Mittwoch, 30. September 2026

Theaterkritik: „1984“ im Theater Spielraum

Es ist traurig und nutzlos, wenn man ins Theater geht und mit der Bestätigung dessen wieder herauskommt, was man schon vorher wusste. Die Aufführung von „1984“ im Theater Spielraum in Wien bestätigte mich darin, dass „Bühnenfassungen“ der Komplexität guter Romane auch nicht annähernd gerecht werden können und, wenn nicht unwahrscheinliche Glücksfälle eintreten oder gewaltiges dramaturgisches Geschick beim Einsatz außerordentlicher Mittel alles herausreißt, als eigenständiges Kunstwerk scheitern müssen.
Spielt lieber Theaterstücke, fordere ich seit langem von den Theatern dieser Welt, es gibt unzählige davon und es werden immer noch neue geschrieben, und lasst die Finger von den Romanen. Denn was immer euch davon versprecht, ihr tut weder dem verwursteten Werk noch eure Kunst einen Dienst damit.
Leider behielt ich Recht. Ein ausschnitthaftes Textaufsagen und eine Verdünnung und Simplifizierung der Vorlage, das formbedingte Weglassenmüssen von Differenzierung, Anschaulichkeit, Reflexion unterbot die reichhaltige Ästhetik einer narrativen Prosa, die auf der Bühne nun einmal nicht imitiert werden kann.
Nicht, dass man sich im Theater Spielraum keine Mühe gegeben hätte. Da war viel Leidenschaft dabei und hin und wieder sogar ein bisschen schauspielerisches Können. Das klingt vielleicht gemein, aber wem wäre damit geholfen, wenn man Spielfreude als Darstellungskunst ausgäbe? Zumal jungen Leute durchaus das Recht, vielleicht sogar die Pflicht haben, sich im Off-Off-Theater auszuprobieren und sich so auf bedeutendere Bühnenleistungen vorzubereiten.
Nicht das aber störte mich am Gebotenen, dass es wie gutes Schülertheater wirkte, dass der Bühnenraum lieblos und die Kostümierung scheußlich war, sondern vor allem die Gewalt, die man dem zu Grunde gelegten Text antat, antun musste, dessen Lektüre vor bald fünf Jahrzehnten mein Denken nachhaltig beeinflusst hat. Dabei war alles da: Unterdrückung, Überwachung, Mangel. Lüge, Hass, Umfälschen der Vergangenheit, Sehnsucht, Denunziation, Folter, Kapitulation. Das wurde alles vorgeführt, geradezu vorgetanzt und vorrezitiert, nur eben ohne die Anschaulichkeit und reflexive Intensität des Romans. Wer diesen nicht gelesen hatte, blieb ohne Angebote für die Einbildungskraft, wer ihn gelesen hatte, musste seine Bilder wohl von dort beziehen, und wer ihn hinterher erst lesen wird, darf das „Stück“ getrost vergessen.
Nein, ich meine nicht, dass man es besser machen kann, als es im Theater Spielraum gemacht wurde. Ich meine, dass man es überhaupt lassen sollte. „Romane lesen, Dramen spielen“, sollte die Devise sein. Damit wäre allen geholfen. Besonders mir. Ich wäre so gern eines Besseren belehrt worden. Leider wurde nichts daraus.

