrem Hochmut, ihrer Lust unterordnen und opfern. Die Barbaren sind nur ein Popanz, mit dem man sich derer zu erwehren versucht, die man abwertet und braucht, deren unterstellte Andersartigkeit, zu Ende gedacht, einen in Frage stellen müsste, ein immer verfügbares Feindbild, mit dem man droht, wenn man die eigene Herrschaft bedroht fühlt. Die „Hyperbarbaren“ aber sind die schreckliche Realität.

Donnerstag, 15. Januar 2026

Traumbuchhandlung

Ich träumte unlängst von einer mir bis dahin unbekannten Buchhandlung. Ich gehe hinein und bin begeister. Die Bücher stehen ordentlich in den Regalen und sind sehr zahlreich. Fast alle sehen aus wie neu, obwohl sie, wie ich feststelle, zum Teil schon vor langer Zeit veröffentlicht wurden. Die Einbände, ob weich ob fest, sind anmutig und schlicht. Die Regale und die Bücher darin wurden nach Sachgebieten, Verlagen und Autoren geordnet. Ich gehe durch den Laden und entdecke viel Vielversprechendes und einiges, das mir bekannt ist (oder vorkommt). Hier könnte ich viel Geld ausgeben. Ich bin in Hochstimmung. Als ich schließlich vor einer Regalwand stehe, die alle noch nicht vergriffenen Bände der Reihe „suhrkamp taschenbuch wissenschaft“ enthält, nach ihren Nummern geordnet, weine ich fast vor Glück.
Wunscherfüllende Träume dieser Art hatte ich früher oft. Es gab für mich nichts Beglückenderes, als von Läden mit neuen und alten Büchern zu träumen, ganz unwahrscheinlich Entdeckungen zu machen und mir unglaublich Verheißungsvolles auszusuchen. Am Ende ging ich meist voller Vorfreude auf die Lektüre mit einem Stapel Bücher zur Kasse ― und war dann sehr enttäuscht, wenn ich aufwachte und das Glück sich bloß als Traum erwies.
Früher ging ich auch im wachen Leben gern in Buchhandlungen. Als Student, der wenig Geld hatte, schaute ich zwar mehr, als ich kaufte, ließ aber letztlich trotzdem viel Geld in Buchläden. Ich stand nicht selten lange vor den Drehgestellen, die es damals noch gab, und überlegte zum Beispiel, welches Merve-Bändchen ich mir leisten sollte. Oft kam ich erst am nächsten Tag oder übernächsten wieder, um es zu kaufen. Selten oder gar nicht wurde man von einem Buchhändler bei Schauen oder gar Lesen (was ich nie tat) behelligt und zum Kaufen aufgefordert. Die Buchhändler rund um die Universität kannten eben ihr Publikum. (Manche Kolleginnen und Kollegen stahlen Bücher, auch das tat ich nie.) Auch die Bibliotheken, bei denen man selbst ins Depot durfte (oder musste), um zu suchen, was man entlehnen wollte, mochte ich sehr. Ach, all die Bücher, die ich gern gelesen hätte, nie lesen würde, aber lesen könnte …
Und ich hatte jahrzehntelang eine Vorliebe für Antiquariate, besonders moderne. Dabei wusste ich vor allem „Grabbelkisten“ mit Büchern aus Nachlässen sehr zu schätzen, darin waren herrliche Funde zu machen. Etwa interessante Taschenbücher, noch gar nicht so schrecklich alt, meist gut erhalten. (Manchmal erwarb ich übrigens später Bücher, die ich mir als Student nicht hatte leisten können oder wollen, Jahre, Jahrzehnte doch noch.) Das Unvorhersehbare am Stöbern in solchen Bücherkisten gefiel mir, ich erhoffte und fand auch zuweilen Werke, von deren Existenz ich nichts geahnt hatte, und die sich dann oft als sehr lesenswert erwiesen.
Mit dem Schließen so vieler Buchhandlungen und mit der Verlagerung des Buchhandels ― auch und gerade des antiquarischen, und hier auch und gerade des Handels mit gebrauchten und darum sehr billigen Taschenbüchern ― ins Internet, haben die Überraschungen stark abgenommen oder bleiben ganz aus. Grabbelkisten sind fast ausgestorben. Oder dürftiger geworden. (Möglicherweise werfen heutzutage Erben alte Bücher einfach ins Altpapier, statt sie als Kulturgut weiterzugeben.) Dieser Niedergang ist jedenfalls mein Eindruck, betreffend die Großstadt, in deren Nähe ich wohne. Vielleicht ist es anderswo anders.

