Dienstag, 19. September 2023

Zur Migration, schon wieder

Diese Leute gehören hier nicht her. Das ist der Grundsatz, nach dem sie alle denken und handeln. Zuwanderung soll eigentlich gar nicht sein. Manche sagen: Ein bisschen Zuwanderung sollte aber sein, uns fehlen Fachkräfte. Und ein paar Flüchtlinge müssen wir hereinlassen, dazu zwingt uns das Völkerrecht. Aber das sind nur Ausnahmen, der Grundsatz bleibt unangetastet: Diese Leute gehören hier nicht her. Manche sagen: Nur kontrollierte Zuwanderung. Wir können nicht alle aufnehmen. Wir sind jetzt schon überfordert. Irgendwann muss Schluss sein. Manche sagen: Diese Leute gehören nicht hierher, darum darf keiner von denen herein. Wenn wir sie aussperren, geht es uns besser. Noch besser wäre es, die, die schon da sind, wieder wegzuschicken.
Manche sagen: Die Leute hier haben Angst und berechtigte Sorgen. Das nützen die aus, die niemanden hereinlassen wollen. Die werden so immer stärker. Darum dürfen wir selbst nur ganz wenige hereinlassen. Als schwäche man die mit den stärkeren Parolen mit schwächeren Parolen. Als könne man eine Politik dadurch verhindern, dass man sie durchsetzt.
Diese Leute gehören nicht hierher, darin sind sich alle einig, auch wenn es nicht alle so deutlich aussprechen. Die, die den klaren Worten am nächsten kommen, die rassistischen Rechtspopulisten, bekommen Zulauf, weil die anderen zwar im Grundsatz dasselbe wollen, aber auf dies und jenes Rücksicht nehmen und darum weniger klar und deutlich sind in der Ablehnung der Leute, die nicht hierher gehören. Und gerade weil sie mit ihnen den Grundsatz teilen, sind sie machtlos gegen die Populisten. Denen können sie bloß vorwerfen, dass sie keine Rücksicht nehmen. Gerade das aber gefällt vielen.
Alle wollen sie also Zuwanderung begrenzen: möglichst wenig bis gar keine. Darum wollen sie Grenzen schützen und ungesetzliche Grenzübertritte verhindern. Kampf den Schleusern! Dabei gäbe es morgen schon keine Schleuser mehr, wenn man Einwanderung nicht zu unterbinden versuchte. Und es gäbe keine ungesetzliche Einwanderung mehr, wenn man Einwanderung nicht verböte.
Wovor genau sollen sie die Grenzen eigentlich geschützt werden? Wer bedroht sie? Geschwächte Menschen, die nichts haben, außer was sie am Leibe tragen oder in eine Plastiktüte passt? Welche Gefahr stellen die dar? Wie können diese bettelarmen Menschen jemanden bedrohen? Gar ganze Länder, ganz Europa?
Es ist anscheinend die bloße Existenz der Leute, die nicht hierher gehören, die man als bedrohlich wahrnimmt. Sie stellen alles in Frage.
Es kommen ja nicht die Allerärmsten, die Elendsten, die Hungernden, die kurz vorm Verrecken sind. Die gibt es, millionenfach, aber die kommen nicht. Wer sich aufmachen kann, nach Europa zu fliehen, der hatte immerhin noch so viel, sich das leisten zu können. Es kommen die, die noch Hoffnung haben, die für sich und andere ein besseres Leben wollen, die den Verhältnissen ein wenig Glück abtrotzen wollen.
Man nennt sie Wirtschaftsflüchtlinge und zwar zu Recht. Sie fliehen vor den Auswirkungen, die die Weltwirtschaftsordnung auf sie hat. Die, die sich anmaßen, darüber zu entscheiden, wer kommen und bleiben darf und wer wieder verschwinden soll, sagen: Heißen die Folgen Krieg und politische Verfolgung, dann vielleicht. Aber Armut und Chancenlosigkeit sind kein Grund, von dort, wo man ist, wegzuwollen in ein reiches Land.
