Sonntag, 27. Juli 2025

Notiz zur Zeit (254)

Naziaufmarsch in Wien. Zweihundert Arschlöcher, tausende bereitwillige Gegendemonstranten, unzählige Polizisten. Es kommt zu 56 vorübergehenden Festnahmen und 200 Anzeigen. Auf Seiten der Anti-Nazis. Die Nazis hingegen marschieren unbehelligt, weil geschützt vom Staat und seiner Polizei.

LGBTICQ*-Aufmarsch in Berlin. Größte Sorge: Weht am Reichstag die Regenbogenflagge? Im Übrigen rege Beteiligung von Heterosexuellen. Ebenfalls Berlin, andere Demo, andere Sorgen: internationalische LGBTICQ* demonstrieren auch für Palästinenser und gegen Völkermord. Die Polizei schreitet ein, prügelt und wittert „Antisemitismus“ (i.e. mangelnde Solidarität mit den sich mittels Genozid und Kriegsverbrechen ja bloß legitim selbstverteidigenden Zionisten). Merke: Die Gesellschaft möchte ihre „queeren Menschen“ deutsch, unpolitisch und staatsfromm, aber keinesfalls staatskritisch, antifaschistisch und fremdrassig.

Spanien. Jüdische Kinder wurden aus spanischem Flugzeug entfernt, heißt es, weil sie hebräische Lieder gesu
ngen hätten. Antisemitismus! Der (angeblich religiöse) Liedtext lautet zwar übersetzt „Tod den Arabern“, aber das ist nun einmal israelisches Volksgut, was willste machen. Auch dass die Jugendlichen randaliert und die Crew attackiert haben sollen, ist doch einfach bloß typisch zionistisches Verhalten. Wer sich da beschwert, will zweifellos die Gaskammern wiedereröffnen. 

Samstag, 26. Juli 2025

Mit dem teuren Herumgepflege (an Gammelfleisch) muss Schluss sein

Die Kosten für Pflegeheime sind zu hoch. An die dreitausend Euro oder mehr im Monat, wer kann sich das leisten? So weit das Problem. Was fällt der verantwortlichen Politikerin, Sozilaministerin Warken, dazu ein? Die Auflagen für den Bau von Pflegeheimen müssten gelockert werden.
Ja, genau, das ist es. Weniger Chichi für die Alten, geringere Standards, mehr Improvisation, dann wird auch mehr gebaut. Den Betrieb macht das zwar nicht billiger, aber die Bauwirtschaft und die Heimbetreiberfirmen wird es freuen, wenn nicht mehr überall Notausgänge, Feuermelder und Rampen den Weg zum raschen Profit versperren müssen.
Mir fielen noch weitere Lösungsvorschläge ein. Auch solche, die tatsächlich die Pflege kostengünstiger machten. Alte Leute müssen ja zum Beispiel nicht jeden Tag essen. Jeder zweite tut es doch auch. Das spart Futter und Klopapier.
Dann diese lästigen Pflegeschlüssel! Weniger Personal mit weniger Ausbildung senkt Kosten. Die Alten bleiben immer hübsch in ihren Betten und werden einmal in der Woche ins Freie getrieben, zum Durchlüften. Dafür genügen je Station eine strenge Pflegerin und ein Schäferhund.
Man achte auf die Details. Wozu immer neue Bettwäsche, wozu überhaupt Bettwäsche? Die machen da doch nur rein, die alten Schweine. Also mehr Holzkisten statt Betten, und Strohsäcke statt  Matratzen. Die Kisten zudem mit der Option zur Zweitverwendung (mit Deckel).
Usw. usf. Ich bin sicher, meine Vorschläge träfen auf offene Ohren bei der bundesdeutschen Obrigkeit, wenn die sie wahrnähme. Denn sie halten sich an den wichtigen Grundsatz: Bloß kein Steuergeld für Leute verpulvern, die nix mehr leisten und bald abkratzen. Nun, wenn Leute wie Warke regieren, ist der Tod ohnehin eine Erlösung.

