Mittwoch, 8. April 2026

Drecksösis

Letztens musste ich mich mit irgendwelchen Leuten unterhalten. Österreichern. Nicht sehr helle. Als es um Politik ging, brach es plötzlich aus ihnen hervor. Dieser Selenski! Ganz schlimm. Der gibt einfach keine Ruhe. Der Krieg geht immer weiter. Äh, warf ich ein, es war aber schon Russland, dass die Ukraine überfallen hat? Die sich unter Selenskis Führung verteidigt? Ja, aber all das Leid der Ukrainer und Russen! Man könnte doch einfach das bisschen Land abtreten. Die Leute dort wollen doch eh Russen sein. Und diese Korruption in der Ukraine! Immer neue Milliarden verlangt diese Selenski. Ein Fass ohne Boden. Ganz schlimm.
Selbstverständlich hielt ich mit Fakten dagegen. Aber die wollten sie nicht hören. Diese Leute sind völlig verhetzt. Ich frag mich nur: von wem und warum und wie das geht. Wer da wie welchen Krieg führt, wer das Leid verursacht (nicht die Verteidiger, sondern der Angreifer), wozu die Milliarden gut sind, wie heldenhaft der Kampf der Ukrainerinnen und Ukrainer ist, wie es in den okkupierten Territorien zugeht (grauenhaft), dass Putin ein Faschist ist und nicht gewinnen darf: Über all das kann man sich informieren. Man muss dazu nicht einmal Ukrainisch oder Englisch können. Warum also will man lieber den Unsinn glauben, den Rechtspopulisten und gewisse Medien verbreiten? Warum will man dumm und unanständig sein? (Wobei sie glauben, sie hätten der Durchblick und seien im Recht.)
Hinterher dachte ich mir: Das wären damals genau die Leute gewesen, die die einmarschierenden Nazis begrüßt hätten. Und dann fiel mir ein: Nein, schlimmer, dass wären die Nazis gewesen. 

Samstag, 4. April 2026

Vereinfachen oder verkomplizieren

Man könnte mir nachsagen, ich sei ein schrecklicher Vereinfacher. Ich striche dann „schrecklich“ und ersetzte es durch „wunderbar“. Aber so einfach darf man es sich gewiss nicht machen.
Tatsächlich bin ich ein schlichtes Gemüt. Will sagen, um etwas verstehen zu können, muss ich es mir so zurechtlegen, dass es ich es handhaben kann. Es sozusagen mundgerecht schneiden, statt das Maul zu weit aufzureißen und mich dann an übergroßen Bissen zu verschlucken.
Im Grunde macht das jeder, mit mehr oder weniger Geschick: Was man verstehen will, muss verständlich gemacht werden, muss den eigenen Möglichkeiten des Verstehens angepasst werden, der eigenen Begrifflichkeit, den eigenen Denkgewohnheiten angepasst werden. Freilich kann man auch sich selbst verändern, um etwas zu verstehen, neue Begriffe, neue Denkweisen einüben. Manche allerdings lassen das, was sie nicht verstanden haben, einfach so stehen, machen aber trotzdem davon Gebrauch, um so schlauer zu wirken, als sie sind …
Darin, das Komplizierte zwar nicht auf Simples zu reduzieren, aber doch verweisen zu lassen, sehe ich übrigens auch eine notwendige Methode der Philosophie. Indem man vereinfacht, kann man auch Schwieriges begreifen, jedenfalls ein Stück weit. Denn etwas Kompliziertes ist ja aus Elementen zusammengesetzt, die keineswegs selbst kompliziert sein müssen. So kann man schrittweise verstehen oder mit dem eigenen Unverständnis umgehen lernen.
Meinem Verständnis von Philosophie entgegengesetzt handeln viele Schaudenker, Schönredner und Dummschwätzer, die ihre Geschäftstätigkeit darauf gründen, das Einfache möglichst vertrackt und unübersichtlich darzubieten. So simulieren sie Tiefsinn und erhöhten Durchblick. Derlei wird dann gern von denen gekauft, die am Distinktionsgewinn durch das ornamentale Geschwafel der schrecklichen Verkomplizierer teilhaben wollen.
In Wahrheit erlaubtem erst Klarheit und Deutlichkeit, also auch das Vereinfachen des Schwierigen und Zerlegen des Komplizierten, kritisches Denken. Die Verhältnisse sind oft unübersichtlich genug, künstliche Schwierigkeiten einzuführen und Verständnishindernisse aufzurichten. ist autoritär und elitär.
Der Trick ist oft, Kritik am Verkomplizieren damit zurückzuweisen, dass die Kritiker einfach nicht den Komplexitätsgrad erkannt und verstanden hätten, der von der Sache her geboten sei. Das ist ein Denkfehler: Je komplizierter etwas ist, desto einfacher muss es Schritt für Schritt gemacht werden. Das Verstandenhaben von schwer zu Verstehendem durch gewollte Unverständlichkeit zu simulieren, ist denkfeindlich.
Selbstverständlich muss angemessene von unangemessener Vereinfachung unterschieden werden. Von Mal zu Mal. Darin besteht ja die Kunst, das Herausfordende nicht um seinen Gehalt zu bringen, sondern mit geeigneten Mittel von den Widrigkeiten der Unzugänglichkeit, Unfassbarkeit, Undurchdringlichkeit zu befreien. Wenn denn da überhaupt ein Gehalt ist und nicht nur heiße Luft.
Was jeweils angemessen ist, entscheidet der Erkenntnisgewinn. Klingt einfach, ist es aber nicht. Jetzt habe ich es verstanden, freut sich ein Subjekt, aber andere Subjekte schütteln nur den Kopf. Und der Prozess des Verständlichmachens geht weiter. Wirklich verstanden hat man nur, was man anderen verständlich machen kann.
Es ist besser, von etwas nur ein bisschen zu verstehen, als gar nichts. Lieber ein produktives Missverständnis als völliges Unverständnis. Besser etwas besser verstehen, als es gemeint ist, als schlechter, als es gemeint sein könnte. Und auf jeden Fall ist Vereinfachen, das verstehen lässt, dem Verkomplizieren vorzuziehen, das bloß beeindrucken will und von Verstehen ausschließt. 

