Freitag, 7. August 2026

Faschismus VI

Faschismus ist die Anwendung des Kolonialismus und seiner Methoden auf das Mutterland und dessen Bewohner. Alle sind grundsätzlich rechtlos und dem Regime unterworfen, das mit Gewalt eingesetzt wurde und erhalten wird. Erst im Maße der Nützlichkeit für das Regime, des Gehorsams und der Einbindung ins System werden funktionale Rechte gewährt.
Das wichtigste Ziel der Kolonialherren ist die Ausbeutung von Mensch und Natur. Sein wichtigstes Mittel das Töten. Seine täglich Praxis die Versklavung. So auch beim Faschismus. „Du bist nichts, dein Volk ist alles“, hieß es bei den Nazis. Will sagen: Der Einzelne ist ohne Bedeutung, ohne Würde, ohne Rechte, nur als Material des Herrschaftswillens zählt er, hat er Wert. In der Schlussphase des Dritten Reiches, das ohnehin schon eine gigantische Tötungsmaschinerie war, wurde fast alles, was Auflehnung war oder hätte sein können, mit dem Tode bestraft.
Zudem ist der Gegner des Faschismus, sein Feind, auch dann von fremder Art, also letztlich „fremdrassig“, das heißt: biologisch inkommensurabel, wenn er nicht unmittelbar „rassisch“ definiert wird. Rasse und Gehorsam-Abweichung, Rasse und Zugehörigkeit-Gegnerschaft sind austauschbar.
Das Phantasma der Rasse, biologisch unhaltbar, ist aber nicht Grundlage, sondern Effekt des Rassismus. Dessen Grundsatz lautet (ungefähr nach Foucault): Die müssen sterben, damit wir leben können. Die Erfindung der Rasse ist also immer eine berauschende Tötungsphantasie.

Faschismus V

Die Vorstellung, dass das Recht eine Funktion der Macht sei, eine Ableitung der hergestellten Verhältnisse, ein Effekt der Gewalt, mit der es durchgesetzt wird, ist der Kern des Faschismus. „Ich habe das Recht, zu tun, was ich will, wenn ich das, was ich will, tun kann.“ Selbstverständlich ist das absurd und die Pervertierung des Rechtsbegriffes. Allerdings ist es auch die rechtspositivistische Grundlage des modernen Staates. „Du musst dich an das Gesetz halten, weil im Gesetz steht, dass du dich an das Gesetz halten musst.“
Die eigentlichen Verhältnisse werden verdreht, nicht mehr werden Handlungen am Recht gemessen, sondern die erfolgreiche Handlung setzt das Recht. Der Starke schreibt dem Schwachen das Recht vor. Dieser Unsinn gilt als ewiges Gesetz: Was sich durchsetzt ist richtig, ist wahr, ist gültig. Wer bestehendes Recht nicht nur verletzt und damit durchkommt, vergrößert seine Macht und festigt sie, hat eben immer schon Recht gehabt.
Das gesetzte Recht wird gegen alle gewandt, die nicht die Macht haben, Recht zu setzen. Wer aber das Recht nach Belieben setzten kann, ist der Mächtigste. Zugleich haben die ihm Untergeordneten seiner Macht Teil in dem Maße, in dem auch ihnen andere untergeordnet sind. Noch der beinahe Unterste hat kleinen Anteil an der höchsten macht und bejaht und bejubelt und stützt diese darum.

Faschismus IV

Faschismus setzt den Staat voraus. Er könnte keinen errichten, denn er ist nicht schöpferisch, bloß parasitär. Er ahmt, schon bevor er den Staat übernimmt, dessen Gewalt nach. Oder phantasiert sie zumindest.
Darum nützt der Faschismus, an die Macht gelangt, den bestehenden Staat, baut ihn auch aus, baut ihn um, aber immer auf der Grundlage der modernen Staatlichkeit. Zwar bekommt die geordnete Verwaltung Konkurrenz durch parteiliche Willkür, es gibt nach und nach nichts Unabhängiges mehr und die rechtsstaatlichen Grundsätze werden missachtet oder aufgehoben. Aber das alles vollzieht sich in den Formen des Staates: Gesetze, Verordnungen, Polizei, Amtsstuben, Formulare, Registraturen usw.
Die verkündete Verschlankung des Staates, seine schlagkräftige Konzentration auf das Wesentliche, widerspricht seiner Allzuständigkeit, die Expansion erzwingt. Das Administrative wuchert, die Behörden, Ämter und Pöstchen werden vermehrt, dazu die Ränge und Titel, die Symbole und Rituale, es herrscht eine Art von Karneval der Bürokratie, die Gewaltherrschaft parodiert den geordneten Staat und bringt ihn auf den Punkt.
So wird man zwar willkürlich verhaftet, aber der Fall bekommt eine Aktennummer, man wird ermordet, aber die Angehörigen erhalten die Bestätigung eines natürlichen Ablebens. Jede Untat wird sorgfältig in Listen erfast.
Das Ideal der totalen Kontrolle reibt sich an der Endlichkeit der Möglichkeiten und der menschlichen Schwäche. Die historischen Faschismen verfügten noch nicht über Großrechner, Gesichtserkennung und Realitätssimulationen, hätten das aber gewiss gern. Was Wunder, dass die, die heute darüber verfügen, zum Faschismus neigen. Überwachung, Verhaltenssteuerung, Filterung und Verfälschung von Information ist immer autoritär und will auf Totalität hinaus.