Freitag, 25. Juli 2025

Unterwegs (29)

In der Fußgängerzone spielt ein junger Mann sehr verhalten Gitarre. Er ist bis auf eine kurze Khaki-Hose nackt, hat karamellfarbenen Teint, wuchtige dreadlocks und schmutzige Füße. Sein Oberkörper scheint selbst mir, der ich weißgott nicht jeden in die Muckibude schicken möchte, etwas zu undefiniert, im Sitzen hängen die Brüstchen etwas schlaff hinunter. Aber im Ganzen ist der Mann vom Typus Strandkiffer durchaus eine angenehme, in seiner Blöße sogar rührende und etwas erregende Erscheinung. Trotzdem finde ich nicht, dass man in der Öffentlichkeit so heraumlaufen muss. Nacktheit, sage ich immer, ist nichts Natürliches, sondern etwas Heiliges. Und wem das zu mystisch ist, für den formuliere ich es so: Es gibt körperliche Schönheit, die nicht vor beliebigem Pöbel zur Schau gestellt, sondern nur denen in intimen Situationen gewährt werden sollte, die sie auch wirklich verdienen.

Donnerstag, 24. Juli 2025

Unterwegs (28)

Wo es etwas zu loben gibt, lobe ich auch: Die Dame, die da mit moderater afrikanischer Grandezza durchs Restaurant schreitet, hat alles richtig gemacht. Ihr knöchellanges, luftig wallendes Kleid in hell strahlendem Fuchsienrot steht ihr hervorragend, sieht ungemein elegant aus und ist gewiss gerade auch bei hohen Temperaturen angenehm zutragen; es verbirgt aber auch ganz ungezwungen, was an möglicher Körpergeschichte die Öffentlichkeit nichts angeht. Vorbildlich.

Unterwegs (27)

Was Vulgarität betrifft, sind viele junge Frauen ganz weit vorn. (Und leider auch allzu viele Frauen, die eigentlich nicht mehr jung genug dafür sind.) Man kann kaum eine Straße entlang gehen, ohne mit ekelerregenden Geschmacksentgleisungen belästigt zu werden. Je blasser und unförmiger das Bein, desto mehr wird davon gezeigt, je fetter der Arsch, desto eher wird er in etwas Enge gezwängt, je üppiger der Busen, desto zeigefreudiger das Oberteil. Solche Darbietungskostüme mögen zwar ganz denen des Straßenstrichs gleichen (es fehlen nur die Lackstiefel), aber sie haben dem anzunehmenden Selbstverständnis nach nichts mit Prostitutionsästhetik zu tun, sondern sind nur Ausdruck der Mode und des weiblichen Selbstgenusses. Wie kann eine emanzipierte Frau ihre Unabhängigkeit von Männern und ihre Gleichwertigkeit mit ihnen besser unter Beweis stellen als durch das bewusst gewählte Aussehen einer billigen Nutte? Das sexualisierte Vulgäre ist vermutlich Feminismus pur. 

Unterwegs (26)

Im Zug bürstet sich eine junge Frau ausdauernd und inbrünstig ihr langes Haar. Ich finde das unmöglich. Körperpflege erledigt man nicht in der Öffentlichkeit. Meiner Meinung nach. Was kommt als nächstes? Das Schneiden der Zehennägel im Restaurant? Mir graust. Besser wird es auch nicht, als ihr Begleiter, ein fetter junger Typ, sich geradezu aus seinem Sitz heraus auf sie drauflegt und die beiden einander schmatzend küssen. Ekelhaft. Bin ich überempfindlich? Zu konservativ, was gesellschaftliches Benehmen betrifft? Jedenfalls finde ich solche Vulgarität indiskutabel. 

Mittwoch, 16. Juli 2025

Abtreibung ist nicht zu rechtfertigen (sagt Frau Brosius-Gersdorf)