Maschinell fabrizierte Belletristik

Mir als jemandem, der den zeitgenössischen Literaturbetrieb verabscheut, könnte es egal sein, dass man dort heutzutage mehr oder minder bereit zu sein scheint, vor der Maschine zu kapitulieren, oder es könnte mich boshafterweise sogar freuen. Aber ich sehe diesen selbstverschuldeten Niedergang in einem größeren Zusammenhang, und der ist noch übler als das, was dort üblicherweise so zusammengeschrieben wird.
Dass Maschinen darauf programmiert werden, belletristische Texte zu verfassen, ist keine neue Idee; mir ist sie zum ersten Mal in George Orwells Roman „1984“ begegnet, in dem auf diese Weise das billige Lesefutter für die dumpf-glücklichen Massen produziert wird. Kaleidoskopartig werden dort Handlungsstränge der Geschichten rekombiniert und dann wohl mit passenden Figuren und abgestimmtem Erzählstoff ausgefüllt. Als Orwell das skizzierte, war es technisch vermutlich Zukunftsmusik, von der Sache her aber entsprach es ganz der Realität der Massenproduktion der Groschenhefte.
Die geradezu mechanische Fabrizierbarkeit von gehaltvollen Texten ist ein Effekt der Buchstabenschrift. Deren Elemente sind in einer endlich großen Zahl rekombinierbar, von denen selbstverständlich nur eine viel kleinere Anzahl als sinnvolle Wörter, Sätze, Texte gelesen werden. (Auch syllabische und ideographische Schriften sind, ausreichend riesige Datensätze vorausgesetzt, schematisch reproduzierbar, aber ihre Verknüpfungsregeln sind andere.) Wird Sprache als etwas zu Verschriftlichendes oder gar immer schon schon Verschriftlichtes konzipiert, wird sie zum Ding und hat also messbare Quantitäten. Diese und erst sekundär irgendwelche Sinneffekte, gilt es zu regulieren.
Das Sprache-ist-Schrift-Konzept hat folgerichtig zum Denkbild von den sehr, sehr vielen Affen geführt, die sehr, sehr lange willkürlich auf Schreibmaschinen herumtippen und dabei, wenn es nur lange genug (nämlich nahezu unendlich lang) dauerte und Papier und Tintenbänder nicht ausgingen, irgendwann sämtliche möglichen Texte herstellten, Shakespeares Werke und die Bibel miteinbegriffen. Die Affen wüssten selbstverständlich nichts davon, was in den Texte stände, und die Entstehung der Werke wäre bloßer Zufall.
Heutige Großrechner benötigen keine Affen (es wären denn ihre Macher und Bediener welche), sie tippen sozusagen innerlich selbst, und die Willkürlichkeit der Buchstabenkombinationen wird vorab durch statistische Gewichtungen und ermittelte Muster eingeschränkt; Bedeutung hat demnach, was häufig und in wiederkehrenden Verbindungen vorkommt und zwar in unvorstellbar großen Textmengen, die dafür ausgewertet werden.
Während die automatische Erzeugung von Texten, die geschäftliche und wissensvermittelnde Funktion haben, inzwischen eine hohe gesellschaftliche Akzeptanz findet ― die einen bestehen ohnehin fast nur aus „Textbausteinen“, die anderen suchen und erfinden bereits vorkommende Aussagen über Tatsachen ―, trifft die Erzeugung belletristischer Texte derzeit noch auf eine gewisse Skepsis und erweckt bei manchen ein unbestimmtes Unbehagen, während andere sich schon mit Feuereifer beim „Schreiben“ ihrer Werke „helfen“ lassen. Schäne Literatur hat anscheinend noch eine Rest-Aura, die im Spannungsverhältnis zur gedankenlosen Statistik und Kombinatorik der Maschinen zu stehen scheint. Kreativität, subjektive Empfindung und persönliche Einsicht gelten manchen noch als unverzichtbare Quellen des anspruchsvollen Schreibens. Andere sind bereits damit zufrieden, sich als bloße Auftraggeber und Verbesserer des von den Roboter lesefertig Formulierten zu konzipieren.
