Montag, 19. Oktober 2026

Auch ein Konsumterror

Es wird niemanden überraschen, dass ich Selbsbedienungskassen nicht mag. Ich ziehe den Umgang mit Menschen vor. Aber in dem auf Einrichtungszeug spezialisierten Konsumtempel war der Andrang der Zahlungswilligen mit ihren vollen Einkaufswägen so enorm, dass ich mit meinen zwei Tellern doch zu den Automaten ging. Ich stellte mich bei einem Gerät an, an dem ein junger Mann noch zu Gange war. Da schnauzt mich eine fette Vettel an, die dort zu Aufsichtszwecken herumlungert, dass hinter mir noch jemand warte, der sei vor mir dran. „Na und“, sage ich, ich stehe bei diesem Gerät an.“ Bei Kassen mit Kassiererin wartet man ja auch nicht, wo der nächste Platz frei wird, sondern wählt eine Kassa und stellt sich an. Nein, wurde ich beschieden, man müsse auf das nächste freie Terminal warten. „Na gut“, sagte ich, „dann warte ich bis der Herr hinter mir dran ist, und dann sagen Sie mir, wann ich zahlen darf. Wenigstens ist so ihr Job gesichert.“ Ich hätte „bullshit job“ (David Graeber) sagen sollen; denn dass Leute beschäftigt werden, die die SB-Kassen beaufsichtigen ist absurd, wenn man Leute an Kassen beschäftigen könnte. Eine andere SB-Kasse wurde frei, Mann, der angeblich „vor mir“ dran war, ging hin, erfasste, zahlte und verschwand. Ich musste noch ein paar Sekunden warten, bis der schmalhüftige Knackarsch, hinter dem ich mich angestellt hatte, endlich mit seinem Kram fertig war. Die Intervention der Vettel hatte also genau nichts an den Abläufen (und der Reihenfolge) verändert. Hauptsache, man kann mal wieder die Kazettwärterin raushängen lassen.
Ich ärgerte mich. Über das unfreundliche, hässliche, geradezu ekelhafte Weib (ihre gewaltigen Brüste hingen ihr bis zum Nabel). Über die Unterstellung, ich würde mich vordrängen. Über eine willkürliche und unsinnige Regel (die wo festgelegt ist?). Über die Machtlosigkeit als Kunde. (Ich hätte Lust gehabt, meine Teller abzustellen und zu gehen.) Und über mich, der ich wieder in dem mir zutiefst unsympathischen Laden eingekauft habe. Möge es das letzte Mal gewesen sein.

Balken & Splitter (124)

Mir war so, als ginge jene Republik auf eine blutige Revolution zurück. Und jetzt ist ein bisschen Gewalt pfui gack?
 
Zufällig sind Randalierer immer dann zur Stelle, wenn der Staat Proteste, die er sonst nicht beenden kann, kriminalisieren möchte.
 
Oho, die sensible Bourgeoisie ist „erschüttert“ von der Gewalt in Frankreich. Anderswo ist sie ihr wurscht.
 
Merke: Protest gegen die Obrigkeit muss friedlich sein, Gewalt steht nur dem Staat im Namen des Kapitals zu.
 
Der Reichstag brennt! Schnell: Notverordnung! Terror! Kommunisten wegsperren! Ach nein, es war nur das Rathaus von Limoges.
 
Der Völkermord in Palästina erschüttert Mitteleuropa nicht so wie Straßenschlachten und Plünderungen in Frankreich.

Sonntag, 18. Oktober 2026

Unverständnis (1)

Ich verstehe die Leute nicht. Einerseits wollen sie möglichst lange leben, andererseits sind sie dauernd damit beschäftigt, sich die Zeit zu vertreiben. Was denn nun? Wollen sie im Ernst möglichst viel Lebenszeit, um möglichst nichts Sinnvolles damit anzufangen?

Über das Reisen

Die Leute reise irgendwohin und kehren als dieselben zurück, die sie vorher schon waren. Das Reisen hat sie überhaupt nicht verändert. So gesehen war es sinnlos. Sie bringen zwar souvernirs mit zurück, Eindrücke oder Dinge ― und besonders gerne Photographien und Filme, die das Erlebnis und die lebendige Erinnerung ersetzen ―, aber das sind Versatzstücke, die nichts besagen, beliebig und unpersönlich.