Auch die reichen Länder haben ihre Armen, zweifellos, und nur ganz wenigen geht es so gut, dass sie nicht wünschen könnten, dass es ihnen noch viel besser ginge. Aber als ganze, als Volkswirtschaften, als Gesellschaften, sind die reichen Ländern eben doch reich, bieten mehr Sicherheit und Wohlstand und Teilnahmemöglichkeiten als arme Länder. Im unmittelbaren Vergleich sind die einen sogar wahnsinnig reich und die anderen wahnsinnig arm. Und wie innerhalb einer Gesellschaft so auch im Rahmen der Weltwirtschaftsordnung: Die einen sind reich, weil die anderen arm sind. Der Reichtum der wenigen ist mit der Armut der vielen erkauft. Es ist nicht so, dass die Reichen klüger, fleißiger, geschickter wären als die Armen. Sie profitieren einfach von den Verhältnissen, die sie entweder geschaffen oder vorgefunden haben, die zu erhalten sie jedenfalls bestrebt sind.
Den Menschen in den reichen Ländern ist es freilich egal, warum ihr Land reich ist. Es ist ihr Land und darum ihr Reichtum, auch wenn sie vielleicht wenig davon haben. Und darum wollen sie eines ganz sicher nicht: Gerechtigkeit. Zur Not kann man ein paar Almosen geben. Aber auf gar keinen Fall darf an der Weltwirtschaftsordnung gerüttelt werden. Das wäre gefährlich, glaubt man.
Jeder Arme, der aus einem armen Land hierherkommt, ist einer zu viel. Denn wenn alle kämen ― was zwar nie passieren kann, aber als rhetorisches Phantasma gut funktioniert ―, dann gäbe es einen Austausch und Ausgleich zwischen Arm und Reich, die Weltwirtschaftsordnung bräche zusammen, die sicher geglaubten Grenzen zwischen uns und denen existierten nicht mehr und alle wären plötzlich wie die, die man hier nicht haben will.
Gewiss gäbe es auch Unmut, wenn sich irgendwo Hunderttausend kanadische Milliardäre niederließen. Auch denen würfe man ihr Anderssein vor und verlangte Anpassung. Aber derlei kommt ja nicht vor. Die Wanderungsbewegungen der Reichen und ihre Reichtums sind unauffällig und nicht massenhaft.
Der gewöhnliche Flüchtling jedoch ist eben beides: arm und fremd. Darum muss er versorgt und angepasst („integriert“) werden. Er hat nichts, also muss ihm alles gestellt werden. Er kann nichts, nicht einmal die Sprache, darum muss ihm alles beigebracht werden, vor allem die Sprache. Das kostet! Der Staat aber muss sparen. Er hat schon jetzt viel zu wenig für das Nötigste. (Außer es kommt eine Pandemie, dann kann das Geld bedenkenlos mit beiden Händen aus dem Fenster geworfen werden.)
Dass für Flüchtlinge alles getan werden muss, bis man sie halbwegs zur ortsüblichen Selbständigkeit erzogen hat (oder sie wieder losgeworden ist), verweist auf die bestehenden Unzulänglichkeiten. (Es macht sie stärker sichtbar, es verursacht sie nicht.) Es gibt zu wenig Wohnraum für wenig Geld, es fehlt an Infrastruktur der Bildung. der sogenannte Arbeitsmarkt ist schlecht organisiert. (An Luxuswohnungen und teuren Privatschulen ist zwar kein Mangel. Jeder Wohnraum ist bezahlbar, wenn man das nötige Geld hat. Jede formelle Bildung ist käuflich. Es fehlt an Arbeitskräften, aber Menschen sind arbeitslos oder verdienen zu wenig.)
Da der Staat die Aufgabe hat, die Reichen reicher werden zu lassen und alle anderen in Schach zu halten, kommt er mit „Umverteilung“ nur schlecht zurecht. Es gibt sogenannte gut ausgebaute Sozialstaaten und schlecht ausgebaute. Beide haben die Funktion, die Frage gar nicht erst aufkommen zu lassen, wieso es Armut in reichen Gesellschaften eigentlich überhaupt gibt. Während die Superreichen immer reicher werden, müssen die Mittelschichten so weit zur Angst vor Abstieg und zur Hoffnung auf Aufstieg gebracht werden, dass sie im Ganzen ruhig bleiben. Von den Armen geht ohnehin keine Gefahr aus, die die Polizei nicht früher oder später im Griff hätte. „Umverteilung“ ist also eine Inszenierung mit Realitätseffekten, die die zu Grunde liegende Realität der „Vorverteilung“ des Eigentums unantastbar machen soll.
