Dienstag, 31. August 2021

Über Immantentismus

Immanentisten kommen mir vor wie Gefängnisinsassen, die sich selbst und ihren Mitgefangenen einzureden versuchen, es gebe nichts als das Gefängnis, ein Draußen existiere nicht. Damit müsse man sich abfinden und das Beste daraus zu machen versuchen. Eine Fraktion dieser Insassen möchte gerne mit den wechselnden Gefängnisdirektoren bessere Haftbedingungen aushandeln, wird aber nicht vorgelassen. Petitionen zur Verbesserung der Gefängnisordnung werden verfasst und Unterschriften gesammelt, aber die Wärter werfen all die Zettel achtlos weg, bevor sie ihren Adressaten überhaupt erreichen können. An den tatsächlichen Verhältnissen ändert sich somit nichts. Eine andere Fraktion will die Revolte. Die Wärter sollen überwältigt, der Direktor gestürzt und das Gefängnis von den Gefangenen selbst verwaltet werden. Aber weil dadurch nur die Wärter zu Gefangenen und Gefangene zu Wärtern gemacht würden, änderte auch das nichts an der Wirklichkeit des Gefängnisses, selbst wenn es gelänge.
Die Gegner der Immanentisten, also solche Insassen wie ich, behaupten, dass es sehr wohl ein Draußen gebe und dieses sogar viel wichtiger sei als das Drinnen. Das Streben nach Freiheit begründe die menschliche Würde; sich mit dem Eingesperrrtsein abzufinden, erniedrige und verdumme hingegen. Darum sei jeder Plan für Ausbruch und Flucht zu begrüßen, zu prüfen und, wenn erfolgversprechend, nach Möglichkeit umzusetzen. Lieber wollen wir beim Versuch, in die Freiheit zu gelangen, scheitern, als unsere Unfreiheit für unvermeidlich zu halten.

Montag, 30. August 2021

Einmal mehr über Willensfreiheit

A: Es gibt keinen freien Willen. Was wir wollen, ist durch Naturgesetze festgelegt.
B: So, so. Aber warum erzählen Sie mir das? Wollen Sie mich überzeugen? Was soll das bringen, da ich doch, wenn Sie Recht haben, ohnehin nicht frei bin, meine Überzeugung gemäß diesem oder jenem Argument zu gewinnen, sondern davon überzeugt sein muss, wovon die Naturgesetze mich überzeugt sein lassen wollen.
A: Und ich versuche, Sie zu überzeugen, weil ich das wollen muss!
B: Sehen Sie wenigstens, wie absurd das ist?
A: Nein, wieso?
B: Wenn Sie Recht haben, ist es sinnlos und überflüssig, einander überzeugen zu wollen, weil nichts, was man sagt, etwas bewirken kann, da jeder seine Überzeugungen hat und behält oder ändert, wie er muss. Genau genommen gibt es dann kein „einander überzeugen“ mehr, der Ausdruck ist völlig inhaltsleer. Dann aber ebenso „sich überzeugt haben“ und „von etwas überzeugt sein“. Überzeugungen sind dann nur noch von den Naturgesetzen bedingte, von der Richtigkeit oder Unrichtigkeit einer Argumentation völlig unabhängige Zwangsvorstellungen. Jeder Meinungsaustausch, jedes Für und Wider erübrigt sich. Mag sein, dass eine Überzeugung mit einem Sachverhalt übereinstimmt, vielleicht tut sie es auch nicht. Vom Ergebnis jeder Überprüfung wäre man ja wieder überzeugt, nicht weil es stimmt, sondern weil man davon überzeugt sein muss. Also hat es dann übrigens auch keine Bedeutung mehr, ob Sie in Sachen Willensfreiheit Recht haben oder nicht. Es gibt im Grunde kein Rechthaben mehr, weil zwischen Rechthaben und Unrechthaben kein feststellbarer Unterschied besteht. Mit anderen Worten, wenn Sie mit Ihrer Annahme eines unfreien Willens Recht haben, haben Sie jede Möglichkeit aufgegeben, Recht zu haben.

Sonntag, 8. August 2021

Nur die allerdümmsten Kälber ...

Wenn Demokratie überhaupt für etwas gut ist, dann dafür, zu zeigen, dass die Leute selbst an der ganzen Misere schuld sind. Alle paar Jahre gewährt ihnen die Obrigkeit die Möglichkeit, die Zusammensetzung des Parlamentes zuu bestimmen. Aber statt nun Parteien mit sinnvollen Vorschlägen zu gründen (und dann zu wählen), verlassen sich die Leute auf das bestehende Angebot, akzeptieren völlig lächerliche Kandidatinnen und Kandidaten, diskutieren über abstruse Themen, die nichts mit der Realität zu tun haben, und geben am Ende ihre Stimme ab, die vom System geschluckt wird, sodass in einer stabilen Demokratie immer nur ein allenfalls umdekoriertes weiterso herauskommen kann.

Freitag, 6. August 2021

„Sommerlektüre“

Wie ich dieses Wort hasse! Es ist so grässlich wie die Verstopfung der Buchhandlungen mit sonst im Jahr nicht vorhandenen Kaufwilligen in den Wochen vor Weihnachten. Mir ist schon klar, dass 99,9 Prozent der Buchproduktion Wegwerfware ist. Aber die Bücher, die es sich zu lesen und wiederzulesen lohnt, sind keine Konsumgüter wie Zahnstocher oder Klopapier. Ein gutes Buch ist etwas, in das mehrere Leute viel Arbeit gesteckt haben und an das sie mit Recht die Erwartung knüpfen, der Leser nehme das Ergebnis ernst und gehe entsprechend damit um. Ob nun Belletristik oder Sachbuch: Man sollte lesen, wie man hoffentlich schreibt: um ein anderer zu werden. Aber selbstverständlich lesen die Leute, wie sie Musik hören und Filme glotzen: um sich zu zerstreuen. Um sich abzulenken. Um davon abzulenken, wie falsch sie ihr Leben leben. Ja, ich sagte „falsch“, ich urteile. Ich meine: konformistisch, eingepasst ins System, ein kleines, erbärmliches Rädchen im Herrschaftsgetriebe. Zugegeben, nicht jedes Buch ist ein Beitrag zur Revolution. Nicht jedes Buch verbessert die Welt. Aber man kann es daraufhin lesen. Man kann lesen, um etwas aus seinem Leben zu machen. Etwas, das mehr ist als ein bisschen Spaß und viel Abstumpfung. Dass man irgendwann sterben muss, kann man bedauern, weil man dann vieles nicht gelesen haben wird. Aber warum eigentlich Menschen den Tod fürchten, die ohnehin nichts mit ihrem Leben anzufangen wissen, verstehe ich nicht. Und keine „Sommerlektüre“ wird es mir je verraten können. Nehme ich an.

Montag, 2. August 2021

Nur so ein Gedanke

„In der Philosophie wird kein Resultat erzielt.“ (Karl Jaspers) Nun, wenn ich kein Ergebnis habe, weil ich feststelle, dass es kein Ergebnis geben kann und soll, dann ist das freilich auch ein Ergebnis.