Sonntag, 31. August 2025

Notiz zur Zeit (255)

Frau B. ist eine der widerlichsten Politikerinnen der BRD. Hässlich und dumm, aufgeblasen und destruktiv. Wie so eine es on ihrer Partei (und damit im Staat) nach oben bringen konnte, wäre ein Rätsel, wenn man nicht wüsste, dass es in de deutschen Sozialdemokratie eine uralte Tradition gibt, die ungenehmsten und unintelligentesten Damen (von Frau Luxemburg bis Frau Nahles) Karriere machen zu lassen. Frau B. ist derzeit nun in ein Ministeramt gerutscht und siehe da, es handelt um die Zuständig keit für „Arbeit und Sotiales“. Na, da kennen die Sozen sich ja aus. Die Mitwirkung an Ausbeutung und Unterdrückung der „kleinen Leute“ kleinen Leute war ja immer ihr Spezialgebiet. (Liebestes Nebenfach übrigens: Russland in den Arsch kriechen.) Und so hat Frau B. angesichts der hohen Zahl von Arbeitslosen auch eine prima Idee: Das „Bürgergeld“ (sozialdemokratischer Tarnbegriff, gemeint ist das Staatsalmosen für Bedürftige; mit der Ermöglichung von demokratischer Partizipation von mündigen Bürgern hat es nichts zu tun, im Gegenteil), das Bürgergeld wird 2026 nicht erhöht. Also gekürzt, weil ja alles, insbesondere Lebensmittel, immer teurer wird. So ist es recht: Denen, die eh schon wenig haben, auch davon noch etwas zu nehmen. Das stärkt die Wirtschaft und den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Ich bin sicher, im Gegenzug wird die SPD als Juniorpartnerin der Großen Koalition darauf verzichten, dass die Reichen stärker besteuert werden. So hat alles seine Ordnung. Und die fette Qualle hat ihre Funktion brav erfüllt. 

Samstag, 30. August 2025

Vorschlag zur Güte: Jahrzehnte nummerieren!

Von Nullerjahren oder gar den Nullern zu reden, finde ich ausgesprochen hässlich. Andererseits scheint es wahrscheinlich vielen viel zu umständlich, einfach zu sagen: das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts. Aber es gäbe noch eine andere Redeweise. Denn wenn man die Jahrhunderte (seit dem von Christi Geburt) durchnummeriert, warum nicht auch die Jahrzehnte?
Das erste Jahrzehnt umfasste dann die Jahre 1 bis 10, das zehnte Jahrzehnt die Jahre 91 bis 100. (Man rechne nach.) Die Jahre 101 bis 110 bildeten also das 11. Jahrzehnt, 1001 bis 1010 folgerichtig das 101., somit 2001 bis 2010 das 201. (zweihunderterste). Das Jahr 2025 liegt demnach im 203. Jahrzehnt nach Christi Geburt (oder „nach unserer Zeiteichng“ für Säkularitätsfanatiker).
Anfangs wäre diese Redeweise gewiss ungewohnt und darum verwirrend. Aber hat sie sich ersteinmal eingebürgert, erkennt man ebenso gewiss ihre Rationalität und Schönheit.
Welches Jahrzehnt einer Jahreszahl entspricht, ist übrigens leicht zu berechnen: Das letzte Jahr des Jahrzents, in dem das gegebene Jahr liegt, durch zehn geteilt – und man weiß die Nummer des Jahrzehnts. 996 gehört zum 100., 1535 zum 154. und 1789 zum 179. Jahrzehnt.

Freitag, 29. August 2025

Glosse CXXXIX

Aus den frühen Nullern. Warum hassen sie ihre Sprache so sehr? Was hat sie ihnen getan, dass sie sie mit solch unerbittlicher Gleichgültigkeit zur Hässlichkeit zwingen? Als wären die Nullerjahre nicht schon schlimm genug, also auch noch die Nuller. Vom ersten Jahrzehnt zu sprechen, gälte wohl als zu hochgestochen. Als nicht vulgär genug.

Donnerstag, 28. August 2025

Leute (35)

Der Kellner sieht aus wie Pasolini, sagte ich damals zu X. Aber nein, keineswegs, erklärte sie kategorisch und setzte hinzu: Nicht jeder mit ausgemergeltem Gesicht sieht aus wie Pasolini. Es wäre sinnlos gewesen, ihr zu widersprechen. Wenn X. etwas entschieden hatte, waren Widerworte unangebracht. Argumente vorzubringen und Evidenzen anzuführen, wäre nur armselige Rechthaberei gewesen. Also verwies ich nicht darauf, dass die Augen, die Nase, der Mund, die Wangenknochen, ja sogar das Haar stark an Pasolini erinnerten. Da ich ihr aber auch nicht zugestimmt und meinen Eindruck widerrufen hatte, hegte X. bestimmt den Verdacht, im Stillen sei ich doch ein Rechthaber, und würde mir das bei nächster Gelegenheit auf den Kopf zu sagen. Auch damit biehielt ich dann Recht.

Montag, 25. August 2025

Schon wieder was über Gott

Niemand mag Gott. Viele fürchten ihn, nicht wenige hassen ihn, den meisten ist er egal. Manche sagen zwar, dass sie ihn lieben, aber den allerwenigsten kann man das glauben, das sind die Heiligen, ihr Leben ist danach, aber die allermeisten, die Gott angeblich lieben, denen merkt man es nicht an, sie verhalten sich nicht so, sie missachten Gottes Schöpfung und ihre Mitmenschen, sie sind hartherzig, egoistisch, gierig, neidisch, voller Hochmut. 
Den meisten ist Gott, wie gesagt, völlig egal. Ganz, ganz wenige sind ihm völlig verfallen. Viele benützen ihn, um sich zu beruhigen und andere zu unterdrücken, auszubeuten, zu erpressen und zu verdummen. Wer aber mag Gott?
Wer sagt: Ich kenne ihn nicht besonders gut, aber was ich von ihm höre, macht ihn mir sympathisch? Wer sagt: Ich hatte bisher nichts mit ihm zu tun, aber ein scheint ein feiner Kerl zu sein? Wer sagt auch nur: Auch wenn ich nicht mit allem einverstanden bin, was er tut und lässt, und mir gewiss manche seiner Äußerungen anders wünschte, respektiere ich doch seine Sicht der Dinge?
Liebe und Hass, Gleichgültigkeit, Unterwerfung und Missbrauch für eigene Zwecke: Aber Zuneigung? Freude daran, dass es ihn gibt? Dass er ist, wie er ist? Der Wunsch, mit ihm mehr Zeit zu verbnringen? Ihn besser kennenzulernen? Vielleicht sein Freund zu werden?
Kann man jemanden mögen, den man für allmächtig und allwissend hält, den man nicht begreifen kann, der Forderungen stellt?
Gott ist unbequem. Unheimlich.  Überfordernd. Aber Gott ist da und geht nicht weg, was man es auch anstellt. Man kann sich seiner Gnasde entziehen, aber sie hört nicht auf zu wirken. Man kann sich dumm, blind und taub stellen, aber die Rede von ihm hallt nach. Man sieht ihn an jeder Ecke, und auch wenn man rasch wegschaut und sich einredet, man habe sich getäuscht, man müsse sich getäuscht haben, war da doch was.
Gott ist kein Kumpel. Kein Selbstbedienungautomat. Keine Geschmacksache. Er ist ein Abgrund und eine Gefahr fürs gewöhnliche Leben.
Wer kann so jemanden schon mögen?

Dienstag, 19. August 2025

Unterwegs (30)

Einige Sommer lang war es weitgehend eingehaltene Sitte, dass modebwusste Knaben, Jünglinge und Männer ihre Köchel zeigen mussten. Daran fand ich (im Prinzip) durchaus Gefallen. Nun ist es aber schon im zweiten Jahr Vorschriftt (oder ist es gar schon das dritte?), sommers Sportsocken zu tragen, weiße versteht sich, und auf jeden Fall mit gut sichtbarem Marken-Symbol (vermutlich gibt es da ohnehin nur eines). Zusammen mit den kurz über Knie endenden Hosen, die die kurz unterm Knie endenden als Uniform abgelöst haben, sehen die Jünglinge jetzt bei warmem Wetter immer aus, als gingen sie gerade zum Sportunterrcht. Nun ja. Heute nun fiel mir auf, dass viele, vor allem ältere Männer (so ab 25 bis etwa 35; die darüber nehme ich meist nur als Trübungen des Blickfeldes wahr), die geltenden Vorschriftten missachten und Knie und Knöchel zeigen. Ich muss dagen: Ich billige das. (Sportunterricht habe ich eh nie gemocht, die ästhetische Anspielung darauf erotisiert mich also nicht sonderlich.)

Lebe wohl, Kunstforum Wien

Das Kunstforum Wien schließt übermorgen für immer seine Pforten auf der Freyung. Heute bin ich noch einmal dort gewesen, um Abschied zu nehmen (und mir die Ausstellung MENSCH BERLIN anzuschauen). Trauer und Wut!
Trauer, weil Wien sehr schöne Ausstellungsräume verliert, deren Verschiedenartigkeit (von Halle bis Kabinett) sehr differenzierte Präsentationen erlaubte. Wut, weil das Kunstforum seinen angestammten Platz auf Grund der Signa-Pleite verliert. Möge Benko in der Hälle schmoren!
In den vergangenen dreieinhalb Jahrzehnten  haben mich nicht alle Ausstellungen interessiert, aber wenn mehrere vielversprechende angekündigt waren, leistete ich mir auch schon mal eine Jahreskarte. Und schaute mir dann dieselben Sachen auch mehrfach an. Unzählige Meisterwerke durfte ich dort sehen, viel Bemerkenswertes und Lehhreiches. Von einigen Gemälden weiß ich noch genau, wo sie hingen ...
Ach, es ist so furchtbar traurig, dass ich nie wieder dort auf der Freyung so Überwältigendes werde erleben dürfen oder mich über Bedenkliches moquieren können werde. 
Dass die längst fertigkuratierte Ausstellung zu Marina Abramovic demnächst von der Albterina modern im Künstlerhaus präsentiert werden wird, tröstet mich gar nicht. Die A. interessiert mich null.
Ich will vielmehr wissen, ob und wie es für das Kunstforum danach weitergeht. Ob es einen neuen Ort geben wird. Was die Politiker zu tun gedenken (nichts vermutlich). Und wenn es weitergeht, ob die Entlassenen wieder eingestellt werden.
Ich will nicht, dass etwas so Wunderbares, das so Schönem und Relevantem und seiner Vermittlung gedient hat, einfach Geschichte wird. Wie das Carltheater oder die Rotunde. Wien hat auch sonst viele großartige Kunst-Orte, keine Frage. Aber es kann gar nicht genug davon geben. Darum:
Das Kunstforum ist tot. Es lebe das Kunstforum!

Mittwoch, 13. August 2025

Merz im Baggersee

Tagelang wird nun schon über Merzens Ankündigung, keine deutschen Waffen mehr an Israel zu liefern, sofern diese in Gaza zum Einsatz kämen, aufgeregt geplappert, und wegen des Widerspruchs in den eigenen Reihen kommt es sogar zu einer Art von Regierungskrise. Die Medien haben was zu quasseln und zu schreiben, und der Stammtisch „Internet“ quillt über.
Heiße Luft. Mehr nicht. Ein Krokodil im Baggersee. Ebenso spannend.
Merz hat nicht gesagt: Keine Waffen mehr an den völkermörderischen Terrorstaat Israel. Sondern nur: Keine, die in Gaza verwendet würden. (Wo gar nicht deutschen Waffen, sondern amerikanische zum Einsatz kommen.)
Merz hat nicht gesagt: Wir dürfen dem Hungern und Sterben nicht tatenlos zusehen. Wir können nicht solidarisch sein mit Kindermördern und Rassisten. Das Völkerrecht mus gelten, auch das „humanitäre“. Sondern nur. Ein bisschen weniger Waffen für unsere lieben Freunde.
Die BRD finanziert Israel und seine Politik also durchaus weiter.
Hysterische Kommentare wie der, dass nach Merzens Entscheidung jetzt die Hamas die BRD regiere, zeigen nur, wer dort nach Meinung der Prozionisten und Zionisten eigentlich regieren soll. Die jüdische Weltverschwörung.
Der deutsche Philosemitismus ist der Zwilling des deutschen Antisemitismus. Beide sind reines Ressentiment und haben mit der Realität nur insofern zu tun, als sie durch ihre Verblendung praktische Folgen haben. Für andere. Tödliche.
Und das ganze Land macht fleißig mit. Beim Schwatzen über Merz und Israel. Zumindest wollen die Medien diesen Eindruck erwecken. Es gibt ja auch keine anderen relevanten Themen. Warum sollten sich die Leute für die Ursachen und Folgen des durch ihren Lebensstil mitverursachten Kliamawandels interessieren, wenn sie doch in klimatisierten Flugzeugen in schön heiße Länder reisen (oder zumindest davon träumen) können? Warum sollten sie sich über die Rente, den Mangel an Pflegekräften und den Niedergang des Bildungswesen Sorgen machen, wenn sie doch so gemütlich im Schrebergarten grillen und dabei am Handy Netflix gucken können?
Saure Gurken waren gestern. Heute gibt’s Gaza und warum man gezielt wegschauen (und ein bisschen mitmorden) muss.

