Mittwoch, 15. September 2021

Schriftstellerischer Zufall

Das muss ich Ihnen noch erzählen: Sie kennen doch bestimmt Hermann Kestens berühmtes Buch „Dichter im Café“? Ich kenne es auch, das heißt: ich weiß seit Jahrzehnten, dass es existiert, habe es aber, aus Gründen, die mir unbekannt sind, in all der Zeit nie in Händen gehabt. Letztens wurde es in einem anderen Buch erwähnt, ich horchte auf, bestellte es mir, es wurde vorgestern geliefert. Als ich es nun gestern zu lesen begann, bekam ich schon bei Seite 14 einen tränenreichen Lachanfall. Denn dort beschreibt Kesten, wie er in Rom an der Piazza del popolo im „Rosati“ sitzt, hinüber aufs „Canova“ und über den Platz schaut. Genau diese Szene kommt (ohne Kesten, versteht sich) zweimal in dem Roman vor, an dem ich in den letzten Jahren schreibe! Ich finde das wunderbar. Was für ein erstaunlicher Zufall! Denn ein Zufall ist es, etwas, das mir (und, wenn ich das so sehen darf, Kesten) zustößt: Ich habe nicht abgeschrieben oder auch nur auf Gelesenes angespielt, und doch … ― Man ist eben immer weniger originell, als man meint, selbst wenn man aus persönlicher Erfahrung und den Tiefen des Unterbewusstseins schöpft.

Dienstag, 14. September 2021

Unbedingt wählen gehen!

Geht bitte unbedingt wählen, weil ihr der Souverän seid, jede Stimme zählt und Wahlen etwas verändern können.
Geht bitte unbedingt wählen, weil man das so macht.
Geht bitte unbedingt wählen, weil es sich so gehört.
Geht bitte unbedingt wählen, weil Dagegensein einfach, aber Dafürsein eine echte Herausforderung ist, wie man an den Lemmingen sieht.
Geht bitte unbedingt wählen, weil doch es schließlich ein relevanter ein Unterschied ist, ob hinterher Hinz oder Kunz regiert.
Geht bitte unbedingt wählen, weil sich die Programme der Parteien unterscheiden wie Tag und Nacht.
Geht bitte unbedingt wählen, weil nach der Wahl genau das gemacht werden wird, was vorher versprochen wurde.
Geht bitte unbedingt wählen, weil eine einzelne Stimme unter Millionen von Stimmen den Ausschlag geben wird.
Geht bitte unbedingt wählen, weil es sonst jemand anderer macht, dessen Stimme besser nicht zählen sollte, der kein Demokrat ist und eigentlich gar nicht zum Souverän gehören dürfte.
Geht bitte unbedingt wählen, weil es besser ist, weiß zu wählen, als gar nicht zu wählen.
Geht bitte unbedingt wählen, weil Demokratie diejenige Regierungsform ist, bei der die Regierten dem Regiertwerden gefälligst zustimmen müssen.
Geht bitte unbedingt wählen, weil sonst der Eindruck entstehen könnte, dass ihr etwas Grundsätzliches gegen das System einzuwenden habt ― und das kann ja keiner wollen.
Geht bitte unbedingt wählen, weil Nachdenken und Kritik nichts bringen und nur stören.
Geht bitte unbedingt wählen, weil Nichtwähler doof sind.
Geht bitte unbedingt wählen, weil Nichtwähler rechts sind und die Juden vergasen wollen.
Geht bitte unbedingt wählen, weil Nichtwähler linksradikale, unreife, weltfremde Spinner sind.
Geht bitte unbedingt wählen, weil Widersetzlichkeit nicht erwünscht ist und die Wünsche der Mächtigen doch erfüllt werden müssen. 
Geht bitte unbedingt wählen, weil sich, wer gewählt hat, hinterher nicht beschweren kann, weil er ja dem Verfahren und dessen möglichen Ergebnissen im Voraus zugestimmt hat.
Geht bitte unbedingt wählen, weil ihr euch auf diese Weise zu diesem Staat bekennen könnte, der es wie jeder Staat zur Aufgabe hat, die Reichen reicher werden zu lassen und die Übrigen in Schach zu halten.
Geht bitte unbedingt wählen, weil ihr euch so zu konformistischen Komplizen der Weltwirtschaftsordnung macht, die Ausbeutung, Umweltzerstörung und Verblödung bewirkt.
Geht bitte unbedingt wählen, weil Wahlen und Abstimmungen als rein symbolische Akte der Zustimmung zum System wichtiger sind als echte Demokratie, die in kooperativen Weisen des Zusammenlebens verwirklicht würde, bei denen jeder an den Entscheidungen über alles, was ihn angeht, beteiligt wäre.  
Geht bitte unbedingt wählen, weil ihr brave Staatsbürgerinnen und Staatsbürger seid.
Geht bitte unbedingt wählen, weil’s eh wurscht ist.
Ich möchte von den Übeln dieser Welt nicht gestört werden, wenn ich gegen sie anschreibe.

Freitag, 10. September 2021

Merkwürdigkeit

Ohne zu zögern erschlug er eine Fliege, wenn sie ihn störte. Aber wenn sich eine Fliege in einem Spinnennetz verfing und wohl bei lebendigem Leibe ausgesaugt werden würde, fand er die Natur grausam.

Donnerstag, 9. September 2021

Nachträge zu „Über Immantentismus“

„Dieses ganze Gerede über schlechte Haftbedingungen und eine ungerechte Gefängnisordnung bringt doch nichts“, sagte Insasse Nr. 08/15 zu ein paar Mitgefangenen, die in seiner Nähe standen. „Es hat schon alles seine Richtigkeit. Auch wenn wir es nicht verstehen. Wir müssen auch nicht alles verstehen, es reicht, wenn diejenigen es verstehen, die sich damit beruflich auseinandersetzen. Oder hat schon einer von uns einmal ein Gefängnis geleitet? Nein? Na also. Der Herr Direktor weiß schon, was er tut. Dafür sind solche Experten ja da.“ Manche schüttelten den Kopf, einige nickten zustimmen. Dann zerstreute sich die Gruppe. Später kamen ein paar Wärter und prügelten den Insassen Nr. 08/15 halbtot.

 

* * *

 

Der Insasse Nr. 47/11 ließ einen Kassiber nach dem anderen aus dem Gefängnis schmuggeln. Freunde leiteten die Nachrichten draußen weiter. Es waren Appelle an Behörden, Medien, Menschenrechtsgruppen, dass die unwürdigen und gesundheitsschädlichen Verhältnisse im Gefängnis sich dringen sich ändern müssten. Gewalt und Korruption hätten ein unerträgliches Maß erreicht. „Man muss kein Gefängnis geleitet oder in einem eingesessen haben“, schrieb Insasse Nr. 47/11, „um zu erkennen, was Recht und Unrecht ist im Umgang mit Gefangenen. Selbst wenn man sagt: Strafe muss sein, so muss die Strafe doch nach dem Gesetz erfolgen, darf nicht willkürlich sein und kann unveräußerliche Menschenrechte nicht außer Kraft setzen. Allen voran nicht die Unantastbarkeit der Menschenwürde, die auch dann gewahrt bleiben muss, wenn Freiheitsrechte vorübergehend suspendiert sind.“ In demselben Sinn äußerte er sich auch gegenüber seinen Mitgefangenen. „Ich muss nicht wissen, wie ein perfektes Gefängnis zu organisieren wäre, um ein real existierendes kritisieren zu können. Ich will im Grunde gar keine Gefängnisse. Aber wenn ich schon in einem bin, will ich nicht gedemütigt, nicht misshandelt, nicht ausgebeutet werden.“ Wenn Insasse Nr. 47/11 Wärter auftauchen sah, zog er sich in seine Zelle zurück und wartete, bis sie vorüber waren, ständig in der wohlbegründeten Angst, dass sie kämen, ihn zu holen und ihm eine Abreibung zu verpassen.

Nicht hilfreich

Nicht hilfreich sei, was ich da schriebe, sagt S. Nun ja, ist das Hilfreiche nicht einfach bloß eine Abart des Nützlichen? Und wer wollte fordern, Philosophie oder Literatur müssten nützlich sein? Ist es nicht schon mehr als genug, wenn sie dazu verhelfen, die Dinge anders zu sehen als bisher, anders über sie zu denken, sie anders zu erleben? Hilfe zur Selbsthilfe: Ist die Chance auf Befreiung von Vorurteilen und Unklarheiten, von verstellenden Selbstverständlichkeiten und beschränkenden Gewohnheiten denn gar nichts wert, völlig unnütz? Kunst kann überwältigen, mindestens aber stutzig machen. Das Wohlgefallen, wenn es denn vorkommt, ist nur Nebenwirkung des Außergewöhnlichen. Hübsch artig braucht Kunst nicht zu sein, das sind die Leute schon selbst. Darin wollen sie bestätigt werden, und das sollen sie nicht. Ich sage Kunst und meine damit jegliche Gestaltung, die in die Wirklichkeit eingreift, ohne im vordergründigen Sinne nützlich zu sein. Ohne lediglich nützlich zu sein. Den auch Nützliches kann gut gemacht sein oder schlecht. Aber das Gute besteht nicht allein in der unmittelbaren Benutzbarkeit. Da muss ein Abstand sein, emphatisch gesagt: ein Abgrund sich auftun, zwischen dem Konsumenten und dem, was als Ware zu schade, zu kostbar, zu unverhandelbar ist. Das gilt auch für Gedanken. Nicht weil sie unnütz sind, sind sie gut. Aber sie können auch gut und hilfreich sein, ohne dass es sogleich auffällt. Man muss sich eben aufs Nachdenken einlassen. Einlassen wollen. Dann kann man auch bemerken, ob an den Gedanken etwas dran ist, ob sie falsch oder richtig sind und was mit dem Unterschied anzufangen wäre. Das braucht man nicht, wenn man festhalten will an dem, was einem erlaubt, doch noch auf eine heile Welt zu hoffen. Dann bleibt man besser bei dem, was man kennt. Freiheit ist da nicht hilfreich. Gewiss, man wird auch genervt sein und vielleicht unglücklich, aber man muss sich wenigstens nicht mit der Möglichkeit herumschlagen, dass etwas ganz Anderes zu erhoffen wäre als funktionierende Normalität.

Mittwoch, 8. September 2021

Der Bucklige

Ich wollte, ich hätte keinen Buckel, sagte der Bucklige, oder wenigstens zwei gesunde Beine, damit ich weglaufen könnte, wenn die Kinder Steine nach mir werfen. So kann ich nur hilflos davonstolpern und entkomme ihnen nicht. Also lasse ich mich lieber zu Boden fallen, krümme mich zusammen und versuche vergeblich, meinen zu großen Kopf mit meinen zu kurzen Armen und zu kleinen Händen zu schützen. Dann warte ich darauf, dass das Johlen aufhört und die Kinder die Lust verlieren, mich zu quälen. Hoffentlich bringen sie mich nicht um, denke ich unterdessen. Aber wer weiß, ob ich damit nicht besser dran wäre. Nicht mehr beleidigt und gequält zu werden: Ist der Tod ein zu hoher Preis dafür? Wenn ich so daliege, will ich jedenfalls nur, dass es aufhört. Ach, warum tun die Kinder das? Weil sie es können. Niemand wehrt es ihnen. Niemand schilt sie dafür. Es geht ja nur um mich. Es gefällt den Kindern, ein Opfer zu haben, das sich nicht zur Wehr setzen kann. Sie haben sich den Richtigen dafür ausgesucht. Einen Außenseiter, der hässlich ist, einen Abweichler von jeglicher Norm, schwach und abstoßend. Meine Wehrlosigkeit ist aber wohl auch meine Rettung. Verteidigte ich mich nämlich oder schlüge zurück, stachelte das nur ihre Wut an. Dann käme es vermutlich zum Äußersten. So aber lassen sie irgendwann von mir ab, weil es sie langweilt, mich zu demütigen. Und weil sie keine Steine mehr haben (und keine neuen sammeln wollen). Dann stehe ich auf, humple nach Hause und versorge meine Wunden. Bis sie halbwegs verheilt sind, gehe ich nicht aus dem Haus. Aber irgendwann muss ich ja doch wieder ausgehen und dies und das erledigen, und dann kann es jederzeit wieder passieren. Ich weiß, es wird bestimmt ein nächstes Mal geben. Wahrscheinlich überlebe ich auch das.

Dienstag, 31. August 2021

Über Immantentismus

Immanentisten kommen mir vor wie Gefängnisinsassen, die sich selbst und ihren Mitgefangenen einzureden versuchen, es gebe nichts als das Gefängnis, ein Draußen existiere nicht. Damit müsse man sich abfinden und das Beste daraus zu machen versuchen. Eine Fraktion dieser Insassen möchte gerne mit den wechselnden Gefängnisdirektoren bessere Haftbedingungen aushandeln, wird aber nicht vorgelassen. Petitionen zur Verbesserung der Gefängnisordnung werden verfasst und Unterschriften gesammelt, aber die Wärter werfen all die Zettel achtlos weg, bevor sie ihren Adressaten überhaupt erreichen können. An den tatsächlichen Verhältnissen ändert sich somit nichts. Eine andere Fraktion will die Revolte. Die Wärter sollen überwältigt, der Direktor gestürzt und das Gefängnis von den Gefangenen selbst verwaltet werden. Aber weil dadurch nur die Wärter zu Gefangenen und Gefangene zu Wärtern gemacht würden, änderte auch das nichts an der Wirklichkeit des Gefängnisses, selbst wenn es gelänge.
Die Gegner der Immanentisten, also solche Insassen wie ich, behaupten, dass es sehr wohl ein Draußen gebe und dieses sogar viel wichtiger sei als das Drinnen. Das Streben nach Freiheit begründe die menschliche Würde; sich mit dem Eingesperrrtsein abzufinden, erniedrige und verdumme hingegen. Darum sei jeder Plan für Ausbruch und Flucht zu begrüßen, zu prüfen und, wenn erfolgversprechend, nach Möglichkeit umzusetzen. Lieber wollen wir beim Versuch, in die Freiheit zu gelangen, scheitern, als unsere Unfreiheit für unvermeidlich zu halten.

