Montag, 27. Juli 2026

Kleine Agitation

Sei gegen den Fortschritt.
Der Fortschritt verallgemeinert die Ausbeutung und die wirtschaftliche Abhängigkeit.
Der Fortschritt zerstört die natürlichen Lebensgrundlagen.
Der Fortschritt macht die, die schon reich sind, noch reicher.
Der Fortschritt zerstört Wissen und unterwirft Wissen sachfremden Bedingungen.
Der Fortschritt lenkt vom Wesentlichen ab: vom richtigen Leben, vom sinnvollen, verantwortungsvollen Leben.
Der Fortschritt gewährt Komfort und Sicherheit, aber nicht allen, und er entzieht seine Wohltaten auch wieder bei Bedarf.
Der Fortschritt schreibt die Geschichte zu seinen Gunsten um und stellt sich als alternativlos dar.
Sei gegen den Fortschritt. Werde ein besserer Mensch, nicht ein besser funktionierender. Verbessere das freie, gerechte und wohltuende Zusammenleben, nicht das Funktionieren des Systems.

War Demokratie früher besser?

Welche gute, alte Demokratie wünschen sich die Leute in der BRD eigentlich zurück, wenn sie die jetzige Demokratie als bedroht ansehen? Die der Adenauer-Zeit? Die der Kohl-Ära? Die der Merkel-Jahre, in denen der Aufstieg der AfD begann? Wohl kaum. Es sieht also so aus, als wollten die besorgten Bürger, ihre geliebte Demokratie solle wieder werden, wie sie nie war: übersichtlich, harmonisch, kultiviert, produktiv.
Früher war Politik irgendwie demokratischer? Und die Notstandsgesetze? Die RAF? Der Radikalenerlass? Der NATO-Doppelbeschluss? Gorleben? Die Startbahn West? Die Hausbesetzungen? Spiegel-Affäre? Flick-Affäre? Wer waren denn damals in der guten, alten Zeit die Lichtgestalten? Franz-Josef Strauß? Filbinger? Möllemann? Petra Kelly?
Rein rechtlich hat sich an der Demokratie seit 1949 fast nichts geändert. 1953 wurde die Zweitstimme eingeführt, diese Wahlrechtänderung ließ schließlich (nach dem Schlucken von Ostdeutschland) den Bundestag auf chinesische Dimensionen anschwellen. Aber sonst? Blieb alles beim Alten. Nur dass halt irgendwann neue Dynamiken sich in alten Strukturen abbildeten. Die Grünen. Die AfD. Genau das erlauben diese Strukturen aber, auch das ist Demokratie: anders Wahlverhalten, andere Kräfteverhältnisse.
Was die Anti-Extremisten vermutlich in Wahrheit bedauern: Dass so viele andere anders wählen als sie. Nicht so moderat, so medioker, so langweilig, so vernünftig und so konservativ. Früher war es nämlich so: Man wurde nur alle vier Jahre mit Wahlen belästigt, dann gab es einen Abend lang eine Art von Sportberichterstattung mit Zahlen, Säulen und Tortenstücken und schließlich eine Elefantenrunde. Dann wurde in Parteizentralen eine Koalition ausgeklüngelt und die Politik konnte weitergehen wie zuvor. Vier Jahre lang hatte man dann wieder seine Ruhe. Nun gut, debattiert wurde schon dies und das, auch erregt und grundsätzlich, aber jeder wusste: Erst einmal wieder wählen, dann bleibt eh alles beim Alten. Das ewige Weiterwursteln mit Wachstumsideologie, Sozialabbau, institutioneller Ausländerfeindlichkeit und Bildungsmisere, derweil Infrakstruktur und Umwelt zerbröselten.
Das war sooo beruhigend, vorhersehbar und im Grunde egal. Wer sich aufregen wollte, fand genügend Anlässe, wer es nicht wollte, ließ es bleiben. Heutzutage ist alles unsicher. Was bringt die Zukunft? Wer bestimmt darüber? Die demokratische Mehrheit? Was, wenn die das Falsche wählt?
Das Unbehagen ist verständlich und berechtigt, Es steckt aber auch ein Stück selbstgefälliges Dummstellen darin. Als ob mit den Rechtspopulisten plötzlich alles anders geworden wäre. Als ob nicht schon früher und bis jetzt Politik furchtbar gewesen wäre.
Zweifellos: Die AfD ist widerlich und gefährlich. Aber wie sehr wird sich ihre Politik, sollte sie ans Ruder kommen, von dem unterscheiden, was bisher war und wovor man (mit Mühe) die Augen verschließen konnte? Für Deportationen sind auch die anderen Parteien alle, aber will die AfD auch Deutsche „abschieben“? Dem Markt, der Technologie und dem Wachstum huldigen alle, aber wird die AfD einen enthemmten Kapitalismus forcieren? Dass für Gedöns wie die Unterstützung sozial Schwacher und für Bildungszeugs nicht genug Geld da ist, sagen alle, aber kann die AfD da noch mehr Unheil anrichten? Und das Ausland? Wie steht man denn da mit blankem Nationalismus, der noch hässlicher ist als der bisherige unverschämte Druck der deutschen Volkswirtschaft und ihrer politischen Handlanger auf fremde Märkte?
Die AfD ist mies und es sollte sie nicht geben. Aber ein (ohnehin unmögliches) Zurück hinter ihre Existenz wäre ein Zurück zu ihren Entstehungsbedingungen. Was es stattdessen braucht, ist keine „AfD light“ in Gestalt der anderen Parteien, die den Rechtspopulismus schwächlich imitieren, sondern echte Alternativen: weltoffen, sozialistisch, mit radikaler Klima- und Umweltschutzpolitik. Merkel war keine Lösung, sondern Teil des Problems. Schröder war keine … Kohl war keine … usw. Besser eine bessere Zukunft, die möglich ist, als eine Vergangenheit, die es nie gab, oder eine, die schlecht war.

Sonntag, 26. Juli 2026

Unterwegs (44)

Es entsetzt mich und quält mich, wenn ein erwachsener Mensch „Schtratzi-a-tella“ sagt. Auch die Herkunft aus Castrop-Rauxel oder Pinneberg entschuldigt da nichts.

Donnerstag, 23. Juli 2026

Aufgeschnappt (bei Grete Weil)

Soviel Liebe ist in der Welt, und doch dampft die Erde von Blut, zerfetzte Leiber düngen ihren Boden, Männerleichen, vom Feuer verkohltes Fleisch, zerschlagene Knochen, durchbohrte Herzen, vom Wasser aufgetriebene Bäuche, vom Gas auseinandergerissene Lungen, von Ratten angenagte Gesichter, verweste Körper, in Drahtverhauen aufgespießt bei lebendigem Leib ― das ist die Front, an welche die Sklaven getrieben werden, um die letzte, gründlichste Arbeit für ihre Herren zu tun, um für sie, ihren Reichtum und ihre Macht, zu töten und zu sterben.

Unterwegs (43)

Ich kann selbstverständlich nicht sagen, ob die „Dame“, die sich in der U-Bahn-Station neben mich auf die Bank setzte, wirklich eine Sexarbeiterin war oder ob das nur ihr ästhetisches Ideal bildete, dem mit viel Aufwand nachzueifern sie sich erfolgreich bemüht hatte. Jedenfalls stank sich außerordentlich nach grauenhaftem Parfum. Nuttendiesel wäre zu wenig gesagt, es war eher etwas, was gegen jede Konvention über das Verbot von C-Waffen verstößt. Ich musste, um nicht zu ersticken, rasch aufstehen und weggehen. Überhaupt sind offensichtlich chemische Kampfstoffe und die vielfältigen Körperbemalungsmittel viel zu billig, wenn man den ebenso übermäßigen wie katastrophalen Gebrauch beobachtet, den so schrecklich viele Frauen davon machen. Aber nun gut, wenn's bei der Erwerbsarbeit hilft oder beim privaten Bemühen, etwas zwischen die Beine zu bekommen, dann muss es wohl sein. Schön ist das für an den Präsentations- und Aquisitionskämpfen völlig unbeteiligte zivile Opfer wie mich nicht.
 
Man sollte annehmen, die Tattauierung als uralte Kulturtechnik habe die Sache mittlerweile insofern im Griff, dass es zwar selbstgewählte Geschmacksentgleisungen und handwerkliche Unbeholfenheit gibt, aber keine Verfahrensfehler. Falsch gedacht. Irgendwas geschieht im Laufe der Zeit mit der Tinte und dem, was sie darstellen sollte. Was auch immer Menschen bezwecken, die sich in ihre Waden Bilder stechen lassen, irgendwann haben sie es fast immer erreicht, dass das, was sie zeigen, nur noch formlosem roadkill gleicht. Einer überfahrenen Erdkröte etwa. Lediglich klare Schriftzüge entziehen sich dem, am besten chinesische; aber warum sich die Leute „Süß-saures Schweinfleisch mit Reis“ aufs Bein schreiben lassen, verstehe ich trotzdem nicht …

Dienstag, 21. Juli 2026

Die AfD einfach verbieten?