Aber „Umverteilung“ kann nicht beliebig erweitert werden. Der Staat kann Almosen verteilen, aber nur nur unter Ächzen und Stöhnen. Das ist wirklich das Äußerste, mehr geht beim besten Willen nicht! Außerdem ist es gar nicht gut, so viel zu helfen. Die Leute sollen gefälligst was arbeiten und Eigenverantwortung zeigen.
Der Flüchtling ist nun eben einer, der nicht arbeiten darf und völlig unselbständig gehalten werden muss. (Er darf aber auch nichts anstellen!) Und ihm wird unterstellt, dass er genau das will, dass er deshalb gekommen ist: Um auf Kosten von Steuerzahlern zu leben, zu denen er nicht gehört.
Das Gegenteil ist der Fall. Die Menschen, die ihr Leben riskieren, um aus einem armen Land in ein reiches zu kommen, wollen nicht entmündigt und rundumversorgt werden. Sie wollen arbeiten, sich selbst erhalten und ihre Angehörigen unterstützen. Sie wollen ein selbstbestimmtes Leben führen. Dort, wo sie herkommen, wird ihre Arbeitskraft nicht oder nur unzureichend benötigt. Es fehlt an Kapital, Arbeit zu bezahlen. In den reichen Ländern gibt es das Kapital und auch Arbeitskräfte werden benötigt. Aber nun trifft der Wunsch, etwas zum eigenen und fremden Wohlstand beizutragen auf ein phantastisches Regelwerk. Hier ist das Recht auf Arbeit und Einkommen an allerhand Einschränkungen und Bedingungen gebunden. Schwarzarbeit ist zwar immer möglich, gern auch im „Niedriglohnsektor“, aber wo alles seine Ordnung haben muss, kann nicht jeder tun, wofür er bezahlt werden will.
Alles wäre so viel einfacher, wenn man mal fragte, was die Flüchtlinge eigentlich wollen. Was sie können und was sie brauchen. Statt das über ihre Köpfe hinweg festzulegen und zum Problem zu erklären. Statt die Menschen dem System anzupassen, könnte man versuchen, das System den Menschen anzupassen. Allen. Dann ließen sich Lösungen erarbeiten, die ohne Integration in die schlechten Verhältnisse auskommen. Das darf nicht sein. Die Verhältnisse sind nicht zufällig so, wie sie sind. Umständlichkeit, Bürokratie, Kompetenzwirrwarr. Segregation, Willkür, Unmenschlichkeit usw. usf. sind Teil des Systems. Wenn alles lösungsorientiert einfach funktionierte, wo bliebe da der Staat? Dann könnten ja alle tun und lassen, was sie wollen, wenn sie es nur gemeinsam, mit guten Willen und vernünftig täten. Das kommt gar nicht in Frage.
Es ist, um die Sache abzukürzen, nicht so, dass die reichen Länder sich die Aufnahme armer Flüchtlinge nicht leisten könnten. Es gibt genug Geld, es ist nur zu einem beachtlichen Teil in den falschen Händen. Es gibt auch genug Platz. Und wenn man die Neuankömmlinge nur machen ließe, trügen sie rasch zu ihrem eigenen Unterhalt und zum Wohlstand aller bei. Hier könnten sie das, „zu Hause“ nicht.
Also müssen sie hier zu Hause sein dürfen. Warum auch nicht? Womit lässt sich begründen, dass jeder dort bleiben muss, wohin ihn der Zufall der Geburt (oder des Krieges und der Vertreibung) hat landen lassen? Es gibt keine Pflicht zur Heimat, auch wenn die meisten Menschen sich aus Gewohnheit und Sentimentalität eine Heimat wünschen. Die sie ungern verlassen.
Daran setzt auch die sogenannte „Bekämpfung der Fluchtursachen“ an. Wenn man es in den Ländern des Elends nur ein bisschen erträglicher macht, so die Idee, dann bleiben diese Leute hübsch dort, wo sie sind und wollen nicht hierher, wo sie nicht hingehören. Das ist im Prinzip nicht falsch, aber doch zynisch. Das Elend gerade so abmindern, dass das Bedürfnis nach Aufbruch in ein besseres Leben geschwächt wird, ist ein übler Trick. Seht mal, eure Armut ist doch gar nicht so übel, wir haben vieles für euch erträglicher gemacht, was wollt ihr euer Leben riskieren für einen Traum, der zerplatzen wird, wenn wir euch erst einmal klar machen, dass ihr bei uns unerwünscht seid …
Wollte man die „Fluchtursachen“ wirklich angehen, genügten ein paar Verbesserungen der Lebensbedingungen nicht, man müsste das Übel an der Wurzel packen. Und die entscheidende Ursache der weltweiten Misere und damit „Fluchtursache“ Nummer eins ist nun einmal die herrschende Weltwirtschaftsordnung. Auch Kapitalismus genannt. Der macht wenige Menschen reich und viele arm. Und wenig überraschend ist diese Ausbeutungsmaschinerie auch die Ursache der Umweltzerstörungen, deren eine Folge der menschengemachte Klimawandel ist, dessen Folgen wieder zu Armut führen. Es wäre also nur vernünftig, die Probleme allesamt ganz grundsätzlich anzugehen.
