In einer Diskussion über China zitiert jemand eine alte Frau, die gesagt habe, wenn ihr ein junger Mann im Bus seinen Sitzplatz anbiete, sei es völlig egal, ob er das aus Höflichkeit tue oder weil er sonst ein Punktabzug im Sozialen Kreditsystem befürchten müsse.
Ich finde das entsetzlich. Die Reduktion des Mitmenschen auf die Funktion, die er für mich hat, ist entwürdigend, für beide Seiten. Wenn man annehmen muss, alle Menschen, mit denen man es zu tun habe, verhielten sich nicht freiwillig und auf Grund ihrer moralischen Überzeugungen so, wie sie sich verhalten, sondern unter Druck und aus Angst, dann lebt man in einer Gesellschaft des permanenten Terrors.
Zu sehr haben sich die Insassen der modernen Zivilisation daran gewöhnt, im Alltag regelmäßig rein funktionale Beziehungen zu einander zu haben, asoziale Beziehungen sozusagen, entmenschlichte. Der Busfahrer, die Supermarktkassiererin, die Person am Schalter oder bei der Service-Hotline usw. usf.: Nie geht es um die Person als solche, nicht um ihren Charakter, ihre Geschichte, ihre Lebenssituation, ihre Wünsche, Träume, Vorlieben. Meist auch nicht um ihren Namen oder ihr Aussehen. Der Mensch, mit dem ich es zu tun habe, hat nur eine Funktion für mich, es geht um das, was ich will und der andere für mich tun soll.
Genau darum gibt es ja die Tendenz, Menschen durch Maschinen zu ersetzen: Fahrkartenautomaten und „autonom“ fahrende Busse, Supermarktkassen, an denen man die Warenpreis selbst addieren lassen muss, Computerprogramme, die Auskünfte geben und „weiterhelfen“. Störanfällig und oft ohne Spezialwissen nicht zu bedienen (und wie soll man ein Gerät fragen, wie man es bedienen soll?), aber der Zug der Zeit: kein Lohn, kein Krankenstand, kein Betriebsrat.
Die Phantasien gehen ja bekanntlich noch weiter: Roboter, die in Krankenhäusern pflegen und womöglich sogar behandeln;, die die Betreuung und den Unterricht für Kinder übernehmen und einen Sozialkontaktersatz für einsame Alte übernehmen. Roboter, die Kriege ausführen, deren Strategien Computer errechnet haben.
Die schrittweise Abschaffung sozialer Beziehungen und ihre Ersetzung durch automatisierte Funktionen findet unter dem allbeherrschenden Gesetz der Profitmaximierung als Zwang statt; angedient freilich wird sie den Benützern (die damit freilich immer mehr zu Benützten werden) Erleichterung und Entlastung, als Vereinfachung und Verbesserung, zudem getarnt als Spielzeug und putzige Quasilebewesen: Seht nur was für niedliche Kinderaugen der Roboter hat, wie er als Hundchen lustig kläfft, wie geschickt er tanzt oder Akrobatik vollführt! Wie soll man etwas gegen die Entmenschlichung haben, wenn sie so sentimental und spektakulär daherkommt! Inzwischen lassen sich Menschen nicht nur von chatbots in allen Lebenslagen beraten, sie verlieben sich sogar in sie ― und wollen sie heiraten.
Doch zurück zur alten Chinesen vom Anfang. Angeblich erfreut sich das (noch in Testphasen befindliche Sozialkreditsystem) größter Zustimmung und Beliebtheit. Ob das stimmt, kann man nicht wissen, da es im kommunistisch beherrschten China weder freie Medien noch unabhängige Demoskopie gibt; und wer Teil eines Testprojektes ist, kann ohnehin nur zustimmen …
Erwünschtes Verhalten wird belohnt, unerwünschtes bestraft, noch dazu schön in Zahlen ausgedrückt mit einem Punktesystem. Wem es an Punkten mangelt, der kommt beruflich nicht voran oder verliert sogar seinen Arbeitsplatz, darf nicht reisen (schon gar nicht ins Ausland), ihm wird die Geschwindigkeit des (ohnehin allgemein zensierten) Internets gedrosselt, er zahlt höhere Steuern usw. usf. Den Müll nicht trennen, im Bus einer Oma den Sitzplatz nicht anbieten, die falschen Bücher lesen wollen: Da spart man sich das Strafrecht und bestraft (wohl automatisiert) mit Punktabzug.