Früher ging ich, wie gesagt, gerne in Buchhandlungen. Heute nicht mehr. Es macht mir keinen Spaß mehr, die mitunter nur noch schlecht bestückten Regale durchzusehen. Zu sehr haben sich die Bücher in ihrer Erscheinung (vom Inhalt will ich her gar nicht reden) verändert. Sie sind allzu schmuck geworden, oft grell und schrill, bunt jedenfalls. Und aufgebläht. Ich habe auch Werke gesehen, die ich einst als schlichtes Taschenbuch gekauft hatte, und die nun als marktschreierische Papierziegel aufgemacht waren. Das missfällt mir. Mein Ideal waren immer die unaufdringlich daherkommenden Bücher des französischen Verlages Gallimard (und anderer): Im Grunde Buchblöcke mit weichen Einband (die man, wenn man unbedingt will, binden lassen kann). Oder im deutschen Sprachraum die früher sehr schlicht gehaltenen Einbände (der Taschenbücher von) Suhrkamp, Reclam, Felix Meiner, UTB usw. Einfach, sachlich, unaufgeregt. Klostermann kann das immer noch. Reclam ist leider oft bunt geworden, die Büchlein von Matthes & Seitz bilden sozusagen die Grenze: geschmackvoll, schlicht, vorsichtig ornamental. Was ich sage, ist alles sehr subjektiv, aber warum auch nicht, ich bin kein Buchwissenschaftler, ich bin Kunde und Leser und darf Gefallen an etwas finden oder mein Missfallen an Zuständen und Entwicklungen äußern.
Auch die Buchhandlungen selbst haben sich verändert. Außer im Bereich „Romane“ (vor allem Krimis, Thriller, Fantasy und anderer Dreck, äh, Zeugs) und „Lebenshilfe Schrägstrich Esoterik“ scheint mir alles ausgedünnt, die Regale halten fast nur noch Bestseller feil. (Meist werden Bücher inzwischen ohnehin lieber hingelegt als hingestellt, da sie eine Schauseite haben, die nach Aufmerksamkeit ruft.) Sortiment, was ist das. Sogar sogenannte „Klassiker“ muss man bestellen. (Sie sind Nischenprodukte.) Aber bestellen kann ich auch von zu Hause aus. Dazu brauche ich nirgendwohin zu gehen, schon gar nicht in Läden, die nicht mich als Kunden gar nicht wollen, in denen ich mich wie im falschen Film fühle. Gehe ich (außerhalb der „Vorweihnachtszeit“) doch noch einmal in eine größere Buchhandlung, treffe ich meist mehr Angestellte an als potenzielle Käufer. Aber man versichert mir, auf Nachfrage, alles sei in Ordnung, heute sei nur ein ruhiger Tag. Viele ruhige Tage ergeben freilich einen Ruhestand, letztlich einen Friedhof.
Der sogenannte „stationäre“ Buchhandel ist zu Abfütterungsstationen für Lesestoffkonsumenten verkommen. Die Ware Buch ist mehr denn je ein bloßes Unterhaltungs- und Zerstreuungsmittel, keine Notwendigkeit, um sich in Frage stellen zu lassen und sich zu verändern. (Fachbücher gibt es zwar, aber sie grassieren gern virtuell, wie die Exzerpte und Zusammenfassungen, damit man möglichst wenig lesen muss.) Kochbücher, Reiseführer, Ratgeber aller Art mischen sich in großer Zahl unter die erzählende Literatur. Wörter wie Geist, Bildung, intellektuelle Herausforderung sind nicht nur in diesem Zusammenhang antiquiert, elitär, inhaltslos. Lesen soll Spaß machen und der Spaß soll simpel, ablenkend, folgenlos sein.
Subjektives Genörgel eines alten Mannes? Gewiss. Was nicht heißt, dass der Verfall nicht real ist. Wer sonst sollte ihn bemerken, wenn nicht einer, der ihn nicht will, der ihn nicht ausstehen kann? Veränderung, Verfall, Untergang: ohne zu werten, hätte die Diagnose keinen Sinn.
Aber es wird doch immer mehr gelesen, sagt man mir, besonders junge Leute usw. Die Buchmessen werden immer größer, die Besucherzahlen steigen und die Buchhandelsketten usw. Einmal abgesehen davon, dass Quantität nichts über Qualität besagt, es also nicht auf Verkaufszahlen ankommt, sondern auf Formen und Inhalte von Büchern, stimmt es gar nicht, dass mehr gelesen wird. Die Statistik spricht eine andere Sprache: Die Lesekompetenz sinkt, die Lesetätigkeit verlagert sich zu Kurznachrichten, Newslettern, Textschnippseln, Übersichtsartikeln, also eher zu rasch Konsumierbarem, weg vom Buch. Je geringer der Bildungsstand, desto mehr verringern sich Kompetenz und Lesetätigkeit, aber das wird von den (angeblich) besser Gebildeten nicht ausgeglichen. Dass die Umsatzzahlen für steigen, liegt an steigenden Preisen, die Absatzzahlen sind rückläufig. Und das Bücher gekauft werden, heißt weder, dass sie gelesen werden, noch dass sie gut sind. (Was immer „gut“ heißt: niveauvoll, fordernd, horizonterweiternd, charakterbildend, kritisch; oder einfach cool und geil.)
Es wird also weniger gelesen. Es wird schlechter gelesen. Es wird Schlechteres gelesen. Der Buchkonsum wird zum kleinen Luxus-Event, vergleichbar mit Wellnessbad und Fitnessstudio. Einem alten Kulturpessimisten macht das keine Hoffnung auf die kommende Revolution. Aber man wird ja trotzdem noch von guten Büchern für kluge Leser träumen dürfen …

