Donnerstag, 9. Juli 2026

Zum Stand der deutschen Sozialdemokratie 2026

„Die Zahl der Krankheitstage ist zu hoch.“ Übersetzt: Arbeitnehmer sind tendenziell Sozialschmarotzer.
Denn „zu hoch“ gemessen woran? Am Ausbeutungswillen der Eigentümer der Produktionsmittel? An den krankmachenden Bedingungen der Arbeitswelt? Menschen, die sich krank melden, von vornherein und bis zum Beweis des Gegenteils zu unterstellen, sie würden betrügen und seien bloß faul, ist eine Einstellung, die man von Unternehmern gewohnt ist. Warum wird sie von Sozialdemokraten einfach übernommen?
Früher ging es bei der SPD um Gerechtigkeit, dann um Chancengleichheit, inzwischen nur noch um rhetorische Abmilderung des neoliberalen Sozialabbaus.
„Ja, stimmt, ich habe Ihnen ein gesundes Bein amputiert. Aber stellen Sie sich vor, die anderen wollten, ich solle Ihnen beide Beine abnehmen! Da habe ich mich geweigert. Sowas ist mit mir nicht zu machen.“
Das ist die klassische sozialdemokratische Rechtfertigungsstrategie mit der Logik des angeblich kleineren Übels. Nur das in der Realität das kleinere Übel immer das größere unterstützt und darum im Grunde dasselbe Übel ist.
„Wir müssen mit den anderen regieren und die zwingen uns zu ganz schlimmen Sachen. Um weiterregieren zu können, stimmen wir allem Möglichen zu, aber weil wir es sind, ohne die all das Schlimme nicht zu Stande kommt, ist es nicht ganz so schlimm.“
Ist es doch. Es ist sogar noch schlimmer. Wer einmal angetreten war, die Rechte der Lohnabhängigen durchzusetzen und zu verteidigen und jetzt nur noch Steigbügelhalter für die Steigbügelhalter der Rechtspopulisten ist, ist jämmerlicher und abstoßender als die anderen, die immer schon ehrlich zugaben, dass sie prokapitalistisch sind.

Montag, 6. Juli 2026

Die Alternativlosigkeit des größeren Übels

Wenn Merz und Söder, Klingbeil und Bas die Alternative zur AfD darstellen, dann ist diese im strengen Sinne alternativlos. denn tatsächlich treibt die schwarz-rote Regierungskoalition eine Politik, wie die Rechtspopulisten sie haben wollen. gegen Zuwanderer, gegen sozial Schwache, zu Lasten der Arbeitnehmer, zu Lasten der Umwelt und der Gesundheit, zu Lasten der Bildung, ohne Konzepte für ungezwungenen Zusammenhalt und kreative Lösungen, ohne entschiedenen Einsatz für Frieden, Gerechtigkeit, Wohlstand überall in der Welt. Gewiss geben sich Rechtsextreme „radikaler“ (also dümmer) in ihren Forderungen und Umsetzungsplänen, während die noch Regierenden halbherzig wirken und gehemmt von Resten rechtsstaatlicher und demokratiepolitischer Bedenken. Gerade die Enthemmung aber, die freie Entfaltung von Ressentiment. Hass und Gewalt (als Phantasie und Praxis) ist das Angebot, dass die Rechtspopulisten ihren Sympathisanten machen. Worin bestände das Gegenangebot von Schwarz, Rot, Grün usw.? Im biederen Vertrauen auf Parteienstaat, Sonntagsreden, Lobbyismus, Medienfilz, Weiterwursteln? Im Verzicht auf radikale Erneuerung, die Klimaschutz, soziale Gerechtigkeit (durch vernünftigen Umbau der ungerechten Eigentumsstruktur) und Freiheit von Konsumzwang, Bürokratismus und digitaler Überwachung und Bevormundung in den Mittelpunkt stellte? Daran ist nicht einmal zu denken. Das ist mit den vorhandenen Kräften (einschließlich der „Linken“) nicht zu machen. Also bleibt entweder alles so, wie es ist, oder es wird schlechter. Das heißt, schlechter wird es so oder so, denn die Politik des Weiterso und der kleinen und großen Gemeinheiten führt ins Unglück. Es kann aber auch ruckartig schlechter werden. Dafür steht die AfD.

Notiz über Mittelmäßige und Minderwertige

Es wäre ja schön, wenn durch Demokratie wirklich, wie manche meinen, die Mittelmäßigen an die Regierung kämen. Das ist aber leider nicht der Fall. Die Mittelmäßigen sind immer schon an der Macht, einfach, weil sie in der Mehrheit sind und so fast alles bestimmen, jedenfalls aber die Wahlergebnisse. Durch Wahlen kommen nun aber regelmäßig durchaus Minderwertige an die Macht, also Unterdurchschnittliche, Ungenügende, Untaugliche. Es ist, als ob die Mittelmäßigen geradezu zwanghaft Gefallen an denen fänden, die noch weniger können, noch weniger wissen, noch weniger darstellen als sie selbst. Vielleicht verwechseln sie die Dreistigkeit der Minderwertigen mit Geschick und Einfallsreichtum. Gerissen kann auch ein minderwertiger sein. Und er nützt den falschen Eindruck, den er bei den Leichtgläubigen erzeugt, dazu, sie zu verführen und sie zu sich hinunterzuziehen. Dadurch kann er aufsteigen.

Sonntag, 5. Juli 2026

Zur heutigen Jugend

„Ach, ich weiß nicht, aber mir scheint, ich habe mittlerweile wohl irgendwie die Verbindung zur heutigen Jugend verloren.“
„Sie Ärmster! Jetzt erst? Mir ist das zum Glück schon gelungen, als ich noch selber jung war.“

Donnerstag, 2. Juli 2026

Zwei Skizzen (über die Mitmenschen)

Jeder Mensch hat dasselbe Recht darauf, danach beurteilt zu werden, ob er sich anständig verhält oder selbstsüchtig, heuchlerisch, schamlos, gierig, gemein und bösartig, ob er zu den Sachkundigen gehört oder zu dem Dampfplauderern, ob zu den Befähigten oder zu den Untauglichen, zu den Wohlgesinnten oder zu den Böswilligen, zu den Großzügigen, Hilfsbereiten und Verantwortungsvollen oder zu den Geizigen, Kaltherzigen und Gleichgültigen, zu den Selbstkritischen oder den Egomanen, zu den Barmherzigen oder den Grausamen, zu den Verbesserungswilligen oder den Angepassten; und je nach dem darf man jeden Menschen für einen erträglichen bis erfreulichen Zeitgenossen halten oder für einen minderwertigen.
Minderwertig im moralischen, kognitiven, charakterlichen Sinne, beurteilt nach Verhalten und geäußerten Überzeugungen; selbstverständlich nicht nach Abkunft, Herkunft, zufälliger Zugehörigkeit.
Minderwertigkeit ist kein Schicksal, schon gar kein angeborenes. Prägung, Erziehung, Milieu, Kontext ― das macht etwas mit den Menschen. Es gibt Strukturen, Institutionen, Gewohnheiten, obrigkeitliche Normen und soziokulturelle Anreize, die die Entfaltung der in jedem Menschen angelegten Güte behindern, beschränken, unterbinden. Wie man zum Guten geführt werden kann, so kann man zum Bösen verführt werden.
Die Möglichkeit zur Minderwertigkeit ist jedem gegeben, die Gefährdung ist groß, und doch gelingt es vielen, sich nicht reduzieren zu lassen aufs Niedrige und Gemeine, sondern ab und zu zu oder habituell das Richtige zu tun. Andererseits nutzen nur wenige die ebenfalls fast jedem gebotene Chance, dauerhaft angeeigneten Verkümmerung zu entkommen.
 
Andere Menschen haben andere Lebensentwürfe. Daran ist zunächst nichts Besonderes und auch nichts auszusetzen. Dass mir dies und das womöglich nicht gefällt, muss ich aushalten. Jeder darf so leben, wie er will, und soll so leben dürfen wie er kann. Allerdings sind die verschiedenen Lebensweise nie ganz ohne Auswirkungen aufeinander, Wirkungen, die unterschiedlich ausfallen, aber immer insgesamt das gesellschaftliche Gefüge bestimmen.
Wenn ich also vermuten muss und belegen kann, dass diese oder jene Lebensweise für andere unangenehm, bedrückend, gefährdend oder schädlich ist, vielleicht sogar für alle, für die Gesellschaft als ganze, dann bin ich nicht nur berechtigt, sondern verpflichtet, das zu kritisieren, Rechenschaft zu verlangen und auf Änderung zu drängen.

Mittwoch, 1. Juli 2026

Intellektuelle und der Rest

Dass es Intellektuelle gibt ― also Menschen, die einen mehr oder minder öffentlich Gebrauch von ihrem Einsichtsvermögen machen, sei es hauptberuflich, sei es aus privater Passion ― impliziert, dass es andererseits Menschen gibt, bei denen mit der Intellektualität nicht so weit her ist, bei denen es also um das gewohnheitsmäßige Einsehen und Verstehen, das Durchleuchten und Durchschauen, das möglichst umfassend Gebildetsein und darum doch immer wieder Erklärenkönnen nicht so gut bestellt ist. Viele haben Meinungen und wollen damit Recht haben, aber nur bei wenigen trifft dieses zu und ist jenes für andere genießbar.
Das quantitative Missverhältnis zwischen den recht wenigen Intellektuellen und der überwiegenden Restbevölkerung steht im krassen Widerspruch zum Selbstbild der meisten Leute. Ihnen sind Intellektuelle, die sie als fremde Instanz in ihrem Medienkonsum wahrnehmen, kein Ansporn, sich selbst zu informieren und sich gründlicher zu bilden ― was ihnen für gewöhnlich entweder nicht möglich ist oder unnötig erscheint; sondern die allzu klug und kundig Redenden und Schreibenden sind eine Kränkung der Eigenwahrnehmung der Leute und eine Herausforderung ihres Vertrauens darauf, selbst alles am besten beurteilen zu können.
Die bloße Existenz von Intellektuellen ist somit mit dem Lebensstil und der Weltsicht der Masse unvereinbar. Das kommt nicht gut an. Wie dürfen diese Eierköpfe sich erdreisten, mehr als man selbst von der gemeinsamen Wirklichkeit zu verstehen und das auch noch besser ausdrücken zu können! Das ist undemokratisch. Denn das herrschende Modell einer sich in Wahlen und Abstimmungen manifestierenden Demokratie hat zum Prinzip, dass die Mehrheit das Sagen hat (und also Recht hat) und dass der Souverän (also die Masse der Leute) unabhängig von Intelligenz und Sachkenntnis entscheidet.
Daraus ergibt sich ganz natürlich ein Antiintellektualismus, der breite Schichten der Bevölkerung völlig durchtränkt. Und der seinerseits auf gar nicht so wenige Intellektuelle zurückwirkt, die sich so schrecklich gern den kleinen, einfachen Leuten zurechnen möchten.
Der Antiintellektualismus, also die Abneigung gegen professionelles Selbstdenken und kognitive Autonomie, ist in der Populärkultur fest verankert. In dieser gibt es per definitionem Intellektuelle nur als Angeber, Spinner, sogenannte nerds, verrückte Professoren und dergleichen. Dem Massengeschmack entspricht nämlich die Lust am Gewöhnlichen und Dummen, an der kollektiven und individuellen Unwissenheit. Je dümmer, desto lustiger. Zwar sind die Beschränkten oft Gegenstand des Verlachens, zugleich aber immer auch Identifikationsfiguren. Solche könnten kluge, gebildetete, nachdenkliche Figuren nie sein. Diese haben sich als nicht weniger gewöhnlich, als ungeschickt und aufgeblasen zu erweisen, oder sie bleiben verfemt.
Das kommt den Manipulationsinteressen der Unterhaltungsindustrie und der an sie angeschlossenen „Politik“ sehr entgegen. Zwar tauchen dort bei Bedarf „Experten“ für dieses oder jenes auf, die sozusagen eine Art von Intellektuellenersatz sind. Das Feld aber beherrschen nicht fachlich Versierte, sondern für alles und nichts Zuständigkeit simulierende Vermittler und Verwalter der gängigen Meinungen. Die deshalb gängig sind, weil sie gängig gemacht werden. Weil sie kompatibel sein sollen mit den Interessen der Konzerne.
Intellektuelle können bekanntlich sehr wohl Lakaien des Kapitals sein. Aber ihre bloße Intellektualität stellt doch eine Gefahr dar in einem System, in dem zu viel Nachdenken und zu viel Fragen nicht erwünscht ist. Darum müssen Intellektuelle streng überwacht werden, ihre Äußerungsmöglichkeiten begrenzt und ihre beruflichen Chancen kanalisiert. Vor allem muss, außer in Diktaturen, die zu ängstlich dafür sind, eine Meinungsvielfalt inszeniert werden, die die einzelne Stimme im Chor der Vielen untergehen lässt. Bis man in gewissen Situationen doch wieder die Einheitsmeinung braucht, deren Inszenierung freilich wiederum etwaige Solisten vom Chor übertönen lässt.

