Mittwoch, 29. Mai 2013

„Homo-Adoption“

Dass ich kein Freund der „Homo-Ehe“ bin, setze ich hier einmal als bekannt voraus. Egal, unter welchem Namen und in welcher konkreten gesetzlichen Ausgestaltung: Ich halte nichts davon, dass Männerpaare die konventionellen Beziehungsformen von Heteropaaren imitieren und dafür außer dem mehrheitsgesellschaftlichen Beifall — „Homos sind auch nicht anders“ — auch noch staatliche Anerkennung und Förderung wollen. Ein Beitrag zu einer emanzipatorischen Politik der Lebensweisen ist das meiner Meinung nach nicht. Dies vorausgeschickt, will ich hier auf ein Thema eingehen, das immer nur am Rande der Homo-Ehe-Debatten erscheint, obwohl es mit weniger mit „Partnerschaft“ zu tun hat als vielmehr mit Fragen der Fürsorglichkeit und der Verantwortung für Unmündige. Ich will ein paar Bemerkungen machen zur Adoption von Kindern durch Paare aus zwei Männern oder einzelne Männer, die einem Paar angehören. Mein Thema ist also die boulevardesk so genannte „Homo-Adoption“. (Ob von dem hier Gesagten etwas oder alles auch auf Lesben zutrifft, sollen die und andere entscheiden.)
Die Gegnerinnen und Gegner einer rechtlich abgesicherten Möglichkeit, dass ein Mann, der mit einem Mann zusammenlebt, ein Kind adoptiert (sei es ein leibliches Kind des anderen Mannes, sei es ein von diesem adoptiertes oder sei es das Kind Dritter), bringen immer wieder ein und dasselbe Argument: Kinder brauchen, um gut aufzuwachsen, Vater und Mutter.
Ich will vorläufig gar nicht darauf eingehen, ob dieses Argument sachlich richtig ist oder nicht. Ich will zunächst nur das Augenmerk darauf lenken, was aus diesem Argument folgt. Wenn es nämlich stimmt, dass es dem Kindeswohl widerspricht, wenn ein Kind nicht sowohl bei einem Vater als auch einer Mutter aufwächst, dann müssten eigentlich allen Alleinerziehenden, egal, ob Mann oder Frau, sofort ihre Kinder entzogen werden. Es sei denn, sie ziehen schnellstens mit einer Person des anderen Geschlechts zusammen, die unverzüglich die Funktion des jeweils fehlenden Elternteiles übernehmen muss.
Wenn es stimmt, dass Kinder Vater und Mutter brauchen, um seelisch gesund aufzuwachsen, müssten zudem Scheidungen von Ehepaaren mit Kindern verboten werden. Ja, auch die Trennung von unverheirateten Paaren, die Kinder haben, wäre zu untersagen. Witwen und Witwer müssten, wenn sie unmündige Kinder haben, schleunigst wiederverheiratet oder verpartnert werden. Waisenheime und väterlose Kinderdörfer wären unbedingt  abzuschaffen. All das selbstverständlich im Sinne des Kindeswohls.
Fakt ist, es gibt Männerpaare, die gemeinsam Kinder großziehen, egal, ob ihre Paarbeziehung nun gesetzlich anerkannt und geregelt ist oder nicht. Wer das Adoptionsrecht für Homo-Paare ablehnt, weil zwei Väter zu haben (und womöglich keine Mutter) einem Kind schadet, müsste folgerichtig nicht nur gegen das Adoptieren, sondern gegen das Zusammenleben und Aufziehen von Kindern durch Männerpaare sein, sogar wenn es sich um die leiblichen Kinder dieser Männer handelt. Wenn kein Kind ohne Mama aufwachsen darf, dann hätte die politische Devise zu lauten: Nehmt den Schwuchteln ihre Kinder weg!
Ich denke, es ist klar, was ich hier zu zeigen versuche: Ernst genommen, führt das Argument „Kinder brauchen Papa und Mama“ in gesellschaftlichen Terror. Ich sehe keine Möglichkeit für einen politischen Konsens darüber, dass Alleinerziehenden ihre Kinder weggenommen (oder Ehen aufgedrängt) werden müssen oder dass zwei Männer nicht zusammen ein oder mehrere Kinder großziehen dürfen, und ich sehe auch keine politische Richtung, die derlei derzeit fordert.
Wenn es aber erlaubt ist, dass Kinder ohne Vater oder ohne Mutter aufwachsen, wenn es erlaubt ist, dass dies ohne Verrechtlichung geschieht, dann muss es auch erlaubt sein, dass das Kümmern um ein „fremdes“ Kind, das ja bereits in großer Zahl stattfindet, auch gesetzlich anerkannt und die Annahme an Kindes Statt entsprechend ermöglicht wird. Nämlich gerade zum Wohle des Kindes, für das rechtlich abgesicherte Verhältnisse wohl besser sind als rechtlich prekäre.
Kurzum: Das Papa-Mama-Argument führt in die Irre. Wenn es sachlich richtig wäre, müssten um des Kindeswohles willen massive Eingriffe ins Privatleben sehr vieler Menschen geschehen. Das will niemand. Und im Übrigen ist es schlicht sachlich falsch. Zwei Männer (oder zwei Frauen) können einem Kind genau so gute oder schlechte Eltern sein wie ein Heteropaar auch.