Dienstag, 7. Oktober 2025

Skandal im längst entlaubten Blätterwald

Die österreichische Tageszeitung „Kurier“ schafft ihre wöchentlichen Buchbesprechungen ab und entlässt die zuständige Redakteurin. Das löst in der österreichischen Literatuszene Empörung aus und mich erreicht eine e-mail, in der von allerhand mehr oder minder gut im Geschäft stehenden Autoren und Autorinnen die sofortige „Rücknahme der Entscheidung“ des privaten Mediums gefordert wird.
Ich würde (wenn man mich denn fragte) einen solchen Protest nicht unterschreiben. Einerseits wegen der indiskutablen Sprache („canceln“, „Qualitätsmedium“). Andererseits wegen der Unterzeichner (darunter die Literaturnobelpreisträgerin und, wie sie genannt wurde, „dümmste Frau Europas“). Vor alle aber, weil mir scheißegal ist, was im „Kurier“ steht oder nicht. Ich lese derlei nicht. Genauso wenig wie die „Krone“ oder „Heute“ oder wie auch immer der Dreck* heißt.
Wer derlei freiwillig konsumiert, weiß, worauf er sich einlässt. Er will miesen Journalismus und bekommt ihn. Wie groß dabei je das Bedürfnis nach und das Interesse an Buchbesprechungen war ist und sein wird, weiß ich nicht. Fehlt der Leserschaft jetzt vielleicht die qualifizierte Beratung bei Kaufentscheidungen im Falle extremer Langweile nahe am Hirntod? Ich mache mir die Mühe, suche im Internet nach Buchbesprechungen im „Kurier“ und finde solche Überschriften: „Anleitung zum Nichtstun“, „Von der Blumenhändlerin zur Kranführerin, „Mordsbrise, ein Ostfrieslandkrimi“, „Ferdinand von Schirach …“, „Isolde Charim …“, „Schauspieler Michael Dangel verzichtet aufs Ich“, „Wolfgang Schüssel: Wendekanzler bringt neues Buch heraus“ und „10 Bücher, die ähnlich sind wie Harry-Potter-Romane“. ― Mir scheint, der Verlust ist sehr gering.
Das erwähnte Protestschreiben weist übrigens auch den Vorschlag „mit aller Entschiedenheit“ zurück, künftig Buchbesprechungen von der Funke-Mediengruppe zuzukaufen. „In diesem Kontext spielen österreichische Autor/inn/en, Bücher und Verlage und anspruchsvolle Literatur nicht die geringste Rolle.“
Ja klar, weil die Piefke bekanntlich nur Piefke lesen (und Ösis auf dem Literaturmarkt voll benachteiligt werden; siehe auch Nobelpreis) …
Jedenfalls machen die Empörten damit sehr deutlich, worum es ihnen geht: Eine österreichische Zeitung soll österreichische Literatur ― also auch die der Unterzeichnerinnen und Unterzeichner des Protests ― bewerben. Der Markt ist klein, der Schreibwilligen sind viele, da muss man sehen, wo man bleibt. Und mit jeder Besprechung, selbst in einem Scheißhausblatt (aka Qualitätsmedium), verkauft man ein paar Bücher mehr. Das darf nicht anders werden.
Dass der Buchmarkt längst bestimmt wird vom Internet, unter anderem von einschlägigen influencers, und nur sehr wenig vom papiernen oder papieroiden Feuilleton (zumal Leser heutzutage eher Analphabeten sind), ist den etablierten Literaturproduzenten alter Schule vermutlich nur undeutlich bewusst, wenn überhaupt. In ihrer Jugend war das nicht so, da war der „Kurier“ wichtig, also soll das so bleiben.
Wie gesagt, ich würde es nicht unterschreiben, aber mich fragt ja zum Glück auch keiner.
 
