Sonntag, 9. Juni 2024

Warum man unbedingt wählen gehen soll

Wieder einmal verstehe ich die Leute nicht. Geht wählen, sagen sie, das ist wichtig. Geht unbedingt wählen. Selbst wenn ihr keine Partei wählt, sagen sie, sondern ungültig wählt, geht wählen. Wählen zu können, ist ein Privileg, sagen sie. Das muss man nützen. Die Demokratie muss geschützt werden, sagen sie.
Das ist doch absurd. Niemand würde sagen: Geh in den Supermarkt, auch wenn du dort nichts kaufen willst, kauf irgendwas, gib dein Geld aus, Hauptsache, der Supermarkt macht Umsatz und bleibt weiterhin bestehen. So zu reden wäre doch plemplem. Wenn ich keine der Waren des Supermarktes haben will, warum soll ich dann hingehen und irgendwas kaufen? Warum die Existenz des Supermarktes schützen, wenn ich ihn weder will noch brauche?
Ich bin ja gar nicht gegen Demokratie, das habe ich schon oft gesagt. Vor allem nicht, wenn die Alternative Diktatur heißt. (Ich bin ja nicht blöd.) Aber ich bin gegen diese Art von Demokratie, bei der die Leute verdummt und entmündigt werden, gegen ein politisches System, das vorne Mitbestimmung spielt und wo hinten Konzerne und Lobbys die Strippen ziehen.
Selbstverständlich gehen die Leute gern wählen und halten das sogar für eine moralische Pflicht. Es schmeichelt einfach ihrer Eitelkeit, dass sie gefragt werden, und die Illusion, dass sie, zumindest als Masse, irgendetwas entscheiden, erlaubt ihn, großzügig über die Realitäten hinwegzusehen.
Warum aber eine Auswahl zwischen Parteien treffen, von denen keine meinen Minimalanforderungen entspricht – als da wären: offene Grenzen; bedingungsloses Grundeinkommen; uneingeschränkte Unterstützung der Ukraine; keine Geschäfte mit Diktaturen; radikale Umweltschutzmaßnahmen, auch wenn das Konsumverzicht und Profitminderung bedeutet –, warum ja sagen zu einem System, das als Veränderung nur den Aufstieg von Populisten erlaubt, ansonsten aber nur an einem Weiterso interessiert ist, bei dem mal die pseudokonservativen Pappnasen, mal die pseudoprogressiven Pappnasen Regierung spielen (die alle neoliberale Pappnasen sind)?
Das politische System ist falsch („der Supermarkt“), das einem eine Auswahl zwischen verschiedenen Falschheiten nahelegt („diese Scheißware oder jene Scheißware“) und die kaum wahrnehmbaren Unterschiede (bei wie gesagt neoliberaler Grundhaltung) medial zu Debatten aufbläht, die hohler sind als Luftballons.
Ganz grob gesagt: Es gibt nichts zu wählen, wenn das Angebot Scheiße ist, und ohne hin andere bestimmen, wer welche Scheiße fressen muss.
Wählen zu gehen ist also deshalb wichtig, weil man damit beweist, dass man die eigene Lage nicht begreift oder nicht wahr haben will oder ganz zufrieden damit ist, betrogen und ausgebeutet und verdummt und einer Politik unterworfen zu werden, die neben allem anderen auch die eigenen Lebensgrundlagen zerstört. Kein Wunder also, dass neben den Medienkammern in erster Linie auch Politiker und Politikerinnen vor Wahlen ein Trommelfeuer betreiben: Go vote! Go vote“ Go vote! Und ein paar Unmündige und Verhetzte gehen für den Quatsch sogar auf die Straße. Zusammen mit einigen von denen, die die Probleme dieser Welt verursachen (Wirtschaft), sich schützend vor die Verursacher stellen (Politik) und mit Tralala und Blablabal von alle dem Ablenken (Medien, Unterhaltungsindustrie). Ein groteskes Bild, wie die, die etwas ändern könnten, freudig dafür demonstrieren, dass sie das Weiterso und Schlimmergehtimmer wählen dürfen.