Die schreckliche Juristin Brosius-Gersdorf ist eine sehr unangenehmer Erscheinung. Ihre zackig-borussische Art verleiht ihr den Charme einer DDR-Staatsanwältin. Das ist Teil ihrer Inszenierung als knallharte Wissenschaftlerin, es lässt sie herrisch und überheblich wirken, und das mögen viele Deutsche, weil sie selbst so sind oder sein möchten. Über den Wert oder Unwert ihrer Äußerungen in dieser oder jener Sache ist damit noch nichts gesagt.
Gesagt hat Frau Brosius-Gersdorf bei Lanz im Tefau (am 15. Juli 2025) zum Beispiel das:
„Wenn Sie das Lebensrecht des Embryos und die Grundrechte der Frau mit gleichem Schutz sozusagen gegenüberstellen, das ist genau das Dilemma und das Problem, um das es geht, dann könnten Sie den Schwangerschaftsabbruch zu keiner Zeit rechtfertigen, und nicht mal in Fällen der medizinischen Indikation, das sind Fälle, in denen die Schwangerschaft das Leben oder die Gesundheit der Frau gefährdet, weil Leben Leben nicht weichen muss, niemand muss sein Leben für das Leben eines anderen aufopfern, das muss nicht die Schwangere, aber das muss auch nicht der Embryo, aber bei der Menschenwürde-Garantie, da habe ich nicht mehr und nicht weniger getan, als auf das verfassungsrechtliche Dilemma, was bis zum heutigen Tag auch nicht gelöst ist, hingewiesen, dass, wenn wir dem Embryo ab Nidation (…) die Menschenwürde mit gleichem Schutz (…), wenn wir dem Embryo ab diesem Zeitpunkt die Menschenwürdegarantie mit gleichem Schutz wie dem Menschen nach der Geburt zuerkennen und sie, wie nach ganz herrschender Meinung, nicht abwägungsfähig ist, das heißt nicht in Ausgleich mit den Grundrechten der Schwangeren gebracht werden kann, dann ist der Schwangerschaftsabbruch, wie in der von Ihnen mir eben geschilderten Situation zum Lebensrecht, zu keinem Zeitpunkt zu rechtfertigen, und auch nicht in Fällen der Gefährdung des Lebens der Frau. Es gibt für dieses Dilemma, und das ist das, was ich versucht habe, deutlich zu machen, das kann man in Schwarz und weiß nachlesen, und darüber wurde eben nicht richtig berichtet, es gibt für das Dilemma nur zwei Möglichkeiten, entweder erkennen Sie dem ungeborenen Leben die Menschenwürdegarantie nicht zu, sondern sie gilt erst ab Geburt, oder, auch der Embryo, der Foetus ist Träger der Menschenwürdegarantie mit vollem Schutz wie der Mensch nach Geburt, aber dann muss sie abwägungsfähig sein.“ (Hervorhebungen von mir, St. B.)
Ungeschickten Herumgeredes knapper Sinn: „Abtreibung“ (Tötung eines ungeborenen Kindes) ist nicht gerechtfertigt. Punkt.
Alles andere, das Dochrechtfertigen mit irgendwelchen Tricksereien und „Abwägungen“ (auf Deutsch: Rechtsverdrehungen unter dem Vorwand, ein Recht gegen ein anderes auszuspielen) ist von übel. Und während ihre relative Ehrlichkeit und Einsichtigkeit (Abtreibung ist nicht zu rechtfertigen) für Frau Brosius-Gersdorf spricht, spricht ihre Anpassung an Zeitgeistwünsche gegen sie ― und macht sie eben zu einer schrecklich Juristin, die mit ein bisschen Hirnschmalz die Maschinerie des Herrschftsapparates zu schmieren versucht. (Nicht alle Juristen im Dritten rech waren überzeugte Nazis, die meisten passten sich einfach dem an, was von den Herrschenden erwartet wurde und machten Unrecht zu „Recht“.)
Denn so geht ja nun nicht: Einzusehen, dass Abtreibung Unrecht ist, weil sie das Recht auf Leben verletzt, und dann mit viel Blabla dem Kind einfach das Menschsein abzusprechen und seine Recht wegzudefinieren. Das ist Missbrauch der Rechtswissenschaft zur Verschleierung von Verbrechen.
Und eins noch: Die Geburt kann kein Kriterium des Menschseins sein. Denn ob und wann eine Geburt stattfindet, ist kein festgelegter, unmanipulierbarer Zeitpunkt. Es gibt (von Natur aus oder durch menschlichen Eingriff) Frühgeburten oder es werden Geburten eingeleitet oder verzögert. Wäre die Geburt die Grenze, vor der Abtreibungen beliebig stattfinden dürften, dann könnte eine Frau noch während der Wehen verlangen, dass ihr Kind getötet würde. Und wann ist eine Geburt eigentlich erfolgt? Wenn zum Beispiel nur erst einmal der Kopf des Kindes herausschaut, ist es ja noch nicht ganz geboren, darf es dann also noch abgetrieben werden?
All diese peinlichen Versuche, irgendwelche Erlaubnisse fürs Töten aus fragwürdigen Argumentationsstrategien herauszuschinden, statt einfach immer und überall das Leben an erste Stelle zu setzen, mögen juristischen Gepflogenheiten entsprechen, sie sind zutiefst unethisch.