* Vielleicht ein zu starker Ausdruck und viel zu pauschal. Man wird mir vorrechnen, wie viel besser doch diese Zeitung sei als jene. Nun, Scheiße ist auch nicht gleich Scheiße, aber ich interessiere mich nicht für Stuhlproben. (Jetzt hab ich’s auch noch schlimmer gemacht.)

Donnerstag, 2. Oktober 2025

Faschismus, Katechismus, alles dasselbe

Es ist sehr wahrscheinlich, dass es keine „kirchenkritische“ Intrige war, sondern schlicht die Idiotie der „Künstlichen Intelligenz“ (die ja verständnislos nach wiederkehrenden Mustern in der Wortfolge suchen muss), die dazu führte, dass mir nach der Eingabe von „eco faschismus“ in das Suchfeld eines Buchhändlers „faschismus“ und „katechismus der katholischen Kirche“ als passende Suchmöglichkeiten vorgeschlagen wurden.
Doch weil hinter der Dummheit der Maschinen immer auch die Dummheit der Menschen steckt, merke ich an, dass es die „Kirchenkritiker“ bedenklich stimmen sollte, dass ihre Vorurteile, die wahrscheinlich für selbstgewählte Überzeugungen halten, so ohne weiteres mit der kontingenten Blödheit von manipulativ-kommerziellen Algorithmen zusammenstimmen.

Mittwoch, 17. September 2025

Notiz zur Zeit (258)

Die Kandidatin der Ratesendung kommt aus Hannover, studiert Deutsch und Politik (Lehramt), ist gerade „im Master“ und will später „ans Gymmi“. Ihre Hobbys sind Yoga, „Kneipenquizze“ und „Escape-Räume“. Frage: Welche Farbe ist auf einer Verkehrsampel oben? Antwort: Grün. Frage: Gibt es EU-Mitgliedsstaaten, die ans Schwarze Meer grenzen? Antwort: Nein. Frage: Aus welchem asiatischen Land wanderte die Mutter von Kamala Harris in die USA aus? Antwort: Afrika. Frage: In welchem Gebäude wurde Friedrich Merz zum Bundeskanzler ernannt? Antwort: Bundestag. Frage: Welche germanische Sprache wird weltweit am häufigsten gesprochen? Antwort: Deutsch. ― Ums deutsche Bildungssystem muss man sich keine Sorgen mehr machen. Das hat sich offensichtlich von selbst erledigt.

