Montag, 3. Mai 2021

Kommt erst das Fressen, dann die Moral?

Die Frage ist gut gestellt: „Wovon lebt der Mensch?“ Und die Antwort ist schön schonungslos: „Nur dadurch lebt der Mensch, dass er so gründlich vergessen kann, dass er ein Mensch doch ist.“ Indem er nämlich „stündlich den Menschen peinigt, auszieht, anfällt, abwürgt und frisst.“ Der Mensch lebt also vom Menschen, aber nicht etwa dadurch, dass die Menschen zusammenarbeiten, einander beistehen und sich um einander kümmern, sondern erschreckenderweise dadurch, dass die Menschen gegen einander wirken, einander bekämpfen, ausbeuten und einander die Lebensgrundlage entziehen. Das ist jedenfalls die These, die man dem Finale des zweiten Akts von Bert Brechts „Dreigroschenoper“ entnehmen kann.
„Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“: Diese Sentenz ist wahrscheinlich Brechts bekanntester Satz (wenn er denn von ihm ist, was bei Brecht, der sich gern bei anderen bediente, nie ganz sicher sein dürfte). Hier wird auf den Punkt gebracht, was sowohl einer gewissen alltäglichen Erfahrung als auch der materialistischen Weltanschauung zu entsprechen scheint, dass man nämlich zuerst die körperlichen Grundbedürfnisse befriedigen können muss und sich dann erst mit Fragen nach gut und Böse, Recht und Unrecht beschäftigen kann. Wer nicht isst, verhungert, und wer tot ist, braucht auch keine Moral mehr.
Allerdings erlaubt der Text auch eine andere Lesart. Das Fressen steht dabei nicht nur für die Sicherung eines funktionierenden Stoffwechsels, sondern für die real existierenden gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen jeder gegen jeden steht und in denen die einen die anderen missbrauchen, ausbeuten und geradezu aufzehren, um hernach diese grauenvollen Zustände mit „Moral“ zu verbrämen; einer Moral, die diese Verhältnisse als alternativlos und gerechtfertigt hinstellt und jedes Aufbegehren verwirft.
Nun ist es erstens unzweifelhaft, dass man essen und trinken muss, um zu überleben. Zum anderen ist es offensichtlich, dass Ausbeutung, Zerstörung der natürlichen Ressourcen und Ablenkung von der Realität durch Bespaßung und Indoktrination das herrschende politische, ökonomische und kulturelle System bilden. Freilich ist es nicht „der“ Mensch, der seine Menschlichkeit „vergisst“, sondern eine Klassengesellschaft (deren Effekt zudem Rassismus ist) organisiert das Gegeneinander ihrer Subjekte zwecks Profitmaximierung.
Dass Brecht nun aber einerseits vom Vergessen der Menschlichkeit spricht, ohne den Kapitalismus direkt anzusprechen und andererseits den Vorrang des „Fressens“ (und damit des Gefressenwerdens) behauptet, ja als gegeben und damit wohl „natürlich“ rechtfertigt, verweist auf die Schwachstelle seiner Argumentation ― sofern man einem literarischen Text überhaupt eine argumentative Kohärenz abverlangen will.
Denn was ist das Fressen nun: Das, was die Menschen brauchen, bevor sie mit Moral behelligt werden dürfen, die ohnehin nur dazu da ist, sie von der Verwirklichung ihres Rechts auf Befriedigung ihre grundlegenden natürlichen Bedürfnisse abzuhalten? Das wäre die Deutung, die sich aus der Forderung ergibt: „Erst muss es möglich sein auch armen Leuten, vom großen Brotlaib sich ihr Teil zu schneiden.“ Oder ist das Fressen nur ein Teil des Kampfes aller gegen alle, des Peinigens, Ausziehens, Abwürgens und Verschlingens, kurzum: des Vergessens der Menschlichkeit?
Die Formel „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“ ist also zwar prägnant aber uneindeutig. Der behauptete Materialismus ist doppeldeutig. Die Behauptung eines Vorrangs des Fressens kann als „zynische“ Tatsachenfeststellung des Ausbeuters wie auch als revolutionäre Forderung des Ausgebeuteten gesagt werden. Und darum kollidiert der Satz mit der Moral, die er voraussetzt. Denn er ist vor allem eines Anklage: So ist es, aber so soll es nicht sein! Das sagt er nicht ausdrücklich, dass soll der Hörer (oder Leser) explizieren. Ansonsten wäre das ganze Unterfangen „Dreigroschenoper“ sinnlos und diente nur zu Unterhaltungszwecken.
Brecht will aber, dass die Verhältnisse sich ändern. Gerade darum hat er sich ja dem Marxismus als einer materialistischen Ideologie und militanten Praxis zugewandt, in den Jahren nach der „Dreigroschenoper“ noch stärker als zuvor.
Nur dass aus dem bloßen Materialismus eben keine Forderung nach einer Veränderung, einer Verbesserung der ungerechten Verhältnisse abgeleitet werden kann. Ja nicht einmal das Unrecht selbst kann als solches erfasst werden. Materialismus kann nur sagen: So ist es. Ethik und Recht bleiben ihm äußerlich, sind darum aus marxistischer Sicht ja auch bloße Instrumente im Klassenkampf. Der Kapitalist sagt: Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral, mit anderen Worten: Was schert mich euer Elend, erst kommen meine Profite, dann die schönen Worte! Der Proletarier sagt: Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral, mit anderen Worten: Her mit der Revolution, wir wollen gut leben, dazu ist jedes Mittel recht! ― Wer von beiden im „Recht“ ist, lässt sich mit materialistischen Mitteln nicht entscheiden.
Doch dass aus dem Materialismus keine Unterscheidung von Recht und Unrecht, Gut und Böse anzuleiten ist, man setze denn einen bestimmten Klassenstandpunkt willkürlicherweise absolut, stört freilich dann nicht weiter, wenn es in der Praxis passenderweise immer der eigene Standpunkt ist, der universelle Geltung beanspruchen darf, und man zudem seine völlig unmaterialistische (weil ein Seinsollen behauptende) Parteiergreifung auch noch mit einer säkularen Geschichtstheologie verbrämen kann, wonach die eigene Sache als Sache eigentlich aller (Gutwilligen), sich am Ende unbedingt durchsetzen muss.
Doch ganz ungeachtet marxistischen Unfugs bleibt das Problem: Das Fressen und Gefressenwerden kann nur dann als Unrecht erkannt, beklagt, angeklagt und eine Änderung der Verhältnisse gefordert werden, wenn dabei eine „Moral“ (oder Ethik) vorausgesetzt wird, die von der Brechtschen Formel doch gerade als sekundär behauptet wird. Nur wenn die armen Leute zu Recht ihren Teil vom großen Brotlaib schneiden wollen, kann der Umstand, dass sie es unter den gegeben Bedingungen nicht können, kritisiert, verworfen und bekämpft werden.
Nochmals: aus dem Materialismus, aus der bloßen Feststellung „So ist es“ lässt sich kein „So soll es nicht sein“ ableiten. Die Leute hungern? Na und? Sie revoltieren gegen den Hunger? Meinetwegen, aber mit demselben Recht schlagen andere die Revolte nieder. Es gelten Ursache und Wirkung (gern auch „das Recht des Stärkeren“ genannt), aber nicht Recht und Unrecht. Es bedarf eines ethischen Kriteriums, damit die anklagende ― und daraus folgend: die kämpferische ― Haltung überhaupt möglich, geschweige denn gerechtfertigt ist.
Insofern lässt sich die Brechtsche Sequenz anders formulieren, weniger prägnant, aber der Wirklichkeit angemessener: Erst kommt die Moral, dann das Fressen, erst muss geklärt werden, dass es ein Grundrecht auf Befriedigung grundlegender Bedürfnisse gibt, dann muss dafür gesorgt werden, dass diese Moral zu Formen des Miteinanders führt, die jede Ausbeutung, jede Benachteiligung, jede Entwürdigung ausschließen.