Sonntag, 10. August 2025

Das Leben überbietet die Kunst

Wie ich einer Annonce in einem sozialen Netzwerk entnehme, gratuliert das Team Strommer Fliesen & Stein GmbH seinem Lehrling Lorenzo Birnstingl herzlich zur bestandenen Lehrabschlussprüfung.
Lorenzo Birnstingl. Wenn ich in einem meiner belletristischen Texte einen solchen Namen verwendete, sagte man mir bestimmt, das sei übertrieben bizarr.
Aber so ist das Leben. Es will immer noch phantastischer sein als die Literatur. Life imitates art, sagte Oscar Wilde. Ich sage: Was das Bizarre betrifft, setzt das Leben immer noch eins drauf.

Montag, 4. August 2025

Anmerkung zur Tefau-Unterhaltung

Dass die deutsche (und österreichische) Tefau-Unterhaltung geistlos ist, ist keine Neuigkeit. Und wäre vielleicht auch gar nicht weiter schlimm, weil der offensichtlich längst eingetretene Hirntod eines Publikums, dass sich derlei bieten lässt und dafür auch noch mit Gebühren und Einschalzquote bezahlt, ja unmöglich gesteigert werden kann. Und doch berührt es sehr unangenehm, das besagte Tefau-Unterhaltung gegen die tödliche Langeweile, die sie verbreiten muss, nur mit Vulgarität und Obszönität Abhilfe schaffen zu können meint. Die Reduzierung der Konsumoptionen (sozusagen der Erwartungen der Anbieter an die Nachfrager) auf vorpubertäre Sehnsucht nach Blöße, Beschämung und trotziger Unwissenheit, entspricht zwar ohnehin nur dem Stand der amerikanischen Globalkultur im Zustand ihrer ethischen und ästhetischen Verwesung, ist aber nichtsdestoweniger einfach nur zum Kotzen.

1 Hungernder plus eine halbe Million Hungernder = 1 Hungernder

Was für widerliche Heuchler! Merz und Wadephul geben sich „ensetzt“ und „schockiert“ über ein Video, das eine offensichtlich halbverhungerte israelische Geisel zeigt. Was aber ist mit den unzähligen Videos und Fotos von hungernden, erschossenen, zerbombten und unter den Trümmern in ihrer Häuser krepierten Palästinensern? Eine halbe Million Menschen im Gazastreifen leidet an Hunger. Viele sind schon gestorben, viele werden mit Sicherheit sterben, vor allem Kinder. Und, Herr Merz, Herr Wadephul, wo ist da Ihr Entsetzen? Warum haben Sie davon keinen Schock?
Jeder Mensch, der es wissen will und nicht sich selbst und andere belügt, weiß, das Israel einen Völkermord begeht, bei dem Hunger eine Waffe ist. Derlei zuzulassen und sogar zu rechtfertigen, ist die Schande dieses Jahrzehnts (und hoffentlich dieses Jahrhunderts).
Keine Frage, ich wünsche allen israelischen Geiseln, dass sie freikommen mögen und wohlgenährt und gesund ihren Familien und Freunden zurückgegeben werden. Aber ich wünsche auch allen Palästinensern, dass sie gesund und wohlgenährt und vor allem am Leben sein mögen, und auch, dass sie ihre Leben frei, selbstbestimmt, in Frieden und Sicherheit führen dürfen.
Dem steht nur eines entgegen: Israel. Und die internationale Unterstützung dieses massenmörderischen Terrorgebildes.
Man schwatzt viel vom 7. Oktober (2023), als ob zuvor in Gaza und dem Westjordanland Friede, Freude, Eierkuchen geherrscht hätte und nicht ein brutales israelisch Besatzungs- und Einsperrungsregime. Bombardements, Blockaden, gezielte Tötungen, Rechtlosigkeit, Verleumdung, Folter usw. usf. hat es schon vorher gegeben. Der 7. Oktober war die Folge, nicht der eigentliche Beginn von etwas. Ein freudig genutzter Vorwand für genozidale Aktionen, kein plötzlich aufgetretener Grund für Menschenhass und Death-to-the-Arabs-Parolen.
Was man Nahostkonflikt nennt, obwohl man von Krieg und Völkermord sprechen sollte, hat eine Ursache und viele Wirkungen. Die Ursache ist der Zionismus, ein von Anfang an (wenn auch nicht im vollen Bewusstsein aller seiner Vertreter, das sei zugestanden) rassistisches Kolonialisierungsprojekt, das auf die Vertreibung und Vernichtung der nichtjüdischen Bevölkerung Palästinas abzielte (und genau das bis heute unübersehbar praktiziert). Was auch immer man dem Widerstand gegen den Zionismus an Verbrechnen vorwerfen muss, sie sind die Folge des vorangegangen verbrecherischen Plans, ein Herrenvolk zu installieren und ein Sklavenvolks zu eliminieren. Israel ist das Problem, Hamas und andere sicher nicht die Lösung, aber könnte man das Problem beseitigen, ließen sich schon bessere Lösungen für ein künftiges Zusammenleben finden. (Meinetwegen ein gemeinsamer Staat, in dem alle Staatsbürger unabhängig von ihrer Religion oder „Ethnie“ dieselben Rechte und Pflichten haben.) Nur entschiedener Antizionismus jedenfalls kann den Rassismus, den Terror und Terrorismus, das Zerstören und Morden dauerhaft beenden.
Nie im Leben würden Merz und Wadephul das zugeben. (Und auch all die anderen „verantwortlichen“ Politiker der BRD nicht, tatkräftig beim Wegschauen unterstützt von „den Medien“). Darum sind sie jetzt in Wahrheit erleichtert, dass sie sich über ein Video entsetzen können. Denn fast hätten die vielen Videos (und im Falle Wadephuls sogar der Augenschein) dazu führen müssen, Israel nicht nur mit moderaten Worten zu kritisieren, sondern scharf zu verurteilen und endlich das einzig Richtige zu: den Geldhahn zuzudrehen. Seit Jahrzehnten finanziert die BRD Israels Terror- und Massenmordpolitik. Das zu beenden, wäre ein Leichtes. Auf Grund des herrschenden Philosemitismus, der jeden Protest gegen das Töten und Quälen auch von nichtjüdischen Menschen als „Antisemitismus“ verunglimpft und verfolgt, ist es allerdings unmöglich.

Sonntag, 3. August 2025

Anarchismus und Gesetzestreue

Ich bin ein Gegner des Staates, daraus habe ich nie einen Hehl gemacht. Ein grundsätzlicher Gegner und einer sämtlicher Erscheinungen und Nebenwirkungen der Staatlichkeit. Freilich leugne ich nicht, dass ich in einem Staat lebe, seinen Gesetzen unterworfen und auf staatliche Tätigkeit angewiesen bin. Selbstverständlich bin ich das, denn ich sehe weit und breit kein herrschaftsfreies Gemeinwesen, in das ich auswandern könnte.
Mir nun vorzuwerfen, dass ich als Anarchist zugleich Staatsbürger (und zudem ein gesetzestreuer) bin, wäre ungefähr so lächerlich, wie einem Gefangenen vorzuwerfen, dass er im Gefängnis sitzt, sich in seine Zelle einsperren und zum Hofgang abholen lässt, dass er das Gefängnisessen isst und in den Gefängnisduschen duscht. Gewiss, man kann sich auch zu Tode hungern, sich von Mitgefangenen und anderen Wärtern zusammenschlagen lassen, sich am Fensterkreuz erhängen oder versuchen, mit einem gestohlenen Teelöffel in jahrzehntelanger Arbeit einen geheimen Tunnel ins Freie zu graben. Aber das ist sinnlose Romantik. Gefangenenaufstände sind selten erfolgreich und mit dem Risiko behaftet, selbst dabei draufzugehen. Der Gefangenschaft als solcher entflieht man also für gewöhnlich nicht, indem man sich selbst schädigt, sondern man wird als Weggesperrter vernünftigerweise versuchen, einen modus vivendi zu finden, durchzuhalten und die mögliche Entlassung zu erwarten.
Ähnlich verhält es sich mit dem Anarchisten, der in einem Staat nach dessen Regeln lebt. (Und gibt es einen anderen?) Ich sehe keinen Widerspruch darin, den Staat einerseits abzulehnen und entschieden für seine Abschaffung einzutreten, und andererseits widerwillig zu akzeptieren, dass der Leviathan im Augenblick stärker ist und das beste Mittel, die Kräfte im friedlichen Kampf gegen ihn zu schonen, darin besteht, der selbstzerstörerischen Konfrontation auszuweichen und keinen Anstoß zu erregen. Im Bezug auf die jeweils geltenden Gesetze, versteht sich, nicht hinsichtlich der Polemik und Aufklärungsarbeit.
Ich halte nichts von denen, die zwar realistischerweise die Überlegenheit des Staates anerkennen müssen, sich aber zugleich wie im Rausch über sie hinwegsetzen zu können meinen, indem sie punktuell Gewalt anwenden. Mir scheint, Terroristen handeln vor allem aus Selbstgerechtigkeit, Mord- und Zerstörungslust und wollen sich im Prinzip bloß an die Stelle des Staates setzen, gegen den sie angeblich aufbegehren. Sie üben Gewalt aus, wie der Staat Gewalt ausübt, nur unsystematischer und ineffektiver. Dabei führen ihre Taten bloß dazu, die Terrorisierten in die Arme des Schutz versprechenden Staates zu treiben und diesem zu erlauben, die Anwendung seiner Machtmittel auszubauen. Fanal einer Revolution ist Terrorismus nie.
Ich halte auch nichts vom Betrügen. Wenn ich mich bereit erklärt habe, ein Spiel zu spielen, auch eines, das ich nicht gut finde, dann halte ich mich an die Regeln und schummle nicht. Das hielte ich für unter meiner Würde. Es wäre auch eine Missachtung der Mitspieler.
Ich meine darum: Wer willens ist, im Staat zu leben, sollte dessen Rechtsvorschriften auch einhalten. Wie schäbig ist all dieses kleine Schummeln und große Betrügen, vom absichtlichen Falschparken über das kalkulierte Schwarzfahren bis zur Steuerhinterziehung, dieser ganze moralisch unsaubere und rechtlich unahltbare Alltag. Die Leute akzeptieren zwar im Prinzip die Legitimität des Staates und fordern gern von anderen ein, die Normen und Regeln gefälligst zu beachten, aber für sich selbst machen sie in Eigenregie dauernd irgendwelche Ausnahmen , nicht offiziell, versteht sich, sondern unter der Hand und in der Hoffnung, nicht erwischt zu werden.
Statt also dem Leviathan den Kampf anzusagen und gegen ihn aufzutreten, billigen die Leute dessen Herrschaft (auf Nachfrage; denn Ordnung muss sein) und entziehen sich ihr doch aus eigennützigen Gründen so ein klitzekleines bisschen, wenn sie meinen, dass er gerade nicht hinsieht. Vielleicht ist diese übliche Mikrodelinquenz, die unausrottbar zu sein scheint und gegen die der Staat nur nachlässig, lustlos und angelegentlich vorgeht, eine Art von sozialem Kitt, ein Mindestmaß an Unmoral von Seiten der Untertanen, das die (regelmäßig geleugnete und tatsächlich oft nicht durchschaute) Immoralität des Herrschaftsgebildes „Staat“ fundiert. (Kitt, Beton und Schmiermittel in einem.)
Wie anders sollte ein Anarchist handeln! Gerade weil er die Gewalt des Staates ablehnt, sollte er die Gesetze sorgfältig einhalten. Er will ja nicht innerhalb des Systems ein bisschen schummeln, sondern das System abschaffen. Durchs Schummeln aber wird das System in Wahrheit gestützt und verinnerlicht. Der Anarchist sucht nicht den kleinen eigenen Vorteil, ihm geht es um das Gemeinwohl. Er bestreitet die Legitimität der Regeln, nicht ihr Funktionieren. Solange er dem aber nichts entgegensetzen kann, wäre er als Regelbrecher nur der übliche Spießer, dessen irrationale Zwiemoral ihm erlaubt, im Kleinen zu betrügen und sich im Großen zu unteerwerfen.
Dass alles bedeutet selbstverständlich nicht, dass Anarchisten, bevor der Staat abgeschafft ist, nicht gegen dessen Vorschriften und Gewaltmaßnahmen vorgehen dürfen und sollen. Oder dass der Protest gegen das Unrecht nicht auch im Bruch mit dem angeblichen „Recht“, also in der bewussten, begründeten und gezielten Übertretung des Gesetzes bestehen kann. Aber doch nur, wenn das vernünftig ist und etwas bewirkt. Ein bloßes Herumrebellieren und gemütliches Regelschwänzen ist infantil und dient dem System nur als anarchofolkloristisches Dekor.

Sonntag, 27. Juli 2025

Notiz zur Zeit (254)

Naziaufmarsch in Wien. Zweihundert Arschlöcher, tausende bereitwillige Gegendemonstranten, unzählige Polizisten. Es kommt zu 56 vorübergehenden Festnahmen und 200 Anzeigen. Auf Seiten der Anti-Nazis. Die Nazis hingegen marschieren unbehelligt, weil geschützt vom Staat und seiner Polizei.

