Donnerstag, 19. Februar 2026

Notiz über Technikkonsum

Als es erfunden worden war und auf den Markt kam, brauchte kein Mensch so ein Ding. Wer es sich anschaffte, hatte einfach ein neues Spielzeug. Und zeigte, dass er „für Neues offen“ war, also bereit sich, den Konsumwünschen, die ihm nahegelegt wurden, zu unterwerfen. Dann aber verbreitete sich der Besitz des Dings, zu Zeiten geradezu explosiv, und schließlich wurde es allgemein. Fast jeder besaß eines oder mehrere. Wer dann nicht „wie alle“ eines besaß, war ausgeschlossen und galt als minderbemittelt. Als schließlich unübersehbar wurde, welche Nachteile der Gebrauch des Dings für alle hatte, hieß es: Es geht nicht mehr ohne.
Für „Ding“ kann man in dieser Geschichte, die immer mehr oder minder gleich zu verlaufen scheint, verschiedenes einsetzen; das Automobil oder das Mobiltelephon, den Kühlschrank oder die Klimaanlage. Immer geht es um Konsumterror, beschränkten nutzen und erhebliche ökologische, kulturelle und seelische Kosten
(24. März 2023; überarbeitet) 

Mittwoch, 18. Februar 2026

Über Vulgärevolutionismus

„Der Daumen ist evolutionär zum Greifen gedacht.“ Von wem?, möchte man fragen. Sätze wie dieser, von denen sich unzählige irgendwo aufschnappen lassen, zeigen, wie die Evolutionshypothese, die zum wissenschaftlichen Standardmodell geworden ist, zugleich als Mythosersatz und Ersatzmythos funktioniert. Selbst wenn man, warum eigentlich?, die wissenschaftliche Darstellung dessen, was Evolution gewesen sein soll, vom populären Glauben daran unterscheiden möchte, kann man die Wissenschaftler mit ihrem Drang, ihre annahmen zu popularisieren und als Fakten hinzustellen, nicht davon freisprechen, dem mythischen Denken damit Vorschub geleistet zu haben. Eine Evolutionshypothese ist das eine, der Evolutionismus, der jeden Widerspruch diskreditierende Glaube an das Zutreffen der Hypothese, ist etwas anderes und verbindet sich, angesichts unterschiedlicher Bildungskompetenzen und Reflexionsgewohnheiten, geradezu zwangsläufig mit völlig unwissenschaftlichen (also mit wissenschaftlichen Mitteln nicht zu rechtfertigenden) Vorstellungen. Das ergibt einen Vulgärevolutionismus, und der steht dem vernünftigen Denken im Wege.
Die sehr verbreiteten Vorstellungen, „die Natur“ oder „das Universum“ oder eben „die Evolution“ steuere einen zielgerichteten Prozess, der dafür sorgt, das Lebewesen so sind, wie sie sind, und sich so verhalten, wie sie sich verhalten, ist völliger Blödsinn. Im Grunde werden hier Modelle aus den Religionen auf naturkundliche Zusammenhänge übertragen. Wer heute noch sagte: „Der liebe Gott hat dem Menschen zwei Daumen gegeben, damit er greifen kann“, machte sich vermutlich lächerlich. Wer aber sagt: „Die Natur / die Evolution hat dafür gesorgt“ usw., wird durchaus Verständnis und Zustimmung finden.
Aber gibt es eine Entität, die man „die Natur“ oder „das Universum“ oder „die Evolution“ nennen kann? Ist diese Entität mit der Fähigkeit zur Planung, zur Zielsetzung, zur Durchsetzung von bestimmten Vorhaben (und zur Verwerfung anderer) ausgestattet? Nein. Das sind mythische Vorstellungen. Ihnen entspricht nichts in der Realität. Zumindest nicht in der wissenschaftlich erforschbaren.
Die Evolutionshypothese besagt, einfach formuliert, dass Exemplare einer Spezies durch zufällige Mutationen (Veränderungen ihres Erbgutes) ihren Umweltbedingungen besser angepasst sind als andere und sich in der Folge auch erfolgreicher fortpflanzen können. Von einer Entwicklung (einem „Evolutionsprozess“) kann nur rein deskripitiv die Rede sein („es war so“), nicht normativ („es sollte so kommen“). Es gibt keine „Höherentwicklung“, weil es zwar ein Kriterium, die Anpassung als Fortpflanzungsbedingung, aber ansonsten nur Zufälle gibt. Es ist möglich und soll vorgekommen sein, dass keine der Mutationen zur einer gelingenden Anpassung an veränderte Umweltbedingungen führt und eine Spezies ausstirbt. Denkbar wäre sogar, dass zufällig keine Spezies sich ausreichend anpasst und sämtliche Lebewesen irgendwann aussterben. (Auch wenn das wegen der Fülle der Spezies und mutatorischen Möglichkeiten unwahrscheinlich ist; auch ändern sich Umweltbedingung selten radikal ― es sei denn, der Mensch greift ein.)