Gewiss, die rein zahlenmäßigen Verhältnisse mögen sehr verschieden und darum nicht zu vergleichen sein. Aber während solch grässliche Fälle praktisch täglich als Untaten von Heteropaaren vermeldet werden, hört man nie etwas von schwulen Paaren, die ihre Kinder körperlich oder seelisch misshandeln oder verhungern lassen oder beim Selbstmord mit in den Tod nehmen. Die eigenen Kinder als Eigentum zu betrachten, über das beliebig verfügt werden kann, das scheint eine Spezialität von Mama-Papa-Eltern zu sein. Und da will man ausgerechnet Väterpaaren (und Mütterpaaren) das Adoptionsrecht verweigern? Kinder brauchen Fürsorge und Respekt. Wer immer ihnen das bieten kann, soll es tun dürfen.

Aufgeschnappt (bei einem Prinzen)

Egal wer, was, wie du bist, wir sind alle Menschen.

 Lukas Podolski (Fußballspieler)

Sonntag, 26. Mai 2013

Ein Blogger und der Rassismus

„Niemand hat rechte Thesen ins Gespräch gebracht.“ Hoppla, die Parallele zum berühmt-berüchtigten „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“, fällt dem Blogger „Steven Milverton“ offensichtlich nicht auf; er schreibt einfach munter drauf los: „Niemand hat rechte Thesen ins Gespräch gebracht. Die Forderung lautet, sich mit diesen Thesen auseinander zu setzten, um da, wo die Rechten puren Populismus betreiben, diesen als solchen zu entlarven, und da, wo die Rechten mit echten Inhalten aufwarten, diese differenziert zu analysieren und mit eigenen Vorstellungen zu kontern. Dazu muss man aber über diese Thesen reden. Das ist etwas anderes, als ein ins Gespräch bringen, (…)“
Das ist falsch. Ins Gespräch bringen oder darüber reden ist gehupft wie gesprungen. Zumal über die Thesen von „Pro Köln“ und anderen rechten Gruppierungen längst alles gesagt. Sie sind indiskutabel. Rassismus ist indiskutabel.
„Steven Milverton“ aber sieht Diskussionsbedarf. Allerdings darf nicht so diskutiert werden, wie es ihm nicht genehm ist: „Ein zuverlässiger und vorhersehbarer Mechanismus wird in Gang gesetzt, dessen Ziel es ist, die aus dem vorigen Jahrhundert herübergerettete Hegemonie und den damit verbundenen, aus der alternativen Szene und dem linken politischen Spektrum der neunziger Jahr übernommenen Interpretationsrahmen für Gut und Böse zu verteidigen.“
Ach ja, die üble alte Hegemonie der Linken. Für diese merkwürdigen Leute und die von ihnen Verführten ist Rassismus tatsächlich böse und Antirassismus gut. Was für ein grotesker Interpretationsrahmen! Und so oldschool. Zuverlässig und vorhersehbar auf rechtes Gedankengut allergisch zu reagieren, das ist doch total out. Heutzutage liebäugelt man lieber mal auch mit dem rechten Rand.
Bei „Steven Milverton“ heißt das: „Ich könnte mir vorstellen, dass der Versuch, einen Menschen dort abzuholen, wo er steht, erfolgversprechender ist, als ihn einfach nur für seinen Standpunkt zu beschimpfen.“
Nun, ich hingegen könnte mir vorstellen, dass Rassisten Rassisten zu nennen, egal, ob das nun erfolgversprechend ist oder als Beschimpfung verstanden wird, schlicht das menschlich Anständige ist, während jeder Versuch, den Leuten in ihrem Alltagsrassismus entgegenzukommen schlechterdings unanständig ist.
Darum komme ich auch der Bitte von „Steven Milverton“ — „Hält man mir beispielsweise vorhält ich wäre rassistisch, dann wäre es hilfreich, wenn einmal streng entlang der Bedeutung des Begriffs Rassismus argumentiert würde, wo ich mich rassistisch geäußert haben soll.“ — gerne nach.
In seinem „Jahrelange Versäumnisse“ überschrieben Blog-Text schreibt „Steven Milverton“: „(…) wenn aus dem rechten politischen Spektrum gegen schwule Menschen geredet oder gehandelt wird, führt dies zu großer Empörung. Bemerkenswert an dieser Empörung ist allein ihre Reflexartigkeit — eine fundierte inhaltliche Auseinandersetzung findet sind [gemeint ist wohl: nicht, Anm.] statt, jedenfalls nicht außerhalb elitärer Kränzchen.“
Das ist falsch. Es stimmt einfach nicht, dass es keine fundierte Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit gäbe, es sei denn, „Steven Milverton“ erklärt alles, was es zum Beispiel an antirassistischer Kritik gibt, zur Äußerung von „elitären Kränzchen“. (Dass sich zum Beispiel GLADT als ein solches versteht, wage ich zu bezweifeln.) Selbstverständlich gibt es seit langem viele fundierte Auseinandersetzungen mit rechtem Gedankengut (sofern man da von „Gedanken“ sprechen kann) und rechtem Handeln, gerade auch von Schwulen und Lesben. Das zu ignorieren bzw. als „elitär“ abzuwerten, ist bereits Teil der von „Steven Milverton“ betriebenen anti-linken und pro-rechten Strategie. Er fährt nach dem oben Zitierten fort:
