Mittwoch, 9. September 2026

Identität und Staat

Der Staat verlangt, dass ich eine Identität habe und sie ihm und seinen Avataren (Versicherungen, Telephonanbietern, Banken usw. usf.) jederzeit nachweisen kann. Ich muss zeitlebens ein und derselbe bleiben, weil der Staat jederzeita uf genau mich Zugriff haben will. Mein Name, mein Geburtsdatum, mein Geschlecht, mein Geburtsort, meine Eltern, mein Fingerabdruck und andere biometrische Daten, meine DNS gehören nicht mir, sondern meinem Herrn, dem Staat, und dürfen nicht geändert werden. (Nur Name und Geschlecht nach bestimmten Regeln.) Auch meine Geschichte, meine Zeugnisse, Dokumente, Befunde, Registriertheiten nicht. Ich habe identifizierbar zu sein und zu bleiben.
Früher wussten die Leute oft nicht, wann sie geboren worden waren, oft nicht einmal das Jahr. In manchen Weltgegenden, in denen der Staat sich noch nicht voll durchgesetzt hat, ist das immer noch so. Auch war früher den Menschen klar, dass ein Name etwas Gegebenes ist, das sich je nach persönlichem Verhalten und sozialem Kontext im Laufe eines Lebens auch ändern kann. (Von schreibweisenvarianten gar nicht zu reden.) Für moderne Menschen hat der Name eine Identifizierungsmerkmal zu sein und wird in einem Verwaltungsakt festgeschrieben.
Heutige Menschen haben gelernt, ihre „Identität“ wichtig zu nehmen und spielen so dem Staat in die Hände. Dabei gehen sie noch über ihre staatlich garantierten Daten hinaus und lassen sich nationale, ethnische, kulturelle, religiöse, weltanschauliche „Identitäten“ zuschreiben und ordnen sich Konsumstilen zu. Sie tun so, als würden sie durch ihre Vorlieben bei Mode und Ernährung, Freizeitvergnügen und Sexpraktiken definiert.
Daran ist nichts Selbstverständliches.
Was geht es den Staat an, wer ich bin, wenn es nicht darum geht, dass ich ihm gegenüber schon vor meiner Geburt verpflichtet bin? Aber warum sollte das so sein? Wer hat den Staat in seine Rechte eingesetzt, ihm ein Recht auf mich eingeräumt? Von wegen „Gesellschaftsvertrag“ und „mündiger Bürger“! Ich habe in nichts eingewilligt und musste das auch nicht, denn der Staat setzt sich als ursprüngliche, naturidentische Gegebenheit, die über mich verfügen darf. Letztlich mit Gewalt.
Der Staat zählt seine Untertanen und nummeriert sie durch. Zwar interessieren sie ihn zum Teil nur als Masse und Quantität. Er forciert aber doch das Individuum als Ansatzpunkt seiner Steuerungsmaßnahmen. Deshalb darf es niemandem freistehen, je nach Wunsch ein anderer zu sein, mal so, mal so zu heißen, sein Alter nach Belieben zu bestimmen, keine Spuren zu hinterlassen und seine Geschichte nicht dem herrschenden Narrativ anzupassen. Man muss gefälligst man selbst bleiben, nach den Kriterien, die von oben festgelegt wurden. „Selbstbestimmung“ (als Recht auf en vorgestanztes Konsumverhalten) ist nur auf dieser Grundlage erlaubt.
In Wahrheit aber gilt: Nicht meine Identität macht mich aus, sondern mein Dasein. Ich verändere mich. Jeden Tag. Ich bin verschiedenen Menschen bei verschiedenen Gelegenheiten ein anderer. Ich bin mir selbst zuweilen fremd. Mein Name ist Schall und Rauch.