Montag, 29. Juni 2026

Sieben Schläfer und eine Null

„Ausgerechnet an diesem Samstag war Siebenschläfertag.“ (ARD-Text) Exakt. So wurde das im Römischen Generalkalender einkalkuliert: Fest der sieben Schläfer von Ephesos am 27. Juni. Da staunt die Dschornalistin (beliebigen Geschlechts). Das hatte sie nicht erwartet. Sie hätte sich wohl einen anderen Tag gewünscht. Aber was soll man machen. Die reformunwillige Amtskirche hat wieder zugeschlagen.

Samstag, 27. Juni 2026

Notiz zur Zeit (270)

Der deutsche Bundestag hat ein Gesetz beschlossen, durch das künftig die Möglichkeit der Umweltschutzverbände, vor Gericht gegen Bauvorhaben zu klagen, stark eingeschränkt sein werden. Gut so. Endlich wird den linksgrünen Nörgerlern das Maul gestopft. Hitler hat die Autobahnen auch ohne die Ökospinner gebaut. 
 
Die Folgen einer Politik ohne und gegen Umweltschutz bekommen die Menschen in Europa derzeit einmal mehr am eigenen Leibe zu spüren. Extreme Hitze lässt viele leiden und einige sterben. Der Klimawandel spielt eine Rolle und ein menschenfeindliches Bauen von Häusern und Städten.
 
Derweil ist die bundesdeutsche Regierung damit befasst, soziale Reformen zu verhängen, insbesondere gegen Ruheständler. „Reform“ ist ein Fachvokabel und bedeutet laienhaft ausgedrückt „Schlechterstellung der Betroffenen“ und „Sozialabbau“. Damit die Rentenbeiträge nicht steigen, sollen die Leute weniger Rente bekommen. Logisch. Daraufhin werden die Sozialausgaben steigen, weil mehr Menschen arm werden. Schuld sind sicher die Zuwanderer, die mehr einzahlen, als sie herausbekommen. Logisch.
 
Das Geld dort zu holen, wo es massenhaft ist, kommt selbstverständlich nicht in Frage. Man baut schließlich nicht eine auf ungerechter Eigentumsverteilung beruhende Wirtschaft so, dass kollektiv erwirtschaftetes Einkommen von unten nach oben verteilt wird, um dann die so entstandenen Vermögen wieder zu verringern. Wäre ja absurd. Da könnte man sich den Staat ja gleich sparen.
 
Das völlig Verrückte an all dem Unsinn ist, dass die Verbrecherbanden, die da teils wahllos, teils mit bösartiger Genauigkeit herumregieren, auch noch von der Masse der Leute, die durch sie nichts als kleinen oder großen Schaden davontragen, mehr oder minder gewählt werden. Und das sogar die Möglichkeit besteht, dass noch dümmere, noch bösartigere Lemuren bald am Regieren beteiligt werden.

Glosse CLXVII

Österreich rollt auf eine Hitzewelle zu. Eines solchen Risikos geographischer Mobilität war ich mir gar nicht bewusst.

Donnerstag, 25. Juni 2026

Eigentlich einfach

Wenn Juden als Juden Opfer werden sollen, muss man sich auf ihre Seite stellen. Wenn Juden als Juden Täter werden wollen, darf man sich nicht auf ihre Seite stellen. So einfach ist das. Eigentlich. Mit Judentum oder nicht hat das im Grunde gar nichts zu tun. Den Verfolgten helfen, den Verfolgern nicht. Punkt.
In Deutschland macht man das anders. Dort ließ man sich bekanntlich die Judenverfolgung gefallen oder beteiligte sich sogar daran. (Von Ausnahmen abgesehen.) Dort beschweigt man heute die israelischen Verbrechen oder rechtfertigt und unterstützt sie sogar. (Von Ausnahmen abgesehen.) Wie kann das sein? Wie kann das moralische Urteilsvermögen bei so einfachen Fragen ― „Ist, wer mordet, ein Mörder? Darf man morden?“ ― so nachhaltig versagen?
Vor lauter selbstgefälliger Vergangenheitsbewältigung, Erinnerungskultur und und besonderer Verantwortung als schlimmste Täter aller Zeiten ist das schlichte „Du sollst nicht morden!“ des hebräischen Dekalogs nichts mehr wert?
Die Rechtsextremen hassen das Erinnern der historischen Schuld und bewundern die brutale Entschlossenheit der Zionisten zum Völkermord. Hier ist die Linie klar (und verabscheuungswürdig): Immer das Falsche wählen. Was aber bringt die Nichtrechtsextremen, die doch die Mehrheit sind, dazu, die gegenläufige Klarheit zu verweigern? Man kann nicht (rückwirkend) gegen die Nazis sein, so viel steht fest, und die mörderischen Zionisten gewähren lassen. Wer Unrecht billigt, begeht Unrecht. Wer Unrecht nicht Unrecht nennt, begeht Unrecht. So einfach ist das. Eigentlich

Mittwoch, 24. Juni 2026

Notiz zur Zeit (269)

Deportationszentren am Rande Europas. Eine Schande für die Menschheit.

Wie kaputt muss ein Land sein, wenn dort der schmierige Koks-und-Nutten-Michl als moralische Instanz auftreten kann?

Kühlung für Obdachlose finde ich gut. Obdach für Obdachlose fände ich besser.

Ja klar, es gibt immer mehr Millionäre und Milliardäre und deren Anteil am Gesamtvermögen nimmt immer mehr zu, aber das Problem sind die Rentner, die nicht lange genug gearbeitet haben und zu lange leben. Sagen (überraschenderweise) die Experten, sagt die Regierung, sagen die Medien - und die Leute glauben es. Irr.

Was denn, Boris Johnson ist gar nicht mehr Premier? Irgendwie habe ich die Briten seit ihrem EU-Austritt aus den Augen verloren. Das war schön.

Die deutsche Bahn fährt einfach gar nicht mehr. Das bringt es auf den Punkt, finde ich.
 
Beim Handel spricht man von Mogelpackung, wenn man zum selben Preis weniger Ware bekommt. Wenn hingegen die Politik beschließt, dass die Sozialbeiträge nicht erhöht, sondern Leistungen explizit und implizit gekürzt werden, dann heißt das Reform.
 
Europa verhandelt über die „technischen“  Details der Deportation von Menschen mit einem (von Europa als terroristisch betrachteten) Regime, das der Grund ist, warum besagte Menschen nach Europa geflohen sind. ― Pfui Deibel, ist das unanständig.

Glosse CLXVI

Irgendetwas sei in den empirischen Zusammenhang hineinintegriert, lese ich bei Gerhard Wehr. In einem bald sechzig Jahre alten Text. Ich befrage sodann das Internet und finde keine weiteren Beispiele für Hineinintegration. Damit verliere ich die Hoffnung, dass mir jemand erklärt, was „herausintegrieren“ bedeuten könnte.

Montag, 22. Juni 2026

Notiz zur Zeit (268)

Seit Jahren stellt man „Verschwörungstheoretiker“ an den Pranger und erklärt sie zu gefährlichen Irren. Tja, und dann stellt sich heraus, dass Jens Spahn mehrfach an den Geheimtreffen von Peter Thiels verschwörerisch-irren Kumpels teilnahm.
Seltsamerweise bleibt der Aufschrei aus. Spahn muss nicht zurücktreten. Anscheinend ist es ebenso normal, an antidemokratischen Verschwörungen teilzunehmen, wie Milliarden an Steuergeld durch unsinnige Maskenkäufe zu verpulvern.
Aber wehe, Spahn hätte je etwas Coronakritisches geäußert. Man hätte ihn mit Mistforken, Dreschflegeln und Fackeln aus dem Dorf getrieben.
 
Herr Pantisano hat Recht. Die CDU macht längst die Politik, die die AfD fordert: Gegen sozial Schwache und Flüchtlinge, zugunsten der Konzerne und ausländischer Mächte. (Und die SPD macht mit.) Wenn man nun, wofür es gute Gründe gibt, die AfD für faschistisch hält, dann folgt daraus, dass die CDU faschistische Politik macht und also in der Tat selbst faschistisch ist. Wenn Herrn Günther diese Logik nicht gefällt, dann soll er für andere Politik eintreten. Will er aber nicht. Also pöbelt er lieber gegen Pantisano. Und der rudert zurück ... 
Tja, so wird das wieder was mit dem Faschismus in Deutschland: Die einen sind die Steigbügelhalter und die anderen richten ihren Antifaschismus gegen unbekannt.

Aufgeschnappt (bei Christian Ehring)

Ich weiß natürlich, dass künstliche Intelligenz überall, ist und das ist ja nicht nur schlecht. KI sorgt für eine Emanzipation der Talentfreien. Das ist ja was Gutes. Also zumindest auf dem Gebiet der Sprache und der Kultur. KI ist das Spielzeug der Minderbegabten. Man muss nicht mehr schreiben können, um zu schreiben, Kunst machen können, um Kunst zu machen, und Filme machen können, um Filme zu machen, musikalisch sein, um Musik zu machen. Durch KI werden unkreative, uninspirierte, faule und völlig unbegabte Menschen befähigt, am kulturellen Leben teilzuhaben. Es ist nicht weniger als das größte kreative Inklusionsprojekt seit Erfindung der Blockflöte. Ich frage mich nur, warum soll ich mir das anhören. Warum soll ich mir etwas anhören, was von einer Wahrscheinlichkeitsmaschine zusammengerührt worden ist, sprachlicher Bauschaum? da wär’s doch besser, wenn sich solche Reden auch nur Maschinen anhören würden, und dann am besten auch gleich als chatbot auf Social Media selber kommentieren, hassen, beleidigen, und andere Maschinen reagieren darauf, und der Mensch hätte endlich wieder Zeit zu denken. Und zu schreiben.

Freitag, 19. Juni 2026

Notiz zur Zeit (267)

Ein Drittel der zwischen 2005 und 2023 in die BRD Eingewanderten hat bisher einen akademischen Abschluss. Der Akademiker-Anteil der Bevölkerung „ohne Migrationshintergrund“ liegt bei etwa 18 Prozent. Zuwanderer schließen also fast doppelt so häufig ihr Hochschulstudium ab wie Geburtsdeutsche. In einem Land, in dem Bildung faktisch immer weniger gilt, dürfte auch das den Migrierten vorgeworfen werden.
 
Deportationszentren am Rande Europas: Was für eine Schande hat das EU-Parlament da dem Abendland angetan. Ich bin nicht oft der Meinung Robert Misiks, aber hier hat er völlig Recht: Diese Schandstätten (mein Ausdruck) gehören mitten in die europäischen Hauptstädte. Und ich möchte den Vorschlag verfeinern: Misik denkt an Vergnügungsstätten (Prater, Volksgarten), ich wäre eher für Einkaufszentren. Durch gehorsames Konsumieren die Wirtschaft ankurbeln und dabei  entrechteten, entwürdigten und gequälten Menschen beim Vegetieren zuschauen, das passt doch sehr gut zusammen.

Mittwoch, 17. Juni 2026

Unterwegs (40)

Nicht jedem kommt es ästhetisch zu Gute, dass auch in diesem Sommer die Mode wieder verlangt, die kurzen Hosen einiges überm Knie enden zu lassen. Manche Männer und Jünglinge haben einfach nicht die Waden und Knie dafür. Manchen freilich steht das ganz ausgezeichnet und ist ein erfreulicher Anblick. Zuweilen sogar, finde ich ein geradezu übertrieben erfreulicher. So viel Nacktheit grenzt ans Obszöne. Soll man wirklich in der Öffentlich so viel private Haut von sich zeigen? Banalisiert das nicht die Nacktheit und ihre Verheißungen?
Ein solches Bedenken zeigt übrigens, dass meine häufig vorgebrachten Einwände gegen die maßlose Selbstentblößung von Frauen und Mädchen, keineswegs sexistisch sind, sondern im Prinzip beide Geschlechter betreffen. Aber Männer gehen im Alltag selten so weit wir Frauen, ihre Selbstverobjektivierung hat ja auch andere Traditionen.

An einer Starßenbahnhaltestelle geht ein sehr muskulöser junger Mann mit nacktem Oberkörper an mir vorüber. Ich schmachte ihm nicht nach. Das will der doch nur. (wenn auch vermutlich nicht unbedingt von mir.) Man soll Exhibitionisten nicht ermutigen.

