Montag, 11. Mai 2026

Anarchismus ist Wunschdenken

Anarchismus, wie ich ihn verstehe, ist ganz wesentlich Wunschdenken. Also nicht, wie das Vorurteil es will, „bloßes Wunschdenken“, sondern als durchdachtes Wünschen und seiner Wünsche bewusstes Denken eine existenzielle Einheit von Affekt und Intellekt, von Theoriepraxis und Gestaltung der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Ausgehend von dem Wunsch, alle Menschen mögen in herrschaftsfreien Verhältnissen leben, gilt es zu fragen: Woher kommt dieser Wunsch und warum ist es zumeist nur ein Wunsch und nicht Wirklichkeit? Ist der Wunsch berechtigt, ist er realistisch, in welchem Verhältnis steht er zu anderen Wünschen? Und warum teilt nicht jeder diesen Wunsch? Warum erfinden manche Gründe, warum Anarchie angeblich nicht funktionieren kann? Warum finden sie sich mit Herrschaftsverhältnissen abm richten sich in ihnen und und verteidigen sie
Dabei dürfte klar sein, was dem Wunsch entgegensteht: Herrschaft. Und weil diese, wie gezeigt werden kann, nicht sein soll, ist der Wunsch, sie möge nicht sein, begründet und berechtigt. Seine Erfüllung erst macht andere Wünsche erfüllbar oder gibt ihnen Sinn: Unter den Bedingungen der Unfreiheit ist jede Wunscherfüllung mehr oder minder Komplizenschaft mit dem herrschenden System. Erst ein freier Mensch kann frei wünschen und sich Wünsche erfüllen, ohne die Freiheit anderer einzuschränken.
Anarchie, könnte man meinen, ist etwas, das jeder gut findet, wonach er strebt, was er will: über die eigenen Angelegenheiten selbst zu bestimmen und gemeinsame Angelegenheiten gemeinsam, und zwar so, dass niemand über andere bestimmt, sondern im Gegenteil jeder zur Freiheit und zum Wohlergehen aller und jedes Einzelnen im Umfang des ihm möglichen und im Rahmen der gemeinsam bestimmten Institutionen beiträgt.
Warum wünscht sich das nicht jeder? Da gibt es die, die an der Unfreiheit anderer profitieren. Dann die, die hoffen, vom Profit anderer ein wenig abzubekommen. Und dann die Vielen, die die Freiheit scheuen und die Unfreiheit wählen. Ihr Begehren und ihr Glück binden sie an die Vorgaben der Fremdbestimmung. Sie investieren viel in das, was Befriedigung und Sicherheit verspricht, aber nur Verfügbarkeit und Ausnutzung garantiert. Ihr Gehorsam zahlt sich nicht aus oder nur zum Schein oder nicht so, wie ein freies Leben ein besseres Leben wäre. Ihnen ist eingebläut worden, allgemeine Selbstbestimmung bedeute Unordnung und schrankenloses Gegeneinander, weshalb Normen und Regeln des Zusammenlebens unbedingt von einer Obrigkeit festgelegt werden müssten, die auch strafen und belohnen dürfen müsse. Sie haben Angst vor einer Freiheit, die man ihnen angeblich wegnimmt, wenn sie sie haben wollen, und die man ihnen nur gewähren, indem man sie beschränkt.
Die Denkgewohnheiten der Leute folgen ihren Wunschgewohnheiten, und darum wagen sie nicht zu wünschen, was vernünftig und in ihrem eigenen Interesse und dem aller wäre.
Anarchismus, wie ich ihn verstehe, setzt dem sein Wunschdenken entgegen, nämlich die Analyse des Bestehenden anhand der gefestigten, weil begründeten Überzeugung, dass anderes sein soll und darum möglich sein muss.
Die Erfahrungen der Unfreiheit, der Bevormundung, der Entwürdigung, der Ausbeutung, all der vielfältigen Versuche der Verdummung lassen den Wunsch, all das möge nicht sein und Freiheit, Würde, Gerechtigkeit und allgemeines Wohlergehen mögen verwirklicht werden, nur umso dringender erscheinen.
Der Wunsch, miteinander herrschaftsfrei miteinander zu leben, verstellt nicht den Blick, er eröffnet ihn, er vernebelt nicht das Denken, sondern klärt es auf. Dieser Wunsch ist nicht Träumerei, Schwärmerei oder unreifes Geschwätz. Im Gegenteil, die anarchistische Wunschvorstellung ist ein geordnete und umfassendes Wissen davon, was ist, was sein soll und was nicht sein soll. Insofern ist der Wunsch nach Anarchie die Grundlage aller anarchistischen Theorie und das, was in anarchistischer Praxis zur Erfüllung kommt.
Anarchismus ist Wunschdenken, weil das Wünschen unbedingt notwendig ist und hilft, wenn es gilt, Unerwünschtes loszuwerden. Wer Anarchie nicht wünscht und sein Wünschen nicht denkt, der versteht sich selbst nicht und irrt.

Sonntag, 10. Mai 2026

Aufgeschnappt (bei Juan de Àvila)

No me mueve, mi Dios, para quererte el Cielo que me tienes prometido ni me mueve el Infierno tan temido para dejar por eso de ofenderte. Tú me mueves, Señor. Múeveme el verte clavado en una cruz y escarnecido; muéveme el ver tu cuerpo tan herido, muévenme tus afrentas, y tu muerte. Muéveme, en fin, tu amor, y en tal manera, que, aunque no hubiera Cielo, yo te amara, y, aunque no hubiera Infierno, te temiera. No me tienes que dar porque te quiera, pues, aunque lo que espero no esperara, lo mismo que te quiero te quisiera.
Mein Gott, nicht der Himmel, den du mir verheißen hast, bewegt mich dazu, dich zu lieben, noch bewegt mich die Furcht vor der Hölle dazu, dich nicht länger zu beleidigen. Du bewegst mich, Herr. Ich bin bewegt, dich ans Kreuz genagelt und verspottet zu sehen; ich bin bewegt, deinen so verwundeten Leib zu sehen, deine Beleidigungen und dein Tod bewegen mich. Kurz gesagt, ich bin von deiner Liebe bewegt, und zwar so sehr, dass ich dich selbst ohne Himmel lieben würde, und selbst ohne Hölle würde ich dich fürchten. Du musst mir nichts geben, damit ich dich liebe, denn selbst wenn ich nicht auf das hoffen würde, worauf ich hoffe, würde ich dich dennoch lieben.

Freitag, 8. Mai 2026

Unterwegs (41)

Als ich vom Kaffeehausfenster aus eine Menschenmenge auf den Hauptplatz meiner Wohn- und Geburtsstadt ziehen sah, die Dreifaltigkeitssäule umrundend, vorne weg eine große rumänische Fahne, da jubelte ich: Endlich! Wir werden besetzt! Ein Kulturvolk kommt und rettet mich und andere anständige Postmigranten vorm grassierenden Faschismus der alteingessenen Schluchtenscheißer. Tschuschen aller Länder, solidarisiert euch! Als dann auf die kleinen rumänischen Fähnchen tschechische, slowenische, ukrainische, lettische, irische, polnische, italienische Fähnchen folgten, versuchte ich noch, mir einzureden, es handle sich eben um eine internationale Besatzungstruppe. Aber als schließlich gesungen wurde, war klar, das sind leider lediglich Chöre. (International Choral Competion „Ave Verum“.)
Die Ukrainerinnen und Ukrainer waren traditionsgemäß ganz in Weiß mit schönen bunten Stickereien gekleidet. Das Herz ging mir auf und mein innerer Galizier rief: Slava Ukrajini, herojem slava!
Der Vergleich macht übrigens sicher: Dort die jungen Gäste aus Ost- und Südeuropa, hier die einheimischen Gestalten, die zeitgleich vorm Café saßen. Gute Genpools, schlechter Genpool. Darum: Umvolkung jetzt! Mehr Zuwanderung, kostete es, was es wolle!

Mittwoch, 6. Mai 2026

Stand der Dinge (7)

Wenn es stimmt, was ich heute gelesen habe, dass nämlich 40 Prozent der 18- bis 30-Jährigen lieber mit sogenannter Künstler Intelligenz „reden“ als mit Menschen, wie sollte mich das nicht traurig und wütend machen? Wie sehr hat die moderne Technik die Seelen der Leute schon verdorben, wie sehr das Erlebenkönnen von Realität, von Person-Sein, von lebendiger Rede und Widerrede bereits beschädigt! Die tote Rede der Maschinen ist attraktiver als der Mitmensch. Das leere Spiel der Dinge, das alles was Bedeutung hätte, nur simuliert, verbraucht Kräfte und ersetzt mit seinen Vorgaben die veränderbare Welt. Der Antrieb von all dem, die Gier nach Geld und noch mehr Geld bei denen, die längst zu viel haben, kommt im Bewusstsein nicht vor oder wird bis zur Unkritisierbarkeit naturalisiert. Hol’s der Teufel.

Montag, 4. Mai 2026

Du und deine Autonomie

Der, der du bist, bist du, weil du mit anderen zusammengelebt hast. Andere waren schon da, bevor du gezeugt wurdest. Denn wäre hätte dich gezeugt, du dich etwa selbst? Nein, andere waren es, von denen du gezeugt, empfangen, ausgetragen, geboren, jahrelang umsorgt und aufgezogen wurdest. Von anderen hast du sprechen gelernt und damit auch (in Begriffen) zu denken. Von anderen hast du gelernt, wie des und das heißt, was es mit dem und jenem auf sich hat, was man damit tun oder nicht tun kann, wie dies und das zu bewerten ist. Und selbst wenn du irgendwann das, was du gelernt hast, in Frage gestellt und sogar verworfen hast, konntest du das nur auf der Grundlage des Gelernten, denn um mit Gewohnheiten und Überzeugungen, mit Weltsichten und Weltanschauungen, mit den den dir vertrauten moralischen, politischen, ästhetischen usw. Wahrnehmungen und Wertungen brechen zu können, musstest du diese erst einmal haben. Und du hattest sie von anderen. Selbst deine Vorlieben und Abneigungen hast du an dem ausgebildet, was andere hatten, durch Übernahme und Abgrenzung, auf jeden Fall aber im Verhältnis zu anderen. Tatsächlich bist du immer noch in vielem, vielleicht sogar fast allem geprägt von dem, was dich mit anderen verbindet. Du hast übernommen und übernimmst immer noch. Um unter und mit anderen zu leben, passt du dich an und fügst dich ein. Wonach du verlangst, Wonach du strebst, was du für Erfolg und Befriedigung hältst, hast du anhand des Vorlebens anderer ausgebildet und beurteilst es nach Kriterien, die du nicht selbst erfunden hast.
Nun gibt es schlaue Menschen, die erklären dir, du seist ein souveränes Subjekt und solltest gefälligst autonom sein. Das hörst du gern. Es schmeichelt dir. Niemand soll dir was dreinreden, du weißt selbst am Besten, was gut für dich ist. Bloß, woher nimmst du, der Gesetzgeber deiner Selbst, die Begriffe und Normen deiner Gesetzgebung? Worauf gründest du sie? Auf die Kontingenz deiner Wünsche und Ängste, deiner Begehrlichkeiten und Möglichkeiten? Und angenommen, du vermöchtest deine ethische Autonomie irgendwie hervorzuzaubern wie der Zauberkünstler das Kanichen aus dem Zylinder (das aber schon drin war, als der Hut angeblich leer war), was ist mit den anderen? Die sind doch auch autonom, oder? Wenn aber jeder seine eigenen Gesetze macht, wenn auch nur für sich selbst, wie soll da ein Zusammenleben möglich sein? Geschweige denn, ein gedeihliches?
Die Selbstgesetzgebung des Individuum, die die bürgerliche Ideologie propagiert, ist eine Lüge. Sie kann nicht gelingen, weil sie weder über Grund noch Folgen der angeblichen Autonomie (in Wahrheit Egomanie) zustimmungsfähig Auskunft geben kann. Was jedoch durchaus möglich und vernünftig ist, ist die Gestaltung eines herrschaftsfreien Zusammenlebens, bei dem jeder für jeden da ist, falls nötig, und jeder jedem jede Freiheit gewährt, sofern möglich. Mit anderen Worten: Anarchie statt Autonomie.
Im herrschaftsfreien Zusammenleben kannst du „dich“ am besten „verwirklichen“, also deine Endlichkeit annehmen, deine Möglichkeiten ausschöpfen oder erweitern, schöpferisch sein und in Ruhe gelassen werden, dein Ding machen und auf der Grundlage der Faktizität der Alterität und Interdependenz neue Freiheiten entdecken. Du musst weder das Rad neu erfinden, noch Räder stehlen. Du kannst dein eigenes Rad machen oder Räder mit anderen teilen. Du kannst Alternativen zum Rad ausprobieren oder radfrei leben. Sei frei, nicht autonom!

