Ich verstehe die Leute nicht. Einerseits wollen sie möglichst lange leben, andererseits sind sie dauernd damit beschäftigt, sich die Zeit zu vertreiben. Was denn nun? Wollen sie im Ernst möglichst viel Lebenszeit, um möglichst nichts Sinnvolles damit anzufangen?
BRONIOBLOG
Stefan Broniowski gibt seinen Senf dazu.
Sonntag, 18. Oktober 2026
Über das Reisen
Die Leute reise irgendwohin und kehren als dieselben zurück, die sie vorher schon waren. Das Reisen hat sie überhaupt nicht verändert. So gesehen war es sinnlos. Sie bringen zwar souvernirs mit zurück, Eindrücke oder Dinge ― und besonders gerne Photographien und Filme, die das Erlebnis und die lebendige Erinnerung ersetzen ―, aber das sind Versatzstücke, die nichts besagen, beliebig und unpersönlich.
Sie sind irgendwo hingereist. Sie werden, wenn sie es sich leisten können, wieder irgendwo hinreisen. Die Orte sind geradezu austauschbar. Man war irgendwo, man ist irgendwo, man wird irgendwo sein. Es gibt das Zuhause und drumherum die Fremde, von der man ausschnittsweise vorübergehend Gebrauch macht, gegen Entgelt, weshalb sie eine Ware ist. Reisen gehört zum Lebensstil. Es hat nichts Existenzielles, es ist ein Accessoire, das man sich gönnt.
Fast alle reisen nur, weil andere das machen, und kehren mit dem befriedigenden Gefühl zurück, dass es zu Hause am schönsten ist.
Sie sind irgendwo hingereist. Sie werden, wenn sie es sich leisten können, wieder irgendwo hinreisen. Die Orte sind geradezu austauschbar. Man war irgendwo, man ist irgendwo, man wird irgendwo sein. Es gibt das Zuhause und drumherum die Fremde, von der man ausschnittsweise vorübergehend Gebrauch macht, gegen Entgelt, weshalb sie eine Ware ist. Reisen gehört zum Lebensstil. Es hat nichts Existenzielles, es ist ein Accessoire, das man sich gönnt.
Fast alle reisen nur, weil andere das machen, und kehren mit dem befriedigenden Gefühl zurück, dass es zu Hause am schönsten ist.
Samstag, 17. Oktober 2026
Wie Christen alle bekehren könnten
Die Christen verfügen über ein sehr wirksames, geradezu unwiderstehliches Mittel, um andere Menschen zum Christentum zu bekehren. Sie müssen dazu nur tatsächlich Christen sein, also Gottes Gebote befolgen, wie Christus sie verkündet hat. Erstens also Gott lieben, mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit ihrem ganzen Denken und mit all ihrer Kraft, und zweitens ihren Nächsten wie sich selbst.
Wenn sie Gott wirklich liebten, hätten sie keine Götzen neben ihm (oder statt seiner), allen voran nicht den Mammon (modern gesprochen: den Kapitalismus), aber auch nicht den Spaß, die Geilheit, den Rausch, die Gesundheit, die soziale Anerkennung, die Macht, die Nation, die Klasse usw. (Nichts davon ist für sich genommen böse, aber als Ersatzgott und Gottesersatz wird es teuflisch.)
Wenn sie ihren Nächsten liebten, würden sie einander das Leben leicht machen statt schwer. Sie würden den Hungrigen zu essen und den Durstigen zu trinken geben, die Fremden aufnehmen, die Nackten kleiden, die Kranken und die Gefangenen besuchen. Wenn sie ihren Nächsten liebten, wären sie gegen Ausbeutung, Desinformation, Unbildung und die Schädigung und Zerstörung der Lebensgrundlagen.
Verhielten sich Christen wie Christen, sie würden nicht lügen, nicht stehlen, nicht morden, nicht Unzucht treiben. Sie wären zuversichtlich und freuten sich auf den Weltuntergang mit Christ zweiten Kommen. Und bis dahin wären sie bescheiden und hörten auf Gottes Wort, sie wären barmherzig und hilfreich, kooperativ und konstruktiv, unbeirrbar in der Wahrheit und selbstkritisch.
