Sonntag, 5. Oktober 2014

Gedanken anlässlich einer Bischofssynode

Eine bekannte Frage von Georg Christoph Lichtenberg lautet: „Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen, und es klingt hohl, ist das dann allemal im Buch?“ Analog könnte man fragen: Wenn die sogenannte „Lebenswirklichkeit“ der Menschen und die Morallehre der katholischen Kirche zusammenstoßen, und es klingt misstönig, ist dann allemal die Lehre zu ändern?
Moralische Normen haben es nun einmal so an sich, dass sie nicht das abbilden, was die Leute tun oder tun möchten, sondern das vorschreiben, was sie tun sollen. Nicht Fakten sind das Maß von Normen, sondern umgekehrt. Wäre es anders, bedürfte es keiner Moral. Wäre einfach das immer das Richtige, was geschieht, müsste zwischen richtig und falsch nicht mehr unterschieden werden. Hätten sich die Normen den Fakten anzupassen, so wäre zu lügen, zu stehlen, zu morden moralisch einwandfrei, einfach deshalb, weil ja viel gelogen, hin und wieder gestohlen und ab und zu sogar gemordet wird.
Nun kann niemand leugnen, dass auch moralische Normen der Veränderung unterworfen sind. Ganz offensichtlich ist das bei der sogenannten Sexualmoral. Galten früheren Zeiten vor- und außerehelicher Sex, Ehebruch, Selbstbefriedigung und Homosexualität als unanständig (und war oft sogar strafbar), ist das in den meisten westlichen Gesellschaften heute anders. (Oder wenigstens zum Teil: Immer noch wird homosexuelles Verhalten anders wahrgenommen als heterosexuelles, gilt „Wichser“ als Schimpfwort, kann ein beim Ehebruch ertappter US-Politiker seine Karriere vergessen und wird die Sexualität von Kindern und Jugendlichen streng reglementiert.)
Ein solcher Wandel im Umgang mit moralischen Normen kann als kultureller beschrieben werden. Verschiedene Kulturen haben verschiedene moralische Problematisierungsstrategien. Lügen, Stehlen und Morden findet wohl keine Kultur richtig, aber die Umstände, unter denen eigentlich Verbotenes oder Unerwünschtes doch erlaubt, womöglich sogar erwünscht und geboten erscheinen, können entscheidend sein: Töten ist im Krieg eine Selbstverständlichkeit, aus öffentlichem Interesse darf enteignet werden und Lügen in Namen der nationalen Sicherheit sind völlig normal.
Moral gilt ohnehin vielfach als etwas, was vor allem andere verpflichtet. Dasselbe Kind, das von Eltern, Lehrern, Mitschülern nicht belogen werden möchte, findet nichts dabei, bei der Klassenarbeit zu schummeln. Derselbe Erwachsene, der seinen Nachbarn am liebsten anzeigen möchte, wenn er zur falschen Zeit den Rasen mäht, findet nichts dabei, sein Auto falsch zu parken oder die erlaubte Höchstgeschwindigkeit zu übertreten.
Mindestens so flexibel war und ist der Umgang mit der Sexualmoral. Dieselbe Gesellschaft, die es für wünschenswert hielt, dass Frauen jungfräulich in die Ehe gehen, konnte Männern den Gang zu Prostituierten vor und während der Ehe nachsehen. Dieselbe Gesellschaft, die Pädophilie ächtet, wünscht die Straffreiheit von Abtreibungen.
