Dienstag, 20. Oktober 2026

Le couvre-feu

Ausgangssperren? Das ist die Lösung! Wegen ein paar Randalierern sperrt der Staat einfach die ganze Bevölkerung ganzer Viertel und Städte zwischen acht und sechs Uhr weg. Jetzt können sie in Ruhe Netflix gucken oder Pornos und müssen sich nicht mehr über Politik Gedanken machen. Wer zu Hause bleiben muss, kommt auch mit den Lebenshaltungskosten besser zurecht, zumindest kann er kein Geld für Bistro oder Kino ausgeben. So schützt der Staat die Bürger vor sich selbst, und zwar wie gewohnt, indem er ihre Freiheitsrechte aufhebt (für später). Blöd nur, dass man auch zwischen sechs und acht Uhr plündern und niederbrennen kann. Und wenn bald wieder Winterzeit ist, sind die Feuer im Dunkeln gut zu sehen, und man kommt doch noch mit der Metro nach Hause.

Witz und Wirklichkeit

Das ist sehr lustig. Und völlig falsch. Die Plünderer sind sehr wahrscheinlich nicht die Schüler, die für bessere Bilödung demonstrieren, sondern Kleinkriminelle (oder solche, die es werden wollen), die die Gelegenheit nutzen, einmal nicht mit Louis-Vuitton-Fälschungen aus China, sondern mit dem echten Zeug ein paar Euros zu verdienen. Daran ist nicht viel auszusetzen. Die Hersteller und Verkäufer von Luxusmarken sind, entgegen dem herrschenden Bild, nicht die Verschönerer des Lebens, sondern die Ausbeuter der Ausbeuter. Eine Art von verkürzten Robin Hoods: Sie nehmen von den Reichen und behalten das Geld. Luxuswaren tragen nichts zum gesellschaftlichen Reichtum bei, sie verführen die Leute zu falschen Träumen und sind angesichts des Elends in der Welt unanständig. Wenn gelegentlich die Hoflieferanten der Allzureichen illegal ein bisschen enteignet werden (was bestimmt die Versicherung zahlt und ihnen auch sonst nicht weh tut), ist das beinahe Gerechtigkeit. Und Gerechtigkeit, Freiheit, Würde und Wohlergehen steht auch den Palästinensern zu. Die haben nichts davon, wenn in den teuren Läden teures Zeug rumliegt oder verkauft wird. Wenn Ruhe und Ordnung herrscht und das Rathaus nicht brennt. Wenn es aber zu Revolten in den Metropolen kommt, ist das wenigstens ein Zeichen, dass nicht alles so bleiben muss, wie es scheint, aber gar nicht ist. Diese Plünderungen (die ich als Straftaten nicht gutheiße, ich doch nicht!) sind im Grunde Gegenplünderungen: Gewaltakte gegen eine Welt der Gewalt, Ausdruck berechtigter Frustration, lustvolle Vorgriffe auf bessere Verhältnisse. Im Endeffekt wirkungslos, aber spontan berechtigt. Die Hoffnung bleibt: From the river to the sea never again luxury.

Montag, 19. Oktober 2026

Auch ein Konsumterror

Es wird niemanden überraschen, dass ich Selbsbedienungskassen nicht mag. Ich ziehe den Umgang mit Menschen vor. Aber in dem auf Einrichtungszeug spezialisierten Konsumtempel war der Andrang der Zahlungswilligen mit ihren vollen Einkaufswägen so enorm, dass ich mit meinen zwei Tellern doch zu den Automaten ging. Ich stellte mich bei einem Gerät an, an dem ein junger Mann noch zu Gange war. Da schnauzt mich eine fette Vettel an, die dort zu Aufsichtszwecken herumlungert, dass hinter mir noch jemand warte, der sei vor mir dran. „Na und“, sage ich, ich stehe bei diesem Gerät an.“ Bei Kassen mit Kassiererin wartet man ja auch nicht, wo der nächste Platz frei wird, sondern wählt eine Kassa und stellt sich an. Nein, wurde ich beschieden, man müsse auf das nächste freie Terminal warten. „Na gut“, sagte ich, „dann warte ich bis der Herr hinter mir dran ist, und dann sagen Sie mir, wann ich zahlen darf. Wenigstens ist so ihr Job gesichert.“ Ich hätte „bullshit job“ (David Graeber) sagen sollen; denn dass Leute beschäftigt werden, die die SB-Kassen beaufsichtigen ist absurd, wenn man Leute an Kassen beschäftigen könnte. Eine andere SB-Kasse wurde frei, Mann, der angeblich „vor mir“ dran war, ging hin, erfasste, zahlte und verschwand. Ich musste noch ein paar Sekunden warten, bis der schmalhüftige Knackarsch, hinter dem ich mich angestellt hatte, endlich mit seinem Kram fertig war. Die Intervention der Vettel hatte also genau nichts an den Abläufen (und der Reihenfolge) verändert. Hauptsache, man kann mal wieder die Kazettwärterin raushängen lassen.
Ich ärgerte mich. Über das unfreundliche, hässliche, geradezu ekelhafte Weib (ihre gewaltigen Brüste hingen ihr bis zum Nabel). Über die Unterstellung, ich würde mich vordrängen. Über eine willkürliche und unsinnige Regel (die wo festgelegt ist?). Über die Machtlosigkeit als Kunde. (Ich hätte Lust gehabt, meine Teller abzustellen und zu gehen.) Und über mich, der ich wieder in dem mir zutiefst unsympathischen Laden eingekauft habe. Möge es das letzte Mal gewesen sein.

Balken & Splitter (124)

Mir war so, als ginge jene Republik auf eine blutige Revolution zurück. Und jetzt ist ein bisschen Gewalt pfui gack?
 
Zufällig sind Randalierer immer dann zur Stelle, wenn der Staat Proteste, die er sonst nicht beenden kann, kriminalisieren möchte.
 
Oho, die sensible Bourgeoisie ist „erschüttert“ von der Gewalt in Frankreich. Anderswo ist sie ihr wurscht.
 
Merke: Protest gegen die Obrigkeit muss friedlich sein, Gewalt steht nur dem Staat im Namen des Kapitals zu.
 
Der Reichstag brennt! Schnell: Notverordnung! Terror! Kommunisten wegsperren! Ach nein, es war nur das Rathaus von Limoges.
 
Der Völkermord in Palästina erschüttert Mitteleuropa nicht so wie Straßenschlachten und Plünderungen in Frankreich.

Sonntag, 18. Oktober 2026

Unverständnis (1)

Ich verstehe die Leute nicht. Einerseits wollen sie möglichst lange leben, andererseits sind sie dauernd damit beschäftigt, sich die Zeit zu vertreiben. Was denn nun? Wollen sie im Ernst möglichst viel Lebenszeit, um möglichst nichts Sinnvolles damit anzufangen?