Karsamstagsmeditation

Ich bin Anarchist, weil ich überzeugt bin, , dass nur ein herrschaftsfreies Zusammenleben der menschlichen Würde entspricht, dass nur unter den Bedingungen gewaltloser Gleichheit und gleichberechtigter Verschiedenheit eine wirklich vernünftige und gerechte Ordnung gestaltet werden kann, dass nur so das Wohlergehen von jedem und allen erreicht werden und gewahrt bleiben kann. Zugleich glaube ich an Gott, weil selbst die besten irdischen Zustände, die Freiheit, Gerechtigkeit und Wohlstand gewähren, nicht genügen ― denn warum und wozu das alles? Am Leben zu sein und glücklich miteinander zu leben, sich ohne Zwang entfalten zu können und seine schöpferischen Möglichkeiten zum eigenen und allgemeinen Wohl oder doch Wohlgefallen auszuschöpfen, das ist unmöglich ein Selbstzweck. Zufriedenheit und Glück kann nicht alles gewesen sein, denn Menschen sind endlich und sterblich. Mit dem Tod eines Einzelnen schon stirbt ein Teil der Welt und scheint unwiederbringlich verloren. Welchen Sinn hat es, für den Einzelnen zu kämpfen, wenn er sterben muss? Wenn die Welt zu Grunde gehen kann und irgendwann auch wird.
Es muss doch für all das, wofür es sich einzusetzen lohnt, einen Grund und einen Sinn geben, der über das Endliche und Vergänglich hinausweist, einen letzten Sinn, ein letztes Ziel, eine letzte Erfüllung. Das aber kann nicht von diese Welt sein, es muss transzendent sein. Es kann auch nicht etwas sein, es muss jemand sein: Gott. Das vollkommene und vollkommen gute Wesen, dass alles geschaffen hat und erhält. Auf ihn ist alles ausgerichtet, in ihm findet alles Grund und Sinn.
Darum gehören für mich Anarchismus und Glaube zusammen. Gott ist Freiheit. Wer Gott und seinen Nächsten liebt, will Freiheit, will Würde und Gerechtigkeit, will, dass es allen geistig, seelisch, körperlich gut geht. Er will auf keinen Fall Unterdrückung, Ausbeutung, Zerstörung und Tod. Weil aber Menschen sterblich und schon so viele gestorben sind, muss es den einen geben, der den Tod besiegt und das ewige Leben gewährt.
Leid und Tod sind Folgen der Sünde, der eigenen Sünden und der Sünden der anderen, an denen man mitträgt, einfach, weil man Mensch unter Menschen ist. Sünde ist Unfreiheit, Leid ist der erlebte Widerspruch von Sein und Sollen. Gott allein kann davon befreien. Nur seine Gnade kann zu einem freien, nämlich auch sündenfreien Menschen machen und zur ewigen Seligkeit führen. Unterwegs dahin müssen die Menschen alles tun, um der Herrschaft der Sünde entgegenzutreten und sich ihr nicht zu unterwerfen.
Das ist für mich Anarchismus: Unaufhörlicher Kampf gegen das Böse, gegen das System, des Bösen, gegen die Verführung zum Bösen, und der Versuch, schon jetzt anders, besser, freier, fürsorglicher, gerechter, rücksichtsvoller, schöpferischer mit einander umzugehen und für dafür Denkweisen und Organisationsformen zu entwerfen und zu praktizieren.
Herrschaft von Menschen über Menschen (und die angestrebte Herrschaft von Maschinen über Menschen) ist unmoralisch, dumm und zerstörerisch. Was man das „Reich Gottes“ nennt ist gut, weise, vernünftig, gerecht und schöpferisch. In Gemeinschaft mit Gott ist den Menschen alles möglich. Auch das ewige Leben.

