Dienstag, 9. Juli 2024

Wahlen in Zahlen (mal wieder)

Ich stehe mal wieder staunend im Abseits, wenn die Leute von „Sieg“ und „Niederlage“ schwatzen, und verstehe gar nichts. Wie es heißt, hat der Rassemblement National beim zweiten Wahlgang der französischen Parlamentswahlen eine „Niederlage“ erlitten. Weil der erwartete Sieg ausblieb und die Drohung einer rechten Regierung abgewendet wurde.
Stimmt das? Geben die Zahlen das her?
Offiziell betrug der Stimmenanteil des RN im zweiten Wahlgang 32,1 Prozent (im ersten 29,2). In den Umfragen zwischen 10. und 28. Juni wurde der voraussichtliche Stimmenanteil (alle Angaben nach Wikipedia) mit 29,5 bis 37 Prozent beziffert, im Durchschnitt 34,5.
Sind die paar Prozentpunkte Unterschied von Prognose und Ergebnis wirklich eine „Niederlage“? Im Vergleich zur Wahl von 2022 liegt jedenfalls eine Steigerung von 10,5 Prozentpunkten (erster Wahlgang) und 14,8 (zweiter) vor.
Inwiefern wären selbst 40 Prozent Marktanteil der Rechten zwingend für eine Regierungsbeteiligung? In Frankreich regiert der Präsident, nicht das Parlament. Oft ersetzen Regierungsverordnungen Gesetze. So lange der RN also nicht 51 Prozent der Sitze der Nationalversammlung hält, lässt sich immer eine Mehrheit gegen ihn basteln.
Bis zu 9,4 Millionen Wahlberechtigte haben dem RN ihre Stimme gegeben. Der in sich zerstrittenen und fast nur durch ihre Gegnerschaft zum RN (aber nicht unbedingt zu Macron!) zusammengehaltenen „Neuen Volksfront“ (Union de la gauche) hingegen nur bis zu neun Millionen. Das ist ein „Sieg“?
Übrigens repräsentieren RN und Volksfront zusammen nur rund 38 Prozent der Wahlberechtigten. Denn von denen ist ein Drittel gar nicht zur Wahl gegangen. (Trotzdem bleiben selbstverständlich nicht 192 der 577 Sitze der Nationalversammlung leer …)

Montag, 8. Juli 2024

Balken & Splitter (103)

In Großbritannien hat Labour bei den Unterhauswahlen 1,8 Prozentpunkte hinzugewonnen. Ein Erdrutschsieg! In Frankreich hat der Rassemblement National 14,5 Prozentpunkte mehr als bei der letzten Parlamentswahl. Uff, da wurde noch einmal das Schlimmste verhindert!
 
Beim zweiten Wahlgang der Präsidentschaftwahl im Iran lag die Beteiligung bei 49,7 Prrozent. Westkliche Kommentatoren sind sich einig: ein deutliches Zeichen des Protests großer Teile der Bevölkerung gegen das Regime. Übrigens: Bei den Wahlen zum Europäischen Parlament lag die Beteiligung (in %) in Polen bei 40,07, in Finnland bei 40,4, in Estland bei 37,6, in Portugal bei 36,6, in der Slowakei bei 34,4, in Bulgarien bei 33,8, in Litauen bei 28,5, in Kroatien bei 21,4 und gesamteuropäisch bei 51,1.