Die kleine Lücke zwischen Hosenbein und Söckchen, diese minimale Anblick von Haut, hat für mich oft etwas so Verlockendes, dass er mir sogar bei einigen Über-30-Jährigen gefällt.

Montag, 15. Juni 2026

Der Wahnsinn der Unterwerfung

Er hatte den deutlichen Eindruck, unter lauter Wahnsinnigen zu leben. Zwar überlegte er manchmal, ob vielleicht er der Wahnsinnige sei und die anderen doch seelisch gesund, aber er konnte sich nicht überwinden, für normal zu halten, was die anderen so taten und ließen. Nein, wenn es Wahnsinn war, und es war Wahnsinn, dann war es deren Wahnsinn, und unverständlicherweise war er davon verschont geblieben.
Er nannte die Krankheit Unterwerfung. Die Leute unterwarfen sich dauernd: den herrschenden Verhältnissen, den herrschenden Meinungen, den herrschenden Moden, ihren eigenen Sehnsüchten und Ängsten, ihren Begierden und Bequemlichkeiten, ihren Gewohnheiten, Unarten und Dummheiten. Kritisches Denken, das in Frage stellen könnte, was gerade herrschte, war für die Leute unvorstellbar, sie hielten sich zwar zuweilen für kritisch, aber was dabei herauskam, war letztlich doch nur Anpassung und Unterwerfung.
Er hielt das für einen psychischen Defekt, anerzogen, nicht angeboren, eine Krankheit also. Freilich eine in der Art einer Alkohol-, Drogen- oder Spielsucht, also etwas, das man sich selbst zufügt, aus eigenem Antrieb und vielleicht in schlechter Gesellschaft, aber nichts, was man ohne eigenes Zutun zu Stande käme. Die Leute fangen an zu saufen, viel zu saufen, sehr viel, bis nicht mehr anders können, als immer weiter zu saufen, dann gelten sie als krank Niemand hat ihn gesagt, sie sollten so viel saufen, sie haben selbst entschieden, es zu tun, sie hatten sehen müssen, was Säufer sind, dass das Saufen nicht wirklich ein Spaß ist, sie hatten sich eingeredet, bei ihnen sei das anders, sie könnten damit umgehen, sie hätten das im Griff. Dann sind sie krank und erwarten Hilfe von anderen.
Der Wahnsinn, in den sich die Leute selbst hineinsteigern, die Unterwerfung, ist anderer Art. Es ist keine Krankheit, an der man leidet. Nicht nur gerät man mit Genuss und Befriedigung hinein, man lebt auch mit gutem Gefühl darin, man merkt gar nicht, dass man krank ist, man hält sich für kerngesund und hält große Stücke auf den eigenen Verstand.
Gerade die Bereitschaft der Leute, in ihrem Wahnsinn kein Problem zu sehen und ihre Unfähigkeit dazu, an ihm zu leiden, hielt er für ein Symptom der Erkrankung. Vielleicht war es ein Hinweis auf Unheilbarkeit.
Andere Symptome waren: Realitätsverweigerung, also die Weigerung, das Offensichtliche zu sehen, es als das wahrzunehmen, was es war, und richtige Schlüsse für das eigene Handeln daraus zu ziehen. Ein Beispiel der jüngeren Zeit war das, was man den Klimawandel nannte. Dass der Umgang der Menschheit mit ihren eigenen Lebensgrundlagen und der so vieler Pflanzen- und Tierarten belastend und zerstörerisch war, musste doch selbst ein Kind begreifen. Wie hätten der Raubbau und Einbringung von Gift ohne Folgen bleiben können? Jeder, der Fabriken und Automobile kannte, und wer hätte sie nicht kennen müssen, konnte doch riechen und schmecken, was da für Dreck in die Luft, ins Wasser, in die Erde geriet. Dazu brauchte es keine chemische Analyse. Die gab es freilich. Und Studien zur Auswirkung etwa der Treibstoffgase auf die Erderwärmung und damit das Klima. Man musste wie gesagt kein Wissenschaftler sein, um das nachvollziehen zu können, man musste nur einmal nachdenken: Über die industrielle Produktion, den rauschhaften Konsum, die Fülle des Mülls und der Giftstoffe. Statt nun aber von „der Politik“, die man doch, auch so ein Wahn, als „demokratischer Souverän“ gewählt hatte, schleunigst Gegenmaßnahmen einzufordern, einen fundamentalen Umbau der Wirtschaftsweisen mit der Folge eines radikalen Wandels der Lebensweisen, beließ man es bei ein bisschen Besorgtheit.
Der Wahnsinn war fest etabliert und umfassend. Jede Form der Kritik an ihm, sofern man denn eine Krankheit kritisieren kann und nicht einfach nur diagnostizieren muss, droht Teil der Symptomatik zu werden. Einfach alles konnte vom Wahnsinn verschluckt und verdaut werden. Das wurde dann von den vom Wahn Befallenen wieder ausgeschieden und erneut verschluckt. Die eigene Scheiße zu fressen ― metaphorisch, versteht sich ― war eine typische Praxis der Wahnsinnigen. Nichts, was man zu ihnen sagte, nichts, was man ihnen sagte, drang tiefer zu ihnen durch als nur so weit, bis das System es verarbeitet und neutralisiert hatte. Der Wahnsinn vermochte sich alles zu unterwerfen, da er selbst durch und durch Unterwerfung war.

Sonntag, 14. Juni 2026

Vielleicht sind die Leute heutzutage nicht dümmer als früher, aber sie haben sehr viel mehr Möglichkeiten, ihre Dummheit zu zeigen.

Samstag, 13. Juni 2026

Aufgeschnappt (beim Papst)

Wir dürfen den Schmerz nicht vergeistigen und ihn oberflächlicherweise „Gottes Willen“ oder einem geheimnisvollen Plan Gottes zuschreiben. Gott will nicht, dass wir leiden. Er trägt das Leid mit uns.

Freitag, 12. Juni 2026

Aufgeschnappt (beim Papst)

Wir alle sind – in gewisser Weise – Migranten, wir alle sind Pilger auf dem Weg zur Heimat im Himmel. Helfen wir einander, diesen Weg für alle menschlicher zu gestalten, indem jeder das beiträgt, was in seiner Macht steht.

Verleger

Verleger wissen immer sehr genau, was Leser wollen und was sie nicht wollen, was sie verstehen werden und was sie überfordern wird, was sie anziehen kann und was sie abstoßen muss. Und selbst wenn sie Recht hätten ― was sie gewiss nicht haben, jedenfalls nicht in jedem Fall, weil ihr Urteil auf subjektiven Erfahrungen und deren subjektiver Deutung beruht ― so gilt doch immer (oder zumindest in den besten Fällen sollte gelten): Bücher werden nicht in dem Sinne für Leser geschrieben, dass sie deren Erfahrungen „widerspiegeln“, deren Erwartungen erfüllen und deren Gewohnheiten bestätigen sollen. Im Gegenteil, gute Bücher brechen mit dem Geschmack der Voreingenommenheit der Leser. Die Aufgabe von Verlegern wäre es, andere Kriterien als bloß kommerzielle zu haben und nicht bloß Waren feilzubieten, sondern Kunstwerke zu propagieren. Also mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln alles zu tun, um die Leser auf einen neuen Geschmack zu bringen.
Mit dem gewöhnlichen Dreck können sie das ja auch. Denn die Realität sieht so aus: Verlag verdienen ihr Geld nicht mit literarischen Kunstwerken, sondern mit Literatursimulationen, mit der Vorspiegelung von Belletristik, mit mal mehr, mal weniger geschickt fabriziertem Lesestoff, der ablenkt, zerstreut, verdummt. Das ist ihre Sache. Wo sie aber im Namen ihres Anliegens ― Geld. Geld, noch mehr Geld ― in Kunstwerke einzugreifen versuchen, muss man ihnen das verwehren. Das ist die Verantwortung des Schriftstellers, des schwächsten Gliedes in der Lieferkette Autor-Text-Verlag-Ware-Leser. Lieber nicht publizieren, als angepasstes, marktgängiges, sinnloses Zeug in den Betrieb zu pumpen. Lieber unbedeutender Sand im millionenschweren Getriebe sein, und wäre es durch Verlagsverweigerung.

Triumph des Minderwertigen

Und wieder und wieder frage ich mich, wie kann es sein, dass das Dumme, das eine Gestalt des Bösen ist, dermaßen triumphiert? Das Böse braucht sich in dieser Zeit nicht zu verstellen, zu tarnen, Kreide zu fressen und sich heroisch zu inszenieren. Es kann sich genau so dumm, lächerlich, gierig, schamlos geben, wie es ist ― und die Leute können all das sehen und heißen es dennoch gut. Jedenfalls tun das viel zu viele, früher. als die visuellen Technologien noch dürftig waren, konnte man sagen: Die Leute waren fast (nur fast!) entschuldigt, wenn sie das Erbärmliche, Abstoßende an Mickerlingen wie Mussolini und Hitler (und zuvor Lenin; bei Stalin hatten sie sowieso keine andere Wahl) nicht wahrnahmen. Was hatten sie denn zum Vergleich, wie wenig wurde ihnen vorgeführt und wie fern war ihnen ihr Idol … Heute aber sind die bösen Clowns überlebensgroß sichtbar, ihre Minderwertigkeit versteckt sich nicht, sie ist offensichtlich, und ihre Lügen wären rasch aufzudecken. Es gibt keine Entschuldigungen mehr. Und doch ist der Fanatismus extrem und stabil. Man stellt sich dumm und ist dumm. Völliger Realitätsverlust, geradezu totale Simulation. Triebtäter ohne Hemmung, ohne Verantwortung, fernab der Vernunft und des Gewissens. Was soll nur werden?

Natur als theologische Herausforderung

Fressen und Gefressenwerden: Um leben zu können, muss getötet werden (Tier oder Pflanze). Wer hat die Welt so eingerichtet? Ein liebender Gott?

Donnerstag, 4. Juni 2026

Würde oder Armut

So ein Duschbus zum Beispiel ist eine gute Sache. Damit wird Menschen, die auf der Straße leben, die Möglichkeit gegeben, sich einmal gründlich zu waschen. Sauber zu sein ist, könnte man sagen, ein oft missachtetes Menschenrecht, jedenfalls aber wird jemandem, der keinen festen Wohnsitz hat, mit der mobilen Möglichkeit zum individuellen Duschen (statt der Kollektivduschen in Unterkünften) ein wenig ihrer Würde zurückgegeben.
Um mal ein Stückchen sehr schöner Prosa zu zitieren: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. Kennt man. Klingt gut. Aber die Realität ist eine andere. Meines Wissens sind Duschbusse für Frauen oder Männer immer Angebote von wohltätigen Organisationen. Kommunen? Staat? Fehlanzeige.
Hat sich was mit Würde. Wohnungs- und Obdachlosigkeit gilt als „soziales“, also im Grunde wirtschaftliches Problem. Dabei ist es ein ethisches, also politisches. Wer nicht will, dass Menschen auf der Straße leben müssen, muss ihnen Wohnraum verschaffen. Man weiß aus zahlreichen und vielfältigen Erfahrungen: Mit den eigenen vier Wänden sind nicht alle Probleme gelöst, aber sie lassen sich besser lösen. Wer wohnt, selbständig und aus eigenem Recht, kann sich eine Lohnarbeit suchen, Geld verdienen, an der Gesellschaft teilnehmen. In den meisten Fällen geht das gut. Aber will „man“ das überhaupt, die Leute von der Straße zu holen? Ist irgendwer von denen, die das Sagen haben, an der Würde der Ärmsten und Gefährdetsten überhaupt interessiert?
Die Gesellschaft leistet sich Armut, um sich Reichtum leisten zu können. Arme werden verachtet, Reiche bewundert. Vielleicht kommt es auch zu Mitleid und Neid. Jedenfalls aber wird nicht ausreichend wahrgenommen, dass die Wenigen nur deshalb so reich sind, weil viele es nicht sind und manche sogar bettelarm. Reichtum gilt als Leistung, auch wenn er ergaunert ist (was er immer ist, auch wo er ererbt wurde). Armut gilt als Versagen. Mag ja stimmen. Aber wenn einer stürzt, hilft man ihm auf. Das gebieten Anstand und Vernunft. Und wo welche sich über andere erheben, stürzt man sie beizeiten. Das gebieten Vernunft und revolutionäre Ethik.
Reichtum ist mit der Würde der Armen unvereinbar. Armut ist mit der Würde der Armen unvereinbar. Und die Entwürdigung der Armen ist mit der Würde aller unvereinbar. Was folgt daraus und daraus, dass der Staat seine Selbstverpflichtung darauf, die Würde jedes Einzelnen ― wer sonst wäre „der Mensch“? ― zu achten und zu schützen, nicht einhält? Daraus folgt die wohlüberlegte Notwendigkeit, den Staat abzuschaffen und ein freies, gleichberechtigtes Zusammenleben mit allgemeinem Wohlstand, also ohne Armut oder Reichtum, zu schaffen. Anders gesagt: Ohne Anarchie gibt es keine menschliche Würde im gesellschaftlichen Maßstab. Mit ihr braucht es auch keine Duschbusse mehr.