„Künstliche Intelligenz“ als Zwangsimpfung

Wenn ich nichts übersehe, ist das, was man verblödeterweise „Künstliche Intelligenz“ nennt, die erste Technologie in der Geschichte der Menschheit, der man sich nicht entziehen können soll und praktisch nicht entziehen kann, wenn man auf normale Weise am gesellschaftlichen Leben dieser Zivilisation teilnimmt.
Man konnte sich einst womöglich weigern, Feuer zu machen und sich und Dinge am Feuer zu wärmen. Dann aß man seine Wurzelsuppe und seinen Mammutbraten eben kalt. Man konnte den Faustkeil verweigern, das Rad, die Bronze, die Wasserkraft. Man konnte weiterhin das benützen, was bisher benützt worden war, und selten wurde jemand gezwungen, es anders zu halten.
Man konnte, um die Erzählung etwas voranzutreiben, das Wasserklosett verweigern, den Staubsauger, den Kühlschrank, ja den elektrischen Strom überhaupt. Und es war nie so, dass in einen Besen heimlich ein Staubsauger eingebaut war und man beim Gebrauch eines Plumpsklos (oder beim Scheißen im Wald) auch ungefragt mit den Ergebnissen einer Wasserspülung konfrontiert wurde.
Man konnte sogar das Automobil und zuletzt das Mobiltelephon verweigern, obwohl viele Leute das ganz und gar nicht wollten und sich eher freudig von diesen Technologien anhängig machten: lebenspraktisch und psychisch. Ohne Pkw könnten viele nicht zur Arbeit, zur Schule, zum Einkaufen, zum Freizeitvergnügen und das geht ja nicht. Auch der Staat verlangt inzwischen, dass man internetfähige Geräte habe, weil seine Behörden und deren erwünschte oder aufgezwungene Dienstleistungen gar nicht mehr anders zu erreichen sind.
Und doch: Man könnte sich dem allen auch immer noch im großen Stil verweigern, Ersatz gebrauchen und sich gewissen Zwängen und Freuden entziehen. Zum Beispiel: „Handy“ ja, aber kein Auto, Kühlschrank ja, aber kein Internetbanking und kein Fernseher, Zugreisen ja, aber keine Flugreisen. Nur dass dann eben die normale Teilhabe eines durchschnittlichen Insassen der Industriezivilisation mühevoll wird, eingeschränkt sein wird und einen an den Rand des Wahnsinns bringen kann (wenn jedes Gegenüber uneinsichtig ist). Aussteiger gibt es. Normal sind sie wohl nicht.
Viele Technologien der letzten Dezennien traten als eine Art von Spielzeug in das Leben der Menschen. Niemand brauchte damals ein „Smartphone“, aber fast jeder wollte eines haben, weil es Spaß machte, damit herumzufummeln. Bis vor kurzem kam man auch ganz gut durchs Leben, ohne so ein Ding (nur dass, wie gesagt, zuletzt bestimmte Behördenwege usw. den Besitz erzwingen). Dann verzichtete man eben auf Spaß und Dauerkommunikation.
Auch die „Künstliche Intelligenz“ braucht heutzutage niemand und für viele war sie zunächst ein Spielzeug. Mal schauen, was so ein „Chatbot“ wirklich kann. Sehr rasch aber wurde ein Werkzeug daraus. Ein wirtschaftliches Versprechen. Eine Drohung.
Es werde bald schon nicht mehr ohne „Künstliche Intelligenz“ gehen, verkünden die, die immer alles wissen, mit ihren Prognosen fast immer falsch liegen, aber mit ihren willkürlichen Ankündigungen viel Geld verdienen wollen und dann schon wieder auf einen anderen Zug aufgesprungen sein werden, wenn die Tatsachen sie widerlegt haben werden.
Leider könnte diesmal an den Vorhersagen von erzwungener Notwendigkeit und unvermeidlicher Abhängigkeit etwas dran sein. Mächtige Profitinteressen stehen dahinter und wollen erreichen, dass der Einsatz von „Künstlicher Intelligenz“ auch dort stattfindet, wo niemand danach gefragt hat; ein impliziter Gebrauch sozusagen. „Künstliche Intelligenz“ wird überall eingebaut, wo es nur geht, und auch wer der Technologie kritisch gegenübersteht ― etwa wegen ihrer Überwachungsfunktion, ihrem enormen Ressourcenverbrauch oder auch schlicht ihrer Blödheit ― wird zwangsweise zum Benutzer degradiert.
Wobei es hypermoderne Technologien ja auszeichnet, dass der Benutzer, als zahlender „Kunde“, als in Abhängigkeit gebrachter Konsument und als Opfer (etwa des Zeit- und Datenklaus), ein Benützter ist. Die Maschinen werden bedient: Je mehr die Menschen sich ihrer bedienen, desto mehr bedienen sich die Menschen (und die Eigentümer dieser Produktionsmittel) der Menschen.
Dass man sich der „Künstlichen Intelligenz“ nur unter Schwierigkeiten und auch dann nicht entziehen kann, wenn man das eigentlich möchte, sondern dass sie einem zwangsweise und zum angeblichen Wohle aller verabreicht wird, erinnert an eine Zwangsimpfung. Vielleicht nicht nur metaphorisch. Das Subjekt ist nicht Herr des Verfahrens. Die Obrigkeit und die, um deretwillen die Obrigkeit existiert (die Reichen, die noch reicher werden sollen), wollen es so und wollen davon profitieren. Der Druck ist enorm. Die Zwangsmittel sind simpel. Es ist, wie es ist, und wenn du dich wehrst, machen wird dich fertig. Es tut nicht weh und ist nur zu deinem Besten. Die anderen machen auch alle brav mit.
Wichtig ist dabei, dass das Phänomen der impliziten Impfung niemandem so recht zu Bewusstsein kommt, und wo das doch geschieht, dass das folgenlos bleibt. So funktioniert der Kapitalismus: Seine Herrschaft verbirgt sich gern. Auch wenn die Folgen in Wahrheit unübersehbar sind. Das kann man aber leugnen und weginterpretieren. Zudem darf ja im liberalen System ohnehin jegliche Art von Kritik am Kapitalismus geäußert werden, sie muss nur eben folgenlos bleiben. Die große Masse muss einfach weiter stillhalten und mitmachen wollen. Dann klappt das schon mit dem Profit. Ob dann übermorgen der Kollaps kommen wird, könnte nur die interessieren, die davon betroffen sein werden. Die Superreichen sind das eher nicht.