Sonntag, 29. März 2026

Aufgeschnappt (bei Nikos Kazantzanis)

Und als ich die berühmten Gemälde zum ersten Mal erblickte, wie zitterte das unersättlich Herz, wie stand ich lange Zeit mit wankenden Knien auf der Schwelle, bis das Herzklopfen sich gelegt hatte und ich imstande war, soviel Schönheit zu ertragen. Denn ich hatte es wohl vorausgesehen: Schönheit ist erbarmungslos; nicht sie schaust du an, sie schaut dich an, und sie verzeiht nicht.

Bauen gegen Menschen

Ich kannte diese Leute vorher nicht. Ich las nur zufällig von ihrem Tod. Ein Schweizer Architekten-Ehepaar, er 97, sie 94 Jahre alt, hat sich umgebracht. Deren Sache, geht mich nichts an. Die beiden dürften jede Menge Gebäude entworfen haben, allesamt scheußlich, soweit ich sehe. Und ich habe ein Zitat von ihm bezüglich eines seiner Werke gefunden (das 2018 zum „hässlichsten Haus der Schweiz“ gewählt worden war): „Dass Laien das Gebäude hässlich finden, ist mir egal. Hauptsache, den anderen Architekten gefällt es.“
Genau diese Einstellung bringt aus meiner Sicht die moderne Architektur auf den Punkt. Für gewöhnlich ist sie menschenfeindlich, selbstverliebt, abstoßend und unbrauchbar. Es gibt Ausnahmen, aber die Regel ist: Inhumanität und Unschönheit.
Man entwirft für Kollegen und Kritiker, für Auftraggeber, die sich außer an Kosten und Profit an der Meinung anderer orientieren. Man entwirft nicht für die Menschen, die in solchen Häusern wohnen müssen. Es geht nicht um Geschmack. Es geht um Wünsche und Bedürfnisse. Diese mit Gewalt ― und jeder solcher Bau ist physische Manifestation einer Durchsetzung ― übergangen werden. Übergangen werden sollen. Denn je unmenschlicher die Gebäude sind, desto mehr werden sie „in Fachkreisen“ (und von verdummten Fans) bewundert.
„Architektur ist faschistisch“, pflege ich zu sagen und ecke damit oft an. Vom obigen Zitat und der inhumanen Geisteshaltung, die es zu erkennen gibt, fühle ich mich allerdings bestätigt. Modernes Bauen ist in der Regel autoritär, elitär, menschenverachtend und praktiziert einen Kult der Gewalt.