Man kann also sinnvollerweise nur sagen: Zufällig hat der Mensch Daumen und das hat für ihn den und den Vorteil. Keineswegs aber: Weil Daumen vorteilhaft sind, hat der Mensch welche. Welche Instanz hätte diesen Vorteil vorhergesehen und die Ausbildung von Daumen herbeigeführt?
Um Grunde wird mit der Einführung von Teleologie und Intention in die Annahme eines ansonsten zufälligen Prozesses, die Evolutionstheorie ad absurdum geführt. Sie wurde ja gerade aufgestellt, um die Verschiedenheit (und Veränderlichkeit) der Arten mit rein naturwissenschaftlichen Mitteln erklären zu können, ohne also einen übernatürlichen Schöpfer und Erhalter postulieren zu müssen.
Indem nun aber „die Evolution“, „die Natur“, „das Universum“ (in moralisher Hinsicht. „das Karma“) zu einer Quasiperson stilisiert wird, die dieses will und jenes sorgt, die Absichten hat, Zwecke verfolgt, Ziele erreicht usw., indem also ein wissenschaftlich als rein zufälliges zu beschreibendes Geschehen wie ein Gottesersatz oder Ersatzgott behandelt wird, zeigt sich, dass der Evolutionismus zwar als Ideologie (die Ideen als Fakten andient) sehr erfolgreich war, das aber nur um den Preis, dass sein atheistisch-säkularistisches Gegenprojekt zum Schöpfungsglauben bei vielen seiner Anhänger doch nur als Variante einer Mythologie aufgefasst wird.
Soll man daraus schließen, dass die Menschen Sehnsucht nach einer sinnvoll geordneten, auf zunehmendes Gutsein ausgerichteten Welt haben? Dass sie zwar bereit sind, einen konkreten Gott zu leugnen oder zu Ignorieren, aber seine stelle mit diffusen Konzepten besetzen müssen, weil sie ein bloß kontingentes Universum nicht ertragen? Vermutlich.
Es geht übrigens gar nicht darum, ob die Evolutionshypothese zutreffend ist oder nicht. Es geht darum, Hypothese und Faktizität auseinanderzuhalten und kritisch zu betrachten, welche Funktionen welche Annahmen (egal, ob richtig oder falsch) und Welche Tatsachenbehauptungen (ebenso) im Denken, Fühlen und Handeln der Menschen und in ihrem Zusammenleben haben. Der Darwinismus war eine Projektion der kapitalistischen Verhältnisse des viktorianischen Zeitalters auf das „Reich der Natur“. (Weshalb der Ausdruck „Sozialdarwinismus“ ein Pleonasmus ist.) Moralfreies Profitstreben und dessen Belohnung mit politischer, ökonomischer, kultureller Macht und entsprechendem Ansehen erschienen so als Anpassungsleistung (Anpassungszufall) und Überleben des Stärkeren (stärker Angepassten). Ausbeutung und Konformismus erhielten eine „naturwissenschaftliche“ Begründung. Der Erfolgreichere war gegenüber dem Versager im Recht. So amalgamierten Calvinismus und Szientismus. Kolonialismen und Rassismen aller Art konnten religiöse und ethische Bedenken endgültig beiseite wischen.
Indem nun der Vulgärevolutionismus den herkömmlichen persönlichen Gott, der etwas will und fordert und daraus Konsequenzen zieht, durch unpersönliche Mächte ersetzt, die zwar Teleologien verfolgen, aber im Grunde keine ethische Forderungen erheben (das vielbeschworene „Karma“ ist ja bloß ein abstraktes Vergeltungsprinzip: Auge um Auge), entmoralisierter und verunmenschlicht er weiter die menschlichen Verhältnisse und verweigerte sich den Begriffen Sünde, Reue, Vergebung und Erlösung. 

