Montag, 15. Juni 2026

Der Wahnsinn der Unterwerfung

Er hatte den deutlichen Eindruck, unter lauter Wahnsinnigen zu leben. Zwar überlegte er manchmal, ob vielleicht er der Wahnsinnige sei und die anderen doch seelisch gesund, aber er konnte sich nicht überwinden, für normal zu halten, was die anderen so taten und ließen. Nein, wenn es Wahnsinn war, und es war Wahnsinn, dann war es deren Wahnsinn, und unverständlicherweise war er davon verschont geblieben.
Er nannte die Krankheit Unterwerfung. Die Leute unterwarfen sich dauernd: den herrschenden Verhältnissen, den herrschenden Meinungen, den herrschenden Moden, ihren eigenen Sehnsüchten und Ängsten, ihren Begierden und Bequemlichkeiten, ihren Gewohnheiten, Unarten und Dummheiten. Kritisches Denken, das in Frage stellen könnte, was gerade herrschte, war für die Leute unvorstellbar, sie hielten sich zwar zuweilen für kritisch, aber was dabei herauskam, war letztlich doch nur Anpassung und Unterwerfung.
Er hielt das für einen psychischen Defekt, anerzogen, nicht angeboren, eine Krankheit also. Freilich eine in der Art einer Alkohol-, Drogen- oder Spielsucht, also etwas, das man sich selbst zufügt, aus eigenem Antrieb und vielleicht in schlechter Gesellschaft, aber nichts, was man ohne eigenes Zutun zu Stande käme. Die Leute fangen an zu saufen, viel zu saufen, sehr viel, bis nicht mehr anders können, als immer weiter zu saufen, dann gelten sie als krank Niemand hat ihn gesagt, sie sollten so viel saufen, sie haben selbst entschieden, es zu tun, sie hatten sehen müssen, was Säufer sind, dass das Saufen nicht wirklich ein Spaß ist, sie hatten sich eingeredet, bei ihnen sei das anders, sie könnten damit umgehen, sie hätten das im Griff. Dann sind sie krank und erwarten Hilfe von anderen.
Der Wahnsinn, in den sich die Leute selbst hineinsteigern, die Unterwerfung, ist anderer Art. Es ist keine Krankheit, an der man leidet. Nicht nur gerät man mit Genuss und Befriedigung hinein, man lebt auch mit gutem Gefühl darin, man merkt gar nicht, dass man krank ist, man hält sich für kerngesund und hält große Stücke auf den eigenen Verstand.
Gerade die Bereitschaft der Leute, in ihrem Wahnsinn kein Problem zu sehen und ihre Unfähigkeit dazu, an ihm zu leiden, hielt er für ein Symptom der Erkrankung. Vielleicht war es ein Hinweis auf Unheilbarkeit.
Andere Symptome waren: Realitätsverweigerung, also die Weigerung, das Offensichtliche zu sehen, es als das wahrzunehmen, was es war, und richtige Schlüsse für das eigene Handeln daraus zu ziehen. Ein Beispiel der jüngeren Zeit war das, was man den Klimawandel nannte. Dass der Umgang der Menschheit mit ihren eigenen Lebensgrundlagen und der so vieler Pflanzen- und Tierarten belastend und zerstörerisch war, musste doch selbst ein Kind begreifen. Wie hätten der Raubbau und Einbringung von Gift ohne Folgen bleiben können? Jeder, der Fabriken und Automobile kannte, und wer hätte sie nicht kennen müssen, konnte doch riechen und schmecken, was da für Dreck in die Luft, ins Wasser, in die Erde geriet. Dazu brauchte es keine chemische Analyse. Die gab es freilich. Und Studien zur Auswirkung etwa der Treibstoffgase auf die Erderwärmung und damit das Klima. Man musste wie gesagt kein Wissenschaftler sein, um das nachvollziehen zu können, man musste nur einmal nachdenken: Über die industrielle Produktion, den rauschhaften Konsum, die Fülle des Mülls und der Giftstoffe. Statt nun aber von „der Politik“, die man doch, auch so ein Wahn, als „demokratischer Souverän“ gewählt hatte, schleunigst Gegenmaßnahmen einzufordern, einen fundamentalen Umbau der Wirtschaftsweisen mit der Folge eines radikalen Wandels der Lebensweisen, beließ man es bei ein bisschen Besorgtheit.
Der Wahnsinn war fest etabliert und umfassend. Jede Form der Kritik an ihm, sofern man denn eine Krankheit kritisieren kann und nicht einfach nur diagnostizieren muss, droht Teil der Symptomatik zu werden. Einfach alles konnte vom Wahnsinn verschluckt und verdaut werden. Das wurde dann von den vom Wahn Befallenen wieder ausgeschieden und erneut verschluckt. Die eigene Scheiße zu fressen ― metaphorisch, versteht sich ― war eine typische Praxis der Wahnsinnigen. Nichts, was man zu ihnen sagte, nichts, was man ihnen sagte, drang tiefer zu ihnen durch als nur so weit, bis das System es verarbeitet und neutralisiert hatte. Der Wahnsinn vermochte sich alles zu unterwerfen, da er selbst durch und durch Unterwerfung war.