Freitag, 5. Juli 2024

Notiz über einen Satz von Spengler

„Allgemeingültigkeit ist immer nur der Fehlschluss von sich auf andere“, schreibt Oswald Spengler. Wenn der Satz stimmt, ist er falsch. Denn der Satz beansprucht allgemeine Gültigkeit (es heißt ja „immer“, nicht „oft“ oder „manchmal“) und erklärt diese zugleich zum Fehlschluss. Die von Spengler behauptete Allgemeingültigkeit des falschen Schließens, anders kann man Spengler Behauptung gar nicht verstehen, ist nur ein Fehlschluss von Spengler auf andere. Dann aber ist Allgemeingültigkeit eben nicht immer ein Fehlschluss von sich auf andere. und Spenglers Satz einfach dummes Geschwätz.
Worauf Spengler hinauswill, ist klar: die Leugnung jeglichen Universalismus. Er versucht es hier mit der Leugnung logischer Universalität (und scheitert), zielt aber auf anthropologische. Menschen als Menschen gibt es nicht in Spenglers Weltbild, nur Menschen als Angehörige bestimmter (geschlossener) „Kulturen“. Andere würden sagen: Rassen. Wieder andere: Klassen. Aber Spengler spricht eben von Kulturen. Das soll wohl geistvoll klingen.
Woher Spengler weiß, dass es keine Menschen als solche, sondern nur kulturbedingte, kulturverhaftete Kulturangehörige gibt, obwohl er doch seiner Auffassung nach selbst nur innerhalb seines Kulturkreises denken kann, also keinen Überblick über „die Menschen“ (und ob sie alle nur innerhalb ihrer Kulturkreise denken) haben kann, bleibt unerfindlich.
Der Satz „Jeder denkt nur, wie es ihm seine Kultur vorgibt“ wäre so unsinnig wie der oben zitierte, was man leicht sieht, wenn man ihn so formuliert: „Der Gedanke, dass jeder nur so denkt, wie es ihm seine Kultur vorgibt, ist an eine bestimmte Kultur gebunden und kann nur innerhalb derselben gedacht werden.“
Auch hier scheitert also die Zurückweisung der Universalität an ihrem universellen Anspruch.
Das erinnert mich an jene „Hirnforscher“, die vollmundig verkünden: „Wir wissen gar nicht, wie die Wirklichkeit wirklich ist, sondern nur, was unser Gehirn uns vorgibt.“ Wenn dem so wäre, woher weiß die Hirnforschung, dass es sich wirklich so verhält? Vielleicht machen uns unsere Gehirne ja nur vor, dass sie uns etwas vormachen? So wie Spengler wahrscheinlich seinen Satz von der Allgemeingültigkeit als Fehlschluss nicht für einen Fehlschluss, sondern für allgemein gültig hielt (und damit die Logik, gegen die er verstieß, bestätigte), sind die Hirnforscher, die alles für Simulationen oder Illusionen des Gehirns halten, davon überzeugt davon, dass hingegen ausgerechnet ihre Forschungsergebnisse echte Fakten sind und eben keine Einbildungen. Folgerichtig ist das nicht, aber Mumpitz ist das ja selten.

Donnerstag, 4. Juli 2024

Warum sind Rechtspopulisten so hässlich und dumm?

