Sonntag, 31. August 2025
Notiz zur Zeit (255)
Samstag, 30. August 2025
Vorschlag zur Güte: Jahrzehnte nummerieren!
Das erste Jahrzehnt umfasste dann die Jahre 1 bis 10, das zehnte Jahrzehnt die Jahre 91 bis 100. (Man rechne nach.) Die Jahre 101 bis 110 bildeten also das 11. Jahrzehnt, 1001 bis 1010 folgerichtig das 101., somit 2001 bis 2010 das 201. (zweihunderterste). Das Jahr 2025 liegt demnach im 203. Jahrzehnt nach Christi Geburt (oder „nach unserer Zeiteichng“ für Säkularitätsfanatiker).
Anfangs wäre diese Redeweise gewiss ungewohnt und darum verwirrend. Aber hat sie sich ersteinmal eingebürgert, erkennt man ebenso gewiss ihre Rationalität und Schönheit.
Welches Jahrzehnt einer Jahreszahl entspricht, ist übrigens leicht zu berechnen: Das letzte Jahr des Jahrzents, in dem das gegebene Jahr liegt, durch zehn geteilt – und man weiß die Nummer des Jahrzehnts. 996 gehört zum 100., 1535 zum 154. und 1789 zum 179. Jahrzehnt.
Freitag, 29. August 2025
Glosse CXXXIX
Donnerstag, 28. August 2025
Leute (35)
Montag, 25. August 2025
Schon wieder was über Gott
Dienstag, 19. August 2025
Unterwegs (30)
Lebe wohl, Kunstforum Wien
Mittwoch, 13. August 2025
Merz im Baggersee
Heiße Luft. Mehr nicht. Ein Krokodil im Baggersee. Ebenso spannend.
Merz hat nicht gesagt: Keine Waffen mehr an den völkermörderischen Terrorstaat Israel. Sondern nur: Keine, die in Gaza verwendet würden. (Wo gar nicht deutschen Waffen, sondern amerikanische zum Einsatz kommen.)
Merz hat nicht gesagt: Wir dürfen dem Hungern und Sterben nicht tatenlos zusehen. Wir können nicht solidarisch sein mit Kindermördern und Rassisten. Das Völkerrecht mus gelten, auch das „humanitäre“. Sondern nur. Ein bisschen weniger Waffen für unsere lieben Freunde.
Die BRD finanziert Israel und seine Politik also durchaus weiter.
Hysterische Kommentare wie der, dass nach Merzens Entscheidung jetzt die Hamas die BRD regiere, zeigen nur, wer dort nach Meinung der Prozionisten und Zionisten eigentlich regieren soll. Die jüdische Weltverschwörung.
Der deutsche Philosemitismus ist der Zwilling des deutschen Antisemitismus. Beide sind reines Ressentiment und haben mit der Realität nur insofern zu tun, als sie durch ihre Verblendung praktische Folgen haben. Für andere. Tödliche.
Und das ganze Land macht fleißig mit. Beim Schwatzen über Merz und Israel. Zumindest wollen die Medien diesen Eindruck erwecken. Es gibt ja auch keine anderen relevanten Themen. Warum sollten sich die Leute für die Ursachen und Folgen des durch ihren Lebensstil mitverursachten Kliamawandels interessieren, wenn sie doch in klimatisierten Flugzeugen in schön heiße Länder reisen (oder zumindest davon träumen) können? Warum sollten sie sich über die Rente, den Mangel an Pflegekräften und den Niedergang des Bildungswesen Sorgen machen, wenn sie doch so gemütlich im Schrebergarten grillen und dabei am Handy Netflix gucken können?
Saure Gurken waren gestern. Heute gibt’s Gaza und warum man gezielt wegschauen (und ein bisschen mitmorden) muss.
Sonntag, 10. August 2025
Das Leben überbietet die Kunst
Lorenzo Birnstingl. Wenn ich in einem meiner belletristischen Texte einen solchen Namen verwendete, sagte man mir bestimmt, das sei übertrieben bizarr.
Aber so ist das Leben. Es will immer noch phantastischer sein als die Literatur. Life imitates art, sagte Oscar Wilde. Ich sage: Was das Bizarre betrifft, setzt das Leben immer noch eins drauf.
Montag, 4. August 2025
Anmerkung zur Tefau-Unterhaltung
1 Hungernder plus eine halbe Million Hungernder = 1 Hungernder
Was für widerliche Heuchler! Merz und Wadephul geben sich „ensetzt“ und „schockiert“ über ein Video, das eine offensichtlich halbverhungerte israelische Geisel zeigt. Was aber ist mit den unzähligen Videos und Fotos von hungernden, erschossenen, zerbombten und unter den Trümmern in ihrer Häuser krepierten Palästinensern? Eine halbe Million Menschen im Gazastreifen leidet an Hunger. Viele sind schon gestorben, viele werden mit Sicherheit sterben, vor allem Kinder. Und, Herr Merz, Herr Wadephul, wo ist da Ihr Entsetzen? Warum haben Sie davon keinen Schock?