„Hingegen: Ist verbale oder physische Gewalt islamisch motiviert (oder wird einfach nur mit dem Islam begründet), bleibt die Empörung aus.“
Das ist ebenfalls falsch. Sowohl die Mainstream-Medien wie leider oft genug auch solche Medien, die sich als Sprachrohre einer LGBT-Community verstehen, tragen dazu bei, das Phantom des migrantisch-muslimisch-homophoben Gewalttäters zu erzeugen und zu verbreiten. Ist ein mutmaßlicher Täter einer berichteten Gewalttat mutmaßlich oder erwiesenermaßen „nicht deutsch“, wird das eher erwähnt, als wenn er „deutsch“ ist. Gerade daran entzündet sich ja immer wieder antirassistische Kritik.
Doch wie gesagt, jenes unheimliche Wesen, das zugleich Migrant, Moslem, Homophober und Gewalttäter ist und regelmäßig Homos bedroht oder attackiert, ist ein Phantom. Wie beim Yeti, den kleinen grünen Männchen oder dem Ungeheuer von Loch Ness will zwar immer mal wieder jemand derlei gesichtet haben, aber überzeugende Beweise gibt es nicht. Gewiss, anders als bei Yeti und Nessi ist es nicht nur möglich, sondern sogar wahrscheinlich, dass irgendwo Menschen existieren, die sowohl schwulenfeindlich sind als auch keine deutschen Staatsbürger, die sowohl in Wort und Tat gegen Schwule vorgehen als auch dem Islam anhängen, ja es ist sogar ziemlich sicher, dass man Leute finden wird, auf die alle vier Kriterien zutreffen: Migrationshintergrund, Islam, Homophobie, Gewalt. Es ist nur so, dass erstens diese Leute, wenn man sie denn identifizieren könnte, keine geschlossene und schon gar keine gesellschaftlich relevante Gruppe darstellen würden; und dass zweitens die einzelnen Bestandteile der Konstruktion keine notwendige Verbindung haben: nicht jeder Migrant ist ein Moslem, nicht jeder Moslem ist homophob, nicht jeder, der Schwule missachtet, schlägt auch zu.
Man muss „Steven Milverton“ zu Gute halten, dass er in den hier zitierten Blog-Texten nicht ausdrücklich von „Migranten“ spricht. Das lässt er Markus Danuser tun, den er mit den Worten zitiert: „(…) auch im toleranten Köln gibt es immer wieder Gewalt gegen Lesben und Schwule, und das zumindest subjektive Empfinden der Betroffenen ist dabei oft, dass die Täter mehrheitlich einen Migrationshintergrund haben und/oder aus islamisch geprägten Milieus stammen.“ Auch ohne also selbst antimigrantische Töne von sich zu geben, spielt „Steven Milverton“ doch unüberhörbar die alte Leier vom Fremden, auf den sich so herrlich Angst und Hass projizieren lassen, wobei es im Effekt egal ist, ob dabei dessen von einer unterstellten deutschen Normalität abweichende Herkunft oder die abweichende Religionsangehörigkeit oder beides hervorgehoben wird. Milieu ist Milieu, und wehe, es ist undeutsch geprägt!
„Steven Milverton“ möchte gern zwischen „purem Populismus“ und „echten Inhalten“ von „Pro Köln“ unterscheiden. Das daraus nichts werden kann, versteht sich eigentlich für jeden halbwegs intelligenten Menschen von selbst. Vielleicht aber glaubt „Steven Milverton“ ja, offener Rassismus (also gegen Migranten zu sein) sei populistisch, sein mit „Pro Köln“ geteilter Antiislamismus (also gegen Muslime zu sein) hingegen sei ein „echter Inhalt“. Vielleicht legt er deshalb sein Phantom etwas anders an. Nicht der Migrationshintergrund steht bei ihm im Vordergrund, sondern die Religion. Das macht es freilich nicht besser und schon gar nicht realistischer. Denn was man sich unter „islamisch motivierter oder einfach nur mit dem Islam begründeter“ verbaler oder physischer Gewalt vorzustellen hat, bleibt völlig offen. Auf welche Fälle bezieht „Steven Milverton“ sich da? Wie groß ist ihre Zahl, was waren die näheren Umstände?
Dazu kein Wort. Es wird einfach so getan, als gäbe es diese „muslimische Gewalt“ gegen Homosexuelle, als wäre der Umstand, dass jemand Moslem ist, die Ursache homophoben Denkens und Handelns. Dass das so nicht der Fall sein kann, zeigt eine einfache Überlegung: In Deutschland leben rund vier Millionen Muslime und Musliminnen. Also müsste es, wenn jeder Moslem schwulenfeindlich und von seiner Religion zu Gewalt gegen Schwule oder Lesben motiviert wäre, eigentlich jedes Jahr Millionen von verbalen und physischen Angriffen auf Homosexuelle geben. Davon ist aber nichts zu bemerken.