Die Frage ist ernst gemeint. Zwar sind vielleicht einige Rechtspopulisten vergleichsweise schlau und einigen wenigen sieht man ihre moralische Minderwertigkeit vielleicht nicht gleich an. Aber im Großen und Ganzen sind rechtspopulistische Politikerinnen und Politiker erstaunlich dumm und sehr oft auch seht hässlich. (Das soll nicht heißen, Vertreterinnen und Vertreter anderer politischer Richtungen seien alle klug und hübsch. Bei weitem nicht.)
Man denke nur an Berlusconi, Farrage, Johnson, Kickl, Krah, Le Pen, Orbán, Trump, Weidel, Wilders ― die Liste lässt sich lange erweitern: lauter Beispiele für deutlich eingeschränkte Intelligenz und ein lächerliches, oft abstoßendes Aussehen.
Da drängen sich doch Fragen auf: Ist das den Leuten, die sie wählen, egal? Wählen sie sie trotzdem? Oder gar deswegen?
Ich meine: deswegen. Wie aber kann das sein?
Meine Antwort darauf habe ich an mir schon vor längerer Zeit an historischen Beispielen zurechtgelegt. Mussolini war ein lärmende Clown, absolut nicht ernst zu nehmen mit seinem Schmierentheater, mit all dem Gebrüll, den rollenden Augen, den herrischen Grimassen, den trotzig verschränkten Armen usw., dazu mit den albernen Phantasieuniformen und billig-verlogenen Inszenierungen. Ähnliches galt für Hitler und seine obersten Kumpane: keiner davon blond und blauäugig, also irgendwie nordisch, der Chef ein schmieriger Schreier, ohne kunstvolle Rhetorik, ohne Bildung, ohne Vernunft, unter den anderen ein humpelnder, verkümmert aussehender Gurgler, ein fetter Morphinist, der gern Kostümwechsel spielte, ein verbissener Hühnerzüchter vom Typ Sparkassenbeamter oder Oberlehrer mit Mordgelüsten usw. usf. Kurzum, ein lächerlicher Trupp von Versagern, die sich anmaßten, Geschichte zu machen. (So wurde die dann ja auch.) Diese Lächerlichkeit ist übrigens nichts, was man erst retrospektiv feststellen kann, sondern auch Zeitgenossen sahen sie sehr wohl, wenige vielleicht, eben jene, die sich aus verschiedenen Gründen nichts vormachen lassen wollten.
Millionen andere aber jubelten Mussolini, Hitler & Co.. zu. Waren sie „verblendet“? Ja, weil sich sich blenden lassen wollten. Sie waren bereit, das Lächerliche zu übersehen und Heroisches zu erkennen, wo keines war.
Zwei psychische Phänomene lassen sich meiner Meinung nach daran erkennen und übrigens auch auf die Rechtspopulisten anwenden (denn was sind Rechtspopulisten anderes als Faschisten ohne direkte Gewalt?): zum einen das Phänomen der „Schwelle“. Hat man sich erst einmal dazu überwunden, das Dumme klug, das Lächerliche seriös. das Hässliche schön zu finden, fällt es schwer, wieder dahinter zurückzugehen. Jeder Versuch rationaler Kritik muss vehement abgewehrt werden, man wird durch sie in seiner Parteinahme nur noch aggressiver, der Preis der Einsicht ins eigene Verranntsein und Vernarrtsein wäre einfach viel zu hoch.
Zweitens das Phänomen der Identifizierung mit dem Minderwertigen. Die, denen man zujubelt, repräsentieren so wunderbar die eigene Mickrigkeit, das eigene Versagen, den sinnlosen eigenen Groll gegen alle, die klüger, kenntnisreicher, schöpferischer usw. usf. sind, als man selbst je sein wird. Und trotzdem sind sie berühmt und im Fernsehen. Sie stellen einen nicht in Frage, sondern geben geschickt vor, einem nach dem Munde zu reden. Sie sprechen gleichsam aus, was man selbst kaum zu denken vermag. Sie erlauben einem dadurch, mitzuhassen, mitzuhetzen, mitzuzerstören. Kurzum, sie sind fast wie man selbst, nur erfolgreich.
Darum also dürfen Rechtspopulisten nicht nur dumm und hässlich sein, sie müssen es sogar sein, denn nur so, als medial aufgeplustertes Echo des eigenen kümmerlichen Egos, können sie positive Affekte auf sich ziehen, wären sie hingegen klug und schön (oder auch nur rational argumentierend und ansehnlich), wären sie eine Erinnerung an die eigene Nichtigkeit und damit eine Bedrohung. So aber erheben sie die eigene Minderwertigkeit zur Norm und wenden sie offensiv gegen alles, was einen in Frage stellt oder sonstwie lästig ist.
Im Grunde ist Rechtspopulismus nichts anderes als das: Ein Aufstand der Minderwertigen, getragen von Hass und mit Lust an Gemeinheit.

Balken & Splitter (102)

Ganz weit oben auf meiner Liste dummer und niederträchtiger Sätze: „Zur Wissenschaftsfreiheit gehört der Verzicht auf politischen Aktivismus.“ (Michael Wolffsohn)
 
Nach dem  Wolfsgruß bei der EM: Politik hat im Sport nichts zu suchen? Sehr richtig! Sport ist reiner Kommerz, garniert mit Massenpsychose. Mit Politik haben Kapitalismus, Hedonismus und Nationalismus doch nun wirklich nichts zu tun.
 
Ein syrischer Flüchtling tötet (warum auch immer) einen Inländer. Der deutsche Bundestag diskutiert das. Niederträchtiger geht es kaum. 

Was eben auch Rassismus ist: Bei einem Fremden dessen unerwünschtes Handeln auf seine Staatsbürgerschaft zurückführen, bei Inländern nicht.

Oder werden demnächst auch straffällig gewordene Inländer abgeschoben? Ihre Integration ist ja offensichtlich gescheitert. Das ist nicht hinnehmbar. Zum Schutz unserer Werte muss endlich Schluss sein mit dieser übermäßigen Nichtmigration!