Sonntag, 19. Juli 2026

Überlegung zu Schule und Bildung

Man muss lernen, gewiss. Aber braucht es dazu Schule? Vermutlich auch. Doch in welchem Ausmaß und in welcher Form? Die bestehende, um nicht zu sagen: herrschenden Formen, die so erstaunlich üblich sind und kaum Ausnahmen kennen (oder gelten lassen) sind zweifellos an die Erfordernisse der staatlich organisierten Gesellschaft und ihrer Weisen des Wirtschaftens angepasst. Und sollen daran anpassen. Lesen und Schreiben etwa sind nicht zu lernen, um Zugang zur Literatur zu verschaffen (diese ist ja selbst erst Resultat einer Oralität ersetzenden Verbreitung der Schriftlichkeit), sondern durch die Einübung in den Gebrauch von Lettern und Interpunktion soll, wie auch durch Rechnenkönnen und alles technische Wissen, das Funktionieren in fremdbestimmten Arbeits- und Verarbeitungszusammenhängen gewährleistet werden.
Gewiss werden die Kinder auch mit so etwas wie Belletristik, sogar mit bildender Kunst und mit Musik, in Kontakt gebracht. Aber in M;aßen! Auf dass nicht ihr Konformismus und ihr Konsumismus ― der die Unterwerfung unter die Notwendigkeiten des Erwerbslebens zum Gegenstück hat ― Schaden nähme und beeinträchtigt würde, wenn sie Gefallen fänden an eigenständigen Gedanken.
Schule als Anstalt ist Abrichtung für die Zwecke anderer. Nämlich der Herrschenden.
Daher auch das Wuchern der Pädagogik: Elementarpädagogik, Sozialpädagogik, Ernährungspädagogik, Waldpädagogik, Heilpädagogik, Heimpädagogik, Erwachsenenpädagogik usw. usf. Und alles fest in Frauenhand. Weil die Damen nicht gerne schwer arbeiten, aber es lieben, anderen zu sagen, was sie tun sollen.
Gute Schule hätte jedenfalls all dem entgegengesetzt zu sein. Müsste also Anti-Schule sein. Gute Erziehung wäre eine, die Kinder und Jugendlichen zu nichts zwingt, aber zu allem befähigt und ermutigt, was sie kritisch und ablehnend gegen ein System macht, das sie unterdrücken und ausbeuten. Fähigkeiten und Wissen sollen Werkzeuge und Waffen sein bei der nachhaltigen Verweigerung des Weiterso und der Verschlimmerung und beim freudvollen Einsatz für die Verbesserung der Welt.

Samstag, 18. Juli 2026

Notiz über Rassismus

Der südafrikanische Rassismus, der Menschen aus anderen afrikanischen Ländern vertreiben will und schon vertrieben hat, bestätigt leider, was ich immer sage: Rassismus ist keine Frage der Hautfarbe. Es geht nicht darum, wie die sind, die man nicht haben will, sondern dass man sie nicht haben will, bestimmt darüber, wie sie angeblich sind. Welche Merkmale man auswählt, um zu unterscheiden ist arbiträr. Entscheidend ist die Dramatisierung der Unterschiede. Rassismus ist die Konstruktion eines Wir und eines Die: Die müssen weg, damit es uns gut geht. Alles daran ist Lüge: Das Wir, das Die, die Besserung für die Eigenen durch Eliminierung der Fremden. Wahr ist nur das Unrecht und Leid, das dabei erzeugt wird.