Gewiss, damit soll nicht in Abrede gestellt werden, dass theoretische und praktische Schwulen- und Lesbenfeindlichkeit zuweilen mit religiösen Argumenten begründet wird. Dies allerdings nicht nur bei Muslimen, sondern auch bei Juden und Christen sowie bei der einen oder anderen Richtung des Buddhismus oder Hinduismus. (Auch sind Agnostiker und Atheisten nicht per se homosexuellenfreundlich.) Religiöse Argumentation kann stattfinden oder nicht, ihr kann von anderen Angehörigen derselben Religion oder Konfession widersprochen werden oder nicht — dass aber ein zwingender Zusammenhang zwischen irgendeiner Religionszugehörigkeit und antischwuler und antilesbischenr Gewalt existiert, ist eine offensichtlich und nachweislich falsche Annahme.
Und damit kommt nun bei „Steven Milverton“ der Rassismus ins Spiel. Er konstruiert ein Feindbild. Der Feind glaubt an Gott. Doch obwohl er, wie er oft genug gezeigt hat, eigentlich alle Religionen hasst, schreibt „Steven Milverton“ hier nur von „islamisch motivierter (oder einfach nur mit dem Islam begründeter) verbaler oder physischer Gewalt“. Und dies nicht zufällig oder beispielhaft, sondern gewollt einseitig, da er sich damit ja ausdrücklich auf „Pro Köln“ bezieht. Denn dass die von „Steven Milverton“ und anderen phantasierte „islamisch motivierte Gewalt“ angeblich keine Empörung auslöst, bietet der rechten Truppe vermeintlich eine Chance: „Genau diesen Befund macht sich Pro Köln zu nutze. Pro Köln weiß sehr genau, dass sich die Kritik schwuler Funktionäre und ihrer Verbände auf Stammtischparolen beschränkt.“ Welche Stammtischparolen das sind, sagt „Steven Milverton“ nicht. Vermutlich „Nazis raus“ und „Keine Chance für Rassismus“ …
Ab hier driftet „Steven Milverton“ dann endgültig ins Irreale ab: „Pro Köln spielt sich als Beschützer auf. Pro Köln kann das tun, weil schwule und lesbische Menschen den Eindruck erwecken, sich könnten sich selbst gegen im Islam verwurzelte Schwulenfeindlichkeit nicht wehren. Dass dieser Eindruck entstehen musste ist auf jahrelange Versäumnisse der schwulen Community zurückzuführen.“
Moment mal! Was für eine infame Strategie: Erst erfindet man eine Bedrohung, die es gar nicht gibt, dann greift man die an, die gegen die eingebildete Bedrohung nichts unternehmen wollen. Was wären denn die Versäumnisse der „schwulen Community“ gewesen? „Die einseitige politische Anbindung an die Partei Bündnis 90/Die Grünen hat eine gewisse Betriebsblindheit herbeigeführt und statt einer gründlichen, klaren und vollständigen Analyse des vom Islam ausgehenden Bedrohungspotenzials ist ein Schmusekurs eingeschlagen worden, der letztlich zu einer thematischen Lücke geführt hat. Pro Köln besetzt dieses Thema nun und biedert sich als Retter schwuler Menschen an. Insoweit kann die Antwort nur darin bestehen klarzumachen, und zwar sowohl nach innen als auch nach außen, dass, wenn ich es in Anlehnung an Danuser formulieren darf, der mögliche Zusammenhang zwischen sich in Gewalt entladender Homophobie und der kulturell-religiösen Prägung einzelner Tätergruppen nicht geleugnet wird und dass schwule Menschen sehr wohl in der Lage sind, ihre diesbezüglichen Interessen zu formulieren und zu vertreten. Wenn wir hier der Nachhilfe von Pro Köln bedürften, wäre das mehr als peinlich. Schwule Menschen müssen auch zu diesem Thema endlich sprechfähig werden.“
Nun, dem kann leicht abgeholfen werden. Hier spricht ein „schwuler Mensch“ und sagt: Was die Analyse des islamischen Bedrohungspotenzials betrifft, so lautet diese gründlich, klar und vollständig, dass es ein solches Bedrohungspotenzial nicht gibt. Darum existiert auch keine thematische Lücke. Das Thema lautet Rassismus, und der wird bereits recht lückenlos thematisiert. Der „mögliche Zusammenhang zwischen sich in Gewalt entladender Homophobie und der kulturell-religiösen Prägung einzelner Tätergruppen“ wird auch keineswegs geleugnet, sondern ist seit langem gründlich, klar und vollständig widerlegt.*
Nicht das Phantom des migrantischen, also muslimischen, also homophoben Gewalttäters ist ein wirklich bestehendes gesellschaftliches Problem, sondern die Verbindung von sozialer, wirtschaftlicher, bildungsmäßiger und kultureller Ausgrenzung und Marginalisierung durch die Mehrheitsgesellschaft bildet einen Nährboden von Gewalt, die sich ihre Opfer dann gegebenenfalls auch unter Schwulen und Lesben sucht. Einem depravierten Jugendlichen, der ansonsten keine Perspektiven hat, bleibt unter Umständen immer noch, dass er wenigstens nicht schwul ist. Daraus lässt sich womöglich für den Frustrationsabbau was machen.