Jeder würde einen Christen sofort an seinem Verhalten erkennen und sagen: Seht her, der macht es richtig, der ist ehrlich und gerecht, der kümmert sich um seine Mitmenschen, der ist da, wenn man ihn braucht, der spielt sich nicht auf, der packt zu, der ist mit sich im Reinen, und wenn er einmal etwas falsch macht, gibt er es zu und bemüht sich, es beim nächsten Mal richtig zu machen.
Selbstverständlich wäre es nicht nötig, dass alle Christen zu makellosen Heiligen würden und durch sie Zeichen und Wunder geschähen. Es genügte schon (und wäre ein Wunder(, wenn sie sich wirklich an das hielten, was zu glauben sie behaupten. Wobei „Glauben“ eben nicht (wie die protestantische Irrlehre besagt) ein bloßes „Für-wahr-Halten“ sein darf, sondern eine tätige Hingabe an das Gute sein muss. Denn wie Erich Kästner sagte: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Nur gute Taten bezeugen den Glauben, ein Glaube ohne Werke ist leeres Gerede und nicht das, was Gott will.
Lebten die Christen wirklich nach dem Evangelium, wäre die Welt eine andere, eine bessere, und ihr Vorbild würde vielleicht nicht alle, aber doch sehr viele überzeugen. Für das Evangelium zeugen nicht oder nicht in erster Linie Rituale und theologische Folianten; die sind Ausdruck des Glaubens und der Sehnsucht. Um das Evangelium zu den Menschen zu bringen, muss man ihnen die Lehre Christi vorleben und und erklären, ihnen zeigen, wie durch gute Taten ihre Leben besser werden und ihre Herzen leicht.
Lebten die Christen nach dem Evangelium, beteiligten sie sich nicht am Kapitalismus, Konsumismus, Hedonismus. Sie wären gegen Abtreibung und Todesstrafe, gegen Armut und Obdachlosigkeit, gegen Einsamkeit und Vernachlässigung, gegen Verschwendung und Willkür, gegen Kriege und globales Unrecht. Sie fragten nicht: Was macht uns Spaß, lenkt uns ab und betäubt unser Gewissen? Sondern: Was will Gott? Und das versuchten sie zu tun. Das wäre unwiderstehlich.
Wenn sie Gott wirklich liebten, hätten sie keine Götzen neben ihm (oder statt seiner), allen voran nicht den Mammon (modern gesprochen: den Kapitalismus), aber auch nicht den Spaß, die Geilheit, den Rausch, die Gesundheit, die soziale Anerkennung, die Macht, die Nation, die Klasse usw. (Nichts davon ist für sich genommen böse, aber als Ersatzgott und Gottesersatz wird es teuflisch.)
Wenn sie ihren Nächsten liebten, würden sie einander das Leben leicht machen statt schwer. Sie würden den Hungrigen zu essen und den Durstigen zu trinken geben, die Fremden aufnehmen, die Nackten kleiden, die Kranken und die Gefangenen besuchen. Wenn sie ihren Nächsten liebten, wären sie gegen Ausbeutung, Desinformation, Unbildung und die Schädigung und Zerstörung der Lebensgrundlagen.
Verhielten sich Christen wie Christen, sie würden nicht lügen, nicht stehlen, nicht morden, nicht Unzucht treiben. Sie wären zuversichtlich und freuten sich auf den Weltuntergang mit Christ zweiten Kommen. Und bis dahin wären sie bescheiden und hörten auf Gottes Wort, sie wären barmherzig und hilfreich, kooperativ und konstruktiv, unbeirrbar in der Wahrheit und selbstkritisch.
Jeder würde einen Christen sofort an seinem Verhalten erkennen und sagen: Seht her, der macht es richtig, der ist ehrlich und gerecht, der kümmert sich um seine Mitmenschen, der ist da, wenn man ihn braucht, der spielt sich nicht auf, der packt zu, der ist mit sich im Reinen, und wenn er einmal etwas falsch macht, gibt er es zu und bemüht sich, es beim nächsten Mal richtig zu machen.
