Mittwoch, 6. Mai 2026

Stand der Dinge (7)

Wenn es stimmt, was ich heute gelesen habe, dass nämlich 40 Prozent der 18- bis 30-Jährigen lieber mit sogenannter Künstler Intelligenz „reden“ als mit Menschen, wie sollte mich das nicht traurig und wütend machen? Wie sehr hat die moderne Technik die Seelen der Leute schon verdorben, wie sehr das Erlebenkönnen von Realität, von Person-Sein, von lebendiger Rede und Widerrede bereits beschädigt! Die tote Rede der Maschinen ist attraktiver als der Mitmensch. Das leere Spiel der Dinge, das alles was Bedeutung hätte, nur simuliert, verbraucht Kräfte und ersetzt mit seinen Vorgaben die veränderbare Welt. Der Antrieb von all dem, die Gier nach Geld und noch mehr Geld bei denen, die längst zu viel haben, kommt im Bewusstsein nicht vor oder wird bis zur Unkritisierbarkeit naturalisiert. Hol’s der Teufel.

Montag, 4. Mai 2026

Du und deine Autonomie

Der, der du bist, bist du, weil du mit anderen zusammengelebt hast. Andere waren schon da, bevor du gezeugt wurdest. Denn wäre hätte dich gezeugt, du dich etwa selbst? Nein, andere waren es, von denen du gezeugt, empfangen, ausgetragen, geboren, jahrelang umsorgt und aufgezogen wurdest. Von anderen hast du sprechen gelernt und damit auch (in Begriffen) zu denken. Von anderen hast du gelernt, wie des und das heißt, was es mit dem und jenem auf sich hat, was man damit tun oder nicht tun kann, wie dies und das zu bewerten ist. Und selbst wenn du irgendwann das, was du gelernt hast, in Frage gestellt und sogar verworfen hast, konntest du das nur auf der Grundlage des Gelernten, denn um mit Gewohnheiten und Überzeugungen, mit Weltsichten und Weltanschauungen, mit den den dir vertrauten moralischen, politischen, ästhetischen usw. Wahrnehmungen und Wertungen brechen zu können, musstest du diese erst einmal haben. Und du hattest sie von anderen. Selbst deine Vorlieben und Abneigungen hast du an dem ausgebildet, was andere hatten, durch Übernahme und Abgrenzung, auf jeden Fall aber im Verhältnis zu anderen. Tatsächlich bist du immer noch in vielem, vielleicht sogar fast allem geprägt von dem, was dich mit anderen verbindet. Du hast übernommen und übernimmst immer noch. Um unter und mit anderen zu leben, passt du dich an und fügst dich ein. Wonach du verlangst, Wonach du strebst, was du für Erfolg und Befriedigung hältst, hast du anhand des Vorlebens anderer ausgebildet und beurteilst es nach Kriterien, die du nicht selbst erfunden hast.
Nun gibt es schlaue Menschen, die erklären dir, du seist ein souveränes Subjekt und solltest gefälligst autonom sein. Das hörst du gern. Es schmeichelt dir. Niemand soll dir was dreinreden, du weißt selbst am Besten, was gut für dich ist. Bloß, woher nimmst du, der Gesetzgeber deiner Selbst, die Begriffe und Normen deiner Gesetzgebung? Worauf gründest du sie? Auf die Kontingenz deiner Wünsche und Ängste, deiner Begehrlichkeiten und Möglichkeiten? Und angenommen, du vermöchtest deine ethische Autonomie irgendwie hervorzuzaubern wie der Zauberkünstler das Kanichen aus dem Zylinder (das aber schon drin war, als der Hut angeblich leer war), was ist mit den anderen? Die sind doch auch autonom, oder? Wenn aber jeder seine eigenen Gesetze macht, wenn auch nur für sich selbst, wie soll da ein Zusammenleben möglich sein? Geschweige denn, ein gedeihliches?
Die Selbstgesetzgebung des Individuum, die die bürgerliche Ideologie propagiert, ist eine Lüge. Sie kann nicht gelingen, weil sie weder über Grund noch Folgen der angeblichen Autonomie (in Wahrheit Egomanie) zustimmungsfähig Auskunft geben kann. Was jedoch durchaus möglich und vernünftig ist, ist die Gestaltung eines herrschaftsfreien Zusammenlebens, bei dem jeder für jeden da ist, falls nötig, und jeder jedem jede Freiheit gewährt, sofern möglich. Mit anderen Worten: Anarchie statt Autonomie.
Im herrschaftsfreien Zusammenleben kannst du „dich“ am besten „verwirklichen“, also deine Endlichkeit annehmen, deine Möglichkeiten ausschöpfen oder erweitern, schöpferisch sein und in Ruhe gelassen werden, dein Ding machen und auf der Grundlage der Faktizität der Alterität und Interdependenz neue Freiheiten entdecken. Du musst weder das Rad neu erfinden, noch Räder stehlen. Du kannst dein eigenes Rad machen oder Räder mit anderen teilen. Du kannst Alternativen zum Rad ausprobieren oder radfrei leben. Sei frei, nicht autonom!