LGBTICQ*-Aufmarsch in Berlin. Größte Sorge: Weht am Reichstag die Regenbogenflagge? Im Übrigen rege Beteiligung von Heterosexuellen. Ebenfalls Berlin, andere Demo, andere Sorgen: internationalische LGBTICQ* demonstrieren auch für Palästinenser und gegen Völkermord. Die Polizei schreitet ein, prügelt und wittert „Antisemitismus“ (i.e. mangelnde Solidarität mit den sich mittels Genozid und Kriegsverbrechen ja bloß legitim selbstverteidigenden Zionisten). Merke: Die Gesellschaft möchte ihre „queeren Menschen“ deutsch, unpolitisch und staatsfromm, aber keinesfalls staatskritisch, antifaschistisch und fremdrassig.

Spanien. Jüdische Kinder wurden aus spanischem Flugzeug entfernt, heißt es, weil sie hebräische Lieder gesu
ngen hätten. Antisemitismus! Der (angeblich religiöse) Liedtext lautet zwar übersetzt „Tod den Arabern“, aber das ist nun einmal israelisches Volksgut, was willste machen. Auch dass die Jugendlichen randaliert und die Crew attackiert haben sollen, ist doch einfach bloß typisch zionistisches Verhalten. Wer sich da beschwert, will zweifellos die Gaskammern wiedereröffnen. 

Samstag, 26. Juli 2025

Mit dem teuren Herumgepflege (an Gammelfleisch) muss Schluss sein

Die Kosten für Pflegeheime sind zu hoch. An die dreitausend Euro oder mehr im Monat, wer kann sich das leisten? So weit das Problem. Was fällt der verantwortlichen Politikerin, Sozilaministerin Warken, dazu ein? Die Auflagen für den Bau von Pflegeheimen müssten gelockert werden.
Ja, genau, das ist es. Weniger Chichi für die Alten, geringere Standards, mehr Improvisation, dann wird auch mehr gebaut. Den Betrieb macht das zwar nicht billiger, aber die Bauwirtschaft und die Heimbetreiberfirmen wird es freuen, wenn nicht mehr überall Notausgänge, Feuermelder und Rampen den Weg zum raschen Profit versperren müssen.
Mir fielen noch weitere Lösungsvorschläge ein. Auch solche, die tatsächlich die Pflege kostengünstiger machten. Alte Leute müssen ja zum Beispiel nicht jeden Tag essen. Jeder zweite tut es doch auch. Das spart Futter und Klopapier.
Dann diese lästigen Pflegeschlüssel! Weniger Personal mit weniger Ausbildung senkt Kosten. Die Alten bleiben immer hübsch in ihren Betten und werden einmal in der Woche ins Freie getrieben, zum Durchlüften. Dafür genügen je Station eine strenge Pflegerin und ein Schäferhund.
Man achte auf die Details. Wozu immer neue Bettwäsche, wozu überhaupt Bettwäsche? Die machen da doch nur rein, die alten Schweine. Also mehr Holzkisten statt Betten, und Strohsäcke statt  Matratzen. Die Kisten zudem mit der Option zur Zweitverwendung (mit Deckel).
Usw. usf. Ich bin sicher, meine Vorschläge träfen auf offene Ohren bei der bundesdeutschen Obrigkeit, wenn die sie wahrnähme. Denn sie halten sich an den wichtigen Grundsatz: Bloß kein Steuergeld für Leute verpulvern, die nix mehr leisten und bald abkratzen. Nun, wenn Leute wie Warke regieren, ist der Tod ohnehin eine Erlösung.

Freitag, 25. Juli 2025

Unterwegs (29)

In der Fußgängerzone spielt ein junger Mann sehr verhalten Gitarre. Er ist bis auf eine kurze Khaki-Hose nackt, hat karamellfarbenen Teint, wuchtige dreadlocks und schmutzige Füße. Sein Oberkörper scheint selbst mir, der ich weißgott nicht jeden in die Muckibude schicken möchte, etwas zu undefiniert, im Sitzen hängen die Brüstchen etwas schlaff hinunter. Aber im Ganzen ist der Mann vom Typus Strandkiffer durchaus eine angenehme, in seiner Blöße sogar rührende und etwas erregende Erscheinung. Trotzdem finde ich nicht, dass man in der Öffentlichkeit so heraumlaufen muss. Nacktheit, sage ich immer, ist nichts Natürliches, sondern etwas Heiliges. Und wem das zu mystisch ist, für den formuliere ich es so: Es gibt körperliche Schönheit, die nicht vor beliebigem Pöbel zur Schau gestellt, sondern nur denen in intimen Situationen gewährt werden sollte, die sie auch wirklich verdienen.

Donnerstag, 24. Juli 2025

Unterwegs (28)

Wo es etwas zu loben gibt, lobe ich auch: Die Dame, die da mit moderater afrikanischer Grandezza durchs Restaurant schreitet, hat alles richtig gemacht. Ihr knöchellanges, luftig wallendes Kleid in hell strahlendem Fuchsienrot steht ihr hervorragend, sieht ungemein elegant aus und ist gewiss gerade auch bei hohen Temperaturen angenehm zutragen; es verbirgt aber auch ganz ungezwungen, was an möglicher Körpergeschichte die Öffentlichkeit nichts angeht. Vorbildlich.

Unterwegs (27)

Was Vulgarität betrifft, sind viele junge Frauen ganz weit vorn. (Und leider auch allzu viele Frauen, die eigentlich nicht mehr jung genug dafür sind.) Man kann kaum eine Straße entlang gehen, ohne mit ekelerregenden Geschmacksentgleisungen belästigt zu werden. Je blasser und unförmiger das Bein, desto mehr wird davon gezeigt, je fetter der Arsch, desto eher wird er in etwas Enge gezwängt, je üppiger der Busen, desto zeigefreudiger das Oberteil. Solche Darbietungskostüme mögen zwar ganz denen des Straßenstrichs gleichen (es fehlen nur die Lackstiefel), aber sie haben dem anzunehmenden Selbstverständnis nach nichts mit Prostitutionsästhetik zu tun, sondern sind nur Ausdruck der Mode und des weiblichen Selbstgenusses. Wie kann eine emanzipierte Frau ihre Unabhängigkeit von Männern und ihre Gleichwertigkeit mit ihnen besser unter Beweis stellen als durch das bewusst gewählte Aussehen einer billigen Nutte? Das sexualisierte Vulgäre ist vermutlich Feminismus pur. 

Unterwegs (26)

Im Zug bürstet sich eine junge Frau ausdauernd und inbrünstig ihr langes Haar. Ich finde das unmöglich. Körperpflege erledigt man nicht in der Öffentlichkeit. Meiner Meinung nach. Was kommt als nächstes? Das Schneiden der Zehennägel im Restaurant? Mir graust. Besser wird es auch nicht, als ihr Begleiter, ein fetter junger Typ, sich geradezu aus seinem Sitz heraus auf sie drauflegt und die beiden einander schmatzend küssen. Ekelhaft. Bin ich überempfindlich? Zu konservativ, was gesellschaftliches Benehmen betrifft? Jedenfalls finde ich solche Vulgarität indiskutabel. 

Mittwoch, 16. Juli 2025

Abtreibung ist nicht zu rechtfertigen (sagt Frau Brosius-Gersdorf)

Die schreckliche Juristin Brosius-Gersdorf ist eine sehr unangenehmer Erscheinung. Ihre zackig-borussische Art verleiht ihr den Charme einer DDR-Staatsanwältin. Das ist Teil ihrer Inszenierung als knallharte Wissenschaftlerin, es lässt sie herrisch und überheblich wirken, und das mögen viele Deutsche, weil sie selbst so sind oder sein möchten. Über den Wert oder Unwert ihrer Äußerungen in dieser oder jener Sache ist damit noch nichts gesagt.
Gesagt hat Frau Brosius-Gersdorf bei Lanz im Tefau (am 15. Juli 2025) zum Beispiel das:
„Wenn Sie das Lebensrecht des Embryos und die Grundrechte der Frau mit gleichem Schutz sozusagen gegenüberstellen, das ist genau das Dilemma und das Problem, um das es geht, dann könnten Sie den Schwangerschaftsabbruch zu keiner Zeit rechtfertigen, und nicht mal in Fällen der medizinischen Indikation, das sind Fälle, in denen die Schwangerschaft das Leben oder die Gesundheit der Frau gefährdet, weil Leben Leben nicht weichen muss, niemand muss sein Leben für das Leben eines anderen aufopfern, das muss nicht die Schwangere, aber das muss auch nicht der Embryo, aber bei der Menschenwürde-Garantie, da habe ich nicht mehr und nicht weniger getan, als auf das verfassungsrechtliche Dilemma, was bis zum heutigen Tag auch nicht gelöst ist, hingewiesen, dass, wenn wir dem Embryo ab Nidation (…) die Menschenwürde mit gleichem Schutz (…), wenn wir dem Embryo ab diesem Zeitpunkt die Menschenwürdegarantie mit gleichem Schutz wie dem Menschen nach der Geburt zuerkennen und sie, wie nach ganz herrschender Meinung, nicht abwägungsfähig ist, das heißt nicht in Ausgleich mit den Grundrechten der Schwangeren gebracht werden kann, dann ist der Schwangerschaftsabbruch, wie in der von Ihnen mir eben geschilderten Situation zum Lebensrecht, zu keinem Zeitpunkt zu rechtfertigen, und auch nicht in Fällen der Gefährdung des Lebens der Frau. Es gibt für dieses Dilemma, und das ist das, was ich versucht habe, deutlich zu machen, das kann man in Schwarz und weiß nachlesen, und darüber wurde eben nicht richtig berichtet, es gibt für das Dilemma nur zwei Möglichkeiten, entweder erkennen Sie dem ungeborenen Leben die Menschenwürdegarantie nicht zu, sondern sie gilt erst ab Geburt, oder, auch der Embryo, der Foetus ist Träger der Menschenwürdegarantie mit vollem Schutz wie der Mensch nach Geburt, aber dann muss sie abwägungsfähig sein.“ (Hervorhebungen von mir, St. B.)
Ungeschickten Herumgeredes knapper Sinn: „Abtreibung“ (Tötung eines ungeborenen Kindes) ist nicht gerechtfertigt. Punkt.
Alles andere, das Dochrechtfertigen mit irgendwelchen Tricksereien und „Abwägungen“ (auf Deutsch: Rechtsverdrehungen unter dem Vorwand, ein Recht gegen ein anderes auszuspielen) ist von übel. Und während ihre relative Ehrlichkeit und Einsichtigkeit (Abtreibung ist nicht zu rechtfertigen) für Frau Brosius-Gersdorf spricht, spricht ihre Anpassung an Zeitgeistwünsche gegen sie ― und macht sie eben zu einer schrecklich Juristin, die mit ein bisschen Hirnschmalz die Maschinerie des Herrschftsapparates zu schmieren versucht. (Nicht alle Juristen im Dritten rech waren überzeugte Nazis, die meisten passten sich einfach dem an, was von den Herrschenden erwartet wurde und machten Unrecht zu „Recht“.)
Denn so geht ja nun nicht: Einzusehen, dass Abtreibung Unrecht ist, weil sie das Recht auf Leben verletzt, und dann mit viel Blabla dem Kind einfach das Menschsein abzusprechen und seine Recht wegzudefinieren. Das ist Missbrauch der Rechtswissenschaft zur Verschleierung von Verbrechen.
Und eins noch: Die Geburt kann kein Kriterium des Menschseins sein. Denn ob und wann eine Geburt stattfindet, ist kein festgelegter, unmanipulierbarer Zeitpunkt. Es gibt (von Natur aus oder durch menschlichen Eingriff) Frühgeburten oder es werden Geburten eingeleitet oder verzögert. Wäre die Geburt die Grenze, vor der Abtreibungen beliebig stattfinden dürften, dann könnte eine Frau noch während der Wehen verlangen, dass ihr Kind getötet würde. Und wann ist eine Geburt eigentlich erfolgt? Wenn zum Beispiel nur erst einmal der Kopf des Kindes herausschaut, ist es ja noch nicht ganz geboren, darf es dann also noch abgetrieben werden?
All diese peinlichen Versuche, irgendwelche Erlaubnisse fürs Töten aus fragwürdigen Argumentationsstrategien herauszuschinden, statt einfach immer und überall das Leben an erste Stelle zu setzen, mögen juristischen Gepflogenheiten entsprechen, sie sind zutiefst unethisch.

Freitag, 11. Juli 2025

Übrigens (6)

Im Tefau spricht ein Fachmann vom Mittagsschlaf und seinen Vorzügen. Ich höre mit Wohlgefallen zu. Darum also bin ich so klug und ausgeglichen, so, so. Dann aber redet der Kerl was von zehn bis 20 Minuten. Das ist doch kein Mittagsschlaf! Das ist ja mehr wie Hinfallen und mühsam wieder Aufstehen.

Übrigens (5)

Kennen Sie das? Sie sind ein bisschen krank sind und erzählen anderen davon, wie es Ihnen geht und ergangen ist, mit allerhand sehr erhellenden Einzelheiten, und die anderen antworten darauf, indem sie erzählen, wie es ihnen ging. als sie dasselbe hatten, aber mit ganz anderen Einzelheiten, und Sie ärgern sich ein bisschen, weil die Leute offensichtlich nicht einmal richtig krank sein können, mit den richtigen Symptomen und Verläufen, und vor allem wundern Sie sich, wozu einem die Leute das alles erzählen. Kennen Sie das?