Selbstverständlich wäre es nicht nötig, dass alle Christen zu makellosen Heiligen würden und durch sie Zeichen und Wunder geschähen. Es genügte schon (und wäre ein Wunder(, wenn sie sich wirklich an das hielten, was zu glauben sie behaupten. Wobei „Glauben“ eben nicht (wie die protestantische Irrlehre besagt) ein bloßes „Für-wahr-Halten“ sein darf, sondern eine tätige Hingabe an das Gute sein muss. Denn wie Erich Kästner sagte: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Nur gute Taten bezeugen den Glauben, ein Glaube ohne Werke ist leeres Gerede und nicht das, was Gott will.
Lebten die Christen wirklich nach dem Evangelium, wäre die Welt eine andere, eine bessere, und ihr Vorbild würde vielleicht nicht alle, aber doch sehr viele überzeugen. Für das Evangelium zeugen nicht oder nicht in erster Linie Rituale und theologische Folianten; die sind Ausdruck des Glaubens und der Sehnsucht. Um das Evangelium zu den Menschen zu bringen, muss man ihnen die Lehre Christi vorleben und und erklären, ihnen zeigen, wie durch gute Taten ihre Leben besser werden und ihre Herzen leicht.
Lebten die Christen nach dem Evangelium, beteiligten sie sich nicht am Kapitalismus, Konsumismus, Hedonismus. Sie wären gegen Abtreibung und Todesstrafe, gegen Armut und Obdachlosigkeit, gegen Einsamkeit und Vernachlässigung, gegen Verschwendung und Willkür, gegen Kriege und globales Unrecht. Sie fragten nicht: Was macht uns Spaß, lenkt uns ab und betäubt unser Gewissen? Sondern: Was will Gott? Und das versuchten sie zu tun. Das wäre unwiderstehlich.
Freitag, 16. Oktober 2026
Marxismus und Sozialismus
Anderthalb Jahrhunderte Marxismus haben nicht nur nicht zu Sozialismus geführt ― jedenfalls zu keinem, der diesen Namen verdient ―, sondern den Begriff des Sozialismus auch noch diskreditiert. Viele verbinden damit Unfreiheit, Enteignung, mangel, Willkür, Gängelung, Unfähigkeit und Versagen. Abseits ihrer verquasten Theorien mit sehr geringem diagnostischen gering und ohne jeden prognostischen Wert, haben Marxisten in der Praxis (also ob sie nun zur Herrschaft gelangten oder nur in opferreichen Kämpfen danach strebten) nur Gewalt zu Stande gebracht, Terror, Unterdrückung, Zerstörung, Lüge und falsche Versprechungen. Der Marxismus hat sich, in all seinen Spielarten, die irgendwo an die Macht kamen, als unfähig und unwillig erwiesen, Gleichheit und Freiheit zuzulassen, Gerechtigkeit zu fördern, menschliche Würde und menschliches leben zu schützen und ohne Propaganda, Manipulation, Drohung und allerhand Arten von Brutalität auszukommen. Der „Sozialismus“, den die Bolschewiki (also der Marxisten à la Lenin, Stalin, Mao, Pol Pot usw.) ihren Untertanen aufzwangen, war keine Vergesellschaftung, sondern eine gewaltsame Verstaatlichung, faktische Eigentümerin der Produktionsmittel war die Partei, also deren oberste Führung. Die so installierte Kommandowirtschaft war so wenig Sozialismus wie ein Konzentrationslager ein Freizeitpark ist. Es ging nicht darum, mittels gemeinsamen Eigentums und gemeinsamen Planens zu Selbstbestimmung und Wohlstand zu gelangen, sondern das Ziel war ausschließlich die Machtdurchsetzung, der Machterhalt, die Machtausweitung einer kleinen, um einen Diktator gescharten Clique. Weil der Marxismus immer schon eine autoritäre Ideologie war, war auch nichts anderes zu erwarten. Marx und Engels fehlten nur die Machtmittel, also im Wesentlichen Bürgerkrieg, Genickschuss und GULag, zur Durchsetzung gegen ihre Feinde, die ihnen zu widersprechen wagten, deshalb mussten sie auf Rhetorik, Verleumdung und Intrige zurückgreifen. Einmal am Ruder aber, nutzt die Marxisten den Staat ohne jedes Bedenken für Massenmord und Versklavung. Das also lehrt die Geschichte: Marxismus und Sozialismus sind unvereinbar.