Viele wünschen sich ein Verbot der AfD. Der liberale und demokratische Rechtsstaat, heißt es, dürfe sich doch wohl wehren gegen die, die ihn verachten, die ihn aushöhlen und abschaffen wollen, ja er müsse sich sogar wehren, und dafür sei das rechtsstaatliche Mittel des gerichtlichen Verbots einer verfassungswidrigen Partei angemessen und zwingend.
Nun habe ich nicht den geringsten Zweifel, dass die AfD widerwärtig ist, illiberal, autoritär, nationalistisch und rassistisch, und ich bin durchaus der Meinung, dass es sie nicht geben sollte und nie hätte geben dürfen. Bezüglich eines Verbots dieser Partei aber, gegen das ich keineswegs bin, das ich sogar mit Wohlgefallen betrachtete, wenn es nur endlich dazu käme, habe ich folgende Bedenken:
Erstens. Man kann eine Partei verbieten, aber damit verschwinden weder deren Personal noch, und das ist das Entscheidende, deren tatsächliche und potenzielle Wählerschaft. Denn das ist ja das noch Widerwärtigere als die Widerwärtige der die AfD bildenden Dummköpfe und Bösewichter: dass es Menschen in großer Zahl gibt, die der solche Leute mit solchen Ansichten, solchem Gebaren und solchen Forderungen schon gewählt haben und noch wählen wollen. Das bedeutet nämlich, dass ein Viertel, ein Drittel oder ein noch höherer Anteil der Bevölkerung sich nicht nur nicht an illiberalen, autoritären, nationalistischen und rassistischen Positionen stört, sondern diese sogar befürwortet.
Nun ist Quantität gewiss kein Argument. Außer in einer Demokratie, in der angeblich die Mehrheit entscheidet und die Minderheit sich in politischer Reife zu fügen hat. Doch interessanterweise wurde den um die Demokratie besorgten Bürgern und Politikern die AfD immer mehr zum Problem, je mehr Leute sie wählten, je demokratisch legitimierter also (gemäß dem Konzept der Mehrheitsdemokratie) die AfD wurde. Und wie es scheint, wird der Wunsch nach einem Parteiverbot umso dringender, je näher die AfD durch ihren Stimmenanteil der Erschwerung der Bildung von Koalitionen oder gar der rechnerisch nahegelegten oder erzwungenen Regierungsbeteiligung kommt.
Nachdem Millionen Menschen für sie gestimmt haben, die AfD zu verbieten, ist eine klare Ansage an die Wähler: Eure Stimme zählt nicht. Ihr habt nicht richtig gewählt. Ihr habt, indem ihr in allgemeinen, freien, gleichen und geheimen Wahlen die Demoktiefeinde gewählt habt, euer Recht auf Vertretung verloren, bis ihr wieder so wählt, wie andere auch. Was macht das mit den AfD-Wählern?
Die ja, wie gesagt, auch nach einem Verbot der AfD noch da wären und, eEgal, ob und wie es zu Ersatzbildungen und Verschiebungen kommt, ein Potenzial darstellen, das genützt werden kann. Ein Parteiverbot ändert an den Einstellungen, Wünschen und Ressentiments der Leute nicht, es verunklart und versteckt nur, macht den Rechtsextremen und Rechtspopulisten (wenn man da unterscheiden will) vielleicht vorübergehend ein paar organisatorische Probleme, löst aber nicht nicht das zu Grunde liegende Problem einer massiven Neigung viel zu vieler zu Rechtsextremismus und Rechtspopulismus (wenn man da unterscheiden will).
Zweitens. Selbstverständlich löst ein Verbot der AfD überhaupt kein einziges der in der BRD bestehenden politischen, sozialen, ökonomischen, kulturellen, technischen und sonstigen Probleme. Sozialabbau, Verfall der Infrastruktur, Bildungsmisere, Einkommensschere, Vermögensverteilung und und und ― all das bleibt und wird von einem Parteiverbot nicht im mindesten berührt. Gewiss würde ein Machtübergabe an die AfD alles noch schlimmer machen, aber was jetzt schon schlimm ist, ist schon schlimm genug. Das Bessere ist der Feind des Guten, sagt man, doch das Schlimmere ist nicht der Feind des Schlimmen, wenn dieses nur dessen ohnehin nach und nach auf Schlimmeres zusteuernde Variante ist. Denn im Grunde machen Schwarz, Rot, Grün schon seit Jahren das, was die AfD will, nur halbherziger, zögerlicher, eher zufällig abgefedert durch kleine Anfälle von symbolischer Klientelpolitik und rechtsstaatliche Rücksichtnahmen: weniger Ausländer, weniger Arbeitnehmerrechte, Sozialabbau, Kürzungen bei Bildung und Kultur, mickrige Klimapolitik, schlappe Energie- und Verkehrspolitik, stattdessen Kuschelkurs mit Fossilkartellen und Technologiekonzernen, die enorme Ressourcen verschlingen und Arbeitsplätze vernichten.
Drittens. Ein Verbot der AfD wäre ein Geschenk an genau die Parteien, die die AfD überhaupt erst möglich gemacht haben und ihr, siehe oben, halbwegs zuarbeiten und bewusst oder unbewusst hinkend und stolpernd vorauseilen. Nicht, dass irgendetwas besser würde, wenn etwa CDU/CSU weit unter 20 oder 15 Prozent rutschten und die SPD womöglich an der Fünfprozenthürde scheiterte. Verdient hätten sie es freilich. Es wird darum also garantiert nichts besser, wenn die bisherigen Wählerstimmen für die AfD sich wieder auf die anderen Parteien oder die Nichtwähler verteilen. Dass die AfD nicht in die Position kommt, dass ohne sie nicht oder nur in einer allgemeinen Restparteien-Koalition regiert werden kann, hinge wohl davon ab, dass von den jetzigen Regierenden (und ihre demokratischen Opposition) Politik gemacht würde, die glaubwürdig anders ist als das, was die AfD fordert und nicht nur ein schwacher Aufguss davon ohne Problemlösungskompetenz.
Viertens. Dass der liberaldemokratische Rechtsstaat legitimiert ist, seine Feinde zu bekämpfen, hat im Wesentlichen zwei mögliche Begründungen. Entweder er ist es, weil er es in den von ihm gesetzten Gesetzen so festlegt. Das wäre ein zirkuläre Argumentation. „Die freiheitlich-demokratische Grundordnung muss geschützt werden, weil sie ein schützenswertes Gut ist." Oder aber der Staat ist legitimiert, weil über ihm und seinen Gesetzen ein höheres Recht steht. Welches Recht wäre das? Ein natürliches? Ein göttliches? Ist der Staat eine natürliche Gegebenheit? Oder besteht er von Gottes Gnaden?
Das berüchtigte „Böckenfördesche Diktum“ lautet: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“ Anders gesagt, der Staat setzt sich und seine Ordnung als einen Wert, der geschützt werden darf und muss. Er kann das aber nicht im Voraus begründen, weil er um dazu existieren müsste, bevor er existiert. Er setzt sich und erklärt dann, dass er notwendig ist.
Dass muss man ihm nicht glauben. Ich galube es ihm nicht, Erstens wegen seines Verhalten uns zweitens aus Prinzip.
Erstens ist es bemerkenswerterweise gerade der liberal-demokratische Rechtsstaat, der die AfD schützt (Polizei rückt beispielsweise an, wenn gegen die Gefahr für die Demokratie demonstriert wird) und ihr institutionelle Plattformen bietet (Parlamentssitze und im Vorfeld und in der Folge Medienpräsenz von wegen öffentlich-rechtlicher Neutralität). Soll heißen: Solange ich, der Staat, der über Recht und Unrecht entscheidet, sie nicht verbiete, sind meine Gegner erlaubt. Ob sie verboten gehören, entscheide ebenfalls ich.
Gewiss ist es ein erheblicher Unterschied, ob ein Gericht oder ein Regierungsbeamter ein Parteiverbot ausspricht. Aber im Grunde geht es um dasselbe: Ein Regime entledigt sich seiner Oppositionellen …
Man wird dabei vermutlich zwischen den guten Regimes unterscheiden wollen, die, weil demokratisch legitimiert, sich schützen dürfen; und den bösen Regimes, die auf Gewalt und Willkür beruhen und sich darum (von außen gesehen) nicht schützen dürfen. Kein vernünftiger Mensch kann bestreiten, dass zwischen beispielsweise Dänemark und Nordkorea empfindliche Unterschiede bestehen. Und niemand, der noch alle Tassen im Schrank hat, wird lieber in einer brutalen Diktatur als in einer gemütlichen Demokratie leben wollen.
Gleichwohl, im Prinzip geht es bei den guten Staaten um dasselbe wie den bösen: Alle sind Herrschaft von Menschen über Menschen und darum verwerflich. Das ist zumindest meine Sicht als Anarchist. Kein Staat ist schützenswert, jeder Staat soll weg. Nicht weil weniger Demokratie wünschenswert wäre, sondern weil mehr als bloße „Demokratie“ (pseudorepräsentative Entmündigung und Verblödung durch Wahl- und Abstimmungstheater auf der Grundlage von Lobbyismus und entscheidenden Kapitalinteressen) braucht, um Menschenwürde und Menschenglück zu fördern und zu sichern.
Der moderne Staat (und also auch der Rechtsstaat, der Sozialstaat, der Kulturstaat, der Staat der Wahlen und Abstimmungen) ist schon deshalb illegitim, weil er nur Anhängsel und Vordergrund-Kulisse der herrschenden Wirtschaftsordnung ist. Das bedeutet: Werkzeug der Ausbeutung, der Umweltzerstörung, der systematischen Ablenkung, Zerstreuung und Verdummung. Ich bringe das gern auf die Formel: der Staat ist dazu da, dass die Reichen reicher werden, die Mittelschichten brav mitmachen und die Unterschichte die Kosten tragen. Der Staat ist unnötig. Es gibt bessere, effizientere, würdevollere Formen der Organisation. Und wo es sie nicht gibt, können sie noch erfunden werden. Sie sind das Einfache, das mühevoll zu machen ist, einmal erreicht und gesichert, aber alle Schwierigkeiten überwinden kann. Immerhin gebieten Vernunft und Anstand das herrschaftsfreie Zusammenleben selbstbestimmter Menschen. Mit einem Wort: Anarchie.
Im Hinblick darauf wäre ein Verbot der AfD zwar wünschenswert, aber nur als erster Schritt. Weiter gehen könnte es mit einem allgemeinen Parteienverbot (sofern man darunter Vereine versteht, die zu Wahlen antreten, um in Parlamenten und Regierungen an Stelle der Bürger zu entscheiden) und einer Ersetzung von Vertretungskörperschaften mit ihrem System von Mehrheiten und Minderheiten durch basidemokratische Institutionen, die auf Konsens beruhen (alle Betroffenen sollen mitentscheiden, niemand wird überstimmt). Aber dafür reicht die Phantasie derer bestimmt nicht aus, de mit dem Gedanken an ein Parteiverbot ihr Gewissen beruhigen und lediglich ihr komfortables Leben im unverantwortlichen Weiterso weiterleben wollen.

Montag, 20. Juli 2026

Warum wählen die Leute die AfD?

Zugegebenermaßen verstehe ich nicht, warum die Leute AfD wählen. Wie kann man nur? Allerdings verstehe ich auch nicht, warum sie die anderen Parteien wählen. Wie kann man nur? Aber hier sehe ich bloß eher leichte Dummheit am Werk, einen Aberglauben an die Legitimität, Funktionalität und Erforderlichkeit des Systems sowie ein erschöpftes Überzeugtsein vom Mangel an anderen Möglichkeiten und also der Alternativlosigkeit des Vorgegebenen. Man müsse schließlich wählen, lässt man sich einreden, also nimmt man hin, was da ist, und wählt irgendwas, auch wenn es eigentlich Quatsch ist. Und im Grund den eigenen Interessen, wenn man die nur verstände, zuwiderläuft.
Aber die AfD? Das ist noch mehr als Quatsch und bedenkliches Weiterso. Diese Typen sind doch offen widerwärtig. Sie zu wählen heißt, sehenden Auges Dummheit und Bosheit zu wählen. Warum? Aus Dankbarkeit für die organisierte Gelegenheit, zu hassen und dagegen, ganz und gar dagegen zu sein? Aus Lust am Kaputtmachen und an der Abwertung Schwächerer und von „denen da oben“?
Von wegen „Protest“! Jemand hat es im Internet so formuliert: „Wenn mir in einem Lokal das Bier nicht schmeckt, trinke ich auch nicht aus Protest Klowasser.“ In meiner grobianischen Art hätte ich es ja so formuliert: „Wenn mit im Restaurant das Schnitzel nicht schmeckt, fresse ich auch nicht aus Protest die Kacke des Kochs.“ So oder so, man versteht, was gemeint ist. Man wählt nicht aus Protest gegen Schlechtes noch viel Schlimmeres.
Denn man kann der AfD vieles nachsagen, aber nicht, dass sie andere Lösungsansätze vertritt als bloßes Dagegensein: gegen Ausländer, gegen Arbeitnehmerrechte, gegen den Sozialstaat, gegen Umweltschutz, gegen den Rechtsstaat, gegen kulturelle Vielfalt, gegen Weltoffenheit. Die AfD lehnen alles Erneuernde, Schonende, Gewalt Beschränkende, womöglich Verwirrende und Respekt im Umgang Erheischende ab.
Nichts von dem, worauf die AfD abzielt, ginge zu Gunsten der Masse derer aus, die die AfD wählen. Im Gegenteil, ihre Rechte würden beschnitten, ihre Ausbeutung verschärft, ihre Gesundheit gefährdet und geschädigt, ihre Zukunft verkauft und verraten und ihre Individualität genormt.
Wollen die AfD-Wähler das wirklich? Oder wollen sie es bloß nicht wahrhaben? Und am schlimmsten: Wären sie tatsächlich bereit, jeden Preis zu bezahlen, wenn es nur noch mehr auf Kosten von noch Schwächeren geht?
Hauptsache nicht links, nicht ökologisch, nicht frei, nicht liberal, nicht pluralistisch, nicht so fordernd und in Frage stellend. Alles soll wieder werden, wie es nie war. Bloß irgendwie schneidiger, hemmungsloser, realitätsunabhängiger. Halb Freizeitpark mit Volksmusik und Freibier, halb Treibjagd im Kleingarten.
Und der Nationalsozialismus? Wen das Illiberale, Autoritäre, Nationalistische, Rassistische nicht stört, wie sollten den die brauen Anklänge stören? Irgendwie gefällt das ja vielleicht sogar.
Man bedenke: Der Nazimus war nie weg. Nicht jeder war 1945 erleichtert, zu viele hatten zu sehr mitgemacht. Und auch profitiert. Kleine Herrenmenschen und Herrenmenschinnen. Es war für sie nicht nur nicht alles schlecht gewesen, sondern einiges sogar sehr gut. Nach außen hin gab man sich zerknirscht und gewandelt und sympathisierte mit dem Aufbau der Demokratie nicht minder als mit dem Wirtschaftswunder. Aber für gar nicht so wenige bestand die „Vergangenheitsbewältigung“ darin, privat das Gewesene zu verharmlosen und die schlimme Wahrheit über eigene Funktion und Aktivität nicht begreifen zu wollen. Auch und gerade in der autoritären, illiberalen, repressiven DDR mit ihrer Inszenierung von „Antifaschismus“ auf der Bühne eines gewalttätigen, lügnerischen, entrechtenden und entmündigenden Systems ― bei dem so viele freudig mitmachten! ― leistete offensichtlich gute Arbeit im Konservieren, was man Hyponazismus nennen könnte (in dem Sinne man wie bei Erdbeben das Hypozentrum vom Epizentrumunterscheidet) oder meinetwegen einen subliminalen Nazismus. (Was die AfD-erfolge besonders im Osten erklärt.)
Nicht dass die AfD irgendwie die NSDAP wäre. (Aber das waren NDP, DVU usw. auch nicht.) Es geht eher um ein ebenso unweigerliches wie gewolltes Hantieren mit Versatzstücken, Imitationen, Allusionen, mit denen tiefsitzende Affekte angesprochen werden sollen ― die erstaunlicherweise keinen Widerstand, keine Unlust auslösen, sondern ein gruseliger Spaßfaktor sind. Zum Hitlergruß alte und neue rassistische Lieder zu grölen, ist ein von Suff und Gruppenlust anscheinend reflexartig ausgelöstes Freizeitvergnügen auch solcher, die im Alltag mit der AfD wenig oder nichts zu tun haben wollen. ― Aber erstaunlich ist wohl nur für mich.
Wohlgemerkt, dass die Rechtspopulisten und Rechtextremisten quasi Nazis sind, ist für viele nicht unbedingt ein Grund, sie zu wählen, scheint mir. Schlimm genug freilich, dass es für viel zu viele offensichtlich kein Grund ist, sie nicht zu wählen.
Wie gesagt, ich verstehe das nicht. Man wählt keine Quasinazis. Die ja doch nichts zu bieten haben als Ressentiments und Negativität. Mit denen alles nur schlimmer werden kann. Die gierig und unehrlich sind. Das tut man nicht. Aber viele tun es. Warum?

