Nicht um Gesinnungsgenossenschaft kann es heute gehen und nicht darum, lieber mit den Freunden zu irren als mit Nicht-Freunden recht zu haben. Irrtum ist in unserer Lage schlimmer als jede Lumperei.
Montag, 23. März 2026
Dienstag, 17. März 2026
Trampelpfade
Als Kind und Jugendlicher mochte ich sie überhaupt nicht, diese von unzähligen Füßen nach und nach und seit langem in irgendeine Grünfläche hineingestampften Abkürzungen, meistens krumm, längst zur Institution geworden, die alle nutzen, nützlich, weil zeitsparend. Sie waren eine ungeplante, zunächst spontane Weigerung, die von anonymen Planern festgelegten Wege zu gehen, die umständlicher waren, meistens rechtwinklig, immer gepflastert oder asphaltiert. Ich ging lieber die vorgesehen Wege. Die Abweichungen erschienen mir hässlich und zwanghaft, ein Verstoß gegen sinnvolle Ordnung und eine Anmaßung Unbefugter. Gerade weil alle anderen die Trampelpfade nutzten, verweigerte ich sie.
Erst später im Leben begriff ich, dass die von den Leuten ausgetreten Wege auch ein ein Protest waren gegen die Unüberlegtheit des obrigkeitlichen Planens und Bauens, das nicht Bequemlichkeit der Benutzer, sondern Gängelung durch abstrakte Formen im Sinn hatte.
Ich war immer eigensinnig und gerade darum skeptisch gegenüber vorgegeben Rebellionen. Wenn, wie gesagt, alle den Trampelpfad nutzen, ist er keine Abweichung mehr, sondern eigentlich eine Vorschrift. Andererseits verletzt er sehr wohl die gebauten Vorschriften. Es ist also schwierig, einen Weg zu finden, der den eigenen aufrechten Gang weder dem Konformismus der Masse unterwirft noch sich abfindet mit der angemaßten Autorität herrschender Strukturen. Man müsste halt durch Wände gehen können. Da man das aber nicht kann, gilt es im Einzelfall zu unterscheiden, welcher Weg der bequemere und zweckmäßigere ist. In jedem Fall sollte es der eigene sein.
Erst später im Leben begriff ich, dass die von den Leuten ausgetreten Wege auch ein ein Protest waren gegen die Unüberlegtheit des obrigkeitlichen Planens und Bauens, das nicht Bequemlichkeit der Benutzer, sondern Gängelung durch abstrakte Formen im Sinn hatte.
Ich war immer eigensinnig und gerade darum skeptisch gegenüber vorgegeben Rebellionen. Wenn, wie gesagt, alle den Trampelpfad nutzen, ist er keine Abweichung mehr, sondern eigentlich eine Vorschrift. Andererseits verletzt er sehr wohl die gebauten Vorschriften. Es ist also schwierig, einen Weg zu finden, der den eigenen aufrechten Gang weder dem Konformismus der Masse unterwirft noch sich abfindet mit der angemaßten Autorität herrschender Strukturen. Man müsste halt durch Wände gehen können. Da man das aber nicht kann, gilt es im Einzelfall zu unterscheiden, welcher Weg der bequemere und zweckmäßigere ist. In jedem Fall sollte es der eigene sein.
Samstag, 14. März 2026
Über Natur als etwas Kulturelles
Natur kommt in der Natur nicht vor. Natur, was auch immer man darunter verstehen will, wird ausschließlich innerhalb von dem, was man Kultur nennt, zum Thema. Das bedeutet nicht, dass es nichts außerhalb von Kultur gibt, sondern dass das „Außerkulturelle“, was immer es sein mag, nur „innerkulturell“ zur Sprache kommen kann. Nichts Wirkliches, sei es auch noch so mächtig und wirke es auch noch so ungewusst und unbewusst, kann auf den Begriff gebracht werden, ohne dass das im menschlichen Denken geschieht.
Das gilt auch für die sogenannten Naturwissenschaften. Auch wenn ihre Gegenstände nichts Kulturelles sind (worüber man übrigens verschiedener Meinung sein kann: Heißt etwas zum Gegenstand zu machen nicht immer auch, es in seiner Gegenständlichkeit zu setzen?), auch wenn also die sogenannten objektiven Naturtatsachen als unabhängig von Menschen existierend konzipiert werden, so sind doch die wissenschaftlichen Tätigkeiten des Beobachtens, Messens, Auswertens, Beschreibens, Theoretisierens (und auch noch das Übertragen solcher Funktionen an Maschinen) und selbstverständlich auch das Betreiben von Forschungseinrichtungen, Bildungseinrichtungen, Fachpublikationen, Konferenzen usw. usf. allesamt menschliche Tätigkeiten, die nur innerhalb eines sozialen und damit kulturellen Kontextes stattfinden und nur in diesem Rahmen als sinnvoll erscheinen können.
Natur ist außerhalb von Kultur nicht zugänglich. Jeder Naturbegriff setzt kulturelle Zusammenhänge voraus und gilt nur innerhalb von ihnen. Wer also, wie manche es beanspruchen oder fordern, über den Menschen hinaus denken und die Perspektive von Außermenschlichem (der Umwelt, dem Planeten, dem Kosmos oder was auch immer) einnehmen will, sollte bedenken, dass er das, wenn überhaupt, nur als Mensch kann. Nur Menschen können versuchen, sich vorzustellen, wie es wäre, wenn es sie nicht gäbe oder wenn für sie Bedingungen gälten, die weit über sie hinausgingen.