Die Staaten sind dabei allerdings keine Hilfe. Ihre Aufgabe ist eine andere (siehe oben). Es sind ja staatliche Grenzen, die mit Gewalt „geschützt“ werden müssen. So wie mit unsichtbarer und ab und zu auch sichtbarer Gewalt das Eigentum und seine ungerechte Verteilung geschützt wird.
Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. Außer natürlich, die Gesetze begünstigen die einen und benachteiligen die anderen. Geht man hingegen von unveräußerlichen Menschenrechten aus, ist nicht einzusehen, warum die einen reich werden dürfen, während die anderen arm bleiben sollen. Warum die einen in reichen Ländern leben dürfen, während die anderen in armen Ländern müssen. Es gibt dann schlechterdings keinen Grund, warum diese Leute nicht hierher gehören sollten. Sie haben dasselbe Recht, hier zu sein, wie jeder andere.
Nur wer das System der Ausbeutung, Zerstörung und Verblödung schützen will, kann bestrebt sein, die Grenzen gegen Zuwanderer zu „schützen“. Nicht dass die Flüchtlinge lauter Antikapitalisten wären; im Gegenteil, sie wollen ein winziges Stück vom nach kapitalistischem Rezept gebackenen Kuchen abhaben. Aber ihre bloße Existenz, ihr Ankommen, ihr Zugegensein ist eine ständige Mahnung, dass das System dumm und böse ist, das zwischen ihnen und „uns“ Grenze zieht, viele Grenzen, und diese Grenzen wachsender Wut und Tötungsbereitschaft gegen jede Infragestellung verteidigt.
Diese Menschen gehören nicht hierher? Doch. Aber das System muss weg. Unbedingt.

Montag, 28. August 2023

Warum jemand meinen Roman „Romans Erzählungen“ nicht zu Ende gelesen hat

X. erzählte mir unlängst, er habe von meinem Roman „Romans Erzählungen“ nur etwa siebzig Seiten gelesen und dann die Lektüre abgebrochen. Als Grund gab er an, er habe beim Lesen den Text immer mit meiner Stimme gehört, davon habe er sich nicht freimachen können, er habe aber nun einmal keine Lust, die sexuellen Phantasien seiner Freunde und Bekannten zu lesen.
Selbstverständlich kann man eine solche Einstellung wie die von X. banausisch, gar idiotisch finden (also unkünstlerisch und laienhaft), und sie ist es auch, doch das ändert nichts daran, dass sie nun einmal besteht und eine Lektüre verständlicherweise unangenehm und letztlich unmöglich macht. Und da ich mich als Autor für die Rezeption meiner Texte durchaus interessiere, muss ich mich auch mit einer ― aus meiner Sicht ― recht eigenartig begründeten Ablehnung befassen. Ich bin ja geradezu dankbar, wenn man mir sagt, warum man „Romans Erzählungen“ nicht liest (oder nur ungern gelesen hat). Allzu oft merke ich nur, das man schweigt.
Ehrlich gesagt, ich hatte eine solche Haltung wie die von X. gegenüber meinem Roman, als ich ihn schrieb, nicht vorhergesehen. Gewiss, er ist als Herausforderung angelegt und verlangt den Lesern und Leserinnen einiges ab, vor allem den Verzicht auf Identifikation und genüsslich konsumierbare Realitätssimulationen. Ausdrücklich wird im Roman der Wunsch zurückgewiesen, sich als Leser mit einer Figur mehr oder minder gleichzusetzen, sich in sie und ihre Erlebnisse einzufühlen und es sich in einer Scheinwelt gemütlich zu machen. Dass aber für einen Leser die Identifikation des Autors Stefan Broniowski mit den diversen „ich“ des Textes im Vordergrund stehen könnte (und womöglich auch mit manchen „er“ sowie irgendwie bezeichneten und benannten Figuren), daran hätte ich nie gedacht.
