„Hallo!“, rufe ich. Vor mir auf der Mariahilfer Straße gehen eine Frau und ein Mädchen. Ich rufe noch ein paar Mal. Endlich dreht die Frau sich ungehalten um. „Da!“, zeige ich auf den Rucksack des Mädchens. „Der Reißverschluss der Außentasche ist offen. Nicht, dass etwas herausfällt!“ Die Frau ist angenehm überrascht und bedankt sich. ― Manchmal muss man lästig sein, um hilfreich sein zu können.
BRONIOBLOG
Stefan Broniowski gibt seinen Senf dazu.
Donnerstag, 22. Oktober 2026
Unverständnis (2)
Ich verstehe die Leute nicht. Einerseits legen sie viel Wert auf ihre Individualität, andererseits besteht diese dann nur aus lauter Versatzstücken. Die Konsumwelt fordert von einem ein, dass man seinen eigen style habe. Was aber nichts anderes heißt, als die Waren zu erwerben, deren Zusammenstellung (gemäß dem Geldbeutel) einem aktuellen trend entspricht. Selbstverwirklichung durch Entfremdung: Dialektik der Konformität.
Mittwoch, 21. Oktober 2026
Unterwegs (45)
U-Bahn. Eine Frau stellt den Kinderwagen an den vorgesehenen Platz, den an der Wand befestigten Sicherungsgurt verwendet sie nicht. Genau der aber interessierten den kleinen Mann im Kinderwagen (vielleicht ein Jahr alt), vielleicht wegen der leuchtend gelben Farbe, bestimmt aber, weil er sich bewegt. Er greift danach. Die Mutter zieht seinen Arm weg, vielleicht hält sie den Gurt für schmutzig (analog zu Haltegriffen und Haltestangen …). Er greift noch einmal danach, sie zieht wieder seinen Arm weg. Er greift ein drittes Mal, jetzt lässt sie ihm seinen Willen. Er spielt ein bisschen mit dem Gurt, dann spuckt er seinen Schnuller aus und will den Gurt in den Mund stecken. „Nein!“, entfährt es mir. Die Mutter nimmt dem Jungen den Gurt weg und stellt den Wagen so, dass der Kleine den Gurt nicht mehr erreicht. ― Mein scharfes Nein hat mich selbst überrascht. Ich stelle fest, ich habe Elternreflexe. Meinetwegen Onkelreflexe. Beschützerinstinkt halt. Gut so.
Dienstag, 20. Oktober 2026
Le couvre-feu
Ausgangssperren? Das ist die Lösung! Wegen ein paar Randalierern sperrt der Staat einfach die ganze Bevölkerung ganzer Viertel und Städte zwischen acht und sechs Uhr weg. Jetzt können sie in Ruhe Netflix gucken oder Pornos und müssen sich nicht mehr über Politik Gedanken machen. Wer zu Hause bleiben muss, kommt auch mit den Lebenshaltungskosten besser zurecht, zumindest kann er kein Geld für Bistro oder Kino ausgeben. So schützt der Staat die Bürger vor sich selbst, und zwar wie gewohnt, indem er ihre Freiheitsrechte aufhebt (für später). Blöd nur, dass man auch zwischen sechs und acht Uhr plündern und niederbrennen kann. Und wenn bald wieder Winterzeit ist, sind die Feuer im Dunkeln gut zu sehen, und man kommt doch noch mit der Metro nach Hause.
Witz und Wirklichkeit
Das ist sehr lustig. Und völlig falsch. Die Plünderer sind sehr wahrscheinlich nicht die Schüler, die für bessere Bilödung demonstrieren, sondern Kleinkriminelle (oder solche, die es werden wollen), die die Gelegenheit nutzen, einmal nicht mit Louis-Vuitton-Fälschungen aus China, sondern mit dem echten Zeug ein paar Euros zu verdienen. Daran ist nicht viel auszusetzen. Die Hersteller und Verkäufer von Luxusmarken sind, entgegen dem herrschenden Bild, nicht die Verschönerer des Lebens, sondern die Ausbeuter der Ausbeuter. Eine Art von verkürzten Robin Hoods: Sie nehmen von den Reichen und behalten das Geld. Luxuswaren tragen nichts zum gesellschaftlichen Reichtum bei, sie verführen die Leute zu falschen Träumen und sind angesichts des Elends in der Welt unanständig. Wenn gelegentlich die Hoflieferanten der Allzureichen illegal ein bisschen enteignet werden (was bestimmt die Versicherung zahlt und ihnen auch sonst nicht weh tut), ist das beinahe Gerechtigkeit. Und Gerechtigkeit, Freiheit, Würde und Wohlergehen steht auch den Palästinensern zu. Die haben nichts davon, wenn in den teuren Läden teures Zeug rumliegt oder verkauft wird. Wenn Ruhe und Ordnung herrscht und das Rathaus nicht brennt. Wenn es aber zu Revolten in den Metropolen kommt, ist das wenigstens ein Zeichen, dass nicht alles so bleiben muss, wie es scheint, aber gar nicht ist. Diese Plünderungen (die ich als Straftaten nicht gutheiße, ich doch nicht!) sind im Grunde Gegenplünderungen: Gewaltakte gegen eine Welt der Gewalt, Ausdruck berechtigter Frustration, lustvolle Vorgriffe auf bessere Verhältnisse. Im Endeffekt wirkungslos, aber spontan berechtigt. Die Hoffnung bleibt: From the river to the sea never again luxury.
Abonnieren
Posts (Atom)