Freitag, 11. Juli 2025

Übrigens (6)

Im Tefau spricht ein Fachmann vom Mittagsschlaf und seinen Vorzügen. Ich höre mit Wohlgefallen zu. Darum also bin ich so klug und ausgeglichen, so, so. Dann aber redet der Kerl was von zehn bis 20 Minuten. Das ist doch kein Mittagsschlaf! Das ist ja mehr wie Hinfallen und mühsam wieder Aufstehen.

Übrigens (5)

Kennen Sie das? Sie sind ein bisschen krank sind und erzählen anderen davon, wie es Ihnen geht und ergangen ist, mit allerhand sehr erhellenden Einzelheiten, und die anderen antworten darauf, indem sie erzählen, wie es ihnen ging. als sie dasselbe hatten, aber mit ganz anderen Einzelheiten, und Sie ärgern sich ein bisschen, weil die Leute offensichtlich nicht einmal richtig krank sein können, mit den richtigen Symptomen und Verläufen, und vor allem wundern Sie sich, wozu einem die Leute das alles erzählen. Kennen Sie das?

Mittwoch, 9. Juli 2025

Notiz vom 31. März 1994

Schon früh ― in meiner Schulzeit, bei Diskussionen mit [meinem besten Freund] ― formulierte ich eine Art „Grundsatz der Macht-Erhaltung“. Damals problematisierte ich den „Abbau“, das „Verschwinden“ von Macht durch Demokratisierung: Irgendwo müsse die Macht ja bleiben …
Auch entdeckte ich folgende Parallele: Uns, den Schülern und Schülerinnen, wurde eingepaukt, die Freiheit des einen ende dort, wo die Freiheit des anderen beginne. Ebenso schien mir aber die Macht des einen von der Macht des anderen begrenzt zu werden. Also lag es für mich nahe, Freiheit und Macht gleichzusetzen …
Später diskutierte ich mit meine Philosophielehrer dar­über, ob Demokratie Herrschaft und damit von Übel sei … Ich war unbelehrbar davon überzeugt. (Und bin es noch).
Nicht nur wegen der in den Lehrplänen vorgesehenen Politischen Bildung (und auch nicht erst wegen meiner politischen Aktivität als Klassen-, Kurs- und Schul­sprecher) war der Lebensraum Schule genau der Ort, an dem ich meine ersten Be­griffe im Denken des Politischen entwarf.
Die Situation, wie ich sie erlebte, war die eines Einzelnen, der nicht bloß „von oben“ (Lehrern, Lehrerinnen, dem Schulsystem überhaupt …) reglementiert, sondern auch „von der Seite“ (also von den Mitschülern und Mitschülerinnen) diszipliniert wer­den soll. Sein zu sollen und handeln (denken, sprechen …) zu sollen wie alle anderen und zugleich mit ihnen ― und sei es nur auf abstraktem Feld ― konkurrie­ren zu sollen. Anpassung, Zugehörigkeit, Isolation, Autorität, Sanktionen; die Ein­samkeit und Schwere des Widerspruchs, der Zwang zum Mitmachen, die Dummheit der Mächtigen …
Ich genoss es zu sehr, eine abweichende Meinung zu vertreten und gegen den Rest der Welt (der Klasse oder des Kurses) argumentativ zu verteidigen, zu sehr nämlich, um Demokrat zu sein. Mehrheiten ― so meine Erfahrung ― waren mächtig und trä­ge und dumm und ängstlich und rückständig und lagen meist falsch. Dazu gehört für mich aber auch die Erfahrung, durch besonderes Geschick (Sprach- und Denkbe­gabung …) aufzufallen und durch eine gewisse Art von Witzigkeit und Unzugäng­lichkeit gerade noch eben ― trotz der Isolation ― recht beliebt zu sein. (Oder auch rundheraus gehasst zu werden.)
 