Dass alle Rede von Natur ein kulturelles Tun ist, ist ethisch wichtig und auch epistemologisch. Den einerseits müssen alle Konzept der Realität sich fragen lassen, was sie für das menschliche Tun und Lassen bedeuten, ob sie Handlungsfähigkeit und das Übernehmen von (wie auch immer begrenzter) Verantwortung stärken oder ob sie Ausreden fördern und den bequemen Rückzug auf ein Gefühl der Vergeblichkeit und des Ausgeliefertseins. Andererseits muss die Unvermeidbarkeit des Menschlichen an allen aufs Außermenschliche gerichteten Erkenntnisbestrebungen unbedingt (wenn schon nicht in der Methodologie der Naturwissenschaftem so doch in der Philosophie) mitbedacht werden, weil bei derlei Bemühungen sonst bloß unehrliche Ideologie und falscher Mythos herauskommen können.
Mag sein, dass der Mensch nicht das Maß aller Dinge ist. Aber jedes Maß, das Menschen anlegen sollen, muss eben von ihnen angelegt werden. Ein anders Maß, einen anderen Maßstab zu fordern, ist nur dann sinnvolle Rede, wenn sie sich an Menschen richtet. Wer sonst sollte etwas an seiner Sichtweise, gar an seinem Handeln ändern?
Das gilt auch für die sogenannten Naturwissenschaften. Auch wenn ihre Gegenstände nichts Kulturelles sind (worüber man übrigens verschiedener Meinung sein kann: Heißt etwas zum Gegenstand zu machen nicht immer auch, es in seiner Gegenständlichkeit zu setzen?), auch wenn also die sogenannten objektiven Naturtatsachen als unabhängig von Menschen existierend konzipiert werden, so sind doch die wissenschaftlichen Tätigkeiten des Beobachtens, Messens, Auswertens, Beschreibens, Theoretisierens (und auch noch das Übertragen solcher Funktionen an Maschinen) und selbstverständlich auch das Betreiben von Forschungseinrichtungen, Bildungseinrichtungen, Fachpublikationen, Konferenzen usw. usf. allesamt menschliche Tätigkeiten, die nur innerhalb eines sozialen und damit kulturellen Kontextes stattfinden und nur in diesem Rahmen als sinnvoll erscheinen können.
Natur ist außerhalb von Kultur nicht zugänglich. Jeder Naturbegriff setzt kulturelle Zusammenhänge voraus und gilt nur innerhalb von ihnen. Wer also, wie manche es beanspruchen oder fordern, über den Menschen hinaus denken und die Perspektive von Außermenschlichem (der Umwelt, dem Planeten, dem Kosmos oder was auch immer) einnehmen will, sollte bedenken, dass er das, wenn überhaupt, nur als Mensch kann. Nur Menschen können versuchen, sich vorzustellen, wie es wäre, wenn es sie nicht gäbe oder wenn für sie Bedingungen gälten, die weit über sie hinausgingen.
Dass alle Rede von Natur ein kulturelles Tun ist, ist ethisch wichtig und auch epistemologisch. Den einerseits müssen alle Konzept der Realität sich fragen lassen, was sie für das menschliche Tun und Lassen bedeuten, ob sie Handlungsfähigkeit und das Übernehmen von (wie auch immer begrenzter) Verantwortung stärken oder ob sie Ausreden fördern und den bequemen Rückzug auf ein Gefühl der Vergeblichkeit und des Ausgeliefertseins. Andererseits muss die Unvermeidbarkeit des Menschlichen an allen aufs Außermenschliche gerichteten Erkenntnisbestrebungen unbedingt (wenn schon nicht in der Methodologie der Naturwissenschaftem so doch in der Philosophie) mitbedacht werden, weil bei derlei Bemühungen sonst bloß unehrliche Ideologie und falscher Mythos herauskommen können.
Mag sein, dass der Mensch nicht das Maß aller Dinge ist. Aber jedes Maß, das Menschen anlegen sollen, muss eben von ihnen angelegt werden. Ein anders Maß, einen anderen Maßstab zu fordern, ist nur dann sinnvolle Rede, wenn sie sich an Menschen richtet. Wer sonst sollte etwas an seiner Sichtweise, gar an seinem Handeln ändern?
Donnerstag, 12. März 2026
Strafe oder Einsicht, Mensch oder Funktion
In einer Diskussion über China zitiert jemand eine alte Frau, die gesagt habe, wenn ihr ein junger Mann im Bus seinen Sitzplatz anbiete, sei es völlig egal, ob er das aus Höflichkeit tue oder weil er sonst ein Punktabzug im Sozialen Kreditsystem befürchten müsse.
Ich finde das entsetzlich. Die Reduktion des Mitmenschen auf die Funktion, die er für mich hat, ist entwürdigend, für beide Seiten. Wenn man annehmen muss, alle Menschen, mit denen man es zu tun habe, verhielten sich nicht freiwillig und auf Grund ihrer moralischen Überzeugungen so, wie sie sich verhalten, sondern unter Druck und aus Angst, dann lebt man in einer Gesellschaft des permanenten Terrors.
Zu sehr haben sich die Insassen der modernen Zivilisation daran gewöhnt, im Alltag regelmäßig rein funktionale Beziehungen zu einander zu haben, asoziale Beziehungen sozusagen, entmenschlichte. Der Busfahrer, die Supermarktkassiererin, die Person am Schalter oder bei der Service-Hotline usw. usf.: Nie geht es um die Person als solche, nicht um ihren Charakter, ihre Geschichte, ihre Lebenssituation, ihre Wünsche, Träume, Vorlieben. Meist auch nicht um ihren Namen oder ihr Aussehen. Der Mensch, mit dem ich es zu tun habe, hat nur eine Funktion für mich, es geht um das, was ich will und der andere für mich tun soll.
Genau darum gibt es ja die Tendenz, Menschen durch Maschinen zu ersetzen: Fahrkartenautomaten und „autonom“ fahrende Busse, Supermarktkassen, an denen man die Warenpreis selbst addieren lassen muss, Computerprogramme, die Auskünfte geben und „weiterhelfen“. Störanfällig und oft ohne Spezialwissen nicht zu bedienen (und wie soll man ein Gerät fragen, wie man es bedienen soll?), aber der Zug der Zeit: kein Lohn, kein Krankenstand, kein Betriebsrat.