Ben-Gvir

Wäre er nicht zufällig Jude, zögerte man keinen Augenblick, ihn einen Nazi zu nenne. So aber … Doch das ist im Grunde ein rassistische Vorurteil. Warum sollte ein Jude kein Nazi sein können? Wenn er es denn unbedingt will. Nazismus bedeutet ja nicht Hakenkreuze, Uniformen, Aufmärsche ― obwohl es in Israel auch das gibt: explizite Neonazis; und Massenversammlungen, die „Tod den Arabern“ grölen sowieso. Nazismus ist ein bestimmter Ungeist. Und den bringt er mit allem, was er sagt und mit zum Ausdruck. Seine Menschenverachtung und unbedingte Gewaltbereitschaft macht in in jedem Fall zum Faschisten, dass er ein fanatischer Rassist und Homophobiker qualifiziert ihn als Nazi. Völkermord ist sein Ziel, der Triumph der Herrenrasse, der er anzugehören meint, sein unverrückbares Ziel. Ein Verrückter. könnte man meinen, ein Verbrecher, aber es ist schlimmer: ein Politiker. Ein Minister sogar. Aber warum sollten sich die Unterstützer Israels, die sich von den Verbrechen dieses selbsternannten Staates nicht abschrecken lassen, an einem solchen Regierungsmitglied stören?

Freitag, 1. Mai 2026

Vorfälle, Übergriffe, Drohungen?

Widerlich, dieses multimediale Gejammer über angeblich „antisemitische“ Übergriffe ― während in der Realität der Staat Israel gleich mehrere Kriege führt und Völkermorde verübt. In der BRD gilt es schon „Antisemitisch“, wenn jemand Palästina erwähnt. Nach den neueren Zahlen (aus den zwölf Monaten seit dem 7. Oktober 2023, in denen Israel völlig jede Hemmung fallen ließ) melden nur 46 der 102 jüdischen Gemeinden in der BRD „Vorfälle, Übergriffe oder Drohungen“, also nicht einmal die Hälfte und das trotz einer so weit gefassten Begrifflichkeit.
Mit anderen Worten: „Antisemitismus“ kommt in der deutschen Gesellschaft kaum vor oder hat zumindest kaum Auswirkungen. Was verwundern könnte. Stehen doch deutsche jüdische Gemeinden und Organisationen fest an der Seite des Zionismus und seiner menschenverachtenden Praktiken (und behandeln jede Kritik, als versuche jemand die Gaskammern zu reaktivieren).
Angesichts ihrer überwiegenden Komplizenschaft mit abscheulichen Verbrechen leben Juden und Jüdinnen in der BRD erstaunlich unbehelligt. Übrigens auch anderswo, etwa in Großbritannien. (Wo ein Messerangriff Schlagzeilen macht und Terrorwarnstufen erhöhen lässt, während die israelfreundliche Regierung zu Völkermord und Angriffskriegen schweigt.)
Ich möchte nicht, dass das anders wird. Ich missbillige Übergriffe und Angriffe. Aber ich betrachte es nicht als Beschimpfung oder Bedrohung, wenn Tatsachen erwähnt und klare moralische Urteile gefällt werden.
Niemand hat etwas davon, wenn außerhalb Israels Privatpersonen oder auch prozionistische Vereinigungen attackiert werden. Das nützen diese immer nur zu Propaganda: zur Umkehr von Opfer und Täter.
Was es braucht, ist die Unterstützung antizionistischer, propalästinensischer, antikolonialistischer Aktivisten und Aktivistinnen. Und einen Rechtsstaat, der nicht die Lügen der Verbrecher, sondern die Wahrheit der Opfer schützt.

Mittwoch, 29. April 2026

Notiz zur Zeit (265)

Die bundesdeutsche Gesundheitsministerin hält Einschränkungen bei den Versicherten für notwendig. Man habe, behauptet sie, seit Jahren über die Verhältnisse gelebt. Hm. Welche Verhältnisse meint sie? Die, in denen die Reichen immer reicher werden und Kinder- und Altersarmut zunehmen?
 
Weiters sagt dieselbe Dummschwätzerin, um die Krankenkassenbeiträge stabil zu halten, müsse jeder seinen Anteil leisten. Mit „jedem“ meint sie wohl alle, die wenig haben, aber auf keinen Fall die, die zu viel haben. Außerdem finde ich nicht, dass man sagen kann, dass der Preis für Brötchen stabil bleibt, wenn die Brötchen kleiner werden. Und man auch nochwas dazuzahlen muss.

Donnerstag, 23. April 2026

Die Preise der Macht

Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis, lautet das Dogma. Gemeint ist: Was selten ist, aber viele haben wollen, kann teuer verkauft werden. Was hingegen wenige haben wollen und reichlich vorhanden ist, muss billig abgegeben werden, wenn man denn überhaupt ein Geschäft machen will.
Man kann es aber auch anders sehen: Der Preis ist das, was ein Verkäufer einem Käufer, der nirgendwo anders (etwas anderes) kaufen kann, im Höchstfall abknöpfen kann, bevor der überhaupt auf den Kauf verzichtet. Eine Verknappung des Angebots spielt dem Verkäufer in die Karten (unter Umständen noch mehr als die Wertigkeit der Ware), das Massenhafte (das oft mit Minderwertigkeit der Ware einhergeht) den Käufern.
Dass etwas teuer ist, macht es nicht besser. Mag sein, dass Gutes teurer ist als Minderwertiges. Doch für die Preisbildung spielt eher die Seltenheit eine Rolle.
Aber warum eigentlich? Wenn ein Bäcker täglich 500 Brötchen bäckt, ihm jedoch eines Tages durch einen technischen Defekt 100 verbrennen, er also im Laden nur noch 400 zum Verkauf anbieten kann, dann kann er ja nicht einfach sagen: So, jetzt kostet ein Brötchen nicht mehr 60 Cent, sondern 75, damit ich meinen Ausfall ausgleichen kann. Sonst sagen die meisten Kunden wohl: Danke, aber dann kaufe ich eben woanders. Schon gar nicht kann er sagen: Ich nehme besser gleich 90 Cent, wer weiß, wann der technische Defekt behoben sein wird. Denn wer anderswo weiter ein Brötchen um 50 oder 60 Cent einkaufe kann, wird das, wenn irgend möglich, auch tun, und der Bäcker hat erst recht Verluste. (Zu Recht.)
Anders die Konzerne, die sich mit dem Verkauf fossiler Brennstoffe eine Art von Lizenz zum Gelddrucken verschafft haben. Krieg der USA gegen den Iran, Speere der Straße von Hormus? Na, da erhöhen wir schon einmal die Preise an den Tankstellen. Obwohl sich unsere Einkaufspreise noch gar nicht erhöht haben. Und selbst wenn Benzin und Diesel wirklich knapp würden: Es handelte sich doch um dieselben Produkte, sie sind nicht besser geworden, warum also teurer? Auch die Nachfrage steigt ja nicht. Warum also der Preis? Weil die Gelegenheit günstig ist.
Und im Unterschied zum Bäckerbrötchen kann der unzufriedene Kunde nicht einfach zu einer anderen Tankstelle wechseln, wenn alle Konzerne die Preise erhöhen. Wem die Brötchen überall zu teuer sind, der kann auf andere Backwaren umsteigen. Wer seine „Mobilität“ von fossilem Treibstoff abhängig gemacht (oder gehalten) hat, muss zahlen, was verlangt wird. Darf aber jammern. denn anscheinend erwartet niemand ― außer irgendwelchen Ökospinnern wie ich ―, dass höhere Spritpreise zu weniger Fahrten führen. Und das scheint zeitnahen Untersuchungen zu Folge auch nicht der Fall zu sein: Es wird gejammert, getankt, gefahren ― und geblecht. Sinnvolle Vorschläge wie ein allgemeines Tempolimit werden sowieso als unrealistisch weggebügelt. Warum spritsparende Geschwindigkeitsbegrenzungen entmündigend sein sollen, hohe Spritpreise jedoch nicht, versteht dabei wohl nur die fossilfixierte Volksseele.
Energieverbrauch senken, Energie nachhaltig und erneuerbar ezeugen: Darum ginge es. Weniger „Individualverkehr“, mehr und bessere öffentliche Verkehrsmittel. Stattdessen sind weiterhin Flugreise, Flughafenausbau und der Bau von gigantischen Rechenzentren angesagt. Es ist, als ob die Menschheit (oder ein leider entscheidender Teil derselben) die Zerstörung der Lebensgrundlagen von Flora, Fauna und Menschheit geradezu herbeisehnte. Dazu kommen noch die Realitätsabgewandten, die darauf setzen, neue Technologien würden schon irgendwie rechtzeitig alles richten. Die moderne Technik hat die Welt in die Scheiße geritten, nun soll sie sie (demnächst, versprochen!) wieder herauszerren? Gibt es irgendein Indiz dafür? Oder nicht doch bloß Symptome des destruktiven Technofaschismus?
Um auf Bäcker und Konzerne zurückzukommen: Der einzelne Bäcker hat wenig Macht, darum kann er seine Kunden nur wenig bescheißen. Die Multis aber haben sich Machtpositionen geschaffen und darum machen sie gewaltige Geschäfte ― auf Kosten der Kunden, der Zulieferer, der Arbeitnehmer, der Umwelt. Wohlgemerkt: Weil sie mächtig sind, machen sie irrsinnige Vermögen, nicht andersherum. Ihre Gewinne sind abhängig von eigener Marktmacht und von den Staaten, die ihre schützende Hand über Betrug, Ausbeutung, Zerstörung halten.
Im finsteren Mittelalter wurden Bäcker, die zu kleine Brötchen buken, aber dasselbe Geld dafür verlangten, gern in Käfige gesteckt und samt diesen dann in Gewässer getunkt. In unseren herrlichen moderne Zeiten ärgern sich die Leute über die Mineralölkonzerne, aber tanken, zahlen, verbrauchen trotzdem. Was ist vernünftiger?

Glosse CLXV

Kochküche. Selbst für Behördensprech ist das verrückt.

Montag, 13. April 2026

Wie ich es halte

Man kann mir, wenn man möchte, womöglich mancherlei vorwerfen, aber nicht, dass ich nicht konsequent bin. Mag sein, dass ich mich bei diesem oder jene täusche oder irre, dass ich etwas falsch einschätze oder bewerte, dass ich Vorlieben habe und blinde Flecken. Aber immerhin bin ich meiner Meinung nach völlig folgerichtig in meinen Parteinahmen: für die Schwachen gegen die Starken, für die Unterdrückten gegen die Herrschenden, für die Ausgebeuteten gegen die Ausbeuter, für die Geschädigten gegen die Verursacher, für die Bedürftigen gegen die Verschwender, für die Verleumdeten gegen die Verleumder, für die an den Rand Gedrängten gegen die Vorherrschenden, für die Ehrlichen gegen die Lügner, für die Friedfertigen gegen die Hetzer, für die Wehrlosen gegen die Übergriffigen, für die Ausgesetzten gegen die Eingebunkerten, für die Aufbrechenden gegen die Festsetzer, für die konstruktiven Kritiker gegen die unkritisch Destruktiven, für die Nachdenklichen gegen die Dummschwätzer, für die Unangepassten gegen die Konformisten, für die Moralapostel gegen die konsumistischen Hedonisten, für die Utopisten gegen die Ablenker und Zerstreuer, für die Verdummungsopfer gegen die Verdummungstäter, für die Großzügigen gegen die Knausrigen, für die Feinsinnigen gegen die Brutalen, für die Differenzierten gegen die Niveaulosen, für die Fürsorglichen gegen die Entmündigenden, für die Kultivierten gegen die Vulgären, für die Ehrlichen gegen die Betrüger, für die Schlichten gegen die Gezierten, für die Unverdorbenen gegen die Verführer, für die Anständigen gegen die Rücksichtslosen, für die Aufklärenden gegen die Finsterlinge, für die zu Selbstkritik Fähigen gegen die Bedenkenlosen, für die Menschenfreunde gegen die Maschinenknechte, für die relativistischen Relativisten gegen die absolutistischen Absolutisten, für die Freiheitsliebenden gegen die Unterwürfigen.