Mit all diesen Wandlungen, Biegsamkeiten, Doppel- und Mehrfachmoralen hat nun aber eine theologisch fundierte Morallehre nichts zu tun. Kultureller Wandel ist für sie nicht von Bedeutung. Gewiss gehen auch in sie manche zeitlich bedingte Vorstellungen ein und selbstverständlich verändert sich die Art und Weise, in der bestimmte Wertvorstellungen formuliert und kommuniziert werden. Sofern aber, wie es bei der katholischen Kirche nun einmal der Fall ist, der Anspruch besteht, dass die verkündete Normativität nicht auf menschliche Setzung oder kulturelle Kontingenz zurückgeht, sondern im Kern auf Gott und die von Gott geschaffene Natur selbst, so ist klar, dass es nicht den mindesten Grund gibt, an der bestehenden Lehre irgendwelche Abstriche zu machen und sich dem Zeitgeist anzupassen, bloß weil die Leute es gern so hätten.
Tatsächlich stehen kirchliche Lehre und übliche Praxis regelmäßig in Widerspruch. Nur ist das nichts Neues. Es bedürfte des Begriffes der Sünde nicht, wenn niemals Verstöße gegen göttliches Gebot, natürliches Sittengesetz (wie es von der Kirche interpretiert wird) und kirchliche Satzung vorkämen. Und ohne Sünde kein Bedarf an Sündenvergebung, keine Notwendigkeit des Opfertodes des Sohnes Gottes, also keine Erlösung, keine Sakramente, kein Evangelium, keine Kirche. Es gibt aber die Kirche, sie stellt fest, dass es Sünde gibt, und ist dagegen.
Dass die bloße Tatsache des Vorkommens von Normverstößen kein Argument für Abschaffung der betroffenen Norm ist, ist leicht einzusehen. Eine Zunahme von Ladendiebstählen kann das Eigentumsrecht nicht ändern und wohl niemand wird auf die Idee kommen, deswegen das Strafrecht umschreiben zu wollen. Was für Gesetzesrecht gilt, gilt auch für Anstand und Moral. Auch wenn es unüblich würde, Bedürftigen in Verkehrsmitteln den eigenen Sitzplatz anzubieten, so bleibt es doch anständig und moralisch richtig.
Weder ein Wertewandel noch eine abweichende Praxis vermag also eine Notwendigkeit zu begründen, dass die katholische Kirche ihre Auffassungen über Moralisches zu ändern habe. Tatsächlich wären solche Veränderungen im Grundsatz auch gar nicht möglich. Oder nur um den Preis der Selbstaufgabe.
Wer die katholische Morallehre für falsch hält, mag das tun. Man kann die katholische Moral ebenso wie das katholische Dogma verwerfen. Was man aber, wenn man die theologische Argumentation verstanden hat und redlich ist, nicht kann, ist einmal Festgelegtes für verhandelbar zu halten. Mit der Offenbarung diskutiert man nicht. Entweder die zuständigen Instanzen der katholischen Kirche sind befugt, Normen ein für allemal verbindlich festzulegen, dann gibt es daran nichts zu rütteln — und nicht das Sollen ist dem Sein, sondern dieses jenem anzupassen —; oder diese Befugnis besteht nicht, dann gibt es aber überhaupt keinen legitimen Grund für die Existenz der katholischen Kirche als solcher. Entweder eine wirklich katholische Kirche, dann auch eine unwandelbare Lehre, auch in moralibus, oder eine nach den scheinbaren Erfordernissen der Zeit gemodelte Lehre, dann keine katholische Kirche, sondern sektiererisches, letztlich protestantisches Wischiwaschi oder ehrlicherweise gleich Atheismus.
Umgekehrt gilt der geschichtlichen Erfahrung zufolge auch: Je mehr man katholischerseits den Leuten nach dem Mund redet und die Verbindlichkeit von Dogma und Norm herunterspielt, desto mehr schwindet der gesellschaftliche Einfluss und desto leerer werden die Kirchen. Je bestimmter und unangepasster man hingegen auftritt, desto glaubwürdiger wird man und desto lebendiger wird das kirchliche Leben. Das muss und wird nicht jedem gefallen. Aber so sind nun einmal die Fakten.