Dienstag, 14. Juli 2026

Über Wahrheit, Wissen, Glauben

Man könnte sagen (und hat es gesagt): Ein Fledermaus fliegt selbsttätig durch die Luft, also ist sie ein Vogel. Denn Vögel sind Lebewesen, die selbsttätig durch die Luft fliegen. Ein klares, durchaus sinnvolles Kriterium und ein unbestreitbarer Befund liegen vor, die Sache ist geklärt.
Man könnte sagen (und hat es gesagt): Ein Biber schwimmt selbsttätig durch das und im Wasser, also ist er ein Fisch. Denn Fische sind Lebewesen, die selbsttätig durch das und im Wasser schwimmen. Ein klares, durchaus sinnvolles Kriterium und ein unbestreitbarer Befund liegen vor, die Sache ist geklärt.
Dass man zu anderen Zeiten andere Kriterien anlegte und also die Befunde anders deutete, lag aber nicht an besserer „Einsicht“ in die „wahren Verhältnisse“, sondern an einer anderen Formierung der Wissenschaft. Keineswegs an einer rationaleren oder realistischerem, sondern bloß an einer anderen. Denn dass Vögel fliegen und Fische schwimmen, sind empirische Fakten, und an der Deutung, also sind Fledermäuse Vögel und Biber Fische,ist nichts unvernünftig. „Falsch“ wird diese Deutung erst durch einen Wechsel der Kriterien. Statt sich auf Erfahrung zu verlassen ― „Schau hin, sie fliegt, schau hin, er schwimmt!“ ―, stützte man sich auf anatomisch-physiologische Systembildungen. Das kann man machen, setzt aber die, die es anders gemacht haben in einer umfassenderen, nicht bloß der aktuellen Interpretation verhafteten Sichtweise nicht ins Unrecht.
Es war also nicht so, dass die, die einst in der Fastenzeit Biber trotz des Fleischverbotes essen zu dürfen meinten, weil ein Biber ja ein Fisch sei (und Fisch kein Fleisch sei), betrügen wollten. Sie sahen die Sachlage bloß anders. ― Ganz abgesehen von der Hypothese, Mönche und Nonnen hätten willkürlich ihr Seelenheil aufs Spiel gesetzt, nur um außer Fisch auch Biber essen zu können. Das ist genauso absurd wie die Deutung der schwäbischen Maultaschen als „Hergottsbscheißerle“; also ob die Kleriker nicht bedacht hätten, dass das verbotene Fleisch in einer Teighülle zu verstecken, gegenüber einem allwissenden Gott nicht funktionieren könne, selbst wenn sie überhaupt, warum auch immer, hätten „bescheißen“ wollen.
Die These, dass eine zoologische „Wahrheit“ von Kriterien abhängig sein könnte, die innerhalb eines jeweils so oder so gestalteten wissenschaftlichen Beschäftigungszusammenhanges angewandt oder nicht angewandt werden, ist eine arge Zumutung für die, die auf die absolute Gewissheit naturwissenschaftlicher Erkenntnis vertrauen möchten (und es auch tun, manche geradezu fanatisch). Für sie ist nämlich ein Wal „in Wahrheit“ kein Fisch, wobei sie mit „wahr“ meinen: zu allen Zeiten, an allen Orten und unter allen Bedingungen wahr (statt „nur gemäß einer bestimmten, so und so begründeten Deutung wahr“) . In Wahrheit gibt es aber solche absoluten Wahrheiten in den Naturwissenschaften gar nicht. Sagen zumindest die Naturwissenschaftler, die sich wissenschaftstheoretisch informiert haben: In den Naturwissenschaften gilt das als vorläufig war, was noch nicht schlüssig widerlegt wurde.
In der Praxis stimmt das freilich nicht, sondern viele Naturwissenschaftler verlünden ihre Erkenntnisse als unumstößliche Wahrheiten. Sei’s drum. Wissenschaftstheorie ist selbst keine Naturwissenschaft und folgt anderen Kriterien …
Prinzipiell jederzeit falsifizierbare Wahrheit ist im Grunde nur Wahrscheinlichkeit. „Alles oder doch das meiste, was wir derzeit darüber wissen, spricht dafür, dass es sich so und so verhält. Es könnte auch anders sein, aber das halten wir derzeit für unwahrscheinlich.“
Ein Zumutung, wie gesagt, für die, die an Gewissheit glauben wollen. Und die gerade darum übersehen, dass es Gewissheit nur durch glauben gibt. Denn der ist nicht das Gegenteil von Wissen ― „Wer nichts weiß, muss alles glauben“ ―, sondern im Gegenteil die Grundlage allen Wissens ― „Wer nichts glaubt, kann auch nichts wissen“. Glauben ist nicht einfach Für-wahr-Halten, schon gar nicht immer grundloses, sondern Einsicht in die Tatsächlichkeit. Wissen, heißt es, ist begründetes Meinen. Glauben, könnte man sagen, ist gegründetes Wissen.
Wissenschaft (im allgemeinen Sinne, nicht bloß als Naturwissenschaften) ist immer auch dies: Erkundung der Kriterien für wahr und falsch, die innerhalb eines Deutungszusammenhanges zur Anwendung kommen. Das ist durchaus ein infiniter Regress, wenn es nicht nur um Deskription („X wird aus dem und dem Grund für wahr gehalten“), sondern um die Wahrheit von Wahrheiten geht: „Ist es wahr, dass X wahr ist? Ist es wahr, dass es wahr ist, dass X wahr ist?“). Der Regress kann pragmatisch und methodisch abgebrochen werden ― „Wir beschäftigen uns hier nur mit …“ ―, aber er ist keineswegs so abwegig und unerträglich, wie viele befürchten. Wenn es immer und jederzeit darum geht, Wahrheitskriterien zu untersuchen (anhand bestimmter Wahrheitskriterien), dann hört das zwar nie auf, befreit aber zugleich von gewissen Wahrheitszwängen und eröffnet Zugänge zu Wahrheit, die nicht bloß in betrieblich, kulturell, ideologisch usw. vorgegebenen Bahnen sich zeigt.
Letzte Wahrheit, mit Verlaub, ist ein theologisches Thema. Oder doch zumindest ein metaphysisches. Letzte Wahrheit verweis auf Unbedingtes, also, traditionell gesagt, auf den Unbedingten, auf Gott. Auch daran scheiden sich gewiss die Geister. Und doch scheint der Gedanke unbedingt wahr, dass, wenn alles relativ ist, auch diese Relativität relativ sein muss. Und das schafft immerhin Platz für ein Absolutes. Wer dort wohnt, wer weiß es ...