Wer liest denn so? Gewiss, jeder, den das überhaupt interessiert, weiß, dass Thomas Mann in den „Tod in Venedig“ auch persönliche Erfahrungen hat einfließen lassen. Aber deswegen ist Gustav von Aschenbach doch nicht einfach Thomas Mann, so wenig wie Thomas Buddenbrook, Adrian Leverkühn oder Felix Krull. Nicht einmal der „Marcel“ der „Recherche“ ist schlechterdings identisch mit deren Autor Marcel Proust. Solche platt biographisierende Lesart mag es geben, aber sie sind doch absurd! Wozu Literatur, wenn sie nur Verkleidung der Erlebnisse und Phantasien des Autors ist? Es wäre doch ein ziemlich bescheuertes Hobby, als Schreibender das eigene Leben zu verschlüsseln und als Lesender ein fremdes, einen eigentlich gar nichts angehendes zu entschlüsseln. Was bitte schön hätte das mit Kunst zu tun? Oder ist die Literaturgeschichte etwa bloß ein lange Reihe von verkappten Autobiographien? Spricht in all den Texten, egal, wer ausdrücklich zu Wort kommt, immer nur der Autor über sich? Und die „Odyssee“ und der „Don Quijote“? Nun, da die meisten heutigen Leser weder Homer noch Cervantes persönlich gekannt haben dürften, sind sie zum Glück davor bewahrt, die Texte „mit der Stimme“ des jeweiligen Autors hören zu müssen …
Doch selbst wenn ich meinen Roman als Hörbuch eingelesen und verbreitet hätte: Wie kommt man auf die Idee, es gehe darin um mich? Zumal der Text sich doch lang und breit damit befasst, mit Figuration und Autorschaft (und Figurationen der Autorschaft) seine Spielchen zu treiben und sie vor den Augen der Lesenden zu kritisieren, zu relativieren und in bestimmter Weise sogar bedeutungslos zu machen.
Ja, ich, Stefan Broniowski, bin es, der „Romans Erzählungen“ geschrieben hat, und ja, in den Text sind auf verschiedene Weise gewiss auch irgendwelche privaten Dinge eingeflossen. Aber weder das eine noch das andere spielt für die Lesbarkeit des Romantextes eine Rolle. Aus meiner Sicht handelt es sich bei meinem Roman vielmehr um etwas Objektives, von mir völlig Losgelöstes, um eine komplex konstruierte Ansammlung sprachlicher Ereignisse, deren Bedeutung (oder Bedeutungslosigkeit) der Leser oder die Leserin sich erst erarbeiten muss, nämlich indem er oder sie den Sinn, den es für ihn oder sie haben soll, anhand des Vorgelegten erst herstellt, um dadurch etwas über sich selbst und sein oder ihr Verhältnis zu Sprache, Literatur, Realität usw. zu erfahren.
Durch das Gespräch mit X., dem ich für seine Offenheit sehr dankbar bin, musste ich also nun feststellen, dass dieses meine Sicht vielleicht nicht falsch, aber eben nur eine mögliche ist. Eine Formulierung Foucaults aufgreifend, könnte man sagen, der Roman kann statt als Monument auch als Dokument gelesen werden. Als Psychobiographie Stefan Broniowskis. Na, viel Spaß dabei! Wozu soll das gut sein? Wen interessiert das? Warum unter den verschiedenen möglichen Haltungen ausgerechnet diese völlig unbedeutende und, wie sich gezeigt hat, letztlich kontraproduktive einnehmen? Warum eine Lesart wählen, die einem keinen Genuss und keine Anregung verschafft, sondern nur Abneigung einflößt und unweigerlich zum Abbruch der Lektüre führt?