Montag, 30. August 2021

Einmal mehr über Willensfreiheit

A: Es gibt keinen freien Willen. Was wir wollen, ist durch Naturgesetze festgelegt.
B: So, so. Aber warum erzählen Sie mir das? Wollen Sie mich überzeugen? Was soll das bringen, da ich doch, wenn Sie Recht haben, ohnehin nicht frei bin, meine Überzeugung gemäß diesem oder jenem Argument zu gewinnen, sondern davon überzeugt sein muss, wovon die Naturgesetze mich überzeugt sein lassen wollen.
A: Und ich versuche, Sie zu überzeugen, weil ich das wollen muss!
B: Sehen Sie wenigstens, wie absurd das ist?
A: Nein, wieso?
B: Wenn Sie Recht haben, ist es sinnlos und überflüssig, einander überzeugen zu wollen, weil nichts, was man sagt, etwas bewirken kann, da jeder seine Überzeugungen hat und behält oder ändert, wie er muss. Genau genommen gibt es dann kein „einander überzeugen“ mehr, der Ausdruck ist völlig inhaltsleer. Dann aber ebenso „sich überzeugt haben“ und „von etwas überzeugt sein“. Überzeugungen sind dann nur noch von den Naturgesetzen bedingte, von der Richtigkeit oder Unrichtigkeit einer Argumentation völlig unabhängige Zwangsvorstellungen. Jeder Meinungsaustausch, jedes Für und Wider erübrigt sich. Mag sein, dass eine Überzeugung mit einem Sachverhalt übereinstimmt, vielleicht tut sie es auch nicht. Vom Ergebnis jeder Überprüfung wäre man ja wieder überzeugt, nicht weil es stimmt, sondern weil man davon überzeugt sein muss. Also hat es dann übrigens auch keine Bedeutung mehr, ob Sie in Sachen Willensfreiheit Recht haben oder nicht. Es gibt im Grunde kein Rechthaben mehr, weil zwischen Rechthaben und Unrechthaben kein feststellbarer Unterschied besteht. Mit anderen Worten, wenn Sie mit Ihrer Annahme eines unfreien Willens Recht haben, haben Sie jede Möglichkeit aufgegeben, Recht zu haben.

Sonntag, 8. August 2021

Nur die allerdümmsten Kälber ...

Wenn Demokratie überhaupt für etwas gut ist, dann dafür, zu zeigen, dass die Leute selbst an der ganzen Misere schuld sind. Alle paar Jahre gewährt ihnen die Obrigkeit die Möglichkeit, die Zusammensetzung des Parlamentes zuu bestimmen. Aber statt nun Parteien mit sinnvollen Vorschlägen zu gründen (und dann zu wählen), verlassen sich die Leute auf das bestehende Angebot, akzeptieren völlig lächerliche Kandidatinnen und Kandidaten, diskutieren über abstruse Themen, die nichts mit der Realität zu tun haben, und geben am Ende ihre Stimme ab, die vom System geschluckt wird, sodass in einer stabilen Demokratie immer nur ein allenfalls umdekoriertes weiterso herauskommen kann.

Freitag, 6. August 2021

„Sommerlektüre“

Wie ich dieses Wort hasse! Es ist so grässlich wie die Verstopfung der Buchhandlungen mit sonst im Jahr nicht vorhandenen Kaufwilligen in den Wochen vor Weihnachten. Mir ist schon klar, dass 99,9 Prozent der Buchproduktion Wegwerfware ist. Aber die Bücher, die es sich zu lesen und wiederzulesen lohnt, sind keine Konsumgüter wie Zahnstocher oder Klopapier. Ein gutes Buch ist etwas, in das mehrere Leute viel Arbeit gesteckt haben und an das sie mit Recht die Erwartung knüpfen, der Leser nehme das Ergebnis ernst und gehe entsprechend damit um. Ob nun Belletristik oder Sachbuch: Man sollte lesen, wie man hoffentlich schreibt: um ein anderer zu werden. Aber selbstverständlich lesen die Leute, wie sie Musik hören und Filme glotzen: um sich zu zerstreuen. Um sich abzulenken. Um davon abzulenken, wie falsch sie ihr Leben leben. Ja, ich sagte „falsch“, ich urteile. Ich meine: konformistisch, eingepasst ins System, ein kleines, erbärmliches Rädchen im Herrschaftsgetriebe. Zugegeben, nicht jedes Buch ist ein Beitrag zur Revolution. Nicht jedes Buch verbessert die Welt. Aber man kann es daraufhin lesen. Man kann lesen, um etwas aus seinem Leben zu machen. Etwas, das mehr ist als ein bisschen Spaß und viel Abstumpfung. Dass man irgendwann sterben muss, kann man bedauern, weil man dann vieles nicht gelesen haben wird. Aber warum eigentlich Menschen den Tod fürchten, die ohnehin nichts mit ihrem Leben anzufangen wissen, verstehe ich nicht. Und keine „Sommerlektüre“ wird es mir je verraten können. Nehme ich an.

Montag, 2. August 2021

Nur so ein Gedanke

„In der Philosophie wird kein Resultat erzielt.“ (Karl Jaspers) Nun, wenn ich kein Ergebnis habe, weil ich feststelle, dass es kein Ergebnis geben kann und soll, dann ist das freilich auch ein Ergebnis.

Mittwoch, 28. Juli 2021

Glosse LXXXVI

Die Zeit war reif für die Wiederentdeckung James Baldwins als einem der bedeutendsten, wenn auch nicht besten amerikanischen Autoren des 20. Jahrhunderts. Ich weiß gar nicht, was mich mehr stört: der oberleherinnenhafte Gestus Sigrid Löfflers oder ihr schmerzlich deplatzierter Dativ.

Dienstag, 20. Juli 2021

„… hat er über die Jahre eine ganz eigene Erzählweise kultiviert und eine Exzentrik, die wunderbar in unsere unaufgeräumte Gegenwart passt …“

Na bitte, das ist doch unfreiwilligerweise eine schöne Begründung, warum ich derlei nicht lesen möchte. Was in eure Gegenwart passt, geht mich nichts an; ich läse lieber Unpassendes, Unangepasstes, solches, das dem, was ihr Gegenwart nennt (das Getöse und Getue des Aktuellen), ganz und gar entgegen ist.

Sonntag, 18. Juli 2021

Hochwassernotizen

Selbstverständlich ist das tödliche und zerstörerische Hochwasser eine „Verschwörung“. Was denn sonst? Die Verschwörung heißt Marktwirtschaft alias Kapitalismus. Erstens als Ursache: Der Klimawandel ist eine Folge eines Wirtschaftens, das hemmungslosen Raubbau an natürlichen Ressourcen betreibt. Zweitens als Unmöglichkeit, den Folgen zu entgehen: Die Versiegelung der Böden (Asfalt, Beton) und die Denaturierung der Gewässer lässt das Wasser, wenn es denn plötzlich und in rauen Mengen kommt, als unbändige Elementargewalt in die Zivilisation eingreifen.
Es ist Gratismut, sich jetzt über Spinner lustig zu machen, die hinter Starkregen und Hochwasser wieder den und den Drahtzieher vermuten. Der wirkliche Drahtzieher heißt schlicht Gesellschaft, und der Fokus auf die Spinner soll davon ablenken, dass es sich bei solchen Katastrophen nicht einfach um unvermeidliche Naturereignisse (wie Erdbeben und Vulkanausbrüche) handelt, sondern wesentlich auch um Folgen von menschlichem Handeln.

Hochwasserfernsehbilder: Ich sehe (und höre) Reporterinnen, Bürgermeisterinnen, Anwohnerinnen. Aber unter den Rettungskräften, Feuerwehr, THW, Katastrophenschutz usw. sehe ich keine einzige Frau. Das sind sicherlich subjektive Eindrücke. Aber vielleicht sagen die Bilder doch etwas über Feminismus und Realität. Und ich sehe übrigens keine „Masken“. Stattdessen übernachten z. B. Leute aus verschiedenen Haushalten miteinander in Turnhallen. Auch das mögen zufällige Eindrücke seien. Oder es gilt: Wenn die Realität zuschlägt, ist keine Zeit für solchen Firlefanz wie „Corona“.
 
Das Erstaunliche ist, dass die Menschen erstaunt sind, dass sie einander selbstlos helfen. Ja, was denn sonst?

Mit einem Bruchteil der Einsatzbereitschaft von Inländern für Inländer im Katastrophenfall könnte man die Katastrophe der Flüchtlingslager an der EU-Außengrenze ruckzuck beseitigen. Ich sag’s bloß.

Laschet hat gelacht. Das ist ja nun das Letzte was ich ihm vorwerfen würde.
Warum hätte er nicht lachen sollen? Weil Steinmeier, der Bundesbetroffenheitsbeauftragte, gerade laberte? Weil nur Aufräumungshelfer lachen dürfen (die tun's)? Weil Politiker sich im Katrastrophenfall wie Tagesschausprecher auf einer Beerdigung aufführen müssen?
Laschet darf lachen. Jeder darf lachen. Auch in traurigen Zeiten. Lachen ist menschlich. Lachen tut gut. Lachen hilft.
Aber nein, halb Deutschland, und die Kellerlacher von der SPD vorneweg, verwandelt sich in einen kollektiven sich in Jorge von Burgos (siehe „Name der Rose“) und sprühen lieber Gift und Galle, als ungekünstelte Menschlichkeit zuzulassen.
Wenn ich es mir aussuchen könnte, hätte ich lieber nicht, dass der neoliberale Laschet (oder Scholz oder Baerbock) ans Ruder kommt. Aber ich erlaube jedem Politiker, ein Mensch zu sein statt eines roboterhafter Seriositätsdarstellers, der seine Emotionen und Expressionen nach Bedarf der Medien kontrollieren kann.
Laschet hat sich schon entschuldigt. Siehste, das werfe ich ihm vor.

Mittwoch, 14. Juli 2021

Glosse LXXXV

Cannes: Heimische Filme begeistern. Das wären dann französische. Denn Cannes liegt in Frankreich, dort sind französische Filme heimisch, nicht die (von der Zeitung gemeinten) österreichischen. Aber das werden gewisse Einheimische wohl nie kapieren, dass heimisch in jedem Land etwas anderes bedeutet.

Mittwoch, 23. Juni 2021

Glosse LXXXIV

Ganz besonders verblödet sind die, die einen Hiatus mitten im Wort nicht nur sprechen, wenn ein Asteriskus zwei Genera graphisch bezeichnet (Mitarbeiter*innen), sondern auch dann, wenn sie ohnehin maskuline und feminine Wortformen anführen (Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, gesprochen eben leider als Mitarbeiter innen und Mitarbeiter).

Glosse LXXXIII

Journaille und Duden hin oder her: Das Wort hilfebedürftig gib es nicht. Es heißt, man schaue in den Grimm, hilfsbedürftig, Wer das nicht kapiert, dem kann ich auch nicht helfen.

Samstag, 19. Juni 2021

Schon wieder kein Ausgang aus der selbsverschuldeten Unmündigkeit

Ich scherzte unlängst:„Emil (4) aus Castrop-Rauxel hat in den letzten 17 Wochen 654 Gummibärchen gegessen. Im gleichen Zeitraum sank der 7-Tage- Inzidenzwert von 147,9 auf 13,2. Ein schöner Erfolg der Gummibärchen-Strategie!“
Daraufhin klärte man mich auf:
Weißt du, es ist ein wenig, wie bei AIDS. Die AIDS-Leugner behaupteten jahrelang, dass HIV ungefährlich sei und die ganzen Erkrankungen durch unsere toxische Lebensführung sowieso entstehen würden und die Therapie die Zahl der Toten erhöht, statt vermindert. Nur, in der Beobachtung der Praxis war der Zusammenhang zwischen der Einnahme der HIV-Therapie und dem Nachlassen der Erkrankung und der Todeszahlen nicht mehr zu übersehen.
Nun sehen wir bei Corona eindeutig, dass die Zahlen der schweren Verläufe und die Mortalität mit der Zunahme der Impfungen massiv nachlässt. Insofern ist der Zusammenhang von Impfung und Nachlassen der Schwere der Erkrankung beim besten Willen nicht mehr zu leugnen.
Das sollten nun Menschen, die ein wenig Rationalität gelten lassen, auch nicht mehr leugnen.