Diese wiedergefundene Notiz, in der ich als achtundzwanzigjähriger auf mich und meine jugendlichen Überlegungen zum Politischen zurückblickte, überrascht mich durch die Kontinuität der Themen und nicht zuletzt der Haltungen, die ich dazu schon damals einnahm. Die Zuückweisung der liberalistischen Doktrin, wonach die Freiheit des einen durch die Freiheit der anderen begrenzt werde, als einseitig (und ihre Ergänzung durch die wesentliche Einsicht, dass die Freiheit und also Handlungsfähigkeit des einen durch die anderen überhaupt erst ermöglicht werde); die Deutung der Demokratie als Herrschaft (der Mehrheit und der Vertreter); das Zusammenbringen und geradezu Gleichsetzen von Freiheit und Macht (frei ist, er machen kann, was er will); die Entdeckung mittelbarer Herrschaft durch soziale Normen und den sanften oder unsanften Druck des Umfeldes; die persönliche Möglichkeit, sich (zumindest rhetorisch) abzugrenzen und zur Wehr zu setzen und dadurch fast so etwas wie (zumindest intellektuelle) Souveränität zu erarbeiten; all das beschäftigte mich mit schon als Schüler, also vor weit über vierzig Jahren, und es beschäftigt mich heute noch. Wahrscheinlich sollte es mich bedenklich stimmen, dass ich im Laufe der Jahrzehnte zwar manche Formulierungen überarbeitete und neue Begriffe verwendete (und zuweilen wieder aufgab), dass ich aber meine Grundüberzeugungen niemals änderte: Herrschaft ist von Übel; die Masse ist dumm; die Mitmenschen sind ebenso meine Einschränkung wie vor allem meine Ermöglichung; Demokratie ist auch bloß Herrschaft (weshalb man über sie hinaus muss; man sollte versuchen, sich von den Vorurteilen der anderen frei zu machen (und so von den eigenen). Solches Festhalten an einmal Gedachtem mag manchen als Zurückbleiben und als Engstirnigkeit erscheinen. Andererseits ist diese meine (freilich durchaus bewegliche) Beständigkeit vielleicht auch etwas Gutes, denn ich bin geneigt, in ihr, wenn schon nicht einen Hinweis auf die Richtigkeit meiner Ansichten, so doch eine Bestätigung ihrer persönlichen Unvermeidbarkeit zu sehen: So dachte ich schon früher, weil ich es so wollte, und weil ich es immer noch will, denke ich immer noch so. (9. Juli 2025)
 
 
 

Freitag, 4. Juli 2025

Stau ist kein Schicksal

Ich bin ein Gastarbeiterkind. Selbstverständlich fuhren wir jeden Sommer in die „alte Heimat“. Alle paar Jahre mit einem etwas besseren, etwas teureren Auto. Übrigens nie ― wer erinnert sich noch? ― mit einer Waschmaschine oder einem Kühlschrank auf dem Dach. Aber mit rammelvollem Kofferraum. Bei der Hin- und vor allem der Rückfahrt (weil es so viele gute Sachen der Heimat in der Fremde nicht gab). Wir düsten meist gleich zu Ferienbeginn los, zuweilen auch früher (wen interessiert schon so eine Zeugnisverteilung?), und wenn dann der angesammelte Urlaub meines Vaters knapp vor Schulbeginn zu Ende war, ging’s wieder zurück.
Mein Vater machte es bei der Reiseplanung richtig. Erstens fuhr er nie tagsüber, sondern immer nachts. (Nachtarbeit war er beruflich gewohnt.) Und zweitens garantiert nie an den Tagen, an denen allen andere nach Norden oder Süden fuhren. Perfekt.
So ging das zehn Jahre lang, erst reisten auf diese Weise meine Eltern, meine Schwestern und ich, dann nur noch meine Eltern und ich. Im Jahrzehnt darauf besuchte ich meine Eltern (und Freunde) sommers gern, in dem ich für die Hinfahrt die Bahn nahm und zur die Rückfahrt manchmal, wie in alten Zeiten, mit meinen Eltern im Auto mitfuhr. Unzählige Male bin ich also mit Zug und Pekaweh von Niederösterreich nach Niedersachsen, von Niedersachsen nach Niederösterreich gereist.
Warum erzähle ich das? Weil ich immer daran denken muss, wie klug mein Vater in dieser Hinsicht war, wenn ich Jahr für Jahr im Tefau sehe, wie die Leute zu Ferienbeginn in gewaltigen Staus stecken. Absolut bescheuert. Nun gut, nicht jeder mag weite Strecken bei Nacht fahren. Aber warum, wenn schon mit dem Auto gefahren werden muss, gerade an den Tagen, von denen man weiß, dass unzählige andere dann auch unterwegs sein werden? Gewiss, die Deutschen lieben ihre Autobahnen. Aber erklärt das den Wahnsinn? Geht es um eine Art Volksgemeinschaft der Kriecher auf Asfalt und Beton? Gehört das zum Ferienerlebnis einfach dazu?
Ich jedenfalls durfte schon als Kind lernen, wie man entspannt und effizient reist. Aber ich war ja auch ein Gastarbeiterkind.