Die Phantasien gehen ja bekanntlich noch weiter: Roboter, die in Krankenhäusern pflegen und womöglich sogar behandeln;, die die Betreuung und den Unterricht für Kinder übernehmen und einen Sozialkontaktersatz für einsame Alte übernehmen. Roboter, die Kriege ausführen, deren Strategien Computer errechnet haben.
Die schrittweise Abschaffung sozialer Beziehungen und ihre Ersetzung durch automatisierte Funktionen findet unter dem allbeherrschenden Gesetz der Profitmaximierung als Zwang statt; angedient freilich wird sie den Benützern (die damit freilich immer mehr zu Benützten werden) Erleichterung und Entlastung, als Vereinfachung und Verbesserung, zudem getarnt als Spielzeug und putzige Quasilebewesen: Seht nur was für niedliche Kinderaugen der Roboter hat, wie er als Hundchen lustig kläfft, wie geschickt er tanzt oder Akrobatik vollführt! Wie soll man etwas gegen die Entmenschlichung haben, wenn sie so sentimental und spektakulär daherkommt! Inzwischen lassen sich Menschen nicht nur von chatbots in allen Lebenslagen beraten, sie verlieben sich sogar in sie ― und wollen sie heiraten.
Doch zurück zur alten Chinesen vom Anfang. Angeblich erfreut sich das (noch in Testphasen befindliche Sozialkreditsystem) größter Zustimmung und Beliebtheit. Ob das stimmt, kann man nicht wissen, da es im kommunistisch beherrschten China weder freie Medien noch unabhängige Demoskopie gibt; und wer Teil eines Testprojektes ist, kann ohnehin nur zustimmen …
Erwünschtes Verhalten wird belohnt, unerwünschtes bestraft, noch dazu schön in Zahlen ausgedrückt mit einem Punktesystem. Wem es an Punkten mangelt, der kommt beruflich nicht voran oder verliert sogar seinen Arbeitsplatz, darf nicht reisen (schon gar nicht ins Ausland), ihm wird die Geschwindigkeit des (ohnehin allgemein zensierten) Internets gedrosselt, er zahlt höhere Steuern usw. usf. Den Müll nicht trennen, im Bus einer Oma den Sitzplatz nicht anbieten, die falschen Bücher lesen wollen: Da spart man sich das Strafrecht und bestraft (wohl automatisiert) mit Punktabzug.
Wer will in solch einer Gesellschaft leben? Wie heruntergekommen muss eine Kultur sein, um derlei gut zu finden und nicht von ganzem Herzen zu hassen!
Probleme des Zusammenlebens sind politische und moralische Probleme und bedürfen deshalb politischer und moralischer Lösungen, keiner technischen. Das heißt nicht, dass sie nicht funktionieren. Mein Lieblingsbeispiel (bei dem es noch nicht einmal um Automatisierung geht); Selbstverständlich bringen Bodenschwellen in Straßen, die an Kindergärten und Schulen vorüberführen, die Autofahrer dazu, langsamer zu fahren, weil sie ihr Fahrzeug nicht schädigen wollen. Aber wäre es nicht besser, bereits ein Schild „Kindergarten“ oder „Schule“ brächte die Verkehrsteilnehmer auf Grund von einsichtsvoller Erziehung und selbständiger Einsicht dazu, sich ausreichend rücksichtsvoll und achtsam zu verhalten?
Welche Gesellschaft ist höher entwickelt und in welcher möchte man lieber leben: Einer, in der Menschen tun, was sie (nach Meinung der Obrigkeit) tun sollen, weil man sie mit Strafe und Lohn dazu zwingt? Oder in einer, in der die Menschen gute Umgangsformen haben und von sich aus, weil sie es wollen, das Richtige tun und das Falsche lassen?
Technische Lösungen sind effizient und darauf aus, Abweichungen zu eliminieren. Wer aber legt ihre Normen fest? Wer organisiert die Kontrolle und Auswertung? Wer sammelt die Daten und macht damit, was er will? Naturgemäß die, die an der Macht sind. Eine freie Gesellschaft gestaltet man damit nicht. Nur eine von gehorsamen Punktesklaven, von Heuchlern und Denunzianten. Es herrscht dann eine totalitäre Sozialpolizei, die sich tief in der Psyche verankern will. Gute Nacht, Menschlichkeit!
Ich finde das entsetzlich. Die Reduktion des Mitmenschen auf die Funktion, die er für mich hat, ist entwürdigend, für beide Seiten. Wenn man annehmen muss, alle Menschen, mit denen man es zu tun habe, verhielten sich nicht freiwillig und auf Grund ihrer moralischen Überzeugungen so, wie sie sich verhalten, sondern unter Druck und aus Angst, dann lebt man in einer Gesellschaft des permanenten Terrors.
Zu sehr haben sich die Insassen der modernen Zivilisation daran gewöhnt, im Alltag regelmäßig rein funktionale Beziehungen zu einander zu haben, asoziale Beziehungen sozusagen, entmenschlichte. Der Busfahrer, die Supermarktkassiererin, die Person am Schalter oder bei der Service-Hotline usw. usf.: Nie geht es um die Person als solche, nicht um ihren Charakter, ihre Geschichte, ihre Lebenssituation, ihre Wünsche, Träume, Vorlieben. Meist auch nicht um ihren Namen oder ihr Aussehen. Der Mensch, mit dem ich es zu tun habe, hat nur eine Funktion für mich, es geht um das, was ich will und der andere für mich tun soll.