Homophobe Gewalt geht also nicht von „den“ Migranten oder auch nur „den“ Muslimen aus, sondern hat komplexe Ursachen. Über die kann man reden. Und es wird ja auch über sie geredet. Doch „Steven Milverton“ ignoriert konsequent jede Gesellschatskritik, wohl weil diese nahezu notwendig links ist.
Das macht „Steven Milverton“ dann auch anfällig für Rassismus. Nicht weil er etwa mit dem Begriff „Rasse“ hantieren oder Menschen ausdrücklich auf ihre Herkunft festlegen und diese abwerten würde. Der hier praktizierte Rassismus ist viel indirekter.
Um es ganz klar zu sagen: Rassistisch ist es, gegen Muslime zu hetzen, indem man diese als homogene Gruppe imaginiert, die eine Bedrohung darstellt. Auf was soll das denn sonst hinauslaufen als auf die Frage: Wir oder die? Entweder müssten alle Muslime gute Atheisten werden wie „Steven Milverton“ oder — ja, was? Was sind denn die „diesbezüglichen Interessen“ der Homosexuellen, die angeblich endlich „formuliert und vertreten“ werden müssen? Alle Muslime raus aus Deutschland?
Mir leuchtet, wenn ich das einwerfen darf, nur ein Interesse „schwuler Menschen“ ein (das sie übrigens, wenig überraschend, mit allen anderen Menschen teilen): In einer gerechten Gesellschaft zu leben, in der niemand ausgebeutet und niemand ausgegrenzt wird — schon gar nicht wegen seiner Herkunft, seinem Glauben oder seiner sexuellen Orientierung. (Wegen politischer Destruktivität aber sehr wohl: Wer gegen „Fremde“ hetzt, gehört ausgegrenzt.)
Im Übrigen sollte man mal festhalten, dass Pro Köln sich selbstverständlich nicht für die Ursachen von Homophobie interessiert. Warum auch? Homophob ist man selber. Worum es geht, ist rassistische Hetze. Weil die aber anti-links ist und sich anti-muslimisch gibt, hat „Steven Milverton“ ein offenes Ohr dafür. Nein, selbstverständlich ist er kein erklärter Pro-Köln-Anhänger. Im Grunde ist ihm der Verein noch zu lasch: „Es geht nicht darum, die Ideen von Pro Köln zu übernehmen. Eigene Ideen sind gefragt, möglichst besser[e,] als Pro Köln sie sich jemals ausdenken könnte.“ Also noch rechter, noch islamfeindlicher, noch rassistischer?
Anders als „Steven Milverton“ glauben machen möchte, gibt es an den „Thesen“ von „Pro Köln“ eigentlich nichts zu diskutieren. Deren Programmatik lautet schlicht: gegen „Islamisierung“, gegen „Asylmissbrauch“ und für Deportationen („Abschiebung“), gegen die Förderung von „Randgruppen“ und deren „unsinnige Projekte“, für die Wiedereinführung der D-Mark, gegen eine EU-Beitritt der Türkei. Die Partei gilt als rechtsextremistisch und rekrutiert ihr Personal in den entsprechenden Organisationen. Und darüber möchte „Steven Milverton“ diskutieren? Was denn?
Ausdrücklich geht es „Steven Milverton“ zwar nur um den Islam und die Bedrohung, die dieser angeblich darstellt, insbesondere für „schwule Menschen“. Indem er aber meint, hier Gedankengut bei „Pro Köln“ aufgreifen und weiterentwickeln zu können, treibt er implizit deren rassistische Projekt voran. Rassismus heißt, zwischen „uns“ und „denen“ zu unterscheiden, „die“ abzuwerten und letztlich abschaffen zu wollen: „Die müssen sterben, damit wir leben könne.“
Zugegeben, es gibt andere Konzepte von Rassismus als das hier von mir skizzierte, an Foucault angelehnte. Aber „die“ Bedeutung „des“ Begriffes, wie „Steven Milverton“ es vielleicht gerne hätte, gibt es ohnehin nicht. Man wird also immer nur entlang der Bedeutung eines bestimmten Begriffes argumentieren können. Das meine ich hier getan zu haben.
„Steven Milverton“ meint, die Antwort auf „Pro Köln“ könne nur darin bestehen, den Rassismus dieses Gesindels implizit zu teilen und explizit ins Antireligiöse zu wenden. Den Rechten aber ist es wurscht, ob es gegen Migranten oder Muslime geht. Das sind nur verschiedene Etiketten für denselben Feind. Immer ist die Devise: Der Fremde muss weg. Man muss schon ziemlich blind oder (antireligiös und antilinks) verblendet sein — oder eben doch am Fremdenhass Gefallen finden —, um hier Diskussionsbedarf zu sehen. Nein, Antirassismus ist kein „langjähriges Versäumnis“ und kein reflexartiger „Abwehrmechanismus“, der Kritik verhindern soll. Im Gegenteil, er ist, ich sagte es schon, eine bewusste Selbstverständlichkeit für alle Anständigen. Mit dem Geschwätz von Rassisten zu liebäugeln, bloß weil diese ihren Feind auch schon mal als Moslem drapieren, ist hingegen schlichtweg unanständig.