Dass „Künstliche Intelligenz“ als Mittel eingesetzt wird, um belletristische Texte zu verfertigen, wirft für viele viele Fragen auf: Wie ist die Qualität dieser Texte? Was ist mit dem Urheberrecht? Worin besteht da noch die kreative Leistung? Usw.
Ich frage mich noch etwas anderes: Warum macht das überhaupt jemand? Gewiss gibt es Leute, die einen ökonomischen Zwang unterliegen, literarische Produkte in den Markt einzuspeisen, weil sie sich auf einen Lebensentwurf eingelassen haben, in dem sie durch Schreiben das nötige Geld verdienen. Aber auch für sie gilt doch hoffentlich, was für alle gilt, die als Schreibende leben: Man schreibt, weil man das will. Weil das Schreiben eine Existenzform ist. Eine Reihe von Akten, mit denen man sein Weltverhältnis gestaltet. Etwas sentimental formuliert: Schreibend drückt man sich aus, arbeitete sich an Erinnertem und Geahntem, Gewünschtem und Befürchteten ab. Wer schreibt, will schreiben, fühlt das Bedürfnis, es zu tun, will die Lust des Formens und Umformens erleben und weiß, dass das Ausbleiben dieser Lust ebenfalls etwas über ihn sagt, worauf er hören sollte.
Wie kann jemand, der seinen Lebensinhalt in kreativem Umgang mit Sprache sieht, diese existenziellen Ereignisse an eine Maschine delegieren wollen? Dass ist doch, als hätte man nicht selbst Sex mit jemandem, sondern steckte ihm einen Roboter ins Bett, der einem mit der Mühe der Fremdbefriedigung auch noch den eigenen Orgasmus abnähme …
Und doch gibt es anscheinend Schriftsteller, die genau das tun. Die die künstliche Texterzeugung als „Hilfsmittel“ verwenden, wie sie sagen; oder gleich den ganzen Text nicht selber schreiben, sondern nur einen für sie herbeigerechneten „überarbeiten“. Was ist das für ein Selbstverständnis? Warum stört und zerstört diese Ersetzung des Menschlichen durch das Maschinelle nicht das Selbstverständnis dieser Leute?
Jahrzehntelang hat man dem interessierten Publikum eingeredet, es sei die Sprache selbst, die spreche, das Subjekt sei nur ein Effekt der Texte, und niemand brauche es zu kümmern, wer überhaupt spreche. Das war immer schon falsch, aber verständlich, weil es die die Erfahrung der Fremdheit und Verdinglichung in der industriellen Moderne artikulierte. Doch auch solche Diskurse wurden noch von Hand geschrieben oder getippt. Dass Maschinen die Diskursivität als rein quantitative Simulation erzeugen würden, war damals für fast alle noch dystopische oder techno-euphorische Phantasie. Dass der Automatismus heute Realität ist, macht die Sache nicht unverständlicher.