Nun denke ich mir:
Was bin ich nur für ein hirnloser Depp! Wegen meiner ideologischen Scheuklappen will ich das Offensichtliche nicht zugestehen, dass nämlich jede Korrelation eine Kausalität bedeutet. Als in der BRD die Impfkampagne begann, war es kalt, jetzt, wo schon so viele geimpft sind (nach einem halben Jahr schon tolle 29% der Bevölkerung), hat es Temperaturen von 30, 35 Grad Celsius! Da müssen die Schwurbler betroffen schweigen, sie sind widerlegt. Statistiken sind unanfechtbar. Auch wenn das, was sie zu zählen beanspruchen, eine selbstgebastelte Realität ist: „Fälle“ (positiver PCR-Text) und „Tote an oder mit“ oder „Intensivbetten-Auslastung“. Gerade dann! Wenn die Regierung sagt, sie mache alles richtig, wer dürfte da zweifeln. Wir sehen doch: Dank 3G kehrt wieder Normalität ein. Und das Wetter ist auch besser.
Auch das andere stimmt: SARS-CoV-2 und HIV, AIDS und Covid-19, das ist doch alles irgendwie dasselbe. Ein Virus ist wie das andere, wer das nicht wahrhaben will, ist wohl homophob und also vermutlich auch ein Antisemit. Thomas Ott, schwuler Buchhändler zu Stuttgart, hat es ja so gut über mich auf den Punkt gebracht: Coronaidiot und anarchofaschistischer Judenhasser. Oder war's jüdischer Anarchist und Coronahasser? Egal, alles dasselbe.
Ich bin einfach eine armes Sau, ein hoffnungsloser Fall. Wenn mich nicht einmal willkürliche Statistiken und das Trommelfeuer der Medien überzeugen, was dann? Vermutlich bin ich schlicht in frühen Jahren schon von Geschwurbel (
Philosophie) verdorben und unfähig geworden, solche Dogmen wie post hoc non propter hoc als Relikte der alten Zeit zu durchschauen und zu verwerfen. Kritisches Denken ist asozial. Das macht man heute nicht mehr. Heute macht man bedenkenlos mit. Es ist ja nur zu unserem Besten. Zweifel sind Verschwörungstheorien oder Theorienverschwörungen, wer blickt da noch durch? Jedenfalls ist Widerstand zwecklos.

Freitag, 18. Juni 2021

Wenn einer sich lange genug dümmer stellt, als er ist, muss ihm schließlich jeder, der ihm das auf den Kopf zusagt, als besonders verblödet erscheinen.

Sonntag, 13. Juni 2021

Fünf kleine Essays

    1.

Gezüchtet werden wird, das duldet gar keinen Zweifel, Zucht und Ordnung werden herrschen, so soll es auch sein, so muss es sein, so wird es darum sein. Alles wird immer besser werden. Dafür wird gesorgt werden. Es ist zu schaffen. Mit großer Anstrengung und nur gemeinsam, dann aber doch und für immer. Zug um Zug wird der Staat alle Zuständigkeit an sich ziehen und beizeiten umverteilen an die Meistbietenden. Die werden sich schon darum kümmern, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Wer sollte es sonst tun?
Was sein wird, was auf die Menschen zukommt, steht schon fest, muss ja auch feststehen, jede Zufälligkeit ist auszumerzen. Mutation, Selektion und Krise sind in den Dienst vernünftiger Planung zu stellen. Züchten heißt, dass das, was einer sein soll und was er werden kann, im Voraus auszuwählen ist, damit nur das Wunschgemäße überhaupt zu Stande kommt. Unfälle können passieren, Zufälle dürfen es nicht.
Ein Zurechtweisung von Abweichenden sollte dann nur noch ausnahmsweise erforderlich sein. Besser ist es ja, Abweichungen kommen gar nicht erst vor. Obwohl andererseits ein bisschen Widerstand immer günstig ist und ein Ausnahmezustand eine erfrischende Wirkung haben kann. Man wird sehen.
Krisen sind immer auch Chancen, und auf Chancen kommt es an. Sie sind scon im Vorfeld präzise zu berechnen, gerecht zu verteilen und solidarisch zu nutzen. Davon werden alle profitieren. Die einen sagen Harmonie, die anderen Toleranz, beide meinen dasselbe: Keine Störung des Geschäftsgangs.
Ausgerechnet den dem Zufall zu überlassen, der das Maß aller Dinge ist, wäre ja auch absurd. Man ist, was man hat. Jeder bekommt, was er sich leisten kann. Schade nur, dass kein Konsument sich selbst bereits vorab bestellen kann anhand des aktuellen Katalogs. Noch ist es auch nur ein Traum, Bewusstsein und Gefühle auf externe Festplatten hochzuladen und einen passenden Körper nach Bedarf dazuzuwählen. Doch vielleicht ist das gar nicht nötig. Man wird sich vielmehr demnächst schon zurücksetzen und neu konfigurieren lassen können, ressourcenschonend und nachhaltig, verantwortungsvoll und politisch korrekt. Individualität ist im Kern doch bloß eine Frage der Programmierung. Womöglich muss man dann auch gar nicht mehr immer und überall man selbst sein, sondern existiert die meiste Zeit in einem kollektiven Speicher und lädt sich nur dann herunter, wenn man sich wirklich braucht. Und wie oft wird das schon der Fall sein?
 

    2.

Ich bin ein Sitzer. Andere sind Geher, Steher, Renner, einige wenige sind Lehner, kaum jemand ein wirklich habitueller Lieger. Ich bin jedenfalls ein Sitzer. Selbstverständlich gehe, stehe, renne zuweilen auch ich, lehne und liege bei Gelegenheit, knie, robbe, wirble, baumle, rutsche, hocke, hüpfe, taumle usw. usf. Aber vom Typus her bin ich ein Sitzer. Es ist nicht nur so, dass ich gerne sitze, lieber als anderes, sondern zu sitzen ist mir eine Notwendigkeit. Wenn ich erst einmal sitze, bin ich sozusagen in meinem Element. Dann kann ich die Welt an mich herankommen lassen. Dann kann ich mich zur Welt und ihren Bewohnern und deren Verhältnissen verhalten. Sonst eher nicht, nicht so richtig, nicht so sicher. Zu sitzen ist für mich meine Weise des Innehaltens und Beimirseins, die Grundlage der Tätigkeiten, die ich bevorzuge, nennen wir sie solche geistiger Art: denken, sprechen, schreiben, lesen, Tee trinken. Es versteht sich darum fast von selbst, dass ich besonders gern im Kaffeehaus sitze. Oder auf einer Parkbank, obwohl dort selten Tee serviert wird. Oder auf einem niedrigen Mäuerchen irgendwo in einer Stadt, wo ich von einem Ort zu einem anderen unterwegs bin, und mich erst einmal setze, mich ausruhe, mich umsehe, das Ziel bedenke, den Weg erwäge und die Umstände beklage.
Dort, wo es schön ist, sitze ich gern. In einem Museum auf einer Bank vor einem Meisterwerk; an einem belebten oder menschenleeren Platz; vor einem Zugsfenster, durch das eine Landschaft zu sehen ist; im Gasthaus vor einem Bier und einer kulinarischen Offenbarung. Gehen, Stehen und so weiter macht mich müde. Sitzen erholt. Sitzen verleiht ungeahnte Kräfte. Bis man aufstehen muss, dann ist womöglich wieder alles mühsam. Beim Aufstehen pflege ich übrigens wie beim Hinsetzen ein bisschen zu ächzen, das akzentuiert mein Sitzen, markiert es als meines.
Manche liegen gern in einer Wiese und schauen den Wolken zu. Manche kraxeln auf einen Berg und schauen ins Tal. Manche schwimmen im Meer, manche radeln, manche laufen und laufen und laufen, bis das Hirn bebt und die Lunge japst, manche dehnen, biegen und atmen auf Teufel komm raus, bis sie jung und schön sind. Ich aber sitze lieber. Ich gehe auch gern spazieren, langsam und nachdenklich, aber danach sitze ich gern wieder. Ich stehe auch gern an meinem Schreibpult. Aber danach sitze ich gern wieder. Ich liege gern in meinem Bett, schlafe und träume, aber schon bald nach dem Aufstehen setze ich mich wieder hin.
Sitzen hilft. Nicht immer, aber oft. Einfach dasitzen und die Welt Welt sein lassen. In aller Ruhe. Abwarten und Tee trinken. Lesen und schreiben. Ich erinnere mich zum Beispiel an meinen ersten Aufenthalt in Salzburg vor einigen Jahren. Die Stadt ging mir rasch ziemlich auf die Nerven. Nicht die Häuser und Gassen, nicht die Kirchen und Plätze, nicht Berge und Fluss ― das war alles schön und gut ―, sondern die Leute, die Besucher, die Touristenmassen. Ich war noch kurz oben auf der Festung Hohensalzburg, dann gab ich auf, ich konnte nicht mehr. Ich vertrug keine Menschen, kein Geschwätz, kein Schlangestehen, kein Gaffen, kein Im-Weg-sein mehr. Gegen den Strom stieg ich den Berg hinunter, sehr verstimmt, richtig übellaunig, fertig mit der Welt. Ich stolperte durch irgendwelche Straßen und ging Richtung Hotel. Dort, in der Linzer Straße, setzte ich mich vor ein Café, bestellte Tee und Salzburger Nockerln, von denen mir versprochen wurde, sie würden eine halbe Stunde brauchen, was schon recht beruhigend auf mich wirkte. Einige Zeit später war ich ganz ruhig, regelrecht gelassen, sogar heiter und amüsiert. Ich saß da und ein bunter Menschenstrom zog an mir vorüber, jede Menge Besucher aus aller Herren Ländern, dazu einige versprengte Einheimische, beides gut zu unterscheiden, dazwischen ein paar Musiker mit Instrumenten, alle in eine Richtung eilend, da stand wohl noch etwas bevor. Ich schaute, trank Tee, las, trank Tee, machte mir Notizen, trank Tee und versöhnte mich nach und nach mit der Stadt und ihren Benutzern. Spätestens nach den Nockerln waren wir geradezu befreundet, Salzburg und ich. Auch die Menschen hielt ich wieder einigermaßen aus. Das kam vom Sitzen. Später am Tag und in den nächsten Tagen ging ich viel herum, schaute und hörte und roch und schmeckte. Sich durch eine Stadt zu bewegen, dass man etwas von ihr hat, ist eine Kunst. Aber die Grundlage davon und von manch anderem ist der geschickte Gebrauch des Gesäßes, wenn ich so sagen darf.
Sitzen ist ganz mein Ding. Ich bin dafür wie geschaffen. Oder vielmehr, ich habe mich entsprechend ausgebildet. Habe auch die Statur dazu. Zu mir passt es also. Für andere ist es nichts. Viele sitzen ja auch einfach falsch. Ich mache da niemandem einen Vorwurf, ich stelle es nur fest. Diese Leute, die immer auf dem Sprung sein müssen, die hierhin und dorthin laufen, oft fahren, irgendwann anhalten, weitermarschieren, sich im Kreis drehen, vorankommen, kurzum immer in Bewegung bleiben müssen, diese Leute also sitzen nicht im Ernst, sondern bloß so vorübergehend, eigentlich schon woanders, merklich ungern, nur eben mal kurz, lediglich zu irgendeinem Zweck. Sitzen aber muss nachgerade wie ein Selbstzweck sein, nur dann ist es richtig. Die Kunst ist, dazusitzen, als hätte man immer schon gesessen und als könne es auf der ganzen Welt keinen Grund geben, je wieder aufzustehen. Nur so sitzt man richtig. So sitze ich. Für mich ist Sitzen keine Zwischenlösung, für mich ist es die Hauptsache. Ich bin ein Sitzer.


    3.

Früher war auch die Zukunft besser, nämlich offener und irgendwie freier. Heute ist sie mehr oder minder geschlossen und festgelegt. Früher hieß es: Das und das könnte kommen, seht euch vor oder freut euch. Heute heißt es: Das und das wird kommen, so oder so, euch bleibt nur, euch damit arrangieren, am besten rechtzeitig, also spätestens jetzt, noch besser schon gestern. Zukunft ist immer noch Hoffnung und Drohung, aber das ist nicht mehr unterscheidbar, denn was kommt, ist ohnehin unvermeidlich, also muss man sich damit abfinden, jede Wertung ist Geschmackssache und darum womöglich schon überholt. Entwicklungen sind nicht aufzuhalten. Was möglich ist, wird gemacht werden, sobald jemand eine Möglichkeit gefunden hat, damit Geld zu verdienen. Es kommt nicht darauf an, ob die Leute das und das wollen, man wird schon dafür sorgen, dass sie es wollen, wenn es erst einmal da ist, das ist Teil jedes Geschäftsplans, man wirbt nicht um Zustimmung, man stellt sie her und setzt sich damit durch.
Also heißt es: So und so werden wir leben, da ist gar nichts zu machen, das kommt, man muss jetzt schon mitmachen, sonst bleibt man übrig, fällt heraus, kommt nicht mehr mit. So und so werden wir wohnen, essen, schlafen, lernen, reisen, arbeiten. Die Zukunft ist schon beschlossene Sache, ist schon durchgerechnet und muss nur noch eintreten.
Das autonome Fahren wird kommen, das Internet der Dinge wird kommen, der Grüne Pass wird kommen, das Handy ersetzt jetzt schon Schlüssel, Bargeld, Ausweis und weiß der Teufel was. Die Digitalisierung ist schon da, aber sie wird auch erst noch kommen, so richtig nämlich. Der durchdesignte Mensch wird kommen, Weltraumreisen werden für jeden erschwinglich sein, Plastik wird vermieden werden, Rassismus wird besiegt sein, Luft und Wasser werden sauber sein, die Stadt wird allen gehören, Fleisch muss teurer werden, Fernflüge auch, aber man wird ohnehin von Zuhause aus alles erleben, was man sich leisten kann, Sex und Karibik, Mars und Atlantis, jeder wird im Cyberspace arbeiten, nur die Putzkräfte nicht.
Die Welt ist komplex, das Weltbild simpel. Einerseits ist grundsätzlich alles verfügbar, andererseits alles vorherbestimmt. Alles ist zulässig, und was derzeit noch umstritten ist, kann demnächst zulässig gemacht worden sein. Nur keine überflüssigen Beschränkungen, Hindernisse, Verzögerungen, Tabus. Alles, worum es geht, ist mehr oder minder frei gestaltbar, aber Freiheit ist nur noch als Wahl zwischen vorgegebenen Realitäten denkbar. So ist es aber auch besser, nämlich sicherer für alle. Manchmal ist, was man will, alternativlos, dann muss es natürlich auch gewollt werden, alles andere wäre unvernünftig.
Es gilt: Man darf sich der Zukunft nicht entgegenstellen, weil man es gar nicht kann. Es kommt, wie es kommen muss. Es wird schon werden. Für jedes Problem gibt es eine Lösung. Die wird gewiss gefunden werden. Was gefunden wird, ist vermutlich die Lösung. Was war eigentlich das Problem? Die Zukunft ist unsere einzige Chance. Die sollten wir uns nicht schlechtreden lassen von irgendwelchen Kleingeistern. Vermasselt das jetzt bloß nicht. Heute schon zu wissen, wie es morgen sein wird, verschafft ein gutes Gefühl. Ungewissheit ist Unsicherheit ist Unfriede. Zukunft darf nie wieder ungewiss sein, wo kämen wir denn sonst hin.


