Dienstag, 9. November 2021

Balken und Splitter (24)

„Darf eine Schauspielerin, deren Stiefvater mit der IRA sympathisierte, eine angeheiratete Verwandte eines IRA-Opfers spielen?“ (Süddeutsche Zeitung) Ach ja, es sind genau solche Fragen, die die Menschheit umtreiben und die auch ich mir täglich mehrmals stelle. Drecksjournalismus …

Gedenken

Nie wieder, nie wieder, nie wieder, sagen sie, während es gerade geschieht. In anderer Gestalt, weshalb sie so tun können, als bemerkten sie nichts. Gut möglich, dass sie wirklich nichts bemerken. Das haben sie sich ja angewöhnt. Sich nicht mit den Tätern und Mitläufern zu identifizieren ― das wird mit der Beliebigkeit „historischer Verantwortung“ und „Verpflichtung zu Erinnerung“ weggespült ―, sondern mit Überlebenden. Und mit dem Widerstand, der mystifiziert wird, während aktuell Abweichung, Widerspruch, Widersetzlichkeit abgewertet, ausgegrenzt, verfolgt werden.
Ich sehe und höre im Tefau Schülerinnen und Schüler, die die bewundern, die damals nicht mitmachten und sogar „Widerstand leisteten“, aber sie tun das bei einer Schulveranstaltung, bei der sich alle an die Maskenpflicht halten. Keiner findet’s absurd.
Staatliche Willkür, freiwillige Unterwerfung, Ausgrenzung von Gesinnungsfeinden und biologisch definierten Sündenböcken: Es fällt anscheinend niemandem etwas auf. Und falls doch, setzt es Empörung. Wer Vergleiche zieht, übertreibt und verharmlost. Als ob sich alles eins zu eins wiederholen müsste, damit man vom selben Ungeist sprechen dürfte.
Verharmlosen nicht in Wahrheit die, die die Vergangenheit einschreinen in Museen und Mahnmalen und weihevollem Gerede? Hat diese Abschottung des Gewesenen vom gerade Stattfindenden nicht einen Zweck? Je mehr man gedenkt, scheint es, je staatstragender und widerspruchsloser die Erinnerungspolitik ist, desto eher geht gleichzeitig fast jede Schweinerei anstandslos durch.

Wohlstandsprobleme

In Afrika verhungern Menschen … und mitten in Europa diskutieren sie, ob Radwege links oder rechts an parkenden Autos vorbeiführen sollen. Nun leugne ich gar nicht, dass es „dooring“ gibt oder dass dabei Menschen umkommen können. Ich neige halt nur dazu, Relationen zu sehen und Probleme entsprechend zu gewichten. Ich bin eben ein Schwurbler und kindischer Verweigerer.

Auto vs. Fahrrad und umgekehrt?

Einmal mehr weiß ich eine einfache Lösung. Es gibt Schwierigkeiten, Autoverkehr und Fahrradverkehr auf den Straßen reibungsfrei nebeneinander stattfinden zu lassen? Dann muss man das eben so regeln: Von der vollen bis zu halben Stunde dürfen die Autofahrer die Straßen benützen, von der halben bis zu vollen die Radfahrer. Problem gelöst. Nichts zu danken. Ich kann sowas eben.

Balken und Splitter (23)

Meinetwegen nicht mehr „Reichskristallnacht“, sondern „Novemberpogrom“, einverstanden. Aber bitte auf keinen Fall „Reichsprogromnacht“! „Reichskristallnacht“ war bittere Ironie und parodierte das aufgeblasene Nazi-Sprech. „Novemberpogrom“ war dann ein später Versuch der Versachlichung. Aber „Reichspogromnacht“ ist einfach nur ungeschickt und dumm, nicht Fisch, nicht Fleisch ― und wohl darum derzeit bei der Journaille so beliebt.