Genau darum gibt es ja die Tendenz, Menschen durch Maschinen zu ersetzen: Fahrkartenautomaten und „autonom“ fahrende Busse, Supermarktkassen, an denen man die Warenpreis selbst addieren lassen muss, Computerprogramme, die Auskünfte geben und „weiterhelfen“. Störanfällig und oft ohne Spezialwissen nicht zu bedienen (und wie soll man ein Gerät fragen, wie man es bedienen soll?), aber der Zug der Zeit: kein Lohn, kein Krankenstand, kein Betriebsrat.
Die Phantasien gehen ja bekanntlich noch weiter: Roboter, die in Krankenhäusern pflegen und womöglich sogar behandeln;, die die Betreuung und den Unterricht für Kinder übernehmen und einen Sozialkontaktersatz für einsame Alte übernehmen. Roboter, die Kriege ausführen, deren Strategien Computer errechnet haben.
Die schrittweise Abschaffung sozialer Beziehungen und ihre Ersetzung durch automatisierte Funktionen findet unter dem allbeherrschenden Gesetz der Profitmaximierung als Zwang statt; angedient freilich wird sie den Benützern (die damit freilich immer mehr zu Benützten werden) Erleichterung und Entlastung, als Vereinfachung und Verbesserung, zudem getarnt als Spielzeug und putzige Quasilebewesen: Seht nur was für niedliche Kinderaugen der Roboter hat, wie er als Hundchen lustig kläfft, wie geschickt er tanzt oder Akrobatik vollführt! Wie soll man etwas gegen die Entmenschlichung haben, wenn sie so sentimental und spektakulär daherkommt! Inzwischen lassen sich Menschen nicht nur von chatbots in allen Lebenslagen beraten, sie verlieben sich sogar in sie ― und wollen sie heiraten.
Doch zurück zur alten Chinesen vom Anfang. Angeblich erfreut sich das (noch in Testphasen befindliche Sozialkreditsystem) größter Zustimmung und Beliebtheit. Ob das stimmt, kann man nicht wissen, da es im kommunistisch beherrschten China weder freie Medien noch unabhängige Demoskopie gibt; und wer Teil eines Testprojektes ist, kann ohnehin nur zustimmen …
Erwünschtes Verhalten wird belohnt, unerwünschtes bestraft, noch dazu schön in Zahlen ausgedrückt mit einem Punktesystem. Wem es an Punkten mangelt, der kommt beruflich nicht voran oder verliert sogar seinen Arbeitsplatz, darf nicht reisen (schon gar nicht ins Ausland), ihm wird die Geschwindigkeit des (ohnehin allgemein zensierten) Internets gedrosselt, er zahlt höhere Steuern usw. usf. Den Müll nicht trennen, im Bus einer Oma den Sitzplatz nicht anbieten, die falschen Bücher lesen wollen: Da spart man sich das Strafrecht und bestraft (wohl automatisiert) mit Punktabzug.
Wer will in solch einer Gesellschaft leben? Wie heruntergekommen muss eine Kultur sein, um derlei gut zu finden und nicht von ganzem Herzen zu hassen!
Probleme des Zusammenlebens sind politische und moralische Probleme und bedürfen deshalb politischer und moralischer Lösungen, keiner technischen. Das heißt nicht, dass sie nicht funktionieren. Mein Lieblingsbeispiel (bei dem es noch nicht einmal um Automatisierung geht); Selbstverständlich bringen Bodenschwellen in Straßen, die an Kindergärten und Schulen vorüberführen, die Autofahrer dazu, langsamer zu fahren, weil sie ihr Fahrzeug nicht schädigen wollen. Aber wäre es nicht besser, bereits ein Schild „Kindergarten“ oder „Schule“ brächte die Verkehrsteilnehmer auf Grund von einsichtsvoller Erziehung und selbständiger Einsicht dazu, sich ausreichend rücksichtsvoll und achtsam zu verhalten?
Welche Gesellschaft ist höher entwickelt und in welcher möchte man lieber leben: Einer, in der Menschen tun, was sie (nach Meinung der Obrigkeit) tun sollen, weil man sie mit Strafe und Lohn dazu zwingt? Oder in einer, in der die Menschen gute Umgangsformen haben und von sich aus, weil sie es wollen, das Richtige tun und das Falsche lassen?
Technische Lösungen sind effizient und darauf aus, Abweichungen zu eliminieren. Wer aber legt ihre Normen fest? Wer organisiert die Kontrolle und Auswertung? Wer sammelt die Daten und macht damit, was er will? Naturgemäß die, die an der Macht sind. Eine freie Gesellschaft gestaltet man damit nicht. Nur eine von gehorsamen Punktesklaven, von Heuchlern und Denunzianten. Es herrscht dann eine totalitäre Sozialpolizei, die sich tief in der Psyche verankern will. Gute Nacht, Menschlichkeit!
Verblödung in der Wissensgesellschaft
Wie kann es sein, dass wir angeblich in einer Wissensgesellschaft leben, die Leute aber immer blöder werden? Oder ist beides dasselbe. die Zunahme des Wissens und von dessen Bedeutung einerseits und andererseits die Fülle der Formen des Unwissens? Als ob das spezialisierte Wissen in einigen Bereichen ein unspezifisches Unwissen in so vielen anderen gleichsam mitproduzierte. Das alte Thema von Fachidiotie und mangelnder Allgemeinbildung? Gefördert von überforderten Schulen und höheren Bildungseinrichtungen, die nur formale Qualifikationen einfordern, auf Zusammenhänge und Bildungsweite und Bildungstiefe aber nicht achten können und wollen?