    4. (Scherzo. Tempo di menuetto)

Mein Land? Was soll das heißen? Ich habe kein Land. Mir gehört hier kein Quadratmillimeter, hier nicht und anderswo auch nicht. Besäße ich aber ein Land, also Grund und Boden, womöglich reichlich davon, dann müsste das ganz und gar mein Land sein, mein unantastbares Eigentum, mein niemandem außer mir untertäniges Fürstentum. Dann sollen sie nur kommen, die Landvermesser und Steuereintreiber, die Polizisten und Rekrutierungsbürokraten, die Statistiker und all die anderen Staatsknechte. Ich ließe die Hunde los, das landfremde Gesindel zu verbellen und verjagen. Oder ich böte meine Bauern auf, die zudringlichen Eindringlinge mit Dreschflegeln, Heugabeln und Sensen aufzuhalten und zurückzuschlagen. Oder ich riefe meine Kosaken herbei, meine Husaren oder Lanzenreiter, um die blutsaugerischen Besatzer zu Paaren zu treiben, sie meinetwegen mit ihren Säbeln in Stücke zu hauen, links und rechts und rechts und links, wenn Blut fließen muss, dann muss eben Blut fließen, bis endlich der Spuk vorüber und das herrenlose Lumpenpack ein für alle Mal abgetan wäre. So denke ich mir das jedenfalls.
Meine Zeit? Was soll das heißen? Ich habe kein Zeit …


    5.

Irgendwann wird es heißen, wir haben unsere Maschinen von unseren Herstellern nur geliehen. Eigentum bedeutet, umfassend über etwas verfügen zu können. Wer aber verfügt hier über wen? Der Verbraucher über das Gerät? Warum dann der Zwang, dieses und jenes zu haben und es so und so zu benützen? Oder verfügen nicht eher die Hersteller über die Verbraucher? Wer arbeitet denn für wen? Die Verbraucher arbeiten, um für Waren bezahlen können, die sie möglichst rasch durch neue Waren ersetzen sollen. Zweck der Arbeit ist demnach der Profit der Firmen. Gebrauch von Gekauftem und Daseinsfristung sind nur Nebeneffekte. Der Konsument ist ein Konstrukt der Marketingabteilungen. Das Eigentum der Endverbraucher am Gekauften gilt nur auf Widerruf.
Deine Maschine weiß mehr über dich als du über sie oder dich selbst. Für deine Nutzer bist du eine Konstellation von Daten. Jede Aktion, jeder Interaktion produziert Daten. Du bist, was du gemacht hast, wo du warst, was du gesehen und gehört hast, wem du begegnet bist, was du geäußert, was du vermutlich gefühlt und gedacht hast. Was du bisher warst, bedeutet, wer du sein wirst. Deine Vorlieben werden dir bestätigt durch Angebote, die deinen Vorlieben folgen. Das Ausprobieren von Neuem, eine Geschichte des Geschmacks mit Wendungen, Brüchen, Neuanfängen ist nicht vorgesehen. Konsumiere, was du schon immer konsumiert hast, und sei glücklich und zufrieden. Schau dir allenfalls an, was andere, die gekauft haben, was du gekauft hast, auch noch gekauft haben. Das willst du doch vielleicht auch. Wenn nicht, wird das ebenfalls registriert. Dann bekommst du beim nächsten Mal andere, ganz auf deine Persönlichkeit zugeschnittene Angebote. So erfährst du, wer du bist.
Die Industrieprodukte sind schon Müll, wenn sie die Fabrik verlassen. Ihr Design schwindelt darüber hinweg. Die Waren sind darauf berechnet, weggeworfen zu werden. Nach dem Verkauf oder, als Abschreibeposten, davor. Eine Ding, das für alle Zeiten in Gebrauch wäre, wäre für Hersteller und Verkäufer nutzlos. Gebrauch darf nur eine Zwischenlösung sein, bis endlich die Entsorgung anfällt. Wir leben im Müll. Mittelbar und manche ganz unmittelbar. Warum auch nicht? Alle natürlichen Ressourcen werden angezapft, Unwiederbringliches wird verbraucht, alles wird verschmutzt und vieles vergiftet, warum dann nicht also auch am anderen Ende, beim Konsum, im Verworfenen leben? Daran ändern auch Recycling und Upcycling nichts. Sie setzen ja Weggeworfenes voraus. Aus Müll etwas Nützliches zu machen, macht Müll nützlich. Auch Müllvermeidung ist nur eine Marginalie, solange die Fabriken noch produzieren. Verwende du nur weniger Plastik, sammle Abfall in Wald und Flur und spende für die Reinigung der Meere: Die Umsätze und den Profit der Konzerne tangiert das nur peripher. Die sind schlauer. Die verkaufen dir noch das, was du zum Müllvermeiden brauchst. Etwa das Gerät, das dir sagt, wie du wann wo am besten beim Nichtmitmachen mitmachst.
Deine Maschine weiß mehr als du. Was Wunder, wo doch Wissen längst selbst zur Maschine geworden ist, zu einem neutralen Universum aus Nullen und Einsen. Wissen ist Information und Information ist greifbar. Ein Klick, und der Zugang zu megaenzyklopädischem Wissen ist ein Klacks. Die Bibliotheken und Archive sind im Prinzip alle offen. Man müsste nur lesen können. Noch nie in der Geschichte der Menschheit stand freilich so viel Wissen so vielen so einfach zu Verfügung und nie waren die Massen dennoch so desinformiert, so desinteressiert, sich zu bilden. Früher hatten die meisten Menschen mehr zu tun, als ihnen lieb war, um auch nur das Notwendigste zu besorgen, was sie zum Überleben brauchten. Das gilt auch heute noch für viel zu viele, aber ein großer Teil, in den Gesellschaften des Nordens, hat eher das Problem, wie er seine Freizeit verbringen soll. Bildung ist dabei keine Option. Bildung ist durch Ausbildungssysteme vorgegeben, die hat man durchlaufen oder nicht, darüber gibt es Bescheinigungen, das hat nichts mit einem selbst zu tun. Lebenslanges Lernen, gut und schön, aber das ist doch nur was für den Job, das betrifft das Geldverdienen, nicht die Person. Bildung hat nichts mit einem selbst zu tun, das macht man für andere, um zu beweisen, wie sie einen einstufen sollen. Bildung ist außerdem fast immer gleich wieder veraltet. Nicht nur, weil man das meiste nur für Prüfungen lernt, sondern weil nur das Aktuell zählt. Was früher war, ist Sache von alten Leuten. Wir leben jetzt und wissen besser, was eigentlich Sache ist.
Maschinen sind das Gegenteilung von Bildung. Sich Wissen anzueignen, auch auf Vorrat, um sich in der Welt orientieren zu können, um andere und sich selbst zu verstehen, um Vergleiche anstellen zu können zwischen dem, was ist und was war und was hätte sein können, um kritische Fragen zu stellen und durch Kenntnisse des Zustandekommens, der Voraussetzungen und Absichten nicht nur das, was einem gefällt, besser genießen, sondern nicht zuletzt sich Neuem und Unbekanntem aussetzen zu können, auf die Gefahr hin, überwältigt zu werden ― das könnte Bildung sein. Eine Maschine kann das nicht. Sie verarbeitet Daten, die ihr gleichgültig sein müssen. Sie kann nicht werten. Sie kann nur programmierte Algorithmen anwenden. Sie mag schneller, stärker, geschickter sein, sie mag Denken und und sogar Fühlen simulieren können ― wenn vorab Denken und Fühlen nach Art dessen, was Maschinen simulieren können, konzipiert wurden ―, aber sie kann nicht dein Freund sein, nicht dein Feind, nicht dein Lehrer, nicht dein Zuhörer. Sie kann dir nichts beibringen außer der Benutzung von Maschinen. Sie versteht nichts und kann dir nichts verständlich machen. Nur von Menschen kannst du erfahren, was es heißt und heißen könnte, ein Mensch zu sein. Von Maschinen und ihren Ideologen erfährst du allenfalls, dass du ein Ding unter Dingen bist. Vielen genügt das leider bereits. Das verstehe, wer will.

Montag, 7. Juni 2021

Aufgeschnappt (bei Colin Ward über Martin Buber)

A philosopher who manages to antagonise everyone, yet who was himself a model of gentle benevolence, must have something important to say, I reflected, and I don't think I was wrong.

