„Der Daumen ist evolutionär zum Greifen gedacht.“ Von wem?, möchte man fragen. Sätze wie dieser, von denen sich unzählige irgendwo aufschnappen lassen, zeigen, wie die Evolutionshypothese, die zum wissenschaftlichen Standardmodell geworden ist, zugleich als Mythosersatz und Ersatzmythos funktioniert. Selbst wenn man, warum eigentlich?, die wissenschaftliche Darstellung dessen, was Evolution gewesen sein soll, vom populären Glauben daran unterscheiden möchte, kann man die Wissenschaftler mit ihrem Drang, ihre annahmen zu popularisieren und als Fakten hinzustellen, nicht davon freisprechen, dem mythischen Denken damit Vorschub geleistet zu haben. Eine Evolutionshypothese ist das eine, der Evolutionismus, der jeden Widerspruch diskreditierende Glaube an das Zutreffen der Hypothese, ist etwas anderes und verbindet sich, angesichts unterschiedlicher Bildungskompetenzen und Reflexionsgewohnheiten, geradezu zwangsläufig mit völlig unwissenschaftlichen (also mit wissenschaftlichen Mitteln nicht zu rechtfertigenden) Vorstellungen. Das ergibt einen Vulgärevolutionismus, und der steht dem vernünftigen Denken im Wege.
Die sehr verbreiteten Vorstellungen, „die Natur“ oder „das Universum“ oder eben „die Evolution“ steuere einen zielgerichteten Prozess, der dafür sorgt, das Lebewesen so sind, wie sie sind, und sich so verhalten, wie sie sich verhalten, ist völliger Blödsinn. Im Grunde werden hier Modelle aus den Religionen auf naturkundliche Zusammenhänge übertragen. Wer heute noch sagte: „Der liebe Gott hat dem Menschen zwei Daumen gegeben, damit er greifen kann“, machte sich vermutlich lächerlich. Wer aber sagt: „Die Natur / die Evolution hat dafür gesorgt“ usw., wird durchaus Verständnis und Zustimmung finden.
Aber gibt es eine Entität, die man „die Natur“ oder „das Universum“ oder „die Evolution“ nennen kann? Ist diese Entität mit der Fähigkeit zur Planung, zur Zielsetzung, zur Durchsetzung von bestimmten Vorhaben (und zur Verwerfung anderer) ausgestattet? Nein. Das sind mythische Vorstellungen. Ihnen entspricht nichts in der Realität. Zumindest nicht in der wissenschaftlich erforschbaren.
Die Evolutionshypothese besagt, einfach formuliert, dass Exemplare einer Spezies durch zufällige Mutationen (Veränderungen ihres Erbgutes) ihren Umweltbedingungen besser angepasst sind als andere und sich in der Folge auch erfolgreicher fortpflanzen können. Von einer Entwicklung (einem „Evolutionsprozess“) kann nur rein deskripitiv die Rede sein („es war so“), nicht normativ („es sollte so kommen“). Es gibt keine „Höherentwicklung“, weil es zwar ein Kriterium, die Anpassung als Fortpflanzungsbedingung, aber ansonsten nur Zufälle gibt. Es ist möglich und soll vorgekommen sein, dass keine der Mutationen zur einer gelingenden Anpassung an veränderte Umweltbedingungen führt und eine Spezies ausstirbt. Denkbar wäre sogar, dass zufällig keine Spezies sich ausreichend anpasst und sämtliche Lebewesen irgendwann aussterben. (Auch wenn das wegen der Fülle der Spezies und mutatorischen Möglichkeiten unwahrscheinlich ist; auch ändern sich Umweltbedingung selten radikal ― es sei denn, der Mensch greift ein.)
Man kann also sinnvollerweise nur sagen: Zufällig hat der Mensch Daumen und das hat für ihn den und den Vorteil. Keineswegs aber: Weil Daumen vorteilhaft sind, hat der Mensch welche. Welche Instanz hätte diesen Vorteil vorhergesehen und die Ausbildung von Daumen herbeigeführt?
Um Grunde wird mit der Einführung von Teleologie und Intention in die Annahme eines ansonsten zufälligen Prozesses, die Evolutionstheorie ad absurdum geführt. Sie wurde ja gerade aufgestellt, um die Verschiedenheit (und Veränderlichkeit) der Arten mit rein naturwissenschaftlichen Mitteln erklären zu können, ohne also einen übernatürlichen Schöpfer und Erhalter postulieren zu müssen.
Indem nun aber „die Evolution“, „die Natur“, „das Universum“ (in moralisher Hinsicht. „das Karma“) zu einer Quasiperson stilisiert wird, die dieses will und jenes sorgt, die Absichten hat, Zwecke verfolgt, Ziele erreicht usw., indem also ein wissenschaftlich als rein zufälliges zu beschreibendes Geschehen wie ein Gottesersatz oder Ersatzgott behandelt wird, zeigt sich, dass der Evolutionismus zwar als Ideologie (die Ideen als Fakten andient) sehr erfolgreich war, das aber nur um den Preis, dass sein atheistisch-säkularistisches Gegenprojekt zum Schöpfungsglauben bei vielen seiner Anhänger doch nur als Variante einer Mythologie aufgefasst wird.
Soll man daraus schließen, dass die Menschen Sehnsucht nach einer sinnvoll geordneten, auf zunehmendes Gutsein ausgerichteten Welt haben? Dass sie zwar bereit sind, einen konkreten Gott zu leugnen oder zu Ignorieren, aber seine stelle mit diffusen Konzepten besetzen müssen, weil sie ein bloß kontingentes Universum nicht ertragen? Vermutlich.
Es geht übrigens gar nicht darum, ob die Evolutionshypothese zutreffend ist oder nicht. Es geht darum, Hypothese und Faktizität auseinanderzuhalten und kritisch zu betrachten, welche Funktionen welche Annahmen (egal, ob richtig oder falsch) und Welche Tatsachenbehauptungen (ebenso) im Denken, Fühlen und Handeln der Menschen und in ihrem Zusammenleben haben. Der Darwinismus war eine Projektion der kapitalistischen Verhältnisse des viktorianischen Zeitalters auf das „Reich der Natur“. (Weshalb der Ausdruck „Sozialdarwinismus“ ein Pleonasmus ist.) Moralfreies Profitstreben und dessen Belohnung mit politischer, ökonomischer, kultureller Macht und entsprechendem Ansehen erschienen so als Anpassungsleistung (Anpassungszufall) und Überleben des Stärkeren (stärker Angepassten). Ausbeutung und Konformismus erhielten eine „naturwissenschaftliche“ Begründung. Der Erfolgreichere war gegenüber dem Versager im Recht. So amalgamierten Calvinismus und Szientismus. Kolonialismen und Rassismen aller Art konnten religiöse und ethische Bedenken endgültig beiseite wischen.
Indem nun der Vulgärevolutionismus den herkömmlichen persönlichen Gott, der etwas will und fordert und daraus Konsequenzen zieht, durch unpersönliche Mächte ersetzt, die zwar Teleologien verfolgen, aber im Grunde keine ethische Forderungen erheben (das vielbeschworene „Karma“ ist ja bloß ein abstraktes Vergeltungsprinzip: Auge um Auge), entmoralisierter und verunmenschlicht er weiter die menschlichen Verhältnisse und verweigerte sich den Begriffen Sünde, Reue, Vergebung und Erlösung.