Sozialismus: Herz oder Hirn?

Man sagt gerne, wer mit 20 kein Sozialist sei, habe kein Herz, wer es aber mit 40 immer noch sei, habe kein Hirn. Der knackige Spruch mag insofern etwas treffen, als nicht wenige die aufbruchswillige Sentimentalität ihrer Jugend in reiferem Alter längst gegen anpassungswillige „Rationalität“ eingetauscht haben. Man könnte auch sagen: Gerechtigkeitssinn gegen Geschäftssinn. Unzutreffend und geradezu verdummend ist aber die Gegenüberstellung von Herz und Hirn.
Denn Sozialismus (verstanden als die Vergesellschaftung der entscheidenden Produktionsmittel im Unterschied zur Kontrolle der Wirtschaft durch äußerst ungleich verteilte Privatvermögen und der Auslieferung der Mehrzahl der Berufstätigen an Ausbeutungsverhältnisse) ist keineswegs bloß eine jugendliche Schwärmerei, sondern ein durch und durch rationales Konzept. Vielleicht braucht es mehr „Hirn“ dafür, um das zu verstehen, als manche nach Jahren der Einfügung ins kapitalistische System noch aufbringen wollen oder können .
Zusammenzuarbeiten statt gegeneinander, das gemeinsam Erwirtschaftete auch für gemeinsam festgelegte Zwecke einzusetzen, alle zu versorgen und niemanden im Elend zu lassen, eines jeden schöpferische Kräfte zu fördern und ihre Einbringung in gemeinsame Vorhaben zuzulassen ― das alles ist sinnvoll, produktiv und ethisch geboten. Zerstörerisch in jeder Hinsicht ist es hingegen, die Profitmaximierung über alles zu stellen, sehr wenige sehr reich zu machen, Menschen und natürliche Ressourcen auszubeuten und irreparabel zu schädigen und Unterdrückung und Verdummung zum Systemerhalt einzusetzen.
Wenn das Vernünftige auch noch das Gefühl, den Sinn für Gerechtigkeit und die Empörung über Unrecht und Leid zu Genossen hat, umso besser; das sollte nicht nur bei jungen Menschen der Fall sein. Wer hingegen irgendwann im Leben abgestumpft und gleichgültig ist oder gar gierig und skrupellos, sollte sich dessen nicht auch noch rühmen.

Was auch ein Schriftsteller muss

Die Verpflichtung eines Schriftstellers ist es durchaus, die Verhältnisse zu kennen, in denen er lebt und in denen seine Mitmenschen leben. Nicht verpflichtet ist er auf schöne Worte. Schöne Worte machen sie alle, auch und gerade die Verführer; nun ja, was man halt so für schön hält.
Jedenfalls muss er wissen, was Sache ist, sonst ist, was er schreibt, so geschickt oder erhebend oder berührend oder einfühlsam es auch sein mag, bloßes Geschreibsel.
Wenn er Unrecht bemerkt, aber nicht anklagt, ist er Komplize. Ebenso, wenn er Leid sieht. Oder wenn er wegschaut und nichts bemerken will.
Ein Schriftsteller muss nicht Politik machen. (Er darf es aber, wie ein Schuster oder eine Waldpädagogin.) Und was er schreibt, muss nicht „politisch“ in dem Sinne sein, dass er Vorschläge zur Weltverbesserung macht. Aber er muss sich der Realität stellen, und die besteht nun einmal im Zusammenleben der Menschen und den herrschenden Verhältnisse. Nimmt er alles einfach hin, ist er dumm oder boshaft.
Es soll Haltung zeigen. Macht er einfach nur sein Ding, ohne sich um die ethischen Implikationen und Extrapolationen der Wirklichkeit und seiner Erfindungen zu scheren, führt er den Lesern vor, dass man ignorant sein kann und trotzdem Ästhet. Will er das?
An einen Schriftsteller ist die selbe Forderung zu richten wie an den Schuster und die Waldpädagogin: Sei ein anständiger Mensch, verführe nicht zum Bösen. Niemand kann verlangen, dass einer ein guter Schriftsteller sei (oder ein guter Schuster); es darf auch Versager geben. (Notfalls wendet man sich halt an einem, der's kann.) Von jedem aber darf verlangt werden, dass er ein guter Mensch sei.