Mittwoch, 3. Juni 2026

Notiz zur Zeit (266)

Der US-amerikanische Präsident erklärt in einen Interview, die meisten Leute wüssten nicht, dass man das Wort dumb mit einem B am Ende schreibe. Da hat man den ganzen Trump: Er setzt seine eigene Unbildung mit der der Masse gleich und hat wohl Recht damit.
 
Trumps Zustimmungswerte seien sehr niedrig, heißt es immer wieder. Ich halte nun aber ein Drittel nicht für wenig, sondern im Gegenteil für unverständlich viel. Wie kann es sein, dass jeder dritte erwachsene US-Amerikaner einen eitlen, lügnerischen, ehebrecherischen, heuchlerischen, habgierigen, ungebildeten, unfähigen, offensichtlich dementen, bösartigen und vollkommen lächerlichen Dummkopf und dessen entsprechende Politik gut findet? Wer das begreifen könnte, hätte etwas über die menschliche Natur herausgefunden, was eben so erschreckend und abstoßend wie erhellend wäre.
 
Ich schreibe nur ungern über den Orangefarbenen Götzen. Man fühlt sich besudelt, wenn man über seine Entgleisungen informiert wird, und entwürdigt, wenn man sie kommentiert. Selbst Humor macht das nur erträglich, wenn er auf blankem Hass beruht oder wenigstens abgrundtiefer Verachtung.

Westlichen Interessen: Ja, und?

Manche ganz, ganz Schlauen sagen, zwar habe Russland die Ukraine angegriffen, aber dass der Krieg immer weitergehe, liege an den westlichen Interessen, vor allem dem Militärisch-industriellen Komplex. Überhaupt habe ja der Westen Russland zum Krieg gewissermaßen gezwungen und westliche Firmen verdienten jetzt daran, dass die Ukraine sich nicht ergeben dürfe. Zu Lasten der bedauernswerten Ukrainer und Ukrainerinnen.
Nun, westliche Interessen sind im Zusammenhang mit Russlands Aggression und der Verteidigung der Ukraine nicht zu leugnen. Das mit der Bedrohung und Einkreisung Russlands ist zwar Quatsch (und die Idee, die Ukrainer verteidigten sich nicht freiwillig, sondern würden von Washington und Brüssel dazu genötigt, erst recht), aber es gibt tatsächlich westliche Unternehmen, die vom Krieg profitieren. Und, was folgt daraus? Sollen sich die Ukrainerinnen und Ukrainer Russland unterwerfen und zu rechtlosen Untertanen einer mörderischen Diktatur werden, um westlichen Rüstungskonzernen ein Geschäft zu verderben, das diese dann wieder direkt mit Russland machen möchten? (Wo der Militärisch-industrielle Komplex identisch ist mit der regierende Oligarchie.) Sollen die Menschen in der Ukraine auf Freiheit, Würde, Selbstbestimmung, Demokratie und Rechtsstaat verzichten (denn das alles gibt es in Putins Reich nicht), damit ein paar überschlaue „Pazifisten“ an ihren gemütlichen (weil im Westen stehenden) Schreibtischen „Ätsch!“ zu USA und NATO sagen können?
Es ist leider wahr: Dass die Ukraine sich gegen einen völkermörderischen Feind verteidigt, hebt den globale Kapitalismus nicht auf. Doch bei aller berechtigten und nötigen Kritik am Westen gilt auf jeden Fall: Russland, Rotchina, Nordkorea etc. sind keine Alternative, politisch nicht, gesellschaftlich nicht, wirtschaftlich nicht, ökologisch nicht, kulturell nicht. Wer aus lauter Hass auf den Westen östliche Diktaturen, menschenverachtende Regimes, wahnsinnige Schlächter, brutale Ausmerzer von Umwelt und Kultur favorisiert, hat weder Intelligenz noch Recht noch Ethik auf seiner Seite. Ganz im Gegenteil. 

Mittwoch, 27. Mai 2026

Das System funktioniert

In der BRD gab es (laut der Boston Consulting Group) 2025 etwa 5.000 Menschen mit einem Vermögen von mehr als 100 Millionen US-Dollar. Im Jahr 2024 waren es noch etwa 3.900 gewesen.
 
Krise? Welche Krise? Es geht unaufhaltsam vorwärts.
 
Sagen wir mal so: Die Unfähigkeit und Untätigkeit der Scholze, Merze usw. zahlt sich aus. Für die Superreichen. Die anderen werden mit Krisen und Problemen abgespeist: Migration vor allem, sodann demographische Wandel, wachsende Sozialausgaben, zerfallende Infrastruktur, Klimawandel (der aber nicht so dringend ist) und Krieg (anderswo), an dem man gut verdienen kann. Ach ja, Konsum sozialer Medien durch Minderjährige; geht ja wohl gar nicht.
 
In Österreich halten übrigens 500 Menschen rund 39 Prozent des gesamten Finanzvermögens aller neun Millionen Einwohnerinnen und Einwohner (0,006 %). Auch hier also haben die Regierenden weiterhin alles richtig gemacht, zumindest das, wofür sie vom Kapital geduldet werden

Fragment über die Leute und ihren Tod

Sie sorgen sich sehr darum, dass sie sterben könnten. Dass sie oder so sterben werden, wissen sie zwar, aber sie wollen es nicht wahrhaben. Sie wollen nicht sterblich sein. Zumindest jetzt nicht und nicht in absehbarer Zeit. Jeder Tod, der nicht sehr spät kommt, erscheint ihnen verfrüht. Dass dauernd andere Leute sterben, beunruhigt sie nicht, es sei denn, es wären ihnen Nahestehende oder gar Gleichaltrige. Mit dem Tod der übrigen haben sie eigentlich nichts zu tun. Hunger und Elend, Naturkatastrophen und Krieg betreffen sie zum Glück nicht. Das sind alles schreckliche Dinge, gewisse, aber das kann man doch nicht vergleichen mit ihrem eigenen Tod. Ein verhungertes Kind, ein von Bomben zerfetztes, das hat doch gewissermaßen Pech. Was soll man da machen. Wenn aber sie selbst schon mit 40, 50. 60 Jahren schon sterben müssten, dann erschienen ihnen das als Unrecht und Ungeheuerlichkeit. Krankheit, wieso denn, es gibt doch Ärzte. Warum ist nicht alles heilbar? Warum sollten ausgerechnet sie sterben? Sie doch nicht! Noch nicht jetzt. Später. Viel später.

Samstag, 23. Mai 2026

Die Expertin

An jedem ihrer Sätze habe ich etwas auszusetzen. Mal stimmen die Verbformen nicht, das Genus, die Präpositionen. Usw. Usf. (Deutsch ist ihre Muttersprache.) Ihre Kindergartensprechweise fand ich immer schon nervig. Als ich dann auch noch feststelle, dass sie ihr Wissen aus dem Internet bezieht, weil ich zufällig Sätze ihrer Expertise (zu irgendeiner Antiquität, Rarität, Kuriosität) fast wortgleich bei Wikipedia wiederfinde, ist sie bei mir unten durch.

Mittwoch, 20. Mai 2026

„Lohntransparenzgesetz“

Ein „Lohntransparenzgesetz“? Meinetwegen. Nichts dagegen. Aber inwiefern soll damit eine angebliche Benachteiligung von Frauen behoben werden? Soll dass heißen, dass Frauen bisher weniger verdienten, weil sie nicht wussten, ob sie weniger verdienen (als Männer)?
Die meisten Löhne und Gehälter werden nicht frei ausgehandelt, sondern es gibt dafür Vorgaben (etwa in Kollektivverträgen oder die Bezugstabellen im öffentlichen Dienst); wer sich nicht an Kollektivverträge hält, gehört ohnehin sanktioniert ― anderes Thema. Frei ausgehandelt werden wohl nur Managementposten. Eine Mangerin, die nicht weiß, was ihre Kollegen so kriegen, ist eh zu blöde für den Job. Im Niedriglohnsektor bringt „Lohntransparenz“ gar nichts. Dort aber und davon, Männern jahrelang auf der Tasche gelegen zu haben, kommt die Altersarmut bei Frauen her.
Übrigens: Wenn eine Frau durch „Lohntransparenz“ feststellt, dass sie mehr bekommt als Kollegen, zahlt sie dann das Übermaß zurück? (Oder nur in Fällen, in denen sie nicht mit dem Chef geschlafen hat, um den Job zu bekommen?)

Sonntag, 17. Mai 2026

Sonntagsfrage

Warum, o Herr, lässt du zu, dass wir Menschen einander Leid zufügen? Warum lässt du zu, dass wir zulassen, dass andere anderen Leid zufügen? Dass wir wegschauen oder hinschauen und nichts tun? Warum lässt du zu, dass wir etwas tun, was Folgen hat? Auch Böses, das Böse Folgen hat? Warum hast du uns einen freien Willen gegeben? Warum sind wir nicht einfach deine Marionetten? Warum lässt du zu, dass wir nicht das tun, was du willst, das Gute, sondern dass wir uns gegen dich und einander entscheiden können? Warum können wir sündigen? Warum lässt du zu, dass wir habgierig sind und gleichgültig, egoistisch und vergnügungssüchtig, gewalttätig, hochmütig und ignorant? Warum lässt du zu, dass wir uns für Zerstreuung, Verführung, Berauschung, Verdummung, Zwang entscheiden, statt frei zu sein?
Ich frage für ein paar Freunde.

Donnerstag, 14. Mai 2026

Hyperbarbaren

Nicht die Barbaren sind es, also die Subalternen, die Marginalisierten, die Ausgesperrten von jenseits der Grenze (zwischen unserer Kultur und deren Zurückgebliebenheit), die man fürchten muss, sondern die Hyperbarbaren sind es, also die angeblich Hochzivilisierten, die sich für grundsätzlich überlegen halten und diese Einstellung durchsetzen, die sich immer wieder dafür entscheiden, grausam, unmenschlich, bedenkenlos, destruktiv zu sein, die alles ihrer Gier, ihrem Hochmut, ihrer Lust unterordnen und opfern. Die Barbaren sind nur ein Popanz, mit dem man sich derer zu erwehren versucht, die man abwertet und braucht, deren unterstellte Andersartigkeit, zu Ende gedacht, einen in Frage stellen müsste, ein immer verfügbares Feindbild, mit dem man droht, wenn man die eigene Herrschaft bedroht fühlt. Die „Hyperbarbaren“ aber sind die schreckliche Realität.

Mittwoch, 13. Mai 2026

Aktuelle Werte

Nicht, dass es mich übermäßig interessiert, aber was sind eigentlich die „Werte“, die heute gelten? Was ist denn Leuten wichtig? Ich vermute das Folgende.
In erster Linie: Spaß zu haben. Etwas zu erleben. Das Leben zu genießen.
Sodann: Sicherheit. Geborgenheit. Nicht in Frage gestellt zu werden.
Weiters: Selbstoptimierung. Also sich an den Erwartungen anderer auszurichten und sich dem anzupassen, was angesagt ist. Und so die Identität von Individualismus und Konformismus zu praktizieren.
Überhaupt: Wohlgefühl. Ein mehr oder minder gutes Gewissen oder die Normalisierung des schlechten Gewissens. Der Wunsch, auf der richtigen Seite zu stehen, der erfolgreichen, der der Mehrheit. Sich nichts vorwerfen (lassen) zu müssen. Das Gefühl des Ungenügens möglichst nicht zu zulassen oder nur, wenn das erwartet wird.
Das ist alles sehr allgemein und unscharf formuliert, um möglichst viel der Widersprüchlichkeit zum Trotz zu umfassen. ― Gegenfrage: Was sind meine „Werte“, was ist mir wichtig?
Wahrheit. Ich will wissen, was es mit dem auf sich hat, was mir widerfährt. Wie es womit zusammenhängt. Warum man mich ablenken will, warum man lügt und betrügt.
Freiheit. Als Folge und Voraussetzung der Wahrheit. Wer sich nichts vormachen lassen will, muss sich befreien, von Vorurteile, Ideologien, Lügen. Das geht nur durch Widerspruch, Nichtanpassung. Nichtunterwerfung.
Gerechtigkeit. Parteinahme für die Unterdrückten, die Schwächeren, die Benachteiligten, die Manipulierten.
Ich will in Ruhe gelassen werden. Auch und besonders vom Staat und seinen Avataren (Banken, Versicherungen usw.). Auch von der Technik. Und vom Geldverdienenmüssen. (Was nicht klappt.)
Bildung. Ohne sie kein Zugang zur Wahrheit. Und kein echter Genuss.
Schönheit. Heiligkeit.
Freundschaft. Obwohl ich im Laufe meines Lebens mehr Freunde und Freundinnen verloren habe, als ich je hatte … Doch ging das fast nie von mir aus. Außer insofern, als ich den Leuten mit meiner Kritisiererei auf die Nerven gehe. (Bei ihnen einen Nerv treffe.) Amicus X, magis amica veritas.