* Zur Einführung in die Thematik empfehle ich den von Koray Yilmaz-Günay herausgegebenen Sammelband "Karriere eines konstruierten Gegensatzes: zehn Jahre 'Muslime versus Schwule'" (2011). Mehr über dieses unbedingt lesenswerte Buch (und wo man es bekommt) erfährt man hier.

Montag, 20. Mai 2013

Vermischte Meldungen (9)

150 Jahre deutsche Sozialdemokratie. Das reicht doch. Genug Zeit, um den Irrtum einzusehen und mal etwas anderes zu probieren. Zum Beispiel was ohne Kapitalismus. Nur so als kleine Anregung.

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Die ösiländischen Sozialdemokraten und Sozialdemokratinnen machen es richtig. Ihr Programm, heißt es, werden sie erst nach der im Herbst anstehenden Parlamentswahl beraten und beschließen. Nicht, dass durch solche Zurückhaltung die Politik in Ösiland spannender würde. Aber das Verfahren ist doch auch ein Stück weit ehrlich. Man will den Wähler und die Wählerin nicht mit Inhalten belästigen. Wen interessieren die schon. Darum lautet die implizite Devise folgerichtig: Wählt uns erst einmal schön brav, hinterher merkt ihr dann schon, was wir mit euch vorhaben.