Sonntag, 19. Juli 2026

Überlegung zu Schule und Bildung

Man muss lernen, gewiss. Aber braucht es dazu Schule? Vermutlich auch. Doch in welchem Ausmaß und in welcher Form? Die bestehende, um nicht zu sagen: herrschenden Formen, die so erstaunlich üblich sind und kaum Ausnahmen kennen (oder gelten lassen) sind zweifellos an die Erfordernisse der staatlich organisierten Gesellschaft und ihrer Weisen des Wirtschaftens angepasst. Und sollen daran anpassen. Lesen und Schreiben etwa sind nicht zu lernen, um Zugang zur Literatur zu verschaffen (diese ist ja selbst erst Resultat einer Oralität ersetzenden Verbreitung der Schriftlichkeit), sondern durch die Einübung in den Gebrauch von Lettern und Interpunktion soll, wie auch durch Rechnenkönnen und alles technische Wissen, das Funktionieren in fremdbestimmten Arbeits- und Verarbeitungszusammenhängen gewährleistet werden.
Gewiss werden die Kinder auch mit so etwas wie Belletristik, sogar mit bildender Kunst und mit Musik, in Kontakt gebracht. Aber in M;aßen! Auf dass nicht ihr Konformismus und ihr Konsumismus ― der die Unterwerfung unter die Notwendigkeiten des Erwerbslebens zum Gegenstück hat ― Schaden nähme und beeinträchtigt würde, wenn sie Gefallen fänden an eigenständigen Gedanken.
Schule als Anstalt ist Abrichtung für die Zwecke anderer. Nämlich der Herrschenden.
Daher auch das Wuchern der Pädagogik: Elementarpädagogik, Sozialpädagogik, Ernährungspädagogik, Waldpädagogik, Heilpädagogik, Heimpädagogik, Erwachsenenpädagogik usw. usf. Und alles fest in Frauenhand. Weil die Damen nicht gerne schwer arbeiten, aber es lieben, anderen zu sagen, was sie tun sollen.
Gute Schule hätte jedenfalls all dem entgegengesetzt zu sein. Müsste also Anti-Schule sein. Gute Erziehung wäre eine, die Kinder und Jugendlichen zu nichts zwingt, aber zu allem befähigt und ermutigt, was sie kritisch und ablehnend gegen ein System macht, das sie unterdrücken und ausbeuten. Fähigkeiten und Wissen sollen Werkzeuge und Waffen sein bei der nachhaltigen Verweigerung des Weiterso und der Verschlimmerung und beim freudvollen Einsatz für die Verbesserung der Welt.

Samstag, 18. Juli 2026

Notiz über Rassismus

Der südafrikanische Rassismus, der Menschen aus anderen afrikanischen Ländern vertreiben will und schon vertrieben hat, bestätigt leider, was ich immer sage: Rassismus ist keine Frage der Hautfarbe. Es geht nicht darum, wie die sind, die man nicht haben will, sondern dass man sie nicht haben will, bestimmt darüber, wie sie angeblich sind. Welche Merkmale man auswählt, um zu unterscheiden ist arbiträr. Entscheidend ist die Dramatisierung der Unterschiede. Rassismus ist die Konstruktion eines Wir und eines Die: Die müssen weg, damit es uns gut geht. Alles daran ist Lüge: Das Wir, das Die, die Besserung für die Eigenen durch Eliminierung der Fremden. Wahr ist nur das Unrecht und Leid, das dabei erzeugt wird.

Dienstag, 14. Juli 2026

Über Wahrheit, Wissen, Glauben

Man könnte sagen (und hat es gesagt): Ein Fledermaus fliegt selbsttätig durch die Luft, also ist sie ein Vogel. Denn Vögel sind Lebewesen, die selbsttätig durch die Luft fliegen. Ein klares, durchaus sinnvolles Kriterium und ein unbestreitbarer Befund liegen vor, die Sache ist geklärt.
Man könnte sagen (und hat es gesagt): Ein Biber schwimmt selbsttätig durch das und im Wasser, also ist er ein Fisch. Denn Fische sind Lebewesen, die selbsttätig durch das und im Wasser schwimmen. Ein klares, durchaus sinnvolles Kriterium und ein unbestreitbarer Befund liegen vor, die Sache ist geklärt.
Dass man zu anderen Zeiten andere Kriterien anlegte und also die Befunde anders deutete, lag aber nicht an besserer „Einsicht“ in die „wahren Verhältnisse“, sondern an einer anderen Formierung der Wissenschaft. Keineswegs an einer rationaleren oder realistischerem, sondern bloß an einer anderen. Denn dass Vögel fliegen und Fische schwimmen, sind empirische Fakten, und an der Deutung, also sind Fledermäuse Vögel und Biber Fische,ist nichts unvernünftig. „Falsch“ wird diese Deutung erst durch einen Wechsel der Kriterien. Statt sich auf Erfahrung zu verlassen ― „Schau hin, sie fliegt, schau hin, er schwimmt!“ ―, stützte man sich auf anatomisch-physiologische Systembildungen. Das kann man machen, setzt aber die, die es anders gemacht haben in einer umfassenderen, nicht bloß der aktuellen Interpretation verhafteten Sichtweise nicht ins Unrecht.
Es war also nicht so, dass die, die einst in der Fastenzeit Biber trotz des Fleischverbotes essen zu dürfen meinten, weil ein Biber ja ein Fisch sei (und Fisch kein Fleisch sei), betrügen wollten. Sie sahen die Sachlage bloß anders. ― Ganz abgesehen von der Hypothese, Mönche und Nonnen hätten willkürlich ihr Seelenheil aufs Spiel gesetzt, nur um außer Fisch auch Biber essen zu können. Das ist genauso absurd wie die Deutung der schwäbischen Maultaschen als „Hergottsbscheißerle“; also ob die Kleriker nicht bedacht hätten, dass das verbotene Fleisch in einer Teighülle zu verstecken, gegenüber einem allwissenden Gott nicht funktionieren könne, selbst wenn sie überhaupt, warum auch immer, hätten „bescheißen“ wollen.
Die These, dass eine zoologische „Wahrheit“ von Kriterien abhängig sein könnte, die innerhalb eines jeweils so oder so gestalteten wissenschaftlichen Beschäftigungszusammenhanges angewandt oder nicht angewandt werden, ist eine arge Zumutung für die, die auf die absolute Gewissheit naturwissenschaftlicher Erkenntnis vertrauen möchten (und es auch tun, manche geradezu fanatisch). Für sie ist nämlich ein Wal „in Wahrheit“ kein Fisch, wobei sie mit „wahr“ meinen: zu allen Zeiten, an allen Orten und unter allen Bedingungen wahr (statt „nur gemäß einer bestimmten, so und so begründeten Deutung wahr“) . In Wahrheit gibt es aber solche absoluten Wahrheiten in den Naturwissenschaften gar nicht. Sagen zumindest die Naturwissenschaftler, die sich wissenschaftstheoretisch informiert haben: In den Naturwissenschaften gilt das als vorläufig war, was noch nicht schlüssig widerlegt wurde.
In der Praxis stimmt das freilich nicht, sondern viele Naturwissenschaftler verlünden ihre Erkenntnisse als unumstößliche Wahrheiten. Sei’s drum. Wissenschaftstheorie ist selbst keine Naturwissenschaft und folgt anderen Kriterien …
Prinzipiell jederzeit falsifizierbare Wahrheit ist im Grunde nur Wahrscheinlichkeit. „Alles oder doch das meiste, was wir derzeit darüber wissen, spricht dafür, dass es sich so und so verhält. Es könnte auch anders sein, aber das halten wir derzeit für unwahrscheinlich.“
Ein Zumutung, wie gesagt, für die, die an Gewissheit glauben wollen. Und die gerade darum übersehen, dass es Gewissheit nur durch glauben gibt. Denn der ist nicht das Gegenteil von Wissen ― „Wer nichts weiß, muss alles glauben“ ―, sondern im Gegenteil die Grundlage allen Wissens ― „Wer nichts glaubt, kann auch nichts wissen“. Glauben ist nicht einfach Für-wahr-Halten, schon gar nicht immer grundloses, sondern Einsicht in die Tatsächlichkeit. Wissen, heißt es, ist begründetes Meinen. Glauben, könnte man sagen, ist gegründetes Wissen.
Wissenschaft (im allgemeinen Sinne, nicht bloß als Naturwissenschaften) ist immer auch dies: Erkundung der Kriterien für wahr und falsch, die innerhalb eines Deutungszusammenhanges zur Anwendung kommen. Das ist durchaus ein infiniter Regress, wenn es nicht nur um Deskription („X wird aus dem und dem Grund für wahr gehalten“), sondern um die Wahrheit von Wahrheiten geht: „Ist es wahr, dass X wahr ist? Ist es wahr, dass es wahr ist, dass X wahr ist?“). Der Regress kann pragmatisch und methodisch abgebrochen werden ― „Wir beschäftigen uns hier nur mit …“ ―, aber er ist keineswegs so abwegig und unerträglich, wie viele befürchten. Wenn es immer und jederzeit darum geht, Wahrheitskriterien zu untersuchen (anhand bestimmter Wahrheitskriterien), dann hört das zwar nie auf, befreit aber zugleich von gewissen Wahrheitszwängen und eröffnet Zugänge zu Wahrheit, die nicht bloß in betrieblich, kulturell, ideologisch usw. vorgegebenen Bahnen sich zeigt.
Letzte Wahrheit, mit Verlaub, ist ein theologisches Thema. Oder doch zumindest ein metaphysisches. Letzte Wahrheit verweis auf Unbedingtes, also, traditionell gesagt, auf den Unbedingten, auf Gott. Auch daran scheiden sich gewiss die Geister. Und doch scheint der Gedanke unbedingt wahr, dass, wenn alles relativ ist, auch diese Relativität relativ sein muss. Und das schafft immerhin Platz für ein Absolutes. Wer dort wohnt, wer weiß es ...

Sonntag, 12. Juli 2026

Balken & Splitter (122)

Ich schlage ein neues Wort vor: Rechtspopululu. (Kombiniert aus Rechtspopulismus und delulu.)
 
Parteiverbot. Spitzenidee. Auch die NSDAP wurde damals mehrfach verboten. Und, hat's geklappt?
 
Ach, wenn man doch bloß den Leuten verbieten könnte, die Falschen zu wählen. Das würde Politik so viel einfacher machen. Allerdings auch den Medienzirkus langweiliger.
 