Mittwoch, 2. Juli 2025

Glosse CXXXVIII

Frauen als Priesterinnen kämen in einem jüngst rekonstruierten babylonischen Hymnus vor, lese ich. Ich sag mal so: Männer als Priesterinnen wären für die Zeit um 1.000 v. Chr. wohl auch etwas übertrieben fortschrittlich gewesen.

Ist doch egal, ob das was heißt

„Sollen Plattformen effektive Steuerungsleistungen erbringen,“ ― ähem, eben ist noch von Kanonen, Zitadellen und, hoppla, „zeitspezifischen Subjektivierungsweisen“ die Rede gewesen ― „müssen sie allerdings ein hohes Maß an Interaktivität und wechselseitiger Kommunikation zwischen Plateau und Ebene erlauben, nicht zuletzt um daraus Dynamik zu generieren.“ Man könnte vermuten, dass dieser Satz irgendetwas bedeutet oder das wenigstens versucht. Ebenso gut könnte er aber einfach nur mit den Mitteln des Bedeutens die Unmöglichkeit des Bedeutens vorführen wollen. Die Botschaft ist jedenfalls klar: „Ich bin professioneller Akademiker, und das kann ich beweisen.“

En bisschen Rassismus zwischendurch

Unvorsichtiges Schalten durch die Tefaukanäle. Die Fernbedingung spinnt und erzwingt ein zu langes Verweilen. Da spricht ein Merz (und ich muss es hören): „Das eigentliche Problem ist, dass wir zum Teil aus diesen Kulturkreisen eine unglaubliche Respektlosigkeit haben gegenüber Frauen, gegenüber unserer Polizei, in der Art und Weise des Umgangs im Alltag, so, und das ist etwas, was ich nicht sehen möchte. Und ich tue alles, um das in Deutschland zu unterbinden.“
Da staunt der Fachmann und der Laie wundert sich. Was sind das für Kreise, aus denen da so unverschämte nach Deutschland getrudelt sind? Zuvor war von verurteilten Straftätern aus Syrien, der Türkei und Afghanistan die Rede. Diese Eingetrudelten sind also kulturell darauf geprägt, „unserer“ Polizei (nicht nicht die ihre ist!) ohne Respekt zu begegnen ― während jeder brave Deutsche angesichts einer Unform innerlich in Habtachtstellung geht? ―, Frauen zu missachten (was wohl voraussetzt, dass sie selbst keine sind), und ihre „Art und Weise des Umgangs im Alltag“ lässt auch zu wünschen übrig.
Wer auch nur wenig von syrischen, türkischen, afghanischen traditionellen Umgangsformen weiß, dem drehen sich da die Kulturkreisel vor Augen, denn gerade besagte kulturelle Kontexte sind bekannt für ihr hohes Maß an Höflichkeit und Rücksichtnahme, auch und gerade gegenüber Älteren, Schwächeren, Gästen.
Dass irgendwelche, mutmaßlich untervögelte männliche Jugendliche fremder Herkunft in einem hessischen Freibad irgendwelche (deutschblütigen?) jungen Mädchen, die mutmaßlich (weil hierorts kulturell vorgegeben) freizügig wie Bordsteinschwalben herumliefen, übel angegangen sind, ist gewiss höchst unerfreulich, hat aber weder etwas mit einem Aufenthaltsstatus noch mit syrischer, türkischer oder afghanischer Kultur zu tun, sondern mit divergierenden Konzepten von Nacktheit in der Öffentlichkeit und Spaß an der eigenen Geschlechterrolle.
Merz will unterbinden. Will Leute (wegen Fehlverhaltens in Freibädern?) aburteilen und abschieben lassen. „Ich weiß das nicht, ob es ein Abschiebeverbot nach Syrien gibt, der Bürgerkrieg dort ist beendet, man kann nach Syrien zurückkehren, das Land braucht dringend die das Land wieder aufbauen.“ Ja genau, Syrien braucht dringend in der BRD verurteilte Straftäter für den Wiederaufbau …
Und werden dann auch Bundesbürger deportiert, wenn sie nachweislich respektlos gegenüber Bullen, äh, Polizisten waren? Nein, wenn ein Deutscher einen deutschen Beamten beschimpft, ist er zwar vielleicht kriminell, aber die Sache ereignet im eigenen Kulturkreis und ist darum nur halb so schlimm.
Jedenfalls ist es erfreulich, dass der Kanzlerdarsteller Merz kein ökonomisches Problem mit Migration hat, sondern ein kulturelles. Dass er damit de realen soziale Probleme vollkommen ausblendet, ist weit weniger schön. Das macht seine Sichtweise doch etwas rassistisch. Die anderen Rassisten reden ja auch nicht mehr so viel von Blut und Boden, sondern von ethnischer Identität und kultureller Verschiedenheit. Da klinkt der um Volkstümlichkeit bemühte Merz sich ein: Wer mag schon diese Orientalen, die ihre Frauen verschleiern und den Wachtmeister nicht grüßen?
Zum Glück war nach dem Wechsel der Batterien in der Fernbedienung der Wechsel des Senders wieder möglich. Leider nicht, ohne noch die alte Hetzerin Maischberger (die gar zu gern Menschenrechte beschnitten sehen möchte) respektlos dazwischenquatschen zu hören, wenn ihr Kanzler spricht. Ihre stotternde Erwähnung des fragwürdigen Freibad-Vorfalls ― „Es gibt einen Fall, der gerade die Schlagzeilen bestimmt … offensichtlich … das ist in der Klärung“ ― ist wirklich manipulativer Pseudojournalismus vom Feinsten. (Wozu denn noch eine Unschuldvermutung, wenn man schon Menschenrechte überflüssig findet?) Der Kulturkreis, aus dem das kroch ist, ist mutmaßlich leider noch sehr fruchtbar.