X. sagte, er konnte nicht anders, als den Text mit meiner Stimme zu hören. Mag ja sein, aber warum? Warum den Zufall, dass er mich kennt, nicht zum Anlass für freundlich voreingenommenes Interesse am Werk nehmen, sondern sich von der Zwangsvorstellung beherrschen lassen, hier werde ihm etwas aufgedrängt, was ihn nichts angehe. Literatur hat es oft mit Innenleben und Affekten und Begierden zu tun, warum werden diese zum unerträglichen Problem, wenn man zufällig den Autor kennt, und bleiben als Elemente eines autonomen Textes lesbar, wenn man den Autor zufällig nicht kennt? Nicht etwa, wie der Text geschrieben ist, hat X. seinem Bekunden nach gestört (aber vielleicht hat er es bloß nicht erwähnt), sondern gewisse „Stellen“ darin waren ihm zu persönlich. Marquis de Sade also ja, Broniowski aber nein? (Zufällig weiß ich, dass X. Sade gelesen hat; wir taten das zur selben Zeit …)
Ein merkwürdiges Verhältnis zu Literatur. Zur Kunst überhaupt. Ich kann mir vielleicht noch vorstellen, dass X. ein Ölbild bedenklich findet, dass, sagen wir mal, eine gute Freundin von ihm nackt zeigt. Aber dass ein mit ihm befreundeter Maler Frauenakte malt oder, ein besserer Vergleich, Männerakte, die als Selbstporträts deutbar sind, das würde ihn stören? Bin ich zu harsch, wenn ich eine solche Einstellung (wie immer verständlich oder berechtigt sie sein mag) als Banausentum bezeichnen möchte?
X. sagte, er lese auch sonst nicht mehr viel, höchstens zwei, drei Bücher im Jahr. Das war früher anders, wie ich weiß. X. ist ein überdurchschnittlich gebildeter Mitteleuropäer, der sich lange Zeit für alles Möglich interessierte, auch Literatur und Philosophie; beim Philosophiestudium lernt wir einander ja auch vor über fünfunddreißig Jahren kennen. Heute, sagt X., habe er an all dem „Intellektuellem“ keinerlei Interesse mehr. Die Philosophie liege heute weit hinter ihm. Sie bedeute ihm nichts mehr. Und Literatur sei ihm nie so wichtig gewesen (obwohl ich weiß, dass es eine Handvoll Autoren gab, von denen er „alles“ gelesen hatte).
Meinen Roman hatte er also nur zu Hand genommen, weil es eben mein Roman ist. Ehrlich gesagt, ich hatte das von noch viel mehr Menschen, die mich kennen, erwartet: dass die bloße Nachricht, ich hätte einen Roman veröffentlicht, in ihnen den dringenden Wunsch wecken würde, ihn recht bald zu lesen. Das war allerdings dann so überhaupt nicht der Fall. Sogar einige von denen, den ich ein Exemplar geschenkt hatte, hüllten sich in Schweigen oder teilten nach vielen Monaten auf Nachfrage mit, sie seien noch nicht zum Lesen gekommen oder noch lange nicht damit fertig …
Wie auch immer. Ich bin in solchen Fällen ― und es gibt erfreulicherweise auch ganz andere! ― weder beleidigt oder gekränkt, sondern nur verwundert. Mir selbst geht es da nämlich anders. Wann immer ich erfahre, dass jemand, den ich kenne und schätze, etwas Neues geschrieben hat, besorge ich es mir und lese es. (Es wäre denn ein Krimi.) Vielleicht „höre“ ich den Betreffende dann auch beim Lesen und beziehe Textpassagen auf das Wissen, das ich über ihn zu haben meine. Nur hat das keinen Einfluss darauf, ob mir der Text gefällt oder nicht, ob ich ihm etwas abgewinnen kann oder nicht, und was ich von dem Werk insgesamt halte. Zumindest ist das die Einstellung, die ich haben will; und wenn ich entdeckte, dass es anders wäre, versuchte ich, etwas daran zu ändern. Man ist doch als Leser nicht der Sklave seiner Erwartungen und Vorannahmen! Man ist vielmehr gebildet und wahrt kritisch-ironische Distanz.
X. jedenfalls hat sich entschieden, nach nicht einmal einem Sechstel des Romans nicht mehr weiterzulesen. Ausdrücklich genannt hat er als Grund die „sexuellen Phantasien“, die er nicht lesen wolle (weil er sie für meine hält). Von den intellektuellen Spielereien, mit denen der Text gespickt ist, und die X. als Ex-Philosophen und Ex-Intellektuellen doch auch zuwider sein müssten, war, warum auch immer, in unserem Gespräch keine Rede. Darum will ich hier über die zur Rede stehenden Textabschnitte noch ein paar grundsätzliche Dinge sagen.