Habe ich das richtig verstanden: Die CSU will einen Landesverband in Thüringen gründen?
 
Suum cuique. Die Politik bläst erst den Autokonzernen Zucker in den Arsch und die fahren dann der Gesellschaft mit dem Arsch ins Gesicht.
 
„Regierung sieht hohe Dunkelziffer bei Sozialleistungsbetrug.“ Hellseher gehören aber doch auf den Jahrmarkt und nicht in die Politik.
 
Für einen Sieg in Wimbledon gibt es 4,1 Millionen Euro. Für den Georg-Büchner-Preis 50.000 Euro. ― Wir leben wirklich in einer Hochkultur.
 
Bizarrerweise berufen gewisse Leute sich gern auf ihr Recht auf Meinungsfreiheit, wenn sie sich jede Kritik verbitten. Sie müssen also Scheiße labern dürfen, aber niemand darf ihnen das sagen.
 
Gewerkschaften als Transmissionsriemen des Kapitals: „Klimaziele verschieben, damit Profite der Unternehmer weiter steigen!“

Glosse CLXVIII

Indschenjör. Das war mit neu, ist aber nach Dschornalist und Dschühri nur konsequent.

Samstag, 11. Juli 2026

Wie ich es sehe


Es gibt meiner festen Überzeugung nach keinen vernünftigen Zweifel, dass es, wenn die Menschen auf Erden eine gedeihliche Zukunft haben sollen, unbedingt nötig ist, Ausbeutung und Raubbau zu beenden und die Konsumgesellschaft abzuschaffen, stattdessen Weisen des solidarischen und kooperativen Wirtschaftens zu praktizieren, die Vergesellschaftung der Produktionsmittel durchzusetzen, eine planmäßige Deindustrialisierung voranzutreiben und ein bedingungsloses Grundeinkommen einzuführen.
Was es mit Sicherheit nicht braucht, ist eine Herrschaft von Maschinen, superreiche Profiteure, monströsen Energieverbrauch, sinnlose Mobilität, immer neue Waren und Spektakel, um die Leute für dumm zu verkaufen, und Verblödete, die Rechtspopulisten hinterherlaufen, die alles noch schlimmer machten.
Immer mehr Wachstum und immer ungehemmterer Ressourcenverbrauch, immer Macht von Konzernen und immer mehr Unterwerfung unter abhängig machende Geräte und Programme sind Teil des Problems, nicht der Lösung.
Nötig sind Demut und Einfallsreichtum, Barmherzigkeit und Mut, Bescheidenheit und Einsatzbereitschaft, kritisches und selbstkritisches Denken und lösungsorientierte Lernfähigkeit.
Konkurrenz statt Kooperation, Profit statt Nutzen, Verschwendung statt Schonung, Technik statt Moral, Gier statt Fürsorglichkeit ― all das hat den Karren in den Dreck gefahren und ungeheure Opfer gekostet. Noch mehr davon wäre unweigerlich ein Wettlauf in den Untergang.
Wachstumsfanatismus, Technikoptimismus und der Aberglaube, irgendwie werde der zusammengestohlene Reichtum der ganz Wenig schon zur Wohlfahrt der Vielen führen, stiften Unheil.
Gute Zukunft kann nur gelingen, wenn Vernunft, Gerechtigkeit und herrschaftsfreies Miteinander sowohl das Mittel als auch das Ziel sind.

Donnerstag, 9. Juli 2026

Zum Stand der deutschen Sozialdemokratie 2026

„Die Zahl der Krankheitstage ist zu hoch.“ Übersetzt: Arbeitnehmer sind tendenziell Sozialschmarotzer.
Denn „zu hoch“ gemessen woran? Am Ausbeutungswillen der Eigentümer der Produktionsmittel? An den krankmachenden Bedingungen der Arbeitswelt? Menschen, die sich krank melden, von vornherein und bis zum Beweis des Gegenteils zu unterstellen, sie würden betrügen und seien bloß faul, ist eine Einstellung, die man von Unternehmern gewohnt ist. Warum wird sie von Sozialdemokraten einfach übernommen?
Früher ging es bei der SPD um Gerechtigkeit, dann um Chancengleichheit, inzwischen nur noch um rhetorische Abmilderung des neoliberalen Sozialabbaus.
„Ja, stimmt, ich habe Ihnen ein gesundes Bein amputiert. Aber stellen Sie sich vor, die anderen wollten, ich solle Ihnen beide Beine abnehmen! Da habe ich mich geweigert. Sowas ist mit mir nicht zu machen.“
Das ist die klassische sozialdemokratische Rechtfertigungsstrategie mit der Logik des angeblich kleineren Übels. Nur das in der Realität das kleinere Übel immer das größere unterstützt und darum im Grunde dasselbe Übel ist.
„Wir müssen mit den anderen regieren und die zwingen uns zu ganz schlimmen Sachen. Um weiterregieren zu können, stimmen wir allem Möglichen zu, aber weil wir es sind, ohne die all das Schlimme nicht zu Stande kommt, ist es nicht ganz so schlimm.“
Ist es doch. Es ist sogar noch schlimmer. Wer einmal angetreten war, die Rechte der Lohnabhängigen durchzusetzen und zu verteidigen und jetzt nur noch Steigbügelhalter für die Steigbügelhalter der Rechtspopulisten ist, ist jämmerlicher und abstoßender als die anderen, die immer schon ehrlich zugaben, dass sie prokapitalistisch sind.

Montag, 6. Juli 2026

Die Alternativlosigkeit des größeren Übels

Wenn Merz und Söder, Klingbeil und Bas die Alternative zur AfD darstellen, dann ist diese im strengen Sinne alternativlos. denn tatsächlich treibt die schwarz-rote Regierungskoalition eine Politik, wie die Rechtspopulisten sie haben wollen. gegen Zuwanderer, gegen sozial Schwache, zu Lasten der Arbeitnehmer, zu Lasten der Umwelt und der Gesundheit, zu Lasten der Bildung, ohne Konzepte für ungezwungenen Zusammenhalt und kreative Lösungen, ohne entschiedenen Einsatz für Frieden, Gerechtigkeit, Wohlstand überall in der Welt. Gewiss geben sich Rechtsextreme „radikaler“ (also dümmer) in ihren Forderungen und Umsetzungsplänen, während die noch Regierenden halbherzig wirken und gehemmt von Resten rechtsstaatlicher und demokratiepolitischer Bedenken. Gerade die Enthemmung aber, die freie Entfaltung von Ressentiment. Hass und Gewalt (als Phantasie und Praxis) ist das Angebot, dass die Rechtspopulisten ihren Sympathisanten machen. Worin bestände das Gegenangebot von Schwarz, Rot, Grün usw.? Im biederen Vertrauen auf Parteienstaat, Sonntagsreden, Lobbyismus, Medienfilz, Weiterwursteln? Im Verzicht auf radikale Erneuerung, die Klimaschutz, soziale Gerechtigkeit (durch vernünftigen Umbau der ungerechten Eigentumsstruktur) und Freiheit von Konsumzwang, Bürokratismus und digitaler Überwachung und Bevormundung in den Mittelpunkt stellte? Daran ist nicht einmal zu denken. Das ist mit den vorhandenen Kräften (einschließlich der „Linken“) nicht zu machen. Also bleibt entweder alles so, wie es ist, oder es wird schlechter. Das heißt, schlechter wird es so oder so, denn die Politik des Weiterso und der kleinen und großen Gemeinheiten führt ins Unglück. Es kann aber auch ruckartig schlechter werden. Dafür steht die AfD.

Notiz über Mittelmäßige und Minderwertige

Es wäre ja schön, wenn durch Demokratie wirklich, wie manche meinen, die Mittelmäßigen an die Regierung kämen. Das ist aber leider nicht der Fall. Die Mittelmäßigen sind immer schon an der Macht, einfach, weil sie in der Mehrheit sind und so fast alles bestimmen, jedenfalls aber die Wahlergebnisse. Durch Wahlen kommen nun aber regelmäßig durchaus Minderwertige an die Macht, also Unterdurchschnittliche, Ungenügende, Untaugliche. Es ist, als ob die Mittelmäßigen geradezu zwanghaft Gefallen an denen fänden, die noch weniger können, noch weniger wissen, noch weniger darstellen als sie selbst. Vielleicht verwechseln sie die Dreistigkeit der Minderwertigen mit Geschick und Einfallsreichtum. Gerissen kann auch ein minderwertiger sein. Und er nützt den falschen Eindruck, den er bei den Leichtgläubigen erzeugt, dazu, sie zu verführen und sie zu sich hinunterzuziehen. Dadurch kann er aufsteigen.

Sonntag, 5. Juli 2026

Zur heutigen Jugend

„Ach, ich weiß nicht, aber mir scheint, ich habe mittlerweile wohl irgendwie die Verbindung zur heutigen Jugend verloren.“
„Sie Ärmster! Jetzt erst? Mir ist das zum Glück schon gelungen, als ich noch selber jung war.“

Donnerstag, 2. Juli 2026

Zwei Skizzen (über die Mitmenschen)

Jeder Mensch hat dasselbe Recht darauf, danach beurteilt zu werden, ob er sich anständig verhält oder selbstsüchtig, heuchlerisch, schamlos, gierig, gemein und bösartig, ob er zu den Sachkundigen gehört oder zu dem Dampfplauderern, ob zu den Befähigten oder zu den Untauglichen, zu den Wohlgesinnten oder zu den Böswilligen, zu den Großzügigen, Hilfsbereiten und Verantwortungsvollen oder zu den Geizigen, Kaltherzigen und Gleichgültigen, zu den Selbstkritischen oder den Egomanen, zu den Barmherzigen oder den Grausamen, zu den Verbesserungswilligen oder den Angepassten; und je nach dem darf man jeden Menschen für einen erträglichen bis erfreulichen Zeitgenossen halten oder für einen minderwertigen.
Minderwertig im moralischen, kognitiven, charakterlichen Sinne, beurteilt nach Verhalten und geäußerten Überzeugungen; selbstverständlich nicht nach Abkunft, Herkunft, zufälliger Zugehörigkeit.
Minderwertigkeit ist kein Schicksal, schon gar kein angeborenes. Prägung, Erziehung, Milieu, Kontext ― das macht etwas mit den Menschen. Es gibt Strukturen, Institutionen, Gewohnheiten, obrigkeitliche Normen und soziokulturelle Anreize, die die Entfaltung der in jedem Menschen angelegten Güte behindern, beschränken, unterbinden. Wie man zum Guten geführt werden kann, so kann man zum Bösen verführt werden.
Die Möglichkeit zur Minderwertigkeit ist jedem gegeben, die Gefährdung ist groß, und doch gelingt es vielen, sich nicht reduzieren zu lassen aufs Niedrige und Gemeine, sondern ab und zu zu oder habituell das Richtige zu tun. Andererseits nutzen nur wenige die ebenfalls fast jedem gebotene Chance, dauerhaft angeeigneten Verkümmerung zu entkommen.
 
Andere Menschen haben andere Lebensentwürfe. Daran ist zunächst nichts Besonderes und auch nichts auszusetzen. Dass mir dies und das womöglich nicht gefällt, muss ich aushalten. Jeder darf so leben, wie er will, und soll so leben dürfen wie er kann. Allerdings sind die verschiedenen Lebensweise nie ganz ohne Auswirkungen aufeinander, Wirkungen, die unterschiedlich ausfallen, aber immer insgesamt das gesellschaftliche Gefüge bestimmen.
Wenn ich also vermuten muss und belegen kann, dass diese oder jene Lebensweise für andere unangenehm, bedrückend, gefährdend oder schädlich ist, vielleicht sogar für alle, für die Gesellschaft als ganze, dann bin ich nicht nur berechtigt, sondern verpflichtet, das zu kritisieren, Rechenschaft zu verlangen und auf Änderung zu drängen.