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Apropos ösiländische Sozialdemokratie. Kann es etwas Deprimierenderes geben als die Aussage von Michael Häupl, dem Bürgermeister und SPÖ-Chef von Wien, er sei zutiefst davon überzeugt, dass seine Partei und die ÖVP bei der herbstlichen Nationalratswahl zusammen mehr als die Hälfte der Stimmen bekämen? Nein, ein bescheideneres Ziel, als die (schon derzeit regierende) Große Koalition nicht unter 50 Prozent drücken zu lassen, kann man sich wohl wirklich nicht setzen.

Samstag, 18. Mai 2013

Komm doch von drüben!

Oft verstehe ich ja die Aufregung nicht, die über irgendetwas in der medialen Öffentlichkeit herrscht, diesmal aber ist mir im Gegenteil die allgemeine Abwieglerei unverständlich. Gewiss, was wegen eines unlängst veröffentlichten Buches zweier Springerschreiberlinge über Angela Merkels Jugend in der DDR erzählt wird, taugt nicht zum Skandal. Sofern man unter einem solchen etwas Sensationelles versteht, etwas Besonders, etwas, das nicht sein sollte, dessen Trotzdemsein aber ungewöhnlich und interessant ist. Nein, zu einem Skandal in diesem Sinne bieten Merkels frühe Jahre keinen Stoff.
Sie war wohl eher angepasst, unauffällig, unpolitisch. Jemand, der mitmachte, so weit es nötig war, aber auch nicht mehr. Jemand, der innerhalb des Systems nach dessen Regeln funktionierte. Und genau dieser Konformismus ist der eigentliche Skandal! Über den sich (außer mir) niemand aufregt, weil die Leute ahnen und hoffen, dass sie sich in ähnlicher Situation genauso verhalten hätten. Ohne Überzeugung, ohne Kritik, ohne Widerstand brav sein und nicht mehr als das gerade Nötige tun.
Genau solche Leute braucht jedes politische System. Konformisten sind die unverzichtbare Basis jeder stabilen Herrschaft. Gewiss, autoritäre und totalitäre Regimes verlangen ausdrücklich Zustimmung und sichtbares Engagement, aber nur in den heißen Phasen wird Übertriebenes verlangt, für gewöhnlich genügen Lippenbekenntnisse und Formalien. Der Alltag im „real existierenden Sozialismus“ war so banal und unpolitisch wie der im Westen auch. Die Hunderfünfzigprozentigen, die ja im Grunde bloß Überangepasste waren, mochten lästig sein und als Vertreter der Macht erscheinen, im Grunde waren sie weniger systemrelevant als die Stillen und Lauen. Als die DDR 1989 zerbröselte, geschah das ja nicht, weil es keine Funktionäre oder Aktivisten mehr gab, sondern weil die, die immer still gehalten hatten, plötzlich nicht mehr wollten. (Und am Ende des Zweiten Weltkriegs, anderes Beispiel, hatte Hitler noch Feldmarschälle, Generäle und Gruppenführer in rauen Mengen, woran es fehlte, war das „Menschenmaterial“, die Truppen, die man verheizen konnte.)
Es geht nicht darum, den ehemaligen Insassen der DDR ihre „Biographien“ vorzuhalten und ihnen rückwirkend mehr abzuverlangen, als man von Bewohnern westlicher Gefilde erwarten durfte. Es geht um dieselben Maßstäbe: Hast du dazu beigetragen, dass das System funktionierte, oder nicht? Dass das System „drüben“ seinen alltäglichen Herrschaftanspruch klarer formulierte und erkennbarer durchzusetzen bemüht war als der „freie Westen“, machte Dissidenz dort gewiss einfacher und gefährlicher, aber die ethischen Kriterien bleiben davon unberührt. Hüben wie drüben gilt, dass Überzeugungen, auch falsche, mitunter als Entschuldigungen taugen, dass aber bloßes Mitmachen und Nichtanecken das Schlimmste ist, was man getan haben kann.
Wäre Merkel überzeugte DDR-Sozialistin gewesen und in diesem Sinne aktiv, würde ich ihr das heute nicht ankreiden. Viel schlimmer finde ich, dass sie dumpf und angepasst war wie die überwältigende Mehrheit ihrer Landsleute — und dass sie dadurch das Ganze am Laufen hielt.
Freilich, ein solcher Vorwurf kann in einer Öffentlichkeit kaum formuliert werden, in der, wer Überzeugungen hat, als Störenfried gilt, in der man wegen Visionen zum Arzt geschickt wird und in der „Extremismus“ und „Radikalismus“ Schimpfwörter sind. In der also Mittelmaß und Angepasstheit Ideale sind, in der das Halbgare, Lauwarme und Flüchtige kurzfristig im Mittelpunkt steht und rasch durch Ebensolches ersetzt wird.
Jung-Angela führte ein ganz normales Leben. Mutti macht ganz normale Politik. Darin besteht, sieht das denn keiner?, der eigentlich Skandal!