Samstag, 30. August 2025

Vorschlag zur Güte: Jahrzehnte nummerieren!

Von Nullerjahren oder gar den Nullern zu reden, finde ich ausgesprochen hässlich. Andererseits scheint es wahrscheinlich vielen viel zu umständlich, einfach zu sagen: das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts. Aber es gäbe noch eine andere Redeweise. Denn wenn man die Jahrhunderte (seit dem von Christi Geburt) durchnummeriert, warum nicht auch die Jahrzehnte?
Das erste Jahrzehnt umfasste dann die Jahre 1 bis 10, das zehnte Jahrzehnt die Jahre 91 bis 100. (Man rechne nach.) Die Jahre 101 bis 110 bildeten also das 11. Jahrzehnt, 1001 bis 1010 folgerichtig das 101., somit 2001 bis 2010 das 201. (zweihunderterste). Das Jahr 2025 liegt demnach im 203. Jahrzehnt nach Christi Geburt (oder „nach unserer Zeiteichng“ für Säkularitätsfanatiker).
Anfangs wäre diese Redeweise gewiss ungewohnt und darum verwirrend. Aber hat sie sich ersteinmal eingebürgert, erkennt man ebenso gewiss ihre Rationalität und Schönheit.
Welches Jahrzehnt einer Jahreszahl entspricht, ist übrigens leicht zu berechnen: Das letzte Jahr des Jahrzents, in dem das gegebene Jahr liegt, durch zehn geteilt – und man weiß die Nummer des Jahrzehnts. 996 gehört zum 100., 1535 zum 154. und 1789 zum 179. Jahrzehnt.

Montag, 4. August 2025

Anmerkung zur Tefau-Unterhaltung

Dass die deutsche (und österreichische) Tefau-Unterhaltung geistlos ist, ist keine Neuigkeit. Und wäre vielleicht auch gar nicht weiter schlimm, weil der offensichtlich längst eingetretene Hirntod eines Publikums, dass sich derlei bieten lässt und dafür auch noch mit Gebühren und Einschalzquote bezahlt, ja unmöglich gesteigert werden kann. Und doch berührt es sehr unangenehm, das besagte Tefau-Unterhaltung gegen die tödliche Langeweile, die sie verbreiten muss, nur mit Vulgarität und Obszönität Abhilfe schaffen zu können meint. Die Reduzierung der Konsumoptionen (sozusagen der Erwartungen der Anbieter an die Nachfrager) auf vorpubertäre Sehnsucht nach Blöße, Beschämung und trotziger Unwissenheit, entspricht zwar ohnehin nur dem Stand der amerikanischen Globalkultur im Zustand ihrer ethischen und ästhetischen Verwesung, ist aber nichtsdestoweniger einfach nur zum Kotzen.

Dienstag, 13. Mai 2025

„Kultur“ im postkulturellen Zeitalter

Ja ja, stimmt schon, man sollte den „Spiegel“ nicht lesen. Aber irgendwie geriet ich an die Onlineversion, als ich mal eben rasch im Netz die Schlagzeilen des heutigen Tages überfliegen wollte. Und dann wunderte ich mich doch, dass da nichts aus dem Bereich zu finden war, den man früher einem Feuilleton zugeordnet hätte. Ich suchte ― und fand die Rubrik „Kultur“ und darin folgende aktuelle Schlagzeilen:
„Schlechte Quoten: RTL beendet Raab-Show ‘Du gewinnst hier nicht die Million“;
„Urteil in Frankreich: Schauspieler Gérard Depardieu wegen sexueller Gewalt schuldig gesprochen“;
„Protestschreiben gegen Intendanten: Neue Vorwürfe gegen Hamburger Ballettchef Demis Volpi“;
„Neue Streamingserie: Jude Law und Andrew Garfield spielen ‘Siefgried & Roy’“;
„’Aus Gründen des Anstands’: Filmfestival von Cannes verbietet zu viel nackte Haut auf rotem Teppich“;
„Prozessauftakt in New York: Zeuge spricht über Sean Combs ‘teuflischen Blick’“.
Nennt mich erzkonservativ und vorvorgestrig, aber wenn das „Kultur“ ist, dann will ich nicht wissen, was Unterhaltungskommerz, Publikumsverarschung und Lüsternheitsökonomie ist.