Freitag, 10. April 2026

Unterwegs (40)

Warum müssen so viele Frauen eigentlich so dämlich dasitzen? Geradezu zwanghaft schlagen sie ihre Beine übereinander, nämlich auch, wenn sie nicht in einem Sessel, sondern in einem Stuhl an einem Tisch sitzen. Das ergibt zwangsläufig eine verdrehte Haltung, die doch völlig unbequem sein muss. So kann man doch nicht zum Beispiel vernünftig essen. Aber sie tun’s. Sie verschrauben ihre Haxen gegeneinander ― und dann fangen sie an, mit dem Fuß zu wippen. Anhaltend. Ebenso zwanghaft.
Früher wäre eine wohlerzogene Frau vor Scham gestorben, wenn sie sich in der Öffentlichkeit hätte so gehen lassen, die Beine übereinanderzuschlagen. Allenfalls die Knöchel wurden gekreuzt. Ich finde, noch heute ist das ein Kriterium, um zwischen „damenhaft“ und „vulgär“ zu unterscheiden. Wobei das Vulgäre unzweifelaft vorherrscht.
Warum machen Frauen das, dieses Verdrehen und Wippen? Ist irgendein Lustgewinn damit verbunden? Eine Stimulation des Genitaltrakts? Wie wohl beim Reiten oder der Umhängetrommel … Da Frauen ihr Verhalten selten reflektieren (und noch seltener ehrliche Auskunft geben), wird man es wohl nicht erfahren.

Mittwoch, 8. April 2026

Drecksösis

Letztens musste ich mich mit irgendwelchen Leuten unterhalten. Österreichern. Nicht sehr helle. Als es um Politik ging, brach es plötzlich aus ihnen hervor. Dieser Selenski! Ganz schlimm. Der gibt einfach keine Ruhe. Der Krieg geht immer weiter. Äh, warf ich ein, es war aber schon Russland, dass die Ukraine überfallen hat? Die sich unter Selenskis Führung verteidigt? Ja, aber all das Leid der Ukrainer und Russen! Man könnte doch einfach das bisschen Land abtreten. Die Leute dort wollen doch eh Russen sein. Und diese Korruption in der Ukraine! Immer neue Milliarden verlangt diese Selenski. Ein Fass ohne Boden. Ganz schlimm.
Selbstverständlich hielt ich mit Fakten dagegen. Aber die wollten sie nicht hören. Diese Leute sind völlig verhetzt. Ich frag mich nur: von wem und warum und wie das geht. Wer da wie welchen Krieg führt, wer das Leid verursacht (nicht die Verteidiger, sondern der Angreifer), wozu die Milliarden gut sind, wie heldenhaft der Kampf der Ukrainerinnen und Ukrainer ist, wie es in den okkupierten Territorien zugeht (grauenhaft), dass Putin ein Faschist ist und nicht gewinnen darf: Über all das kann man sich informieren. Man muss dazu nicht einmal Ukrainisch oder Englisch können. Warum also will man lieber den Unsinn glauben, den Rechtspopulisten und gewisse Medien verbreiten? Warum will man dumm und unanständig sein? (Wobei sie glauben, sie hätten der Durchblick und seien im Recht.)
Hinterher dachte ich mir: Das wären damals genau die Leute gewesen, die die einmarschierenden Nazis begrüßt hätten. Und dann fiel mir ein: Nein, schlimmer, dass wären die Nazis gewesen. 

Samstag, 4. April 2026

Vereinfachen oder verkomplizieren

Man könnte mir nachsagen, ich sei ein schrecklicher Vereinfacher. Ich striche dann „schrecklich“ und ersetzte es durch „wunderbar“. Aber so einfach darf man es sich gewiss nicht machen.
Tatsächlich bin ich ein schlichtes Gemüt. Will sagen, um etwas verstehen zu können, muss ich es mir so zurechtlegen, dass es ich es handhaben kann. Es sozusagen mundgerecht schneiden, statt das Maul zu weit aufzureißen und mich dann an übergroßen Bissen zu verschlucken.
Im Grunde macht das jeder, mit mehr oder weniger Geschick: Was man verstehen will, muss verständlich gemacht werden, muss den eigenen Möglichkeiten des Verstehens angepasst werden, der eigenen Begrifflichkeit, den eigenen Denkgewohnheiten angepasst werden. Freilich kann man auch sich selbst verändern, um etwas zu verstehen, neue Begriffe, neue Denkweisen einüben. Manche allerdings lassen das, was sie nicht verstanden haben, einfach so stehen, machen aber trotzdem davon Gebrauch, um so schlauer zu wirken, als sie sind …
Darin, das Komplizierte zwar nicht auf Simples zu reduzieren, aber doch verweisen zu lassen, sehe ich übrigens auch eine notwendige Methode der Philosophie. Indem man vereinfacht, kann man auch Schwieriges begreifen, jedenfalls ein Stück weit. Denn etwas Kompliziertes ist ja aus Elementen zusammengesetzt, die keineswegs selbst kompliziert sein müssen. So kann man schrittweise verstehen oder mit dem eigenen Unverständnis umgehen lernen.
Meinem Verständnis von Philosophie entgegengesetzt handeln viele Schaudenker, Schönredner und Dummschwätzer, die ihre Geschäftstätigkeit darauf gründen, das Einfache möglichst vertrackt und unübersichtlich darzubieten. So simulieren sie Tiefsinn und erhöhten Durchblick. Derlei wird dann gern von denen gekauft, die am Distinktionsgewinn durch das ornamentale Geschwafel der schrecklichen Verkomplizierer teilhaben wollen.
In Wahrheit erlaubtem erst Klarheit und Deutlichkeit, also auch das Vereinfachen des Schwierigen und Zerlegen des Komplizierten, kritisches Denken. Die Verhältnisse sind oft unübersichtlich genug, künstliche Schwierigkeiten einzuführen und Verständnishindernisse aufzurichten. ist autoritär und elitär.
Der Trick ist oft, Kritik am Verkomplizieren damit zurückzuweisen, dass die Kritiker einfach nicht den Komplexitätsgrad erkannt und verstanden hätten, der von der Sache her geboten sei. Das ist ein Denkfehler: Je komplizierter etwas ist, desto einfacher muss es Schritt für Schritt gemacht werden. Das Verstandenhaben von schwer zu Verstehendem durch gewollte Unverständlichkeit zu simulieren, ist denkfeindlich.
Selbstverständlich muss angemessene von unangemessener Vereinfachung unterschieden werden. Von Mal zu Mal. Darin besteht ja die Kunst, das Herausfordende nicht um seinen Gehalt zu bringen, sondern mit geeigneten Mittel von den Widrigkeiten der Unzugänglichkeit, Unfassbarkeit, Undurchdringlichkeit zu befreien. Wenn denn da überhaupt ein Gehalt ist und nicht nur heiße Luft.
Was jeweils angemessen ist, entscheidet der Erkenntnisgewinn. Klingt einfach, ist es aber nicht. Jetzt habe ich es verstanden, freut sich ein Subjekt, aber andere Subjekte schütteln nur den Kopf. Und der Prozess des Verständlichmachens geht weiter. Wirklich verstanden hat man nur, was man anderen verständlich machen kann.
Es ist besser, von etwas nur ein bisschen zu verstehen, als gar nichts. Lieber ein produktives Missverständnis als völliges Unverständnis. Besser etwas besser verstehen, als es gemeint ist, als schlechter, als es gemeint sein könnte. Und auf jeden Fall ist Vereinfachen, das verstehen lässt, dem Verkomplizieren vorzuziehen, das bloß beeindrucken will und von Verstehen ausschließt. 

Karsamstagsmeditation

Ich bin Anarchist, weil ich überzeugt bin, , dass nur ein herrschaftsfreies Zusammenleben der menschlichen Würde entspricht, dass nur unter den Bedingungen gewaltloser Gleichheit und gleichberechtigter Verschiedenheit eine wirklich vernünftige und gerechte Ordnung gestaltet werden kann, dass nur so das Wohlergehen von jedem und allen erreicht werden und gewahrt bleiben kann. Zugleich glaube ich an Gott, weil selbst die besten irdischen Zustände, die Freiheit, Gerechtigkeit und Wohlstand gewähren, nicht genügen ― denn warum und wozu das alles? Am Leben zu sein und glücklich miteinander zu leben, sich ohne Zwang entfalten zu können und seine schöpferischen Möglichkeiten zum eigenen und allgemeinen Wohl oder doch Wohlgefallen auszuschöpfen, das ist unmöglich ein Selbstzweck. Zufriedenheit und Glück kann nicht alles gewesen sein, denn Menschen sind endlich und sterblich. Mit dem Tod eines Einzelnen schon stirbt ein Teil der Welt und scheint unwiederbringlich verloren. Welchen Sinn hat es, für den Einzelnen zu kämpfen, wenn er sterben muss? Wenn die Welt zu Grunde gehen kann und irgendwann auch wird.
Es muss doch für all das, wofür es sich einzusetzen lohnt, einen Grund und einen Sinn geben, der über das Endliche und Vergänglich hinausweist, einen letzten Sinn, ein letztes Ziel, eine letzte Erfüllung. Das aber kann nicht von diese Welt sein, es muss transzendent sein. Es kann auch nicht etwas sein, es muss jemand sein: Gott. Das vollkommene und vollkommen gute Wesen, dass alles geschaffen hat und erhält. Auf ihn ist alles ausgerichtet, in ihm findet alles Grund und Sinn.
Darum gehören für mich Anarchismus und Glaube zusammen. Gott ist Freiheit. Wer Gott und seinen Nächsten liebt, will Freiheit, will Würde und Gerechtigkeit, will, dass es allen geistig, seelisch, körperlich gut geht. Er will auf keinen Fall Unterdrückung, Ausbeutung, Zerstörung und Tod. Weil aber Menschen sterblich und schon so viele gestorben sind, muss es den einen geben, der den Tod besiegt und das ewige Leben gewährt.
Leid und Tod sind Folgen der Sünde, der eigenen Sünden und der Sünden der anderen, an denen man mitträgt, einfach, weil man Mensch unter Menschen ist. Sünde ist Unfreiheit, Leid ist der erlebte Widerspruch von Sein und Sollen. Gott allein kann davon befreien. Nur seine Gnade kann zu einem freien, nämlich auch sündenfreien Menschen machen und zur ewigen Seligkeit führen. Unterwegs dahin müssen die Menschen alles tun, um der Herrschaft der Sünde entgegenzutreten und sich ihr nicht zu unterwerfen.
Das ist für mich Anarchismus: Unaufhörlicher Kampf gegen das Böse, gegen das System, des Bösen, gegen die Verführung zum Bösen, und der Versuch, schon jetzt anders, besser, freier, fürsorglicher, gerechter, rücksichtsvoller, schöpferischer mit einander umzugehen und für dafür Denkweisen und Organisationsformen zu entwerfen und zu praktizieren.
Herrschaft von Menschen über Menschen (und die angestrebte Herrschaft von Maschinen über Menschen) ist unmoralisch, dumm und zerstörerisch. Was man das „Reich Gottes“ nennt ist gut, weise, vernünftig, gerecht und schöpferisch. In Gemeinschaft mit Gott ist den Menschen alles möglich. Auch das ewige Leben.

Sonntag, 29. März 2026

Aufgeschnappt (bei Nikos Kazantzanis)

Und als ich die berühmten Gemälde zum ersten Mal erblickte, wie zitterte das unersättlich Herz, wie stand ich lange Zeit mit wankenden Knien auf der Schwelle, bis das Herzklopfen sich gelegt hatte und ich imstande war, soviel Schönheit zu ertragen. Denn ich hatte es wohl vorausgesehen: Schönheit ist erbarmungslos; nicht sie schaust du an, sie schaut dich an, und sie verzeiht nicht.

Bauen gegen Menschen

Ich kannte diese Leute vorher nicht. Ich las nur zufällig von ihrem Tod. Ein Schweizer Architekten-Ehepaar, er 97, sie 94 Jahre alt, hat sich umgebracht. Deren Sache, geht mich nichts an. Die beiden dürften jede Menge Gebäude entworfen haben, allesamt scheußlich, soweit ich sehe. Und ich habe ein Zitat von ihm bezüglich eines seiner Werke gefunden (das 2018 zum „hässlichsten Haus der Schweiz“ gewählt worden war): „Dass Laien das Gebäude hässlich finden, ist mir egal. Hauptsache, den anderen Architekten gefällt es.“
Genau diese Einstellung bringt aus meiner Sicht die moderne Architektur auf den Punkt. Für gewöhnlich ist sie menschenfeindlich, selbstverliebt, abstoßend und unbrauchbar. Es gibt Ausnahmen, aber die Regel ist: Inhumanität und Unschönheit.
Man entwirft für Kollegen und Kritiker, für Auftraggeber, die sich außer an Kosten und Profit an der Meinung anderer orientieren. Man entwirft nicht für die Menschen, die in solchen Häusern wohnen müssen. Es geht nicht um Geschmack. Es geht um Wünsche und Bedürfnisse. Diese mit Gewalt ― und jeder solcher Bau ist physische Manifestation einer Durchsetzung ― übergangen werden. Übergangen werden sollen. Denn je unmenschlicher die Gebäude sind, desto mehr werden sie „in Fachkreisen“ (und von verdummten Fans) bewundert.
„Architektur ist faschistisch“, pflege ich zu sagen und ecke damit oft an. Vom obigen Zitat und der inhumanen Geisteshaltung, die es zu erkennen gibt, fühle ich mich allerdings bestätigt. Modernes Bauen ist in der Regel autoritär, elitär, menschenverachtend und praktiziert einen Kult der Gewalt.