Sonntag, 14. Juni 2026

Vielleicht sind die Leute heutzutage nicht dümmer als früher, aber sie haben sehr viel mehr Möglichkeiten, ihre Dummheit zu zeigen.

Samstag, 13. Juni 2026

Aufgeschnappt (beim Papst)

Wir dürfen den Schmerz nicht vergeistigen und ihn oberflächlicherweise „Gottes Willen“ oder einem geheimnisvollen Plan Gottes zuschreiben. Gott will nicht, dass wir leiden. Er trägt das Leid mit uns.

Freitag, 12. Juni 2026

Aufgeschnappt (beim Papst)

Wir alle sind – in gewisser Weise – Migranten, wir alle sind Pilger auf dem Weg zur Heimat im Himmel. Helfen wir einander, diesen Weg für alle menschlicher zu gestalten, indem jeder das beiträgt, was in seiner Macht steht.

Verleger

Verleger wissen immer sehr genau, was Leser wollen und was sie nicht wollen, was sie verstehen werden und was sie überfordern wird, was sie anziehen kann und was sie abstoßen muss. Und selbst wenn sie Recht hätten ― was sie gewiss nicht haben, jedenfalls nicht in jedem Fall, weil ihr Urteil auf subjektiven Erfahrungen und deren subjektiver Deutung beruht ― so gilt doch immer (oder zumindest in den besten Fällen sollte gelten): Bücher werden nicht in dem Sinne für Leser geschrieben, dass sie deren Erfahrungen „widerspiegeln“, deren Erwartungen erfüllen und deren Gewohnheiten bestätigen sollen. Im Gegenteil, gute Bücher brechen mit dem Geschmack der Voreingenommenheit der Leser. Die Aufgabe von Verlegern wäre es, andere Kriterien als bloß kommerzielle zu haben und nicht bloß Waren feilzubieten, sondern Kunstwerke zu propagieren. Also mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln alles zu tun, um die Leser auf einen neuen Geschmack zu bringen.
Mit dem gewöhnlichen Dreck können sie das ja auch. Denn die Realität sieht so aus: Verlag verdienen ihr Geld nicht mit literarischen Kunstwerken, sondern mit Literatursimulationen, mit der Vorspiegelung von Belletristik, mit mal mehr, mal weniger geschickt fabriziertem Lesestoff, der ablenkt, zerstreut, verdummt. Das ist ihre Sache. Wo sie aber im Namen ihres Anliegens ― Geld. Geld, noch mehr Geld ― in Kunstwerke einzugreifen versuchen, muss man ihnen das verwehren. Das ist die Verantwortung des Schriftstellers, des schwächsten Gliedes in der Lieferkette Autor-Text-Verlag-Ware-Leser. Lieber nicht publizieren, als angepasstes, marktgängiges, sinnloses Zeug in den Betrieb zu pumpen. Lieber unbedeutender Sand im millionenschweren Getriebe sein, und wäre es durch Verlagsverweigerung.