Montag, 31. Mai 2021

Das Körnchen

Und dann war es endlich so weit. Das Gerät war vielfach in der Praxis erprobt worden und konnte serienmäßig in großer Stückzahl hergestellt werden, ja die Produktion hatte längst begonnen, die Lager waren bereits voll und alles logistisch Notwendige von der Auslieferung bis zur Einsetzung war vorbereitet. Es konnte jederzeit losgehen. Es brauchte nur noch die endgültige gesetzliche Regelung. Aber die durfte wohl kaum lange auf sich warten lassen.
Das Gerät hatte schließlich nur Vorteile. Weil es so winzig war, hatte es den Spitznamen das Körnchen bekommen. Seine Einsetzung war nur ein kleiner Eingriff, man spürte nichts, der menschliche Organismus vertrug es gut und es musste nie erneuert werden. Nach der Einführung, die wahlweise über die Nase oder die Augen geschehen konnte, begab es sich von selbst an die richtige Stelle im Gehirn, verband sich mit diesem und blieb, wo es war. Seine Energie gewann es aus denselben Strömen des Gehirns, die es steuerte.
Die Herstellung des Gerätes war zugegebenermaßen nicht ganz billig, schon wegen der hohen Lizenzkosten, aber da es sich nie abnutzte und pro Person nur ein Gerät benötigt wurde, war es doch insgesamt ein gutes Geschäft: neun Milliarden mal ein paar Tausend Dollar, das waren bloß ein paar Billionen Dollar, das konnte alle Nationalstaaten zusammen oder später der Weltstaat schon verkraften; denn selbstverständlich war die weltweite Einführung zweckmäßig, ja sachlich geboten, wenn das Körnchen seine volle Wirkung entfalten sollte.
Das Gerät, das offiziell Zerebalkybernetischer Regulator hieß, griff so in das Nervensystem ein, dass alle schlechten Gefühle wie Wut, Angst, Trauer und dergleichen, schon ausgeschaltet wurden, bevor sie auch nur aufkommen konnten. Wer das Körnchen in sich trug, war unfähig zu Hass und Aggression, er konnte einfach nichts Böses mehr tun. Er konnte auch nicht lügen, das Körnchen ließ jeden unweigerlich die Wahrheit sagen, wenn er von einer befugten Person mittels besonderer Geräte, die das Körnchen ihrerseits steuern konnten, befragt wurde. Befugt waren die Mitarbeiter von Universal Harmony and Brain Security, der Firma, die das Körnchen entwickelt hatte, es produzieren ließ und es im Auftrag der Behörden einsetzen und anwenden würde.
Die Entwicklung des Gerätes hatte Jahre gedauert, der heiß ersehnte Durchbruch lag noch nicht lange zurück. Nach den obligatorischen Tierversuchen war das Körnchen dann zuerst auf freiwilliger Basis bei verurteilten Straftätern ausprobiert worden, mit sensationellen Ergebnissen. Aus brutalen Mördern etwa wurden binnen kürzester Zeit umgängliche, freundliche, hilfsbereite Kerle, die gar nicht mehr verstehen konnten, warum sie ihre Verbrechen begangen und oft schon seit ihrer Kindheit ein Leben voller Gewalt geführt hatten. Auch verurteilte Wirtschaftskriminelle verwandelten sich mit dem Körnchen im Gehirn in Menschen mit gesundem moralischem Urteilsvermögen und einem erstaunlichen Mangel an Gier.
Tatsächlich aber ließ sich das Körnchen nicht nur zur Ausschaltung von Gefühlen und Gedanken und zur Löschung von Erinnerungen verwenden, sondern umgekehrt auch zur Erregung von Gefühlen, Vorgabe von Gedanken und Erzeugung von Erinnerungen. Wo es nötig war, etwa bei Naturkatastrophen oder bei Angriffen von außen, konnten sogar Aggressionen und die Bereitschaft zur Selbstaufopferung bewirkt werden. Durch das Körnchen würde endlich niemand mehr in seinem Denken, Fühlen und Handeln dem Zufall und der Willkür ausgeliefert sein, sondern jeder durfte sich nach rationalem Kalkül so gestalten lassen, wie es für alle am besten war. Der alte Traum der Menschheit von einem durch und durch guten, ehrlichen, hilfreichen, anständigen, fröhlichen Menschen, von einem friedlichen und produktiven Zusammenleben aller mit allen war kurz davor, Realität zu werden! Gab es etwas Wünschenswerteres? Nein, das konnte es gar nicht geben.
Das Körnchen hatte nach allem, was man wusste, nur Vorteile und keinerlei Nachteile. Ja, es gab eine Nebenwirkung. Aber nur eine unbedeutende. Man hatte nämlich bald sowohl bei Tieren als auch Menschen festgestellt, dass nach der Einsetzung des Körnchens binnen Wochen der Intelligenzquotient der Probanden rapide sank, bis er sich auf leicht unterdurchschnittlichem Niveau einpendelte. Allerdings fanden Wissenschaftler bald heraus, dass für sozialkonformes Verhalten ohnehin nur wenig Intelligenz nötig sei, während überdurchschnittliche Intelligenz in fast allen Fällen zu Asozialität führe, weil die Betroffenen sich für etwas Besseres als ihre Mitmenschen hielten. Weitere Nebenwirkungen waren nicht bekannt und völlig unwahrscheinlich.
Darum wurde das Körnchen vollen allen Seiten begrüßt. Es galt überall als die höchste Errungenschaft der Menschheit, als die technische Vollendung der Evolution, seine vollständige Ausbringung und Anwendung als das wichtigste Ereignis der Geschichte, als Beginn einer neuen, der endgültigen Stufe der Zivilisation.
Selbstverständlich hatte es anfangs auch Gegner gegeben, Wissenschaftler und Laien. Freilich stellte sich bald heraus, dass die zweifelnden Wissenschaftler allesamt Scharlatane oder Neider waren, die sich bloß wichtig machen wollten. Laien aber, die das Körnchen ablehnten oder zumindest Zweifel an seiner Sinnhaftigkeit anmeldeten, sogenannte Körnchenleugner, erwiesen sich bald als verwirrte und verhetzte Gegner jeglichen Fortschritts, als rückständige Stänkerer, zumeist esoterisch angehaucht und anfällig für Verschwörungstheorien, darunter nicht selten Rechtsextreme und Judenhasser. Von einer Kritik am Erfinder des Körnchens, Prof. Emmanuel Goldstein ― einst berühmt geworden mit seiner bahnbrechenden Schrift "The Theory and Practice of Nanorobotics", London 1984 ―, zum Glauben an die Protokollen der Weisen von Zion war es eben immer nur ein kleiner Schritt.
Mehrere Staaten hatten sich bereits gezwungen gesehen, Gesetze gegen antiwissenschaftliche Propaganda zu erlassen und sogar Körnchenleugnung explizit unter Strafe zu stellen. Dies war nötig geworden, um Unruhe in der Bevölkerung bis zu dem, was man umgangssprachlich die allgemeine Durchkörnung nannte, zu vermeiden. Sobald jeder sein Körnchen hatte, konnte es verständlicherweise zu keinen Unruhen mehr kommen.
Anfangs war an freiwillige Einsetzungen gedacht worden. Ohnehin musste ja jeder einsehen, wie vernünftig und segensreich das Körnchen war. Das sah nicht nur die Politik so, auch die Medien berichteten über fast nichts anderes als über die wunderbare Zukunft, die bevorstand, wenn alle endlich gekörnt wären. Dann aber hatte man durch Umfragen feststellen müssen, dass in der Bevölkerung gar nicht alle auch schon dieser Meinung waren, dass viele das Körnchen zwar nicht rundheraus ablehnten, aber selbst vorderhand nicht gekörnt werden wollten. Es war seltsamerweise wohl so, dass manche ihre Gefühle lieber nicht kontrolliert haben wollten, schon gar nicht durch ein kleines Gerät im Gehirn. Obwohl man alles tat, die Leute darüber aufzuklären, dass es nur zu ihrem Besten und zu dem der Allgemeinheit wäre, wenn sie sich kybernetisch entmündigen ließen, sank der Anteil Körnchenskeptiker nie unter 25 Prozent. Wissenschaftler aber hatten errechnet, dass erst ab einem Anteil von mehr als drei Vierteln der volle gesellschaftliche Effekt der zerebralkybernetischen Regulation eintrete.
Also musste man seitens der Politik umdenken. Wenn Freiwilligkeit und Vernunft im Widerspruch standen, dann musste eben Zwang angewandt werden. Das war nur vernünftig und moralisch einwandfrei, wie die Mitglieder von den Regierungen mancherorts eingesetzten Ethikkommissionen in sorgfältigen Gutachten nachwiesen, da ja nach der Einsetzung ohnehin alle der Einsetzung zustimmen würden. Allerdings erhoben nun ausgerechnet Juristen Einspruch. Gesetze, die die zwangsmäßige Einsetzung des Körnchens (außer in bestimmten Fällen erwiesener gemeingefährlicher Psychopathien) vorsahen, verstießen nach Meinung gewisser rechtsgelehrter gegen sämtliche bekannte Verfassungen, und zwar ausgerechnet gegen solche Bestimmungen, die als unabänderlich, weil vom Naturrecht vorgegeben galten, namentlich Bestimmungen über Menschenrechte.
An dem Punkt hakte es also. Aber es musste weitergehen. Das Körnchen war einsatzbereit. Es war ein Gebot der Vernunft, es rasch bei allen Menschen weltweit einzusetzen. Es war möglich und es war richtig, das zu tun, also sollte es getan werden. Fast alle führenden Politiker waren entschlossen, das Glück der Menschheit auch gegen antiquierte Gesetze durchzusetzen. Mehrere Philosophen hatten in zahlreichen Talkshows bewiesen, dass Naturrecht ohnehin nur ein Überbleibsel vergangener Zeiten war, als auch noch ein göttliches Recht angenommen wurde, das der menschlichen Gesetzgebung Schranken setzte. Wer aber glaubte heute schon noch an Gott? Wer das Körnchen hatte, brauchte keinen Gott mehr. Mit dem Körnchen würde vielmehr die ewige Seligkeit kommen, das Paradies auf Erden. Also musste es eingesetzt werden, koste es, was es wolle. Dafür würden die verantwortlichen Politiker schon sorgen. Die Geschichte würde ihnen Recht geben. ― In Goldsteins Labor und in der Chefetage der UHBS knallen die Sektkorken.

Montag, 24. Mai 2021

Ein Abschied

Seit einiger Zeit schon und gerade in den letzten Tagen hatte ich daran gedacht, ihm zu schreiben. Was hätte ich ihm sagen wollen? In etwa das: Es tut mir leid, dass Dich anscheinend alles fürchterlich nervt, was ich schreibe. Dass zwei Menschen unterschiedliche Meinungen haben, ist ja nun nichts Besonderes, aber dass es Dich dermaßen auf die Palme bringt, wenn ich etwas äußere, was Du ganz anders siehst, wundert mich doch. Zumal ich von Deiner Seite nie auch nur den geringsten Versuch bemerkt habe, bei mir etwas nachzufragen oder etwas zu erklären. Ich bin um Unrecht, sagst Du, basta. Anscheinend nimmst Du an, wie Du die Welt siehst und wertest, müsse das eigentlich jeder tun. Das ist aber nicht der Fall. Oder nimmst Du an, mit mir zu reden lohne ohnehin nicht? Warum? Bin ich so dumm und verbohrt? Bin ich so unfähig, Deine besserer Argumente anzuerkennen?
Ich hätte ihm schreiben wollen: Umgekehrt kannst Du mir, oder bestreitest Du das etwa, nicht vorwerfen, ich hätte nicht stets argumentiert, hätte nicht mir Respekt und Argumenten um Dein Verständnis meiner Auffassungen geworben. Seit Jahren, ein kleines Beispiel, warte ich schon darauf, dass Du mir wie versprochen erklärst, warum Denkmäler für Karl Heinrich Ulrichs eine gute Sache sind, während ich Dir ausführlich erklärt habe, warum jemand, der Homosexuelle als Frauen in Männerkörper verstanden wissen wollte, nichts zur Emanzipation, sondern nur zu einer anderen Form der Repression beigetragen hat. Aber Du hattest wohl immer zu viel zu tun, um mal ein Argument zu formulieren.
Ich hätte ihm schreiben wollen: Wir kennen einander nicht persönlich, nur virtuell. Ich denke mir immer, das es zwischen uns keine Meinungsverschiedenheiten gäbe (oder wird mit solchen zumindest entspannt und geradezu gemütlich) umgingen, wenn wir einander persönlich begegneten und bei ein paar Gläsern Trollinger dies und das beredeten. Du würdest merken, denke ich, dass ich kein übler Kerl bin, sondern humorvoll, intelligent, freundlich, verbindlich. Mich wundert, dass Du, zu dessen Beruf das Lesen gehört, das nicht schon meinen Texten entnommen hast, aber sehr wahrscheinlich schreibe ich nicht so gut, wie ich manchmal meine.
Ich hätte ihm schreiben wollen: Es ist wie es ist, sagt Erich Fried. Ich gehe Dir auf die Nerven, und es gibt keinen Grund, warum mich das freuen sollte. Im Gegenteil, es macht mich traurig. Gerade weil Du mir keine Chance gibst, es zu ändern, indem Du mir wirklich zuhörst, mich als einen vielleicht irrenden, aber doch nicht schlechten Menschen wahrnimmst. Mich kränkt das, denn Du bist mir sympathisch (soweit ich Dich virtuell kenne) und ich habe großen Respekt vor Deiner Lebensleistung. Warum verschiedene Meinungen nicht Anlass zu Diskussion, sondern zu Wut und Verbitterung sein sollen, verstehe ich nicht. Nicht bei jemandem wie uns beiden.
So oder so ähnlich wollte ich ihm schreiben. Das hat sich erübrigt. Denn heute schreibt er mir: das war´s dann. ich habe keine lust auf dialog mit coronaidioten und anarchofaschistischen judenhassern. ein schönes leben noch!
Das also bin ich seiner Meinung nach: ein Coronaidiot und anarchofaschistischer Judenhasser. Der es nicht wert ist, dass man mit ihm redet, ihn von Besserem zu überzeugen versucht. Wie auch, mit solcher Beschreibung hat man jemanden ja bereits so abgewertet, dass er er praktische eine Unperson ist. Da ist kein Dialog von Mensch zu Mensch mehr möglich. (Den es vorher auch schon nicht gab, aber sei’s drum.) Wer kritische Fragen zur sogenannten Corona-Krise stellt, mag ja ein Idiot sein, und Idioten können harmlos sein. Aber ein Judenhasser, das ist das Unterste vom Untersten, da Widerlichste vom Widerlichen, fast schon kein Mensch mehr, sondern politisches Ungeziefer. (Wobei der Ausdruck „anarchofaschistisch“ mich an die stalinistische Vokabel „hitlertrotzkistisch“ erinnert: Je absurde der Vorwurf, weil er Unvereinbares vereint, desto besinnungsloser die Wut, die sich damit ausdrückt.)
Nochmals: Es ist, wie es ist. Wer mich verabscheuen möchte, möge das tun, seine Gründe dafür wird er schon irgendwie finden. (Und wenn er sie erfinden muss.) Wer nicht mir reden will, braucht das nicht. Wer nichts von mir lesen will, muss das nicht. (Ich bin nicht Schullektüre.) Ich verliere ich ungern „Freunde“, schätze aber klare Verhältnisse. In diesen Krisenzeiten haben sich viele, denen ich mehr zugetraut hätte, als konformistisch, opportunistisch, autoritätstshörig, hysterisch und dummschwätzerisch erwiesen. Es tut mir leid, dass sie mich nicht als Vorbild für kritische Haltung, unabhängiges Denken, gelassene Rationalität und leidenschaftliche Gegnerschaft gegen Lüge und Unterdrückung nehmen konnten oder wollten. Es ist ja auch nichts Neues, dass viele, gerade Deutsche, absolut durchdrehen, wenn man im „Nahostkonflikt“ nicht die Partei der Zionisten ergreift. Es ist, wie es ist. Es gibt eigentlich keinen Grund, warum ich mich über die Gegnerschaft der moralischen erben der Nazis und Bolschewiken grämem sollte. (Wer sich in Sachen Biopolitik und Kolonialismus in diese Traditionslinie stellen möchte, soll das ohne mich tun.) Ich bin schon froh, dass sie mich (derzeit) nicht vergasen oder per Genickschuss erledigen können. Wenn von den Freunden des Staates und der Unterwerfung nicht ermordet, sondern nur als quermeinender Quatschkopf und dialogunwerter Untermensch abgewertet und virtuell eliminiert zu werden, schon ein schönes Leben ist, dann habe ich das. Danke.