Wenn ein Schüler den ihm abgeforderten Aufsatz oder das Referat nicht selbst verfasst, sondern diese Arbeit von einem Programm erledigen lässt, so wird man dies nicht deshalb kritisieren, weil der präsentierte Text schlechter ist, als einer, den der Schüler mühevoll erarbeitet hätte, im Gegenteil, das Maschinen-Werk kann und wird besser sein als das, was das Kind oder der Jugendliche alleine zu Stande bekommen hätte. Was man zu Recht kritisiert ist vielmehr, dass der Schüler, die Leistung nicht erbracht hat, die man ihm deshalb abverlangte, damit er, sie erbringend, dabei etwas lerne. Der sich der „künstlichen Intelligenz“ bedienende Schüler hat in der Sache nicht gelernt und sich der Übung in ihrer Darstellung entzogen. Er hatc sich fürs Dummbleiben entschieden und das Hilfsmittel gefunden, das ihm das erlaubt. ― Keine Frage, Rechner etwas errechnen zu lassen, kann das Leben leichter machen. Aber gar nicht erst selbst rechnen zu lernen, weil man ohnehin Zugang zu Rechnern hat, bedeutet Verdummung und Unfreiheit.
Menschen schreiben Belletristik, weil das Gestalten als solches ihrem Wesen entspricht. Ob Materie oder Sprache: Dem, was man macht, eine Form zu geben, die über Funktionalität hinausstrebt, ist Kernbestand der Humanität. Manche sind dabei zugegebenermaßen kreativer als andere, einige sind bedürftiger als andere, sich des Gestaltens als Lebensmittels zu bedienen. Ein solches Bedürfnis verträgt sich nun allerdings überhaupt nicht mit der Auslagerung an Automaten. Nicht, weil diese nicht aus ungeheuren Datensätzen neue, wie Geschriebenes wirkende Buchstabenkombinationen hervorbringen könnten, das könnten sie offensichtlich. Sondern aus einem banalen Grund: Weil Maschinen nicht lieben und hassen, weder Freude noch Angst kennen, keine Gefühle, kein Begehren, keine Lust haben. Weil literarische Texte gelesen werden nicht bloß wegen dem, was darinsteht, sondern weil sie von anderen Menschen stammen und, pathetisch gesagt, ein Seele sich bei einer anderen wiederfinden will.
Nun gebe ich zu (oder behaupte vielmehr), dass schon ganz ohne KI viel Geschriebenes , dass der Markt vertreibt, ganz nach den (von Verlagen anhand von Verkaufszahlen definierten) anspruchslosen Erwartungen des Publikums gemodelt ist. Literatur als existentzielle Abweichung, als nicht geschickt inszenierter, sondern unabgesicherter Bruch mit dem Bestehenden und Vorhersagbaren wäre, kommt nicht oder nur in Nischen vor. Dem Erwartbaren eilt die simulatorische Texterzeugung entgegen. Der Krimi oder die Liebesschmonzette oder der Fantasyquatsch sind schon immer der Form nach auf genretypische Muster angelegt, die von Maschinen noch leichter zu imitieren sind als von menschlichen Autorinnen und Autoren. Für andere Genres gilt Entsprechendes. Aber kann die Massenware für Zerstreuungswillige das Modell für Literatur überhaupt sein?
Manche meinen, „kreatives Schreiben“ sei lehrbar, ein Handwerk des Spannungsaufbaus und der Figurencharakterisierung. Das ist zweifellos der Fall, und so gekonnt und langweilig ist das Zeug dann auch. (Langweilig für solche wie mich, für die seit jeher Spannung nur ein durchschaubarer Trick ist, Affekte durch Ignoranz zu manipulieren; daraus lernt man jedenfalls nichts über das, was ist.) Das Konzept und die Praxis, dass Schreiben nur ein Metier und keine Existenzform ist, begünstigt die Maschinisierung auch dieser Aktivität. Der Fortschritt (Verfall) kennt kein Halten, wenn damit Geld zu machen ist. Für die „Ingenieure der Seele“ (wie Stalin die Schriftsteller nannte), sind Texterzeugungsprogramme ideale Produktionsmittel. Es stellt sich freilich die Frage: Verfügen jene über diese oder umgekehrt? Und wenn das die schöne neue Welt der Literatur ist, frage ich mich: Wer will das?