Sie sind irgendwo hingereist. Sie werden, wenn sie es sich leisten können, wieder irgendwo hinreisen. Die Orte sind geradezu austauschbar. Man war irgendwo, man ist irgendwo, man wird irgendwo sein. Es gibt das Zuhause und drumherum die Fremde, von der man ausschnittsweise vorübergehend Gebrauch macht, gegen Entgelt, weshalb sie eine Ware ist. Reisen gehört zum Lebensstil. Es hat nichts Existenzielles, es ist ein Accessoire, das man sich gönnt.

Fast alle reisen nur, weil andere das machen, und kehren mit dem befriedigenden Gefühl zurück, dass es zu Hause am schönsten ist.

Samstag, 17. Oktober 2026

Wie Christen alle bekehren könnten

Die Christen verfügen über ein sehr wirksames, geradezu unwiderstehliches Mittel, um andere Menschen zum Christentum zu bekehren. Sie müssen dazu nur tatsächlich Christen sein, also Gottes Gebote befolgen, wie Christus sie verkündet hat. Erstens also Gott lieben, mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit ihrem ganzen Denken und mit all ihrer Kraft, und zweitens ihren Nächsten wie sich selbst.
Wenn sie Gott wirklich liebten, hätten sie keine Götzen neben ihm (oder statt seiner), allen voran nicht den Mammon (modern gesprochen: den Kapitalismus), aber auch nicht den Spaß, die Geilheit, den Rausch, die Gesundheit, die soziale Anerkennung, die Macht, die Nation, die Klasse usw. (Nichts davon ist für sich genommen böse, aber als Ersatzgott und Gottesersatz wird es teuflisch.)
Wenn sie ihren Nächsten liebten, würden sie einander das Leben leicht machen statt schwer. Sie würden den Hungrigen zu essen und den Durstigen zu trinken geben, die Fremden aufnehmen, die Nackten kleiden, die Kranken und die Gefangenen besuchen. Wenn sie ihren Nächsten liebten, wären sie gegen Ausbeutung, Desinformation, Unbildung und die Schädigung und Zerstörung der Lebensgrundlagen.
Verhielten sich Christen wie Christen, sie würden nicht lügen, nicht stehlen, nicht morden, nicht Unzucht treiben. Sie wären zuversichtlich und freuten sich auf den Weltuntergang mit Christ zweiten Kommen. Und bis dahin wären sie bescheiden und hörten auf Gottes Wort, sie wären barmherzig und hilfreich, kooperativ und konstruktiv, unbeirrbar in der Wahrheit und selbstkritisch.
Jeder würde einen Christen sofort an seinem Verhalten erkennen und sagen: Seht her, der macht es richtig, der ist ehrlich und gerecht, der kümmert sich um seine Mitmenschen, der ist da, wenn man ihn braucht, der spielt sich nicht auf, der packt zu, der ist mit sich im Reinen, und wenn er einmal etwas falsch macht, gibt er es zu und bemüht sich, es beim nächsten Mal richtig zu machen.
Selbstverständlich wäre es nicht nötig, dass alle Christen zu makellosen Heiligen würden und durch sie Zeichen und Wunder geschähen. Es genügte schon (und wäre ein Wunder(, wenn sie sich wirklich an das hielten, was zu glauben sie behaupten. Wobei „Glauben“ eben nicht (wie die protestantische Irrlehre besagt) ein bloßes „Für-wahr-Halten“ sein darf, sondern eine tätige Hingabe an das Gute sein muss. Denn wie Erich Kästner sagte: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Nur gute Taten bezeugen den Glauben, ein Glaube ohne Werke ist leeres Gerede und nicht das, was Gott will.
Lebten die Christen wirklich nach dem Evangelium, wäre die Welt eine andere, eine bessere, und ihr Vorbild würde vielleicht nicht alle, aber doch sehr viele überzeugen. Für das Evangelium zeugen nicht oder nicht in erster Linie Rituale und theologische Folianten; die sind Ausdruck des Glaubens und der Sehnsucht. Um das Evangelium zu den Menschen zu bringen, muss man ihnen die Lehre Christi vorleben und und erklären, ihnen zeigen, wie durch gute Taten ihre Leben besser werden und ihre Herzen leicht.
Lebten die Christen nach dem Evangelium, beteiligten sie sich nicht am Kapitalismus, Konsumismus, Hedonismus. Sie wären gegen Abtreibung und Todesstrafe, gegen Armut und Obdachlosigkeit, gegen Einsamkeit und Vernachlässigung, gegen Verschwendung und Willkür, gegen Kriege und globales Unrecht. Sie fragten nicht: Was macht uns Spaß, lenkt uns ab und betäubt unser Gewissen? Sondern: Was will Gott? Und das versuchten sie zu tun. Das wäre unwiderstehlich.