Samstag, 28. März 2026

Videant male consulti …

Die ösiländische Obrigkeit will ein Verbot von Sozialen Medien für Personen im Alter von weniger als vierzehn Jahren. Das soll Kinder und Jugendliche vor schädlichen Inhalten schützen. Warum man nicht geschützt zu werden braucht, wenn man fünfzehn oder älter ist, bleibt Staatsgeheimnis. 
Medienkompetenz ist das Stichwort. Die soll künftig in den Schulen auch im Fach „Medien und Demokratie“ eingetrichtert werden, wofür der Latein-Unterricht um zwei Stunden gekürzt werden soll, (Was mit denen ist, die keinen haben, ist kein Thema.) 
Pädagogische Peitsche und altbackenes Zuckerbrot: Medienverbot und Main-Stream-Indoktrination sollen übrigens auch gegen „Radikalisierung“ helfen. (Radikalisierung, das ist, wenn man die ganze verordnete Scheiße ablehnt. Das darf man nicht.)
Ob im Unterricht auch nur ein kleines bisschen Wahrheit vorkommen darf? Dass Demokratie ein Farce ist, die das politische Bewusstsein der Leute einschläfern soll? Dass der Staat ein Werkzeug der Reichen ist, durch das sie noch reicher werden sollen? Dass die FPÖ faschistisch ist und dass Parteien, die mit ihr kollaborieren, (schon allein) darum quasifaschistisch sind? Dass nur fundamentale, radikale, extreme Maßnahmen zu einer Lösung der ökologischen, sozialen, politischen, kulturellen Probleme etwas Sinnvolles beitragen können und das übliche Weiterwursteln korrupter und ideologisch verbohrter „Mandatsträger“ verbrecherisch ist? Wohl kaum.
Hinschauen verboten! Denken verboten! Mitlaufen erlaubt.

Glosse CXLIV

Was war denn einer der größten Meilensteine im Umgang mit psychisch Erkrankten?, fragt die Tefau-Reporterin den wissenschaftlichen Leiter der heurigen niederösterreichischen Landesausstellung. (Und der lacht sie nicht aus, sondern antwortet sehr ernsthaft.) Vielleicht ist es im Paralleluniversum des österreichischen Rundfunks tatsächlich so, dass es dort sehr kleine Meilensteine für sehr kurze Meilen gibt und für die ganz langen Meilen gibt es sehr große Meilensteine. Oder aber: bei der Vertreterin der Journaille hat das zwanghafte Verwenden von Floskeln das Hirn angegriffen.
Besagter wissenschaftlicher Leiter sprach dann von einem Künstler, der seinem Talent nachgegangen sei und Aquarelle bemalt habe. Der „Leiter der Landessammlungen Niederösterreich“ ist entschuldigt. Er ist Akademiker (Magister), muss also der Sprache nicht mächtig sein, schon gar nicht in freierc Rede. Ein feiner Zwirn genügt für den öffentlichen Auftritt. 

Mittwoch, 25. März 2026

Hass auf Israel

Die Journalistin Ana Kasparian hat klargestellt. „Ihr werdet nicht gehasst, weil ihr jüdisch seid. Ihr werdet gehasst, weil ihr unschuldige Menschen tötet.“ Sie weist damit den Vorwurf zurück (der beispielsweise in der BRD Staatsdoktrin ist), sich gegen Israels Verbrechen auszusprechen, sei „antisemitisch“. Kasparian erklärt, dass sich ihr Zorn nicht gegen das jüdische Volk, sondern explizit gegen den Zionismus und die Politik der israelischen Regierung richte, insbesondere angesichts der andauernden, verheerenden zivilen Opferzahlen in Gaza, Libanon und Iran.
Kasparian hat völlig Recht. Allerdings muss man andererseits auch sagen, dass alle jüdischen Organisationen, einschließlich der Kultusgemeinden, die entweder Israel erlauben, im Namen aller Juden zu sprechen, oder die Israel sogar unterstützen (egal, ob „im Prinzip“ oder in jeder Hinsicht) und die sich nicht wahrnehmbar und unmissverständlich gegen die zionistischen Verbrechen Stellung zu beziehen, nichts anderes als Komplizen sind.
Das gilt auch für jeden einzelnen, der je in der Öffentlichkeit „als Jude“ gesprochen hat und sich, beispielsweise als Zeitzeuge oder Intellektueller, für zuständig hält, über Politik und Moral, Gewissen und Unrecht zu reden. Wer nichts gegen Israel sagt, wer nicht ohne Vorbehalt Verbrechen Verbrechen nennt, soll schweigen. Wer aber schweigt, stimmt zu, und wer zustimmt, hilft mit.
Zudem geht es nicht nur um den Mord an Unschuldigen und Zivilisten. Man darf auch angebliche oder tatsächliche Kombattanten nicht ohne weiteres massakrieren, und auch im Krieg (den wer wem erklärt hat?) hat jeder als unschuldig zu gelten, der nicht in einem ordentlichen Verfahren von einem unabhängigen und zuständigen schuldig gesprochen wurde. Einfach so „Feinde“ abzumurksen, ist kriminell. Massenhaft Menschen zu töten, zu verletzten, zu Vertreiben, ihrer Lebensgrundlagen zu berauben, ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
Das kann man wollen. Aber dann ist man hassenswert. Man kann es auch billigen oder beschweigen. Aber dann ist man ebenfalls hassenswert. Ja, Hass ist hässlich und nichts Gutes. Aber manchmal ist er berechtigt und unvermeidlich.

Montag, 23. März 2026

Aufgeschnappt (bei Robert Spaemann)

Nicht um Gesinnungsgenossenschaft kann es heute gehen und nicht darum, lieber mit den Freunden zu irren als mit Nicht-Freunden recht zu haben. Irrtum ist in unserer Lage schlimmer als jede Lumperei.

Dienstag, 17. März 2026

Trampelpfade

Als Kind und Jugendlicher mochte ich sie überhaupt nicht, diese von unzähligen Füßen nach und nach und seit langem in irgendeine Grünfläche hineingestampften Abkürzungen, meistens krumm, längst zur Institution geworden, die alle nutzen, nützlich, weil zeitsparend. Sie waren eine ungeplante, zunächst spontane Weigerung, die von anonymen Planern festgelegten Wege zu gehen, die umständlicher waren, meistens rechtwinklig, immer gepflastert oder asphaltiert. Ich ging lieber die vorgesehen Wege. Die Abweichungen erschienen mir hässlich und zwanghaft, ein Verstoß gegen sinnvolle Ordnung und eine Anmaßung Unbefugter. Gerade weil alle anderen die Trampelpfade nutzten, verweigerte ich sie.
Erst später im Leben begriff ich, dass die von den Leuten ausgetreten Wege auch ein ein Protest waren gegen die Unüberlegtheit des obrigkeitlichen Planens und Bauens, das nicht Bequemlichkeit der Benutzer, sondern Gängelung durch abstrakte Formen im Sinn hatte.
Ich war immer eigensinnig und gerade darum skeptisch gegenüber vorgegeben Rebellionen. Wenn, wie gesagt, alle den Trampelpfad nutzen, ist er keine Abweichung mehr, sondern eigentlich eine Vorschrift. Andererseits verletzt er sehr wohl die gebauten Vorschriften. Es ist also schwierig, einen Weg zu finden, der den eigenen aufrechten Gang weder dem Konformismus der Masse unterwirft noch sich abfindet mit der angemaßten Autorität herrschender Strukturen. Man müsste halt durch Wände gehen können. Da man das aber nicht kann, gilt es im Einzelfall zu unterscheiden, welcher Weg der bequemere und zweckmäßigere ist. In jedem Fall sollte es der eigene sein.

Samstag, 14. März 2026

Über Natur als etwas Kulturelles

Natur kommt in der Natur nicht vor. Natur, was auch immer man darunter verstehen will, wird ausschließlich innerhalb von dem, was man Kultur nennt, zum Thema. Das bedeutet nicht, dass es nichts außerhalb von Kultur gibt, sondern dass das „Außerkulturelle“, was immer es sein mag, nur „innerkulturell“ zur Sprache kommen kann. Nichts Wirkliches, sei es auch noch so mächtig und wirke es auch noch so ungewusst und unbewusst, kann auf den Begriff gebracht werden, ohne dass das im menschlichen Denken geschieht.
Das gilt auch für die sogenannten Naturwissenschaften. Auch wenn ihre Gegenstände nichts Kulturelles sind (worüber man übrigens verschiedener Meinung sein kann: Heißt etwas zum Gegenstand zu machen nicht immer auch, es in seiner Gegenständlichkeit zu setzen?), auch wenn also die sogenannten objektiven Naturtatsachen als unabhängig von Menschen existierend konzipiert werden, so sind doch die wissenschaftlichen Tätigkeiten des Beobachtens, Messens, Auswertens, Beschreibens, Theoretisierens (und auch noch das Übertragen solcher Funktionen an Maschinen) und selbstverständlich auch das Betreiben von Forschungseinrichtungen, Bildungseinrichtungen, Fachpublikationen, Konferenzen usw. usf. allesamt menschliche Tätigkeiten, die nur innerhalb eines sozialen und damit kulturellen Kontextes stattfinden und nur in diesem Rahmen als sinnvoll erscheinen können.
Natur ist außerhalb von Kultur nicht zugänglich. Jeder Naturbegriff setzt kulturelle Zusammenhänge voraus und gilt nur innerhalb von ihnen. Wer also, wie manche es beanspruchen oder fordern, über den Menschen hinaus denken und die Perspektive von Außermenschlichem (der Umwelt, dem Planeten, dem Kosmos oder was auch immer) einnehmen will, sollte bedenken, dass er das, wenn überhaupt, nur als Mensch kann. Nur Menschen können versuchen, sich vorzustellen, wie es wäre, wenn es sie nicht gäbe oder wenn für sie Bedingungen gälten, die weit über sie hinausgingen.
Dass alle Rede von Natur ein kulturelles Tun ist, ist ethisch wichtig und auch epistemologisch. Den einerseits müssen alle Konzept der Realität sich fragen lassen, was sie für das menschliche Tun und Lassen bedeuten, ob sie Handlungsfähigkeit und das Übernehmen von (wie auch immer begrenzter) Verantwortung stärken oder ob sie Ausreden fördern und den bequemen Rückzug auf ein Gefühl der Vergeblichkeit und des Ausgeliefertseins. Andererseits muss die Unvermeidbarkeit des Menschlichen an allen aufs Außermenschliche gerichteten Erkenntnisbestrebungen unbedingt (wenn schon nicht in der Methodologie der Naturwissenschaftem so doch in der Philosophie) mitbedacht werden, weil bei derlei Bemühungen sonst bloß unehrliche Ideologie und falscher Mythos herauskommen können.
Mag sein, dass der Mensch nicht das Maß aller Dinge ist. Aber jedes Maß, das Menschen anlegen sollen, muss eben von ihnen angelegt werden. Ein anders Maß, einen anderen Maßstab zu fordern, ist nur dann sinnvolle Rede, wenn sie sich an Menschen richtet. Wer sonst sollte etwas an seiner Sichtweise, gar an seinem Handeln ändern?