Mittwoch, 1. Juli 2026

Intellektuelle und der Rest

Dass es Intellektuelle gibt ― also Menschen, die einen mehr oder minder öffentlich Gebrauch von ihrem Einsichtsvermögen machen, sei es hauptberuflich, sei es aus privater Passion ― impliziert, dass es andererseits Menschen gibt, bei denen mit der Intellektualität nicht so weit her ist, bei denen es also um das gewohnheitsmäßige Einsehen und Verstehen, das Durchleuchten und Durchschauen, das möglichst umfassend Gebildetsein und darum doch immer wieder Erklärenkönnen nicht so gut bestellt ist. Viele haben Meinungen und wollen damit Recht haben, aber nur bei wenigen trifft dieses zu und ist jenes für andere genießbar.
Das quantitative Missverhältnis zwischen den recht wenigen Intellektuellen und der überwiegenden Restbevölkerung steht im krassen Widerspruch zum Selbstbild der meisten Leute. Ihnen sind Intellektuelle, die sie als fremde Instanz in ihrem Medienkonsum wahrnehmen, kein Ansporn, sich selbst zu informieren und sich gründlicher zu bilden ― was ihnen für gewöhnlich entweder nicht möglich ist oder unnötig erscheint; sondern die allzu klug und kundig Redenden und Schreibenden sind eine Kränkung der Eigenwahrnehmung der Leute und eine Herausforderung ihres Vertrauens darauf, selbst alles am besten beurteilen zu können.
Die bloße Existenz von Intellektuellen ist somit mit dem Lebensstil und der Weltsicht der Masse unvereinbar. Das kommt nicht gut an. Wie dürfen diese Eierköpfe sich erdreisten, mehr als man selbst von der gemeinsamen Wirklichkeit zu verstehen und das auch noch besser ausdrücken zu können! Das ist undemokratisch. Denn das herrschende Modell einer sich in Wahlen und Abstimmungen manifestierenden Demokratie hat zum Prinzip, dass die Mehrheit das Sagen hat (und also Recht hat) und dass der Souverän (also die Masse der Leute) unabhängig von Intelligenz und Sachkenntnis entscheidet.
Daraus ergibt sich ganz natürlich ein Antiintellektualismus, der breite Schichten der Bevölkerung völlig durchtränkt. Und der seinerseits auf gar nicht so wenige Intellektuelle zurückwirkt, die sich so schrecklich gern den kleinen, einfachen Leuten zurechnen möchten.
Der Antiintellektualismus, also die Abneigung gegen professionelles Selbstdenken und kognitive Autonomie, ist in der Populärkultur fest verankert. In dieser gibt es per definitionem Intellektuelle nur als Angeber, Spinner, sogenannte nerds, verrückte Professoren und dergleichen. Dem Massengeschmack entspricht nämlich die Lust am Gewöhnlichen und Dummen, an der kollektiven und individuellen Unwissenheit. Je dümmer, desto lustiger. Zwar sind die Beschränkten oft Gegenstand des Verlachens, zugleich aber immer auch Identifikationsfiguren. Solche könnten kluge, gebildetete, nachdenkliche Figuren nie sein. Diese haben sich als nicht weniger gewöhnlich, als ungeschickt und aufgeblasen zu erweisen, oder sie bleiben verfemt.
Das kommt den Manipulationsinteressen der Unterhaltungsindustrie und der an sie angeschlossenen „Politik“ sehr entgegen. Zwar tauchen dort bei Bedarf „Experten“ für dieses oder jenes auf, die sozusagen eine Art von Intellektuellenersatz sind. Das Feld aber beherrschen nicht fachlich Versierte, sondern für alles und nichts Zuständigkeit simulierende Vermittler und Verwalter der gängigen Meinungen. Die deshalb gängig sind, weil sie gängig gemacht werden. Weil sie kompatibel sein sollen mit den Interessen der Konzerne.
Intellektuelle können bekanntlich sehr wohl Lakaien des Kapitals sein. Aber ihre bloße Intellektualität stellt doch eine Gefahr dar in einem System, in dem zu viel Nachdenken und zu viel Fragen nicht erwünscht ist. Darum müssen Intellektuelle streng überwacht werden, ihre Äußerungsmöglichkeiten begrenzt und ihre beruflichen Chancen kanalisiert. Vor allem muss, außer in Diktaturen, die zu ängstlich dafür sind, eine Meinungsvielfalt inszeniert werden, die die einzelne Stimme im Chor der Vielen untergehen lässt. Bis man in gewissen Situationen doch wieder die Einheitsmeinung braucht, deren Inszenierung freilich wiederum etwaige Solisten vom Chor übertönen lässt.

Montag, 29. Juni 2026

Sieben Schläfer und eine Null

„Ausgerechnet an diesem Samstag war Siebenschläfertag.“ (ARD-Text) Exakt. So wurde das im Römischen Generalkalender einkalkuliert: Fest der sieben Schläfer von Ephesos am 27. Juni. Da staunt die Dschornalistin (beliebigen Geschlechts). Das hatte sie nicht erwartet. Sie hätte sich wohl einen anderen Tag gewünscht. Aber was soll man machen. Die reformunwillige Amtskirche hat wieder zugeschlagen.

Samstag, 27. Juni 2026

Notiz zur Zeit (270)

Der deutsche Bundestag hat ein Gesetz beschlossen, durch das künftig die Möglichkeit der Umweltschutzverbände, vor Gericht gegen Bauvorhaben zu klagen, stark eingeschränkt sein werden. Gut so. Endlich wird den linksgrünen Nörgerlern das Maul gestopft. Hitler hat die Autobahnen auch ohne die Ökospinner gebaut. 
 
Die Folgen einer Politik ohne und gegen Umweltschutz bekommen die Menschen in Europa derzeit einmal mehr am eigenen Leibe zu spüren. Extreme Hitze lässt viele leiden und einige sterben. Der Klimawandel spielt eine Rolle und ein menschenfeindliches Bauen von Häusern und Städten.
 
Derweil ist die bundesdeutsche Regierung damit befasst, soziale Reformen zu verhängen, insbesondere gegen Ruheständler. „Reform“ ist ein Fachvokabel und bedeutet laienhaft ausgedrückt „Schlechterstellung der Betroffenen“ und „Sozialabbau“. Damit die Rentenbeiträge nicht steigen, sollen die Leute weniger Rente bekommen. Logisch. Daraufhin werden die Sozialausgaben steigen, weil mehr Menschen arm werden. Schuld sind sicher die Zuwanderer, die mehr einzahlen, als sie herausbekommen. Logisch.
 
Das Geld dort zu holen, wo es massenhaft ist, kommt selbstverständlich nicht in Frage. Man baut schließlich nicht eine auf ungerechter Eigentumsverteilung beruhende Wirtschaft so, dass kollektiv erwirtschaftetes Einkommen von unten nach oben verteilt wird, um dann die so entstandenen Vermögen wieder zu verringern. Wäre ja absurd. Da könnte man sich den Staat ja gleich sparen.
 
Das völlig Verrückte an all dem Unsinn ist, dass die Verbrecherbanden, die da teils wahllos, teils mit bösartiger Genauigkeit herumregieren, auch noch von der Masse der Leute, die durch sie nichts als kleinen oder großen Schaden davontragen, mehr oder minder gewählt werden. Und das sogar die Möglichkeit besteht, dass noch dümmere, noch bösartigere Lemuren bald am Regieren beteiligt werden.

Glosse CLXVII

Österreich rollt auf eine Hitzewelle zu. Eines solchen Risikos geographischer Mobilität war ich mir gar nicht bewusst.

Donnerstag, 25. Juni 2026

Eigentlich einfach

Wenn Juden als Juden Opfer werden sollen, muss man sich auf ihre Seite stellen. Wenn Juden als Juden Täter werden wollen, darf man sich nicht auf ihre Seite stellen. So einfach ist das. Eigentlich. Mit Judentum oder nicht hat das im Grunde gar nichts zu tun. Den Verfolgten helfen, den Verfolgern nicht. Punkt.
In Deutschland macht man das anders. Dort ließ man sich bekanntlich die Judenverfolgung gefallen oder beteiligte sich sogar daran. (Von Ausnahmen abgesehen.) Dort beschweigt man heute die israelischen Verbrechen oder rechtfertigt und unterstützt sie sogar. (Von Ausnahmen abgesehen.) Wie kann das sein? Wie kann das moralische Urteilsvermögen bei so einfachen Fragen ― „Ist, wer mordet, ein Mörder? Darf man morden?“ ― so nachhaltig versagen?
Vor lauter selbstgefälliger Vergangenheitsbewältigung, Erinnerungskultur und und besonderer Verantwortung als schlimmste Täter aller Zeiten ist das schlichte „Du sollst nicht morden!“ des hebräischen Dekalogs nichts mehr wert?
Die Rechtsextremen hassen das Erinnern der historischen Schuld und bewundern die brutale Entschlossenheit der Zionisten zum Völkermord. Hier ist die Linie klar (und verabscheuungswürdig): Immer das Falsche wählen. Was aber bringt die Nichtrechtsextremen, die doch die Mehrheit sind, dazu, die gegenläufige Klarheit zu verweigern? Man kann nicht (rückwirkend) gegen die Nazis sein, so viel steht fest, und die mörderischen Zionisten gewähren lassen. Wer Unrecht billigt, begeht Unrecht. Wer Unrecht nicht Unrecht nennt, begeht Unrecht. So einfach ist das. Eigentlich

Mittwoch, 24. Juni 2026

Notiz zur Zeit (269)

Deportationszentren am Rande Europas. Eine Schande für die Menschheit.

Wie kaputt muss ein Land sein, wenn dort der schmierige Koks-und-Nutten-Michl als moralische Instanz auftreten kann?

Kühlung für Obdachlose finde ich gut. Obdach für Obdachlose fände ich besser.

Ja klar, es gibt immer mehr Millionäre und Milliardäre und deren Anteil am Gesamtvermögen nimmt immer mehr zu, aber das Problem sind die Rentner, die nicht lange genug gearbeitet haben und zu lange leben. Sagen (überraschenderweise) die Experten, sagt die Regierung, sagen die Medien - und die Leute glauben es. Irr.

Was denn, Boris Johnson ist gar nicht mehr Premier? Irgendwie habe ich die Briten seit ihrem EU-Austritt aus den Augen verloren. Das war schön.

Die deutsche Bahn fährt einfach gar nicht mehr. Das bringt es auf den Punkt, finde ich.
 
Beim Handel spricht man von Mogelpackung, wenn man zum selben Preis weniger Ware bekommt. Wenn hingegen die Politik beschließt, dass die Sozialbeiträge nicht erhöht, sondern Leistungen explizit und implizit gekürzt werden, dann heißt das Reform.
 
Europa verhandelt über die „technischen“  Details der Deportation von Menschen mit einem (von Europa als terroristisch betrachteten) Regime, das der Grund ist, warum besagte Menschen nach Europa geflohen sind. ― Pfui Deibel, ist das unanständig.

Glosse CLXVI

Irgendetwas sei in den empirischen Zusammenhang hineinintegriert, lese ich bei Gerhard Wehr. In einem bald sechzig Jahre alten Text. Ich befrage sodann das Internet und finde keine weiteren Beispiele für Hineinintegration. Damit verliere ich die Hoffnung, dass mir jemand erklärt, was „herausintegrieren“ bedeuten könnte.

Montag, 22. Juni 2026

Notiz zur Zeit (268)

Seit Jahren stellt man „Verschwörungstheoretiker“ an den Pranger und erklärt sie zu gefährlichen Irren. Tja, und dann stellt sich heraus, dass Jens Spahn mehrfach an den Geheimtreffen von Peter Thiels verschwörerisch-irren Kumpels teilnahm.
Seltsamerweise bleibt der Aufschrei aus. Spahn muss nicht zurücktreten. Anscheinend ist es ebenso normal, an antidemokratischen Verschwörungen teilzunehmen, wie Milliarden an Steuergeld durch unsinnige Maskenkäufe zu verpulvern.
Aber wehe, Spahn hätte je etwas Coronakritisches geäußert. Man hätte ihn mit Mistforken, Dreschflegeln und Fackeln aus dem Dorf getrieben.
 
Herr Pantisano hat Recht. Die CDU macht längst die Politik, die die AfD fordert: Gegen sozial Schwache und Flüchtlinge, zugunsten der Konzerne und ausländischer Mächte. (Und die SPD macht mit.) Wenn man nun, wofür es gute Gründe gibt, die AfD für faschistisch hält, dann folgt daraus, dass die CDU faschistische Politik macht und also in der Tat selbst faschistisch ist. Wenn Herrn Günther diese Logik nicht gefällt, dann soll er für andere Politik eintreten. Will er aber nicht. Also pöbelt er lieber gegen Pantisano. Und der rudert zurück ... 
Tja, so wird das wieder was mit dem Faschismus in Deutschland: Die einen sind die Steigbügelhalter und die anderen richten ihren Antifaschismus gegen unbekannt.