Wissen werde immer wichtiger, heißt es. Aber das ist Blödsinn. Wissen war immer schon wichtig und entscheidend. Schon die Jäger und Sammler, um die mal wieder zu erwähnen, mussten wissen, wie man jagt und was man sammelt und was man mit Gesammeltem und Erbeutetem anfangen kann. Und was giftig und unbekömmlich ist. Ihr Wissen war überlebenswichtig und wurde gewiss von Generation zu Generation weitergegeben. Heutzutage ist den hochtechnisierten und massiv arbeitsteiligen Gesellschaften das wichtige Wissen oft nicht mehr eine Frage von Leben oder Tod, sondern ein Bedienungswissen. Nahrung, Kleidung, Obdach, Medikation usw. ― darum kümmern sich im Grunde andere, die man dafür bezahlt. Man selbst muss eigentlich nur wissen, was man braucht, um einen Job erledigen zu können, der einem das Bezahlen erlaubt. Und man will wissen, wie man Spaß hat und von anderen akzeptiert wird (Spiel- und Sozialwissen).
Selbstverständlich stellen selbst unzureichende Bildungseinrichtungen eine Menge an Wissen zur Verfügung, das früher nur wenigen zugänglich war. Aber was soll man sagen, obwohl in so vielen Ländern fast jeder die Chance bekommt, Lesen und Schreiben zu lernen, hapert es (man schaue im Internet auf die Kommentare) bei viel zu vielen mit der Anwendung. Ebenso mit Geschichtswissen, Rechnen, den Grundlagen der Naturwissenschaften oder Kenntnissen von Literatur, Künsten, Musik.
Fast scheint es, das Bildungs- und Kommunikationssystem reserviere spezielles Wissen für wenige und enthalte Allgemeinbildung den Vielen vor. Verblödung ist kein Zufall, sondern systemimmanent. Wissen soll dem System dienen ― also der Profitmaximierung auf Kosten von Natur und Mensch ― , also praxisnah, beschränkt, zusammenhanglos und technisch sein. Grundsätzliche Fragen sollen entweder nicht vorkommen oder die Spinner, Träumer, Schwätzer sollen damit unter sich bleiben. Funktioniere, hab Spaß, nähre dich redlich und mucke nicht auf. Wisse nur, was du musst. Frag nicht zu viel. Bleib bei deinem Leisten.
Wissen werde immer wichtiger, heißt es. Aber das ist Blödsinn. Wissen war immer schon wichtig und entscheidend. Schon die Jäger und Sammler, um die mal wieder zu erwähnen, mussten wissen, wie man jagt und was man sammelt und was man mit Gesammeltem und Erbeutetem anfangen kann. Und was giftig und unbekömmlich ist. Ihr Wissen war überlebenswichtig und wurde gewiss von Generation zu Generation weitergegeben. Heutzutage ist den hochtechnisierten und massiv arbeitsteiligen Gesellschaften das wichtige Wissen oft nicht mehr eine Frage von Leben oder Tod, sondern ein Bedienungswissen. Nahrung, Kleidung, Obdach, Medikation usw. ― darum kümmern sich im Grunde andere, die man dafür bezahlt. Man selbst muss eigentlich nur wissen, was man braucht, um einen Job erledigen zu können, der einem das Bezahlen erlaubt. Und man will wissen, wie man Spaß hat und von anderen akzeptiert wird (Spiel- und Sozialwissen).
Selbstverständlich stellen selbst unzureichende Bildungseinrichtungen eine Menge an Wissen zur Verfügung, das früher nur wenigen zugänglich war. Aber was soll man sagen, obwohl in so vielen Ländern fast jeder die Chance bekommt, Lesen und Schreiben zu lernen, hapert es (man schaue im Internet auf die Kommentare) bei viel zu vielen mit der Anwendung. Ebenso mit Geschichtswissen, Rechnen, den Grundlagen der Naturwissenschaften oder Kenntnissen von Literatur, Künsten, Musik.
Fast scheint es, das Bildungs- und Kommunikationssystem reserviere spezielles Wissen für wenige und enthalte Allgemeinbildung den Vielen vor. Verblödung ist kein Zufall, sondern systemimmanent. Wissen soll dem System dienen ― also der Profitmaximierung auf Kosten von Natur und Mensch ― , also praxisnah, beschränkt, zusammenhanglos und technisch sein. Grundsätzliche Fragen sollen entweder nicht vorkommen oder die Spinner, Träumer, Schwätzer sollen damit unter sich bleiben. Funktioniere, hab Spaß, nähre dich redlich und mucke nicht auf. Wisse nur, was du musst. Frag nicht zu viel. Bleib bei deinem Leisten.
Über permanente technische Innovation
Wozu braucht es immer mehr und immer neue Technik? Es liegt auf der Hand: Um die Menschen zu entmündigen, zu unterdrücken und auszubeuten. Man gaukelt ihnen zwar vor, „die Technik“ ― um diesen mythischen Ausdruck zu gebrauchen ― sei ihre Freundin. Das ist sie aber nicht und kann es nicht sein, nicht unter denen herrschenden Bedingungen, wenn also Entwicklung, Verbreitung und auch Anwendung technischer Phänomene fest in der Hand von profitsüchtigen Konzernen sind. Welches Interesse hätten diese daran, technische Mittel erfinden zu lassen und zur Verfügung zu stellen, die den Menschen ein freieres, selbstbestimmteres, gerechteres, würdevolleres Leben und Zusammenleben ermöglichten? Keines. Im Gegenteil. Man ködert mit Spieltrieb, Unterhaltung, Zerstreuung, ein wenig Bequemlichkeit (die oft mit Abhängigkeit bezahlt wird) und zwingt dann Geräte und Gebrauchsweisen auf, teils direkt (etwa in der Arbeitswelt), teils indirekt (durch Moden und sozialen Druck). „Die Technik“ ist ein Herrschaftsmittel ― und zwar umso mehr, als sie „nicht mehr wegzudenken“ ist (wie die verräterische Phase lautet), also den Alltag bestimmt, fest in individuellen Praktiken verwurzelt ist und als Dispositiv funktioniert als unkritisch hinzunehmender sozialer, politischer, kultureller, ökonomischer Rahmen, der festlegt, was geschehen darf und was nicht, was denkbar ist und was undenkbar.