Jeder Mensch, der es wissen will und nicht sich selbst und andere belügt, weiß, das Israel einen Völkermord begeht, bei dem Hunger eine Waffe ist. Derlei zuzulassen und sogar zu rechtfertigen, ist die Schande dieses Jahrzehnts (und hoffentlich dieses Jahrhunderts).
Keine Frage, ich wünsche allen israelischen Geiseln, dass sie freikommen mögen und wohlgenährt und gesund ihren Familien und Freunden zurückgegeben werden. Aber ich wünsche auch allen Palästinensern, dass sie gesund und wohlgenährt und vor allem am Leben sein mögen, und auch, dass sie ihre Leben frei, selbstbestimmt, in Frieden und Sicherheit führen dürfen.
Dem steht nur eines entgegen: Israel. Und die internationale Unterstützung dieses massenmörderischen Terrorgebildes.
Man schwatzt viel vom 7. Oktober (2023), als ob zuvor in Gaza und dem Westjordanland Friede, Freude, Eierkuchen geherrscht hätte und nicht ein brutales israelisch Besatzungs- und Einsperrungsregime. Bombardements, Blockaden, gezielte Tötungen, Rechtlosigkeit, Verleumdung, Folter usw. usf. hat es schon vorher gegeben. Der 7. Oktober war die Folge, nicht der eigentliche Beginn von etwas. Ein freudig genutzter Vorwand für genozidale Aktionen, kein plötzlich aufgetretener Grund für Menschenhass und Death-to-the-Arabs-Parolen.
Was man Nahostkonflikt nennt, obwohl man von Krieg und Völkermord sprechen sollte, hat eine Ursache und viele Wirkungen. Die Ursache ist der Zionismus, ein von Anfang an (wenn auch nicht im vollen Bewusstsein aller seiner Vertreter, das sei zugestanden) rassistisches Kolonialisierungsprojekt, das auf die Vertreibung und Vernichtung der nichtjüdischen Bevölkerung Palästinas abzielte (und genau das bis heute unübersehbar praktiziert). Was auch immer man dem Widerstand gegen den Zionismus an Verbrechnen vorwerfen muss, sie sind die Folge des vorangegangen verbrecherischen Plans, ein Herrenvolk zu installieren und ein Sklavenvolks zu eliminieren. Israel ist das Problem, Hamas und andere sicher nicht die Lösung, aber könnte man das Problem beseitigen, ließen sich schon bessere Lösungen für ein künftiges Zusammenleben finden. (Meinetwegen ein gemeinsamer Staat, in dem alle Staatsbürger unabhängig von ihrer Religion oder „Ethnie“ dieselben Rechte und Pflichten haben.) Nur entschiedener Antizionismus jedenfalls kann den Rassismus, den Terror und Terrorismus, das Zerstören und Morden dauerhaft beenden.
Nie im Leben würden Merz und Wadephul das zugeben. (Und auch all die anderen „verantwortlichen“ Politiker der BRD nicht, tatkräftig beim Wegschauen unterstützt von „den Medien“). Darum sind sie jetzt in Wahrheit erleichtert, dass sie sich über ein Video entsetzen können. Denn fast hätten die vielen Videos (und im Falle Wadephuls sogar der Augenschein) dazu führen müssen, Israel nicht nur mit moderaten Worten zu kritisieren, sondern scharf zu verurteilen und endlich das einzig Richtige zu: den Geldhahn zuzudrehen. Seit Jahrzehnten finanziert die BRD Israels Terror- und Massenmordpolitik. Das zu beenden, wäre ein Leichtes. Auf Grund des herrschenden Philosemitismus, der jeden Protest gegen das Töten und Quälen auch von nichtjüdischen Menschen als „Antisemitismus“ verunglimpft und verfolgt, ist es allerdings unmöglich.
Sonntag, 3. August 2025
Anarchismus und Gesetzestreue
Mir nun vorzuwerfen, dass ich als Anarchist zugleich Staatsbürger (und zudem ein gesetzestreuer) bin, wäre ungefähr so lächerlich, wie einem Gefangenen vorzuwerfen, dass er im Gefängnis sitzt, sich in seine Zelle einsperren und zum Hofgang abholen lässt, dass er das Gefängnisessen isst und in den Gefängnisduschen duscht. Gewiss, man kann sich auch zu Tode hungern, sich von Mitgefangenen und anderen Wärtern zusammenschlagen lassen, sich am Fensterkreuz erhängen oder versuchen, mit einem gestohlenen Teelöffel in jahrzehntelanger Arbeit einen geheimen Tunnel ins Freie zu graben. Aber das ist sinnlose Romantik. Gefangenenaufstände sind selten erfolgreich und mit dem Risiko behaftet, selbst dabei draufzugehen. Der Gefangenschaft als solcher entflieht man also für gewöhnlich nicht, indem man sich selbst schädigt, sondern man wird als Weggesperrter vernünftigerweise versuchen, einen modus vivendi zu finden, durchzuhalten und die mögliche Entlassung zu erwarten.