Dienstag, 14. Mai 2013

Zur Verteidigung der Ehe

Wenn’s nach mir ginge, ich hätte ganz und gar nichts dagegen, wenn man denen, die so lautstark den staatlichen Schutz der Ehe fordern (den sie durch die Umdefinition dieser Institution dahingehend, dass sie auch von zwei Männern oder zwei Frauen geschlossen werden kann, gefährdet sehen) sehr weit entgegenkommt. Nichts leichter als das, das klassische Ehe-Modell durch folgende gesetzliche Regelungen gegen Bedrohungen zu verteidigen:
  • Abschaffung der Ehescheidung;
  • erhebliche Strafen für Ehebruch;
  • Ächtung und womöglich Verbot vor- und außerehelicher heterosexueller Aktivitäten.
Wer diesen Maßnahmen nicht zustimmt, will die herkömmliche Ehe gar nicht schützen. Der halte dann aber bitte auch den Mund, wenn es darum geht, neue Formen von Ehe oder — anders und besser gesagt: — vielfältige Weisen des Zusammenlebens zu gestalten und, wo nötig, zu institutionalisieren.
Dass ich kein Freund der „Homo-Ehe“ bin, ist kein Geheimnis. Staatlich abgesegnete „Partnerschaften“ sind mir ein Gräuel, sie als Standard durchsetzen zu wollen, halte ich für ein reaktionäres, anti-emanzipatorisches Projekt. Aber selbstverständlich traue ich den Verteidigern der konventionellen Normal-Ehe auch nicht über den Weg. Ich halte die meisten von ihnen nämlich für Heuchler, die reinen Wein predigen, aber unsauberes Wasser trinken. Sie müssten schon den von mir genannten „Schutz-Maßnahmen“ zustimmen, um an Glaubwürdigkeit gewinnen zu können. Ich sehe allerdings in der öffentlichen Diskussion niemanden (die Vertreter der offiziellen Linie der römisch-katholischen Kirche ausgenommen), der dafür eintritt. Was folgt daraus?
Wer die Ehe schützen will, ist spät dran. Als Institution ist sie ebenso beliebt wie aufgeweicht. Nicht- und Außereheliches sowie Ehescheidungen sind an der Tagesordnung. Man heiratet zwar noch, weil das üblich ist, aber man nimmt das nicht besonders ernst. Und nun kommen die Berufsschwulen und Berufsleben und fordern eine eigene Eheform (die als „Öffnung“ schöngeredet wird). Da fühlen sich viele rechts überholt. Zu Recht. Wenn ausgerechnet die, die man schrill und abseitig haben wollte, zur Avantgarde kleinbürgerlichen Spießertums geworden sind, was bleibt einem als Normalo dann noch?
Die „konservativen“ Gegner der „Homo-Ehe“ haben kaum Argumente, sondern bloß ein diffuses Gefühl der Verunsicherung und ärgern sich darüber, dass die „Werte“, die sie gepachtet zu haben meinten — Ehe, Familie, Kinderkriegen —, längst auch von Homos realisiert werden. Das (und dazu die Lust, den Regierenden zu widersprechen) erklärt auch die Wut, die zum Beispiel in Frankreich hochkocht, präziser als ein diffuses Gerede von „Homophobie“.
Man sollte, finde ich, die Verwirrung noch erhöhen. Wenn die Ehe, nach Jahrzehnten intelligenter Kritik daran und trotz ihrer faktischen Aushälung in der kollektiven Praxis, plötzlich etwas Gutes ist, dann gibt es keinen Grund, Ehescheidungen zuzulassen. Dann gibt es keinen Grund, Ehebruch nicht strafrechtlich zu verfolgen. Dann muss die „partnerschaftliche“ Sexualität (im Unterschied zur promisken …) strikt auf die Ehe beschränkt werden. Dann gibt es weiters auch keinen Grund, den Moslems und anderen die (polygyne) Mehrehe nicht zu erlauben, was dann, aus Gründen der Gleichberechtigung der Geschlechter, auch die Zulassung von Polyandrie und in der Folge der Gruppenehe geboten erscheinen ließe. Kurzum, wenn die Heiraterei — was ich nach wie vor bezweifle! — etwas Gutes ist, dann kann es doch gar nicht genug davon geben.
All das wird den Verteidigern der klassischen Ehe nicht gefallen. Tja, Pech gehabt. Wer für etwas Falsches eintritt, bekommt auch die falschen Folgen.