Donnerstag, 21. November 2024

Das Geheimnis der öffentlichen Hand in der kulturellen Produktion

Um die sogenannten Kulturschaffenden steht es recht merkwürdig. Einerseits produzieren sie Waren (Texte, Bilder, Musikstücke usw.) und Dienstleistungen (Tanz, Schauspiel, Musik usw.) und wollen sie verkaufen. Andererseits sind sie von diesem Geschäftsmodell nicht restlos überzeugt, weil sie wissen, dass nur die allerwenigsten davon unbeschwert leben können. Darum fordern sie, die öffentliche Hand möge abhelfend eingreifen und sie und ihre Waren und Dienstleistungen fördern. Alle zusammen sollen, übers Steuergeld, das bezahlen, was im freien Verkauf nicht genug einbringt.
Und nun geschieht, von Nationalstaat zu Nationalstaat sehr verschieden, etwas noch viel Merkwürdigeres: Die öffentliche Hand sagt ja, klar, wird gemacht. Und vergibt Förderungen, Stipendien, Preise. Zwar nicht flächendeckend und in Hülle und Fülle. Aber doch so, dass sehr viel mehr Kulturschaffende ein Auskommen finden als durch individualwirtschaftliche Betätigung allein. Für viele werden Ausbildung, Produktion und öffentliche Verbreitung erst dadurch überhaupt möglich.
Erweitert man den Kulturbegriff über die Künste hinaus, dann gilt in etwa dasselbe auch für viele Wissenschaften, namentlich die nicht technisch verwertbaren. Ohne staatlich finanzierte Universitäten und Akademien, ohne Förderprogramme und Stipendien, ohne Zuschüsse und Preise könnten viele Akademikerinnen und Akademiker eine akademische Karriere vergessen.
Nun stellt sich die Frage: Warum macht der Staat das? Warum leistet sich eine Gesellschaft Künste und Wissenschaften? Ohne dass bei ihnen ökonomisch was rausspringt (von der berüchtigten „Umwegretabilität abgesehen)? Alles Übrige, mitunter sogar der Sozialstaat, wird immer wieder nur unter dem Gesichtspunkt des Profits gesehen, dessen Maximierung bekanntlich das höchste und alles bestimmende Prinzip ist. Wieso gibt’s dann Geld für brotlose Branchen, die nichts abwerfen als ein bisschen Sinnesreiz und soziale Distinktion?
Man mag sich das mit einer diffusen Ideologieproduktion erklären. Wenn die öffentliche Hand den Daumen auf der Kulturproduktion hat, kann diese nicht ins Kraut schießen. Zwar sind sind in aller Regel Kulturschaffende ohnehin nicht die Revolutionäre und Anarchisten, für die manche sich halten wollen, sondern biedere Mitläufer eines Betriebs, der in Lizenz Muster ohne störenden Wert herstellt. Abhängigkeit von Staatsknete mag das begünstigen. Nicht dass aus öffentlichen Mitteln genährte Künste und Wissenschaften notwendig staatsfromm, unfrei und unkritisch sein müssten. (Was sie freilich mancherorts sind.) Aber staatstragend und systemkonform sind sie allemal. Die Hand, die man beißt, wird einen nur ungern füttern oder gar nicht.
Aber erklärt denn das das Phänomen des institutionellen staatlichen Mäzenatentums schon hinreichend? Oder soll man noch ins Kalkül ziehen, dass eine rein privat finanzierte kulturelle Produktion eine Tendenz zur staatsfernen Gesellschaftskritik haben könnte? Dass auf sich allein gestellte Kulturschaffende womöglich kooperative Arbeitsformen entwürfen und verwirklichten, die unangenehmerweise bewiesen, dass nicht alles Produktive als Konkurrenz und Unterordnung organisiert sein muss? Dass „Kultur“ außerhalb eine geschützten Rahmens womöglich mehr Leute erreichte und sie anders beeinflusste?
Auch das überzeugt noch nicht restlos. So gefährlich ist Kultur nicht für den Staat und die Wirtschaft, der er dient. Geht es also um Ablenkung und Zerstreuung, darum allzu bedenklich wuchernde Nachdenklichkeit über die herrschenden Verhältnisse zu verhindern? Das leisten doch Sport, Populärkultur und Unterhaltungselektronik viel effizienter. Allenfalls mag es ein genehmer Effekt sein, dass eine breit geförderte kulturelle Produktion die einzelne Hervorbringung entwertet, weil sie in der Masse verschwindet, so sie nicht als populäre Ware ohnehin schon in den Dienst der Verwertung gestellt ist.
Es bleibt rätselhaft. Warum gibt der Staat das Geld seiner Untertanen für etwas aus, für das sich die meisten Leute (die trotzdem dafür zahlen) nicht interessieren, das ihnen geschmacklich und intellektuell fern und zuweilen sogar zuwider ist? Wer hat etwas davon?