Mittwoch, 9. Juli 2025

Notiz vom 31. März 1994

Schon früh ― in meiner Schulzeit, bei Diskussionen mit [meinem besten Freund] ― formulierte ich eine Art „Grundsatz der Macht-Erhaltung“. Damals problematisierte ich den „Abbau“, das „Verschwinden“ von Macht durch Demokratisierung: Irgendwo müsse die Macht ja bleiben …
Auch entdeckte ich folgende Parallele: Uns, den Schülern und Schülerinnen, wurde eingepaukt, die Freiheit des einen ende dort, wo die Freiheit des anderen beginne. Ebenso schien mir aber die Macht des einen von der Macht des anderen begrenzt zu werden. Also lag es für mich nahe, Freiheit und Macht gleichzusetzen …
Später diskutierte ich mit meine Philosophielehrer dar­über, ob Demokratie Herrschaft und damit von Übel sei … Ich war unbelehrbar davon überzeugt. (Und bin es noch).
Nicht nur wegen der in den Lehrplänen vorgesehenen Politischen Bildung (und auch nicht erst wegen meiner politischen Aktivität als Klassen-, Kurs- und Schul­sprecher) war der Lebensraum Schule genau der Ort, an dem ich meine ersten Be­griffe im Denken des Politischen entwarf.
Die Situation, wie ich sie erlebte, war die eines Einzelnen, der nicht bloß „von oben“ (Lehrern, Lehrerinnen, dem Schulsystem überhaupt …) reglementiert, sondern auch „von der Seite“ (also von den Mitschülern und Mitschülerinnen) diszipliniert wer­den soll. Sein zu sollen und handeln (denken, sprechen …) zu sollen wie alle anderen und zugleich mit ihnen ― und sei es nur auf abstraktem Feld ― konkurrie­ren zu sollen. Anpassung, Zugehörigkeit, Isolation, Autorität, Sanktionen; die Ein­samkeit und Schwere des Widerspruchs, der Zwang zum Mitmachen, die Dummheit der Mächtigen …
Ich genoss es zu sehr, eine abweichende Meinung zu vertreten und gegen den Rest der Welt (der Klasse oder des Kurses) argumentativ zu verteidigen, zu sehr nämlich, um Demokrat zu sein. Mehrheiten ― so meine Erfahrung ― waren mächtig und trä­ge und dumm und ängstlich und rückständig und lagen meist falsch. Dazu gehört für mich aber auch die Erfahrung, durch besonderes Geschick (Sprach- und Denkbe­gabung …) aufzufallen und durch eine gewisse Art von Witzigkeit und Unzugäng­lichkeit gerade noch eben ― trotz der Isolation ― recht beliebt zu sein. (Oder auch rundheraus gehasst zu werden.)
 
Diese wiedergefundene Notiz, in der ich als achtundzwanzigjähriger auf mich und meine jugendlichen Überlegungen zum Politischen zurückblickte, überrascht mich durch die Kontinuität der Themen und nicht zuletzt der Haltungen, die ich dazu schon damals einnahm. Die Zuückweisung der liberalistischen Doktrin, wonach die Freiheit des einen durch die Freiheit der anderen begrenzt werde, als einseitig (und ihre Ergänzung durch die wesentliche Einsicht, dass die Freiheit und also Handlungsfähigkeit des einen durch die anderen überhaupt erst ermöglicht werde); die Deutung der Demokratie als Herrschaft (der Mehrheit und der Vertreter); das Zusammenbringen und geradezu Gleichsetzen von Freiheit und Macht (frei ist, er machen kann, was er will); die Entdeckung mittelbarer Herrschaft durch soziale Normen und den sanften oder unsanften Druck des Umfeldes; die persönliche Möglichkeit, sich (zumindest rhetorisch) abzugrenzen und zur Wehr zu setzen und dadurch fast so etwas wie (zumindest intellektuelle) Souveränität zu erarbeiten; all das beschäftigte mich mit schon als Schüler, also vor weit über vierzig Jahren, und es beschäftigt mich heute noch. Wahrscheinlich sollte es mich bedenklich stimmen, dass ich im Laufe der Jahrzehnte zwar manche Formulierungen überarbeitete und neue Begriffe verwendete (und zuweilen wieder aufgab), dass ich aber meine Grundüberzeugungen niemals änderte: Herrschaft ist von Übel; die Masse ist dumm; die Mitmenschen sind ebenso meine Einschränkung wie vor allem meine Ermöglichung; Demokratie ist auch bloß Herrschaft (weshalb man über sie hinaus muss; man sollte versuchen, sich von den Vorurteilen der anderen frei zu machen (und so von den eigenen). Solches Festhalten an einmal Gedachtem mag manchen als Zurückbleiben und als Engstirnigkeit erscheinen. Andererseits ist diese meine (freilich durchaus bewegliche) Beständigkeit vielleicht auch etwas Gutes, denn ich bin geneigt, in ihr, wenn schon nicht einen Hinweis auf die Richtigkeit meiner Ansichten, so doch eine Bestätigung ihrer persönlichen Unvermeidbarkeit zu sehen: So dachte ich schon früher, weil ich es so wollte, und weil ich es immer noch will, denke ich immer noch so. (9. Juli 2025)
 
 
 

Freitag, 4. Juli 2025

Stau ist kein Schicksal

Ich bin ein Gastarbeiterkind. Selbstverständlich fuhren wir jeden Sommer in die „alte Heimat“. Alle paar Jahre mit einem etwas besseren, etwas teureren Auto. Übrigens nie ― wer erinnert sich noch? ― mit einer Waschmaschine oder einem Kühlschrank auf dem Dach. Aber mit rammelvollem Kofferraum. Bei der Hin- und vor allem der Rückfahrt (weil es so viele gute Sachen der Heimat in der Fremde nicht gab). Wir düsten meist gleich zu Ferienbeginn los, zuweilen auch früher (wen interessiert schon so eine Zeugnisverteilung?), und wenn dann der angesammelte Urlaub meines Vaters knapp vor Schulbeginn zu Ende war, ging’s wieder zurück.
Mein Vater machte es bei der Reiseplanung richtig. Erstens fuhr er nie tagsüber, sondern immer nachts. (Nachtarbeit war er beruflich gewohnt.) Und zweitens garantiert nie an den Tagen, an denen allen andere nach Norden oder Süden fuhren. Perfekt.
So ging das zehn Jahre lang, erst reisten auf diese Weise meine Eltern, meine Schwestern und ich, dann nur noch meine Eltern und ich. Im Jahrzehnt darauf besuchte ich meine Eltern (und Freunde) sommers gern, in dem ich für die Hinfahrt die Bahn nahm und zur die Rückfahrt manchmal, wie in alten Zeiten, mit meinen Eltern im Auto mitfuhr. Unzählige Male bin ich also mit Zug und Pekaweh von Niederösterreich nach Niedersachsen, von Niedersachsen nach Niederösterreich gereist.
Warum erzähle ich das? Weil ich immer daran denken muss, wie klug mein Vater in dieser Hinsicht war, wenn ich Jahr für Jahr im Tefau sehe, wie die Leute zu Ferienbeginn in gewaltigen Staus stecken. Absolut bescheuert. Nun gut, nicht jeder mag weite Strecken bei Nacht fahren. Aber warum, wenn schon mit dem Auto gefahren werden muss, gerade an den Tagen, von denen man weiß, dass unzählige andere dann auch unterwegs sein werden? Gewiss, die Deutschen lieben ihre Autobahnen. Aber erklärt das den Wahnsinn? Geht es um eine Art Volksgemeinschaft der Kriecher auf Asfalt und Beton? Gehört das zum Ferienerlebnis einfach dazu?
Ich jedenfalls durfte schon als Kind lernen, wie man entspannt und effizient reist. Aber ich war ja auch ein Gastarbeiterkind.

Mittwoch, 2. Juli 2025

Glosse CXXXVIII

Frauen als Priesterinnen kämen in einem jüngst rekonstruierten babylonischen Hymnus vor, lese ich. Ich sag mal so: Männer als Priesterinnen wären für die Zeit um 1.000 v. Chr. wohl auch etwas übertrieben fortschrittlich gewesen.

Ist doch egal, ob das was heißt

„Sollen Plattformen effektive Steuerungsleistungen erbringen,“ ― ähem, eben ist noch von Kanonen, Zitadellen und, hoppla, „zeitspezifischen Subjektivierungsweisen“ die Rede gewesen ― „müssen sie allerdings ein hohes Maß an Interaktivität und wechselseitiger Kommunikation zwischen Plateau und Ebene erlauben, nicht zuletzt um daraus Dynamik zu generieren.“ Man könnte vermuten, dass dieser Satz irgendetwas bedeutet oder das wenigstens versucht. Ebenso gut könnte er aber einfach nur mit den Mitteln des Bedeutens die Unmöglichkeit des Bedeutens vorführen wollen. Die Botschaft ist jedenfalls klar: „Ich bin professioneller Akademiker, und das kann ich beweisen.“

En bisschen Rassismus zwischendurch

Unvorsichtiges Schalten durch die Tefaukanäle. Die Fernbedingung spinnt und erzwingt ein zu langes Verweilen. Da spricht ein Merz (und ich muss es hören): „Das eigentliche Problem ist, dass wir zum Teil aus diesen Kulturkreisen eine unglaubliche Respektlosigkeit haben gegenüber Frauen, gegenüber unserer Polizei, in der Art und Weise des Umgangs im Alltag, so, und das ist etwas, was ich nicht sehen möchte. Und ich tue alles, um das in Deutschland zu unterbinden.“
Da staunt der Fachmann und der Laie wundert sich. Was sind das für Kreise, aus denen da so unverschämte nach Deutschland getrudelt sind? Zuvor war von verurteilten Straftätern aus Syrien, der Türkei und Afghanistan die Rede. Diese Eingetrudelten sind also kulturell darauf geprägt, „unserer“ Polizei (nicht nicht die ihre ist!) ohne Respekt zu begegnen ― während jeder brave Deutsche angesichts einer Unform innerlich in Habtachtstellung geht? ―, Frauen zu missachten (was wohl voraussetzt, dass sie selbst keine sind), und ihre „Art und Weise des Umgangs im Alltag“ lässt auch zu wünschen übrig.
Wer auch nur wenig von syrischen, türkischen, afghanischen traditionellen Umgangsformen weiß, dem drehen sich da die Kulturkreisel vor Augen, denn gerade besagte kulturelle Kontexte sind bekannt für ihr hohes Maß an Höflichkeit und Rücksichtnahme, auch und gerade gegenüber Älteren, Schwächeren, Gästen.
Dass irgendwelche, mutmaßlich untervögelte männliche Jugendliche fremder Herkunft in einem hessischen Freibad irgendwelche (deutschblütigen?) jungen Mädchen, die mutmaßlich (weil hierorts kulturell vorgegeben) freizügig wie Bordsteinschwalben herumliefen, übel angegangen sind, ist gewiss höchst unerfreulich, hat aber weder etwas mit einem Aufenthaltsstatus noch mit syrischer, türkischer oder afghanischer Kultur zu tun, sondern mit divergierenden Konzepten von Nacktheit in der Öffentlichkeit und Spaß an der eigenen Geschlechterrolle.
Merz will unterbinden. Will Leute (wegen Fehlverhaltens in Freibädern?) aburteilen und abschieben lassen. „Ich weiß das nicht, ob es ein Abschiebeverbot nach Syrien gibt, der Bürgerkrieg dort ist beendet, man kann nach Syrien zurückkehren, das Land braucht dringend die das Land wieder aufbauen.“ Ja genau, Syrien braucht dringend in der BRD verurteilte Straftäter für den Wiederaufbau …
Und werden dann auch Bundesbürger deportiert, wenn sie nachweislich respektlos gegenüber Bullen, äh, Polizisten waren? Nein, wenn ein Deutscher einen deutschen Beamten beschimpft, ist er zwar vielleicht kriminell, aber die Sache ereignet im eigenen Kulturkreis und ist darum nur halb so schlimm.
Jedenfalls ist es erfreulich, dass der Kanzlerdarsteller Merz kein ökonomisches Problem mit Migration hat, sondern ein kulturelles. Dass er damit de realen soziale Probleme vollkommen ausblendet, ist weit weniger schön. Das macht seine Sichtweise doch etwas rassistisch. Die anderen Rassisten reden ja auch nicht mehr so viel von Blut und Boden, sondern von ethnischer Identität und kultureller Verschiedenheit. Da klinkt der um Volkstümlichkeit bemühte Merz sich ein: Wer mag schon diese Orientalen, die ihre Frauen verschleiern und den Wachtmeister nicht grüßen?
Zum Glück war nach dem Wechsel der Batterien in der Fernbedienung der Wechsel des Senders wieder möglich. Leider nicht, ohne noch die alte Hetzerin Maischberger (die gar zu gern Menschenrechte beschnitten sehen möchte) respektlos dazwischenquatschen zu hören, wenn ihr Kanzler spricht. Ihre stotternde Erwähnung des fragwürdigen Freibad-Vorfalls ― „Es gibt einen Fall, der gerade die Schlagzeilen bestimmt … offensichtlich … das ist in der Klärung“ ― ist wirklich manipulativer Pseudojournalismus vom Feinsten. (Wozu denn noch eine Unschuldvermutung, wenn man schon Menschenrechte überflüssig findet?) Der Kulturkreis, aus dem das kroch ist, ist mutmaßlich leider noch sehr fruchtbar.