Montag, 11. Mai 2026

Anarchismus ist Wunschdenken

Anarchismus, wie ich ihn verstehe, ist ganz wesentlich Wunschdenken. Also nicht, wie das Vorurteil es will, „bloßes Wunschdenken“, sondern als durchdachtes Wünschen und seiner Wünsche bewusstes Denken eine existenzielle Einheit von Affekt und Intellekt, von Theoriepraxis und Gestaltung der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Ausgehend von dem Wunsch, alle Menschen mögen in herrschaftsfreien Verhältnissen leben, gilt es zu fragen: Woher kommt dieser Wunsch und warum ist es zumeist nur ein Wunsch und nicht Wirklichkeit? Ist der Wunsch berechtigt, ist er realistisch, in welchem Verhältnis steht er zu anderen Wünschen? Und warum teilt nicht jeder diesen Wunsch? Warum erfinden manche Gründe, warum Anarchie angeblich nicht funktionieren kann? Warum finden sie sich mit Herrschaftsverhältnissen abm richten sich in ihnen und und verteidigen sie
Dabei dürfte klar sein, was dem Wunsch entgegensteht: Herrschaft. Und weil diese, wie gezeigt werden kann, nicht sein soll, ist der Wunsch, sie möge nicht sein, begründet und berechtigt. Seine Erfüllung erst macht andere Wünsche erfüllbar oder gibt ihnen Sinn: Unter den Bedingungen der Unfreiheit ist jede Wunscherfüllung mehr oder minder Komplizenschaft mit dem herrschenden System. Erst ein freier Mensch kann frei wünschen und sich Wünsche erfüllen, ohne die Freiheit anderer einzuschränken.
Anarchie, könnte man meinen, ist etwas, das jeder gut findet, wonach er strebt, was er will: über die eigenen Angelegenheiten selbst zu bestimmen und gemeinsame Angelegenheiten gemeinsam, und zwar so, dass niemand über andere bestimmt, sondern im Gegenteil jeder zur Freiheit und zum Wohlergehen aller und jedes Einzelnen im Umfang des ihm möglichen und im Rahmen der gemeinsam bestimmten Institutionen beiträgt.
Warum wünscht sich das nicht jeder? Da gibt es die, die an der Unfreiheit anderer profitieren. Dann die, die hoffen, vom Profit anderer ein wenig abzubekommen. Und dann die Vielen, die die Freiheit scheuen und die Unfreiheit wählen. Ihr Begehren und ihr Glück binden sie an die Vorgaben der Fremdbestimmung. Sie investieren viel in das, was Befriedigung und Sicherheit verspricht, aber nur Verfügbarkeit und Ausnutzung garantiert. Ihr Gehorsam zahlt sich nicht aus oder nur zum Schein oder nicht so, wie ein freies Leben ein besseres Leben wäre. Ihnen ist eingebläut worden, allgemeine Selbstbestimmung bedeute Unordnung und schrankenloses Gegeneinander, weshalb Normen und Regeln des Zusammenlebens unbedingt von einer Obrigkeit festgelegt werden müssten, die auch strafen und belohnen dürfen müsse. Sie haben Angst vor einer Freiheit, die man ihnen angeblich wegnimmt, wenn sie sie haben wollen, und die man ihnen nur gewähren, indem man sie beschränkt.
Die Denkgewohnheiten der Leute folgen ihren Wunschgewohnheiten, und darum wagen sie nicht zu wünschen, was vernünftig und in ihrem eigenen Interesse und dem aller wäre.
Anarchismus, wie ich ihn verstehe, setzt dem sein Wunschdenken entgegen, nämlich die Analyse des Bestehenden anhand der gefestigten, weil begründeten Überzeugung, dass anderes sein soll und darum möglich sein muss.
Die Erfahrungen der Unfreiheit, der Bevormundung, der Entwürdigung, der Ausbeutung, all der vielfältigen Versuche der Verdummung lassen den Wunsch, all das möge nicht sein und Freiheit, Würde, Gerechtigkeit und allgemeines Wohlergehen mögen verwirklicht werden, nur umso dringender erscheinen.
Der Wunsch, miteinander herrschaftsfrei miteinander zu leben, verstellt nicht den Blick, er eröffnet ihn, er vernebelt nicht das Denken, sondern klärt es auf. Dieser Wunsch ist nicht Träumerei, Schwärmerei oder unreifes Geschwätz. Im Gegenteil, die anarchistische Wunschvorstellung ist ein geordnete und umfassendes Wissen davon, was ist, was sein soll und was nicht sein soll. Insofern ist der Wunsch nach Anarchie die Grundlage aller anarchistischen Theorie und das, was in anarchistischer Praxis zur Erfüllung kommt.
Anarchismus ist Wunschdenken, weil das Wünschen unbedingt notwendig ist und hilft, wenn es gilt, Unerwünschtes loszuwerden. Wer Anarchie nicht wünscht und sein Wünschen nicht denkt, der versteht sich selbst nicht und irrt.

Sonntag, 10. Mai 2026

Aufgeschnappt (bei Juan de Àvila)

No me mueve, mi Dios, para quererte el Cielo que me tienes prometido ni me mueve el Infierno tan temido para dejar por eso de ofenderte. Tú me mueves, Señor. Múeveme el verte clavado en una cruz y escarnecido; muéveme el ver tu cuerpo tan herido, muévenme tus afrentas, y tu muerte. Muéveme, en fin, tu amor, y en tal manera, que, aunque no hubiera Cielo, yo te amara, y, aunque no hubiera Infierno, te temiera. No me tienes que dar porque te quiera, pues, aunque lo que espero no esperara, lo mismo que te quiero te quisiera.
Mein Gott, nicht der Himmel, den du mir verheißen hast, bewegt mich dazu, dich zu lieben, noch bewegt mich die Furcht vor der Hölle dazu, dich nicht länger zu beleidigen. Du bewegst mich, Herr. Ich bin bewegt, dich ans Kreuz genagelt und verspottet zu sehen; ich bin bewegt, deinen so verwundeten Leib zu sehen, deine Beleidigungen und dein Tod bewegen mich. Kurz gesagt, ich bin von deiner Liebe bewegt, und zwar so sehr, dass ich dich selbst ohne Himmel lieben würde, und selbst ohne Hölle würde ich dich fürchten. Du musst mir nichts geben, damit ich dich liebe, denn selbst wenn ich nicht auf das hoffen würde, worauf ich hoffe, würde ich dich dennoch lieben.

Freitag, 8. Mai 2026

Unterwegs (41)

Als ich vom Kaffeehausfenster aus eine Menschenmenge auf den Hauptplatz meiner Wohn- und Geburtsstadt ziehen sah, die Dreifaltigkeitssäule umrundend, vorne weg eine große rumänische Fahne, da jubelte ich: Endlich! Wir werden besetzt! Ein Kulturvolk kommt und rettet mich und andere anständige Postmigranten vorm grassierenden Faschismus der alteingessenen Schluchtenscheißer. Tschuschen aller Länder, solidarisiert euch! Als dann auf die kleinen rumänischen Fähnchen tschechische, slowenische, ukrainische, lettische, irische, polnische, italienische Fähnchen folgten, versuchte ich noch, mir einzureden, es handle sich eben um eine internationale Besatzungstruppe. Aber als schließlich gesungen wurde, war klar, das sind leider lediglich Chöre. (International Choral Competion „Ave Verum“.)
Die Ukrainerinnen und Ukrainer waren traditionsgemäß ganz in Weiß mit schönen bunten Stickereien gekleidet. Das Herz ging mir auf und mein innerer Galizier rief: Slava Ukrajini, herojem slava!
Der Vergleich macht übrigens sicher: Dort die jungen Gäste aus Ost- und Südeuropa, hier die einheimischen Gestalten, die zeitgleich vorm Café saßen. Gute Genpools, schlechter Genpool. Darum: Umvolkung jetzt! Mehr Zuwanderung, kostete es, was es wolle!

Mittwoch, 6. Mai 2026

Stand der Dinge (7)

Wenn es stimmt, was ich heute gelesen habe, dass nämlich 40 Prozent der 18- bis 30-Jährigen lieber mit sogenannter Künstler Intelligenz „reden“ als mit Menschen, wie sollte mich das nicht traurig und wütend machen? Wie sehr hat die moderne Technik die Seelen der Leute schon verdorben, wie sehr das Erlebenkönnen von Realität, von Person-Sein, von lebendiger Rede und Widerrede bereits beschädigt! Die tote Rede der Maschinen ist attraktiver als der Mitmensch. Das leere Spiel der Dinge, das alles was Bedeutung hätte, nur simuliert, verbraucht Kräfte und ersetzt mit seinen Vorgaben die veränderbare Welt. Der Antrieb von all dem, die Gier nach Geld und noch mehr Geld bei denen, die längst zu viel haben, kommt im Bewusstsein nicht vor oder wird bis zur Unkritisierbarkeit naturalisiert. Hol’s der Teufel.

Montag, 4. Mai 2026

Du und deine Autonomie

Der, der du bist, bist du, weil du mit anderen zusammengelebt hast. Andere waren schon da, bevor du gezeugt wurdest. Denn wäre hätte dich gezeugt, du dich etwa selbst? Nein, andere waren es, von denen du gezeugt, empfangen, ausgetragen, geboren, jahrelang umsorgt und aufgezogen wurdest. Von anderen hast du sprechen gelernt und damit auch (in Begriffen) zu denken. Von anderen hast du gelernt, wie des und das heißt, was es mit dem und jenem auf sich hat, was man damit tun oder nicht tun kann, wie dies und das zu bewerten ist. Und selbst wenn du irgendwann das, was du gelernt hast, in Frage gestellt und sogar verworfen hast, konntest du das nur auf der Grundlage des Gelernten, denn um mit Gewohnheiten und Überzeugungen, mit Weltsichten und Weltanschauungen, mit den den dir vertrauten moralischen, politischen, ästhetischen usw. Wahrnehmungen und Wertungen brechen zu können, musstest du diese erst einmal haben. Und du hattest sie von anderen. Selbst deine Vorlieben und Abneigungen hast du an dem ausgebildet, was andere hatten, durch Übernahme und Abgrenzung, auf jeden Fall aber im Verhältnis zu anderen. Tatsächlich bist du immer noch in vielem, vielleicht sogar fast allem geprägt von dem, was dich mit anderen verbindet. Du hast übernommen und übernimmst immer noch. Um unter und mit anderen zu leben, passt du dich an und fügst dich ein. Wonach du verlangst, Wonach du strebst, was du für Erfolg und Befriedigung hältst, hast du anhand des Vorlebens anderer ausgebildet und beurteilst es nach Kriterien, die du nicht selbst erfunden hast.
Nun gibt es schlaue Menschen, die erklären dir, du seist ein souveränes Subjekt und solltest gefälligst autonom sein. Das hörst du gern. Es schmeichelt dir. Niemand soll dir was dreinreden, du weißt selbst am Besten, was gut für dich ist. Bloß, woher nimmst du, der Gesetzgeber deiner Selbst, die Begriffe und Normen deiner Gesetzgebung? Worauf gründest du sie? Auf die Kontingenz deiner Wünsche und Ängste, deiner Begehrlichkeiten und Möglichkeiten? Und angenommen, du vermöchtest deine ethische Autonomie irgendwie hervorzuzaubern wie der Zauberkünstler das Kanichen aus dem Zylinder (das aber schon drin war, als der Hut angeblich leer war), was ist mit den anderen? Die sind doch auch autonom, oder? Wenn aber jeder seine eigenen Gesetze macht, wenn auch nur für sich selbst, wie soll da ein Zusammenleben möglich sein? Geschweige denn, ein gedeihliches?
Die Selbstgesetzgebung des Individuum, die die bürgerliche Ideologie propagiert, ist eine Lüge. Sie kann nicht gelingen, weil sie weder über Grund noch Folgen der angeblichen Autonomie (in Wahrheit Egomanie) zustimmungsfähig Auskunft geben kann. Was jedoch durchaus möglich und vernünftig ist, ist die Gestaltung eines herrschaftsfreien Zusammenlebens, bei dem jeder für jeden da ist, falls nötig, und jeder jedem jede Freiheit gewährt, sofern möglich. Mit anderen Worten: Anarchie statt Autonomie.
Im herrschaftsfreien Zusammenleben kannst du „dich“ am besten „verwirklichen“, also deine Endlichkeit annehmen, deine Möglichkeiten ausschöpfen oder erweitern, schöpferisch sein und in Ruhe gelassen werden, dein Ding machen und auf der Grundlage der Faktizität der Alterität und Interdependenz neue Freiheiten entdecken. Du musst weder das Rad neu erfinden, noch Räder stehlen. Du kannst dein eigenes Rad machen oder Räder mit anderen teilen. Du kannst Alternativen zum Rad ausprobieren oder radfrei leben. Sei frei, nicht autonom!