Ähnlich verhält es sich mit dem Anarchisten, der in einem Staat nach dessen Regeln lebt. (Und gibt es einen anderen?) Ich sehe keinen Widerspruch darin, den Staat einerseits abzulehnen und entschieden für seine Abschaffung einzutreten, und andererseits widerwillig zu akzeptieren, dass der Leviathan im Augenblick stärker ist und das beste Mittel, die Kräfte im friedlichen Kampf gegen ihn zu schonen, darin besteht, der selbstzerstörerischen Konfrontation auszuweichen und keinen Anstoß zu erregen. Im Bezug auf die jeweils geltenden Gesetze, versteht sich, nicht hinsichtlich der Polemik und Aufklärungsarbeit.
Ich halte nichts von denen, die zwar realistischerweise die Überlegenheit des Staates anerkennen müssen, sich aber zugleich wie im Rausch über sie hinwegsetzen zu können meinen, indem sie punktuell Gewalt anwenden. Mir scheint, Terroristen handeln vor allem aus Selbstgerechtigkeit, Mord- und Zerstörungslust und wollen sich im Prinzip bloß an die Stelle des Staates setzen, gegen den sie angeblich aufbegehren. Sie üben Gewalt aus, wie der Staat Gewalt ausübt, nur unsystematischer und ineffektiver. Dabei führen ihre Taten bloß dazu, die Terrorisierten in die Arme des Schutz versprechenden Staates zu treiben und diesem zu erlauben, die Anwendung seiner Machtmittel auszubauen. Fanal einer Revolution ist Terrorismus nie.
Ich halte auch nichts vom Betrügen. Wenn ich mich bereit erklärt habe, ein Spiel zu spielen, auch eines, das ich nicht gut finde, dann halte ich mich an die Regeln und schummle nicht. Das hielte ich für unter meiner Würde. Es wäre auch eine Missachtung der Mitspieler.
Ich meine darum: Wer willens ist, im Staat zu leben, sollte dessen Rechtsvorschriften auch einhalten. Wie schäbig ist all dieses kleine Schummeln und große Betrügen, vom absichtlichen Falschparken über das kalkulierte Schwarzfahren bis zur Steuerhinterziehung, dieser ganze moralisch unsaubere und rechtlich unahltbare Alltag. Die Leute akzeptieren zwar im Prinzip die Legitimität des Staates und fordern gern von anderen ein, die Normen und Regeln gefälligst zu beachten, aber für sich selbst machen sie in Eigenregie dauernd irgendwelche Ausnahmen , nicht offiziell, versteht sich, sondern unter der Hand und in der Hoffnung, nicht erwischt zu werden.
Statt also dem Leviathan den Kampf anzusagen und gegen ihn aufzutreten, billigen die Leute dessen Herrschaft (auf Nachfrage; denn Ordnung muss sein) und entziehen sich ihr doch aus eigennützigen Gründen so ein klitzekleines bisschen, wenn sie meinen, dass er gerade nicht hinsieht. Vielleicht ist diese übliche Mikrodelinquenz, die unausrottbar zu sein scheint und gegen die der Staat nur nachlässig, lustlos und angelegentlich vorgeht, eine Art von sozialem Kitt, ein Mindestmaß an Unmoral von Seiten der Untertanen, das die (regelmäßig geleugnete und tatsächlich oft nicht durchschaute) Immoralität des Herrschaftsgebildes „Staat“ fundiert. (Kitt, Beton und Schmiermittel in einem.)
Wie anders sollte ein Anarchist handeln! Gerade weil er die Gewalt des Staates ablehnt, sollte er die Gesetze sorgfältig einhalten. Er will ja nicht innerhalb des Systems ein bisschen schummeln, sondern das System abschaffen. Durchs Schummeln aber wird das System in Wahrheit gestützt und verinnerlicht. Der Anarchist sucht nicht den kleinen eigenen Vorteil, ihm geht es um das Gemeinwohl. Er bestreitet die Legitimität der Regeln, nicht ihr Funktionieren. Solange er dem aber nichts entgegensetzen kann, wäre er als Regelbrecher nur der übliche Spießer, dessen irrationale Zwiemoral ihm erlaubt, im Kleinen zu betrügen und sich im Großen zu unteerwerfen.
Dass alles bedeutet selbstverständlich nicht, dass Anarchisten, bevor der Staat abgeschafft ist, nicht gegen dessen Vorschriften und Gewaltmaßnahmen vorgehen dürfen und sollen. Oder dass der Protest gegen das Unrecht nicht auch im Bruch mit dem angeblichen „Recht“, also in der bewussten, begründeten und gezielten Übertretung des Gesetzes bestehen kann. Aber doch nur, wenn das vernünftig ist und etwas bewirkt. Ein bloßes Herumrebellieren und gemütliches Regelschwänzen ist infantil und dient dem System nur als anarchofolkloristisches Dekor.