Dienstag, 1. Juli 2025

Leute (34)

Als Maler und Zeichner ist X. es gewohnt, die Dinge von außen zu sehen und ie nur im Hinblick auf ihre unmittelabre Wirkung auf ihn selbst wahrzunehmen. Daher wohl auch seine Fremdenfeindlichkeit. Wenn er auf der Straße dicke Frauen mit Kopftuch und langem Mantel sieht, ist er entsetzt, er nimmt das Phänomen rein ästhetisch, es gefällt ihm nicht, und keinen Augenblick lang versetzt er sich in die Frauen hinein, es liegt ihm nichts daran, den Kontext zu begreifen, er wird einfach abgestoßen und ist dagegen. Noch schlimmer ist es mit der Zuwandeung. Er kennt kaum Migranten. Für ihn sind das Zahlen, und man hat ihm gesagt, die seien zu hoch. Er empfindet das als wahr, weil er in einer Großstadt lebt, die viel Zuwandeung anzieht und in der viele Sprachen gesprochen und viele Bräuche gelebt werden. Er findet jeden Tag Bestätigung und nimmt eine Flut war. Er interessiert sich nicht für die Einzelnen und ihre Erlebnisse. Deren Wünsch, Bedürfnisse, Rechte existieren für ihn nicht. Er findet, die Leute sollten zuhause bleiben und dort etwas verbnessern. Dass er selber wie die Made im Speck lebt, nicht durch eigenem Zutun, sondern gemäß den gesellschaftlichen Bedingungen, bemerkt er nicht. Er erlebt Fremdes und fühlt sich unwohl. Es ist nicht wie das Fremde im Urlaub, wo er mit seinem Geld der Chef ist. Dieses Fremde kommt zu ihm, konkurriert mit ihm in seiner Lebenswelt und stellt ihn in Frage. Er versteht die Fremden nicht und sucht nicht nach Verständigung. Tatsachen ignoriert er und übernimmt Parolen. Nicht weil er dumm ist, sondern weil sich dummzustellen bequemer ist, weniger Mühe erfordert und ihn ein bisschen mächtiger erscheinen lässt. Immerhin gehört er hierher, die anderen nicht. Seine Fremdenfeindlichkeit ist wie eines seiner altmeisterlich gepinselten Bilder: langweilig, aber halbwegs gekonnt.

Etwas Selbstverständliches (Anarchie)

Es sollte so selbstverständlich sein, dass es dafür kein eigenes Wort braucht: Dass jeder über seine Angelegenheiten selbst bestimmen kann und dass diese Angelegenheiten, wo sie auch Angelegenheiten anderer sind, gemeinsam bestimmt werden. Und zwar so, dass dabei  jeder dieselben Rechte und Pflichten hat, dass niemand benachteiligt oder unverdientermaßen, bevorzugt wird, dass also niemand mit Gewalt genötigt oder „überstimmt“ (durch die zahlenmäßige Überlegenheit anderer genötigt) wird, sondern dass für alle Probleme Konflikte Lösungen gesucht werden, mit denen jeder gut leben kann. Sodass also niemand anderen etwas vorschreiben darf, niemand aus Zwang handelt, sondern jeder aus (mehr oder minder starker, imnmer aber wohlüberlegter) Überzeugung. ― Nennt das konsensuelle Basisdemokratie, nennt es Anarchie, nennt es, wie ihr wollt, meinetwegen schlicht: menschenwürdiges, freies, gerechtes, allen nützliches Zusammenleben.

Übrigens (4)

Mein Text „Wenn das Literatur ist“ ist wirklich grässlich; selbstgerecht, pseudolustig, argumentfrei und jämmerlich misogyn. Und das Schlimmste: Auf den Ausdruck „Lese-Else“ bin ich auch noch mächtig stolz. Er ist übrigens selbstverständlich auch gut „(m/w/d)“ zu verwenden.

Vorsicht, linke Spinner!

So geht’s ja nun nicht. „Es sollte keine Milliardäre geben.“ (Zohran Mamdani) Was erlauben sich diese „demokratischen Sozialisten“! Es sind genau diese radikalen, extremistischen, weltfremden Ansichten, die die Wähler den Republikanern in die Arme treiben und Trump überhaupt erst möglich gemacht haben.
Sagen zumindest die rechten „Demokraten“ in den USA (und ihre Nachsprecher überall auf der Welt. Demnach ist, wer für faire und ausreichende Löhne, für ein funktionierendes Gesundheitssystem für alle, für gute und kostenlose Bildung, für bezahlbares Wohnen, für vernünftige Verkehrskonzepte und lebenswerte Städte eintritt, nicht nur ein verantwortungsloser Träumer, sondern arbeitetet (aus Dummheit?) geradezu der Gegenseite zu.
Das alte Lied der Sozialdemokratie: Wie dürfen uns nicht von den „Konservativen“ und „Neoliberalen“ unterscheiden, sonst wählen uns die Leute nicht. Wir müssen dieselbe beschissene Politik machen, aber dabei immer behaupten, wir seien trotzdem das kleinere Übel. Mit irgendwelchen überzogenen Forderungen ― etwa, dass man vom Erwerbseinkommen auch leben können müsse ― verschreckt man die Leute nur.
Dieselben Leute, die beispielsweise einen dummen und hässlichen, bösartigen und vulgären Defraudanten, Bankrotteur, Beutelschneider, Kriminellen, Ehebrecher und Frauenbelästiger gewählt haben, der autoritär, ahnungslos, geschichtsblind, nationalistisch, gewaltbesessen und unbelehrbar agiert? Na klar, diese gutmütigen Sensibelchen werden von Forderungen nach einer solidarischen Gesellschaft der Gleichberechtigten naturgemäß zu Tode erschreckt. Aus lauter Angst müssen sie dann weiterhin den Faschismus wählen.
Es stimmt, der „demokratische Sozialismus“ ist derzeit Sache einer Minderheit. Aber seine Forderungen und Vorschläge sind, so weit ich sehe, keineswegs radikal oder extrem (oder nur gemessen am rechtsextremen, illiberalen und menschenverachtenden mainstream). Die Alternative dazu ist jedenfalls ein destruktives Weiterso, verübt als Versuch, sich möglichst nicht vom Verabscheuungswürdigen zu unterscheiden, sondern bestenfalls eine Art von „republicanism light“ anzubieten (was nur auf den üblichen Neoliberalismus plus unverbindlicher Rhetorik der Anbiederung hinausläuft).
Einmal mehr ist derzeit der Gegner des demokratischen Sozialismus nicht schon direkt der Faschismus, sondern zunächst einmal das real existierende Establishment der Sozialdemokratie, dessen Abwiegeln, Verharmlosen. Leisetreten, Behindern und Sabotieren. Das ist traurig. Aber es gibt Hoffnung. Leute die gewählt werden, nicht obwohl, sondern weil sie sagen: „Es sollte keine Milliardäre geben.“ Das hat Zukunft.

Sonntag, 29. Juni 2025

Wenn das Literatur ist

Wenn man (wie ich) manchmal so durch die Tefaukanäle schaltet, gerät man in diesen Tagen womöglich in eine Übertragung des Klagenfurter „Wettlesens“. Zweimal saß da in meinem Bildschirm eine gelangweilte junge Frau (es war wohl nicht dieselbe, aber die gleiche), die im Tonfall einer schlecht gelaunten Schülerin, die ihre Schlaftabletten schon genommen hat, einen Text herunterleierte, an den sie offensichtlich selbst nicht glaubte. Wenn das Literatur ist, bin ich dagegen. (Ja, mein Eindruck ist zufällig, subjektiv und hoffentlich nicht repräsentativ. Aber er bestätigt so schön meine Vorurteile.)
 
Nachtrag.
Es hat also mittlerweile irgendsoeine Lese-Else den Dingsbums-Preis gewonnen. So ist es recht. Natascha Irgendwer. Kenn ich nicht. In Ösiland heißen bekanntlich alle jungen jungen Frauen Natascha. Vorn. Und hinten Pimplović oder Pumplhofer. Oder auch Pumplhofer-Pimplović. Oder so. Egal. Ich kenne nichts von der. Ganz sicher schreibt sie ganz großartige Sachen. Ist überhaupt ein sehr guter Mensch und nur durch falsche Freunde in den Literaturbetrieb geraten. Den verabscheue ich bekanntlich, aber Frau Pimplović oder Pumplhofer wünsche ich alles Gute für ihren weiteren Lebensweg.

Donnerstag, 26. Juni 2025

Übrigens (3)

Ich bin, wie ich bin. Ich hätte es schlechter treffen können. Aber auch besser. Viel besser.

Dienstag, 24. Juni 2025

Zwei Meldungen zum Stand des realexistierenden Kapitalismus in der BRD

Bundesagrarminister Alois Rainer hat sich in einem Zeitungsinterview offen für die Forderung von Bauernpräsident Joachim Rukwied gezeigt, den Mindestlohn für Saisonarbeiter zu kürzen. (…) Die Bundesregierung stehe grundsätzlich zum Mindestlohn, aber er nehme die Sorgen der Obst- und Gemüsebauern sehr ernst, sagte der CSU-Politiker. (…) Im Koalitionsvertrag sei außerdem vereinbart, kurzfristige Beschäftigung auf 90 Tage auszuweiten. So könnten nicht berufsmäßig tätige Saisonarbeitskräfte länger sozialversicherungsfrei beschäftigt werden. (…) Der Bauernverband hatte gestern Ausnahmen vom Mindestlohn für Saisonarbeitskräfte gefordert. „Wir schlagen vor, dass sie 80 Prozent des gesetzlichen Mindestlohns erhalten“, sagte Bauernpräsident Rukwied der Rheinischen Post. Er argumentierte, Saisonarbeitskräfte hätten ihren Lebensmittelpunkt „schließlich nicht in Deutschland“. (tagesschau.de)

Rund 3.900 Superreiche in Deutschland besitzen nach Berechnungen der Unternehmensberatung BCG mehr als ein Viertel des gesamten Finanzvermögens im Lande – insgesamt knapp drei Billionen Dollar. „Superreiche“ beziehungsweise (…) sind demnach Menschen mit mehr als 100 Millionen Dollar Finanzvermögen. Dank der Kursgewinne des vergangenen Jahres an den internationalen Aktienmärkten hat sich laut BCG-Berechnung die Zahl der hiesigen Superreichen um 500 erhöht, deren Vermögen um 16 Prozent vermehrt. (…) 2024 war laut BCG generell ein sehr gutes Jahr für Reiche, nicht nur für die extrem Wohlhabenden an der Spitze: Die Zahl der Dollarmillionäre in Deutschland ist demnach um 65.000 auf 678.000 gestiegen. (br.de)

Montag, 23. Juni 2025

Notiz zur Zeit (253)

Die USA haben Russland bombardiert. Ein schwerer Schlag gegen die Herstellung und Lagerung von Raketen, Drohnen und anderen Rüstungsgütern ist gelungen. Der russische Krieg gegen die Ukraine dürfte bald zu Ende sein.

Ach nein, ich habe mich geirrt. Die USA haben den Iran bombardiert. Ein Land, das (im Unterschied etwa zu Israel) seine Nachbarn nicht anzugreifen pflegt. Das dürfte die Gewalt in der Region und weltweit anheizen.

Halten wir zwei Dinge fest: 1. Der Iran hat keine Atomwaffen. Er will keine Atomwaffen (sagt er). Und er darf keine Atomwaffen haben (gemäß einer Fatwa von Republikgründer Ayatollah Chomeini). 2. Israel hat Atomwaffen.