Was ist die Alternative? Das kommt darauf an, wer fragt. Eine Alternative zur Massendemokratie könnte die kleinteilige, sich subsidiäre föderierende Basisdemokratie sein. Das setze freilich andere Formen des Wohnens und Wirtschaftens usw. usf voraus. Oder vielmehr, die notwendigen Änderungen Änderungen der Weisen des Zusammenlebens müssten Hand in Hand mit veränderten Formen Entscheidungsfindung und Machtausübung (Herrschaftsvermeidung) gehen.
Zukunftsmusik? Utopie? Spinnerei? Ach, und das Jetzige ist besser?
Manche sagen ja, sehr raffiniert: Geht wählen und wählt demokratische Parteien, damit nicht die Rechtspopulisten (und horribile dictu Rechtsextremen) immer stärker werden. Tut mir leid, aber ich wurde schon mal von demokratischen Parteien regiert und ich muss sagen: Die waren das Problem, nicht die Lösung. Dass klitzekleine Unterschiede zwischen den Nichtrechtspopulisten und den Rechtspopulisten bestehen und ich diese von Grund auf verabscheue, macht jene für mich nicht wählbar. Gerade ihre Politik war und ist es ja, die den Aufstieg des Rechtspopulismus ermöglicht und gefördert hat. Ihre Fremdenfeindlichkeit, beispielsweise, mag gemäßigt und freundlich daherkommen, während der Rassismus von ganz rechts abgrundtief bösartig ist. In der Sache (nicht im Einzelfall) wollen sie dasselbe: Den Leuten nach dem Maul stinken, Ängste vor Überfremdung und Kriminalität schüren, deportieren („abschieben“), Grenzen der Wohlstandszone gegen arme Schlucker zementieren, kurzum, die draußen lassen oder wieder nach draußen schaffen, über deren Existenzrecht nicht diese, sondern eine nationalstaatlich-rassistisch inspirierte Bürokratie entscheidet. Und dem soll ich meine Stimme geben? Nein. Wenn daraufhin die Rechten kurz vorm Fackelzug zur Reichskanzlei stehen, dann finde ich das schrecklich, aber wenn es passiert, dann nicht, weil die nicht genug Leute „demokratisch“ gewählt haben, sondern weil diese Art von Demokratie ohnehin auf Populismus beruht, was in ruhigen Zeiten zur Beruhigung, in aufgeregten Zeiten aber eben zur Aufstachelung genutzt wird. Wenn irgendwann die ekelhaft Dummen in der Mehrheit sind, dann ist das eben so, ich bin ja sowieso nicht dafür, dass die Mehrheit entscheidet.
Es bleibt dabei: Wer wählen geht, ist mitschuldig an der Politik, die gemacht wird. Wer wählen geht, soll sich hinterher nicht beschweren, dass so und so gewählt wurde. Er hat ja eingewilligt, dass es so funktioniert, dass Demokratie Täuschung und Entrechtung zum Zwecke der Aufrechterhaltung der bestehenden Verhältnisse (Ausbeutung, Zerstörung, Verblödung) ist.