Aufgeschnappt (bei Christian Ehring)

Ich weiß natürlich, dass künstliche Intelligenz überall, ist und das ist ja nicht nur schlecht. KI sorgt für eine Emanzipation der Talentfreien. Das ist ja was Gutes. Also zumindest auf dem Gebiet der Sprache und der Kultur. KI ist das Spielzeug der Minderbegabten. Man muss nicht mehr schreiben können, um zu schreiben, Kunst machen können, um Kunst zu machen, und Filme machen können, um Filme zu machen, musikalisch sein, um Musik zu machen. Durch KI werden unkreative, uninspirierte, faule und völlig unbegabte Menschen befähigt, am kulturellen Leben teilzuhaben. Es ist nicht weniger als das größte kreative Inklusionsprojekt seit Erfindung der Blockflöte. Ich frage mich nur, warum soll ich mir das anhören. Warum soll ich mir etwas anhören, was von einer Wahrscheinlichkeitsmaschine zusammengerührt worden ist, sprachlicher Bauschaum? da wär’s doch besser, wenn sich solche Reden auch nur Maschinen anhören würden, und dann am besten auch gleich als chatbot auf Social Media selber kommentieren, hassen, beleidigen, und andere Maschinen reagieren darauf, und der Mensch hätte endlich wieder Zeit zu denken. Und zu schreiben.

Freitag, 19. Juni 2026

Notiz zur Zeit (267)

Ein Drittel der zwischen 2005 und 2023 in die BRD Eingewanderten hat bisher einen akademischen Abschluss. Der Akademiker-Anteil der Bevölkerung „ohne Migrationshintergrund“ liegt bei etwa 18 Prozent. Zuwanderer schließen also fast doppelt so häufig ihr Hochschulstudium ab wie Geburtsdeutsche. In einem Land, in dem Bildung faktisch immer weniger gilt, dürfte auch das den Migrierten vorgeworfen werden.
 
Deportationszentren am Rande Europas: Was für eine Schande hat das EU-Parlament da dem Abendland angetan. Ich bin nicht oft der Meinung Robert Misiks, aber hier hat er völlig Recht: Diese Schandstätten (mein Ausdruck) gehören mitten in die europäischen Hauptstädte. Und ich möchte den Vorschlag verfeinern: Misik denkt an Vergnügungsstätten (Prater, Volksgarten), ich wäre eher für Einkaufszentren. Durch gehorsames Konsumieren die Wirtschaft ankurbeln und dabei  entrechteten, entwürdigten und gequälten Menschen beim Vegetieren zuschauen, das passt doch sehr gut zusammen.

Mittwoch, 17. Juni 2026

Unterwegs (42)

Nicht jedem kommt es ästhetisch zu Gute, dass auch in diesem Sommer die Mode wieder verlangt, die kurzen Hosen einiges überm Knie enden zu lassen. Manche Männer und Jünglinge haben einfach nicht die Waden und Knie dafür. Manchen freilich steht das ganz ausgezeichnet und ist ein erfreulicher Anblick. Zuweilen sogar, finde ich ein geradezu übertrieben erfreulicher. So viel Nacktheit grenzt ans Obszöne. Soll man wirklich in der Öffentlich so viel private Haut von sich zeigen? Banalisiert das nicht die Nacktheit und ihre Verheißungen?
Ein solches Bedenken zeigt übrigens, dass meine häufig vorgebrachten Einwände gegen die maßlose Selbstentblößung von Frauen und Mädchen, keineswegs sexistisch sind, sondern im Prinzip beide Geschlechter betreffen. Aber Männer gehen im Alltag selten so weit wir Frauen, ihre Selbstverobjektivierung hat ja auch andere Traditionen.

An einer Starßenbahnhaltestelle geht ein sehr muskulöser junger Mann mit nacktem Oberkörper an mir vorüber. Ich schmachte ihm nicht nach. Das will der doch nur. (wenn auch vermutlich nicht unbedingt von mir.) Man soll Exhibitionisten nicht ermutigen.

Die kleine Lücke zwischen Hosenbein und Söckchen, diese minimale Anblick von Haut, hat für mich oft etwas so Verlockendes, dass er mir sogar bei einigen Über-30-Jährigen gefällt.

Montag, 15. Juni 2026

Der Wahnsinn der Unterwerfung

Er hatte den deutlichen Eindruck, unter lauter Wahnsinnigen zu leben. Zwar überlegte er manchmal, ob vielleicht er der Wahnsinnige sei und die anderen doch seelisch gesund, aber er konnte sich nicht überwinden, für normal zu halten, was die anderen so taten und ließen. Nein, wenn es Wahnsinn war, und es war Wahnsinn, dann war es deren Wahnsinn, und unverständlicherweise war er davon verschont geblieben.
Er nannte die Krankheit Unterwerfung. Die Leute unterwarfen sich dauernd: den herrschenden Verhältnissen, den herrschenden Meinungen, den herrschenden Moden, ihren eigenen Sehnsüchten und Ängsten, ihren Begierden und Bequemlichkeiten, ihren Gewohnheiten, Unarten und Dummheiten. Kritisches Denken, das in Frage stellen könnte, was gerade herrschte, war für die Leute unvorstellbar, sie hielten sich zwar zuweilen für kritisch, aber was dabei herauskam, war letztlich doch nur Anpassung und Unterwerfung.
Er hielt das für einen psychischen Defekt, anerzogen, nicht angeboren, eine Krankheit also. Freilich eine in der Art einer Alkohol-, Drogen- oder Spielsucht, also etwas, das man sich selbst zufügt, aus eigenem Antrieb und vielleicht in schlechter Gesellschaft, aber nichts, was man ohne eigenes Zutun zu Stande käme. Die Leute fangen an zu saufen, viel zu saufen, sehr viel, bis nicht mehr anders können, als immer weiter zu saufen, dann gelten sie als krank Niemand hat ihn gesagt, sie sollten so viel saufen, sie haben selbst entschieden, es zu tun, sie hatten sehen müssen, was Säufer sind, dass das Saufen nicht wirklich ein Spaß ist, sie hatten sich eingeredet, bei ihnen sei das anders, sie könnten damit umgehen, sie hätten das im Griff. Dann sind sie krank und erwarten Hilfe von anderen.
Der Wahnsinn, in den sich die Leute selbst hineinsteigern, die Unterwerfung, ist anderer Art. Es ist keine Krankheit, an der man leidet. Nicht nur gerät man mit Genuss und Befriedigung hinein, man lebt auch mit gutem Gefühl darin, man merkt gar nicht, dass man krank ist, man hält sich für kerngesund und hält große Stücke auf den eigenen Verstand.
Gerade die Bereitschaft der Leute, in ihrem Wahnsinn kein Problem zu sehen und ihre Unfähigkeit dazu, an ihm zu leiden, hielt er für ein Symptom der Erkrankung. Vielleicht war es ein Hinweis auf Unheilbarkeit.
Andere Symptome waren: Realitätsverweigerung, also die Weigerung, das Offensichtliche zu sehen, es als das wahrzunehmen, was es war, und richtige Schlüsse für das eigene Handeln daraus zu ziehen. Ein Beispiel der jüngeren Zeit war das, was man den Klimawandel nannte. Dass der Umgang der Menschheit mit ihren eigenen Lebensgrundlagen und der so vieler Pflanzen- und Tierarten belastend und zerstörerisch war, musste doch selbst ein Kind begreifen. Wie hätten der Raubbau und Einbringung von Gift ohne Folgen bleiben können? Jeder, der Fabriken und Automobile kannte, und wer hätte sie nicht kennen müssen, konnte doch riechen und schmecken, was da für Dreck in die Luft, ins Wasser, in die Erde geriet. Dazu brauchte es keine chemische Analyse. Die gab es freilich. Und Studien zur Auswirkung etwa der Treibstoffgase auf die Erderwärmung und damit das Klima. Man musste wie gesagt kein Wissenschaftler sein, um das nachvollziehen zu können, man musste nur einmal nachdenken: Über die industrielle Produktion, den rauschhaften Konsum, die Fülle des Mülls und der Giftstoffe. Statt nun aber von „der Politik“, die man doch, auch so ein Wahn, als „demokratischer Souverän“ gewählt hatte, schleunigst Gegenmaßnahmen einzufordern, einen fundamentalen Umbau der Wirtschaftsweisen mit der Folge eines radikalen Wandels der Lebensweisen, beließ man es bei ein bisschen Besorgtheit.
Der Wahnsinn war fest etabliert und umfassend. Jede Form der Kritik an ihm, sofern man denn eine Krankheit kritisieren kann und nicht einfach nur diagnostizieren muss, droht Teil der Symptomatik zu werden. Einfach alles konnte vom Wahnsinn verschluckt und verdaut werden. Das wurde dann von den vom Wahn Befallenen wieder ausgeschieden und erneut verschluckt. Die eigene Scheiße zu fressen ― metaphorisch, versteht sich ― war eine typische Praxis der Wahnsinnigen. Nichts, was man zu ihnen sagte, nichts, was man ihnen sagte, drang tiefer zu ihnen durch als nur so weit, bis das System es verarbeitet und neutralisiert hatte. Der Wahnsinn vermochte sich alles zu unterwerfen, da er selbst durch und durch Unterwerfung war.

Sonntag, 14. Juni 2026

Vielleicht sind die Leute heutzutage nicht dümmer als früher, aber sie haben sehr viel mehr Möglichkeiten, ihre Dummheit zu zeigen.

Samstag, 13. Juni 2026

Aufgeschnappt (beim Papst)

Wir dürfen den Schmerz nicht vergeistigen und ihn oberflächlicherweise „Gottes Willen“ oder einem geheimnisvollen Plan Gottes zuschreiben. Gott will nicht, dass wir leiden. Er trägt das Leid mit uns.

Freitag, 12. Juni 2026

Aufgeschnappt (beim Papst)

Wir alle sind – in gewisser Weise – Migranten, wir alle sind Pilger auf dem Weg zur Heimat im Himmel. Helfen wir einander, diesen Weg für alle menschlicher zu gestalten, indem jeder das beiträgt, was in seiner Macht steht.

Verleger

Verleger wissen immer sehr genau, was Leser wollen und was sie nicht wollen, was sie verstehen werden und was sie überfordern wird, was sie anziehen kann und was sie abstoßen muss. Und selbst wenn sie Recht hätten ― was sie gewiss nicht haben, jedenfalls nicht in jedem Fall, weil ihr Urteil auf subjektiven Erfahrungen und deren subjektiver Deutung beruht ― so gilt doch immer (oder zumindest in den besten Fällen sollte gelten): Bücher werden nicht in dem Sinne für Leser geschrieben, dass sie deren Erfahrungen „widerspiegeln“, deren Erwartungen erfüllen und deren Gewohnheiten bestätigen sollen. Im Gegenteil, gute Bücher brechen mit dem Geschmack der Voreingenommenheit der Leser. Die Aufgabe von Verlegern wäre es, andere Kriterien als bloß kommerzielle zu haben und nicht bloß Waren feilzubieten, sondern Kunstwerke zu propagieren. Also mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln alles zu tun, um die Leser auf einen neuen Geschmack zu bringen.
Mit dem gewöhnlichen Dreck können sie das ja auch. Denn die Realität sieht so aus: Verlag verdienen ihr Geld nicht mit literarischen Kunstwerken, sondern mit Literatursimulationen, mit der Vorspiegelung von Belletristik, mit mal mehr, mal weniger geschickt fabriziertem Lesestoff, der ablenkt, zerstreut, verdummt. Das ist ihre Sache. Wo sie aber im Namen ihres Anliegens ― Geld. Geld, noch mehr Geld ― in Kunstwerke einzugreifen versuchen, muss man ihnen das verwehren. Das ist die Verantwortung des Schriftstellers, des schwächsten Gliedes in der Lieferkette Autor-Text-Verlag-Ware-Leser. Lieber nicht publizieren, als angepasstes, marktgängiges, sinnloses Zeug in den Betrieb zu pumpen. Lieber unbedeutender Sand im millionenschweren Getriebe sein, und wäre es durch Verlagsverweigerung.