Infantilpazifismus

In Mitteleuropa ist, scheint mir, eine Haltung weit verbreitet, die weniger eine solche als eine vielmehr bloße Gewohnheit ist. Weil man, seit man sich erinnern kann, anders als Millionen Menschen in der Welt (einschließlich der Nachbarn in Osteuropa, Südosteuropa usw.) von keinem Krieg mehr unmittelbar betroffen war ― wie schön weg war Vietnam oder Ruanda oder Libyen usw. ―, möchte man Krieg für etwas halten, mit dem an nichts zu tun haben möchte. Man lebt in einer mentalen und politisch-ökonomischem Komfortzone, einer Friedensblase, und jede Erinnerung daran, dass die Blase platzen und die Komfortzone zum Kampfgebiet werden könnte, wird empört zurückgewiesen.
Vokabeln wie „Aufrüstung“ und „Kriegstüchtigkeit“ lösen Schnappatmung aus. Dass die BRD sich sündteure Streitkräfte leistet, nimmt man irgendwie hin, dass diese weitgehend nicht einsatzfähig (eben verteidigungsbereit, kriegstüchtig) sind, hält man für kein Problem. Braucht man eh nicht. Kommt eh kein Krieg. Bloß nichts ins Militär investieren. Nützt nur den Rüstungskonzernen.
Der Denkfehler: Der Krieg ist nicht weit weg, er ist schon da. Dass in in ihm keine deutschen Soldaten und Soldatinnen, keine deutschen Zivilistinnen und Zivilisten sterben, bedeutet nicht, dass er nicht längst auch gegen die BRD geführt wird: etwa als Cyberkrieg. Oder als Propagandakrieg (wie das kriegsverbrecherische „Manifest“ der Ekel-Sozis so schön demonstriert).
Dass andere derzeit die Last des Krieges tragen, indem sie sterben und verwundet werden, indem sie ihrer Angehörigen beraubt und von Raketen und Drohnen terrorisiert werden, indem ihr Hab und Gut zerstört wird ― das empfinden viele in Mitteleuropa, die von ihrer Mitverantwortung für Krieg und Frieden nichts wissen wollen, bloß als lästig, sie nehmen ihre moralische Verpflichtung nicht ernst, dass gegen den Krieg zu sein, wenn dieser bereits stattfindet, nur bedeuten kann, ihn mit allen möglichen Mitteln zu führen und zu beenden. Man mag von „diplomatischen“ Mitteln träumen, Tatsache ist, dass alles Verhandeln und Beschwören bisher weder etwas genützt hat (und mit Sicherheit nichts nützen wird), sodass offensichtliche nur militärische Mittel Frieden schaffen können.
Wer also meint, in einer Demokratie zu leben, müsste sich öffentlich so äußern und müsste so wählen, dass sein Staat merkbar aufrüstet, die Angegriffenen wirkungsvoll unterstützt und in geeigneter Weise in den Krieg eingreift.
(Putin hat ausdrücklich dem Westen den Krieg erklärt. Angegriffen hat er die Ukraine. Wie zuvor auch Georgien usw. Hätte er Italien angegriffen, hätte der Westen militärisch reagiert. Haben die Ukrainerinnen und Ukrainer weniger Recht auf Leben als Italiener und Italienerinnen? Sind sie bloß Angehörige eines minderwertige Ostvolkes? Ist es das, was die sagen wollen, die meinen, man müsse die Konfrontation, die bereits stattfindet, unbedingt vermeiden und dürfe nicht „eskalieren“? Sterben nicht genug Menschen in diesem Krieg, ist es das? Müssten mehr sterben, damit der Westen massiv eingriffe?)
Die Realität zu leugnen und in einer Phantasiewelt zu leben, ist unverantwortlich. Sicher, man kann aus grundsätzlichen Erwägungen gegen jegliche Gewalt sein, auch wenn einen selbst und andere das Freiheit und Leben kostet. Das ist eine mögliche Haltung. Wer sie einnimmt, müsste sich allerdings eigentlich dem Staat verweigern, dessen Gewaltmonopol der fundamentalpazifistischen Haltung ja widerspricht, dürfte keine Steuern zahlen (auch keine indirekten), weil damit ja auch Gewalt finanziert wird, dürfte an Wahlen nicht teil- und keinerlei staatliche Leistungen annehmen. Wer tut das schon? ― Es gab da ein paar russische Sektierer, die vom Zaren blutig verfolgt wurden, aber auch wenn noch irgendwo in Kanada ein paar ihrer Nachfahren lebten, eine nennenswerten Einfluss auf das Weltgeschehen scheinen sie nicht auszuüben.
Gewohnheit (statt Haltung), Komfortzone, Blase: Wer sich der ethischen und, wenn er den Staat grundsätzlich bejaht, demokratischen Verantwortung verweigert, indem er auf alles Militärische der eigenen Seite allergisch reagiert und das militärische Agieren der anderen Seite sehenden Auges ignoriert oder wie ein Naturereignis hinnimmt, den kann man mit Fug und Recht infantil nennen. Es ist kindisch, das Schreckliche und Verbrecherische nicht wahr haben zu wollen ― und Krieg ist ein schreckliches Verbrechen! ― und das, was dagegen hülfe, abzulehnen.

Herr Piosga bei Frau Mistorius, zum Beispiel

Wenn die Leute sich aufregen, was der und der Politiker (m/w/d) bei der und der Journalistin (m/w/d) mal wieder Arges gesagt hat, frage ich mich: Warum schauen die das überhaupt? Wer noch eine ausreichende Anzahl von Tassen im Schrank hat, weiß doch im Voraus, wer in solchen Quatschsendungen welche Meinung verkünden wird. So wird dort gefragt, so wird dort geantwortet: Dass nichts dabei herauskommt als das Erwartbare. Wenn doch einmal einem Befragten eine prägnante Formulierung unterläuft oder gar, hurra eine verräterische, hat auch das eine Funktion: Nun kann man sich aufregen, dass der das gesagt hat. Oder es befürworten und verteidigen. Nach Belieben.
Mir scheint, die Aufregerei nach solchen Sendungen, ist die Ware, die dem Zuschauer (der Zuschauerin) verkauft werden soll. Schaut her, hier werdet ihr nicht informiert und könnt außerdem eure Affekte in dieses Simulationsszenario investieren.
Dass solche Sendungen weder an Wahrheit noch an Wirklichkeit sonderlich interessiert sind, steht für mich seit langem fest. Darum schaue ich sie nicht.
Wenn ich mich über etwas aufregen wollte, dann darüber, das andere derlei Ablenkungstefau schauen, statt sich richtig zu informieren und ihre Affekte in Kritik zu investieren. Selbst wenn sie in der derselben Zeit bloß gerade so viel über sich selbst nachdächten wie ich über sie, wäre schon etwas, wenn auch sehr wenig, zur Verbesserung der Welt getan.

Donnerstag, 19. Juni 2025

Heteronomes Fahren

Ich bin ja ein bisschen dumm. Darum verstehe ich zwei Dinge überhaupt nicht.
Erstens: Warum heißt es „autonomes“ Fahren, wenn doch der Mensch, der im Fahrzeug sitzt, keine Entscheidungen mehr zu treffen braucht (und vielleicht auch nicht mehr kann)? Soll das etwa heißen, das Ding ist „autonom“? Eine Maschine, also ein unpersönliches Etwas ohne Willen, ohne Bewusstsein und ohne Moral, demnach ohne die Fähigkeit, sich selbständig Ziele zu setzen und zwischen Gut und Böse zu unterschieden, soll „autonom“ sein? Was ist das für ein Begriff von Autonomie? Wäre im Hinblick auf den Menschen, der seiner Autonomie beraubt wird (wenn er sie nicht freiwillig hergibt), nicht besser von heteronomem Fahren die Rede?
Und zweitens: Wozu braucht man den Scheiß?
Wahrscheinlich bin ich von all der Gesellschaftskritik, mit der ich seit Jahrzehnten befasst bin, bis ins Mark verdorben, aber mir drängt sich der Verdacht auf, hier gehe es um Entmündigung. Wie schon bei so viel anderem „Spielzeug“, das angeblich nicht mehr wegzudenken ist und tatsächlich als weitgehend fest verschraubt mit geschäftlichen Notwendigkeiten und soziokulturellen Üblichkeiten gelten muss. Wer kann heutzutage, im aktuellen Zustand der technoiden Verzivilisiertheit, noch ohne Schaden und ohne Bedrängnis ganz ohne Smartphon leben? Wer morgen ohne Smartwatch? Und wer weiß, was übermorgen der heiße Scheiß sein wird. Hirnimplantate?
Läuft es beim fremdbestimmten Fahren nicht darauf hinaus: Deine Maschine wird dir sagen, wo du hinwillst und wie du am besten hinkommst. Du hast für die Maschine bezahlt, aber gebaut und programmiert haben sie andere, und die haben auch dauerhaft Zugriff auf das Ding. Diese anderen sind übrigens profitgeile Konzerne, die noch nie etwas Gutes für dich getan haben und nur daran interessiert sind, dich zu benützen. Sie wollen Geld machen mit dir und dich beherrschen. Punkt.
Und dass ist das ist das Dritte, das ich nicht verstehe: Warum die Leute wie verrückt in jede neue Konsumfalle rennen, wo doch die Nachteile des Zeugs vorhersehbar sind und die Vorteile hauptsächlich solche für die Ausbeuter?

Glosse CXXXVII

Nein, es heißt nicht selektieren (oder gar „selektionieren“), sondern selegieren, wie es ja auch nicht „fiktieren“ heißt (oder gar „fiktionieren“), sondern fingieren.

Mittwoch, 18. Juni 2025

Übrigens (2)

Ich habe nie gesagt, ich könnte das auch. (Einen Beststeller schreiben.) Ich sagte, ich könnte das auch, wenn ich wollte. Wohl wissend, dass ich das niemals wollen würde.

Übrigens (1)

Ich schaue fast täglich die Nachrichten, um zu wissen, was ich glauben soll, was nicht passiert ist.

Notiz zur Zeit (252)

Merz sagt, Israel erledige mit seinem Krieg gegen den Iran die „Drecksarbeit“ für den Westen. Wie nennt man noch mal Leute, die Auftragskiller beauftragen?

Trump ähnelt von Charakter und Gehabe einem miesen kleinen Gangsterboss; was ihn davon unterscheidet, ist, dass keine Bande von Kriminellen einen so dummen und unfähigen Anführer lange akzeptieren würde.

Wohnungsbau-Turbo: Weniger Qualität beim Bauen (und also Wohnen) und weniger Klimaschutz. Eine ganz großartige Idee.


Montag, 16. Juni 2025

Leute (33)

X. macht es sich einfach. Wenn andere in Zeiten zugespitzter politischer Konflikte, wie er es nennt, „totale Mobilmachung auf dem Feld bedingungsloser Parteinahmen“ betreiben, zitiert er „Die Feinde unserer Feinde sind auch unsere Feinde“ und setzt hinzu: „Geschichte ist, wenn schlimme Leute schlimme Leute abschlachten.“ Wenn es doch nur so einfach wäre! Wenn nicht auch, und zwar überwiegend, ganz und gar nicht schlimme Leute von schlimmen Leuten abgeschlachtet würden. Wenn es nicht Lagen gäbe, wo man sich mit anderen Teufeln gut stellen muss, um Beelzebub auszutreiben. Und was die Parteinahme betrifft: Es wäre unanständig und unheilvoll, nicht für das Recht gegen das Unrecht Partei zu ergreifen. Ich weiß schon, alle behaupten immer, sie seien im Recht. Es gibt aber doch auch das Offensichtliche. Beispielsweise: Wer abschlachtet ist im Unrecht, wer abgeschlachtet wird, dessen Recht wird verletzt. So einfach ist es wirklich.


Sonntag, 15. Juni 2025

Unterwegs (25)

Es war nicht schön, zufällig an dem Tag die Stadt vom einen zum anderen Ende und später wieder zurück zu durchqueren, an dem Splittergrüppchen und Einzelkämpfer (vielerlei Geschlechts) der Buchstabensternchen-Herde, mit diversen Exemplaren ihrer Stammesflagge bewaffnet, die Verkehrsmittel besiedelten. Vermutlich unterwegs zu Großen Stolz-Parade. Was für eine lächerliche Freakshow! So mögen die Heteros ihre Abartigen: bunt, peinlich, harmlos. Freilich, wer mit Kostüm und Schminke bezeugen muss, das er (sie, es) anders ist, ist es wohl in Wahrheit gar nicht so sehr. Heteronormativität in Tütü und Maske. Und was ist überhaupt aus den hübschen jungen Schwulen geworden, die es doch früher gab? Haben die Lesben, Trans, Nonbinären und Quiiieeeren die alle gefressen?

Unterwegs (24)

Ein beißend hässlicher alter Mann verstellt samt Koffer und Begleitung und deren Koffer am Bahnsteig den Fahrplanaushang. Als ich höflich, aber bestimmt darauf hinweise, dass ich, um Unterschied zu ihm, den Aushang gerne nutzen möchte, wird der Alte fuchtig, trollt sich dann aber. Eine unangenehmbe Begegnung. Hässlichkeit, Rücksichtslosigket und Feindseligkeit gegen die, die berechtigterweise gegen Fehlverhalten Einspruch erheben: Ich kann mir nicht helfen, aber ich vermute, es in diesem Fall einmal mehr mit einem Israeli zu tun gehabt zu haben.

