Donnerstag, 9. September 2021

Nachträge zu „Über Immantentismus“

„Dieses ganze Gerede über schlechte Haftbedingungen und eine ungerechte Gefängnisordnung bringt doch nichts“, sagte Insasse Nr. 08/15 zu ein paar Mitgefangenen, die in seiner Nähe standen. „Es hat schon alles seine Richtigkeit. Auch wenn wir es nicht verstehen. Wir müssen auch nicht alles verstehen, es reicht, wenn diejenigen es verstehen, die sich damit beruflich auseinandersetzen. Oder hat schon einer von uns einmal ein Gefängnis geleitet? Nein? Na also. Der Herr Direktor weiß schon, was er tut. Dafür sind solche Experten ja da.“ Manche schüttelten den Kopf, einige nickten zustimmen. Dann zerstreute sich die Gruppe. Später kamen ein paar Wärter und prügelten den Insassen Nr. 08/15 halbtot.

 

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Der Insasse Nr. 47/11 ließ einen Kassiber nach dem anderen aus dem Gefängnis schmuggeln. Freunde leiteten die Nachrichten draußen weiter. Es waren Appelle an Behörden, Medien, Menschenrechtsgruppen, dass die unwürdigen und gesundheitsschädlichen Verhältnisse im Gefängnis sich dringen sich ändern müssten. Gewalt und Korruption hätten ein unerträgliches Maß erreicht. „Man muss kein Gefängnis geleitet oder in einem eingesessen haben“, schrieb Insasse Nr. 47/11, „um zu erkennen, was Recht und Unrecht ist im Umgang mit Gefangenen. Selbst wenn man sagt: Strafe muss sein, so muss die Strafe doch nach dem Gesetz erfolgen, darf nicht willkürlich sein und kann unveräußerliche Menschenrechte nicht außer Kraft setzen. Allen voran nicht die Unantastbarkeit der Menschenwürde, die auch dann gewahrt bleiben muss, wenn Freiheitsrechte vorübergehend suspendiert sind.“ In demselben Sinn äußerte er sich auch gegenüber seinen Mitgefangenen. „Ich muss nicht wissen, wie ein perfektes Gefängnis zu organisieren wäre, um ein real existierendes kritisieren zu können. Ich will im Grunde gar keine Gefängnisse. Aber wenn ich schon in einem bin, will ich nicht gedemütigt, nicht misshandelt, nicht ausgebeutet werden.“ Wenn Insasse Nr. 47/11 Wärter auftauchen sah, zog er sich in seine Zelle zurück und wartete, bis sie vorüber waren, ständig in der wohlbegründeten Angst, dass sie kämen, ihn zu holen und ihm eine Abreibung zu verpassen.

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