Mittwoch, 13. Mai 2026

Aktuelle Werte

Nicht, dass es mich übermäßig interessiert, aber was sind eigentlich die „Werte“, die heute gelten? Was ist denn Leuten wichtig? Ich vermute das Folgende.
In erster Linie: Spaß zu haben. Etwas zu erleben. Das Leben zu genießen.
Sodann: Sicherheit. Geborgenheit. Nicht in Frage gestellt zu werden.
Weiters: Selbstoptimierung. Also sich an den Erwartungen anderer auszurichten und sich dem anzupassen, was angesagt ist. Und so die Identität von Individualismus und Konformismus zu praktizieren.
Überhaupt: Wohlgefühl. Ein mehr oder minder gutes Gewissen oder die Normalisierung des schlechten Gewissens. Der Wunsch, auf der richtigen Seite zu stehen, der erfolgreichen, der der Mehrheit. Sich nichts vorwerfen (lassen) zu müssen. Das Gefühl des Ungenügens möglichst nicht zu zulassen oder nur, wenn das erwartet wird.
Das ist alles sehr allgemein und unscharf formuliert, um möglichst viel der Widersprüchlichkeit zum Trotz zu umfassen. ― Gegenfrage: Was sind meine „Werte“, was ist mir wichtig?
Wahrheit. Ich will wissen, was es mit dem auf sich hat, was mir widerfährt. Wie es womit zusammenhängt. Warum man mich ablenken will, warum man lügt und betrügt.
Freiheit. Als Folge und Voraussetzung der Wahrheit. Wer sich nichts vormachen lassen will, muss sich befreien, von Vorurteile, Ideologien, Lügen. Das geht nur durch Widerspruch, Nichtanpassung. Nichtunterwerfung.
Gerechtigkeit. Parteinahme für die Unterdrückten, die Schwächeren, die Benachteiligten, die Manipulierten.
Ich will in Ruhe gelassen werden. Auch und besonders vom Staat und seinen Avataren (Banken, Versicherungen usw.). Auch von der Technik. Und vom Geldverdienenmüssen. (Was nicht klappt.)
Bildung. Ohne sie kein Zugang zur Wahrheit. Und kein echter Genuss.
Schönheit. Heiligkeit.
Freundschaft. Obwohl ich im Laufe meines Lebens mehr Freunde und Freundinnen verloren habe, als ich je hatte … Doch ging das fast nie von mir aus. Außer insofern, als ich den Leuten mit meiner Kritisiererei auf die Nerven gehe. (Bei ihnen einen Nerv treffe.) Amicus X, magis amica veritas.