Mittwoch, 14. Oktober 2026
Flüchtlingskrise, welche Flüchtingskrise?
Was genau ist eigentlich eine „Flüchtlingskrise“? Die Leute verwenden diese Ausdruck, als entspräche ihm eine unbezweifelbare Realität, eine allseits bekannte Tatsache. Wie aber ließe sich derlei überhaupt beobachten? Gar messen? Oder jedenfalls sachgerecht von nicht krisenhaften Phänomenen der Migration unterscheiden?
Geht es denn wirklich um Mengen, um Zahlen? Darum, wie viele Menschen auf der Flucht sind? Wie viele schon irgendwo angekommen sind? Darum, wie viele noch kommen könnten? Welche Zahl wäre in diesem Zusammenhang zu groß, welche zu klein, welche gerade richtig? Lässt sich das denn berechnen? Oder wenigstens begründet schätzen? Inwiefern kommt es auf solche Zahlen überhaupt an? ― Würde man zum Beispiel bei einem Verkehrsunfall mit Verletzten sagen: Nein, das sind jetzt zu viele, die können wir nicht alle versorgen, dafür haben wir nicht genügend Sanitäter, Notärzte, Rettungswagen, Krankenhausbetten, wir legen da also eine Grenze fest, wie wie vielen wir helfen, behandeln vorzugsweise die, die zu uns passen, und der Rest soll erst einmal liegen bleiben und sich vor Ort um sich selbst kümmern? Oder wäre man nicht bemüht, über jede Belastungsgrenze hinaus, Wunden zu versorgen, Schmerzen zu lindern, Leben zu retten?
Geht es bei Flüchtlingen und ihrer Aufnahme denn tatsächlichen um Kapazitäten? Wer erfasst diese, wertet sie im Zusammenhang aus, kann sagen, wo die Höchstgrenzen liegen? Geht es um Unterkünfte, Lebensmittel, Medikamente, Kleidung, Spielzeug? Um alle möglichen Hilfsleistungen? Um Kindergärten und Schulen? Gibt es zu wenig Bibliotheken, Freizeitparks, Zirkusse? Geht es um die Kapazitäten der Bürokratie? Gibt es zu wenig Formulare für alle? Fehlt es an Stempelkissen? Oder sind die verschieden Sprachen ein Problem? Können Flüchtlinge keine Fremdsprachen? Gibt es zu wenig Übersetzer? Sind Übersetzungsprogramme (schriftlich oder akustisch) zu unausgereift?
Wie wäre eine Diskussion darüber rein sachlich zu führen? Wie viele Menschen kann man aufnehmen, wenn wie viele Menschen schon da sind? Wenn eine Gesellschaft so und so reich ist und ihre Infrastruktur in dem und dem Zustand? Wie viel darf ein Mensch, der hierher geflüchtet ist, die Einheimischen kosten? Was ist ihnen sein Leben, seine Würde, sein Wohlergehen wert? Das Geld ist ja offensichtlich da, aber wer hat es und wer will es beschaffen? Viele Fragen und viel Aufwand.