Sonntag, 27. September 2026

Der Staat muss weg

In der BRD findet gerade wieder das große mediale Schmierentheater der Ablenkung vom Wesentlichen statt: Wird Kanzler Merz stürzen oder gestürzt werden? Bringt er sein neoliberales „Reformpaket“ unaufgeschnürt durch oder kann die SPD, die schon alles mitbeschlossen hat, doch noch ein bisschen Umverpackung erbetteln? Welche Kasper werden Berlin regieren? Ist „unsere“ Demokratie in Gefahr, weil die Leute wählen, was sie wollen (was erstaunlich oft Quasinazismus ist)? Oder bringt die „Künstliche Intelligenz“ ohnehin alle um, bevor es ganz schlecht ausgeht?
Über solche Themen kann man ganz wunderbar Bildschirme volltippen und Quasselsendungen vollquatschen, das Schöne an ihnen ist: Sie sind kontrovers, es kommt nichts dabei heraus und man braucht nicht über das nachzudenken, was eigentlich los ist.
Selbstverständlich gibt es unfähigere und kompetentere, bösartigere und wohlwollendere Regierungen. Es ist, um ein Bild zu wählen, ein Unterschied zwischen Trump und Mamdani. Und auf das Leben der Leute mag diese oder jene Gubernanz unterschiedlich erfreuliche oder unerfreuliche Effekte haben. Darüber kann man reden. Aber zum Beispiel nicht sinnvoll darüber, dass zu wenig Geld da ist, weil die Menschen immer älter werden ― das Geld muss da sein, sonst gäbe es nicht immer mehr Millionäre und Milliardäre; Sozialabbau („Reformen“ genannt) bringt kaum Geld in die Kassen, leert aber die Geldbörsen. Keine Thema fürs mediale Spektakel.
Statt sich an die Realität zu halten und Strukturen zu bedenken, wird spekuliert und personalisiert. Merz muss weg? Meinetwegen. Aber welcher neoliberale Lemur auch immer nach ihm kommt, der muss auch weg. Der Staat muss weg. Dessen Sinn und Zweck ist ja lediglich, die Reichen ungestört reicher werden zu lassen und alle anderen in Schach zu halten, während sie für andere schuften. Viele glauben ja daran, sie bestimmten irgendetwas, wenn sie wählen gingen. Können sie denn den Staat abwählen? Oder wenigstens den Sozialismus (das gesellschaftliche Eigentum an den entscheidenden Produktionsmitteln) einführen? Nein, können sie nicht. Auch Gratis-ÖPNV, bessere Schulen und günstigeres Wohnen (oder was immer man sich von der Regierung einer Pleite-Stadt erträumen möchte), machten zwar das Leben im Kapitalismus etwas angenehmer, ändert aber nichts an den ökonomischen Strukturen.
Dieser Untertanengeist, der von oben Lösungen erwartet für Probleme, die unten und im Hintergrund entstehen, ist selbst ein Problem: Bitte, Regierendem rettet uns vor uns selbst. Seid nett zu uns, dann sind wir auch brav. Wir wollen doch nur ein bisschen glücklich sein.

Samstag, 19. September 2026

Politischer Islam?