Sonntag, 2. Mai 2021

Kritisch zu denken, so wie ich es verstehe, läuft darauf hinaus, es sich nach und nach mit jedem zu verderben, auch mit sich selbst.

Freitag, 30. April 2021

Dienstag, 27. April 2021

Glosse LXXIX

Ach, all ihr „Dschornalisten“, „Dschornalistinnen“ und andere Hirnzwerge, hört doch bitte auf, von Webseiten zu plappern. „Site“ bedeutet „Ort“ oder „Stelle“. „Seite“ hingegen heißt auf Englisch „page“.

Sonntag, 18. April 2021

Über „Handyhalterungen“

„Handyhalterungen fürs Fahrrad können klobig sein und einfach unschön aussehen!“

Oft macht mich unerbetene Reklame (und ich kenne gar keine andere) auf ungeahnte Nöte und Sorgen im Leben anderer Leute aufmerksam. Nie hätte ich nämlich gedacht, dass man auch beim Fahrradfahren sein Mobiltelephon dabeihaben muss, obwohl das, wenn ich darüber nachdenke, eigentlich völlig selbstverständlich ist. Was denn sonst! Wenn man sich radelnd vom Gerät entfernte, hieße das ja, dass man es nicht dabei hat, und ohne es geht es nicht. Also für mich schon, ich nütze weder Fahrrad noch Mobiltelephon, aber wer bin ich schon. Die meisten anderen, eigentlich alle, dürfen sich, soweit ich das mitbekomme, nicht allzu weit entfernen von dem Ding, von dem sie technisch, psychisch und anscheinend zunehmend auch physisch abhängig sind.
Mensch und Maschine in Symbiose. Wobei das ein ungleiches Miteinander ist, bei dem das tote Ding die angeblichen Möglichkeiten verkörpert, die sich die lebendige Wirklichkeit unterordnen. Wer ist noch Herr (oder Herrin) des Geräts? Wer schon Knecht (oder Magd)?
Weil man es also immer dabei haben muss, wird man auch damit gesehen und sieht sich selbst dabei, wie man von anderen gesehen wird. Etwa beim Radfahren, wo man die Hände nicht frei haben soll, und darum das eine Gerät mit dem anderen verbinden wollen wird. Klobig und unschön geht da gar nicht! Schließlich handelt es sich eben nicht um eine Frage bloßer Zweckmäßigkeit, sondern um bewusste und nachhaltig zu gestaltende Lebensweisen. Man muss dem Ding Respekt erweisen, es hat verdient, dass man dafür Geld ausgibt. Nur so kann man zeigen, dass man bei der Selbstoptimierung mitzuhalten versteht. Zum Glück gibt es dafür Lösungen, die man kaufen kann. Und schon hat man ein gutes Gewissen und eine zierliche und schöne Halterung!