Donnerstag, 28. August 2014

Glosse XVII

Die Schreibweise messaliance, die ich unlängst irgendwo las, hat durchaus etwas für sich. Sie erinnert an Valeria Messalina, die dritte Gemahlin von Tiberius Claudius Caesar Augustus Germanicus, der als Kaiser Claudius in die Geschichte eingegangen ist; eine gelungene Verbindung war diese Ehe nun wirklich nicht. Vielleicht möchte man auch „mess“ und „alienation“ assoziieren (englisch für Unordnung, Schlamassel, Schweinerei" und „Entfremdung, Verstimmtheit, Geisteskrankheit“). Im Wörterbuch allerdings steht lediglich „mésalliance“.

Montag, 18. August 2014

Glosse XVI

Finde es immer wieder hübsch, wenn bei irgendwem irgendwas an den Nerven zerrt. Ein kräftiges Bild: Etwas zerrt, etwas spannt sich — bis es womöglich reißt. Trotzdem bin ich selbstverständlich reaktionär genug, um jedes Mal zu denken: Richtig hieße es aber „zehren“.

Freitag, 15. August 2014

Über ein politisches Gespräch ohne Politik

Elmar Kraushaar und Alfonso Pantisano haben sich unterhalten. Dirk Ludigs hat das moderiert. Und queer.de hat es dokumentiert. Bei dem Gespräch war von viel Verschiedenem die Rede: Russland, Straßendemos, Journalismus, Establishment, Staatsknete, Spendengelder, Aufmerksamkeit, Organisation, Eitelkeit, „CSD“, Community, Hinterzimmer, Verantwortung, Erfolg. Wovon nicht die Rede war, war Politik. Das Wort fiel zwar, aber seltsamerweise blieb es dabei nahezu inhaltsleer.
Das ist deshalb seltsam, weil Kraushaars Vorwurf, das Engagement von „Enough is enough“, dessen Vertreter Pantisano ist, entbehre der „verbindlichen Inhalte“ — und der zu Recht gerühmte und zu Unrecht angefeindete Text, in dem das steht, war doch offensichtlich der Anlass für das hier besprochene Gespräch — dass also Kraushaars Vorwurf an „Enough is enough“ ja wohl nicht darin besteht, es gäbe dort keine Politik, keine politischen Effekte (denn schließlich ist bekanntlich alles immer irgendwie politisch), sondern, wie ich annehme, so verstanden werden darf, dass es an einem Konzept dafür fehlt, was man wie erreichen will, und zwar ausdrücklich über die aktuelle Aktion und die sie begleitenden Affekte hinaus.
Es reden also zwei bis drei Männer über Politik, aber nur über deren Erscheinungsbild und die Attraktivität desselben, nicht jedoch darüber, um welche Politik mit welchen Zielen es sich eigentlich handelt, handeln kann, handeln soll.
Ist denn aber das politische Programm, zu dessen Umsetzung Schwule (und Lesben und …) sich zusammenfinden, wirklich so selbstverständlich, dass es stillschweigend vorausgesetzt werden kann? Mir scheint das nicht so.
An einer Stelle allerdings kommt Pantisano sehr wohl auf sein Politikverständnis zu sprechen. „Es ist politisch, wenn ich mit meinem Mann Hand in Hand durch die Stadt laufe, wenn wir uns küssen, wenn ich einen Regenbogen-Button trage. Das ist eine klare Aussage.“
Aber ja doch, klar wie Gulaschsuppe … (Jedenfalls für mich. Vielleicht verstehen andere sofort was gemeint ist. Auch das würde mich besorgt machen.)
Ich will hier gar keine Polemik gegen die Regenbogensymbolik anfangen — deren Sinn sich mir nie erschlossen hat und die ich als ein unschönes Gegenstück zu Nationalsymbolik wahrnehme —, sondern mich auf die Sache mit dem Händchenhalten und Küssen konzentrieren: Was um Himmels willen ist daran politisch?
Pantisano scheint völlig zu entgehen, dass es in vielen Gegenden dieser Welt eine Selbstverständlichkeit ist, dass zwei einander freundschaftlich zugetane Männer in der Öffentlichkeit Hand in Hand gehen. Das gilt bekanntlich auch und gerade eine gerade in Ländern, in denen das Strafrecht homosexuelle Handlungen verbietet. Im arabischen Raum, in Teilen Afrikas und Asiens nimmt niemand händchenhaltende Männer als „Homosexuelle“ wahr, und wenn doch, dann unter westlichem Einfluss. Im Westen nämlich ist die Kultur der Freundschaft unter (jungen) Männern, zu der ganz selbstverständlich Umarmungen, Küsse und leidenschaftliche Liebesbeteuerungen gehörten — man denke nur an den Freundschaftskult des 18. und des beginnenden 19. Jahrhunderts —, längst völlig zerstört worden.
Die angeblich klare „politische“ Aussage, die also angeblich gemacht wird, wenn Pantisano (mir stolzem Regenbogenbutton an der Brust) mit einem Mann Hand in Hand und küssend durch die Stadt läuft, lässt sich demnach wohl so ausformulieren: Solche Intimitätsbekundungen müssen als Ausdruck unseres homosexuellen Wesens gedeutet werden. Nichthomosexuelle Männern können oder dürfen ihrer Zuneigung solchen Ausdruck nicht geben. Wir haben öffentliche Intimität unter Männern neu kodiert. War sie früher etwas Selbstverständliches, das allen Männern offen stand, so ist sie jetzt etwas, was nur Schwulen zukommt, die darum das Recht darauf, wo es in Frage gestellt wird, einfordern und durchsetzen müssen.
