Donnerstag, 12. Oktober 2023

Sonntag, 8. Oktober 2023

Glosse CXXVI

Sonntags quillt das Fernsehen von Tiersendungen über. Im Vorüberschalten bekam ich mit, wie in drei verschieden Sendungen drei verschiedene Personen von Kitten redeten, womit sie junge Katzen meinten. Das war mir neu. Woher kommt diese seltsame Mode denn nun wieder? Selbstverständlich finde ich sie völlig bescheuert. Wenn es Jahrhundete lang kein Problem war, einfach von Kätzchen, Katzenjungen, Katzenwelpen usw. zu reden, wozu braucht es dann neuerdings eine Übernahme aus dem Englischen? Das ist doch cringe, um nicht zu sagen weird.

Dienstag, 3. Oktober 2023

Attowissenschaftsjournalismus

„Nun lassen sich extrem schnelle Prozesse in Atomen, Molekülen und Festkörpern direkt beobachten.“ So benennt man in der FAZ, was die Forschungen der heute bekannt gegebenen Träger des Nobelpreises für Physik des Jahres 2023 angeblich ergeben haben.
Was für ein Quatsch! Selbstverständlich lässt sich von keinem Menschen etwas beobachten, was in „Attosekunden“ (Quadrillionstelsekunden) stattfindet, weder direkt noch indirekt. Worum es da geht, Lichtblitze, wird nämlich gar nicht beobachtet, sondern gemessen oder vielmehr aus Messergebnissen errechnet.
Aber die zitierte dümmliche Formulierung ist selbstverständlich begründet: Mit dem Vorurteil, die moderne Physik sei eine empirische Wissenschaft. Das ist sie aber nicht, wenn damit gemeint ist, sie befasse sich mit der erfahrbaren Wirklichkeit, die grundsätzlich jedem zugänglich sei. Die „Realität“, die die moderne Physik erforscht, existiert aber in Wahrheit nur als in Laboratorien und mit Algorithmen konstruierte. Sie wird nicht erfahren, sondern, wie gesagt, aus Messergebnissen und Berechnungen erschlossen. Sehen, hören, riechen, schmecken, ertasten kann man sie nicht. Also auch nicht darin leben. Erst in der wissenschaftstheoretischen Vermittlung (oder populäre Darstellungen) werden abstrakte physikalische Modelle zu etwas, was man mit der erfahrbaren Wirklichkeit, in der jeder lebt, gleichsetzen kann.

Freitag, 29. September 2023

Unterwegs (13)

Der einzelne Tourist mag ein netter Mensch sein oder nicht, in der Gruppe oder Masse hat das touristische Auftreten immer ein bisschen was von Überfall auf Polen.

Völkerpsychologie. Am lautesten sind die Amerikaner. Auch wenn sie nicht schreien, hört man sie immer heraus. Danach kommen aber gleich die Deutschen, besonders, wenn sie gut drauf, zum Beispiel betrunken sind. Am rücksichtslosesten sind die Chinesen. Am höflichsten die Japaner und Koreaner. Und die Tschechen selbst; formvollendet, wenn in dienstbarer Funktion, gelassen, freundlich, gerne witzig.

Prag, Karlsbrücke. „Wir haben gehört, dass Sie Deutsch sprechen. Könnten Sie bitte ein Foto von uns machen?“, spricht eine Frau mit sächsischem oder thüringischem Akzent meine Schwester und mich an. „Zum Photographieren braucht man aber doch nicht Deutsch zu können“, sage ich. „Aber man muss doch Vertrauen haben können.“ ― Auch 33 Jahre nach der „Wiedervereinigung“ fürchten sich diese Leute immer noch vor allem Nichtdeutschen.

Mittwoch, 20. September 2023

„Staatsphobie“

Staatsphobie? So benannt klingt die Ablegnung des Staates nach einer Krankheit oder zumindest einer Störung des Gemütshaushaltes. Jedenfalls nicht nach einer durchdachten Entscheidung, sondern nach einem irrationalen Affekt. Warum aber spricht, wer so spricht, nicht auch gleich von Unterdrückungsphobie, von Ausbeutungsphobie, von Gewaltphobie. von Unrechtsphobie, von Kriegsphobie, von Umweltzerstörungsphobie, von Verdummungsphobie?  Das wäre nur konsequent, aber dann fiele wohl ins Auge, wie absurd diese Redeweise ist. Die Verwerfung der Staatlichkeit zu pathologisieren und als anarchistische Marotte abzuwerten, wäre dann allzu leicht als Symptom einer Zwangsstörung von Autoritätseuphorikern mit  Freiheitsphobie und Unterwerfungsmanie zu diagnostizieren.