Montag, 31. Oktober 2022

„Reformationstag“

Ein bisschen perverse Ironie der Geschichte ist es schon, wenn zum Beispiel in Hamburg am heutigen gesetzlichen Feiertag „Reformationstag“ staatliche und private Museen, darunter auch Kunstmuseen, bei freiem Eintritt geöffnet sind, wo doch die „Reformation“ auch ein gewaltiger Bildersturm und eine der größten Vernichtungsaktionen von Kulturgütern in der europäischen Geschichte seit der Völkerwanderung und vor Bolschewismus und Nazismus war.

Dienstag, 19. Oktober 2021

Hofmobiliendepot

Gerade erfahre ich, dass das Wiener Hofmobiliendepot schon seit anderthalb Jahren (auch) Möbel Museum Wien heißt. Es gibt so Momente, wo ich denke: Ich mag nicht mehr. 
Muss ich's erklären? Jenes war ein vielleicht etwas sperriger, aber doch auch hochpoetischer, vom althergebrachten Kanzleideutsch geprägter Name, der das Flair der guten alten Zeit atmete; dieses ist ein Allerweltsname in alberner Schreibung, der trotzdem bei Touristen (sie kämen denn aus Schweden) nichts nützt. Solche Veränderungen mag ich nicht, sie geben mir das Gefühl, mich überlebt zu haben und endgültig gegenüber dem grassierenden Kretinismus ins Hintertreffen geraten zu sein.

Sonntag, 18. April 2021

Notiz zu Schreiben und Tippen

Es fing damit an, dass sie aufhörten zu schreiben, um nur noch tippten. Den Unterschied begriffen sie nicht, und wenn doch, dann als Fortschritt oder einfach als Zug der Zeit. Was sollte man machen, es galt immerhin, Geräte zu bedienen. So war es ja auch einfacher und schneller. Wer irgendwo stand, ging, saß und dabei tippte, fiel nicht auf; wer irgendwo saß und schrieb, war schon ungewöhnlich.
Auch und vielleicht gerade die, als deren Beruf das Schreiben galt, nicht bloß das Zusammenstellen von Texten aus Versatzstücken, das Texten zwecks gewerblicher oder behördlicher Informationsweitergabe, sondern das schöne Schreiben, das Schreiben um der Wahrheit willen ― auch die Akademiker und Belletristen also tippten nur noch. Viele verstanden schon nicht mehr, worum es ging, hielten das für austauschbar, für unterschiedslos, mit freilich einem deutlichen Vorteil an Zweckmäßigkeit beim Gebrauch der Tastatur an Stelle eines Griffels. Textbearbeitung, früher ein Vorgang des Schreibens und Überschreibens und Neuschreibens, erwies sich als so viel einfacher mit Klick und Klack, mit einem Zug der Maus, mit dem Speichern von Versionen.
Reaktionär, sentimental, selbststilisierend muss demgegenüber vorkommen, wer am Gebrauch der Handschrift festhielt oder ihn neu zu entdecken vorgab. Ein Luxus für wenige (obwohl doch alle ihn einmal erlernt hatten). Der Handel kam dem immer weiter entgegen, und je armseliger und schulkindlicher das Angebot an einfachem Schreibgerät, Heften, Blöcken und so weiter wurde, desto aufwendiger und womöglich teurer wurden Notizbücher, Briefpapiere und Kolbenfüller.