Da Pantisano (und seine mutmaßlichen Gesinnungsgenossen), wenn sie denn so denken, nur vermitteln, was unter den gegebenen Bedingungen westlicher Gesellschaften gültiger Standard ist, kann von ihrem Handeln, wenn es denn auf die Verwirklichung der ihnen von mir nachgesagten Überzeugungen abzielt, als von irgendeiner emanzipatorischer Politik keine Rede sein. Noch viel schlimmer ist allerdings, dass unter dem Deckmantel von „Solidarität“ mit Menschen außerhalb Westeuropas und Nordamerikas, die ihr Selbstverständnis als Homosexuelle bereits nach dem westlichen Homosexualitätsbegriff gemodelt haben, eben dieses Konzept einer Homosexualität, die nicht universelle Empfindungs- und Handlungsmöglichkeit jedes Menschen ist, sondern Eigentümlichkeit einer Minderheit, dass also dieses ausschließende, einengende, die Gesamtgesellschaft enthomosexualisierende Modell auch anderen Weltgegenden aufgedrängt werden soll.
Statt den westlichen Weg einer Quasi-Ethnisierung der Homosexuellen als einer von den Heterosexuellen klar geschiedenen Gruppe mit besonderen Bedürfnissen, Traditionen, Rechten und Orten als den Irrweg zu begreifen, der er ist, soll er als der einzig denkbare Weg aller Welt vorgeschrieben werden.
Die Reduktion von Homosexualität auf das Homosexuellsein von Homosexuellen hat, wie einschlägige Erhebungen belegen, zu einem Rückgang gleichgeschlechtlicher Erfahrungen bei Menschen, die sich selbst Etiketten wie „schwul“; „lesbisch“ oder „LGBTIQsternchen“ nicht aufpappen würden, geführt. Konzepte wie „coming out“ und „Sichtbarkeit“, die einmal emanzipatorischen Sinn hatten, weil sie gegen Unsichtbarkeit, Versteckspiel und Selbstmissverständnisse aufbegehrten, haben diesen ihren emanzipatorischen Sinn längst verloren, indem sie Teil der kulturellen Selbstverständlichkeit der Mehrheitsgesellschaft wurden. Ein Schwuler kann es sich heute nicht mehr leisten, irgendjemanden über seine „Identität“ im Unklaren zu lassen, er würde als verklemmt, selbsthasserisch und unehrlich diffamiert. Homosexuellsein ist keine Privatsache, sondern ein bekannt zu gebendes Merkmal, auf dass niemand, der „so“ ist, mit einem Heterosexuellen verwechselt werden kann. Es ist, so die Botschaft, okay, wenn du schwul bist, aber nur, wenn du zugibst, dass du es bist, wenn du dazu stehst, wenn du dich identifizierbar machst. Die Folge ist, dass Menschen, denen der Sinn nicht nach einer solchen Identität steht, es sich zweimal überlegen müssen, ob sie gewisse Gefühle zulassen, gewisse Handlungen wagen können. Jugendliche heute haben keine Chance mehr auf eine diskrete „Phase“ des Ausprobierens, sie wurden schon im Kindergartenalter darauf gedrillt, entweder heterosexuell zu sein oder, auch das ist okay, homosexuell, aber bitte entweder oder. Homosexualität als Homosexuellsein von Homosexuellen wird zur Sache einer Minderheit, die hübsch unter sich bleiben soll, während die Mehrheit, endlich von der Infragestellung durch Homosexualität befreit, ungestört weitermachen kann wie bisher
Diese grobe Skizze soll erklären, warum ich das westliche Homosexualitätskonzept für schädlich halte und ablehne. Dies wiederum ist der Grund, warum ich eine Politik ablehne, die, bewusst oder unbewusst, die Durchsetzung dieses enthomosexulaisierenden Konzeptes betreibt. Im Konkreten kann man sich leicht einig werden: Selbstverständlich ist Gewalt und Diffamierung, geschähen sie privat oder von Staats wegen, von Menschen, die sich homosexuell betätigen oder das wollen, abzulehnen, anzuklagen und zu bekämpfen. Das steht außer Frage. Aber es ist zweierlei, ob man das als Verwirklichung der Sonderrechte von Homosexuellen versteht oder als aber als Eintreten für ein allgemeines Menschenrecht. Warum? Weil es nicht nur um das Naheliegende, schon gar nicht immer nur um die „eigenen Leute“ geht, sondern um das gesellschaftliche Zusammenleben im Ganzen.
Emanzipatorische Politik besteht meinem Verständnis nach nicht darin, Menschen nach bestimmten Kategorien einteilen zu lassen und zu akzeptieren, dass ihnen bestimmte Nischen als Lebensräume zugewiesen werden, dass also zum Beispiel Homosexuelle „LSGBTIQsternchen-Rechte“ erhalten, die sie von Nichthomosexuellen absondern. Sondern emanzipatorische Politik hätte darin zu bestehen, dass jeder Mensch unabhängig von seiner sexuellen Orientierung dieselben Rechte hat.
Von solchen politischen Inhalten war bei Kraushaar, Pantisano, Ludigs nicht die Rede. Schade, sehr schade.