Dienstag, 10. Juni 2025

Protest, Gewalt, Staat, Kapitalismus

Oh weh, die demonstrieren ja gar nicht friedlich. Na, da muss der Staat natürlich eingreifen. Um uns alle zu schützen.
Des braven, demokratischen Bürgers Herz rutscht in die Hose, wenn er von Gewaltausbrüchen hört, wo alles friedlich und zivilisiert zugehen sollte. Die gewöhnliche Vorstellung ist die: Es gibt ein Grundrecht auf Meinungsäußerung und die Versammlungsfreiheit und zusammen ergeben sie das Recht auf Protest in der Öffentlichkeit. Wenn es friedlich zugeht. Wenn aber Polizisten (und Militärs) attackiert werden, Geschäft geplündert, Barrikaden errichtet und Autos und andere Wertgegenstände angezündet werden, dann ist der Spaß vorbei und der Ernst des Lebens muss wieder zuschlagen. Selber schuld, warum haben diese Leute (mit denen man nichts zu tun hat und haben will) nicht öediglich friedlich demonstriert, sondern sich für Gewalt und Zerstörung entschieden, das ist gegen das Gesetz und spielt nur denen in die Hände, die die Proteste unterdrücken wollen, was sie jetzt selbstverständlich müsse, mit Gewalt, um Ruhe und Ordnung wieder herzustellen.
Darin steckt ein Denkfehler, der so offensichtlich und grundlegend ist, dass er tatsächlich den Angelpunkt der Argumentation ausmacht: Warum sollten die, gegen deren Untaten protestiert wird, festlegen dürfen, in welcher Form das getan werden darf und in welcher nicht. Es ist vernünftig, darüber zu diskutieren, welche Protestformen vernünftig sind und welche Folgen sie haben. Aber den Staat und seine Gesetze vorschreiben zu lassen, wer wie wann wo gegen das staatliche Verbrechertum auftreten darf, ist absurd.
Nun kommt gewiss sofort der Protest: Aber der Staat, das sind doch wir alle, und Gesetze braucht es für ein friedliches und gewaltfreies Zusammenleben, ohne Vorschriften herrschte Anarchie!
Erstens: Anarchie (Herrschaftslosgkeit) herrscht nicht. Gemeint ist Durcheinander,. Zweitens: Anarchie ist nicht Unordnung, sondern vernünftig geordnetes Zusammenleben auf der Grundlage der Zustimmung und Mitwirkung jedes Einzelnen. Also genau das, was Frieden und Gewaltlosigkeit garantiert, im Unterschied zum System der Nationalstaaten und multinationalen Imperien, die innen und außen Kriege führen und äußerst destruktiv und unordentlich sind. Und drittens: Selbstverständlich kommt zunächst nichts Gutes dabei heraus, wenn systematisch-institutionelle Gewalt mit spontaner und privater Gewalt beantwortet wird. Wenn, anders gesagt, irgendwelche Protestgruppen sich aufführen, als wären sie jetzt mal kurz ein bisschen an der Macht und dürften nach Belieben (also hasserfüllt und ressentimentgeladen) über Menschen und Dinge verfügen.
Es ist aber doch so: Die Gewalt geht von den Verhältnissen aus. Was auch immer da und dort irgendwelche Protestierende gelegentlich an kriminellen Akten begehen, ist Reaktion darauf und nichts im Vergleich zu dem, was Staat und Wirtschaftsordnung den Leuten andauernd antun. Es sind nicht irgendwelche Demonstranten, gewalttätig oder nicht, die für all die Ausbeutung von Menschen und natürlichen Ressourcen, für Umweltzerstörung und Unterdrückung, für Armut und Konsumwahn, für Verdummung und Unterhaltungsmüll verantwortlich sind, die es auf der Welt gibt. Verantwortlich ist die Weltwirtschaftsordnung, die von den Nationalstaaten geschützt wird. Während die Reichen weltweit nachweislich immer reicher werden, bleiben die Armen arm und alle dazwischen müssen Wohlverhalten an den Tag legen, wenn sie ein bisschen Wohlstand für sich abzweigen und nicht in die Mittellosigkeit abrutschen wollen.
Es geht übrigens nicht darum, dass halt die Reichen ein bisschen von ihrem Reichtum abgeben sollen, um die Armen ein bisschen weniger arm zu machen. Es geht darum, dass der real existierende Reichtum ungerechtfertigt ist, dass er auf Raub beruht (Privat-Eigentum) und auf Entrechtung. Diese Art von privatisierten, unproduktivem Reichtum gäbe es nicht, wenn nicht den Vielen etwas weggenommen würde und den Wenigen gegeben. Reich wird ja nicht, wer hart, schwer und viel dafür arbeitet, das ist eine Lüge; reich ist vielmehr und immer reicher wird, wer Reichtum geerbt oder innerhalb eine ihn begünstigenden Systems erschwindelt und erpresst hat.
Die meisten Menschen haben sich ― regional und global ― mit dieser Lage abgefunden. Auch die, die nicht von ihr profitieren und nie von ihr profitieren werden. Es gibt eben Reiche und Arme und irgendwas Dazwischen. Die meisten Menschen wollen einfach nur in Ruhe gelassen werden und ihr Leben leben. Einige möchten außerdem gern den Umstand, dass es reiche und arme Länder gibt, insofern für sich nutzen, dass sie aus ihrer armen Heimat in reiche Länder migrieren, um dort hart zu arbeiten und zu etwas zu kommen, was ihnen dort, wo sie herkommen, verwehrt wird: ein erträgliches Auskommen. Ihre Migration ist einerseits ein Beitrag zum Wohlstand der Reichen, insbesondere wenn sie „illegal“ ins Land kommen und wie rechtlose Sklaven behandelt werden können. Wobei „Illegalität“ keine Naturgegebenheit ist, sondern vom Staat nach Gutdünken festgelegt wird. Andererseits eine gute Gelegenheit, die Abstiegsängste und die Fremdenfeindlichkeit der eigenen Mittelschichten zu mobilisieren und gegen Schwächere zu kanalisieren. Das funktioniert meistens. Nur selten bildet sich dagegen Widerstand.
Die Unruhen in Los Angeles kamen zu Stande, weil unter der faschistischen Regierung der USA die „Einwanderungsbehörde“ (in Wahrheit eine Einwanderungsverhinderungsbehörde, eine Deportationsbehörde) brutal, zum Teil gesetzwidrig und jedenfalls unmenschlich Jagd auf vermeintliche „Illegale“ machte. Dagegen bildete sich sehr wohl Widerstand. Verfolgte, deren Angehörige und besorgte Bürger gingen auf die Straße, um gegen Unrecht und Grausamkeit zu protestieren. Das demokratische und gewaltfreie Demonstrieren ließ sich die Behörde aber nicht gefallen und ging gewaltsam dagegen vor. Die Regierungszentrale eskalierte. Das war eine gern genutzte Gelegenheit für manche, ihre Wut auf ein repressives, diskriminierendes und ausbeuterisches System und ihre beschissenen Lebensverhältnisse durch Randalieren und Vandalieren auszudrücken. Damit bekamen die Anbeter der Staatsgewalt erst recht die Bilder, die sie haben wollten. Und die Gewaltschraube bekam ein paar Drehungen mehr.
Die Protestierer von Los Angeles oder anderswo LA sind keine Aufständischen. Ihr Protest ändert auch nichts an den Verhältnissen, er ist nur eine Bekundung von Anstand und Verzweiflung. Was inmitten einer gleichgültigen und in weiten Teilen bösartigen Gesellschaft schon sehr viel ist.
Friedlicher Protest beruft sich heutzutage in den USA auf Recht und Gesetz, in einer historischen Situation, in der nicht Recht und Gesetz von der Regierung missachtet. Das ist einerseits ein sinnvolles Mittel, die demokratische Usurpation des Staates durch undemokratische Kräfte zurückzuweisen, andererseits völlig untauglich, um die Zurückweisung wirkungsvoll zu machen. Die Faschisten hören nicht auf Stimmen der Vernunft, Logik, Moral usw. Sie sprechen nur die Sprache der Gewalt (nebst all ihren Lügen) und vermutlich kann nur Gewalt sie stoppen. Wie soll eine moralisch, kulturell, religiös völlig verwahrloste und verderbte Gesellschaft, in der die Hälfte der Leute einem debilen Clown mit tyrannischen Gelüsten anhängt, anders als durch einen Bürgerkrieg sich aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit, ihrem Konsumismus, ihrem Hedonismus, ihrer geistigen Leere herausarbeiten?
Um nicht missverstanden zu werden: Ich rede hier nicht der Gewalt das Wort und auch nicht irgendeiner Straftat. Ich rede vielmehr der Abschaffung des Staates das Wort und der Abschaffung des Kapitalismus. Ich befürworte gewaltfreie Lösungen, weil die Mittel dem Ziel entsprechen müssen. Blutige Umstürze etablieren neue blutige Regimes, weiter nichts.
Aber ich sehe nicht, wo in den USA eine wirksame Gewaltfreiheit herkommen soll, die sich von Stillhalten und Wegschauen anders als bloß durch Gesänge, selbstbeschriftete Kartons und Internet-Memes unterscheidet. Der Staat und die, die sich seiner bedienen können, sind jederzeit nicht nur gewaltbereit, sondern setzen längst Gewalt ein. Derzeit wieder mit besonderem Nachdruck. Dass das dumm ist ― weil eine Masse von Unterdückten unproduktiver und nach außen gefährdeter ist als ein Gemeinwesen freier Bürger mit gesicherten Rechten ―, steht außer Frage, heißt aber nicht, dass es nicht durchgesetzt wird. Was soll dazu die Alternative sein? Wahlen? Eine Wahl hat den widerwärtigen Narren zweimal ins Amt gehoben. Wer soll die, die die Macht dazu haben, daran hindern, durch Aushebelung der Verfassung ein drittes Mal zu inszenieren ― ein Gericht? hahaha … ― oder irgendeine andere völlig unmögliche Galionsfigur einzusetzen? Einsicht, Gewissen, Anstand und die Einhaltung von Spielregeln scheiden also aus. Nochmals: Was ist die Alternative zum Quasifaschismus, der Faschismus zu werden droht?
Ich weiß es nicht.
Der Zustand des Systems ist grauenhaft. Aber vor allem ist das System selbstgrauenhaft. Der Form nach Demokratie, dem Inhalt nach Ausbeutung und Verblödung und Zerstörung der Lebensgrundlagen aller. Bevor das nicht von allen, die aktiv gegen Missstände vorgehen wollen, begriffen wird, sehe ich kaum eine Chance, wie die Missstände beseitigt werden sollen, besonders nicht der eine Missstand, der die Ursache der anderen ist: die Herrschaft von Menschen über Menschen.
Bilder von bespuckten und beworfenen Bütteln und brennende Fahrzeugen mögen rebellische Herzen höher schlagen lassen. Sie illustrieren allerdings nur die Machtlosigkeit der Gesellschaft gegenüber dem Staat, der aller seiner Untertanen Feind ist und der „wir“ nicht sind und besser auch keinesfalls sein wollen sollten. 

Montag, 9. Juni 2025

Leute (32)

Jemand, den ich nicht kenne, war in Neapel, und man sagt mir, die Person sei mit der Nachricht zurückgekommen, die Stadt sei schmutzig. Das ärgert mich. Schmutzig, laut, arm, chaotisch usw.,  all diese Klischees, die vermutlich ebenso wahr wie bedeutungslos sind, kennt man die nicht schon, bevor man hinreist? Wozu Neapel besuchen, wenn man sich nicht für die Stadt interessiert? Wenn man nichts über sie weiß und offenschtlich nicht mehr wissen will, als ein Tourist eben beim durchtrampel einer Stadt an Nebensächlichem mitbekommt und missversteht. Ich ärgere mich also nicht darüber, dass Neapel verleumdet würde, denn ich halte mich dank Malaparte, Bellavista e tutti quanti für einigermaßen zum Mitwisser gemacht. Ich ärgere mich vielmehr darüber, dass andere dorthin reisen, die ignorant und borniert sind, die es nicht verdient hanen, ja völlig unwürdig sind, die Wirklichkeit dieser Stadt zu erfahren, während mir, der ich so gebildet und aufnahmefähig bin, auf absehabre Zeit und vielleicht für immer die Mittel fehlen werden, nach Neapel zu reisen. Was für ein Unrecht!

Sonntag, 8. Juni 2025

Notiz über Literatur

Wenn einer schriebe, Kalkutta liege an der Seine und Paris am Ganges, dann ist das völlig in Ordnung, es stellt sich allenfalls die Frage: In welcher? In der einen Ordnung und in einer anderen nicht. Die Entscheidung, welche er wählt oder ob er gar Unordnung vorzieht, wird man dem Schreibenden überlassen müssen, es ist ja sein Text, in dem das steht. Warum sollte denn Geographie, wie sie herkömmlicherweise gelehrt wird, der Maßstab der Literatur sein? Warum sollte nicht, wer kann und will, eine alternative Geographie behaupten dürfen? Man nennt das Fiktion und sollte es von der Faktenhuberei unterscheiden, die manche zur Kunst erheben wollten. Das möglichst akribisch Nachbeten einer vermeintlichen Realität (Regnete es am Tag der Schlacht von Waterloo? Von wann bis wann und wie viel? Was hatte Napoleon gefrühstückt? Musste er noch aufs Klo?) ist nicht an sich sinnvoll, es müsste, wie alles Geschriebene es muss, seine Sinnhaftigkeit im Zusammenhang der sprachlichen Gestaltung erst unter Beweis stellen. Oder diesen Beweis aus guten Gründen schuldig bleiben, auch das kann zulässig sein. Was stimmt oder nicht, unterliegt in der schönen Literatur anderen Regeln, Absichten und Erfordernissen als in der Geschichtsschreibung. Wer nur sagen will, wie es gewesen ist, ist in der Belletristik fehl am Platze. Er muss schon etwas können, das es sinnvoll macht, so tu tun, als sei etwas so gewesen oder anders. Wer also erzählen möchte, Napoleon sei damals während starken Schneefalls auf einem lahmenden Einhorn ungefrühstückt aufs Schachtfeld geritten, möge das tun, wenn er weiß (oder immerhin vermuten kann), was er da tut, und wäre auch das, was er tut, zur Erfüllung des Wunsches gemacht, zu verstören und in die Irre zu führen. Warum er jemanden dorthin bringen will (in die Irre), was er sich davon verspricht und was er von einem Rückweg hält, darf ganz ihm überlassen bleiben, derlei Tun und Machen ist jedenfalls nicht von vorn herein weniger berechtigt als das Anliegen, überpüfbare Rekonstruktion und eindringliche Information zu geben. Aber auch nicht unbedingt mehr. Weshalb Reflexion und Offenlegen der Gründe gerade dann nicht schaden wird, wenn ohnehin schon Illusion als Sinn und Zweck des Schreibens auuscheidet, also ein Text sich ebenso gut gleich selbst kommentieren kann. Wie es übrigens seit jeher recht häufig Sitte ist, sonderlich in dem Zeitalter, das man das moderne nennen möchte. Erfindung und deren Aufdeckung nehmen dem Lesevergnügen nichts, wenn anders dieses nicht vor allem darin bestehen soll, das Lesen und mit ihm das Geschriebene zu vergessen und einzutauchen in unechte Wirklichkeit. Im gewöhnlichen Umgang sind „alternatve Fakten“ einfach Lügen und also böse. In der Schönen Literatur aber ist alles erlaubt, was gut gemacht ist; oder so schlecht, dass es schon wieder gut ist. Alles, außer eben das: Den Unterschied von Fiktionen und Fakten vergessen machen zu wollen, weil das zu unkritischer Haltung erzieht und also böse ist.