Freitag, 21. Mai 2021

Glosse LXXXII

Nahostkonflikt. Ein zweifellos sehr sinnvoller Ausdruck. (Wie „Ukrainekonflikt“.) Man spricht ja auch vom „Ersten“ und „Zweiten Weltkonflikt“, vom „Dreißigjähringen Konflikt“ oder vom „Konflikt gegen das Virus“.

Verhandlungslösung

Eine Verhandlungslösung muss her! Ein großartiger Einfall. Seltsam, dass da nicht schon früher jemand darauf gekommen ist. Vertreter der Konfliktparteien setzen sich an einen Tisch, jeder erklärt dem anderen, was er will, und zum Schluss wird eine schöne Kompromisslösung gefunden. So einfach, so wirkungsvoll. Hätte man längst machen sollen.
Zugegeben, zuerst sehen die Positionen womöglich verhärtet und unvereinbar aus. Während die eine Seite „Tod den Arabern“ zu krakeelen pflegt, schwärmt die andere von der Beseitigung des Staates Israel. Schwierig, da einen Mittelweg zu finden. Vielleicht nur ein bisschen Völkermord und ein bisschen Judenstaat? Hm.
Trotzdem, Verhandlungen sind wichtig. Hätten die Polen mal mit den Deutschen verhandelt, statt den Warschauer Aufstand zu machen, das Großdeutsche Reich hätte nicht aus purer Selbstverteidigung die Stadt dem Erdboden gleichmachen und rund 150.000 Zivilisten massakrieren müssen.
Friedliche Lösungen müssen gefunden werden! Vor allem, wenn die einen die anderen überfallen, vertrieben, entrechtet, entwürdigt, unterdrückt, beraubt und getötet haben und diese sich trotzdem partout nicht in Luft auflösen wollen, sondern mit ihrem Anspruch auf Überleben doch glatt das Existenzrecht eines ethnisch reinen, weil unethisch gesäuberten Staates in Frage stellen. Da muss ihnen bei Verhandlungen klar gemacht werden, dass das Festhaltenwollen an altmodischen Konzepten wie Recht und Anstand Terrorismus ist ― nicht ein guter Terrorismus wie der Zionisten, mit dem sie ihre Staatsgründung erzwangen, sondern ein böser Terrorismus, eine hilflose, ungeschickte und sich selbst ins Unrecht setzende Strategie von Habenichtsen.
Man kann schließlich über alles verhandeln, nur nicht über die Fakten, die die eine, die mächtigere Seite, bereits gesetzt hat und noch setzen will. Im Grunde haben die israelischen Politiker ja gar nichts gegen einen Palästinenserstaat, er soll nur eben nicht gerade auf dem Gebiet vom Palästina existieren (weil das einfach zu Großisrael gehören muss, alles andere wäre ein zweiter Holocaust). Wie wäre es also mit Grönland, jetzt wo die USA es doch nicht kaufen wollen? Das Problem mit den dort leider vorhandenen Grönländern müsste selbstverständlich auf dem Verhandlungsweg gelöst werden. Vielleicht kann man sie ja überzeugen, nach Madagaskar auszuwandern.

Donnerstag, 20. Mai 2021

Glosse LXXXI

in einer Bühnenfassung des Orwell-Romans „Schöne neue Welt“ Also d e n Roman von Orwell hätte ich für mein Leben gern gelesen!

Mittwoch, 19. Mai 2021

Glosse LXXX

Er nahm das Buch und riss jede zweite Seite heraus. Das wäre dann aber jedes Blatt, also eigentlich das ganze Buch (bis auf den Einband), denn selbst wenn sie leer und sogar unpaginiert wäre, wäre jede Seite vor der zweiten mit dieser so untrennbar zu einem Blatt verbunden, dass nicht einmal ein Blatt Papier dazwischenpasste.

Sonntag, 9. Mai 2021

Beträchtliche Mehrheit, verfemte Minderheit

Der Widerspruch fällt ihnen überhaupt nicht auf. Sie verklären zur selben Zeit, sozusagen in einem Atemzug, Sophie Scholl ― und hetzen gegen „Coronaleugner“.
Einer schreibt sogar: „Man wird niemals an der traurigen Wahrheit vorbeikommen, dass eine zeitweise beträchtliche Mehrheit der Deutschen das Regime mittrug, es unterstützte oder ihm gar zujubelte. Aktiver Widerstand gegen Adolf Hitler war die Sache einer verfemten Minderheit. (Joachim Käppner: Die Mutige, Süddeutsche Zeitung, 9. Mai 2021) Beträchtliche Mehrheit, verfemte Minderheit, da klingelt nichts?
Der Einwand wird lauten: Das kann man überhaupt nicht vergleichen, die Weiße Rose widerstand dem Dritten Reich, die Coronaleugner seien aber selbst rechts, zum Teil sogar Nazis.
Ist das so oder gehört das zu dem, was die Propaganda der beträchtlichen Mehrheit einredet? So wie die NS-Medien verkündeten, es handle sich bei den Widerstandskämpfern um Volksverräter?
Ja, es gibt Esoteriker und Nazis unter denen, die gegen das hegemoniale Narrativ auftreten. Daraus folgt nicht, dass jeder, der die offizielle Darstellung und die daraus abgeleiteten „Maßnahmen“ skeptisch sieht und kritisiert, ein rechter Spinner ist. Ja, es gab im Widerstand gegen das NS-Regime auch Kommunisten, aber daraus folgt nicht, dass jeder, der gegen Hitler war, dessen Diktatur durch die Stalins ersetzt wissen wollte.
Man lobt an Sophie Scholl den Mut zur Wahrheit. Zu Recht. Wo ist heute diese Mut zu finden? Bei denen, die alles nachschwatzen, was Politik und Medien ihnen vorsagen? Die glauben, „die da oben“ würden schon alles richtig machen? Man müsse nur durchhalten und auf die Wunderwaffen, pardon, die Vakzine vertrauen? Oder bei denen, die kritische Fragen stellen? Die offizielle Zahlen vergleichen und in Verhältnisse setzen? Die sich nicht von Bildern manipulieren lassen, sondern auf rationalen Diskurs vertrauen? (Wozu übrigens auch gehört, nicht alles, was man vor der „Krise“ über Kontrollgesellschaft, Biopolitik und Medikalisierung der Gesellschaft wusste oder wissen konnte, plötzlich zu ignorieren.)
Sophie Scholl wurde nicht deshalb hingerichtet, weil sie sagte, was man heute gern hört, sondern weil sie damals sagte, was auch heute viele nicht wahrhaben wollen: Dass der Staat im Unrecht ist, wenn er die Bevölkerung drangsaliert, dass „Gesundheit“ („Rassenreinheit“) kein Wert an sich ist, dass Wahrheit, Würde, Freiheit wichtiger sind als die Eroberung neuer Märkte. Egal, ob eine hundertjährige Sophie Scholl heutzutage fürs oder gegens Impfen wäre, mit ihren Idealen, für die sie ihr Leben einsetzte und verlor, ist der derzeitige Umgang mit sogenannten „Coronaleugnern“ unvereinbar.

Samstag, 8. Mai 2021

Es ist mir nun wirklich kein Trost, dass ich Recht behalten haben werde, wenn es zu spät sein wird.

Montag, 3. Mai 2021

Kommt erst das Fressen, dann die Moral?

Die Frage ist gut gestellt: „Wovon lebt der Mensch?“ Und die Antwort ist schön schonungslos: „Nur dadurch lebt der Mensch, dass er so gründlich vergessen kann, dass er ein Mensch doch ist.“ Indem er nämlich „stündlich den Menschen peinigt, auszieht, anfällt, abwürgt und frisst.“ Der Mensch lebt also vom Menschen, aber nicht etwa dadurch, dass die Menschen zusammenarbeiten, einander beistehen und sich um einander kümmern, sondern erschreckenderweise dadurch, dass die Menschen gegen einander wirken, einander bekämpfen, ausbeuten und einander die Lebensgrundlage entziehen. Das ist jedenfalls die These, die man dem Finale des zweiten Akts von Bert Brechts „Dreigroschenoper“ entnehmen kann.
„Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“: Diese Sentenz ist wahrscheinlich Brechts bekanntester Satz (wenn er denn von ihm ist, was bei Brecht, der sich gern bei anderen bediente, nie ganz sicher sein dürfte). Hier wird auf den Punkt gebracht, was sowohl einer gewissen alltäglichen Erfahrung als auch der materialistischen Weltanschauung zu entsprechen scheint, dass man nämlich zuerst die körperlichen Grundbedürfnisse befriedigen können muss und sich dann erst mit Fragen nach gut und Böse, Recht und Unrecht beschäftigen kann. Wer nicht isst, verhungert, und wer tot ist, braucht auch keine Moral mehr.
Allerdings erlaubt der Text auch eine andere Lesart. Das Fressen steht dabei nicht nur für die Sicherung eines funktionierenden Stoffwechsels, sondern für die real existierenden gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen jeder gegen jeden steht und in denen die einen die anderen missbrauchen, ausbeuten und geradezu aufzehren, um hernach diese grauenvollen Zustände mit „Moral“ zu verbrämen; einer Moral, die diese Verhältnisse als alternativlos und gerechtfertigt hinstellt und jedes Aufbegehren verwirft.
Nun ist es erstens unzweifelhaft, dass man essen und trinken muss, um zu überleben. Zum anderen ist es offensichtlich, dass Ausbeutung, Zerstörung der natürlichen Ressourcen und Ablenkung von der Realität durch Bespaßung und Indoktrination das herrschende politische, ökonomische und kulturelle System bilden. Freilich ist es nicht „der“ Mensch, der seine Menschlichkeit „vergisst“, sondern eine Klassengesellschaft (deren Effekt zudem Rassismus ist) organisiert das Gegeneinander ihrer Subjekte zwecks Profitmaximierung.
Dass Brecht nun aber einerseits vom Vergessen der Menschlichkeit spricht, ohne den Kapitalismus direkt anzusprechen und andererseits den Vorrang des „Fressens“ (und damit des Gefressenwerdens) behauptet, ja als gegeben und damit wohl „natürlich“ rechtfertigt, verweist auf die Schwachstelle seiner Argumentation ― sofern man einem literarischen Text überhaupt eine argumentative Kohärenz abverlangen will.
Denn was ist das Fressen nun: Das, was die Menschen brauchen, bevor sie mit Moral behelligt werden dürfen, die ohnehin nur dazu da ist, sie von der Verwirklichung ihres Rechts auf Befriedigung ihre grundlegenden natürlichen Bedürfnisse abzuhalten? Das wäre die Deutung, die sich aus der Forderung ergibt: „Erst muss es möglich sein auch armen Leuten, vom großen Brotlaib sich ihr Teil zu schneiden.“ Oder ist das Fressen nur ein Teil des Kampfes aller gegen alle, des Peinigens, Ausziehens, Abwürgens und Verschlingens, kurzum: des Vergessens der Menschlichkeit?
Die Formel „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“ ist also zwar prägnant aber uneindeutig. Der behauptete Materialismus ist doppeldeutig. Die Behauptung eines Vorrangs des Fressens kann als „zynische“ Tatsachenfeststellung des Ausbeuters wie auch als revolutionäre Forderung des Ausgebeuteten gesagt werden. Und darum kollidiert der Satz mit der Moral, die er voraussetzt. Denn er ist vor allem eines Anklage: So ist es, aber so soll es nicht sein! Das sagt er nicht ausdrücklich, dass soll der Hörer (oder Leser) explizieren. Ansonsten wäre das ganze Unterfangen „Dreigroschenoper“ sinnlos und diente nur zu Unterhaltungszwecken.
Brecht will aber, dass die Verhältnisse sich ändern. Gerade darum hat er sich ja dem Marxismus als einer materialistischen Ideologie und militanten Praxis zugewandt, in den Jahren nach der „Dreigroschenoper“ noch stärker als zuvor.
Nur dass aus dem bloßen Materialismus eben keine Forderung nach einer Veränderung, einer Verbesserung der ungerechten Verhältnisse abgeleitet werden kann. Ja nicht einmal das Unrecht selbst kann als solches erfasst werden. Materialismus kann nur sagen: So ist es. Ethik und Recht bleiben ihm äußerlich, sind darum aus marxistischer Sicht ja auch bloße Instrumente im Klassenkampf. Der Kapitalist sagt: Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral, mit anderen Worten: Was schert mich euer Elend, erst kommen meine Profite, dann die schönen Worte! Der Proletarier sagt: Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral, mit anderen Worten: Her mit der Revolution, wir wollen gut leben, dazu ist jedes Mittel recht! ― Wer von beiden im „Recht“ ist, lässt sich mit materialistischen Mitteln nicht entscheiden.
Doch dass aus dem Materialismus keine Unterscheidung von Recht und Unrecht, Gut und Böse anzuleiten ist, man setze denn einen bestimmten Klassenstandpunkt willkürlicherweise absolut, stört freilich dann nicht weiter, wenn es in der Praxis passenderweise immer der eigene Standpunkt ist, der universelle Geltung beanspruchen darf, und man zudem seine völlig unmaterialistische (weil ein Seinsollen behauptende) Parteiergreifung auch noch mit einer säkularen Geschichtstheologie verbrämen kann, wonach die eigene Sache als Sache eigentlich aller (Gutwilligen), sich am Ende unbedingt durchsetzen muss.
Doch ganz ungeachtet marxistischen Unfugs bleibt das Problem: Das Fressen und Gefressenwerden kann nur dann als Unrecht erkannt, beklagt, angeklagt und eine Änderung der Verhältnisse gefordert werden, wenn dabei eine „Moral“ (oder Ethik) vorausgesetzt wird, die von der Brechtschen Formel doch gerade als sekundär behauptet wird. Nur wenn die armen Leute zu Recht ihren Teil vom großen Brotlaib schneiden wollen, kann der Umstand, dass sie es unter den gegeben Bedingungen nicht können, kritisiert, verworfen und bekämpft werden.
Nochmals: aus dem Materialismus, aus der bloßen Feststellung „So ist es“ lässt sich kein „So soll es nicht sein“ ableiten. Die Leute hungern? Na und? Sie revoltieren gegen den Hunger? Meinetwegen, aber mit demselben Recht schlagen andere die Revolte nieder. Es gelten Ursache und Wirkung (gern auch „das Recht des Stärkeren“ genannt), aber nicht Recht und Unrecht. Es bedarf eines ethischen Kriteriums, damit die anklagende ― und daraus folgend: die kämpferische ― Haltung überhaupt möglich, geschweige denn gerechtfertigt ist.
Insofern lässt sich die Brechtsche Sequenz anders formulieren, weniger prägnant, aber der Wirklichkeit angemessener: Erst kommt die Moral, dann das Fressen, erst muss geklärt werden, dass es ein Grundrecht auf Befriedigung grundlegender Bedürfnisse gibt, dann muss dafür gesorgt werden, dass diese Moral zu Formen des Miteinanders führt, die jede Ausbeutung, jede Benachteiligung, jede Entwürdigung ausschließen.