Glosse CLXXX

Noch am selben Tag wurden die ersten Kinder und Frauen aus London und anderen wichtigen Zentren evakuiert. Übersetzerinnen, könne man meinen, sind Menschen, die wissen, was Wörter bedeuten. Und was nicht. „Evakuieren“ bedeutet „leeren, leer machen. Und nicht „wegbringen, in Sicherheit bringen“. Lateinisch „vacuus“ für „leer“ steckt darin und das Vakuum, die Leere, ist damit verwandt. Man kann also ein Gebäude oder eine Gegend evakuieren, nicht aber die Menschen, die sich dort befinden. Ja, stimmt, der Wortgebrauch ist oft ein anderer. Das nennt man dann: einen falschen.

Montag, 7. September 2026

Notiz zur Zeit (271)

Trumps Sondergesandter für Geschäfte mit Putin, Witkoff, erklärte jüngst zum russländischen Krieg gegen die Ukraine: „Beide Parteien müssen Kompromisse eingehen und die Meinungsverschiedenheiten abbauen.“
Leider liegen die Meinungen wirklich weit auseinander. Die Ukrainer sind nämlich der Meinung, sie sollten nicht getötet und die Ukraine solle nicht zerstört werden. Die Russen hingegen meinen, sie würden gern töten, wen, und zerstören, was sie wollen.
Ein Kompromiss müsste also etwa so aussehen: Die Russen töten die Ukrainer ein bisschen weniger und die Ukrainer sind im Gegenzug damit einverstanden, getötet zu werden.

Sonntag, 6. September 2026

Klimaextremismus?

Irgendein Politiker fordert ein härteres Vorgehen gegen „Klimaextremismus“. Was meint er damit? Und was ist überhaupt „Klimaextremismus“? Etwa die auf erwiesenen Tatsachen beruhende Überzeugung, dass Klimaschädlinge wie besagter Politiker und seine Kollegen, deren verbrecherische Politik trotz aller berechtigten Warnungen den menschengemachten Klimawandel herbeigeführt hat und sich hartnäckig weigert, ihm gegenzusteuern, und die alle wirksamen klimapolitischen Maßnahmen als wirtschaftsfeindlich verteufeln (was implizit eingesteht, dass diese Art des Wirtschaftens menschenfeindlich und überhaupt lebensfeindlich ist) und das Wenige, was überhaupt noch unternommen werden kann, weiter verschleppen und sabotieren, dass also solche Extremisten des Klimawandels eliminiert gehören? Oder auch schon, wenn jemand überzeugt ist, dass Anschläge auf energetische Infrastruktur, der Bevölkerung die unsinnige Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen vor Augen führen und sie wachrütteln sollen?
Und was wäre ein härteres Vorgehen? Das Strafrecht sie Tatbestände und jeweils ein Strafmaß vor. Sollen neue Tatbestände erfunden werden? Oder bloß der Strafrahmen erweitert? Was soll das bewirken? Ist anzunehmen, dass jemand, der als „Klimaextremist“ zu gelten hat, sich überlegt: Wenn ich im Erwischungs- und Verknackungsfalle soundsoviel Jahre aufgebrummt bekomme, mach ich's, bei soundso viel plus X aber nicht?
Schon jetzt schreibt der Staat sich alle möglichen „Rechte“ zu, um Bürger unter Verdacht zu stellen, sie zu bespitzeln und zu überwachen. Soll das derlei noch ausgeweitet werden, um „klimaextremistische“ Gefährder in den Griff zu bekommen? das hat ja bei anderen „Extremisten“ bisher gut geklappt. Wurde irgendwo ein Anschlag ausgeführt oder verhindert, heißt es immer: Der Täter sei den Behörden bekannt gewesen … Na dann.
Worum es bei der Forderung nach härterem Vorgehen gegen Klimaextremismus eigentlich geht, ist es, die Bevölkerung vom eigenen klimapolitischen Totalversagen abzulenken und die zu kriminalisieren, die das nicht hinnehmen wollen. Die Politik arbeitet systematisch gegen die Interessen der Leute, in deren Namen sie angeblich regiert, denn die brutale Ausbeutung der natürlichen Ressourcen, die Eingriffe in ökologische Zusammenhänge, das Ausrotten von Tier- und Pflanzenarten hängt unmittelbar mit der Ausbeutung, Unterdrückung, Schädigung und Verdummung der Menschen zusammen. Es ist ein und derselbe Kapitalismus, der hier am Werk ist. Um die Reichen reicher zu machen, wird über Leichen gegangen. Das sagt man so nicht gern. Also phantasiert man sich einen marginalen Terrorismus zur großen Bedrohung zurecht, auf die man Angst und Wut der Manipulierten richten kann.
Wenn man nun im Gegenzug ein härteres Vorgehe gegen ökonomische, politische, ideologische Klimaschädlinge, Klimawandelleugner und Klimapolitikverweigerer forderte, könnte das als Aufruf zu Straftaten missverstanden werden. Darum sei das fern von mir!