Politischer Islam? Was soll das heißen) Das soll gar nichts heißen. Das ist eine Kampfvokabel, die keinen rationalen Gehalt hat oder haben soll, sondern die nur die Funktion hat, Ressentiments anzusprechen, Unbehagen zu erzeugen, Antipathie zu wecken, Hassgefühle zu erlauben und Menschen abzuwerten.
Es ist eine gebräuchliche Vokabel. Politiker und Journalisten lieben sie und auch „Expertinnen“ und „Experten“ machen reichlich Gebrauch von ihr. Es ist eben deren Geschäft, dumm daherzureden. Ihnen allen sei gesagt: Jeder Islam ist politisch. Es gibt keinen unpolitischen Islam. Was es allerdings gibt, sind verschiedene Politiken.
Im Übrigen ist jede ernstzunehmende Religion politisch. Denn jede Religion gibt denen, die ihr anhängen, Verhaltensregeln vor, die selbstverständlich nicht nur den Umgang des Einzelnen mit höheren Mächten und sich selbst, sondern auch den Umgang mit anderen Menschen betreffen, letztlich also das Zusammenleben in konkreten gesellschaftlichen Situationen. Die Gestaltung des Zusammenlebens aber heißt Politik. Mehr ist das nicht, aber auch nicht weniger.
Politisch hätte auch das Christentum zu sein, wenn die, die sich Christen nennen, es ernst nähmen. Die Verpflichtung auf Nächstenliebe etwa ist mit Unterdrückung, Ausbeutung und Fremdenfeindlichkeit unvereinbar. Die Verwerfung von Habgier und Reichtum, ein Herzstück der Botschaft Jesu, ist unvereinbar mit Kapitalismus. Raubbau und Umweltzerstörung sind unvereinbar mit der Achtung vor Schöpfer und Schöpfung.
Wie gesagt, Religiöses ist nur gesellschaftlich wirksam, wenn die Religiösen das, was sie angeblich glauben, auch wirklich glauben und anwenden. Bei vielen ist das in der westlichen Konsumgesellschaft nicht der Fall. Dort ist Religion, falls sie überhaupt noch vorkommt, längst zu einer entkernten Folklore verkommen oder zur Sache marginaler Sektierer. (Die USA bilden da eine Ausnahme.)
Das ändert nichts daran, dass Religion prinzipiell politisch ist. Für religiös motivierte politische Intentionen gilt in Demokratien dasselbe wie für anders motivierte: Jeder darf privat machen, was nicht gegen Gesetze verstößt; anderen kann er nur etwas vorschreiben, wenn er das im Rahmen der politischen Institutionen durchsetzen kann. Welche Religion (außer dem Calvinismus in den USA) erlebt im Westen irgendwelche Machtansprüche oder organisiert sich, um solche durch Wahlen und Abstimmungen durchzusetzen? Keine. Und wenn es anders wäre, wer dürfte dem wehren? Oder darf man etwa nur atheistische Überzeugungen in die Politik einbringen? Keineswegs.
Muslime haben in einer pluralistischen Gesellschaft dasselbe Recht, ihre Religion ernstzunehmen und aus ihren religiösen Überzeugungen abgeleitete politische Vorstellungen und Absichten zu haben wie die Anhänger andere Religionen (einschließlich der Atheismen) auch. Man muss den Islam und das, was für dessen Normen und Werte gehalten wird, nicht billigen oder mögen, ebenso wenig wie den Buddhismus, den Konfuzianismus, den Calvinismus oder das Christentum, aber es gibt keinen rationalen Grund, einer Religion das Recht, politisch zu sein, abzusprechen, wenn man es anderen zugesteht. Wenn keine Gesetze (die übrigens veränderlich sind) verletzt werden, darf sich der Staat nicht anmaßen, Gesinnungen zu beurteilen. Und schon gar nicht dürfen Politiker Gefährdungen herbeiphantasieren, wo keine sind.
Denn wen bedroht denn der „politische Islam“? Gewiss, es gibt Weltgegenden, in denen repressive Regierungen und militante zivilgesellschaftliche Bewegungen sich auf den Islam berufen. In Kriegen und Bürgerkriegen führt das zu Mord und Zerstörung. In Europa (oder Nordamerika) aber ist kein Staat und keine Terroristentruppen auf dem Vormarsch, um irgendwen zu erobern. Es gibt einige wenige Anschläge, aber im Verhältnis zur Gesamtzahl der Muslime (in Europa und weltweit) ist die Zahl der Terroristen unbedeutend.
Niemand zwingt in Europa irgendwem den Islam mit Gewalt auf, auch freiwillige Übertritte sind extrem selten. Wenn dein Nachbar fünfmal am Tag Richtung Mekka betet, zwingt dich das nicht, dasselbe zu tun. Wenn dein Nachbar möchte, dass alle Muslime werden, sagst du „Nein, danke“, und die Sache ist erledigt. Worin besteht denn für dich die Bedrohung durch religiöse Praktiken und politische Überzeugungen? Wer kann dich zu etwas zwingen? Eigentlich nur der Staat …
„Islamistischer“ Terrorismus schadet der Sache des Islam. Er überzeugt niemanden, führt niemanden zum Glauben, bewirkt keine Sympathie und keinen Respekt. Es profitieren nur die Rassisten und Populisten. Die immer einen Popanz brauchen, mit dem sie die Leute verdummen, ein Feindbild, auf dass sie die Ressentiments konzentrieren können. Statt vom Kapitalismus, von Ausbeutung, Umweltzerstörung, Verblödung zu reden, schieben sie alles auf „die Ausländer“, vorzugsweise auf Muslime. Die einen finsteren Masterplan im Herzen tragen, den „politischen Islam“, mit dem sie unsere schönen Gewohnheiten und Gewissheiten beiseite schieben und uns knechten wollen. Wenn das „politischer Islam“ sein soll, muss man sagen: Der existiert nicht.