Samstag, 26. Juli 2014

Bemerkung über Parteinahme

Man wolle nicht Partei ergreifen. Man könne nicht Partei ergreifen Man dürfe nicht Partei ergreifen. Irgendwie hätten beide Seiten Recht. Irgendwie hätten beide Seiten Unrecht. Einerseits, andererseits.
Einer schreibt sogar, er schaffe es nicht, ohne schlechtes Gewissen Partei zu ergreifen, und setzt neckisch hinzu, es verunsichere ihn bereits, wenn er jemanden sagen höre, was er selbst bis zu diesem Moment gedacht habe.
Nun mag es tatsächlich Konflikte geben, die völlig symmetrisch sind und bei denen beide Konfliktparteien gleichermaßen im Recht und im Unrecht sind. Die meisten Auseinandersetzungen aber sind nicht von dieser Art. Für gewöhnlich lässt sich erkennen, wessen Verhalten den Konflikt verursacht hat, mehr Leid und Zerstörung hervorruft, eher zur Konfliktbeendigung beiträgt oder diese verhindert.
Selbstverständlich kann es schwierig sein, bestimmte Sachfragen zu entscheiden. Da mag manches vorübergehend oder dauerhaft untentschieden bleiben. Doch wenn es um ethische Dilemmata geht, gibt es für gewöhnlich keine Neutralität. Was wahr und was falsch ist, mag sich unserer Kenntnis entziehen, wir müssen es nicht immer wissen. Was aber gerecht oder ungerecht ist, böse oder gut, das zu entscheiden duldet keinen anhaltenden Aufschub, das kann uns nicht egal sein — und tatsächlich gibt es in den meisten Situationen eine moralische Intuition; ob dieser zu folgen, wie sie zu kritisieren oder was die Alternative ist, gilt es durch Reflexion zu klären.
In der Ethik gibt es keine Indifferenz. Diese wäre bereits Parteinahme, nämlich für die Seite des Schlechten. Denn zu sagen, dass „gut“ und „schlecht“ gleich seien, dass also das Schlechte im Unterschied zum Guten nicht schlecht und das Gute im Unterschied zum Schlechten nicht gut sei, das ist unwahr und also schlecht. Aus dieser Notwendigkeit, ethisch relevante Unterschiede zu machen (erlebe man das nun als Zwang oder als Gnade), kann man sich nicht heraushalten.