Dienstag, 1. Juli 2025

Leute (34)

Als Maler und Zeichner ist X. es gewohnt, die Dinge von außen zu sehen und ie nur im Hinblick auf ihre unmittelabre Wirkung auf ihn selbst wahrzunehmen. Daher wohl auch seine Fremdenfeindlichkeit. Wenn er auf der Straße dicke Frauen mit Kopftuch und langem Mantel sieht, ist er entsetzt, er nimmt das Phänomen rein ästhetisch, es gefällt ihm nicht, und keinen Augenblick lang versetzt er sich in die Frauen hinein, es liegt ihm nichts daran, den Kontext zu begreifen, er wird einfach abgestoßen und ist dagegen. Noch schlimmer ist es mit der Zuwandeung. Er kennt kaum Migranten. Für ihn sind das Zahlen, und man hat ihm gesagt, die seien zu hoch. Er empfindet das als wahr, weil er in einer Großstadt lebt, die viel Zuwandeung anzieht und in der viele Sprachen gesprochen und viele Bräuche gelebt werden. Er findet jeden Tag Bestätigung und nimmt eine Flut war. Er interessiert sich nicht für die Einzelnen und ihre Erlebnisse. Deren Wünsch, Bedürfnisse, Rechte existieren für ihn nicht. Er findet, die Leute sollten zuhause bleiben und dort etwas verbnessern. Dass er selber wie die Made im Speck lebt, nicht durch eigenem Zutun, sondern gemäß den gesellschaftlichen Bedingungen, bemerkt er nicht. Er erlebt Fremdes und fühlt sich unwohl. Es ist nicht wie das Fremde im Urlaub, wo er mit seinem Geld der Chef ist. Dieses Fremde kommt zu ihm, konkurriert mit ihm in seiner Lebenswelt und stellt ihn in Frage. Er versteht die Fremden nicht und sucht nicht nach Verständigung. Tatsachen ignoriert er und übernimmt Parolen. Nicht weil er dumm ist, sondern weil sich dummzustellen bequemer ist, weniger Mühe erfordert und ihn ein bisschen mächtiger erscheinen lässt. Immerhin gehört er hierher, die anderen nicht. Seine Fremdenfeindlichkeit ist wie eines seiner altmeisterlich gepinselten Bilder: langweilig, aber halbwegs gekonnt.