Ben-Gvir

Wäre er nicht zufällig Jude, zögerte man keinen Augenblick, ihn einen Nazi zu nenne. So aber … Doch das ist im Grunde ein rassistische Vorurteil. Warum sollte ein Jude kein Nazi sein können? Wenn er es denn unbedingt will. Nazismus bedeutet ja nicht Hakenkreuze, Uniformen, Aufmärsche ― obwohl es in Israel auch das gibt: explizite Neonazis; und Massenversammlungen, die „Tod den Arabern“ grölen sowieso. Nazismus ist ein bestimmter Ungeist. Und den bringt er mit allem, was er sagt und mit zum Ausdruck. Seine Menschenverachtung und unbedingte Gewaltbereitschaft macht in in jedem Fall zum Faschisten, dass er ein fanatischer Rassist und Homophobiker qualifiziert ihn als Nazi. Völkermord ist sein Ziel, der Triumph der Herrenrasse, der er anzugehören meint, sein unverrückbares Ziel. Ein Verrückter. könnte man meinen, ein Verbrecher, aber es ist schlimmer: ein Politiker. Ein Minister sogar. Aber warum sollten sich die Unterstützer Israels, die sich von den Verbrechen dieses selbsternannten Staates nicht abschrecken lassen, an einem solchen Regierungsmitglied stören?

Freitag, 1. Mai 2026

Vorfälle, Übergriffe, Drohungen?

Widerlich, dieses multimediale Gejammer über angeblich „antisemitische“ Übergriffe ― während in der Realität der Staat Israel gleich mehrere Kriege führt und Völkermorde verübt. In der BRD gilt es schon „Antisemitisch“, wenn jemand Palästina erwähnt. Nach den neueren Zahlen (aus den zwölf Monaten seit dem 7. Oktober 2023, in denen Israel völlig jede Hemmung fallen ließ) melden nur 46 der 102 jüdischen Gemeinden in der BRD „Vorfälle, Übergriffe oder Drohungen“, also nicht einmal die Hälfte und das trotz einer so weit gefassten Begrifflichkeit.
Mit anderen Worten: „Antisemitismus“ kommt in der deutschen Gesellschaft kaum vor oder hat zumindest kaum Auswirkungen. Was verwundern könnte. Stehen doch deutsche jüdische Gemeinden und Organisationen fest an der Seite des Zionismus und seiner menschenverachtenden Praktiken (und behandeln jede Kritik, als versuche jemand die Gaskammern zu reaktivieren).
Angesichts ihrer überwiegenden Komplizenschaft mit abscheulichen Verbrechen leben Juden und Jüdinnen in der BRD erstaunlich unbehelligt. Übrigens auch anderswo, etwa in Großbritannien. (Wo ein Messerangriff Schlagzeilen macht und Terrorwarnstufen erhöhen lässt, während die israelfreundliche Regierung zu Völkermord und Angriffskriegen schweigt.)
Ich möchte nicht, dass das anders wird. Ich missbillige Übergriffe und Angriffe. Aber ich betrachte es nicht als Beschimpfung oder Bedrohung, wenn Tatsachen erwähnt und klare moralische Urteile gefällt werden.
Niemand hat etwas davon, wenn außerhalb Israels Privatpersonen oder auch prozionistische Vereinigungen attackiert werden. Das nützen diese immer nur zu Propaganda: zur Umkehr von Opfer und Täter.
Was es braucht, ist die Unterstützung antizionistischer, propalästinensischer, antikolonialistischer Aktivisten und Aktivistinnen. Und einen Rechtsstaat, der nicht die Lügen der Verbrecher, sondern die Wahrheit der Opfer schützt.

Mittwoch, 29. April 2026

Notiz zur Zeit (265)

Die bundesdeutsche Gesundheitsministerin hält Einschränkungen bei den Versicherten für notwendig. Man habe, behauptet sie, seit Jahren über die Verhältnisse gelebt. Hm. Welche Verhältnisse meint sie? Die, in denen die Reichen immer reicher werden und Kinder- und Altersarmut zunehmen?
 
Weiters sagt dieselbe Dummschwätzerin, um die Krankenkassenbeiträge stabil zu halten, müsse jeder seinen Anteil leisten. Mit „jedem“ meint sie wohl alle, die wenig haben, aber auf keinen Fall die, die zu viel haben. Außerdem finde ich nicht, dass man sagen kann, dass der Preis für Brötchen stabil bleibt, wenn die Brötchen kleiner werden. Und man auch nochwas dazuzahlen muss.

Donnerstag, 23. April 2026

Die Preise der Macht

Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis, lautet das Dogma. Gemeint ist: Was selten ist, aber viele haben wollen, kann teuer verkauft werden. Was hingegen wenige haben wollen und reichlich vorhanden ist, muss billig abgegeben werden, wenn man denn überhaupt ein Geschäft machen will.
Man kann es aber auch anders sehen: Der Preis ist das, was ein Verkäufer einem Käufer, der nirgendwo anders (etwas anderes) kaufen kann, im Höchstfall abknöpfen kann, bevor der überhaupt auf den Kauf verzichtet. Eine Verknappung des Angebots spielt dem Verkäufer in die Karten (unter Umständen noch mehr als die Wertigkeit der Ware), das Massenhafte (das oft mit Minderwertigkeit der Ware einhergeht) den Käufern.
Dass etwas teuer ist, macht es nicht besser. Mag sein, dass Gutes teurer ist als Minderwertiges. Doch für die Preisbildung spielt eher die Seltenheit eine Rolle.
Aber warum eigentlich? Wenn ein Bäcker täglich 500 Brötchen bäckt, ihm jedoch eines Tages durch einen technischen Defekt 100 verbrennen, er also im Laden nur noch 400 zum Verkauf anbieten kann, dann kann er ja nicht einfach sagen: So, jetzt kostet ein Brötchen nicht mehr 60 Cent, sondern 75, damit ich meinen Ausfall ausgleichen kann. Sonst sagen die meisten Kunden wohl: Danke, aber dann kaufe ich eben woanders. Schon gar nicht kann er sagen: Ich nehme besser gleich 90 Cent, wer weiß, wann der technische Defekt behoben sein wird. Denn wer anderswo weiter ein Brötchen um 50 oder 60 Cent einkaufe kann, wird das, wenn irgend möglich, auch tun, und der Bäcker hat erst recht Verluste. (Zu Recht.)
Anders die Konzerne, die sich mit dem Verkauf fossiler Brennstoffe eine Art von Lizenz zum Gelddrucken verschafft haben. Krieg der USA gegen den Iran, Speere der Straße von Hormus? Na, da erhöhen wir schon einmal die Preise an den Tankstellen. Obwohl sich unsere Einkaufspreise noch gar nicht erhöht haben. Und selbst wenn Benzin und Diesel wirklich knapp würden: Es handelte sich doch um dieselben Produkte, sie sind nicht besser geworden, warum also teurer? Auch die Nachfrage steigt ja nicht. Warum also der Preis? Weil die Gelegenheit günstig ist.
Und im Unterschied zum Bäckerbrötchen kann der unzufriedene Kunde nicht einfach zu einer anderen Tankstelle wechseln, wenn alle Konzerne die Preise erhöhen. Wem die Brötchen überall zu teuer sind, der kann auf andere Backwaren umsteigen. Wer seine „Mobilität“ von fossilem Treibstoff abhängig gemacht (oder gehalten) hat, muss zahlen, was verlangt wird. Darf aber jammern. denn anscheinend erwartet niemand ― außer irgendwelchen Ökospinnern wie ich ―, dass höhere Spritpreise zu weniger Fahrten führen. Und das scheint zeitnahen Untersuchungen zu Folge auch nicht der Fall zu sein: Es wird gejammert, getankt, gefahren ― und geblecht. Sinnvolle Vorschläge wie ein allgemeines Tempolimit werden sowieso als unrealistisch weggebügelt. Warum spritsparende Geschwindigkeitsbegrenzungen entmündigend sein sollen, hohe Spritpreise jedoch nicht, versteht dabei wohl nur die fossilfixierte Volksseele.
Energieverbrauch senken, Energie nachhaltig und erneuerbar ezeugen: Darum ginge es. Weniger „Individualverkehr“, mehr und bessere öffentliche Verkehrsmittel. Stattdessen sind weiterhin Flugreise, Flughafenausbau und der Bau von gigantischen Rechenzentren angesagt. Es ist, als ob die Menschheit (oder ein leider entscheidender Teil derselben) die Zerstörung der Lebensgrundlagen von Flora, Fauna und Menschheit geradezu herbeisehnte. Dazu kommen noch die Realitätsabgewandten, die darauf setzen, neue Technologien würden schon irgendwie rechtzeitig alles richten. Die moderne Technik hat die Welt in die Scheiße geritten, nun soll sie sie (demnächst, versprochen!) wieder herauszerren? Gibt es irgendein Indiz dafür? Oder nicht doch bloß Symptome des destruktiven Technofaschismus?
Um auf Bäcker und Konzerne zurückzukommen: Der einzelne Bäcker hat wenig Macht, darum kann er seine Kunden nur wenig bescheißen. Die Multis aber haben sich Machtpositionen geschaffen und darum machen sie gewaltige Geschäfte ― auf Kosten der Kunden, der Zulieferer, der Arbeitnehmer, der Umwelt. Wohlgemerkt: Weil sie mächtig sind, machen sie irrsinnige Vermögen, nicht andersherum. Ihre Gewinne sind abhängig von eigener Marktmacht und von den Staaten, die ihre schützende Hand über Betrug, Ausbeutung, Zerstörung halten.
Im finsteren Mittelalter wurden Bäcker, die zu kleine Brötchen buken, aber dasselbe Geld dafür verlangten, gern in Käfige gesteckt und samt diesen dann in Gewässer getunkt. In unseren herrlichen moderne Zeiten ärgern sich die Leute über die Mineralölkonzerne, aber tanken, zahlen, verbrauchen trotzdem. Was ist vernünftiger?

Glosse CLXV

Kochküche. Selbst für Behördensprech ist das verrückt.

Montag, 13. April 2026

Wie ich es halte

Man kann mir, wenn man möchte, womöglich mancherlei vorwerfen, aber nicht, dass ich nicht konsequent bin. Mag sein, dass ich mich bei diesem oder jene täusche oder irre, dass ich etwas falsch einschätze oder bewerte, dass ich Vorlieben habe und blinde Flecken. Aber immerhin bin ich meiner Meinung nach völlig folgerichtig in meinen Parteinahmen: für die Schwachen gegen die Starken, für die Unterdrückten gegen die Herrschenden, für die Ausgebeuteten gegen die Ausbeuter, für die Geschädigten gegen die Verursacher, für die Bedürftigen gegen die Verschwender, für die Verleumdeten gegen die Verleumder, für die an den Rand Gedrängten gegen die Vorherrschenden, für die Ehrlichen gegen die Lügner, für die Friedfertigen gegen die Hetzer, für die Wehrlosen gegen die Übergriffigen, für die Ausgesetzten gegen die Eingebunkerten, für die Aufbrechenden gegen die Festsetzer, für die konstruktiven Kritiker gegen die unkritisch Destruktiven, für die Nachdenklichen gegen die Dummschwätzer, für die Unangepassten gegen die Konformisten, für die Moralapostel gegen die konsumistischen Hedonisten, für die Utopisten gegen die Ablenker und Zerstreuer, für die Verdummungsopfer gegen die Verdummungstäter, für die Großzügigen gegen die Knausrigen, für die Feinsinnigen gegen die Brutalen, für die Differenzierten gegen die Niveaulosen, für die Fürsorglichen gegen die Entmündigenden, für die Kultivierten gegen die Vulgären, für die Ehrlichen gegen die Betrüger, für die Schlichten gegen die Gezierten, für die Unverdorbenen gegen die Verführer, für die Anständigen gegen die Rücksichtslosen, für die Aufklärenden gegen die Finsterlinge, für die zu Selbstkritik Fähigen gegen die Bedenkenlosen, für die Menschenfreunde gegen die Maschinenknechte, für die relativistischen Relativisten gegen die absolutistischen Absolutisten, für die Freiheitsliebenden gegen die Unterwürfigen.