Es ist einfach so: Wenn Menschen aneinander handeln und einander Schaden zufügen, ziehen sie jeden mit hinein und sei es nur durch die Unerlässlichkeit einer Stellungnahme. Wenn vor deinen Augen einer einen anderen zusammenschlägt, und du greifst nicht ein, rufst nicht um Hilfe oder zeigst den Täter nicht wenigstens hinterher an, dann stellst du dich auf die Seite des Schlagenden und hast Partei gegen den Geschlagenen ergriffen.
Allerdings folgt aus der ethisch betrachtet allein zulässigen Parteinahme für die Geschlagenen, Beschädigten, Unterdrückten dieser Welt, für die, die in Hunger und Elend leben, die an Mangel, vermeidbaren Krankheiten und in Kriegen sterben, denen man Bildung, Freizügigkeit, Lebensglück und alles mögliche andere vorenthält — aus dieser Parteinahme also folgt nicht, dass die, für die man Partei ergreift, immer alles richtig machen und man alles billigt, was sie getan haben, tun oder zu tun vorhaben.
Ethisch begründete Parteinahme suspendiert gerade nicht das ethische Urteil, sie setzt es voraus, setzt es ins Recht und verpflichtet es zur ständigen Überprüfung. Es mag ja sein, dass man sich unsicher ist und lieber nicht urteilt, als falsch zu urteilen. Das ist lobenswert. Wer sich aber gar nicht bemüht, die Unsicherheit zu überwinden, sondern sich in ihr einrichtet, weil es es bequemer ist, die Unterscheidung zu unterlassen, als für sie den Kopf hinzuhalten, handelt falsch.
Ich selbst mag den Ausdruck „Urteil“ übrigens nicht besonders, er trägt ins Ethische (und Ästhetische) etwas Juristisches hinein, das dort nicht hingehört. Ich zöge den Ausdruck „Entscheidung“ vor, wenn dieser nicht wiederum etwas so Willkürlich-Selbstherrliches hätte. Es geht aber nicht um Setzung, es geht um Einsicht, um Kriterien, die man anerkennt und anwendet, um praktische Folgen aus theoretischen Schlüssen. Soll man statt „Urteil“ lieber „Entscheidungsfindung“ sagen? Dann doch lieber gleich Parteinahme, unter der Voraussetzung, dass diese nicht willkürlich, nicht blind, nicht unbedacht, sondern eben ethisch ist: Behandle jeden so, wie du von ihm behandelt werden möchtest. Wer nicht richtig handeln will, macht bereits etwas falsch.
Darum gilt: Wer mit schlechtem Gewissen Partei ergreift, soll es besser bleiben lassen und erst einmal sein Gewissen erforschen. Wessen Gewissen ihm grundsätzlich nicht erlaubt, Partei zu ergreifen, also Recht Recht zu nennen und Unrecht Unrecht, der sollte besonders gründlich forschen, denn mit seinem Gewissen kann etwas nicht stimmen. Vielleicht ist es gar nicht das Gewissen, das da mit ihm spricht, sondern bloß die Angst, Verantwortung übernehmen zu müssen, sich verantwortlich zu wissen für die Mitmenschen und ihr Tun und Lassen.
Große Worte? Große Worte. Manchmal tun’s kleine nicht. Wenn es um Leben und Tod geht, um Freiheit oder Repression, um Anstand oder Verachtenswertes. Dann kann man nicht so tun, als könne man bloß zuschauen, abwägen, sich eines Urteils (und sei es nur ein vorläufiges, die eigene Endlichkeit und Anfälligkeit für Irrtum und Täuschung berücksichtigendes) enthalten. Wer nicht Partei ergreift, wo Parteinahme gefordert ist — nicht von den Parteien, sondern von der Sache! —, der hat schon Partei ergriffen. Wer nicht für das Gute, Wahre und Schöne eintritt, gibt dem Bösen, der Lüge, der Missstand Raum. Wer nicht bereit ist, Recht Recht zu nennen und Unrecht Unrecht, der hilft mit, dass Unrecht Recht verdrängt.
Ich will das nicht. Ich bringe das nicht über mich. Und ich bin überzeugt, dass das auch kein anderer wollen oder können soll.