Daran stimmt etwas Grundsätzliches nicht. In der gewöhnlichen Perspektive sind Flüchtlinge passive Objekte der Praktiken und Regeln der Aufnahmegesellschaft. Diese und nur diese definiert Kriterien, Anforderungen, Ziele. Menschen, die es geschafft haben, auf ihrer Flucht Tausende von Kilometern unter unvorstellbar schweren Bedingungen zu bewältigen, werden plötzlich zum handlungsunfähigen und stummen Zuschauern ihres von anderen über sie verfügten Schicksals gemacht. Es gilt die Regel: Man muss diesen Leuten alles vorsagen, vorschreiben, zuweisen. Sie sind lediglich Empfänger. Ihre Bedürfnisse werden von anderen festgelegt, ihre Wünsche und Ängste zählen nicht und ihre Geschichten spielen nur eine Rolle als von anderen interpretierte Elemente eines Verfahrens. Ihren Sprachen gelten nichts, man kann kaum mit ihnen sprechen, schon gar nicht ihnen zuhören. Was sie ab jetzt tun, wird tendenziell als Störung und Bedrohung interpretiert. Was sie sagen, tendenziell als Lüge. Sie sind ein Kostenfaktor. Eine Drohkulisse.
Auf diese Weise werden Umstände und Schwierigkeiten herbeiverwaltet, die es nicht gäbe, wenn die öffentlichen Hände nicht auf Entmündigung und Ignoranz trainiert wären. Schon der Bürger ist den Behörden eine Belästigung und ein abzuwehrender Bittsteller, um wie viel mehr der Fremde, der besser gar nicht hier wäre und nichts zu sagen hat. Es geht auf diese Weise nicht darum, Lösungen zu finden (schon gar nicht gemeinsam), sondern darum, Normen durchzusetzen (koste es, was es wolle).
Eine „Flüchtlingskrise“ ergibt sich also nicht aus einem berechenbaren Übermaß, das auf einen unvorhersehbaren Mangel trifft. Es gibt sie nicht als Tatsache, sondern nur als Interpretation. Die merkbaren Probleme werden nicht von den Hinzukommenden eingeschleppt, sondern beruhen aus dem bereits vorhandenen Staatsversagen und dieses auf dem Unwillen der demokratisch legitimierten Politiker, ein funktionierendes Gemeinwesen für alle zuzulassen. Sie regieren für den Reichtum der Reichen und das Ruhigstellen aller anderen.
„Flüchtlingskrise“ ist eine irrationale Vokabel, die Stimmung machen soll. Es sind einfach zu viele. Die schon da sind und die noch kommen wollen. Viel zu viele. Das schaffen wie nicht. Das kann keiner von uns verlangen. Das überfordert unsere Möglichkeiten. und unsere Bereitschaft. Das nimmt uns etwas weg. Das bereitet uns Unbehagen. Die sind viel zu anders. Da könnte sich etwas für uns ändern.
Geht es denn wirklich um Mengen, um Zahlen? Darum, wie viele Menschen auf der Flucht sind? Wie viele schon irgendwo angekommen sind? Darum, wie viele noch kommen könnten? Welche Zahl wäre in diesem Zusammenhang zu groß, welche zu klein, welche gerade richtig? Lässt sich das denn berechnen? Oder wenigstens begründet schätzen? Inwiefern kommt es auf solche Zahlen überhaupt an? ― Würde man zum Beispiel bei einem Verkehrsunfall mit Verletzten sagen: Nein, das sind jetzt zu viele, die können wir nicht alle versorgen, dafür haben wir nicht genügend Sanitäter, Notärzte, Rettungswagen, Krankenhausbetten, wir legen da also eine Grenze fest, wie wie vielen wir helfen, behandeln vorzugsweise die, die zu uns passen, und der Rest soll erst einmal liegen bleiben und sich vor Ort um sich selbst kümmern? Oder wäre man nicht bemüht, über jede Belastungsgrenze hinaus, Wunden zu versorgen, Schmerzen zu lindern, Leben zu retten?