Montag, 11. Mai 2026

Anarchismus ist Wunschdenken

Anarchismus, wie ich ihn verstehe, ist ganz wesentlich Wunschdenken. Also nicht, wie das Vorurteil es will, „bloßes Wunschdenken“, sondern als durchdachtes Wünschen und seiner Wünsche bewusstes Denken eine existenzielle Einheit von Affekt und Intellekt, von Theoriepraxis und Gestaltung der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Ausgehend von dem Wunsch, alle Menschen mögen in herrschaftsfreien Verhältnissen leben, gilt es zu fragen: Woher kommt dieser Wunsch und warum ist es zumeist nur ein Wunsch und nicht Wirklichkeit? Ist der Wunsch berechtigt, ist er realistisch, in welchem Verhältnis steht er zu anderen Wünschen? Und warum teilt nicht jeder diesen Wunsch? Warum erfinden manche Gründe, warum Anarchie angeblich nicht funktionieren kann? Warum finden sie sich mit Herrschaftsverhältnissen abm richten sich in ihnen und und verteidigen sie
Dabei dürfte klar sein, was dem Wunsch entgegensteht: Herrschaft. Und weil diese, wie gezeigt werden kann, nicht sein soll, ist der Wunsch, sie möge nicht sein, begründet und berechtigt. Seine Erfüllung erst macht andere Wünsche erfüllbar oder gibt ihnen Sinn: Unter den Bedingungen der Unfreiheit ist jede Wunscherfüllung mehr oder minder Komplizenschaft mit dem herrschenden System. Erst ein freier Mensch kann frei wünschen und sich Wünsche erfüllen, ohne die Freiheit anderer einzuschränken.
Anarchie, könnte man meinen, ist etwas, das jeder gut findet, wonach er strebt, was er will: über die eigenen Angelegenheiten selbst zu bestimmen und gemeinsame Angelegenheiten gemeinsam, und zwar so, dass niemand über andere bestimmt, sondern im Gegenteil jeder zur Freiheit und zum Wohlergehen aller und jedes Einzelnen im Umfang des ihm möglichen und im Rahmen der gemeinsam bestimmten Institutionen beiträgt.
Warum wünscht sich das nicht jeder? Da gibt es die, die an der Unfreiheit anderer profitieren. Dann die, die hoffen, vom Profit anderer ein wenig abzubekommen. Und dann die Vielen, die die Freiheit scheuen und die Unfreiheit wählen. Ihr Begehren und ihr Glück binden sie an die Vorgaben der Fremdbestimmung. Sie investieren viel in das, was Befriedigung und Sicherheit verspricht, aber nur Verfügbarkeit und Ausnutzung garantiert. Ihr Gehorsam zahlt sich nicht aus oder nur zum Schein oder nicht so, wie ein freies Leben ein besseres Leben wäre. Ihnen ist eingebläut worden, allgemeine Selbstbestimmung bedeute Unordnung und schrankenloses Gegeneinander, weshalb Normen und Regeln des Zusammenlebens unbedingt von einer Obrigkeit festgelegt werden müssten, die auch strafen und belohnen dürfen müsse. Sie haben Angst vor einer Freiheit, die man ihnen angeblich wegnimmt, wenn sie sie haben wollen, und die man ihnen nur gewähren, indem man sie beschränkt.
Die Denkgewohnheiten der Leute folgen ihren Wunschgewohnheiten, und darum wagen sie nicht zu wünschen, was vernünftig und in ihrem eigenen Interesse und dem aller wäre.
Anarchismus, wie ich ihn verstehe, setzt dem sein Wunschdenken entgegen, nämlich die Analyse des Bestehenden anhand der gefestigten, weil begründeten Überzeugung, dass anderes sein soll und darum möglich sein muss.
Die Erfahrungen der Unfreiheit, der Bevormundung, der Entwürdigung, der Ausbeutung, all der vielfältigen Versuche der Verdummung lassen den Wunsch, all das möge nicht sein und Freiheit, Würde, Gerechtigkeit und allgemeines Wohlergehen mögen verwirklicht werden, nur umso dringender erscheinen.
Der Wunsch, miteinander herrschaftsfrei miteinander zu leben, verstellt nicht den Blick, er eröffnet ihn, er vernebelt nicht das Denken, sondern klärt es auf. Dieser Wunsch ist nicht Träumerei, Schwärmerei oder unreifes Geschwätz. Im Gegenteil, die anarchistische Wunschvorstellung ist ein geordnete und umfassendes Wissen davon, was ist, was sein soll und was nicht sein soll. Insofern ist der Wunsch nach Anarchie die Grundlage aller anarchistischen Theorie und das, was in anarchistischer Praxis zur Erfüllung kommt.
Anarchismus ist Wunschdenken, weil das Wünschen unbedingt notwendig ist und hilft, wenn es gilt, Unerwünschtes loszuwerden. Wer Anarchie nicht wünscht und sein Wünschen nicht denkt, der versteht sich selbst nicht und irrt.

