Samstag, 4. April 2026

Vereinfachen oder Verkomplizieren

Man könnte mir nachsagen, ich sei ein schrecklicher Vereinfacher. Ich striche dann „schrecklich“ und ersetzte es durch „wunderbar“. Aber so einfach darf man es sich gewiss nicht machen.
Tatsächlich bin ich ein schlichtes Gemüt. Will sagen, um etwas verstehen zu können, muss ich es mir so zurechtlegen, dass es ich es handhaben kann. Es sozusagen mundgerecht schneiden, statt das Maul zu weit aufzureißen und mich dann an übergroßen Bissen zu verschlucken.
Im Grunde macht das jeder, mit mehr oder weniger Geschick: Was man verstehen will, muss verständlich gemacht werden, muss den eigenen Möglichkeiten des Verstehens angepasst werden, der eigenen Begrifflichkeit, den eigenen Denkgewohnheiten angepasst werden. Freilich kann man auch sich selbst verändern, um etwas zu verstehen, neue Begriffe, neue Denkweisen einüben. Manche allerdings lassen das, was sie nicht verstanden haben, einfach so stehen, machen aber trotzdem davon Gebrauch, um so schlauer zu wirken, als sie sind …
Darin, das Komplizierte zwar nicht auf Simples zu reduzieren, aber doch verweisen zu lassen, sehe ich übrigens auch eine notwendige Methode der Philosophie. Indem man vereinfacht, kann man auch Schwieriges begreifen, jedenfalls ein Stück weit. Denn etwas Kompliziertes ist ja aus Elementen zusammengesetzt, die keineswegs selbst kompliziert sein müssen. So kann man schrittweise verstehen oder mit dem eigenen Unverständnis umgehen lernen.
Meinem Verständnis von Philosophie entgegengesetzt handeln viele Schaudenker, Schönredner und Dummschwätzer, die ihre Geschäftstätigkeit darauf gründen, das Einfache möglichst vertrackt und unübersichtlich darzubieten. So simulieren sie Tiefsinn und erhöhten Durchblick. Derlei wird dann gern von denen gekauft, die am Distinktionsgewinn durch das ornamentale Geschwafel der schrecklichen Verkomplizierer teilhaben wollen.
In Wahrheit erlaubtem erst Klarheit und Deutlichkeit, also auch das Vereinfachen des Schwierigen und Zerlegen des Komplizierten, kritisches Denken. Die Verhältnisse sind oft unübersichtlich genug, künstliche Schwierigkeiten einzuführen und Verständnishindernisse aufzurichten. ist autoritär und elitär.
Der Trick ist oft, Kritik am Verkomplizieren damit zurückzuweisen, dass die Kritiker einfach nicht den Komplexitätsgrad erkannt und verstanden hätten, der von der Sache her geboten sei. Das ist ein Denkfehler: Je komplizierter etwas ist, desto einfacher muss es Schritt für Schritt gemacht werden. Das Verstandenhaben von schwer zu Verstehendem durch gewollte Unverständlichkeit zu simulieren, ist denkfeindlich.
Selbstverständlich muss angemessene von unangemessener Vereinfachung unterschieden werden. Von Mal zu Mal. Darin besteht ja die Kunst, das Herausfordende nicht um seinen Gehalt zu bringen, sondern mit geeigneten Mittel von den Widrigkeiten der Unzugänglichkeit, Unfassbarkeit, Undurchdringlichkeit zu befreien. Wenn denn da überhaupt ein Gehalt ist und nicht nur heiße Luft.
Was jeweils angemessen ist, entscheidet der Erkenntnisgewinn. Klingt einfach, ist es aber nicht. Jetzt habe ich es verstanden, freut sich ein Subjekt, aber andere Subjekte schütteln nur den Kopf. Und der Prozess des Verständlichmachens geht weiter. Wirklich verstanden hat man nur, was man anderen verständlich machen kann.
Es ist besser, von etwas nur ein bisschen zu verstehen, als gar nichts. Lieber ein produktives Missverständnis als völliges Unverständnis. Besser etwas besser verstehen, als es gemeint ist, als schlechter, als es gemeint sein könnte. Und auf jeden Fall ist Vereinfachen, das verstehen lässt, dem Verkomplizieren vorzuziehen, das bloß beeindrucken will und von Verstehen ausschließt. 