Freitag, 10. April 2026

Unterwegs (40)

Warum müssen so viele Frauen eigentlich so dämlich dasitzen? Geradezu zwanghaft schlagen sie ihre Beine übereinander, nämlich auch, wenn sie nicht in einem Sessel, sondern in einem Stuhl an einem Tisch sitzen. Das ergibt zwangsläufig eine verdrehte Haltung, die doch völlig unbequem sein muss. So kann man doch nicht zum Beispiel vernünftig essen. Aber sie tun’s. Sie verschrauben ihre Haxen gegeneinander ― und dann fangen sie an, mit dem Fuß zu wippen. Anhaltend. Ebenso zwanghaft.
Früher wäre eine wohlerzogene Frau vor Scham gestorben, wenn sie sich in der Öffentlichkeit hätte so gehen lassen, die Beine übereinanderzuschlagen. Allenfalls die Knöchel wurden gekreuzt. Ich finde, noch heute ist das ein Kriterium, um zwischen „damenhaft“ und „vulgär“ zu unterscheiden. Wobei das Vulgäre unzweifelaft vorherrscht.
Warum machen Frauen das, dieses Verdrehen und Wippen? Ist irgendein Lustgewinn damit verbunden? Eine Stimulation des Genitaltrakts? Wie wohl beim Reiten oder der Umhängetrommel … Da Frauen ihr Verhalten selten reflektieren (und noch seltener ehrliche Auskunft geben), wird man es wohl nicht erfahren.

Mittwoch, 8. April 2026

Drecksösis

Letztens musste ich mich mit irgendwelchen Leuten unterhalten. Österreichern. Nicht sehr helle. Als es um Politik ging, brach es plötzlich aus ihnen hervor. Dieser Selenski! Ganz schlimm. Der gibt einfach keine Ruhe. Der Krieg geht immer weiter. Äh, warf ich ein, es war aber schon Russland, dass die Ukraine überfallen hat? Die sich unter Selenskis Führung verteidigt? Ja, aber all das Leid der Ukrainer und Russen! Man könnte doch einfach das bisschen Land abtreten. Die Leute dort wollen doch eh Russen sein. Und diese Korruption in der Ukraine! Immer neue Milliarden verlangt diese Selenski. Ein Fass ohne Boden. Ganz schlimm.
Selbstverständlich hielt ich mit Fakten dagegen. Aber die wollten sie nicht hören. Diese Leute sind völlig verhetzt. Ich frag mich nur: von wem und warum und wie das geht. Wer da wie welchen Krieg führt, wer das Leid verursacht (nicht die Verteidiger, sondern der Angreifer), wozu die Milliarden gut sind, wie heldenhaft der Kampf der Ukrainerinnen und Ukrainer ist, wie es in den okkupierten Territorien zugeht (grauenhaft), dass Putin ein Faschist ist und nicht gewinnen darf: Über all das kann man sich informieren. Man muss dazu nicht einmal Ukrainisch oder Englisch können. Warum also will man lieber den Unsinn glauben, den Rechtspopulisten und gewisse Medien verbreiten? Warum will man dumm und unanständig sein? (Wobei sie glauben, sie hätten der Durchblick und seien im Recht.)
Hinterher dachte ich mir: Das wären damals genau die Leute gewesen, die die einmarschierenden Nazis begrüßt hätten. Und dann fiel mir ein: Nein, schlimmer, dass wären die Nazis gewesen. 

Samstag, 4. April 2026

Vereinfachen oder verkomplizieren

Man könnte mir nachsagen, ich sei ein schrecklicher Vereinfacher. Ich striche dann „schrecklich“ und ersetzte es durch „wunderbar“. Aber so einfach darf man es sich gewiss nicht machen.
Tatsächlich bin ich ein schlichtes Gemüt. Will sagen, um etwas verstehen zu können, muss ich es mir so zurechtlegen, dass es ich es handhaben kann. Es sozusagen mundgerecht schneiden, statt das Maul zu weit aufzureißen und mich dann an übergroßen Bissen zu verschlucken.
Im Grunde macht das jeder, mit mehr oder weniger Geschick: Was man verstehen will, muss verständlich gemacht werden, muss den eigenen Möglichkeiten des Verstehens angepasst werden, der eigenen Begrifflichkeit, den eigenen Denkgewohnheiten angepasst werden. Freilich kann man auch sich selbst verändern, um etwas zu verstehen, neue Begriffe, neue Denkweisen einüben. Manche allerdings lassen das, was sie nicht verstanden haben, einfach so stehen, machen aber trotzdem davon Gebrauch, um so schlauer zu wirken, als sie sind …
Darin, das Komplizierte zwar nicht auf Simples zu reduzieren, aber doch verweisen zu lassen, sehe ich übrigens auch eine notwendige Methode der Philosophie. Indem man vereinfacht, kann man auch Schwieriges begreifen, jedenfalls ein Stück weit. Denn etwas Kompliziertes ist ja aus Elementen zusammengesetzt, die keineswegs selbst kompliziert sein müssen. So kann man schrittweise verstehen oder mit dem eigenen Unverständnis umgehen lernen.
Meinem Verständnis von Philosophie entgegengesetzt handeln viele Schaudenker, Schönredner und Dummschwätzer, die ihre Geschäftstätigkeit darauf gründen, das Einfache möglichst vertrackt und unübersichtlich darzubieten. So simulieren sie Tiefsinn und erhöhten Durchblick. Derlei wird dann gern von denen gekauft, die am Distinktionsgewinn durch das ornamentale Geschwafel der schrecklichen Verkomplizierer teilhaben wollen.
In Wahrheit erlaubtem erst Klarheit und Deutlichkeit, also auch das Vereinfachen des Schwierigen und Zerlegen des Komplizierten, kritisches Denken. Die Verhältnisse sind oft unübersichtlich genug, künstliche Schwierigkeiten einzuführen und Verständnishindernisse aufzurichten. ist autoritär und elitär.
Der Trick ist oft, Kritik am Verkomplizieren damit zurückzuweisen, dass die Kritiker einfach nicht den Komplexitätsgrad erkannt und verstanden hätten, der von der Sache her geboten sei. Das ist ein Denkfehler: Je komplizierter etwas ist, desto einfacher muss es Schritt für Schritt gemacht werden. Das Verstandenhaben von schwer zu Verstehendem durch gewollte Unverständlichkeit zu simulieren, ist denkfeindlich.
Selbstverständlich muss angemessene von unangemessener Vereinfachung unterschieden werden. Von Mal zu Mal. Darin besteht ja die Kunst, das Herausfordende nicht um seinen Gehalt zu bringen, sondern mit geeigneten Mittel von den Widrigkeiten der Unzugänglichkeit, Unfassbarkeit, Undurchdringlichkeit zu befreien. Wenn denn da überhaupt ein Gehalt ist und nicht nur heiße Luft.
Was jeweils angemessen ist, entscheidet der Erkenntnisgewinn. Klingt einfach, ist es aber nicht. Jetzt habe ich es verstanden, freut sich ein Subjekt, aber andere Subjekte schütteln nur den Kopf. Und der Prozess des Verständlichmachens geht weiter. Wirklich verstanden hat man nur, was man anderen verständlich machen kann.
Es ist besser, von etwas nur ein bisschen zu verstehen, als gar nichts. Lieber ein produktives Missverständnis als völliges Unverständnis. Besser etwas besser verstehen, als es gemeint ist, als schlechter, als es gemeint sein könnte. Und auf jeden Fall ist Vereinfachen, das verstehen lässt, dem Verkomplizieren vorzuziehen, das bloß beeindrucken will und von Verstehen ausschließt. 

Karsamstagsmeditation

Ich bin Anarchist, weil ich überzeugt bin, , dass nur ein herrschaftsfreies Zusammenleben der menschlichen Würde entspricht, dass nur unter den Bedingungen gewaltloser Gleichheit und gleichberechtigter Verschiedenheit eine wirklich vernünftige und gerechte Ordnung gestaltet werden kann, dass nur so das Wohlergehen von jedem und allen erreicht werden und gewahrt bleiben kann. Zugleich glaube ich an Gott, weil selbst die besten irdischen Zustände, die Freiheit, Gerechtigkeit und Wohlstand gewähren, nicht genügen ― denn warum und wozu das alles? Am Leben zu sein und glücklich miteinander zu leben, sich ohne Zwang entfalten zu können und seine schöpferischen Möglichkeiten zum eigenen und allgemeinen Wohl oder doch Wohlgefallen auszuschöpfen, das ist unmöglich ein Selbstzweck. Zufriedenheit und Glück kann nicht alles gewesen sein, denn Menschen sind endlich und sterblich. Mit dem Tod eines Einzelnen schon stirbt ein Teil der Welt und scheint unwiederbringlich verloren. Welchen Sinn hat es, für den Einzelnen zu kämpfen, wenn er sterben muss? Wenn die Welt zu Grunde gehen kann und irgendwann auch wird.
Es muss doch für all das, wofür es sich einzusetzen lohnt, einen Grund und einen Sinn geben, der über das Endliche und Vergänglich hinausweist, einen letzten Sinn, ein letztes Ziel, eine letzte Erfüllung. Das aber kann nicht von diese Welt sein, es muss transzendent sein. Es kann auch nicht etwas sein, es muss jemand sein: Gott. Das vollkommene und vollkommen gute Wesen, dass alles geschaffen hat und erhält. Auf ihn ist alles ausgerichtet, in ihm findet alles Grund und Sinn.
Darum gehören für mich Anarchismus und Glaube zusammen. Gott ist Freiheit. Wer Gott und seinen Nächsten liebt, will Freiheit, will Würde und Gerechtigkeit, will, dass es allen geistig, seelisch, körperlich gut geht. Er will auf keinen Fall Unterdrückung, Ausbeutung, Zerstörung und Tod. Weil aber Menschen sterblich und schon so viele gestorben sind, muss es den einen geben, der den Tod besiegt und das ewige Leben gewährt.
Leid und Tod sind Folgen der Sünde, der eigenen Sünden und der Sünden der anderen, an denen man mitträgt, einfach, weil man Mensch unter Menschen ist. Sünde ist Unfreiheit, Leid ist der erlebte Widerspruch von Sein und Sollen. Gott allein kann davon befreien. Nur seine Gnade kann zu einem freien, nämlich auch sündenfreien Menschen machen und zur ewigen Seligkeit führen. Unterwegs dahin müssen die Menschen alles tun, um der Herrschaft der Sünde entgegenzutreten und sich ihr nicht zu unterwerfen.
Das ist für mich Anarchismus: Unaufhörlicher Kampf gegen das Böse, gegen das System, des Bösen, gegen die Verführung zum Bösen, und der Versuch, schon jetzt anders, besser, freier, fürsorglicher, gerechter, rücksichtsvoller, schöpferischer mit einander umzugehen und für dafür Denkweisen und Organisationsformen zu entwerfen und zu praktizieren.
Herrschaft von Menschen über Menschen (und die angestrebte Herrschaft von Maschinen über Menschen) ist unmoralisch, dumm und zerstörerisch. Was man das „Reich Gottes“ nennt ist gut, weise, vernünftig, gerecht und schöpferisch. In Gemeinschaft mit Gott ist den Menschen alles möglich. Auch das ewige Leben.

Sonntag, 29. März 2026

Aufgeschnappt (bei Nikos Kazantzanis)

Und als ich die berühmten Gemälde zum ersten Mal erblickte, wie zitterte das unersättlich Herz, wie stand ich lange Zeit mit wankenden Knien auf der Schwelle, bis das Herzklopfen sich gelegt hatte und ich imstande war, soviel Schönheit zu ertragen. Denn ich hatte es wohl vorausgesehen: Schönheit ist erbarmungslos; nicht sie schaust du an, sie schaut dich an, und sie verzeiht nicht.