Etwas Selbstverständliches (Anarchie)

Es sollte so selbstverständlich sein, dass es dafür kein eigenes Wort braucht: Dass jeder über seine Angelegenheiten selbst bestimmen kann und dass diese Angelegenheiten, wo sie auch Angelegenheiten anderer sind, gemeinsam bestimmt werden. Und zwar so, dass dabei  jeder dieselben Rechte und Pflichten hat, dass niemand benachteiligt oder unverdientermaßen, bevorzugt wird, dass also niemand mit Gewalt genötigt oder „überstimmt“ (durch die zahlenmäßige Überlegenheit anderer genötigt) wird, sondern dass für alle Probleme Konflikte Lösungen gesucht werden, mit denen jeder gut leben kann. Sodass also niemand anderen etwas vorschreiben darf, niemand aus Zwang handelt, sondern jeder aus (mehr oder minder starker, imnmer aber wohlüberlegter) Überzeugung. ― Nennt das konsensuelle Basisdemokratie, nennt es Anarchie, nennt es, wie ihr wollt, meinetwegen schlicht: menschenwürdiges, freies, gerechtes, allen nützliches Zusammenleben.

Übrigens (4)

Mein Text „Wenn das Literatur ist“ ist wirklich grässlich; selbstgerecht, pseudolustig, argumentfrei und jämmerlich misogyn. Und das Schlimmste: Auf den Ausdruck „Lese-Else“ bin ich auch noch mächtig stolz. Er ist übrigens selbstverständlich auch gut „(m/w/d)“ zu verwenden.

Vorsicht, linke Spinner!

So geht’s ja nun nicht. „Es sollte keine Milliardäre geben.“ (Zohran Mamdani) Was erlauben sich diese „demokratischen Sozialisten“! Es sind genau diese radikalen, extremistischen, weltfremden Ansichten, die die Wähler den Republikanern in die Arme treiben und Trump überhaupt erst möglich gemacht haben.
Sagen zumindest die rechten „Demokraten“ in den USA (und ihre Nachsprecher überall auf der Welt. Demnach ist, wer für faire und ausreichende Löhne, für ein funktionierendes Gesundheitssystem für alle, für gute und kostenlose Bildung, für bezahlbares Wohnen, für vernünftige Verkehrskonzepte und lebenswerte Städte eintritt, nicht nur ein verantwortungsloser Träumer, sondern arbeitetet (aus Dummheit?) geradezu der Gegenseite zu.
Das alte Lied der Sozialdemokratie: Wie dürfen uns nicht von den „Konservativen“ und „Neoliberalen“ unterscheiden, sonst wählen uns die Leute nicht. Wir müssen dieselbe beschissene Politik machen, aber dabei immer behaupten, wir seien trotzdem das kleinere Übel. Mit irgendwelchen überzogenen Forderungen ― etwa, dass man vom Erwerbseinkommen auch leben können müsse ― verschreckt man die Leute nur.
Dieselben Leute, die beispielsweise einen dummen und hässlichen, bösartigen und vulgären Defraudanten, Bankrotteur, Beutelschneider, Kriminellen, Ehebrecher und Frauenbelästiger gewählt haben, der autoritär, ahnungslos, geschichtsblind, nationalistisch, gewaltbesessen und unbelehrbar agiert? Na klar, diese gutmütigen Sensibelchen werden von Forderungen nach einer solidarischen Gesellschaft der Gleichberechtigten naturgemäß zu Tode erschreckt. Aus lauter Angst müssen sie dann weiterhin den Faschismus wählen.
Es stimmt, der „demokratische Sozialismus“ ist derzeit Sache einer Minderheit. Aber seine Forderungen und Vorschläge sind, so weit ich sehe, keineswegs radikal oder extrem (oder nur gemessen am rechtsextremen, illiberalen und menschenverachtenden mainstream). Die Alternative dazu ist jedenfalls ein destruktives Weiterso, verübt als Versuch, sich möglichst nicht vom Verabscheuungswürdigen zu unterscheiden, sondern bestenfalls eine Art von „republicanism light“ anzubieten (was nur auf den üblichen Neoliberalismus plus unverbindlicher Rhetorik der Anbiederung hinausläuft).
Einmal mehr ist derzeit der Gegner des demokratischen Sozialismus nicht schon direkt der Faschismus, sondern zunächst einmal das real existierende Establishment der Sozialdemokratie, dessen Abwiegeln, Verharmlosen. Leisetreten, Behindern und Sabotieren. Das ist traurig. Aber es gibt Hoffnung. Leute die gewählt werden, nicht obwohl, sondern weil sie sagen: „Es sollte keine Milliardäre geben.“ Das hat Zukunft.