Leute (3)

X. erzählte vor vielen Jahren im Nachruf auf den völlig unbedeutenden stalinistischen Parteischriftsteller Y., dass er als Jugendlicher zusammen mit anderen bei diesem zu Hause zu Gast gewesen sei und dessen Geschichten gelauscht habe. Y. habe vom Kommunismus gesprochen und dabei Pfeife geraucht. Den Geruch des Tabaks habe er, X,. als so angenehm empfunden, das er damals beschlossen habe, sich für Kommunismus zu interessieren. Das mag so gewesen sein oder eine putzige Phantasie. Jahrzehnte später noch kein kritisches Verhältnis zur eigenen unpolitischen Irrationalität zu haben, ist freilich ein Armutszeugnis. Wenn Lenin, Trotzki, Stalin, Mao und Pol Pot guten Tabak gepafft hätten, wären Massenmord und Unterdrückung eine gute Sache gewesen? Hätte sie stinkenden Knaster geraucht, dann hätte man den Bolschewismus in Frage stellen müssen?
Inzwischen ist X. auch schon tot. Unsere Freundschaft, wenn es denn eine war, war von ihm schon lange vorher beendet worden. Ich finde es ja traurig, dass mir, wenn ich an ihn denke, ausgerechnet sein dümmlicher Nachruf auf Y. einfällt. Aber was soll ich machen, seine Romane und seine Kurzprosa fand ich immer schon öde und ressentimental, ich mochte ihn weniger als Autor denn als witzigen, gebildeten und nach ein paar Vierteln gemütvollen Menschen. Aber auch das war dann eben irgendwann vorbei. Dass er auch intrigant und beleidigend sein konnte, Menschen für Zwecke benutzte, ignorierte ich lange. Heute ist es mir egal. Schlechte Texte aber bleiben mir lange in ärgerlich Erinnerung.
Herr Y. war mir übrigens von Grund auf unsympathisch, weil er gern „hintenherum“ Leute denunzierte, die seiner Meinung nach nicht auf Linie waren. Begegnet bin ich ihm nur ein einziges Mal, da war er ein wirrer, verbitterter alter Mann, der der Sowjetunion nachtrauerte und gern alle, die in irgendeinem Punkt andere Auffassungen vertraten als er, als „Kanalarbeiter“ bezeichnete. Was mir für einen Kommunisten doch ein ziemlich klassenfeindlicher Ausdruck zu sein schien.

Leute (2)

Um mir zu bestätigen, dass X. der Dummschwätzer ist, für den ich ihn seit langem halte, hätte sein Verlag ihn nicht mit „Was Zeitgenossenschaft bedeuten kann, ist seit Walter Benjamin nicht mehr so eindrucksvoll unter Beweis gestellt worden“ bewerben müssen, mir hätte schon der vorangegangene Hinweis auf „sein stupendes Wissen über sämtliche Trends in Kunst, Kino, Fernsehen, Literatur, Musik, Theater, Theorie und Politik, das bis in die feinsten Verästelungen der Gegenkultur reicht“ genügt. Ich nehme an, „Gegenkultur“ ist das Codewort für Konformismus, und „Zeitgenosse“ bedeutet hier einfach intellektueller Komplize. Stupend!

Donnerstag, 6. Juni 2024

Anzug und Krawatte

Immer wenn ich jemanden in Anzug und Krawatte sehe, frage ich mich: Wer soll betrogen werden? Irgendetwas Unehrliches, zumnest Unechtes ist da doch im Gange, denke ich mir. Schließlich trägt man ein Kostüm nur, um zu verbergen, wer und was man ist, und darzustellen, was und wer man eigentlich nicht ist, aber anderen zeigen will, dass man es doch ist.
Anzug und Krawatte ist nichts praktisch und bequem und in den allermeisten Fällen auch nichts angenehm anzusehen. Zu viele billige Anzüge und grässliche Krawatten sind im Umlauf. Und was die hochpreisigen und maßgeschneiderten Sachen betrifft: Eine teure Lüge ist auch eine Lüge, meist sogar eine schlimmere als eine billige.
Wer wirklich ernst genommen werden will, soll sich mit Wort und Tat beweisen, er hätte es dann nicht nötig, das anerzogene Bedürfnis der Leute nach „Seriosität“ zu befriedigen. Doch der Code funktioniert und wird weiter funktionieren. Sender und Empfänger sind da eines Sinnes.
Anzug und Krawatte sind freilich keine Uniformen. Ich spreche da lieber von Äquiformen. Vergleichbares gibt es bei Frauen, Jugendlichen und Kindern auch. Es geht um Gleichförmigkeit bei großer Vielfalt verschiedener Formen. Obwohl die Sachen alle anders aussehen, sind sie doch alle vom selben Typus ― und sehe im Grunde gleich aus: erwartbar, uninteressant, systemerhaltend.
Undenkbar also, dass Angestellte von Banken und Versicherungen, leitende Beamte, Politiker in offizieller Funktion, gewisse Tefau-Journalisten und „Experten“ usw. usf. nicht Anzug und Krawatte trügen. Also genau die Leute, denen ich auf keinen Fall vertraue.
Anzug und Krawatte signalisieren: Ich bin ein Teil des Systems. Ich passe mich nicht nur an und mache mit, sondern ich unterwerfe mich sogar noch dem absurdesten Reglement. Es gibt auch Männer, die mit Anzug und Krawatte ins Theater oder Konzert gehen. Sie halten das wohl für „gehobene“ Kleidung, dem „feierlichen“ Anlass angemessen. Entsprechend lächerlich ist der betroffene Teil des Kulturbetriebs dann auch. Da kann von Bühne und Podium noch so sehr der Anspruch auf Gesellschaftskritik, gar Umsturz der Verhältnisse wabern, im Publikum sitzen Anzug und Krawatte und lachen die aus, die glauben, mit Kunst etwas anderes verändern zu können als das eigene Einkommen (und das der Vermittler und Verkäufer).