Samstag, 7. Juni 2025

In eigener Sache: Neues Blog

Ab sofort gibt es von mir ein neues Blog: Nackter Wahnsinn. Unter der Adresse https://nackter-wahnsinn.blogspot.com veröffentliche ich dort bellestristische Prosa-Texte. Zunächst habe ich nur solche aus diesem Blog hier übernommen, fortan werden dort neue Texte (und alte aus anderen Zusammenhängen) zu lesen sein.

Donnerstag, 5. Juni 2025

Leute (31)

Vor Jahren stritt ich mit X., einem Verleger, Übersetzer, Autor, ob Edmund Whites Genet-Biographie ganz grässlich und nur für dumme Amerikaner geschrieben sei (so X.) oder aber ein Meisterwerk der Biographik und eines der besten Bücher über Jean Genet, wenn nicht gar das beste überhaupt (so ich).
 
Am 3. Juni verstarb Edmund White. Sein Genet-Buch und manch anderes von ihm hat mich über dreißig Jahre lang begleitet. Ich bin ihm dankbar. Er ruhe in Frieden.

Mittwoch, 4. Juni 2025

Glosse CXXXVI

Befasst man sich intensiver mit dem Text, dann bieten die Form der formalen Gestaltung sowie die (...) Hier steige ich aus, der Satz muss erst einmal ohne mich zu Ende gehen. Was mich aus der Bahn wirft: Für mich sind Form und Gestalt Synonyme; andere können das gerne anders sehen, sie mögen mir ihre Gründe bitte in einer Fremdsprache erklären. Mir ist also ein Rätsel, was eine formale Gestaltung sein soll und wie sie sich unterscheidet von, ja was, einer nichtformalen Gestaltung? Einer stofflichen Gestaltung? Und wieso hat die Gestaltung, formal oder nicht, besonders aber, wenn ausdrücklich formal, auch noch eine Form? Oder geht es bei solchem Wortgeklingel nur um eine möglichst inhaltsarme, aber vokabelreiche Rede? Um so das Vorurteil zu bestätigen, dass Literaturwissenschaftler nicht gut schreiben können?

Glotze

Ich mochte es nie, wenn jemand vom Fernsehen als der Glotze sprach. Ob einer gern fernsieht oder nicht, muss jeder selber wissen, ob er es tut oder lässt, darf jeder selbst entscheiden. Aber das Fernsehen durch einen solchen Ausdruck abzuwerten und sich seiner dann doch zu bedienen (oder sich davon bedienen zu lassen), das erschien mir immer als Heuchelei.
Bedauerlich finde ich es aber vor allem, dass mit dem abschätzigen Ausdruck „Glotze“ schon das Fernsehen belegt worden ist, wo er doch heute so gut gebraucht werden könnte, um das Mobiltelephon zu bezeichnen. Lässt sich da nichts machen? Der Wortgebrauch scheint mir ohnehin stark rückläufig, übers Tefau zu meckern in der Internetära zudem weitgehend obsolet. Vielleicht darf man den Ausdruck also als bereits wieder frei geworden betrachten und somit auf besagtes Gerät anwenden.
Denn der Umgang mit diesem ist, soweit ich sehe, genau das: ein Glotzen. Manche sagen: ein Starren, auch das stimmt, aber vom „Handy“ als „Starre“ zu reden, wäre dann wohl doch zu abseitig.
Warum aber nicht „Glotze“? Es wird geglotzt, es wird gewischt, wieder geglotzt, getippt, wieder geglotzt und so weiter und so fort, das kann eine kleine Ewigkeit so gehen, manchmal auch nur ein paar Sekunden, dafür aber immer alle paar Minuten.
Nur selten noch wird geschwatzt. Zu oft, an der Lästigkeit gemessen, wenn es öffentlich geschieht, im Ganzen aber doch seltener, als der Begriff des Telephons vermuten ließe. Es gibt sogar, höre ich und habe es selbst bei einigen bemerkt, Fortgeschrittene, die gar nicht mehr mit dem Mobiltelephon telephonieren. Sie tippen nur noch, was sie zu sagen haben.
Es geht also ums Glotzen, Glotzen, Glotzen, und darum wäre Glotze so ein passender Ausdruck. Ich rate dringend dazu, ihn zu verwenden. Und wäre es auch nur in der pseudanglisierten Form „Glotzy“.

Dienstag, 3. Juni 2025

Ist die Natur an sich sinnfrei?

„Die Natur an sich ist sinnfrei.“ Woher weiß das der Mensch, der das schreibt? Woher kennt er die Natur „an sich“? ― Was man unter Natur verstehen will, mag verschieden sein, aber vielleicht kann man sich ja auf dieses Minimum einigen: Natur ist, was Menschen nicht gemacht haben. Das scheint auch für die zitierten Satz (auf Grund von dessen hier ausgeblendetem Kontext) plausibel.
Wie also gewinnt man Erkenntnisse über das nicht von Menschen Gemachte „an sich“? Um es einmal mehr zu sagen: Es gibt keine menschliche Erkenntnis, die nicht Erkenntnis eines Menschen wäre (wenigstens eines). Was und wie etwas also ist, insofern es nicht Gegenstand der Wahrnehmung, der Erkenntnis, der Rede ist, darüber kann nichts Sinnvolles gesagt, das kann nicht gewusst, das kann nicht wahrgenommen werden. Selbstverständlich kann ich sagen, wie etwas aussieht, das ich jetzt gerade nicht sehe, denn ich kann es früher gesehen haben oder mich auf Beschreibungen anderer verlassen. Aber wie etwas aussieht, das nie jemand gesehen (oder sich vorgestellt hat), ist unmöglich zu sagen.
Trotzdem wird über derlei geredet. Man spricht von „Natur an sich“, was ja wohl heißen soll: Natur, so wie sie ist, auch wenn niemand sie wahrnimmt. Der zitierte Satz geht sogar noch darüber hinaus und behauptet, etwas über Natur, wie sie ist, unabhängig von menschlicher Wahrnehmung und Deutung (Sinnzuschreibung), sagen zu können.
Nun ist freilich die „sinnfreie Natur an sich“ ein hölzernes Eisen, will sagen: ein sinnlosen Ausdruck, ein sich selbst widersprechender Begriff. Denn dass etwas „sinnfrei“ ist, kann ich ja nur sagen, wenn ich etwas darüber weiß; dann ist es aber nicht mehr „an sich“, sondern auf diese oder jenes Weise etwas für mich. Zumal man von „Sinnfreiheit“ (oder „Sinnhaftigkeit“, wenn das das Gegenstück ist) nur innerhalb einer Hermeneutik reden kann. So wie man ja auch nur innerhalb von Kulturen von Natur redet. In der Natur kommt Natur nicht vor, es ist ein menschlicher, immer schon mit Bedeutungen ausgestatteter (und insofern niemals sinnfreier) Begriff.
Aber auch wenn ich der Meinung bin, dass „Natur an sich“ kein sinnvoller Ausdruck ist (wegen des logischen und epistemologischen Widerspruchs, die Nichtgegenständlichkeit von etwas zum Gegenstand machen zu wollen), so ist es doch meiner Auffassung nach kein sinnfreier. Der Sinn solcher Redeweise scheint nämlich zu sein, einen Seinsbezirk zu behaupten, der der menschlichen Deutung zunächst einmal vorausliegt und nicht von Sinnstiftungsakten konstituiert wird. Eine „reine Natur“ also, die nachträglich Deutungen unterzogen wird.
Nun sollte man aber bedenken, dass dieses Narrativ der Nachträglichkeit selbst nachträglich ist und nur innerhalb einer bereits hermeneutisch verfassten Praxis vorkommen kann. Anders gesagt: die „sinnfreie Natur an sich“ ist ein mit Sinn aufgeladenes Kulturprodukt. Und nichts weiter. Ob das, wovon keine Rede sein kann (weil es dann schon nicht mehr an sich wäre, sondern eben Gegenstand menschlicher Rede), existiert oder nicht und in welchem Sinne, kann nicht gesagt werden. Oder vielmehr, es kann gesagt werden, aber nur als bloße Spekulation und Fiktion, nicht in der Art von überprüfbaren Aussagen zu Tatsachen.
Der Sinn und Zweck der Rede von der „sinnfreien Natur an sich“ ist also eine Intervention innerhalb des hermeneutischen Feldes. Es wird etwas postuliert, Natur, und dann mit einer Deutung ausgestattet („ist sinnfrei“), die sich nicht nur von selbst versteht, sondern, zu Ende gedacht, höchst widersprüchlich und nur dann verständlich ist, wenn es nicht als „wertfreie Tatsachenbehauptung“ genommen, sondern als Aufforderung verstanden wird: Es gibt Natur und sie hat keinen Sinn.
Beweisen lässt sich der Satz nicht. Denn wer überblickte erstens das Gesamt dessen, was die so und so verstandene Natur ist? Was, wenn er etwas übersehen hätte oder Sinn dort verborgen ist, wo er ihn nicht sehen wollte? Und wer könnte zweitens so aus Natur und Kultur heraustreten (ohne sich mitzunehmen …), dass er das An-Sich dieser Totalität erfasste? Niemand kann das. Im Gegenteil, Wirklichkeitsbetrachtung ist nur als sinnvolle Handlung denkbar, mögen die Ergebnisse auch falsch oder absurd sein, als menschliche Handlung also, die Anlass, Umstände, Gelegenheit, Geschichte, Absichten, Bedingungen usw. hat. Nicht nur kann nichts über „Natur an sich“ gewusst werden, weil Natur als bewusst gemachte und in ihrem Sosein gewusste notwendig „Natur für jemanden“ ist, sondern auch eine „sinnfreie Natur“ kann kein Erkenntnisgegenstand sein, weil alle Erkenntnis darauf aus ist, sinnvoll zu sein (und sonst keine Erkenntnis wäre).
Die Sinnfreiheit der Natur ist also eher ein Mythos, den man hinnehmen soll, als eine Erkenntnis, die man überprüfen kann. Zeigen lässt sich jedoch, dass es überhaupt Sinn gibt. Wenn aber irgendetwas Sinn hat, und jeder weiß aus eigener Erfahrung, dass dem so ist, dann hat im Grunde alles Sinn. Denn sonst müsste man ja annehmen, dass zwar etwas Sinn hat, aber das Sinnhaben selbst sinnlos („sinnfrei“) ist. Das wäre aber seinerseits nicht sinnvoll, sondern absurd. Es ist aber eben offensichtlich nicht absurd, sondern sinnvoll, dass etwas Sinn hat.
Man darf also sagen: Das nicht von Menschen Gemachte, woher immer es stammt, was auch immer es bedeutet und wozu immer es verpflichtet (oder berechtigt), es ist jedenfalls nur innerhalb der Sinnfülle zugänglich, die zu den Bedingungen des menschlichen Daseins gehört. Sinn wird den Dingen und Verhältnissen nämlich nicht (oder nicht immer nur) übergestülpt, er wird ihnen vor allem auch entnommen, er ist im Umgang mit der Wirklichkeit erfahrbar. Ich gehe so weit zu sagen, dass das menschliche Dasein ganz wesentlich Sinnerfahrung ist. (Nur dadurch sind Erfahrungen von Sinnlosigkeit als Lebenskrisen oder Kulturzustand überhaupt möglich.)
Dass „Natur“ als solche also keineswegs a priori und notwendigerweise sinnfrei ist, bedeutet andererseits selbstverständlich nicht, dass der Sinn von etwas, das man der Natur zurechnet, immer zugänglich ist und erfasst werden kann und wird. Was der Sinn und vor allem, was der letzte Sinn ist, ist eine andere Frage als die, ob etwas überhaupt Sinn hat. Sehr wohl kann die Sinnhaftigkeit von etwas natürlich Verstandenem erkannt werden, ohne dass darum der Sinn „der Natur“ schlechthin erfasst werden müsste. Womöglich verlässt aber das Nachdenken darüber den Bereich der Philosophie und tritt auf den der Theologie über. daran ist nichts Ehrenrühriges. Auch die Philosophie hat ihre Grenzen und auch jenseits dieser Grenzen kann es Wahrheit geben, der man sich dann eben anders als philosophisch anzunähern hätte.