Karsamstagsmeditation

Ich bin Anarchist, weil ich überzeugt bin, , dass nur ein herrschaftsfreies Zusammenleben der menschlichen Würde entspricht, dass nur unter den Bedingungen gewaltloser Gleichheit und gleichberechtigter Verschiedenheit eine wirklich vernünftige und gerechte Ordnung gestaltet werden kann, dass nur so das Wohlergehen von jedem und allen erreicht werden und gewahrt bleiben kann. Zugleich glaube ich an Gott, weil selbst die besten irdischen Zustände, die Freiheit, Gerechtigkeit und Wohlstand gewähren, nicht genügen ― denn warum und wozu das alles? Am Leben zu sein und glücklich miteinander zu leben, sich ohne Zwang entfalten zu können und seine schöpferischen Möglichkeiten zum eigenen und allgemeinen Wohl oder doch Wohlgefallen auszuschöpfen, das ist unmöglich ein Selbstzweck. Zufriedenheit und Glück kann nicht alles gewesen sein, denn Menschen sind endlich und sterblich. Mit dem Tod eines Einzelnen schon stirbt ein Teil der Welt und scheint unwiederbringlich verloren. Welchen Sinn hat es, für den Einzelnen zu kämpfen, wenn er sterben muss? Wenn die Welt zu Grunde gehen kann und irgendwann auch wird.
Es muss doch für all das, wofür es sich einzusetzen lohnt, einen Grund und einen Sinn geben, der über das Endliche und Vergänglich hinausweist, einen letzten Sinn, ein letztes Ziel, eine letzte Erfüllung. Das aber kann nicht von diese Welt sein, es muss transzendent sein. Es kann auch nicht etwas sein, es muss jemand sein: Gott. Das vollkommene und vollkommen gute Wesen, dass alles geschaffen hat und erhält. Auf ihn ist alles ausgerichtet, in ihm findet alles Grund und Sinn.
Darum gehören für mich Anarchismus und Glaube zusammen. Gott ist Freiheit. Wer Gott und seinen Nächsten liebt, will Freiheit, will Würde und Gerechtigkeit, will, dass es allen geistig, seelisch, körperlich gut geht. Er will auf keinen Fall Unterdrückung, Ausbeutung, Zerstörung und Tod. Weil aber Menschen sterblich und schon so viele gestorben sind, muss es den einen geben, der den Tod besiegt und das ewige Leben gewährt.
Leid und Tod sind Folgen der Sünde, der eigenen Sünden und der Sünden der anderen, an denen man mitträgt, einfach, weil man Mensch unter Menschen ist. Sünde ist Unfreiheit, Leid ist der erlebte Widerspruch von Sein und Sollen. Gott allein kann davon befreien. Nur seine Gnade kann zu einem freien, nämlich auch sündenfreien Menschen machen und zur ewigen Seligkeit führen. Unterwegs dahin müssen die Menschen alles tun, um der Herrschaft der Sünde entgegenzutreten und sich ihr nicht zu unterwerfen.
Das ist für mich Anarchismus: Unaufhörlicher Kampf gegen das Böse, gegen das System, des Bösen, gegen die Verführung zum Bösen, und der Versuch, schon jetzt anders, besser, freier, fürsorglicher, gerechter, rücksichtsvoller, schöpferischer mit einander umzugehen und für dafür Denkweisen und Organisationsformen zu entwerfen und zu praktizieren.
Herrschaft von Menschen über Menschen (und die angestrebte Herrschaft von Maschinen über Menschen) ist unmoralisch, dumm und zerstörerisch. Was man das „Reich Gottes“ nennt ist gut, weise, vernünftig, gerecht und schöpferisch. In Gemeinschaft mit Gott ist den Menschen alles möglich. Auch das ewige Leben.