Triumph des Minderwertigen

Und wieder und wieder frage ich mich, wie kann es sein, dass das Dumme, das eine Gestalt des Bösen ist, dermaßen triumphiert? Das Böse braucht sich in dieser Zeit nicht zu verstellen, zu tarnen, Kreide zu fressen und sich heroisch zu inszenieren. Es kann sich genau so dumm, lächerlich, gierig, schamlos geben, wie es ist ― und die Leute können all das sehen und heißen es dennoch gut. Jedenfalls tun das viel zu viele, früher. als die visuellen Technologien noch dürftig waren, konnte man sagen: Die Leute waren fast (nur fast!) entschuldigt, wenn sie das Erbärmliche, Abstoßende an Mickerlingen wie Mussolini und Hitler (und zuvor Lenin; bei Stalin hatten sie sowieso keine andere Wahl) nicht wahrnahmen. Was hatten sie denn zum Vergleich, wie wenig wurde ihnen vorgeführt und wie fern war ihnen ihr Idol … Heute aber sind die bösen Clowns überlebensgroß sichtbar, ihre Minderwertigkeit versteckt sich nicht, sie ist offensichtlich, und ihre Lügen wären rasch aufzudecken. Es gibt keine Entschuldigungen mehr. Und doch ist der Fanatismus extrem und stabil. Man stellt sich dumm und ist dumm. Völliger Realitätsverlust, geradezu totale Simulation. Triebtäter ohne Hemmung, ohne Verantwortung, fernab der Vernunft und des Gewissens. Was soll nur werden?

Natur als theologische Herausforderung

Fressen und Gefressenwerden: Um leben zu können, muss getötet werden (Tier oder Pflanze). Wer hat die Welt so eingerichtet? Ein liebender Gott?

Donnerstag, 4. Juni 2026

Würde oder Armut

So ein Duschbus zum Beispiel ist eine gute Sache. Damit wird Menschen, die auf der Straße leben, die Möglichkeit gegeben, sich einmal gründlich zu waschen. Sauber zu sein ist, könnte man sagen, ein oft missachtetes Menschenrecht, jedenfalls aber wird jemandem, der keinen festen Wohnsitz hat, mit der mobilen Möglichkeit zum individuellen Duschen (statt der Kollektivduschen in Unterkünften) ein wenig ihrer Würde zurückgegeben.
Um mal ein Stückchen sehr schöner Prosa zu zitieren: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. Kennt man. Klingt gut. Aber die Realität ist eine andere. Meines Wissens sind Duschbusse für Frauen oder Männer immer Angebote von wohltätigen Organisationen. Kommunen? Staat? Fehlanzeige.
Hat sich was mit Würde. Wohnungs- und Obdachlosigkeit gilt als „soziales“, also im Grunde wirtschaftliches Problem. Dabei ist es ein ethisches, also politisches. Wer nicht will, dass Menschen auf der Straße leben müssen, muss ihnen Wohnraum verschaffen. Man weiß aus zahlreichen und vielfältigen Erfahrungen: Mit den eigenen vier Wänden sind nicht alle Probleme gelöst, aber sie lassen sich besser lösen. Wer wohnt, selbständig und aus eigenem Recht, kann sich eine Lohnarbeit suchen, Geld verdienen, an der Gesellschaft teilnehmen. In den meisten Fällen geht das gut. Aber will „man“ das überhaupt, die Leute von der Straße zu holen? Ist irgendwer von denen, die das Sagen haben, an der Würde der Ärmsten und Gefährdetsten überhaupt interessiert?
Die Gesellschaft leistet sich Armut, um sich Reichtum leisten zu können. Arme werden verachtet, Reiche bewundert. Vielleicht kommt es auch zu Mitleid und Neid. Jedenfalls aber wird nicht ausreichend wahrgenommen, dass die Wenigen nur deshalb so reich sind, weil viele es nicht sind und manche sogar bettelarm. Reichtum gilt als Leistung, auch wenn er ergaunert ist (was er immer ist, auch wo er ererbt wurde). Armut gilt als Versagen. Mag ja stimmen. Aber wenn einer stürzt, hilft man ihm auf. Das gebieten Anstand und Vernunft. Und wo welche sich über andere erheben, stürzt man sie beizeiten. Das gebieten Vernunft und revolutionäre Ethik.
Reichtum ist mit der Würde der Armen unvereinbar. Armut ist mit der Würde der Armen unvereinbar. Und die Entwürdigung der Armen ist mit der Würde aller unvereinbar. Was folgt daraus und daraus, dass der Staat seine Selbstverpflichtung darauf, die Würde jedes Einzelnen ― wer sonst wäre „der Mensch“? ― zu achten und zu schützen, nicht einhält? Daraus folgt die wohlüberlegte Notwendigkeit, den Staat abzuschaffen und ein freies, gleichberechtigtes Zusammenleben mit allgemeinem Wohlstand, also ohne Armut oder Reichtum, zu schaffen. Anders gesagt: Ohne Anarchie gibt es keine menschliche Würde im gesellschaftlichen Maßstab. Mit ihr braucht es auch keine Duschbusse mehr.

Mittwoch, 3. Juni 2026

Notiz zur Zeit (266)

Der US-amerikanische Präsident erklärt in einen Interview, die meisten Leute wüssten nicht, dass man das Wort dumb mit einem B am Ende schreibe. Da hat man den ganzen Trump: Er setzt seine eigene Unbildung mit der der Masse gleich und hat wohl Recht damit.
 
Trumps Zustimmungswerte seien sehr niedrig, heißt es immer wieder. Ich halte nun aber ein Drittel nicht für wenig, sondern im Gegenteil für unverständlich viel. Wie kann es sein, dass jeder dritte erwachsene US-Amerikaner einen eitlen, lügnerischen, ehebrecherischen, heuchlerischen, habgierigen, ungebildeten, unfähigen, offensichtlich dementen, bösartigen und vollkommen lächerlichen Dummkopf und dessen entsprechende Politik gut findet? Wer das begreifen könnte, hätte etwas über die menschliche Natur herausgefunden, was eben so erschreckend und abstoßend wie erhellend wäre.
 
Ich schreibe nur ungern über den Orangefarbenen Götzen. Man fühlt sich besudelt, wenn man über seine Entgleisungen informiert wird, und entwürdigt, wenn man sie kommentiert. Selbst Humor macht das nur erträglich, wenn er auf blankem Hass beruht oder wenigstens abgrundtiefer Verachtung.

Westlichen Interessen: Ja, und?

Manche ganz, ganz Schlauen sagen, zwar habe Russland die Ukraine angegriffen, aber dass der Krieg immer weitergehe, liege an den westlichen Interessen, vor allem dem Militärisch-industriellen Komplex. Überhaupt habe ja der Westen Russland zum Krieg gewissermaßen gezwungen und westliche Firmen verdienten jetzt daran, dass die Ukraine sich nicht ergeben dürfe. Zu Lasten der bedauernswerten Ukrainer und Ukrainerinnen.
Nun, westliche Interessen sind im Zusammenhang mit Russlands Aggression und der Verteidigung der Ukraine nicht zu leugnen. Das mit der Bedrohung und Einkreisung Russlands ist zwar Quatsch (und die Idee, die Ukrainer verteidigten sich nicht freiwillig, sondern würden von Washington und Brüssel dazu genötigt, erst recht), aber es gibt tatsächlich westliche Unternehmen, die vom Krieg profitieren. Und, was folgt daraus? Sollen sich die Ukrainerinnen und Ukrainer Russland unterwerfen und zu rechtlosen Untertanen einer mörderischen Diktatur werden, um westlichen Rüstungskonzernen ein Geschäft zu verderben, das diese dann wieder direkt mit Russland machen möchten? (Wo der Militärisch-industrielle Komplex identisch ist mit der regierende Oligarchie.) Sollen die Menschen in der Ukraine auf Freiheit, Würde, Selbstbestimmung, Demokratie und Rechtsstaat verzichten (denn das alles gibt es in Putins Reich nicht), damit ein paar überschlaue „Pazifisten“ an ihren gemütlichen (weil im Westen stehenden) Schreibtischen „Ätsch!“ zu USA und NATO sagen können?
Es ist leider wahr: Dass die Ukraine sich gegen einen völkermörderischen Feind verteidigt, hebt den globale Kapitalismus nicht auf. Doch bei aller berechtigten und nötigen Kritik am Westen gilt auf jeden Fall: Russland, Rotchina, Nordkorea etc. sind keine Alternative, politisch nicht, gesellschaftlich nicht, wirtschaftlich nicht, ökologisch nicht, kulturell nicht. Wer aus lauter Hass auf den Westen östliche Diktaturen, menschenverachtende Regimes, wahnsinnige Schlächter, brutale Ausmerzer von Umwelt und Kultur favorisiert, hat weder Intelligenz noch Recht noch Ethik auf seiner Seite. Ganz im Gegenteil. 

Mittwoch, 27. Mai 2026

Das System funktioniert

In der BRD gab es (laut der Boston Consulting Group) 2025 etwa 5.000 Menschen mit einem Vermögen von mehr als 100 Millionen US-Dollar. Im Jahr 2024 waren es noch etwa 3.900 gewesen.
 
Krise? Welche Krise? Es geht unaufhaltsam vorwärts.
 
Sagen wir mal so: Die Unfähigkeit und Untätigkeit der Scholze, Merze usw. zahlt sich aus. Für die Superreichen. Die anderen werden mit Krisen und Problemen abgespeist: Migration vor allem, sodann demographische Wandel, wachsende Sozialausgaben, zerfallende Infrastruktur, Klimawandel (der aber nicht so dringend ist) und Krieg (anderswo), an dem man gut verdienen kann. Ach ja, Konsum sozialer Medien durch Minderjährige; geht ja wohl gar nicht.
 
In Österreich halten übrigens 500 Menschen rund 39 Prozent des gesamten Finanzvermögens aller neun Millionen Einwohnerinnen und Einwohner (0,006 %). Auch hier also haben die Regierenden weiterhin alles richtig gemacht, zumindest das, wofür sie vom Kapital geduldet werden

Fragment über die Leute und ihren Tod

Sie sorgen sich sehr darum, dass sie sterben könnten. Dass sie oder so sterben werden, wissen sie zwar, aber sie wollen es nicht wahrhaben. Sie wollen nicht sterblich sein. Zumindest jetzt nicht und nicht in absehbarer Zeit. Jeder Tod, der nicht sehr spät kommt, erscheint ihnen verfrüht. Dass dauernd andere Leute sterben, beunruhigt sie nicht, es sei denn, es wären ihnen Nahestehende oder gar Gleichaltrige. Mit dem Tod der übrigen haben sie eigentlich nichts zu tun. Hunger und Elend, Naturkatastrophen und Krieg betreffen sie zum Glück nicht. Das sind alles schreckliche Dinge, gewisse, aber das kann man doch nicht vergleichen mit ihrem eigenen Tod. Ein verhungertes Kind, ein von Bomben zerfetztes, das hat doch gewissermaßen Pech. Was soll man da machen. Wenn aber sie selbst schon mit 40, 50. 60 Jahren schon sterben müssten, dann erschienen ihnen das als Unrecht und Ungeheuerlichkeit. Krankheit, wieso denn, es gibt doch Ärzte. Warum ist nicht alles heilbar? Warum sollten ausgerechnet sie sterben? Sie doch nicht! Noch nicht jetzt. Später. Viel später.

Samstag, 23. Mai 2026

Die Expertin

An jedem ihrer Sätze habe ich etwas auszusetzen. Mal stimmen die Verbformen nicht, das Genus, die Präpositionen. Usw. Usf. (Deutsch ist ihre Muttersprache.) Ihre Kindergartensprechweise fand ich immer schon nervig. Als ich dann auch noch feststelle, dass sie ihr Wissen aus dem Internet bezieht, weil ich zufällig Sätze ihrer Expertise (zu irgendeiner Antiquität, Rarität, Kuriosität) fast wortgleich bei Wikipedia wiederfinde, ist sie bei mir unten durch.