Gewiss dient die permanente technische Innovation auch dem Umsatz: Technik als Ware soll rasch veralten, um durch neue ersetzt werden zu müssen. Das betrifft Geräte, Programme und auch bloßes Aussehen. Alles wird so konstruiert, dass es nicht dauerhaft zu gebrauchen ist. Die nächste Ware wartet schon. Aber das ist nur die Zwischenphase vor dem nächsten Innovationsschub, der dann eine neue Art von technischem Gerät einführt, die man unbedingt haben, der man sich unbedingt unterwerfen muss.
Technische Entwicklungen werden als unvermeidlich hingestellt: das und das wird kommen, das und das muss kommen, und wir werden es alle haben wollen. Kritik kann demnach nur technikfeindlich sein, weltfremd, spinnert. „Die Technik“ macht alles besser, schöner, einfacher. Und wenn sie mal nicht funktioniert, was in Wahrheit mindestens so sehr ihr normaler Status ist wie das Funktionieren, sind das Störungen, die mit noch mehr Technik leicht zu beheben sind. Grundsätzliche Fragen nach dem Sinn immer neuer technischer Produkte, immer stärkerer Abhängigkeit und Entmündigung werden nicht gestellt. Damit sind sie aber eigentlich auch beantwortet …
Gewiss dient die permanente technische Innovation auch dem Umsatz: Technik als Ware soll rasch veralten, um durch neue ersetzt werden zu müssen. Das betrifft Geräte, Programme und auch bloßes Aussehen. Alles wird so konstruiert, dass es nicht dauerhaft zu gebrauchen ist. Die nächste Ware wartet schon. Aber das ist nur die Zwischenphase vor dem nächsten Innovationsschub, der dann eine neue Art von technischem Gerät einführt, die man unbedingt haben, der man sich unbedingt unterwerfen muss.
Technische Entwicklungen werden als unvermeidlich hingestellt: das und das wird kommen, das und das muss kommen, und wir werden es alle haben wollen. Kritik kann demnach nur technikfeindlich sein, weltfremd, spinnert. „Die Technik“ macht alles besser, schöner, einfacher. Und wenn sie mal nicht funktioniert, was in Wahrheit mindestens so sehr ihr normaler Status ist wie das Funktionieren, sind das Störungen, die mit noch mehr Technik leicht zu beheben sind. Grundsätzliche Fragen nach dem Sinn immer neuer technischer Produkte, immer stärkerer Abhängigkeit und Entmündigung werden nicht gestellt. Damit sind sie aber eigentlich auch beantwortet …
Mittwoch, 11. März 2026
Übrigens (8)
Die Fähigleit der Leute, mir auf die Nerven zu gehen, ist schier unbegrenzt. Sie verfügen offensichtlich über ein unerschöpfliches Reservoir an schlechten Gewohnheiten und eine unerhörte Begabung für spontanes Fehlverhalten. Ihre Rücksichtslosigkeit, ihre Unbildung und ihre abstoßenden Vergnügungen sind legendär. Sie schweigen nur, wenn sie reden sollst, ansonsten schwatzen sie unentwegt. Rülpsen, schniefen, furzen, dass es nur so eine Art hat. Aber am übelsten ist es um ihr Denken bestellt, sofern man von einem solchen überhaupt sprechen kann. Je blöder ein Gedanke, desto sicherer wird er gedacht. Und geäußert.
Dienstag, 10. März 2026
Unterwegs (39)
Der von mir ungeliebte Frühling ― all diese Wärmlichkeit, dieses Sprießen, Blühen, Pollenverströmen ― hat zugegebenermaßen auch seine Vorzüge. Im Burggarten spielt auf dem Rasen ein junger Mann mit sich selbst Fußball. Nackter Oberkörper, lange schwarze Hosen, bloße Füße. Und was für ein Oberkörper! Ihn wohldefiniert zu nennen, wäre noch untertrieben, man muss sagen: von makelloser Schönheit. Narcissus redivivus.
Montag, 9. März 2026
Goethegasse
Ich wurde vor fast 60 Jahren in Baden bei Wien geboren und wohne hier fast fünfzig Jahre. Es gibt in dieser Stadt eine „Goethegasse“. Diese ist mir wohlvertraut, denn in seit meiner Kindheit gehörte sie zum Weg, der von unserem Haus in die Weingärten zwischen Baden und dem Nachbarort Pfaffstätten führt, ein oft gewählter Spazierweg auch noch in späteren Jahren. Zudem war „Goethegasse“ der Name der Station einer Buslinie, die zwischen Baden und Wien und Wien und Baden verkehrt. Unzählige Male stieg ich dort zwischen 1985 und 1986 aus und manchmal auch ein, der restliche Heimweg war dann kurz.
Nun habe ich nach all den jahren erst unlängst und nur durch Zufall erfahren, dass besagte Straße gar nicht, wie ich selbstverständlich immer angenommen hatte, nach dem Weimarer Dichterfürsten benannt ist, sondern nach einem entfernten Verwandten von ihm, Hermann Theodor Goethe, einem Fachmann für Weinbau, Obstkunde und Weinkunde, dem Gründungsdirektor der Weinbauschule in Marburg an der Drau und späteren Professor an der Hochschule für Bodenkultur zu Wien, 1837 geboren in Naumburg an der Saale und verstorben 1911 in Baden bei Wien. (Sein fünffacher Urgoßvater war Johann Wolfgangs Ururgroßvater.)