Donnerstag, 17. September 2026

Selbstmord als Verbrechen

Die Menschen sind längst dazu gebracht worden, sich selbst als Verfügungsmasse zu betrachten. Das ist eine Folge ihres Konsumismus. Sie haben es nicht bei besonderer Kleidung und Schmuck belassen, sondern sind zu tattoos und piercings übergegangen. Und zu plastischer Chirurgie. Wem alles Ware ist, nach der er verlangen und die er kaufen soll, der verschont auch den eigenen Körper nicht. Und wie man eine Wohnung, wenn man kann, nach der jeweiligen Mode einrichtet und dekoriert, so gestaltet man eben auch sich selbst. Man ist sich ein Ding unter Dingen, der eigene lebendige Körper nichts anderes als etwas, worüber man frei verfügt und mit dem man nach (vorgegebenem) Belieben umgehen kann.
Man hält das für Selbstbestimmung. Das ist ein Missverständnis. Selbstbestimmung bedeutet, dass man über die eigenen Angelegenheiten bestimmen kann, im Rahmen des Möglichen, Sinnvollen, Anständigen, Verantwortbaren. Es bedeutet nicht, dass man sich mit sich selbst machen kann, was man will. Man ist keine Sache, sondern eine Person, keine Angelegenheit, sondern ein Mensch.
Insbesondere die Rede vom Selbstmord als einem Akt der Selbstbestimmung ist Unsinn. Sich frei für die Unfreiheit zu entscheiden (denn der Tote entscheidet nichts mehr), ist widersinnig und widerspricht sich selbst.
Das angebliche „selbstbestimmte Sterben“ ist nichts als ein verantwortungsloser Mord an sich selbst. Denn wer könnte denn die Folgen seiner Entscheidung verantworten und vor wem? Auf Erden niemand vor niemandem, denn er ist ja tot.
Der eigene Leib, wie auch immer beschaffen, ist ein Geschenk, aber kein Eigentum. Man kann (oder darf) ihn ja auch nicht verkaufen. Wer entstellt, behindert, krank ist, mag das Recht haben, nach Eingriffen der Abhilfe zu verlangen. Den Körper aus Jux und Dollerei zu verwursten, steht niemandem zu.
Kein Mensch hat über seine Zeugung und seine Geburt entschieden. Welches „Recht“ sollte er plötzlich haben, über sein Sterben zu entscheiden? Dass man sich gegen den Tod (das Getötetwerden, das Sterben an einer Krankheit) wehrt, ist etwas ganz anderes: Hier wird das Leben verteidigt, das ist immer gut.
Selbsttötung hingegen ist immer schlecht, ein Akt der Hybris, der Selbstüberschätzung, der mangelnden Demut und fehlenden Bereitschaft, die eigene Endlichkeit anzunehmen. Man will Herr des Verfahrens sein, wo man nicht zum Richter bestellt und gar kein Verfahren anhängig ist. Gewiss, Verfall, Schmerz, Erniedrigung sind unerfreuliche Erfahrungen. Sie gehören jedoch zum Leben dazu. Nicht so der Tod. Der ist dessen Ende. Linderungen sind wünschenswert, erlaubt und geboten, nicht aber die Auslöschung. Die lindert nichts, sie verdammt.
Der Tod ist gewiss, aber nicht, wann er kommt. Ihn willkürlich herbeizuführen, ist Verrat am Leben, an der Freiheit und an sich selbst. Selbstmord ist ein Verbrechen und muss geächtet bleiben.