Mittwoch, 11. Februar 2026

Bezahlbaren Wohnraum schaffen?

Die Rede vom „bezahlbaren Wohnraum“ (von dem es zu wenig gebe und von dem es mehr geben solle) ist blanker Unsinn. Alles Wohnen ist bezahlbar. Wenn man denn genug Geld hat. Was also eigentlich gemeint ist: Der Anteil am Einkommen, den die Menschen fürs Wohnen aufwenden müssen, ist zu hoch. Das mag schon stimmen, wie immer man das auch genau berechnen will. (Und wie definiert man „zu“ hoch?) Jedenfalls hat die Sache also offenkundig zwei Seiten: hohe Kosten und dafür zu geringe Einkommen.
Die Höhe der Mieten bestimmen, im Rahmen der Gesetze, die Vermieter. Die wären schön blöd, wenn sie weniger verlangten, als sie bekommen können. Und sie werden bestimmt auch nicht mehr verlangen, als doch noch irgendjemand zu zahlen bereit ist. Das wäre auch blöd, denn vermietbare Wohnungen, die keiner mietet, sind auf Dauer ein Verlustgeschäft. Also regeln, wenn es so einfach ist, wohl tatsächlich Angebot und Nachfrage die Miethöhen. Außer die öffentliche Hand greift ein. Durch Deckelung der Mietpreise und Nötigung zum anteiligen Bau billiger Wohnungen. Das stellt eine Art von sanfter Enteignung dar, einen Eingriff ins Recht, das, was einem gehört, zu jedem beliebigen Preis zu verkaufen oder eben zu vermieten. Wie man das begründen will, ist schwer zu sagen, denn die Käufer und Mieter sind ja nicht gezwungen, die verlangten Preise zu bezahlen. Oder eben schon, scheint man sagen zu wollen, irgendwo müssen sie ja wohnen. Aber das tun sie doch jetzt schon, könnte man dagegenhalten, es sind ja keineswegs alles Obdachlose, die da massenhaft nach günstigem Wohnraum verlangen.
Andererseits also der zu hohe Anteil der Wohnkosten am Einkommen. Da könnte man nun auf die Idee kommen, dass man dann, um „Wohnraum bezahlbar“ zu machen, die Einkommen erhöhen müsste. Was so generell etwas schwierig ist, weil die verschiedenen Berufsgruppen mit getrennten Verträgen gegeneinander ausgespielt werden, und ein Generalstreik zur Anhebung aller Löhne und Gehälter auf ein Niveau, bei dem der durchschnittliche Wohnaufwand einen bestimmten Anteil nicht übersteigt nicht in Sicht ist.
Die Lösung? Ein bisschen fördern, ein bisschen fordern. Sogenannte sozial Schwache sollen ― nicht etwa besseres Einkommen, sondern ― billigere Wohnungen (und allenfalls Zuschüsse) bekommen, die Wohnungsindustrie diese (vorübergehend) zur Verfügung stellen müssen. Die Besserverdiener sollen günstige Kredite bekommen und bauen lassen. Mit anderen Worten: Alles bleibt, wie es ist, man verteilt nur Almosen und knapst ein bisschen bei denen ab, die ohnehin keiner leiden kann, bei den Vermietern und Baukonzernen.
Manche meinen freilich, man müsste große Vermietungsgesellschaften überhaupt enteignen. Womit vermutlich Verstaatlichung gemeint ist. Der gute Vater Sozialstaat soll Millionen oder Milliarden springen lassen, um die vom Markt, den er sonst schützt und hegt und pflegt, eher Benachteiligten irgendwo günstig unterzubringen. Das hieße: Alle zahlen mit Steuern und Abgaben dafür, dass Einkommensschwache anständig wohnen können. Aber warum das nur beim Wohnen so halten, nicht auch bei Essen, Kleidung und dem Erwerb und Betrieb von Unterhaltungselektronik? (Die Urlaubsindustrie wird ja schließlich auch mit Steuergeld gesponsert.) Warum nicht gleich überall dort, wo es für ein gutes Leben nicht reicht, alles vom Staat liefern lassen? Was man naturgemäß irgendwie finanzieren müsste. Da wissen einige Rat: Die Reichen mehr besteuern!
Manche träumen vermutlich ohnehin von entschädigungsloser Enteignung. Von so ein bisschen revolutionärem Wohnsozialismus mit Kapitalismus drumherum sozusagen. Wer das durchsetzen und wie das ohne Gewalt gehen soll, weiß der Teufel.
Es stimmt: Es ist genug Geld da. Aber blöderweise gehört es immer schon jemandem. Dem müsste man also etwas davon wegnehmen. Das geschieht ja bereits: Der Unterschied von Steuern, Enteignung und Verstaatlichung von allem und jedem ist nur graduell. Eine Frage vom Mäßigung oder Umsturz.
Allerdings gibt es mit beiden Polen längst gewisse Erfahrungen: Reiner Kapitalismus ohne wohlfahrtstaatliche Abmilderung führt zu Massenelend. Totaler Etatismus führt zu Massenelend, Bildung neuer herrschender Funktionärsklassen und politischem Terror.
Es hilft nichts: Will man das Problem von Einkommen und Lebenshaltungskosten (zu denen die Kosten fürs Wohnen gehören) grundsätzlich und auf Dauer lösen, kommt man mit Kosmetik oder Ressentiment, mit ein bisschen Fürsorge und ein bisschen Zwang nicht weiter. Das passt nur die Probleme dem prinzipiellen Status quo an. Statt eines verbesserten Weiterso wäre aber ein anderes, gerechteres, freieres, anständigeres Zusammenleben nötig. Dessen Formen müssen wohl erst erfunden und ausprobiert werden. Bis sich rücksichtsloses Profitstreben für niemanden mehr rechnet. Dass bestimmte Wirtschaftsbereiche wie etwa das Wohnen innerhalb des Kapitalismus dessen Logik entzogen werden können, ist unwahrscheinlich.
Wenn also die Forderung „Bezahlbaren Wohnraum schaffen!“ bedeutet, innerhalb eines schlechten Systems weiterzuwursteln, Benachteiligungen aufrechtzuerhalten, aber abzumildern, um Unmut zu dämpfen, und die grundsätzliche Frage Wie gerecht und vernünftig ist Wohnen und Eigentum überhaupt? nicht einmal ansatzweise zu stellen, dann bin ich dagegen.
(Juli/August 2024) 