Bauen gegen Menschen

Ich kannte diese Leute vorher nicht. Ich las nur zufällig von ihrem Tod. Ein Schweizer Architekten-Ehepaar, er 97, sie 94 Jahre alt, hat sich umgebracht. Deren Sache, geht mich nichts an. Die beiden dürften jede Menge Gebäude entworfen haben, allesamt scheußlich, soweit ich sehe. Und ich habe ein Zitat von ihm bezüglich eines seiner Werke gefunden (das 2018 zum „hässlichsten Haus der Schweiz“ gewählt worden war): „Dass Laien das Gebäude hässlich finden, ist mir egal. Hauptsache, den anderen Architekten gefällt es.“
Genau diese Einstellung bringt aus meiner Sicht die moderne Architektur auf den Punkt. Für gewöhnlich ist sie menschenfeindlich, selbstverliebt, abstoßend und unbrauchbar. Es gibt Ausnahmen, aber die Regel ist: Inhumanität und Unschönheit.
Man entwirft für Kollegen und Kritiker, für Auftraggeber, die sich außer an Kosten und Profit an der Meinung anderer orientieren. Man entwirft nicht für die Menschen, die in solchen Häusern wohnen müssen. Es geht nicht um Geschmack. Es geht um Wünsche und Bedürfnisse. Diese mit Gewalt ― und jeder solcher Bau ist physische Manifestation einer Durchsetzung ― übergangen werden. Übergangen werden sollen. Denn je unmenschlicher die Gebäude sind, desto mehr werden sie „in Fachkreisen“ (und von verdummten Fans) bewundert.
„Architektur ist faschistisch“, pflege ich zu sagen und ecke damit oft an. Vom obigen Zitat und der inhumanen Geisteshaltung, die es zu erkennen gibt, fühle ich mich allerdings bestätigt. Modernes Bauen ist in der Regel autoritär, elitär, menschenverachtend und praktiziert einen Kult der Gewalt.

Samstag, 28. März 2026

Videant male consulti …

Die ösiländische Obrigkeit will ein Verbot von Sozialen Medien für Personen im Alter von weniger als vierzehn Jahren. Das soll Kinder und Jugendliche vor schädlichen Inhalten schützen. Warum man nicht geschützt zu werden braucht, wenn man fünfzehn oder älter ist, bleibt Staatsgeheimnis. 
Medienkompetenz ist das Stichwort. Die soll künftig in den Schulen auch im Fach „Medien und Demokratie“ eingetrichtert werden, wofür der Latein-Unterricht um zwei Stunden gekürzt werden soll, (Was mit denen ist, die keinen haben, ist kein Thema.) 
Pädagogische Peitsche und altbackenes Zuckerbrot: Medienverbot und Main-Stream-Indoktrination sollen übrigens auch gegen „Radikalisierung“ helfen. (Radikalisierung, das ist, wenn man die ganze verordnete Scheiße ablehnt. Das darf man nicht.)
Ob im Unterricht auch nur ein kleines bisschen Wahrheit vorkommen darf? Dass Demokratie ein Farce ist, die das politische Bewusstsein der Leute einschläfern soll? Dass der Staat ein Werkzeug der Reichen ist, durch das sie noch reicher werden sollen? Dass die FPÖ faschistisch ist und dass Parteien, die mit ihr kollaborieren, (schon allein) darum quasifaschistisch sind? Dass nur fundamentale, radikale, extreme Maßnahmen zu einer Lösung der ökologischen, sozialen, politischen, kulturellen Probleme etwas Sinnvolles beitragen können und das übliche Weiterwursteln korrupter und ideologisch verbohrter „Mandatsträger“ verbrecherisch ist? Wohl kaum.
Hinschauen verboten! Denken verboten! Mitlaufen erlaubt.

Glosse CXLIV

Was war denn einer der größten Meilensteine im Umgang mit psychisch Erkrankten?, fragt die Tefau-Reporterin den wissenschaftlichen Leiter der heurigen niederösterreichischen Landesausstellung. (Und der lacht sie nicht aus, sondern antwortet sehr ernsthaft.) Vielleicht ist es im Paralleluniversum des österreichischen Rundfunks tatsächlich so, dass es dort sehr kleine Meilensteine für sehr kurze Meilen gibt und für die ganz langen Meilen gibt es sehr große Meilensteine. Oder aber: bei der Vertreterin der Journaille hat das zwanghafte Verwenden von Floskeln das Hirn angegriffen.
Besagter wissenschaftlicher Leiter sprach dann von einem Künstler, der seinem Talent nachgegangen sei und Aquarelle bemalt habe. Der „Leiter der Landessammlungen Niederösterreich“ ist entschuldigt. Er ist Akademiker (Magister), muss also der Sprache nicht mächtig sein, schon gar nicht in freierc Rede. Ein feiner Zwirn genügt für den öffentlichen Auftritt. 

Mittwoch, 25. März 2026

Hass auf Israel

Die Journalistin Ana Kasparian hat klargestellt. „Ihr werdet nicht gehasst, weil ihr jüdisch seid. Ihr werdet gehasst, weil ihr unschuldige Menschen tötet.“ Sie weist damit den Vorwurf zurück (der beispielsweise in der BRD Staatsdoktrin ist), sich gegen Israels Verbrechen auszusprechen, sei „antisemitisch“. Kasparian erklärt, dass sich ihr Zorn nicht gegen das jüdische Volk, sondern explizit gegen den Zionismus und die Politik der israelischen Regierung richte, insbesondere angesichts der andauernden, verheerenden zivilen Opferzahlen in Gaza, Libanon und Iran.
Kasparian hat völlig Recht. Allerdings muss man andererseits auch sagen, dass alle jüdischen Organisationen, einschließlich der Kultusgemeinden, die entweder Israel erlauben, im Namen aller Juden zu sprechen, oder die Israel sogar unterstützen (egal, ob „im Prinzip“ oder in jeder Hinsicht) und die sich nicht wahrnehmbar und unmissverständlich gegen die zionistischen Verbrechen Stellung zu beziehen, nichts anderes als Komplizen sind.
Das gilt auch für jeden einzelnen, der je in der Öffentlichkeit „als Jude“ gesprochen hat und sich, beispielsweise als Zeitzeuge oder Intellektueller, für zuständig hält, über Politik und Moral, Gewissen und Unrecht zu reden. Wer nichts gegen Israel sagt, wer nicht ohne Vorbehalt Verbrechen Verbrechen nennt, soll schweigen. Wer aber schweigt, stimmt zu, und wer zustimmt, hilft mit.
Zudem geht es nicht nur um den Mord an Unschuldigen und Zivilisten. Man darf auch angebliche oder tatsächliche Kombattanten nicht ohne weiteres massakrieren, und auch im Krieg (den wer wem erklärt hat?) hat jeder als unschuldig zu gelten, der nicht in einem ordentlichen Verfahren von einem unabhängigen und zuständigen schuldig gesprochen wurde. Einfach so „Feinde“ abzumurksen, ist kriminell. Massenhaft Menschen zu töten, zu verletzten, zu Vertreiben, ihrer Lebensgrundlagen zu berauben, ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
Das kann man wollen. Aber dann ist man hassenswert. Man kann es auch billigen oder beschweigen. Aber dann ist man ebenfalls hassenswert. Ja, Hass ist hässlich und nichts Gutes. Aber manchmal ist er berechtigt und unvermeidlich.

Montag, 23. März 2026

Aufgeschnappt (bei Robert Spaemann)

Nicht um Gesinnungsgenossenschaft kann es heute gehen und nicht darum, lieber mit den Freunden zu irren als mit Nicht-Freunden recht zu haben. Irrtum ist in unserer Lage schlimmer als jede Lumperei.

Dienstag, 17. März 2026

Trampelpfade

Als Kind und Jugendlicher mochte ich sie überhaupt nicht, diese von unzähligen Füßen nach und nach und seit langem in irgendeine Grünfläche hineingestampften Abkürzungen, meistens krumm, längst zur Institution geworden, die alle nutzen, nützlich, weil zeitsparend. Sie waren eine ungeplante, zunächst spontane Weigerung, die von anonymen Planern festgelegten Wege zu gehen, die umständlicher waren, meistens rechtwinklig, immer gepflastert oder asphaltiert. Ich ging lieber die vorgesehen Wege. Die Abweichungen erschienen mir hässlich und zwanghaft, ein Verstoß gegen sinnvolle Ordnung und eine Anmaßung Unbefugter. Gerade weil alle anderen die Trampelpfade nutzten, verweigerte ich sie.
Erst später im Leben begriff ich, dass die von den Leuten ausgetreten Wege auch ein ein Protest waren gegen die Unüberlegtheit des obrigkeitlichen Planens und Bauens, das nicht Bequemlichkeit der Benutzer, sondern Gängelung durch abstrakte Formen im Sinn hatte.
Ich war immer eigensinnig und gerade darum skeptisch gegenüber vorgegeben Rebellionen. Wenn, wie gesagt, alle den Trampelpfad nutzen, ist er keine Abweichung mehr, sondern eigentlich eine Vorschrift. Andererseits verletzt er sehr wohl die gebauten Vorschriften. Es ist also schwierig, einen Weg zu finden, der den eigenen aufrechten Gang weder dem Konformismus der Masse unterwirft noch sich abfindet mit der angemaßten Autorität herrschender Strukturen. Man müsste halt durch Wände gehen können. Da man das aber nicht kann, gilt es im Einzelfall zu unterscheiden, welcher Weg der bequemere und zweckmäßigere ist. In jedem Fall sollte es der eigene sein.

Samstag, 14. März 2026

Über Natur als etwas Kulturelles

Natur kommt in der Natur nicht vor. Natur, was auch immer man darunter verstehen will, wird ausschließlich innerhalb von dem, was man Kultur nennt, zum Thema. Das bedeutet nicht, dass es nichts außerhalb von Kultur gibt, sondern dass das „Außerkulturelle“, was immer es sein mag, nur „innerkulturell“ zur Sprache kommen kann. Nichts Wirkliches, sei es auch noch so mächtig und wirke es auch noch so ungewusst und unbewusst, kann auf den Begriff gebracht werden, ohne dass das im menschlichen Denken geschieht.
Das gilt auch für die sogenannten Naturwissenschaften. Auch wenn ihre Gegenstände nichts Kulturelles sind (worüber man übrigens verschiedener Meinung sein kann: Heißt etwas zum Gegenstand zu machen nicht immer auch, es in seiner Gegenständlichkeit zu setzen?), auch wenn also die sogenannten objektiven Naturtatsachen als unabhängig von Menschen existierend konzipiert werden, so sind doch die wissenschaftlichen Tätigkeiten des Beobachtens, Messens, Auswertens, Beschreibens, Theoretisierens (und auch noch das Übertragen solcher Funktionen an Maschinen) und selbstverständlich auch das Betreiben von Forschungseinrichtungen, Bildungseinrichtungen, Fachpublikationen, Konferenzen usw. usf. allesamt menschliche Tätigkeiten, die nur innerhalb eines sozialen und damit kulturellen Kontextes stattfinden und nur in diesem Rahmen als sinnvoll erscheinen können.
Natur ist außerhalb von Kultur nicht zugänglich. Jeder Naturbegriff setzt kulturelle Zusammenhänge voraus und gilt nur innerhalb von ihnen. Wer also, wie manche es beanspruchen oder fordern, über den Menschen hinaus denken und die Perspektive von Außermenschlichem (der Umwelt, dem Planeten, dem Kosmos oder was auch immer) einnehmen will, sollte bedenken, dass er das, wenn überhaupt, nur als Mensch kann. Nur Menschen können versuchen, sich vorzustellen, wie es wäre, wenn es sie nicht gäbe oder wenn für sie Bedingungen gälten, die weit über sie hinausgingen.
Dass alle Rede von Natur ein kulturelles Tun ist, ist ethisch wichtig und auch epistemologisch. Den einerseits müssen alle Konzept der Realität sich fragen lassen, was sie für das menschliche Tun und Lassen bedeuten, ob sie Handlungsfähigkeit und das Übernehmen von (wie auch immer begrenzter) Verantwortung stärken oder ob sie Ausreden fördern und den bequemen Rückzug auf ein Gefühl der Vergeblichkeit und des Ausgeliefertseins. Andererseits muss die Unvermeidbarkeit des Menschlichen an allen aufs Außermenschliche gerichteten Erkenntnisbestrebungen unbedingt (wenn schon nicht in der Methodologie der Naturwissenschaftem so doch in der Philosophie) mitbedacht werden, weil bei derlei Bemühungen sonst bloß unehrliche Ideologie und falscher Mythos herauskommen können.
Mag sein, dass der Mensch nicht das Maß aller Dinge ist. Aber jedes Maß, das Menschen anlegen sollen, muss eben von ihnen angelegt werden. Ein anders Maß, einen anderen Maßstab zu fordern, ist nur dann sinnvolle Rede, wenn sie sich an Menschen richtet. Wer sonst sollte etwas an seiner Sichtweise, gar an seinem Handeln ändern?