Donnerstag, 29. Oktober 2020

„Kultur“ ist ja ganz hübsch, muss aber nicht sein

Wenn die „Kulturschaffenden“ aus ihrer derzeitigen Notlage ― also dem gesellschaftlichen Umgang mit ihrer Existenz in Zeiten einer staatlich organisierten Krise ― lernen wollten, dass sie schon bisher, anders als sie glaubten oder sich einzureden versuchten, nur behübschendes Beiwerk waren, das man auch weglassen kann, dann wäre etwas, wenn auch etwas vielleicht Schmerzliches gewonnen: Einsicht.
Die Unterhaltungskonzerne haben auch in Zeiten wie diesen nicht aufgehört zu produzieren und zu verkaufen. Ihre Waren genügen der Masse vollauf. Der Rest, das Gedöns für Besserverdiener und Randständige, kann, wie gesagt, auch wegfallen. Umsätze können verlagert werden. Das Geld, das nicht für „Kultur“ ausgegeben werden kann, verdient halt jetzt jemand anderer.
Es ist legitim, für sich als Person die Unterstützung des Sozialstaates einzufordern. Ob jedoch eine endgültige staatliche Durchalimentierung des „Kulturbetriebes“ wünschenswert ist (machbar ist sie, wie man weiß), darüber könnte man zweimal nachdenken. Einmal vielleicht auch auf der Grundlage der oben erwähnten Einsicht.

Montag, 4. November 2019

Zu Handke

Ja, sicher, das Problem ist ein Schriftsteller, der nicht dem antiserbischen Narrativ folgt, und das Problem sind nicht etwa die Politiker und Manager, die mit menschenverachtenden Diktaturen (China, Russland, Saudi-Arabien usw. usf.) Geschäfte machen.

Mittwoch, 6. März 2019

Politischer Aschermittwoch

Das Christentum und seine „Werte“ als traditionelles Fundament des Abendlandes? Wirklich? Seit Jahrhunderten ist der Aschermittwoch in der westlichen Kirche der Beginn der vorösterlichen Fastenzeit, ein Tag des Verzichts, der Einkehr und der Buße, eine Gelegenheit, im stillen Kämmerlein über die eigene Unzulänglichkeit und Endlichkeit nachzudenken. „Mensch, bedenke, du bist Staub und kehrest zum Staube zurück“. Und was geschieht stattdessen? Zu Bier und Schweinsbraten versammeln sie sich, um grunzend und johlend dem zuzustimmen, was vom Rednerpult an Gemeinheiten über den politischen Gegner ausgeschüttet wird. Antichristlicher geht’s nicht.

Samstag, 12. Januar 2019

Weibliches Schreiben

„Ich bin eine Schriftstellerin und nehme alles durch Gefühle wahr.“ Das, gnädige Frau, bezeichnet sehr treffend das Problem. (Und erklärt, warum so viele frauen so schlecht schreiben.)

Dienstag, 17. April 2018

Notiz zur Zeit (183)

Lustig für mich: Wer seinen Dingsbums-Preis* zurückgibt, ist mir genauso wurscht, wie wer einen bekommen hat.
 
* Echo.

Montag, 26. März 2018

Was wem was wert ist

Dass rund ums Mainzer Gutenbergmuseum um den Neubau eines „Bibelturms“ (um darin dauernd die beiden vorhandenen Gutenberg-Bibeln ausstellen zu können) gestritten wird, ist, ginge es nur um die Kosten, recht lächerlich: Für 5 Mio. kriegt man sonst höchstens 200 Meter Autobahn.

Montag, 5. März 2018

Nur so eine Vermutung

Ich nehme mal an, der Film „Call Me By Your Name“ wäre weniger populär und erfolgreich, wenn darin der 17-jährige Sohn der Akademikerfamilie nicht mit dem 24-jährigen Akademiker aus den USA, sondern, sagen wir mal, mit einem 42-jährigen Bauarbeiter aus Algerien vögelte.