Mittwoch, 20. Mai 2026

„Lohntransparenzgesetz“

Ein „Lohntransparenzgesetz“? Meinetwegen. Nichts dagegen. Aber inwiefern soll damit eine angebliche Benachteiligung von Frauen behoben werden? Soll dass heißen, dass Frauen bisher weniger verdienten, weil sie nicht wussten, ob sie weniger verdienen (als Männer)?
Die meisten Löhne und Gehälter werden nicht frei ausgehandelt, sondern es gibt dafür Vorgaben (etwa in Kollektivverträgen oder die Bezugstabellen im öffentlichen Dienst); wer sich nicht an Kollektivverträge hält, gehört ohnehin sanktioniert ― anderes Thema. Frei ausgehandelt werden wohl nur Managementposten. Eine Mangerin, die nicht weiß, was ihre Kollegen so kriegen, ist eh zu blöde für den Job. Im Niedriglohnsektor bringt „Lohntransparenz“ gar nichts. Dort aber und davon, Männern jahrelang auf der Tasche gelegen zu haben, kommt die Altersarmut bei Frauen her.
Übrigens: Wenn eine Frau durch „Lohntransparenz“ feststellt, dass sie mehr bekommt als Kollegen, zahlt sie dann das Übermaß zurück? (Oder nur in Fällen, in denen sie nicht mit dem Chef geschlafen hat, um den Job zu bekommen?)

Sonntag, 17. Mai 2026

Sonntagsfrage

Warum, o Herr, lässt du zu, dass wir Menschen einander Leid zufügen? Warum lässt du zu, dass wir zulassen, dass andere anderen Leid zufügen? Dass wir wegschauen oder hinschauen und nichts tun? Warum lässt du zu, dass wir etwas tun, was Folgen hat? Auch Böses, das Böse Folgen hat? Warum hast du uns einen freien Willen gegeben? Warum sind wir nicht einfach deine Marionetten? Warum lässt du zu, dass wir nicht das tun, was du willst, das Gute, sondern dass wir uns gegen dich und einander entscheiden können? Warum können wir sündigen? Warum lässt du zu, dass wir habgierig sind und gleichgültig, egoistisch und vergnügungssüchtig, gewalttätig, hochmütig und ignorant? Warum lässt du zu, dass wir uns für Zerstreuung, Verführung, Berauschung, Verdummung, Zwang entscheiden, statt frei zu sein?
Ich frage für ein paar Freunde.

Donnerstag, 14. Mai 2026

Hyperbarbaren

Nicht die Barbaren sind es, also die Subalternen, die Marginalisierten, die Ausgesperrten von jenseits der Grenze (zwischen unserer Kultur und deren Zurückgebliebenheit), die man fürchten muss, sondern die Hyperbarbaren sind es, also die angeblich Hochzivilisierten, die sich für grundsätzlich überlegen halten und diese Einstellung durchsetzen, die sich immer wieder dafür entscheiden, grausam, unmenschlich, bedenkenlos, destruktiv zu sein, die alles ihrer Gier, ihrem Hochmut, ihrer Lust unterordnen und opfern. Die Barbaren sind nur ein Popanz, mit dem man sich derer zu erwehren versucht, die man abwertet und braucht, deren unterstellte Andersartigkeit, zu Ende gedacht, einen in Frage stellen müsste, ein immer verfügbares Feindbild, mit dem man droht, wenn man die eigene Herrschaft bedroht fühlt. Die „Hyperbarbaren“ aber sind die schreckliche Realität.

Mittwoch, 13. Mai 2026

Aktuelle Werte

Nicht, dass es mich übermäßig interessiert, aber was sind eigentlich die „Werte“, die heute gelten? Was ist denn Leuten wichtig? Ich vermute das Folgende.
In erster Linie: Spaß zu haben. Etwas zu erleben. Das Leben zu genießen.
Sodann: Sicherheit. Geborgenheit. Nicht in Frage gestellt zu werden.
Weiters: Selbstoptimierung. Also sich an den Erwartungen anderer auszurichten und sich dem anzupassen, was angesagt ist. Und so die Identität von Individualismus und Konformismus zu praktizieren.
Überhaupt: Wohlgefühl. Ein mehr oder minder gutes Gewissen oder die Normalisierung des schlechten Gewissens. Der Wunsch, auf der richtigen Seite zu stehen, der erfolgreichen, der der Mehrheit. Sich nichts vorwerfen (lassen) zu müssen. Das Gefühl des Ungenügens möglichst nicht zu zulassen oder nur, wenn das erwartet wird.
Das ist alles sehr allgemein und unscharf formuliert, um möglichst viel der Widersprüchlichkeit zum Trotz zu umfassen. ― Gegenfrage: Was sind meine „Werte“, was ist mir wichtig?
Wahrheit. Ich will wissen, was es mit dem auf sich hat, was mir widerfährt. Wie es womit zusammenhängt. Warum man mich ablenken will, warum man lügt und betrügt.
Freiheit. Als Folge und Voraussetzung der Wahrheit. Wer sich nichts vormachen lassen will, muss sich befreien, von Vorurteile, Ideologien, Lügen. Das geht nur durch Widerspruch, Nichtanpassung. Nichtunterwerfung.
Gerechtigkeit. Parteinahme für die Unterdrückten, die Schwächeren, die Benachteiligten, die Manipulierten.
Ich will in Ruhe gelassen werden. Auch und besonders vom Staat und seinen Avataren (Banken, Versicherungen usw.). Auch von der Technik. Und vom Geldverdienenmüssen. (Was nicht klappt.)
Bildung. Ohne sie kein Zugang zur Wahrheit. Und kein echter Genuss.
Schönheit. Heiligkeit.
Freundschaft. Obwohl ich im Laufe meines Lebens mehr Freunde und Freundinnen verloren habe, als ich je hatte … Doch ging das fast nie von mir aus. Außer insofern, als ich den Leuten mit meiner Kritisiererei auf die Nerven gehe. (Bei ihnen einen Nerv treffe.) Amicus X, magis amica veritas.

Montag, 11. Mai 2026

Anarchismus ist Wunschdenken

Anarchismus, wie ich ihn verstehe, ist ganz wesentlich Wunschdenken. Also nicht, wie das Vorurteil es will, „bloßes Wunschdenken“, sondern als durchdachtes Wünschen und seiner Wünsche bewusstes Denken eine existenzielle Einheit von Affekt und Intellekt, von Theoriepraxis und Gestaltung der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Ausgehend von dem Wunsch, alle Menschen mögen in herrschaftsfreien Verhältnissen leben, gilt es zu fragen: Woher kommt dieser Wunsch und warum ist es zumeist nur ein Wunsch und nicht Wirklichkeit? Ist der Wunsch berechtigt, ist er realistisch, in welchem Verhältnis steht er zu anderen Wünschen? Und warum teilt nicht jeder diesen Wunsch? Warum erfinden manche Gründe, warum Anarchie angeblich nicht funktionieren kann? Warum finden sie sich mit Herrschaftsverhältnissen abm richten sich in ihnen und und verteidigen sie
Dabei dürfte klar sein, was dem Wunsch entgegensteht: Herrschaft. Und weil diese, wie gezeigt werden kann, nicht sein soll, ist der Wunsch, sie möge nicht sein, begründet und berechtigt. Seine Erfüllung erst macht andere Wünsche erfüllbar oder gibt ihnen Sinn: Unter den Bedingungen der Unfreiheit ist jede Wunscherfüllung mehr oder minder Komplizenschaft mit dem herrschenden System. Erst ein freier Mensch kann frei wünschen und sich Wünsche erfüllen, ohne die Freiheit anderer einzuschränken.
Anarchie, könnte man meinen, ist etwas, das jeder gut findet, wonach er strebt, was er will: über die eigenen Angelegenheiten selbst zu bestimmen und gemeinsame Angelegenheiten gemeinsam, und zwar so, dass niemand über andere bestimmt, sondern im Gegenteil jeder zur Freiheit und zum Wohlergehen aller und jedes Einzelnen im Umfang des ihm möglichen und im Rahmen der gemeinsam bestimmten Institutionen beiträgt.
Warum wünscht sich das nicht jeder? Da gibt es die, die an der Unfreiheit anderer profitieren. Dann die, die hoffen, vom Profit anderer ein wenig abzubekommen. Und dann die Vielen, die die Freiheit scheuen und die Unfreiheit wählen. Ihr Begehren und ihr Glück binden sie an die Vorgaben der Fremdbestimmung. Sie investieren viel in das, was Befriedigung und Sicherheit verspricht, aber nur Verfügbarkeit und Ausnutzung garantiert. Ihr Gehorsam zahlt sich nicht aus oder nur zum Schein oder nicht so, wie ein freies Leben ein besseres Leben wäre. Ihnen ist eingebläut worden, allgemeine Selbstbestimmung bedeute Unordnung und schrankenloses Gegeneinander, weshalb Normen und Regeln des Zusammenlebens unbedingt von einer Obrigkeit festgelegt werden müssten, die auch strafen und belohnen dürfen müsse. Sie haben Angst vor einer Freiheit, die man ihnen angeblich wegnimmt, wenn sie sie haben wollen, und die man ihnen nur gewähren, indem man sie beschränkt.
Die Denkgewohnheiten der Leute folgen ihren Wunschgewohnheiten, und darum wagen sie nicht zu wünschen, was vernünftig und in ihrem eigenen Interesse und dem aller wäre.
Anarchismus, wie ich ihn verstehe, setzt dem sein Wunschdenken entgegen, nämlich die Analyse des Bestehenden anhand der gefestigten, weil begründeten Überzeugung, dass anderes sein soll und darum möglich sein muss.
Die Erfahrungen der Unfreiheit, der Bevormundung, der Entwürdigung, der Ausbeutung, all der vielfältigen Versuche der Verdummung lassen den Wunsch, all das möge nicht sein und Freiheit, Würde, Gerechtigkeit und allgemeines Wohlergehen mögen verwirklicht werden, nur umso dringender erscheinen.
Der Wunsch, miteinander herrschaftsfrei miteinander zu leben, verstellt nicht den Blick, er eröffnet ihn, er vernebelt nicht das Denken, sondern klärt es auf. Dieser Wunsch ist nicht Träumerei, Schwärmerei oder unreifes Geschwätz. Im Gegenteil, die anarchistische Wunschvorstellung ist ein geordnete und umfassendes Wissen davon, was ist, was sein soll und was nicht sein soll. Insofern ist der Wunsch nach Anarchie die Grundlage aller anarchistischen Theorie und das, was in anarchistischer Praxis zur Erfüllung kommt.
Anarchismus ist Wunschdenken, weil das Wünschen unbedingt notwendig ist und hilft, wenn es gilt, Unerwünschtes loszuwerden. Wer Anarchie nicht wünscht und sein Wünschen nicht denkt, der versteht sich selbst nicht und irrt.

Sonntag, 10. Mai 2026

Aufgeschnappt (bei Juan de Àvila)

No me mueve, mi Dios, para quererte el Cielo que me tienes prometido ni me mueve el Infierno tan temido para dejar por eso de ofenderte. Tú me mueves, Señor. Múeveme el verte clavado en una cruz y escarnecido; muéveme el ver tu cuerpo tan herido, muévenme tus afrentas, y tu muerte. Muéveme, en fin, tu amor, y en tal manera, que, aunque no hubiera Cielo, yo te amara, y, aunque no hubiera Infierno, te temiera. No me tienes que dar porque te quiera, pues, aunque lo que espero no esperara, lo mismo que te quiero te quisiera.
Mein Gott, nicht der Himmel, den du mir verheißen hast, bewegt mich dazu, dich zu lieben, noch bewegt mich die Furcht vor der Hölle dazu, dich nicht länger zu beleidigen. Du bewegst mich, Herr. Ich bin bewegt, dich ans Kreuz genagelt und verspottet zu sehen; ich bin bewegt, deinen so verwundeten Leib zu sehen, deine Beleidigungen und dein Tod bewegen mich. Kurz gesagt, ich bin von deiner Liebe bewegt, und zwar so sehr, dass ich dich selbst ohne Himmel lieben würde, und selbst ohne Hölle würde ich dich fürchten. Du musst mir nichts geben, damit ich dich liebe, denn selbst wenn ich nicht auf das hoffen würde, worauf ich hoffe, würde ich dich dennoch lieben.