Sonntag, 2. Mai 2021

Kritisch zu denken, so wie ich es verstehe, läuft darauf hinaus, es sich nach und nach mit jedem zu verderben, auch mit sich selbst.

Freitag, 30. April 2021

Dienstag, 27. April 2021

Glosse LXXIX

Ach, all ihr „Dschornalisten“, „Dschornalistinnen“ und andere Hirnzwerge, hört doch bitte auf, von Webseiten zu plappern. „Site“ bedeutet „Ort“ oder „Stelle“. „Seite“ hingegen heißt auf Englisch „page“.

Sonntag, 18. April 2021

Über „Handyhalterungen“

„Handyhalterungen fürs Fahrrad können klobig sein und einfach unschön aussehen!“

Oft macht mich unerbetene Reklame (und ich kenne gar keine andere) auf ungeahnte Nöte und Sorgen im Leben anderer Leute aufmerksam. Nie hätte ich nämlich gedacht, dass man auch beim Fahrradfahren sein Mobiltelephon dabeihaben muss, obwohl das, wenn ich darüber nachdenke, eigentlich völlig selbstverständlich ist. Was denn sonst! Wenn man sich radelnd vom Gerät entfernte, hieße das ja, dass man es nicht dabei hat, und ohne es geht es nicht. Also für mich schon, ich nütze weder Fahrrad noch Mobiltelephon, aber wer bin ich schon. Die meisten anderen, eigentlich alle, dürfen sich, soweit ich das mitbekomme, nicht allzu weit entfernen von dem Ding, von dem sie technisch, psychisch und anscheinend zunehmend auch physisch abhängig sind.
Mensch und Maschine in Symbiose. Wobei das ein ungleiches Miteinander ist, bei dem das tote Ding die angeblichen Möglichkeiten verkörpert, die sich die lebendige Wirklichkeit unterordnen. Wer ist noch Herr (oder Herrin) des Geräts? Wer schon Knecht (oder Magd)?
Weil man es also immer dabei haben muss, wird man auch damit gesehen und sieht sich selbst dabei, wie man von anderen gesehen wird. Etwa beim Radfahren, wo man die Hände nicht frei haben soll, und darum das eine Gerät mit dem anderen verbinden wollen wird. Klobig und unschön geht da gar nicht! Schließlich handelt es sich eben nicht um eine Frage bloßer Zweckmäßigkeit, sondern um bewusste und nachhaltig zu gestaltende Lebensweisen. Man muss dem Ding Respekt erweisen, es hat verdient, dass man dafür Geld ausgibt. Nur so kann man zeigen, dass man bei der Selbstoptimierung mitzuhalten versteht. Zum Glück gibt es dafür Lösungen, die man kaufen kann. Und schon hat man ein gutes Gewissen und eine zierliche und schöne Halterung!

Notiz zu Schreiben und Tippen

Es fing damit an, dass sie aufhörten zu schreiben, um nur noch tippten. Den Unterschied begriffen sie nicht, und wenn doch, dann als Fortschritt oder einfach als Zug der Zeit. Was sollte man machen, es galt immerhin, Geräte zu bedienen. So war es ja auch einfacher und schneller. Wer irgendwo stand, ging, saß und dabei tippte, fiel nicht auf; wer irgendwo saß und schrieb, war schon ungewöhnlich.
Auch und vielleicht gerade die, als deren Beruf das Schreiben galt, nicht bloß das Zusammenstellen von Texten aus Versatzstücken, das Texten zwecks gewerblicher oder behördlicher Informationsweitergabe, sondern das schöne Schreiben, das Schreiben um der Wahrheit willen ― auch die Akademiker und Belletristen also tippten nur noch. Viele verstanden schon nicht mehr, worum es ging, hielten das für austauschbar, für unterschiedslos, mit freilich einem deutlichen Vorteil an Zweckmäßigkeit beim Gebrauch der Tastatur an Stelle eines Griffels. Textbearbeitung, früher ein Vorgang des Schreibens und Überschreibens und Neuschreibens, erwies sich als so viel einfacher mit Klick und Klack, mit einem Zug der Maus, mit dem Speichern von Versionen.
Reaktionär, sentimental, selbststilisierend muss demgegenüber vorkommen, wer am Gebrauch der Handschrift festhielt oder ihn neu zu entdecken vorgab. Ein Luxus für wenige (obwohl doch alle ihn einmal erlernt hatten). Der Handel kam dem immer weiter entgegen, und je armseliger und schulkindlicher das Angebot an einfachem Schreibgerät, Heften, Blöcken und so weiter wurde, desto aufwendiger und womöglich teurer wurden Notizbücher, Briefpapiere und Kolbenfüller.

Freitag, 16. April 2021

Ein Versuch über das Kaffeehaus

Es begann, wie es immer begonnen hatte, er saß im Kaffeehaus, trank Tee, las und schrieb. Das heißt, er saß in Wirklichkeit nicht im Kaffeehaus, es gab ja gewissermaßen gar keine Kaffeehäuser, er stellte sich nur vor, in einem zu sitzen, Tee zu trinken, zu lesen und zu schreiben. Er schrieb aber auf, dass er im Kaffeehaus saß, Tee trank, las und schrieb, und damit war es dann sozusagen Wirklichkeit, dass er im Kaffeehaus saß, Tee trank, las und schrieb, zumindest war es nicht weniger wirklich als er selbst, der er doch auch nur etwas Geschriebenes war.
Ich schreibe er, damit man das Geschriebene für Literatur hält. Schriebe ich ich, verwechselte man mich wohl leichter mit mir. Gewiss, auch ihn könnte man mit mir verwechseln, aber vielleicht nicht so leicht, denn über ihn kann ich manches schreiben, was ihn als jemand anderen als mich erscheinen lässt, was ich aber über mich oder vielmehr den, den ich jeweils ich nenne, nicht schreiben kann, weil man mich sonst erst recht für mich statt für ihn hielte. So oder so, auch ich bin, wenn ich über mich schreibe, nur ein Geschriebener.
Ich saß also im Kaffeehaus, trank Tee, las und schrieb. Oder ich stellte mir zumindest vor, im Kaffeehaus zu sein, Tee zu trinken, zu lesen und zu schreiben. Zumindest habe ich das geschrieben.
Wenn ich aus irgendeinem Grund schon zu lange nicht in einem Kaffeehaus war, stelle ich mir zuweilen vor, in einem Kaffeehaus zu sein. In einem, in dem ich schon einmal war, oder einem, das ich zu diesem Zweck erfinde. Manchmal geht das eine mit dem anderen eine Verbindung ein.
Er stellte sich vor, in dem Kaffeehaus neben den königlichen Gärten in Venedig zu sitzen, Tee und frisch gepressten Orangensaft zu trinken, zu schreiben und zu lesen. Er genoss die Erinnerung an das schöne, recht neue und vom winterlichen Tageslicht angenehm erhellte Kaffeehaus, durch dessen bodentiefe Fenster man auf das Markus-Becken sehen konnte, wobei einem leider der schwimmende Anleger des Dampfbötchens und ein paar Verkaufshütten den Blick auf die Georgsinsel und das Alte Zollgebäude verstellten. Er stellte sich vor, dass der Blick nicht verstellt würde und frei über das glitzernde Wasser der Lagune schweifen könnte. Er genoss diese Vorstellung. Aber auch so war es schön gewesen, erinnerte er sich, dort zu sitzen, Tee und frisch gepressten Orangensaft zu trinken, zu lesen und zu schreiben.
Ich sitze nicht im Kaffeehaus und so weiter und so fort, ich stelle es mir bloß vor und schreibe darüber. Ich schreibe oft über Kaffeehäuser. Wahrscheinlich sogar zu viel. In dem, was ich bisher so alles geschrieben habe, sitzt immer mal wieder jemand im Kaffeehaus, oft Tee trinkend, lesend und schreibend. Immer mal wieder. Geradezu zwanghaft. Als wären für mich Literatur und Kaffeehaus eine feste Verbindung eingegangen. Immer schon. Fast alle Einfälle zu Romanen, die ich dann nicht oder nicht zu Ende geschrieben habe, hatte ich in Kaffeehäusern. Ich bin ein Kaffeehausliterat.
Er war ein Kaffeehausliterat. Er schrieb, wenn er schrieb, im Kaffeehaus. Sagte er. Mehr, als dass er schrieb, redete er freilich bloß darüber, dass er schreiben werde. Oder was andere geschrieben hätten oder schreiben hätten sollen. Er ging ins Kaffeehaus um der Literatur willen. Um zu schreiben und nicht zu schreiben, vor allem aber, um zu reden. Oft las er auch im Kaffeehaus, Zeitungen sowieso, vor allem die sogenannten Feuilletons, die heutzutage oft mit Kultur überschrieben waren und von Kino, Fernsehen und Internet berichteten, sämtlich Literaturbeilagen, die noch existierten, und alle einschlägigen Zeitschriften, sofern sie greifbar waren, was selten der Fall war. Zu Hause las er nur Bücher. Bücher las er auch im Kaffeehaus, aber oft kam er nicht zum Lesen, weil er mit jemandem redete. Nicht nur über Literatur, aber vorzugsweise über Literatur. Literatur und Kaffeehaus, das gehörte für ihn zusammen. Ob es solche Kaffeehausliteraten wirklich noch gab?
Ich gehe nie ins Kaffeehaus, um Kaffee zu trinken. Ich trinke nicht gern Kaffee. Ich bin ein Teetrinker. Ich gehe selten ins Kaffeehaus, um nicht zu lesen und nicht zu schreiben. Wenn ich ins Kaffeehaus gehe, habe ich fast immer etwas zum Lesen und zum Schreiben dabei.
Das Kaffeehaus ist nicht immer ein guter Ort zum Lesen. Manche Kaffeehäuser sind zu unruhig, zu laut, als dass ich in ihnen lesen könnte, allenfalls Zeitungen, aber ich lese fast nie Zeitungen im Kaffeehaus, die überlasse ich anderen. Ich halte mich lieber an das mitgebrachte Buch oder die mitgebrachten Bücher. Oft, wenn ich ein Buch kaufe oder eines aus einer Bibliothek leihe, sage ich mir: So, jetzt gehe ich in ein Kaffeehaus und fange an, dieses Buch zu lesen.
Das Kaffeehaus ist ein guter Ort zum Schreiben. Im Kaffeehaus fällt mir immer etwas ein. Wenn mir einmal doch nichts einfällt, schreibe ich darüber, dass mir nichts einfällt, und schon fällt mir dazu viel ein. Ich notiere dies und das, oft kleine Beobachtungen, wie sie sich wahrscheinlich nicht nur im Kaffeehaus machen ließen, aber die ich eben dort mache.
Er beobachtete im Kaffeehaus Menschen. Nicht um sie zu studieren, ethnologisch, soziologisch, psychologisch oder womöglich, um ihre Eigenarten irgendwann irgendwie literarische zu verwerten, sondern bloß, um sich zu vergewissern, dass sie sind, wie sie sind. Dass junge Männer hübsch sind oder nicht hübsch genug. Dass Frauen zwitschern, gackern, gurren und krächzen, was misogyne Beschreibungen sind, die er gern notierte. Dass den beiden wuchtigen Kellnern mit den schönen schwarzen Bärten nur nur die Schabbesdeckeln fehlen, damit sie aussähen wie konservative Rabbiner. Dass der Piccolo blass und pickelig ist, aber überraschend geschickt, wenn er ein volles Tablett balanciert, und übrigens auch ein liebes Lächeln hat, wenn man ihn mit einem Scherz zum Lachen bringt. Dass es die feinen alten Damen immer noch gibt, die miteinander über Oper und Burgtheater plaudern. Dass der kleine amerikanische Junge Torte in sich hineinschaufelt und dabei mit der Gabel hantiert, als wäre es seine erste und niemand habe ihm gezeigt, wie man sie manierlich hält. Dass am Nebentisch einer mit seinen politischen Kontakten oder Urlaubsreisen oder Bauprojekten angibt oder mit allem zusammen, während der ehemalige Schulkollege, den er beeindrucken möchte, anscheinend bloß Lehrer geworden ist; wenn der Angeber aufs Klo geht, verlangt der Lehrer die Rechnung und wird dann sagen, er müsse jetzt los, aber man sollte sich unbedingt mal wieder treffen. Kurzum, all diese völlig belanglosen Beobachtungen, an die man, wenn man denn wollte, Geschichten knüpfen könnte, die man aber vorderhand nur aufschreibt, um irgendetwas geschrieben zu haben, als man im Kaffeehaus saß.
Manchmal treffe ich mich mit jemandem im Kaffeehaus. Dann beobachte ich fast nichts (und lese und schreibe nichts), weil ich mich ganz der Person widme, die mir gegenübersitzt. Nur den Kellner behalte ich ab und zu im Auge, wenn ich etwas bestellen will. Ein zweites, drittes Kännchen Tee oder ein Bier. Oder ein zweites, drittes Bier.
Er saß gern im Kaffeehaus, trank Tee, las und schrieb. Er saß gern im Kaffeehaus, trank Bier und redete und hörte zu. Das Kaffeehaus war ein guter Ort zum Reden. Ein gutes Kaffeehaus war überhaupt ein guter Ort. Kein Ort, an dem man wohnt, aber einer, an dem man sich wohlfühlen möchte. Behagen und Fremdheit in schönstem Gleichgewicht. Man ist zu Gast, aber verfügt frei über sich selbst. Das gefiel ihm.
Er ging gern immer wieder in die Kaffeehäuser, die er schon kannte, oft seit vielen Jahren, er probierte aber auch immer gern neue Kaffeehäuser aus, nicht nur auf Reisen. Unwohl fühlte er sich in einer fremden Stadt, wenn er kein Kaffeehaus fand, wo er sitzen und Tee trinken, lesen und schreiben mochte. Dann waren Museumscafés oft seine Rettung. Dort immerhin konnte man vor oder nach oder vor und nach dem Schauen Tee trinken, lesen und schreiben. Gute Museen mochte er ebenso gern wie gute Kaffeehäuser. Museum und Kaffeehaus gehörten für ihn fast so fest zusammen wie Kaffeehaus und Literatur (oder Literatur und Museum). Eine Stadt ohne Kaffeehauskultur war keine Stadt, in der er sich wohlfühlen konnte.
Ich schreibe gern im Kaffeehaus, aber ich schreibe fast nie über Kaffeehäuser, um ihre Eigenarten zu beschreiben, ich verfasse ja keine Reiseführer. Ich schreibe auf, was mir gerade einfällt. Als Kaffeehausliterat notiere ich mir, was ich für mich und das, was ich noch zu schreiben vorhabe, brauchen zu können meine. Auch mein Versuch über das Kaffeehaus kann also nur mein Versuch sein, eigenwillig, ohne jeden Anspruch auf Verallgemeinerbarkeit, Vollständigkeit oder etwas Drittes, das mir gerade nicht einfällt. Bloß ein Versuch also, Fremdheit und Behagen auszubalancieren. Ich hätte diesen Versuch gern im Kaffeehaus geschrieben, zum Beispiel in dem schönen, hellen neben den königlichen Gärten in Venedig, durch dessen bodentiefe Fenster der Blick frei über das glitzernde Wasser des Markus-Beckens hinüber zur Georgsinsel und dem Alten Zollgebäude schauen könnte, wenn einem der schwimmende Anleger des Dampfbötchens und ein paar Verkaufshütten den Blick nicht verstellten. Ich stelle mir vor, ich hätte es getan. Ich wäre dort gesessen, hätte Tee getrunken (und frisch gepressten Orangensaft), hätte gelesen und geschrieben. Wenigstens habe ich es geschrieben.