Selbstverständlich handelt es sich bei den Darstellungen sexueller Handlungen, die den Text durchsetzen, keineswegs um meine privaten sexuellen Phantasien. Und selbst wenn sie derlei wären: Es ist vollkommen belanglos, woher ich den Stoff bezogen habe, diese Passagen sind literarische Konstrukte wie alle anderen Passagen des Romans auch. Sie sind bewusst weder pornographisch noch „erotisch“ gestaltet, sondern in ihrer sprachlichen Einfachheit und Gleichförmigkeit, in ihrer Knappheit und Wiederholbarkeit im Grunde nur Belege für Foucaults berühmten Satz: „Sex ist langweilig.“
Aber selbstverständlich haben sie noch eine andere Funktion als die zu langweilen: Sie sollen offensichtlich provozieren. Als explizite Darstellungen von Sexualakten von Männern mit Männern stellen sie den Leser und die Leserin, und zwar relativ unabhängig von der jeweiligen sexuellen Orientierung,  auf den Prüfstand: Was macht das mit dir? Was löst es aus: Scham, Ekel, Langeweile? Oder doch Geilheit? Sex ist etwas, darf man annehmen, was im Leben vieler eine grolle Rolle spielt. Und irgendwo treibt es dauernd ein Mann mit einem anderen (oder triebe es gern). Trotzdem wird dieser Teil der sozialen Realität zumeist weder literarisch noch sonstwie repräsentiert. Er bleibt marginal und exzeptionell (oder ins Pornographische verbannt).
Auch die aufgeklärte, tolerante, queerfreundliche Gesellschaft hält schwulen Sex nach wie vor auf Abstand. Kulturell dominant sind die Repräsentationen heterosexuellen Begehrens. Darum käme niemand auf die Idee, einen Roman, in dem Männer mir Frauen, Frauen mit Männern Sex haben, als „heterosexuelle Literatur“ zu bezeichnen. Was aber, wenn es im Text Männer mit Männern treiben? (Vgl. S. 309 ff.)
Wenn also ein Leser sich von den „Sex-Szenen“ meines Romans „Romans Erzählungen“ herausgefordert fühlt und ihretwegen die Lektüre abbricht (obwohl er doch einfach über sie hinweglesen könnte, der Text besteht ja zu mehr als 85% aus anderem), so ist er an der bewusst eingebauten Herausforderung gescheitert. Und ich würde ihm raten, sich zu fragen, warum eigentlich ― statt sich bequem darauf zurückzuziehen, er wolle sowas halt nicht lesen.
Wohlgemerkt, jeder Leser, jede Leserin hat das Recht, meinen Roman „Romans Erzählungen“ schlecht zu finden, bescheuert, lächerlich, wichtigtuerisch, manieriert, verfehlt, geschmacklos, aufdringlich usw. usf. Aber er ist, so meine ich, auf jeden Fall eines: ein Angebot, über das man nachdenken kann. Warum gefällt einem daran dieses, aber jenes nicht? Was soll das alles? Welche Erwartungen hat man und was folgt daraus, wenn sie nicht erfüllt werden? Wie geht man mit Herausforderungen um, mit Überraschungen, mit Langeweile, mit Überforderung?
Wie X. mit „Romans Erzählungen“ umgegangen ist, weiß ich ja nun, zumindest in groben Zügen. Hoffentlich hält dieser Blog-Text hier niemanden davon ab, mir seinerseits zu berichten, wie es ihm mit dem Roman ergangen ist. Ich schreibe doch nicht für mich. Schon gar nicht, um lediglich private Passionen auszuleben. Ich schreibe, um der anderen willen. ― Lest! Spürt! Ahnt! Lacht! Ärgert euch! Denkt nach! Denkt noch einmal nach! Ändert euer Leben!

Sonntag, 27. August 2023

Unterwegs (12)

Ich habe ihn gesehen! Letztens, nachts, in Wien. Ein paar junge Leute standen vor einem Club, redeten und rauchten. Und darunter war einer ― ich konnte es zunächst kaum fassen und musste mehrmals hinsehen! ―, der hatte keine weißen Turnschuhe an. Hätte ich es nicht mit eigenen Augen gesehen, ich hätte es nicht für möglich gehalten. Wahnsinn. Dieser Individualismus! Na ja, vielleicht hat der junge Mann eine antisoziale Persönlichkeit. Oder andere psychische Probleme.. Jedenfalls waren seine Schuhe nicht weiß. Dass ich das noch mal erleben würde …

Montag, 14. August 2023