Sonntag, 12. Juli 2026

Balken & Splitter (122)

Ich schlage ein neues Wort vor: Rechtspopululu. (Kombiniert aus Rechtspopulismus und delulu.)
 
Parteiverbot. Spitzenidee. Auch die NSDAP wurde damals mehrfach verboten. Und, hat's geklappt?
 
Ach, wenn man doch bloß den Leuten verbieten könnte, die Falschen zu wählen. Das würde Politik so viel einfacher machen. Allerdings auch den Medienzirkus langweiliger.
 
Habe ich das richtig verstanden: Die CSU will einen Landesverband in Thüringen gründen?
 
Suum cuique. Die Politik bläst erst den Autokonzernen Zucker in den Arsch und die fahren dann der Gesellschaft mit dem Arsch ins Gesicht.
 
„Regierung sieht hohe Dunkelziffer bei Sozialleistungsbetrug.“ Hellseher gehören aber doch auf den Jahrmarkt und nicht in die Politik.
 
Für einen Sieg in Wimbledon gibt es 4,1 Millionen Euro. Für den Georg-Büchner-Preis 50.000 Euro. ― Wir leben wirklich in einer Hochkultur.
 
Bizarrerweise berufen gewisse Leute sich gern auf ihr Recht auf Meinungsfreiheit, wenn sie sich jede Kritik verbitten. Sie müssen also Scheiße labern dürfen, aber niemand darf ihnen das sagen.
 
Gewerkschaften als Transmissionsriemen des Kapitals: „Klimaziele verschieben, damit Profite der Unternehmer weiter steigen!“

Glosse CLXVIII

Indschenjör. Das war mit neu, ist aber nach Dschornalist und Dschühri nur konsequent.