Hoppla. Ein gewiss verdienstvoller und achtenswerter Mann, dessen zu gedenken der Weinwirtschft und ihren Nutznießern vermutlich sehr wohl ansteht. Aber doch schlechterdings nicht „der“ Goethe, an den man denkt, wenn nur von Goethe die Rede ist. Ein bisschen seltsam ist diese Bennennung also schon: Während man sonst keine Scheu hat, bei der Benamsung von Verkehrsflächen Vor- und Nachnamen (und manchmal sogar den akademischen Grad) anzuwenden, war „Hermann-Goethe-Gasse“ wohl zu viel verlangt.
Was würde ich, weiterforschend, noch entdecken? Dass die Badner „Beethovengasse“ nach dem Radrennfahrer Klausjürgen Beethoven benannt ist, die „Mozartstraße“ nach der marzipanhaltigen Kugel und die „Rathausgasse“ nach dem Gebäude in Lübeck?
Lebenslanges Lernen. Ja, ja. Und im Grunde ist es ja auch wurscht. Goethe ist mir wurscht (der eine wie der andere). Übrigens hieß in Baden er Theaterplatz früher vorübergehend Adolf-Hitler-Platz. Nach wem auch immer …
Nun habe ich nach all den jahren erst unlängst und nur durch Zufall erfahren, dass besagte Straße gar nicht, wie ich selbstverständlich immer angenommen hatte, nach dem Weimarer Dichterfürsten benannt ist, sondern nach einem entfernten Verwandten von ihm, Hermann Theodor Goethe, einem Fachmann für Weinbau, Obstkunde und Weinkunde, dem Gründungsdirektor der Weinbauschule in Marburg an der Drau und späteren Professor an der Hochschule für Bodenkultur zu Wien, 1837 geboren in Naumburg an der Saale und verstorben 1911 in Baden bei Wien. (Sein fünffacher Urgoßvater war Johann Wolfgangs Ururgroßvater.)
Hoppla. Ein gewiss verdienstvoller und achtenswerter Mann, dessen zu gedenken der Weinwirtschft und ihren Nutznießern vermutlich sehr wohl ansteht. Aber doch schlechterdings nicht „der“ Goethe, an den man denkt, wenn nur von Goethe die Rede ist. Ein bisschen seltsam ist diese Bennennung also schon: Während man sonst keine Scheu hat, bei der Benamsung von Verkehrsflächen Vor- und Nachnamen (und manchmal sogar den akademischen Grad) anzuwenden, war „Hermann-Goethe-Gasse“ wohl zu viel verlangt.
Was würde ich, weiterforschend, noch entdecken? Dass die Badner „Beethovengasse“ nach dem Radrennfahrer Klausjürgen Beethoven benannt ist, die „Mozartstraße“ nach der marzipanhaltigen Kugel und die „Rathausgasse“ nach dem Gebäude in Lübeck?
Lebenslanges Lernen. Ja, ja. Und im Grunde ist es ja auch wurscht. Goethe ist mir wurscht (der eine wie der andere). Übrigens hieß in Baden er Theaterplatz früher vorübergehend Adolf-Hitler-Platz. Nach wem auch immer …
Mittwoch, 4. März 2026
Kollektivschuld
Das dumme Wort gegen das Konzept der Kollektivschuld, wenn alle schuldig seien, sei es niemand (Hannah Arendt, verkennt das Wesentliche und verdeckt das Entscheidende: dass nämlich individuelle Schuld und kollektive Schuld einander nicht nur nicht ausschließen, sondern bedingen. Nur weil Individuen mit ihrem Tun und Lassen schuldig werden, gibt es die Schuld von Kollektiven; und weil Kollektive Strukturen ausbilden, die zum Schuldigwerden verführen, anleiten, zwingen, laden Individuen Schuld auf sich, die sie von sich aus gar nicht gewollt hätten.
Bei individueller Schuld kommt es ganz genau darauf an, was dieser oder jener getan oder nicht getan hat, jedes Detail zählt und bedeutet etwas, es gibt unterschiedliches Ausmaß, unterschiedliche Schwere der Schuld, man kann je nachdem verschiedene Entlastungen und Entschuldigungen vorbringen, es kann Trotz oder Reue, Umkehr oder Versteifung, Sühne oder Gleichgültigkeit geben.
Kollektive Schuld ist anderer Art. Sie ergibt sich nicht einfach aus der Summe einzelner Taten, individueller Verfehlungen und böser Absichten. Bei ihr geht es um die Wirkungen von gemeinschaftlichen Verhaltensmustern, um Sitten und Gebräuche, um die Großen Erzählungen, die das kollektive Selbstverständnis bestimmen, um die geschichtliche Lage und das eingeübte Verhältnis zu anderen Kollektiven. Und es geht um Institutionen, Regeln, Normen, die dem Individuum auferlegt werden, ob es will oder nicht, denen es sich unter Umständen auch dann beugen muss, wenn es nicht damit einverstanden ist.
Nur individuelle Schuld gelten zu lassen, aber keine kollektive, privatisiert das Schuldigwerden, entsozialisiert, entpolitisiert und enthistorisiert es und verkleinert so Schuld auf das Einzelnen Mögliche, also auf im Ganzen meist ganz unbedeutende Taten, die ― außer bei einigen wenigen ― so monströs dann gar nicht zu sein scheinen, wie es der Monstrosität der Ereignisse entspräche. Täter, Tat und Schuld werden banalisiert und das Gewaltige gerät aus dem Blick. Geschichte hört dann auf, ethisch bewertet werden zu können. Politik liegt dann außerhalb der Moral.
Erst das kollektive Zusammenwirken aber, die Vielfältigkeit (und sogar Widersprüchlichkeit) der Beteiligungen, das sozusagen anonyme Funktionieren der kleinen Rädchen, das sich nur im Überblick als Riesenmaschine mit Richtung, Ziel und Auswirkung darstellt, erst das Verständnis für Überindividuelle also ermöglicht das Erkennen einer Schuld, die menschliches Maß übersteigt.