Erschienen auch in Litera[r]t | April 2021 | Seite 8.

Mittwoch, 14. April 2021

Glosse LXXVIII

… Handlungen verschiedener Aktoren … Da doch wohl klar sein sollte, dass „Aktoren“ nur ein Blähwort für „Handelnde“ ist, geht es also bloß um Handlungen von Handelnden, und es bleibt ein Geheimnis des sprachmächtigen Großdenkers, was zum Teufel eigentlich Handlungen von Nichthandelnden wären, egal, ob diese nun verschieden oder dieselben sind.

Sonntag, 11. April 2021

Glosse LXXVII

Dein Wohnzimmer wird zum dschüm, sagt die Reklametussi im Reklamefilmchen. Und so sehr derlei auch in den Ohren schmerzt, ist es andererseits doch erfreulich, dass dem Fanatismus in der Verwendung englischer Wörter immer noch keine Liebe zu deren halbwegs korrekter Aussprache entspricht.

Samstag, 10. April 2021

Verrückt oder ganz normal?

Sind denn alle verrückt geworden? Den Eindruck könnte man haben. Aber sie sind nicht verrückt geworden, sie waren es vorher schon. Schon vorher waren sie Konformisten und orientierten sich bei der Ausgestaltung ihres ach so individualistischen Lebensstils an dem, was sie für die Praktiken und die Erwartungen anderer hielten. Schon vorher waren sie leichtgläubig und ließen sich von „Medien“ „informieren“, deren Geschäftsmodell Affirmation des Bestehenden und Ablenkung davon durch Unterhaltung und oberflächliche und lückenhafte Berichterstattung war. Schon vorher waren sie, die sich immer für selbständig, gar kritisch hielten, autoritätshörig und jederzeit bereits, sich der Obrigkeit zu unterwerfen. Schon vorher wollten sie glauben, dass die Politiker, deren Unvermögen und kleinliche Gier unübersehbar waren, irgendwie doch das Beste für alle wollten, und das das „repräsentative“ System, in dem der Einzelne nichts, intermediäre Instanzen, die fest im Griff von Einflüsterern stehen, alles zu entscheiden haben, das unüberbietbar beste politische System sei. Schon vorher vertrauten sie einerseits der Apparate- und Klassenmedizin ihr Leben an, hofften aber zugleich auf diese und jene exotische Scharlatanerie, was sie heute zu willigen Opfern und Nachplapperern einer in der Sache hilflosen, in der Deutung aber aber vollmundigen Expertenclique macht. Schon vorher pflegten sie einen rücksichtslosen Lebensstil (Automobil, Fernreisen, Wasser, Energie, Müll) und gaben vor, auf technologische Innovationen zu warten, die die Probleme lösen würden, die es ohne das allgemeine Fehlverhalten gar nicht gäbe. Schon vorher interessierten sie sich nicht für die Menschen außerhalb ihrer Kreise, nicht für Armut und Ausbeutung, Elend und Vergiftung, Unbildung und Perspektivlosigkeit. Schon vorher forderten sie „Solidarität“, wenn sie Konformität meinten, und verwarfen Kritik als Spinnerei und Terrorismus.
Darum ist die „Normalität“, zu der sie zurückwollen, nie normal gewesen, sondern war immer schon ein universelles Irresein. Die Leute sind nicht verrückt geworden, sondern die verrückten Zustände, die sie zuließen und betrieben, haben lediglich einen gewissen Wandel erfahren. Dasselbe Personal hat in derselben Anstalt nur neue Zwangsjacken verteilt und die Gummizellen kleiner gemacht. Aber nach wie vor gelten die, die sich einen Rest Vernunft bewahrt haben, als besonders gefährliche Irre.

Montag, 5. April 2021

Wellenverbrecher

Sollte stimmen, was „die Medien“ gerne berichten, dass nämlich eine Mehrheit der Bevölkerung für noch härtere Maßnahmen ist, so wäre das nicht überraschend und sehr bezeichnend. Die Politiker und ihre Handlanger in den Massenmedien haben den Leuten monatelang nicht nur eingehämmert, sie würden von einer „Welle“ bedroht, sondern es sei möglich und notwendig, diese zu brechen. Zwei Phantasmen, das einer tödlichen Bedrohung und das von deren Abwendung durch Zwang und Unterdrückung, verbinden sich. Da dürfen die immer noch nicht verstummten Stimmen nichts gelten, die sagen, so schlimm stehe es gar nicht, jedenfalls nicht schlimmer als sonst bei der saisonalen Ausbreitung von Infektionskrankheiten, und staatliche Maßnahmen seien nachweislich nutzlos, aber schädlich.
Realität und Wissenschaft, die diese nüchtern beschreibt, gelten nichts, wenn man eine Überwirklichkeit will, die von Szenarien, Modellen, Prognosen und düsteren Prophezeiungen gestützt wird.
Dies ist offenkundig die Stunde der Aufwiegler, nicht der Abwiegler. Aber nicht gegen Unterdrückung, Ausbeutung, Verdummung und Zerstörung wird aufgewiegelt, sondern dafür. Wer Schlimmes vorhersagt wird weit eher gehört als der, der beruhigen kann, sofern sich mit der Vorhersagen nur die Feststellung der Notwendigkeit das Kasteiung verbindet.
Ja, die Leute wollen wohl, dass ihre Grundrechte eingeschränkt werden, dass sie gegängelt werden, dass man ihnen vorschreibt, wo sie wann sein dürfen und welchem „hygienischen“ Regularien und medizinischen Eingriffen sie sich zu unterwerfen haben. So sehr das moderne Individuum immer auf seiner Freiheit bestand, als Mitglied des Kollektivs war ihm diese Freiheit immer unangenehm, glaubte es immer schon an die Unentbehrlichkeit von Regeln, die Erlaubtes von Unerlaubtem scharf Scheiden und Fehlverhalten sanktionieren; das moderne Individuum und der moderne Staat gehören zusammen. Das Zusammenleben darf eben nicht von Sitte und Herkommen, Vernunft und Takt bestimmt werden, sondern, so die klassische Formel des Liberalismus, die Freiheit des einen hört dort auf, wo die des anderen anfängt, was ja nur heißt, dass ich die Bedingung der Unfreiheit des anderen bin und umgekehrt er die der meinen: Jeder gegen jeden und der Staat über allen.
Wo kämen wir denn da hin, wenn jeder machte, was er wollte! Freiheit ist also Unordnung und Unordnung ist schlecht fürs Geschäft. Oder die Gesundheit. Denn die ist ja bekanntlich das Wichtigste, ohne diesen Wert keine anderen Werte. Wobei gar nicht mehr direkt die Gesundheit des Individuums zählt, sondern die große oder kleine Zahl entscheidet, die sich aus den Messungen und Zählungen und Hochrechnungen ergibt. Denn das ist die biopolitische Wende: Nicht was dieser oder jener in Bezug auf seine Gesundheit oder die von anderen tut oder lässt, sondern was alle Einzelnen insgesamt tun und lassen zusammengerechnet ergibt den Zustand der Gesellschaft, aus dem allenfalls der Status eines Individuums herausgerechnet werden kann.
Der Einzelne weiß sich folglich nicht mehr so sehr davon bedroht, wie er sein Leben führt (das wäre allerdings ein anderes Thema: die Selbstoptimierung) oder was ein anderer Einzelner, mit dem er wirklich zu tun hat, macht oder nicht macht, sondern vor allem davon, ob allgemein ein Wohlverhalten gemäß den jeweiligen Regeln stattfindet. Mit anderen Worten: Gesundheit und deren Bedrohung oder Bewahrung wird abhängig vom Maß der Konformität und Repression in der Gesellschaft.
Hinzukommt die Logik der Verschärfung: Viel hilft viel. Unter der völlig realitätsfernen Prämisse, dass gegenseitige Abschottung samt Schließung von Orten der Begegnung etwas gegen Einfluss haben müsse auf das „Infektionsgeschehen“ (was wissenschaftlich widerlegt ist, um es nochmals zu betonen), wünscht man noch mehr Abschottung und eine lückenlosere Schließung. „Wellenbrechen“ um jeden Preis, also auch, wenn Krieg gegen das Virus mehr kosten sollte als jeder Friedensschluss.
Diese „Logik“ ― möge der Staat uns peinigen, damit uns das Heil werde ― erinnert unweigerlich an die Geißlerzüge aus Pestzeiten, deren völlig fanatisierte Teilnehmer darauf setzten, dass Schmerz und blutige Striemen den Beistand des Himmels erzwingen müssten. Sie wollten das Ende der Pest herbeiführen, auch wenn sie daran zu Grunde gehen sollten. Die Kirche verwarf damals diese Theorie und Praxis. Heute gibt es fast niemanden mehr, der dem biopolitischen Flagellantentum („Wir müssen eben Einschränkungen in Kauf nehmen“) etwas entgegensetzen will.
So wird denn der aktuelle Fanatismus, zusammengerührt aus Bedrohungsangst, Unterdrückungslust, Desinformation, massiven wirtschaftlichen Interessen, staatlichem Machtrausch und vagen medizinischen Versprechungen, zur eigentlichen Welle, die durch die Köpfe der Menschen schwappt und letzte Reste kritischen Denkvermögens herausspült.