Donnerstag, 12. März 2026

Strafe oder Einsicht, Mensch oder Funktion

In einer Diskussion über China zitiert jemand eine alte Frau, die gesagt habe, wenn ihr ein junger Mann im Bus seinen Sitzplatz anbiete, sei es völlig egal, ob er das aus Höflichkeit tue oder weil er sonst ein Punktabzug im Sozialen Kreditsystem befürchten müsse.
Ich finde das entsetzlich. Die Reduktion des Mitmenschen auf die Funktion, die er für mich hat, ist entwürdigend, für beide Seiten. Wenn man annehmen muss, alle Menschen, mit denen man es zu tun habe, verhielten sich nicht freiwillig und auf Grund ihrer moralischen Überzeugungen so, wie sie sich verhalten, sondern unter Druck und aus Angst, dann lebt man in einer Gesellschaft des permanenten Terrors.
Zu sehr haben sich die Insassen der modernen Zivilisation daran gewöhnt, im Alltag regelmäßig rein funktionale Beziehungen zu einander zu haben, asoziale Beziehungen sozusagen, entmenschlichte. Der Busfahrer, die Supermarktkassiererin, die Person am Schalter oder bei der Service-Hotline usw. usf.: Nie geht es um die Person als solche, nicht um ihren Charakter, ihre Geschichte, ihre Lebenssituation, ihre Wünsche, Träume, Vorlieben. Meist auch nicht um ihren Namen oder ihr Aussehen. Der Mensch, mit dem ich es zu tun habe, hat nur eine Funktion für mich, es geht um das, was ich will und der andere für mich tun soll.
Genau darum gibt es ja die Tendenz, Menschen durch Maschinen zu ersetzen: Fahrkartenautomaten und „autonom“ fahrende Busse, Supermarktkassen, an denen man die Warenpreis selbst addieren lassen muss, Computerprogramme, die Auskünfte geben und „weiterhelfen“. Störanfällig und oft ohne Spezialwissen nicht zu bedienen (und wie soll man ein Gerät fragen, wie man es bedienen soll?), aber der Zug der Zeit: kein Lohn, kein Krankenstand, kein Betriebsrat.
Die Phantasien gehen ja bekanntlich noch weiter: Roboter, die in Krankenhäusern pflegen und womöglich sogar behandeln;, die die Betreuung und den Unterricht für Kinder übernehmen und einen Sozialkontaktersatz für einsame Alte übernehmen. Roboter, die Kriege ausführen, deren Strategien Computer errechnet haben.
Die schrittweise Abschaffung sozialer Beziehungen und ihre Ersetzung durch automatisierte Funktionen findet unter dem allbeherrschenden Gesetz der Profitmaximierung als Zwang statt; angedient freilich wird sie den Benützern (die damit freilich immer mehr zu Benützten werden) Erleichterung und Entlastung, als Vereinfachung und Verbesserung, zudem getarnt als Spielzeug und putzige Quasilebewesen: Seht nur was für niedliche Kinderaugen der Roboter hat, wie er als Hundchen lustig kläfft, wie geschickt er tanzt oder Akrobatik vollführt! Wie soll man etwas gegen die Entmenschlichung haben, wenn sie so sentimental und spektakulär daherkommt! Inzwischen lassen sich Menschen nicht nur von chatbots in allen Lebenslagen beraten, sie verlieben sich sogar in sie ― und wollen sie heiraten.
Doch zurück zur alten Chinesen vom Anfang. Angeblich erfreut sich das (noch in Testphasen befindliche Sozialkreditsystem) größter Zustimmung und Beliebtheit. Ob das stimmt, kann man nicht wissen, da es im kommunistisch beherrschten China weder freie Medien noch unabhängige Demoskopie gibt; und wer Teil eines Testprojektes ist, kann ohnehin nur zustimmen …
Erwünschtes Verhalten wird belohnt, unerwünschtes bestraft, noch dazu schön in Zahlen ausgedrückt mit einem Punktesystem. Wem es an Punkten mangelt, der kommt beruflich nicht voran oder verliert sogar seinen Arbeitsplatz, darf nicht reisen (schon gar nicht ins Ausland), ihm wird die Geschwindigkeit des (ohnehin allgemein zensierten) Internets gedrosselt, er zahlt höhere Steuern usw. usf. Den Müll nicht trennen, im Bus einer Oma den Sitzplatz nicht anbieten, die falschen Bücher lesen wollen: Da spart man sich das Strafrecht und bestraft (wohl automatisiert) mit Punktabzug.
Wer will in solch einer Gesellschaft leben? Wie heruntergekommen muss eine Kultur sein, um derlei gut zu finden und nicht von ganzem Herzen zu hassen!
Probleme des Zusammenlebens sind politische und moralische Probleme und bedürfen deshalb politischer und moralischer Lösungen, keiner technischen. Das heißt nicht, dass sie nicht funktionieren. Mein Lieblingsbeispiel (bei dem es noch nicht einmal um Automatisierung geht); Selbstverständlich bringen Bodenschwellen in Straßen, die an Kindergärten und Schulen vorüberführen, die Autofahrer dazu, langsamer zu fahren, weil sie ihr Fahrzeug nicht schädigen wollen. Aber wäre es nicht besser, bereits ein Schild „Kindergarten“ oder „Schule“ brächte die Verkehrsteilnehmer auf Grund von einsichtsvoller Erziehung und selbständiger Einsicht dazu, sich ausreichend rücksichtsvoll und achtsam zu verhalten?
Welche Gesellschaft ist höher entwickelt und in welcher möchte man lieber leben: Einer, in der Menschen tun, was sie (nach Meinung der Obrigkeit) tun sollen, weil man sie mit Strafe und Lohn dazu zwingt? Oder in einer, in der die Menschen gute Umgangsformen haben und von sich aus, weil sie es wollen, das Richtige tun und das Falsche lassen?
Technische Lösungen sind effizient und darauf aus, Abweichungen zu eliminieren. Wer aber legt ihre Normen fest? Wer organisiert die Kontrolle und Auswertung? Wer sammelt die Daten und macht damit, was er will? Naturgemäß die, die an der Macht sind. Eine freie Gesellschaft gestaltet man damit nicht. Nur eine von gehorsamen Punktesklaven, von Heuchlern und Denunzianten. Es herrscht dann eine totalitäre Sozialpolizei, die sich tief in der Psyche verankern will. Gute Nacht, Menschlichkeit!

Verblödung in der Wissensgesellschaft

Wie kann es sein, dass wir angeblich in einer Wissensgesellschaft leben, die Leute aber immer blöder werden? Oder ist beides dasselbe. die Zunahme des Wissens und von dessen Bedeutung einerseits und andererseits die Fülle der Formen des Unwissens? Als ob das spezialisierte Wissen in einigen Bereichen ein unspezifisches Unwissen in so vielen anderen gleichsam mitproduzierte. Das alte Thema von Fachidiotie und mangelnder Allgemeinbildung? Gefördert von überforderten Schulen und höheren Bildungseinrichtungen, die nur formale Qualifikationen einfordern, auf Zusammenhänge und Bildungsweite und Bildungstiefe aber nicht achten können und wollen?
Wissen werde immer wichtiger, heißt es. Aber das ist Blödsinn. Wissen war immer schon wichtig und entscheidend. Schon die Jäger und Sammler, um die mal wieder zu erwähnen, mussten wissen, wie man jagt und was man sammelt und was man mit Gesammeltem und Erbeutetem anfangen kann. Und was giftig und unbekömmlich ist. Ihr Wissen war überlebenswichtig und wurde gewiss von Generation zu Generation weitergegeben. Heutzutage ist den hochtechnisierten und massiv arbeitsteiligen Gesellschaften das wichtige Wissen oft nicht mehr eine Frage von Leben oder Tod, sondern ein Bedienungswissen. Nahrung, Kleidung, Obdach, Medikation usw. ― darum kümmern sich im Grunde andere, die man dafür bezahlt. Man selbst muss eigentlich nur wissen, was man braucht, um einen Job erledigen zu können, der einem das Bezahlen erlaubt. Und man will wissen, wie man Spaß hat und von anderen akzeptiert wird (Spiel- und Sozialwissen).
Selbstverständlich stellen selbst unzureichende Bildungseinrichtungen eine Menge an Wissen zur Verfügung, das früher nur wenigen zugänglich war. Aber was soll man sagen, obwohl in so vielen Ländern fast jeder die Chance bekommt, Lesen und Schreiben zu lernen, hapert es (man schaue im Internet auf die Kommentare) bei viel zu vielen mit der Anwendung. Ebenso mit Geschichtswissen, Rechnen, den Grundlagen der Naturwissenschaften oder Kenntnissen von Literatur, Künsten, Musik.
Fast scheint es, das Bildungs- und Kommunikationssystem reserviere spezielles Wissen für wenige und enthalte Allgemeinbildung den Vielen vor. Verblödung ist kein Zufall, sondern systemimmanent. Wissen soll dem System dienen ― also der Profitmaximierung auf Kosten von Natur und Mensch ― , also praxisnah, beschränkt, zusammenhanglos und technisch sein. Grundsätzliche Fragen sollen entweder nicht vorkommen oder die Spinner, Träumer, Schwätzer sollen damit unter sich bleiben. Funktioniere, hab Spaß, nähre dich redlich und mucke nicht auf. Wisse nur, was du musst. Frag nicht zu viel. Bleib bei deinem Leisten.

Über permanente technische Innovation

Wozu braucht es immer mehr und immer neue Technik? Es liegt auf der Hand: Um die Menschen zu entmündigen, zu unterdrücken und auszubeuten. Man gaukelt ihnen zwar vor, „die Technik“ ― um diesen mythischen Ausdruck zu gebrauchen ― sei ihre Freundin. Das ist sie aber nicht und kann es nicht sein, nicht unter denen herrschenden Bedingungen, wenn also Entwicklung, Verbreitung und auch Anwendung technischer Phänomene fest in der Hand von profitsüchtigen Konzernen sind. Welches Interesse hätten diese daran, technische Mittel erfinden zu lassen und zur Verfügung zu stellen, die den Menschen ein freieres, selbstbestimmteres, gerechteres, würdevolleres Leben und Zusammenleben ermöglichten? Keines. Im Gegenteil. Man ködert mit Spieltrieb, Unterhaltung, Zerstreuung, ein wenig Bequemlichkeit (die oft mit Abhängigkeit bezahlt wird) und zwingt dann Geräte und Gebrauchsweisen auf, teils direkt (etwa in der Arbeitswelt), teils indirekt (durch Moden und sozialen Druck). „Die Technik“ ist ein Herrschaftsmittel ― und zwar umso mehr, als sie „nicht mehr wegzudenken“ ist (wie die verräterische Phase lautet), also den Alltag bestimmt, fest in individuellen Praktiken verwurzelt ist und als Dispositiv funktioniert als unkritisch hinzunehmender sozialer, politischer, kultureller, ökonomischer Rahmen, der festlegt, was geschehen darf und was nicht, was denkbar ist und was undenkbar.
Gewiss dient die permanente technische Innovation auch dem Umsatz: Technik als Ware soll rasch veralten, um durch neue ersetzt werden zu müssen. Das betrifft Geräte, Programme und auch bloßes Aussehen. Alles wird so konstruiert, dass es nicht dauerhaft zu gebrauchen ist. Die nächste Ware wartet schon. Aber das ist nur die Zwischenphase vor dem nächsten Innovationsschub, der dann eine neue Art von technischem Gerät einführt, die man unbedingt haben, der man sich unbedingt unterwerfen muss.
Technische Entwicklungen werden als unvermeidlich hingestellt: das und das wird kommen, das und das muss kommen, und wir werden es alle haben wollen. Kritik kann demnach nur technikfeindlich sein, weltfremd, spinnert. „Die Technik“ macht alles besser, schöner, einfacher. Und wenn sie mal nicht funktioniert, was in Wahrheit mindestens so sehr ihr normaler Status ist wie das Funktionieren, sind das Störungen, die mit noch mehr Technik leicht zu beheben sind. Grundsätzliche Fragen nach dem Sinn immer neuer technischer Produkte, immer stärkerer Abhängigkeit und Entmündigung werden nicht gestellt. Damit sind sie aber eigentlich auch beantwortet …

Mittwoch, 11. März 2026

Übrigens (8)

Die Fähigleit der Leute, mir auf die Nerven zu gehen, ist schier unbegrenzt. Sie verfügen offensichtlich über ein unerschöpfliches Reservoir an schlechten Gewohnheiten und eine unerhörte Begabung für spontanes Fehlverhalten. Ihre Rücksichtslosigkeit, ihre Unbildung und ihre abstoßenden Vergnügungen sind legendär. Sie schweigen nur, wenn sie reden sollst, ansonsten schwatzen sie unentwegt. Rülpsen, schniefen, furzen, dass es nur so eine Art hat. Aber am übelsten ist es um ihr Denken bestellt, sofern man von einem solchen überhaupt sprechen kann. Je blöder ein Gedanke, desto sicherer wird er gedacht. Und geäußert.