Sonntag, 10. Mai 2026

Aufgeschnappt (bei Juan de Àvila)

No me mueve, mi Dios, para quererte el Cielo que me tienes prometido ni me mueve el Infierno tan temido para dejar por eso de ofenderte. Tú me mueves, Señor. Múeveme el verte clavado en una cruz y escarnecido; muéveme el ver tu cuerpo tan herido, muévenme tus afrentas, y tu muerte. Muéveme, en fin, tu amor, y en tal manera, que, aunque no hubiera Cielo, yo te amara, y, aunque no hubiera Infierno, te temiera. No me tienes que dar porque te quiera, pues, aunque lo que espero no esperara, lo mismo que te quiero te quisiera.
Mein Gott, nicht der Himmel, den du mir verheißen hast, bewegt mich dazu, dich zu lieben, noch bewegt mich die Furcht vor der Hölle dazu, dich nicht länger zu beleidigen. Du bewegst mich, Herr. Ich bin bewegt, dich ans Kreuz genagelt und verspottet zu sehen; ich bin bewegt, deinen so verwundeten Leib zu sehen, deine Beleidigungen und dein Tod bewegen mich. Kurz gesagt, ich bin von deiner Liebe bewegt, und zwar so sehr, dass ich dich selbst ohne Himmel lieben würde, und selbst ohne Hölle würde ich dich fürchten. Du musst mir nichts geben, damit ich dich liebe, denn selbst wenn ich nicht auf das hoffen würde, worauf ich hoffe, würde ich dich dennoch lieben.

Freitag, 8. Mai 2026

Unterwegs (41)

Als ich vom Kaffeehausfenster aus eine Menschenmenge auf den Hauptplatz meiner Wohn- und Geburtsstadt ziehen sah, die Dreifaltigkeitssäule umrundend, vorne weg eine große rumänische Fahne, da jubelte ich: Endlich! Wir werden besetzt! Ein Kulturvolk kommt und rettet mich und andere anständige Postmigranten vorm grassierenden Faschismus der alteingessenen Schluchtenscheißer. Tschuschen aller Länder, solidarisiert euch! Als dann auf die kleinen rumänischen Fähnchen tschechische, slowenische, ukrainische, lettische, irische, polnische, italienische Fähnchen folgten, versuchte ich noch, mir einzureden, es handle sich eben um eine internationale Besatzungstruppe. Aber als schließlich gesungen wurde, war klar, das sind leider lediglich Chöre. (International Choral Competion „Ave Verum“.)
Die Ukrainerinnen und Ukrainer waren traditionsgemäß ganz in Weiß mit schönen bunten Stickereien gekleidet. Das Herz ging mir auf und mein innerer Galizier rief: Slava Ukrajini, herojem slava!
Der Vergleich macht übrigens sicher: Dort die jungen Gäste aus Ost- und Südeuropa, hier die einheimischen Gestalten, die zeitgleich vorm Café saßen. Gute Genpools, schlechter Genpool. Darum: Umvolkung jetzt! Mehr Zuwanderung, kostete es, was es wolle!

Mittwoch, 6. Mai 2026

Stand der Dinge (7)

Wenn es stimmt, was ich heute gelesen habe, dass nämlich 40 Prozent der 18- bis 30-Jährigen lieber mit sogenannter Künstler Intelligenz „reden“ als mit Menschen, wie sollte mich das nicht traurig und wütend machen? Wie sehr hat die moderne Technik die Seelen der Leute schon verdorben, wie sehr das Erlebenkönnen von Realität, von Person-Sein, von lebendiger Rede und Widerrede bereits beschädigt! Die tote Rede der Maschinen ist attraktiver als der Mitmensch. Das leere Spiel der Dinge, das alles was Bedeutung hätte, nur simuliert, verbraucht Kräfte und ersetzt mit seinen Vorgaben die veränderbare Welt. Der Antrieb von all dem, die Gier nach Geld und noch mehr Geld bei denen, die längst zu viel haben, kommt im Bewusstsein nicht vor oder wird bis zur Unkritisierbarkeit naturalisiert. Hol’s der Teufel.