Samstag, 19. Dezember 2015

Der Ruf der Moral

Moral hat einen schlechten Ruf. Nichts hören und sagen die Leute lieber, als dass es da eben verschiedene Auffassungen gibt, dass moralische Normen in stetigen Wandel begriffen sind, dass mal dieses, mal jenes gilt und überhaupt das meiste davon nicht mehr zeitgemäß ist. Moralvorstellungen werden fast immer nur mit Beiwörtern wie „überkommen“ oder „veraltet“ versehen und nie mit dem Zusatz „hochaktuell“. Dass Moral etwas von gestern ist, ist der schlimmste Vorwurf in einer immer nur am gerade Angesagten orientierten Zeit.
Und warum das alles? Weil Moral natürlich lästig ist. Wenn es nämlich Regeln dafür gibt, was man darf und nicht darf, was man soll oder muss, dann hindert das entweder daran, ganz nach Belieben zu handeln, oder aber, weil man’s ja trotzdem tut, droht einem ein schlechtes Gewissen.
Also kehrt man den Spieß um und erklärt Moral für etwas Schlechtes. Oder zumindest etwas Spießiges und Verklemmtes, etwas, was der freien Entfaltung im Wege steht. Manche behaupten sogar, Moral sei etwas für Heuchler. Die Logik dahinter: Wir tun sowieso, was wir wollen, wer also sagt, man dürfe nicht alles, widerspricht sich selbst, weil er eigentlich ja doch tun will, was er will. Kriterium der Moralkritik ist somit die Unmoral, die Nichtbeachtung von Regeln gilt als deren Widerlegung, Normen werden als „kontrafaktisch“ abgekanzelt.
Aber selbstverständlich handeln in Wahrheit auch die, für die moralisch ein Schimpfwort ist, sehr wohl nach Normen. Nur begreifen sie sie nicht. Der Wandel von moralischen Systemen kommt ja nicht von ungefähr. Dass er durch „Aufgeklärtheit“, also Erkenntinsgewinn, zu Stande komme, ist bloß Propaganda. Es sind äußere Bedingungen, die Veränderungen fordern oder erzwingen. Irgendwer profitiert davon, wenn Menschen nicht mehr nach den bisherigen Regeln handeln, sondern sich neuen unterwerfen.
Der Trick besteht darin, die Unterwerfung als Gewinn an Freiheit zu verkaufen. Als es beispielsweise nicht mehr als unmoralisch galt, für verliehenes Geld Zinsen zu verlangen, war dem Kapitalismus Tür und Tor geöffnet. Das große Geldverdienen konnte beginnen. Dass dabei den Reichtum der einen die anderen, Verarmenden, finanzieren, stand nicht einmal im Kleingedruckten. (Die römisch-katholische Kirche betrachtete das Zinsennehmen bis 1830 offiziell als Sünde, erst dann passte sie sich. Der moralische Umbau hatte drei- bis vierhundert Jahre früher eingesetzt und den Protestantismus erzeugt: Ablasshandel pfui, kapitalistische Ausbeutung hui!)
Nicht jeder Wandel in den Moralvorstellungen ist allerdings schlecht. Die Kriterien dafür sind aber nicht dem zu entnehmen, was ist, sondern die Frage lautet, was sein soll. Darum geht es in der Ethik. Einmal wollte mir einer aufschwatzen, in der Ethik gehe es um Potenzialität und Intensitäten und solchen Kram. Nein, erwiderte ich, es geht um richtig oder falsch, darum was man tun und was man lassen soll. Wäre das, was ist, immer schon das, was sein soll, wäre jede Schweinerei a priori gerechtfertigt (zumindest wenn sie möglichst „intensiv“ ist …) Dem ist aber nicht so. Es gibt einen Unterschied von Sein und Sollen. Und das soll auch so sein.
Ethisch reflektierte und begründete Moral ist ein Mittel, das Verhalten und damit die Verhältnisse einer praktischen Kritik zu unterziehen und der Unterwerfung unter Moden und Hegemonien Widerstand entgegenzusetzen. Das wollen viele nicht. Sie wollen nicht kritisiert werden und sich nicht selbst kritisch betrachten. Sie wollen sein, wie sie glauben, dass alle sind oder zumindest sein wollen. Darum orientieren sich an dem, was sie meinen, dass praktisch gilt, nicht an dem, was theoretisch gelten soll. Moral, verstanden nicht als deskriptive, sondern als präskriptive, ist da nur lästig. Und darum hat sie einen schlechten Ruf.

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