Dienstag, 10. März 2026

Unterwegs (39)

Der von mir ungeliebte Frühling ― all diese Wärmlichkeit, dieses Sprießen, Blühen, Pollenverströmen ― hat zugegebenermaßen auch seine Vorzüge. Im Burggarten spielt auf dem Rasen ein junger Mann mit sich selbst Fußball. Nackter Oberkörper, lange schwarze Hosen, bloße Füße. Und was für ein Oberkörper! Ihn wohldefiniert zu nennen, wäre noch untertrieben, man muss sagen: von makelloser Schönheit. Narcissus redivivus.

Montag, 9. März 2026

Goethegasse

Ich wurde vor fast 60 Jahren in Baden bei Wien geboren und wohne hier fast fünfzig Jahre. Es gibt in dieser Stadt eine „Goethegasse“. Diese ist mir wohlvertraut, denn in seit meiner Kindheit gehörte sie zum Weg, der von unserem Haus in die Weingärten zwischen Baden und dem Nachbarort Pfaffstätten führt, ein oft gewählter Spazierweg auch noch in späteren Jahren. Zudem war „Goethegasse“ der Name der Station einer Buslinie, die zwischen Baden und Wien und Wien und Baden verkehrt. Unzählige Male stieg ich dort zwischen 1985 und 1986 aus und manchmal auch ein, der restliche Heimweg war dann kurz.
Nun habe ich nach all den jahren erst unlängst und nur durch Zufall erfahren, dass besagte Straße gar nicht, wie ich selbstverständlich immer angenommen hatte, nach dem Weimarer Dichterfürsten benannt ist, sondern nach einem entfernten Verwandten von ihm, Hermann Theodor Goethe, einem Fachmann für Weinbau, Obstkunde und Weinkunde, dem Gründungsdirektor der Weinbauschule in Marburg an der Drau und späteren Professor an der Hochschule für Bodenkultur zu Wien, 1837 geboren in Naumburg an der Saale und verstorben 1911 in Baden bei Wien. (Sein fünffacher Urgoßvater war Johann Wolfgangs Ururgroßvater.)
Hoppla. Ein gewiss verdienstvoller und achtenswerter Mann, dessen zu gedenken der Weinwirtschft und ihren Nutznießern vermutlich sehr wohl ansteht. Aber doch schlechterdings nicht „der“ Goethe, an den man denkt, wenn nur von Goethe die Rede ist. Ein bisschen seltsam ist diese Bennennung also schon: Während man sonst keine Scheu hat, bei der Benamsung von Verkehrsflächen Vor- und Nachnamen (und manchmal sogar den akademischen Grad) anzuwenden, war „Hermann-Goethe-Gasse“ wohl zu viel verlangt.
Was würde ich, weiterforschend, noch entdecken? Dass die Badner „Beethovengasse“ nach dem Radrennfahrer Klausjürgen Beethoven benannt ist, die „Mozartstraße“ nach der marzipanhaltigen Kugel und die „Rathausgasse“ nach dem Gebäude in Lübeck?
Lebenslanges Lernen. Ja, ja. Und im Grunde ist es ja auch wurscht. Goethe ist mir wurscht (der eine wie der andere). Übrigens hieß in Baden er Theaterplatz früher vorübergehend Adolf-Hitler-Platz. Nach wem auch immer …

Mittwoch, 4. März 2026

Kollektivschuld

Das dumme Wort gegen das Konzept der Kollektivschuld, wenn alle schuldig seien, sei es niemand (Hannah Arendt, verkennt das Wesentliche und verdeckt das Entscheidende: dass nämlich individuelle Schuld und kollektive Schuld einander nicht nur nicht ausschließen, sondern bedingen. Nur weil Individuen mit ihrem Tun und Lassen schuldig werden, gibt es die Schuld von Kollektiven; und weil Kollektive Strukturen ausbilden, die zum Schuldigwerden verführen, anleiten, zwingen, laden Individuen Schuld auf sich, die sie von sich aus gar nicht gewollt hätten.
Bei individueller Schuld kommt es ganz genau darauf an, was dieser oder jener getan oder nicht getan hat, jedes Detail zählt und bedeutet etwas, es gibt unterschiedliches Ausmaß, unterschiedliche Schwere der Schuld, man kann je nachdem verschiedene Entlastungen und Entschuldigungen vorbringen, es kann Trotz oder Reue, Umkehr oder Versteifung, Sühne oder Gleichgültigkeit geben.
Kollektive Schuld ist anderer Art. Sie ergibt sich nicht einfach aus der Summe einzelner Taten, individueller Verfehlungen und böser Absichten. Bei ihr geht es um die Wirkungen von gemeinschaftlichen Verhaltensmustern, um Sitten und Gebräuche, um die Großen Erzählungen, die das kollektive Selbstverständnis bestimmen, um die geschichtliche Lage und das eingeübte Verhältnis zu anderen Kollektiven. Und es geht um Institutionen, Regeln, Normen, die dem Individuum auferlegt werden, ob es will oder nicht, denen es sich unter Umständen auch dann beugen muss, wenn es nicht damit einverstanden ist.
Nur individuelle Schuld gelten zu lassen, aber keine kollektive, privatisiert das Schuldigwerden, entsozialisiert, entpolitisiert und enthistorisiert es und verkleinert so Schuld auf das Einzelnen Mögliche, also auf im Ganzen meist ganz unbedeutende Taten, die ― außer bei einigen wenigen ― so monströs dann gar nicht zu sein scheinen, wie es der Monstrosität der Ereignisse entspräche. Täter, Tat und Schuld werden banalisiert und das Gewaltige gerät aus dem Blick. Geschichte hört dann auf, ethisch bewertet werden zu können. Politik liegt dann außerhalb der Moral.
Erst das kollektive Zusammenwirken aber, die Vielfältigkeit (und sogar Widersprüchlichkeit) der Beteiligungen, das sozusagen anonyme Funktionieren der kleinen Rädchen, das sich nur im Überblick als Riesenmaschine mit Richtung, Ziel und Auswirkung darstellt, erst das Verständnis für Überindividuelle also ermöglicht das Erkennen einer Schuld, die menschliches Maß übersteigt.
Denn wenn selbst sich dieses oder jenes Individuum wenig zu schulden kommen lässt, kann sein für sich genommen vielleicht nicht zu beanstandendes oder doch verständliches Handeln, nicht zuletzt aber auch sein Wegschauen, sein Leugnen, seine Ausflüchte und sogar sein Widerstand zu bösem Tun beitragen.
Um ein Beispiel zu geben. Der Überfall auf Polen war der Beginn des Zweiten Weltkrieges. Sollen man sagen: Hitler war schuld? Das war er gewiss, aber er als Individuum gab keinen Schuss ab und marschierte nirgendwo ein. Er gab Befehle. Aber wer hat gehorcht? Soll man die Namen der planenden und kommandierenden Offiziere nennen, waren sie die Schuldigen? Oder die marschierenden, Panzer fahrenden, schießenden Soldaten? Soll man sagen, Müller, Meyer, Schulze usw. waren die Schuldigen? Offensichtlich genügt das nicht. Um das historische Ereignis des Überfalls auf Polen zu begreifen, muss man sagen: Deutschland hat Polen überfallen. Und weil nicht Länder handeln, sondern Menschen: Die Deutschen haben die Polen überfallen. Das verallgemeinert und lässt möglicherweise außer Acht, was Einzelne taten oder unterließen, wofür oder wogegen sie waren. Aber keine noch so genaue (ja sogar: gerade eine jede Einzelheit erfassende) Aufzählung ergäbe keinen Begriff der Wirklichkeit und verwiese das Ereignis in die Nichtigkeit eines Durcheinanders.
Erst der Begriff der Kollektivschuld erlaubt es also, Geschichtliches zu erklären und die Schuldfrage nicht nur individuell, sondern auch politisch zu klären.

Montag, 2. März 2026

Samstag, 28. Februar 2026

Stand der Dinge (6)

Ich gebe zu, ich will von alledem möglichst nichts wissen. So wenig, wie überhaupt geht. Man entkommt dem zwar trotzdem nicht, aber man muss sich ihm ja nicht auch noch zuwenden. Das Schreckliche wird nicht weniger schrecklich, wenn man darüber ins Bild gesetzt wird. Wenn man sich dem Gerede derer aussetzt, die auch nicht mehr zu sagen wissen, als dass das Schreckliche schrecklich ist, aber die sehr froh sind, darüber reden zu dürfen. Viel reden zu dürfen. Das Schreckliche wird nicht weniger schrecklich, aber es wird banalisiert. In gewohnte Formate eingefügt. Das ist ein Schreckliches zweiter Art, das vielleicht das Schreckliche erster Art irgendwie erträglich und konsumierbar machen soll, aber gerade das will ich nicht und kann ich nicht. Das Schreckliche ist unerträglich und soll es bleiben müssen. All das Gerede ist schlimmer als Nichtstun. Zumal man wirklich nichts tun kann. Ja, man könnte protestieren. Weil das die Machthaber dieser Welt immer sehr beeindruckt. Sie sind ja bekannt dafür, zugänglich zu sein für rationale Argumente und moralische Einwände. Proteste rütteln selbstverständlich auch die Massen auf, die schweigende Mehrheit. Auch die ist ja bekannt dafür, zugänglich zu sein für rationale Argumente und moralische Einwände. Sogleich geht sie dann nach den Protesten zur Aktion über und beendet die Missstände. Aber nein, auch Spott ist keine Hilfe. Wer protestieren mag, soll es tun, wenn er sich dann besser fühlt. Ich will mich gar nicht besser fühlen. Aber auch nicht noch schlechter durch das Aufbereiten all der Einzelheiten. Mir genügt es zu wissen, dass Schreckliches geschieht, ungeheures Leid, ungeheures Unrecht, und dass ich dagegen bin. So nutzlos das ist. So nutzlos es ist, dagegen anzuschreiben und angeschrieben zu haben. Du kannst ein Leben lang sagen, was alles nicht stimmt, und kannst sogar Vorschläge machen, was zu tun wäre, um es besser zu machen. Aber wenn die Leute nicht wollen, dann kannst du nichts machen. Lasst mich in Ruhe damit.

Mittwoch, 25. Februar 2026

Notiz über das Geschlechterverhältnis

„Der männliche Blick ruht auf der Frau.“ So stellt sich Klein-Erna (jeglichen Geschlechts) das vor. Jeder Mann ist vom Begehren von Frauen bis oben hin angefüllt. Die armen Frauen aber wollen gar nicht Schauobjekte sein, sie brezeln sich bloß so auf, nur für sich selbst, weshalb sie all den Aufwand der Kosmetik, Kleidung, Körperformung in der Öffentlichkeit am liebsten unter ein Burka verborgen hielten. Denn Frauen möchten eigentlich für ihre intellektuellen, moralischen, technischen Kompetenzen anerkannt werden. Bloß, die dummen Männer, die besser schauen als denken können, die reduzieren Frauen immer auf ihr Aussehen, so dass sie statt über Spinoza und Sartre, Nockenwellen und Doppelflanschrotatoren, Rote Zwerge und Parallaxensekunden zu reden, Schminktipps geben und Aperol Sprizz saufen müssen. Mit der Peitsche werden Frauen schon als Bädchen (nach der Ballerina- und Prinzessin-Phase) dazu getrieben, lieber Influencerin, Model oder Nagellackentfernerin werden zu wollen als Bauarbeiterin, Zerspanungsmechanikerin oder Totengräberin.
(26. Mai 2023; leicht überarbeitet)

Montag, 23. Februar 2026

Glosse CXLIII

Tscheopspyramide. (So im Tefau gehört.) Damit ist jetzt hoffentlich der Gipfel der Verblödung und somit Tiefpunkt der Bildung erreicht.