Denn wenn selbst sich dieses oder jenes Individuum wenig zu schulden kommen lässt, kann sein für sich genommen vielleicht nicht zu beanstandendes oder doch verständliches Handeln, nicht zuletzt aber auch sein Wegschauen, sein Leugnen, seine Ausflüchte und sogar sein Widerstand zu bösem Tun beitragen.
Um ein Beispiel zu geben. Der Überfall auf Polen war der Beginn des Zweiten Weltkrieges. Sollen man sagen: Hitler war schuld? Das war er gewiss, aber er als Individuum gab keinen Schuss ab und marschierte nirgendwo ein. Er gab Befehle. Aber wer hat gehorcht? Soll man die Namen der planenden und kommandierenden Offiziere nennen, waren sie die Schuldigen? Oder die marschierenden, Panzer fahrenden, schießenden Soldaten? Soll man sagen, Müller, Meyer, Schulze usw. waren die Schuldigen? Offensichtlich genügt das nicht. Um das historische Ereignis des Überfalls auf Polen zu begreifen, muss man sagen: Deutschland hat Polen überfallen. Und weil nicht Länder handeln, sondern Menschen: Die Deutschen haben die Polen überfallen. Das verallgemeinert und lässt möglicherweise außer Acht, was Einzelne taten oder unterließen, wofür oder wogegen sie waren. Aber keine noch so genaue (ja sogar: gerade eine jede Einzelheit erfassende) Aufzählung ergäbe keinen Begriff der Wirklichkeit und verwiese das Ereignis in die Nichtigkeit eines Durcheinanders.
Erst der Begriff der Kollektivschuld erlaubt es also, Geschichtliches zu erklären und die Schuldfrage nicht nur individuell, sondern auch politisch zu klären.
Bei individueller Schuld kommt es ganz genau darauf an, was dieser oder jener getan oder nicht getan hat, jedes Detail zählt und bedeutet etwas, es gibt unterschiedliches Ausmaß, unterschiedliche Schwere der Schuld, man kann je nachdem verschiedene Entlastungen und Entschuldigungen vorbringen, es kann Trotz oder Reue, Umkehr oder Versteifung, Sühne oder Gleichgültigkeit geben.
Kollektive Schuld ist anderer Art. Sie ergibt sich nicht einfach aus der Summe einzelner Taten, individueller Verfehlungen und böser Absichten. Bei ihr geht es um die Wirkungen von gemeinschaftlichen Verhaltensmustern, um Sitten und Gebräuche, um die Großen Erzählungen, die das kollektive Selbstverständnis bestimmen, um die geschichtliche Lage und das eingeübte Verhältnis zu anderen Kollektiven. Und es geht um Institutionen, Regeln, Normen, die dem Individuum auferlegt werden, ob es will oder nicht, denen es sich unter Umständen auch dann beugen muss, wenn es nicht damit einverstanden ist.
Nur individuelle Schuld gelten zu lassen, aber keine kollektive, privatisiert das Schuldigwerden, entsozialisiert, entpolitisiert und enthistorisiert es und verkleinert so Schuld auf das Einzelnen Mögliche, also auf im Ganzen meist ganz unbedeutende Taten, die ― außer bei einigen wenigen ― so monströs dann gar nicht zu sein scheinen, wie es der Monstrosität der Ereignisse entspräche. Täter, Tat und Schuld werden banalisiert und das Gewaltige gerät aus dem Blick. Geschichte hört dann auf, ethisch bewertet werden zu können. Politik liegt dann außerhalb der Moral.
Erst das kollektive Zusammenwirken aber, die Vielfältigkeit (und sogar Widersprüchlichkeit) der Beteiligungen, das sozusagen anonyme Funktionieren der kleinen Rädchen, das sich nur im Überblick als Riesenmaschine mit Richtung, Ziel und Auswirkung darstellt, erst das Verständnis für Überindividuelle also ermöglicht das Erkennen einer Schuld, die menschliches Maß übersteigt.
Denn wenn selbst sich dieses oder jenes Individuum wenig zu schulden kommen lässt, kann sein für sich genommen vielleicht nicht zu beanstandendes oder doch verständliches Handeln, nicht zuletzt aber auch sein Wegschauen, sein Leugnen, seine Ausflüchte und sogar sein Widerstand zu bösem Tun beitragen.
Um ein Beispiel zu geben. Der Überfall auf Polen war der Beginn des Zweiten Weltkrieges. Sollen man sagen: Hitler war schuld? Das war er gewiss, aber er als Individuum gab keinen Schuss ab und marschierte nirgendwo ein. Er gab Befehle. Aber wer hat gehorcht? Soll man die Namen der planenden und kommandierenden Offiziere nennen, waren sie die Schuldigen? Oder die marschierenden, Panzer fahrenden, schießenden Soldaten? Soll man sagen, Müller, Meyer, Schulze usw. waren die Schuldigen? Offensichtlich genügt das nicht. Um das historische Ereignis des Überfalls auf Polen zu begreifen, muss man sagen: Deutschland hat Polen überfallen. Und weil nicht Länder handeln, sondern Menschen: Die Deutschen haben die Polen überfallen. Das verallgemeinert und lässt möglicherweise außer Acht, was Einzelne taten oder unterließen, wofür oder wogegen sie waren. Aber keine noch so genaue (ja sogar: gerade eine jede Einzelheit erfassende) Aufzählung ergäbe keinen Begriff der Wirklichkeit und verwiese das Ereignis in die Nichtigkeit eines Durcheinanders.
Erst der Begriff der Kollektivschuld erlaubt es also, Geschichtliches zu erklären und die Schuldfrage nicht nur individuell, sondern auch politisch zu klären.
Montag, 2. März 2026
Aufgeschnappt (bei Ibn Chaldun)
Die Regierung ist eine Einrichtung, die das Unrecht bekämpft, außer sie begeht es selbst.
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