Ben-Gvir

Wäre er nicht zufällig Jude, zögerte man keinen Augenblick, ihn einen Nazi zu nenne. So aber … Doch das ist im Grunde ein rassistische Vorurteil. Warum sollte ein Jude kein Nazi sein können? Wenn er es denn unbedingt will. Nazismus bedeutet ja nicht Hakenkreuze, Uniformen, Aufmärsche ― obwohl es in Israel auch das gibt: explizite Neonazis; und Massenversammlungen, die „Tod den Arabern“ grölen sowieso. Nazismus ist ein bestimmter Ungeist. Und den bringt er mit allem, was er sagt und mit zum Ausdruck. Seine Menschenverachtung und unbedingte Gewaltbereitschaft macht in in jedem Fall zum Faschisten, dass er ein fanatischer Rassist und Homophobiker qualifiziert ihn als Nazi. Völkermord ist sein Ziel, der Triumph der Herrenrasse, der er anzugehören meint, sein unverrückbares Ziel. Ein Verrückter. könnte man meinen, ein Verbrecher, aber es ist schlimmer: ein Politiker. Ein Minister sogar. Aber warum sollten sich die Unterstützer Israels, die sich von den Verbrechen dieses selbsternannten Staates nicht abschrecken lassen, an einem solchen Regierungsmitglied stören?

Freitag, 1. Mai 2026

Vorfälle, Übergriffe, Drohungen?

Widerlich, dieses multimediale Gejammer über angeblich „antisemitische“ Übergriffe ― während in der Realität der Staat Israel gleich mehrere Kriege führt und Völkermorde verübt. In der BRD gilt es schon „Antisemitisch“, wenn jemand Palästina erwähnt. Nach den neueren Zahlen (aus den zwölf Monaten seit dem 7. Oktober 2023, in denen Israel völlig jede Hemmung fallen ließ) melden nur 46 der 102 jüdischen Gemeinden in der BRD „Vorfälle, Übergriffe oder Drohungen“, also nicht einmal die Hälfte und das trotz einer so weit gefassten Begrifflichkeit.
Mit anderen Worten: „Antisemitismus“ kommt in der deutschen Gesellschaft kaum vor oder hat zumindest kaum Auswirkungen. Was verwundern könnte. Stehen doch deutsche jüdische Gemeinden und Organisationen fest an der Seite des Zionismus und seiner menschenverachtenden Praktiken (und behandeln jede Kritik, als versuche jemand die Gaskammern zu reaktivieren).
Angesichts ihrer überwiegenden Komplizenschaft mit abscheulichen Verbrechen leben Juden und Jüdinnen in der BRD erstaunlich unbehelligt. Übrigens auch anderswo, etwa in Großbritannien. (Wo ein Messerangriff Schlagzeilen macht und Terrorwarnstufen erhöhen lässt, während die israelfreundliche Regierung zu Völkermord und Angriffskriegen schweigt.)
Ich möchte nicht, dass das anders wird. Ich missbillige Übergriffe und Angriffe. Aber ich betrachte es nicht als Beschimpfung oder Bedrohung, wenn Tatsachen erwähnt und klare moralische Urteile gefällt werden.
Niemand hat etwas davon, wenn außerhalb Israels Privatpersonen oder auch prozionistische Vereinigungen attackiert werden. Das nützen diese immer nur zu Propaganda: zur Umkehr von Opfer und Täter.
Was es braucht, ist die Unterstützung antizionistischer, propalästinensischer, antikolonialistischer Aktivisten und Aktivistinnen. Und einen Rechtsstaat, der nicht die Lügen der Verbrecher, sondern die Wahrheit der Opfer schützt.

Mittwoch, 29. April 2026

Notiz zur Zeit (265)

Die bundesdeutsche Gesundheitsministerin hält Einschränkungen bei den Versicherten für notwendig. Man habe, behauptet sie, seit Jahren über die Verhältnisse gelebt. Hm. Welche Verhältnisse meint sie? Die, in denen die Reichen immer reicher werden und Kinder- und Altersarmut zunehmen?
 
Weiters sagt dieselbe Dummschwätzerin, um die Krankenkassenbeiträge stabil zu halten, müsse jeder seinen Anteil leisten. Mit „jedem“ meint sie wohl alle, die wenig haben, aber auf keinen Fall die, die zu viel haben. Außerdem finde ich nicht, dass man sagen kann, dass der Preis für Brötchen stabil bleibt, wenn die Brötchen kleiner werden. Und man auch nochwas dazuzahlen muss.