Donnerstag, 19. Februar 2026

Notiz über Technikkonsum

Als es erfunden worden war und auf den Markt kam, brauchte kein Mensch so ein Ding. Wer es sich anschaffte, hatte einfach ein neues Spielzeug. Und zeigte, dass er „für Neues offen“ war, also bereit sich, den Konsumwünschen, die ihm nahegelegt wurden, zu unterwerfen. Dann aber verbreitete sich der Besitz des Dings, zu Zeiten geradezu explosiv, und schließlich wurde es allgemein. Fast jeder besaß eines oder mehrere. Wer dann nicht „wie alle“ eines besaß, war ausgeschlossen und galt als minderbemittelt. Als schließlich unübersehbar wurde, welche Nachteile der Gebrauch des Dings für alle hatte, hieß es: Es geht nicht mehr ohne.
Für „Ding“ kann man in dieser Geschichte, die immer mehr oder minder gleich zu verlaufen scheint, verschiedenes einsetzen; das Automobil oder das Mobiltelephon, den Kühlschrank oder die Klimaanlage. Immer geht es um Konsumterror, beschränkten nutzen und erhebliche ökologische, kulturelle und seelische Kosten
(24. März 2023; überarbeitet) 

Mittwoch, 18. Februar 2026

Über Vulgärevolutionismus

„Der Daumen ist evolutionär zum Greifen gedacht.“ Von wem?, möchte man fragen. Sätze wie dieser, von denen sich unzählige irgendwo aufschnappen lassen, zeigen, wie die Evolutionshypothese, die zum wissenschaftlichen Standardmodell geworden ist, zugleich als Mythosersatz und Ersatzmythos funktioniert. Selbst wenn man, warum eigentlich?, die wissenschaftliche Darstellung dessen, was Evolution gewesen sein soll, vom populären Glauben daran unterscheiden möchte, kann man die Wissenschaftler mit ihrem Drang, ihre annahmen zu popularisieren und als Fakten hinzustellen, nicht davon freisprechen, dem mythischen Denken damit Vorschub geleistet zu haben. Eine Evolutionshypothese ist das eine, der Evolutionismus, der jeden Widerspruch diskreditierende Glaube an das Zutreffen der Hypothese, ist etwas anderes und verbindet sich, angesichts unterschiedlicher Bildungskompetenzen und Reflexionsgewohnheiten, geradezu zwangsläufig mit völlig unwissenschaftlichen (also mit wissenschaftlichen Mitteln nicht zu rechtfertigenden) Vorstellungen. Das ergibt einen Vulgärevolutionismus, und der steht dem vernünftigen Denken im Wege.
Die sehr verbreiteten Vorstellungen, „die Natur“ oder „das Universum“ oder eben „die Evolution“ steuere einen zielgerichteten Prozess, der dafür sorgt, das Lebewesen so sind, wie sie sind, und sich so verhalten, wie sie sich verhalten, ist völliger Blödsinn. Im Grunde werden hier Modelle aus den Religionen auf naturkundliche Zusammenhänge übertragen. Wer heute noch sagte: „Der liebe Gott hat dem Menschen zwei Daumen gegeben, damit er greifen kann“, machte sich vermutlich lächerlich. Wer aber sagt: „Die Natur / die Evolution hat dafür gesorgt“ usw., wird durchaus Verständnis und Zustimmung finden.
Aber gibt es eine Entität, die man „die Natur“ oder „das Universum“ oder „die Evolution“ nennen kann? Ist diese Entität mit der Fähigkeit zur Planung, zur Zielsetzung, zur Durchsetzung von bestimmten Vorhaben (und zur Verwerfung anderer) ausgestattet? Nein. Das sind mythische Vorstellungen. Ihnen entspricht nichts in der Realität. Zumindest nicht in der wissenschaftlich erforschbaren.
Die Evolutionshypothese besagt, einfach formuliert, dass Exemplare einer Spezies durch zufällige Mutationen (Veränderungen ihres Erbgutes) ihren Umweltbedingungen besser angepasst sind als andere und sich in der Folge auch erfolgreicher fortpflanzen können. Von einer Entwicklung (einem „Evolutionsprozess“) kann nur rein deskripitiv die Rede sein („es war so“), nicht normativ („es sollte so kommen“). Es gibt keine „Höherentwicklung“, weil es zwar ein Kriterium, die Anpassung als Fortpflanzungsbedingung, aber ansonsten nur Zufälle gibt. Es ist möglich und soll vorgekommen sein, dass keine der Mutationen zur einer gelingenden Anpassung an veränderte Umweltbedingungen führt und eine Spezies ausstirbt. Denkbar wäre sogar, dass zufällig keine Spezies sich ausreichend anpasst und sämtliche Lebewesen irgendwann aussterben. (Auch wenn das wegen der Fülle der Spezies und mutatorischen Möglichkeiten unwahrscheinlich ist; auch ändern sich Umweltbedingung selten radikal ― es sei denn, der Mensch greift ein.)
Man kann also sinnvollerweise nur sagen: Zufällig hat der Mensch Daumen und das hat für ihn den und den Vorteil. Keineswegs aber: Weil Daumen vorteilhaft sind, hat der Mensch welche. Welche Instanz hätte diesen Vorteil vorhergesehen und die Ausbildung von Daumen herbeigeführt?
Um Grunde wird mit der Einführung von Teleologie und Intention in die Annahme eines ansonsten zufälligen Prozesses, die Evolutionstheorie ad absurdum geführt. Sie wurde ja gerade aufgestellt, um die Verschiedenheit (und Veränderlichkeit) der Arten mit rein naturwissenschaftlichen Mitteln erklären zu können, ohne also einen übernatürlichen Schöpfer und Erhalter postulieren zu müssen.
Indem nun aber „die Evolution“, „die Natur“, „das Universum“ (in moralisher Hinsicht. „das Karma“) zu einer Quasiperson stilisiert wird, die dieses will und jenes sorgt, die Absichten hat, Zwecke verfolgt, Ziele erreicht usw., indem also ein wissenschaftlich als rein zufälliges zu beschreibendes Geschehen wie ein Gottesersatz oder Ersatzgott behandelt wird, zeigt sich, dass der Evolutionismus zwar als Ideologie (die Ideen als Fakten andient) sehr erfolgreich war, das aber nur um den Preis, dass sein atheistisch-säkularistisches Gegenprojekt zum Schöpfungsglauben bei vielen seiner Anhänger doch nur als Variante einer Mythologie aufgefasst wird.
Soll man daraus schließen, dass die Menschen Sehnsucht nach einer sinnvoll geordneten, auf zunehmendes Gutsein ausgerichteten Welt haben? Dass sie zwar bereit sind, einen konkreten Gott zu leugnen oder zu Ignorieren, aber seine stelle mit diffusen Konzepten besetzen müssen, weil sie ein bloß kontingentes Universum nicht ertragen? Vermutlich.
Es geht übrigens gar nicht darum, ob die Evolutionshypothese zutreffend ist oder nicht. Es geht darum, Hypothese und Faktizität auseinanderzuhalten und kritisch zu betrachten, welche Funktionen welche Annahmen (egal, ob richtig oder falsch) und Welche Tatsachenbehauptungen (ebenso) im Denken, Fühlen und Handeln der Menschen und in ihrem Zusammenleben haben. Der Darwinismus war eine Projektion der kapitalistischen Verhältnisse des viktorianischen Zeitalters auf das „Reich der Natur“. (Weshalb der Ausdruck „Sozialdarwinismus“ ein Pleonasmus ist.) Moralfreies Profitstreben und dessen Belohnung mit politischer, ökonomischer, kultureller Macht und entsprechendem Ansehen erschienen so als Anpassungsleistung (Anpassungszufall) und Überleben des Stärkeren (stärker Angepassten). Ausbeutung und Konformismus erhielten eine „naturwissenschaftliche“ Begründung. Der Erfolgreichere war gegenüber dem Versager im Recht. So amalgamierten Calvinismus und Szientismus. Kolonialismen und Rassismen aller Art konnten religiöse und ethische Bedenken endgültig beiseite wischen.
Indem nun der Vulgärevolutionismus den herkömmlichen persönlichen Gott, der etwas will und fordert und daraus Konsequenzen zieht, durch unpersönliche Mächte ersetzt, die zwar Teleologien verfolgen, aber im Grunde keine ethische Forderungen erheben (das vielbeschworene „Karma“ ist ja bloß ein abstraktes Vergeltungsprinzip: Auge um Auge), entmoralisierter und verunmenschlicht er weiter die menschlichen Verhältnisse und verweigerte sich den Begriffen Sünde, Reue, Vergebung und Erlösung. 

Mittwoch, 11. Februar 2026

Bezahlbaren Wohnraum schaffen?

Die Rede vom „bezahlbaren Wohnraum“ (von dem es zu wenig gebe und von dem es mehr geben solle) ist blanker Unsinn. Alles Wohnen ist bezahlbar. Wenn man denn genug Geld hat. Was also eigentlich gemeint ist: Der Anteil am Einkommen, den die Menschen fürs Wohnen aufwenden müssen, ist zu hoch. Das mag schon stimmen, wie immer man das auch genau berechnen will. (Und wie definiert man „zu“ hoch?) Jedenfalls hat die Sache also offenkundig zwei Seiten: hohe Kosten und dafür zu geringe Einkommen.
Die Höhe der Mieten bestimmen, im Rahmen der Gesetze, die Vermieter. Die wären schön blöd, wenn sie weniger verlangten, als sie bekommen können. Und sie werden bestimmt auch nicht mehr verlangen, als doch noch irgendjemand zu zahlen bereit ist. Das wäre auch blöd, denn vermietbare Wohnungen, die keiner mietet, sind auf Dauer ein Verlustgeschäft. Also regeln, wenn es so einfach ist, wohl tatsächlich Angebot und Nachfrage die Miethöhen. Außer die öffentliche Hand greift ein. Durch Deckelung der Mietpreise und Nötigung zum anteiligen Bau billiger Wohnungen. Das stellt eine Art von sanfter Enteignung dar, einen Eingriff ins Recht, das, was einem gehört, zu jedem beliebigen Preis zu verkaufen oder eben zu vermieten. Wie man das begründen will, ist schwer zu sagen, denn die Käufer und Mieter sind ja nicht gezwungen, die verlangten Preise zu bezahlen. Oder eben schon, scheint man sagen zu wollen, irgendwo müssen sie ja wohnen. Aber das tun sie doch jetzt schon, könnte man dagegenhalten, es sind ja keineswegs alles Obdachlose, die da massenhaft nach günstigem Wohnraum verlangen.
Andererseits also der zu hohe Anteil der Wohnkosten am Einkommen. Da könnte man nun auf die Idee kommen, dass man dann, um „Wohnraum bezahlbar“ zu machen, die Einkommen erhöhen müsste. Was so generell etwas schwierig ist, weil die verschiedenen Berufsgruppen mit getrennten Verträgen gegeneinander ausgespielt werden, und ein Generalstreik zur Anhebung aller Löhne und Gehälter auf ein Niveau, bei dem der durchschnittliche Wohnaufwand einen bestimmten Anteil nicht übersteigt nicht in Sicht ist.
Die Lösung? Ein bisschen fördern, ein bisschen fordern. Sogenannte sozial Schwache sollen ― nicht etwa besseres Einkommen, sondern ― billigere Wohnungen (und allenfalls Zuschüsse) bekommen, die Wohnungsindustrie diese (vorübergehend) zur Verfügung stellen müssen. Die Besserverdiener sollen günstige Kredite bekommen und bauen lassen. Mit anderen Worten: Alles bleibt, wie es ist, man verteilt nur Almosen und knapst ein bisschen bei denen ab, die ohnehin keiner leiden kann, bei den Vermietern und Baukonzernen.
Manche meinen freilich, man müsste große Vermietungsgesellschaften überhaupt enteignen. Womit vermutlich Verstaatlichung gemeint ist. Der gute Vater Sozialstaat soll Millionen oder Milliarden springen lassen, um die vom Markt, den er sonst schützt und hegt und pflegt, eher Benachteiligten irgendwo günstig unterzubringen. Das hieße: Alle zahlen mit Steuern und Abgaben dafür, dass Einkommensschwache anständig wohnen können. Aber warum das nur beim Wohnen so halten, nicht auch bei Essen, Kleidung und dem Erwerb und Betrieb von Unterhaltungselektronik? (Die Urlaubsindustrie wird ja schließlich auch mit Steuergeld gesponsert.) Warum nicht gleich überall dort, wo es für ein gutes Leben nicht reicht, alles vom Staat liefern lassen? Was man naturgemäß irgendwie finanzieren müsste. Da wissen einige Rat: Die Reichen mehr besteuern!
Manche träumen vermutlich ohnehin von entschädigungsloser Enteignung. Von so ein bisschen revolutionärem Wohnsozialismus mit Kapitalismus drumherum sozusagen. Wer das durchsetzen und wie das ohne Gewalt gehen soll, weiß der Teufel.
Es stimmt: Es ist genug Geld da. Aber blöderweise gehört es immer schon jemandem. Dem müsste man also etwas davon wegnehmen. Das geschieht ja bereits: Der Unterschied von Steuern, Enteignung und Verstaatlichung von allem und jedem ist nur graduell. Eine Frage vom Mäßigung oder Umsturz.
Allerdings gibt es mit beiden Polen längst gewisse Erfahrungen: Reiner Kapitalismus ohne wohlfahrtstaatliche Abmilderung führt zu Massenelend. Totaler Etatismus führt zu Massenelend, Bildung neuer herrschender Funktionärsklassen und politischem Terror.
Es hilft nichts: Will man das Problem von Einkommen und Lebenshaltungskosten (zu denen die Kosten fürs Wohnen gehören) grundsätzlich und auf Dauer lösen, kommt man mit Kosmetik oder Ressentiment, mit ein bisschen Fürsorge und ein bisschen Zwang nicht weiter. Das passt nur die Probleme dem prinzipiellen Status quo an. Statt eines verbesserten Weiterso wäre aber ein anderes, gerechteres, freieres, anständigeres Zusammenleben nötig. Dessen Formen müssen wohl erst erfunden und ausprobiert werden. Bis sich rücksichtsloses Profitstreben für niemanden mehr rechnet. Dass bestimmte Wirtschaftsbereiche wie etwa das Wohnen innerhalb des Kapitalismus dessen Logik entzogen werden können, ist unwahrscheinlich.
Wenn also die Forderung „Bezahlbaren Wohnraum schaffen!“ bedeutet, innerhalb eines schlechten Systems weiterzuwursteln, Benachteiligungen aufrechtzuerhalten, aber abzumildern, um Unmut zu dämpfen, und die grundsätzliche Frage Wie gerecht und vernünftig ist Wohnen und Eigentum überhaupt? nicht einmal ansatzweise zu stellen, dann bin ich dagegen.
(Juli/August 2024) 