Dienstag, 4. Juni 2024

Zum Toben der Elemente

Bin ich ein schlechter Mensch, weil ich nicht mitjammere, wenn es um die Zerstörungen durch die aktuellen Überflutungen geht? Sicher tun auch mir die Leute leid, die Teile ihres Hab und Guts verloren haben (und die Toten und Verletzten sowieso), aber andereseits gibt es in ihrem Land Versicherungen, öffentliche Hilfen und ein gutes soziales Netz. Anderswo haben Menschen das nicht und sind wirklich arm dran, auch wenn sie schon vorher bettelarm waren. Und dann ist da noch die durchaus auch moralische Frage, ob man nicht durch einen anderen Lebensstil, einen mit weniger wassernaher Verbauung, mit sehr viel weniger Asphalt und Beton und dafür mit mehr Freiraum für Flüsse und Bäche die Wirkung von unerwartet starkem Regen und außerordentlichen Pegelständen zumindest abmildern hätte können. Wenn man denn aus vorausgegangenen Flutkatastrophen etwas hätte lernen wollen.
Ich persönlich sehe die Wassermaßen gern. Mich betreffen sie ja auch nicht. (Mich betrifft aber sehr wohl der oben genannte Lebensstil, der ja auch Energievergeudung, Abgase und Müll umfasst.) Ich nehme Überschwemmungen bevorzugt von der ästhetischen Seite. Und von der, wie soll ich sagen, apokalyptischen. (Apokalypse heißt übrigens Offenbarung und nicht Weltuntergang.) Die Überheblichkeit des Menschen findet da jäh und eindrucksvoll ihre Grenze an der Urgewalt der Elemente. Hin und wieder zeigen eben Feuer, Luft, Wasser und Erde mit Bränden, Stürmen, Fluten, Erdbeben und Vulkanausbrüchen, dass der Mensch nicht Herr der Welt ist. Dass er sich bescheiden sollte und seine Eingriffe und sein Vordringen in das, was er selbst Natur nennt (die Natur selbst weiß nichts von Natur), gefälligst auf ein Mindestmaß zu beschränken hätte. Er hat ja ganz offensichtlich die Folgen seines Größenwahns und seiner Gier nicht im Griff.
Mich befriedigt dieser Gedanke. Ich halte vom Menschen als technischem Weltgestalter nämlich nicht viel, eigentlich gar nichts. Ich bezweifle zwar, dass elementare Katastrophen im engeren Sinn göttliche Strafen sind. Aber Warnungen sind sie. Angebote, doch endlich umzudenken und etwas am Naturverbrauch und Naturumbau zu ändern. Allerdings bezweifle ich auch, dass das in großem Stil passieren wird. Immerhin ist es nicht mit den Kapitalinteressen vereinbar, also nicht mit der Politik, also nicht mit den Medien, also nicht mit der Masse der Leute. Das ist traurig.
Kommt, Elemente, tobt euch aus!