Montag, 9. Februar 2026

Stand der Dinge (5)

„Wir können uns unseren Sozialstaat bald nicht mehr leisten“, lautet das allgegenwärtige Mantra. So viel ist immerhin richtig: Der Masse der Leute etwas wegzunehmen, um es manchen von ihnen als Almosen zurückzugeben, ist tatsächlich kein sonderlich zukunftsfähiges Vorgehen. Was aber kann sich eine Gesellschaft (oder deren Staat) leisten oder nicht und woran misst man das? Wenn die Reichen immer Reicher werden, dann kann es ja wohl nicht sein, dass nicht genug Geld da wäre. Da findet lediglich eine Umverteilung (durch Eigentumsverhältnisse und Begünstigungen) längst statt, ehe es zur Umverteilung (durch Transferleistungen) kommt.  
Das Geld ist da, Wohlstand für alle ist möglich. Man müsste nur aufhören, Unrecht durch Gesetze zu schützen, und müsste endlich den Kapitalismus durch vernünftiges Wirtschaften ersetzen. 

Stand der Dinge (4)

Dem letzten „ZDF Politbarimeter“ zu Folge sind drei Viertel der Befragten nicht der Meinung, in der BRD werde zu wenig gearbeitet. Zudem befürworteten 60 Prozent ein Land mit „hohen Steuern und umfangreichen Sozialleistungen“ und nur 27 Prozent eines „niedrigen Steuern und geringen Sozialleistungen.
Irgendwas machen die Parteien, die gewählt werden wollen, offensichtlich falsch. Die CDU regiert und konzipiert hartnäckig gegen die Mehrheit der Leute an, die SPD (oder die „Linke“) schafft es nicht, glaubwürdig zu vermitteln, dass sie dem Mehrheitswillen im Zweifelsfall entspräche.
Anscheinend ist Rassismus („wenig Zuwanderung“) das einzige, worin Berufspolitiker und Volksempfinden überein kommen.