Montag, 9. Februar 2026

Stand der Dinge (5)

„Wir können uns unseren Sozialstaat bald nicht mehr leisten“, lautet das allgegenwärtige Mantra. So viel ist immerhin richtig: Der Masse der Leute etwas wegzunehmen, um es manchen von ihnen als Almosen zurückzugeben, ist tatsächlich kein sonderlich zukunftsfähiges Vorgehen. Was aber kann sich eine Gesellschaft (oder deren Staat) leisten oder nicht und woran misst man das? Wenn die Reichen immer Reicher werden, dann kann es ja wohl nicht sein, dass nicht genug Geld da wäre. Da findet lediglich eine Umverteilung (durch Eigentumsverhältnisse und Begünstigungen) längst statt, ehe es zur Umverteilung (durch Transferleistungen) kommt.  
Das Geld ist da, Wohlstand für alle ist möglich. Man müsste nur aufhören, Unrecht durch Gesetze zu schützen, und müsste endlich den Kapitalismus durch vernünftiges Wirtschaften ersetzen. 

Stand der Dinge (4)

Dem letzten „ZDF Politbarimeter“ zu Folge sind drei Viertel der Befragten nicht der Meinung, in der BRD werde zu wenig gearbeitet. Zudem befürworteten 60 Prozent ein Land mit „hohen Steuern und umfangreichen Sozialleistungen“ und nur 27 Prozent eines „niedrigen Steuern und geringen Sozialleistungen.
Irgendwas machen die Parteien, die gewählt werden wollen, offensichtlich falsch. Die CDU regiert und konzipiert hartnäckig gegen die Mehrheit der Leute an, die SPD (oder die „Linke“) schafft es nicht, glaubwürdig zu vermitteln, dass sie dem Mehrheitswillen im Zweifelsfall entspräche.
Anscheinend ist Rassismus („wenig Zuwanderung“) das einzige, worin Berufspolitiker und Volksempfinden überein kommen. 

Montag, 2. Februar 2026

Mitteilung

Den halbgebildeten Tefaukrimikritikern, die homo homini lupus auf Hobbes zurückführen, sei mitgeteilt, dass die Formulierung in Wahrheit auf Plautus zurückgeht, der fast neunzehn Jahrhunderte vor Hobbes lebte.

Stand der Dinge (3)

„Steuern senken und Sozialleistungen kürzen!“ In meine Ausdrucksweise übersetzt: Die Reichen reicher und die Armen ärmer machen. Es wundert mich, dass den neoliberalen Arschlöchern ihre ewig gleichen Forderungen nicht langweilig werden. Noch mehr aber wundert es mich, dass es Leute gibt, die dumm oder böswillig genug sind, um derlei zuzustimmen und um Parteien, die es umzusetzen versprechen, auch noch zu wählen.
Soll man sich vorstellen, dass da Menschen, denen es eigentlich ganz gut geht, damit ihre Abstiegsängste bekämpfen und ihre Aufstiegshoffnungen stimulieren wollen? Was hat jemand mit gutem Einkommen davon, wenn jemand anderem (ihm selbst ja bloß nicht!) die Sozialleistungen gekürzt werden? Keinen Cent, weder jetzt noch je. Allenfalls die Befriedigung, dass jemand, der angeblich zu faul zum Arbeiten ist, bestraft wird. Was freilich, außer in Kazetts und Gulags, noch nie jemanden motiviert hat, zum „Leistungsträger“ zu werden.
Die Angehörigen der Mittelschicht, die den Lakaien der Reichen und ihrem sehnlichen Wunsch nach Sozialabbau zustimmen, täuschen sich gewaltig: Von den Krümeln, die da abgezwackt werden, wird ihr Anteil am Kuchen nicht größer. Wenn der Kuchen wächst, bekommen die Reichen mehr davon. Wenn er schrumpft, ebenfalls.
Nur ein vernünftig organisiertes Zusammenleben, in dem es für alle reicht, jeder genug hat und es allen gut geht, ist eine tragfähige Grundlage für die Verteilung von Mehrwert nach beitragender Leistung.
Es stimmt, was verteilt werden soll, muss erst erwirtschaftet werden. Warum aber erwirtschaften im herrschenden System viele so viel, was an nur wenige verteilt wird? Nämlich an genau die, die längst mehr als genug haben? (An die Unbedürftigen also, statt an die Bedürftigen.) Denn ungerechte Eigentumsverhältnisse sind auch eine (vorausgesetzte) „Umverteilung“.
 Warum erwirtschaften also stattdessen nicht alle alles für alle? Zweck des Wirtschaftens ist Bedürfnisbefriedigung. Nicht freilich des Bedürfnisses nach Übernmaß, Verschwendung und Macht. Sondern zunächst und vor allem der einfachen Bedürfnisse, die bei jedem mehr oder minder die gleichen sind. Wenn das Ziel der Wirtschaftsweise nicht grundsätzliche Gleichheit (mit einer allenfalls darauf aufbauenden Belohnung von Verdiensten) ist, sondern zerstörerisches Unrecht ist, ist der Sozialstaat nur eine Art von Feuerpause im wirtschaftlichen Bürgerkrieg aller gegen jeden.

Unterwegs (38)

Vor sechs Jahren war ich im Februar in Venedig. Noch vor Karnevalsbeginn reiste ich ab. Aber schon in den Tagen davor stieß ich immer wieder auf Stellen in der Stadt, wo morgens der Gehweg mit Konfetti bedeckt war. Ich hatte Gefallen daran, mir vorzustellen, dass da nachts kleine Gemeinschaften von Einheimischen schon mal ein bisschen vorfeierten, bevor Touristen und professionelle Karnevalisten mit Gedränge und Getue alles unerträglich machen würden.

Freitag, 30. Januar 2026

Übrigens (7)

Ich bin recht dankbar dafür, dass Verlage oft sogenannte Leseproben zur Verfügung stellen. Denn ab und zu lese ich irrgendwo etwas über einen Roman, meist eine Rezension, und denke mir, wenn dort gelobt wird: Wie schlimm ist es wirklich? Eine Leseprobe erlaubt mir dann, mit eigenen Augen zu sehen, wie es um den Text steht. Das ist naturgemäß nur ein kleiner, fast zufälliger Eindruck (die Leseproben sind ja fast immer bloß die ersten Seiten eines Buches), also nur eine unmethodische Stichprobe. Und darum nur in dem Maße aussagekräftig. Wenn mir aber schon im ersten Absatz Tempusfehler, falsche Konjunktive, ungelenke Wortwahl und stilistische Affigkeit entgegentreten, reicht mir das. Ich bin kein Literaturkritiker. Ich muss nicht alles lesen, was man so liest. Ich darf mich entscheiden. Und ich entscheide mich dagegen. 
Dabei ist so eine Leseprobe sozusagen nur ein weiterer Beleg. Ich habe gelernt, schon anhand einer Rezension zu ahnen, ach was, zu wissen, wie schlecht die Prosa ist, die da angepriesen wird. Ich darf mich zum Glück darauf verlassen, dass der Geschmack meiner Zeitgenossen zielsicher meinem entgegengesetzt ist. Je übler der Dreck, desto erfolgreicher. Erst die Jubelrezensionen, dann die Umsatzzahlen, dann die Buchpreise. Untrüglich Indizien des Minderwertigen. Auch dafür bin ich dankbar.

Dienstag, 27. Januar 2026

Stand der Dinge (2)

Ja, protestiert nur in großer Zahl Das wird Trump und die Seien sicher beeindrucken und umstimmen. Das sind ja alles hochanständige Leute, die vernünftigen Argumenten immer zugänglich sind. Besonders, wenn sie von besorgten Bürgern kommen.
Gewalt ist keine Lösung. Aber friedlicher Protest wird auch keiner sein. Was also tun? Dass ich auch nicht weiß, was die Lösung wäre, heißt nicht, dass es eine gibt.
Das Regime arbeitet zweifellos auf Destabilisierung hin. Am liebsten wohl bis zu dem Punkt, an dem es heißt: Na, unter solchen Umständen sind natürlich keine Wahlen möglich. (Besonders in Staaten mit Hegemonie des politischen Gegners).
Das wird die nicht freuen, die glauben, das Problem ließe sich durch Wahlen lösen. Dabei haben doch Wahlen überhaupt erst das Problem geschaffen. Wenn die Mehrheit einer Wahlbevölkerung faschistisch ist, kommt bei Wahlen eben ein Mandat für ein faschistisches Regime heraus.
Soll man etwa Demokratie einschränken, um sie vor sich selbst zu schützen? Einschränkung der Demokratie, gerade das ist es doch, was die Autoritären wollen.
Was also tun? Verzweifeln? Abwarten? Ignorieren?

Samstag, 24. Januar 2026

Oxfam mal wieder

Ich mag diese Mitteilungen von Oxfam Erst neulich wurde bekannt gegeben, seit 2020 habe das Vernögen der Milliardäre um 80 Prozent zugelegt. Solche Zahlen kann und will ich nicht überprüfen. Ich möchte sie gern glauben. Sie werden schon stimmen. Sie bestätigen mich. Sie beziffern die Verhältnisse, die ich kritisiere und verwerfe. Ich sage dann gern: Na bitte, der Kapitalismus funktioniert. Die Reichen werden reicher, die Superreichen noch superreicher. Die Mittelschichten halten still (oder treten nach unten und buckeln nach oben). Die Armen können sowieso nichts machen. (Ihnen fehlen die Mittel, das definiert sie. Sie könnten nur ihre Leiber selbst in eine Schlacht werfen. Worauf die Mächtigen mit der Gewalt der Maschinen reagierten.)
So ein bisschen Bestätigung tut gut, auch wenn das, was bestätigt wird, also eine schlechte Meinung über schlechte Zustände und schlechte Aussichten, nichts Gutes ist.
Jahrein, jahraus rede und schreibe ich gegen das Böse an, gegen den Staat, gegen die Weltwirtschaftsunordnung, gegen Krieg und Elend, gegen das globale System der Ausbeutung, Zerstörung, Unterdrückung und Verdummung. Man hört nicht auf mich. Man widerspricht mir nicht einmal, sondern ignoriert mich und macht genau das weiter, wovor ich warne und was ich als verantwortungslos, bescheuert und destruktiv anprangere. 
Da kommen mir Zahlen wie die von Oxfam ganz gelegen. Sie könnten auch anders sein.  70 Prozent oder 90 Vermögenszuwachs bei Milliardären. Was liegt daran. Wichtig ist: Es steht schlimm und wird immer noch schlimmer. Alle machen mit. Die ganz wenigen, die nicht mitmachen, erreichen fast nichts.
Das es so nicht weitergehen kann, wenn nicht alle draufgehen sollen, ist offensichtlich. Mit Händen zu greifen. Jeder Optimismus, der auf Rationalität und Technologie setzt, ist absurd. Was uns in die Scheiße reitet, zieht den Karren nicht aus dem Dreck. Es geht nicht um technische Probleme. Es geht um Moral. Also um Politik.
Wichtig wären Einsicht, Empörung, Bruch, Entwickung von praktischen Alternativen. Es darf nicht so weitergehen. Und weil es trotzdem so weitergeht, braucht es Kraft, Haltung zu bewahren. Darum bin ich dankbar, wenn Zahlen wie die von Oxfam mich bestätigen und meine Einschätzung bekräftigen.