Geht es bei Flüchtlingen und ihrer Aufnahme denn tatsächlichen um Kapazitäten? Wer erfasst diese, wertet sie im Zusammenhang aus, kann sagen, wo die Höchstgrenzen liegen? Geht es um Unterkünfte, Lebensmittel, Medikamente, Kleidung, Spielzeug? Um alle möglichen Hilfsleistungen? Um Kindergärten und Schulen? Gibt es zu wenig Bibliotheken, Freizeitparks, Zirkusse? Geht es um die Kapazitäten der Bürokratie? Gibt es zu wenig Formulare für alle? Fehlt es an Stempelkissen? Oder sind die verschieden Sprachen ein Problem? Können Flüchtlinge keine Fremdsprachen? Gibt es zu wenig Übersetzer? Sind Übersetzungsprogramme (schriftlich oder akustisch) zu unausgereift?
Wie wäre eine Diskussion darüber rein sachlich zu führen? Wie viele Menschen kann man aufnehmen, wenn wie viele Menschen schon da sind? Wenn eine Gesellschaft so und so reich ist und ihre Infrastruktur in dem und dem Zustand? Wie viel darf ein Mensch, der hierher geflüchtet ist, die Einheimischen kosten? Was ist ihnen sein Leben, seine Würde, sein Wohlergehen wert? Das Geld ist ja offensichtlich da, aber wer hat es und wer will es beschaffen? Viele Fragen und viel Aufwand.
Daran stimmt etwas Grundsätzliches nicht. In der gewöhnlichen Perspektive sind Flüchtlinge passive Objekte der Praktiken und Regeln der Aufnahmegesellschaft. Diese und nur diese definiert Kriterien, Anforderungen, Ziele. Menschen, die es geschafft haben, auf ihrer Flucht Tausende von Kilometern unter unvorstellbar schweren Bedingungen zu bewältigen, werden plötzlich zum handlungsunfähigen und stummen Zuschauern ihres von anderen über sie verfügten Schicksals gemacht. Es gilt die Regel: Man muss diesen Leuten alles vorsagen, vorschreiben, zuweisen. Sie sind lediglich Empfänger. Ihre Bedürfnisse werden von anderen festgelegt, ihre Wünsche und Ängste zählen nicht und ihre Geschichten spielen nur eine Rolle als von anderen interpretierte Elemente eines Verfahrens. Ihren Sprachen gelten nichts, man kann kaum mit ihnen sprechen, schon gar nicht ihnen zuhören. Was sie ab jetzt tun, wird tendenziell als Störung und Bedrohung interpretiert. Was sie sagen, tendenziell als Lüge. Sie sind ein Kostenfaktor. Eine Drohkulisse.
Auf diese Weise werden Umstände und Schwierigkeiten herbeiverwaltet, die es nicht gäbe, wenn die öffentlichen Hände nicht auf Entmündigung und Ignoranz trainiert wären. Schon der Bürger ist den Behörden eine Belästigung und ein abzuwehrender Bittsteller, um wie viel mehr der Fremde, der besser gar nicht hier wäre und nichts zu sagen hat. Es geht auf diese Weise nicht darum, Lösungen zu finden (schon gar nicht gemeinsam), sondern darum, Normen durchzusetzen (koste es, was es wolle).
Eine „Flüchtlingskrise“ ergibt sich also nicht aus einem berechenbaren Übermaß, das auf einen unvorhersehbaren Mangel trifft. Es gibt sie nicht als Tatsache, sondern nur als Interpretation. Die merkbaren Probleme werden nicht von den Hinzukommenden eingeschleppt, sondern beruhen aus dem bereits vorhandenen Staatsversagen und dieses auf dem Unwillen der demokratisch legitimierten Politiker, ein funktionierendes Gemeinwesen für alle zuzulassen. Sie regieren für den Reichtum der Reichen und das Ruhigstellen aller anderen.
„Flüchtlingskrise“ ist eine irrationale Vokabel, die Stimmung machen soll. Es sind einfach zu viele. Die schon da sind und die noch kommen wollen. Viel zu viele. Das schaffen wie nicht. Das kann keiner von uns verlangen. Das überfordert unsere Möglichkeiten. und unsere Bereitschaft. Das nimmt uns etwas weg. Das bereitet uns Unbehagen. Die sind viel zu anders. Da könnte sich etwas für uns ändern.
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