Wer will in solch einer Gesellschaft leben? Wie heruntergekommen muss eine Kultur sein, um derlei gut zu finden und nicht von ganzem Herzen zu hassen!
Probleme des Zusammenlebens sind politische und moralische Probleme und bedürfen deshalb politischer und moralischer Lösungen, keiner technischen. Das heißt nicht, dass sie nicht funktionieren. Mein Lieblingsbeispiel (bei dem es noch nicht einmal um Automatisierung geht); Selbstverständlich bringen Bodenschwellen in Straßen, die an Kindergärten und Schulen vorüberführen, die Autofahrer dazu, langsamer zu fahren, weil sie ihr Fahrzeug nicht schädigen wollen. Aber wäre es nicht besser, bereits ein Schild „Kindergarten“ oder „Schule“ brächte die Verkehrsteilnehmer auf Grund von einsichtsvoller Erziehung und selbständiger Einsicht dazu, sich ausreichend rücksichtsvoll und achtsam zu verhalten?
Welche Gesellschaft ist höher entwickelt und in welcher möchte man lieber leben: Einer, in der Menschen tun, was sie (nach Meinung der Obrigkeit) tun sollen, weil man sie mit Strafe und Lohn dazu zwingt? Oder in einer, in der die Menschen gute Umgangsformen haben und von sich aus, weil sie es wollen, das Richtige tun und das Falsche lassen?
Technische Lösungen sind effizient und darauf aus, Abweichungen zu eliminieren. Wer aber legt ihre Normen fest? Wer organisiert die Kontrolle und Auswertung? Wer sammelt die Daten und macht damit, was er will? Naturgemäß die, die an der Macht sind. Eine freie Gesellschaft gestaltet man damit nicht. Nur eine von gehorsamen Punktesklaven, von Heuchlern und Denunzianten. Es herrscht dann eine totalitäre Sozialpolizei, die sich tief in der Psyche verankern will. Gute Nacht, Menschlichkeit!
Ich finde das entsetzlich. Die Reduktion des Mitmenschen auf die Funktion, die er für mich hat, ist entwürdigend, für beide Seiten. Wenn man annehmen muss, alle Menschen, mit denen man es zu tun habe, verhielten sich nicht freiwillig und auf Grund ihrer moralischen Überzeugungen so, wie sie sich verhalten, sondern unter Druck und aus Angst, dann lebt man in einer Gesellschaft des permanenten Terrors.
Zu sehr haben sich die Insassen der modernen Zivilisation daran gewöhnt, im Alltag regelmäßig rein funktionale Beziehungen zu einander zu haben, asoziale Beziehungen sozusagen, entmenschlichte. Der Busfahrer, die Supermarktkassiererin, die Person am Schalter oder bei der Service-Hotline usw. usf.: Nie geht es um die Person als solche, nicht um ihren Charakter, ihre Geschichte, ihre Lebenssituation, ihre Wünsche, Träume, Vorlieben. Meist auch nicht um ihren Namen oder ihr Aussehen. Der Mensch, mit dem ich es zu tun habe, hat nur eine Funktion für mich, es geht um das, was ich will und der andere für mich tun soll.
Genau darum gibt es ja die Tendenz, Menschen durch Maschinen zu ersetzen: Fahrkartenautomaten und „autonom“ fahrende Busse, Supermarktkassen, an denen man die Warenpreis selbst addieren lassen muss, Computerprogramme, die Auskünfte geben und „weiterhelfen“. Störanfällig und oft ohne Spezialwissen nicht zu bedienen (und wie soll man ein Gerät fragen, wie man es bedienen soll?), aber der Zug der Zeit: kein Lohn, kein Krankenstand, kein Betriebsrat.
Die Phantasien gehen ja bekanntlich noch weiter: Roboter, die in Krankenhäusern pflegen und womöglich sogar behandeln;, die die Betreuung und den Unterricht für Kinder übernehmen und einen Sozialkontaktersatz für einsame Alte übernehmen. Roboter, die Kriege ausführen, deren Strategien Computer errechnet haben.
Die schrittweise Abschaffung sozialer Beziehungen und ihre Ersetzung durch automatisierte Funktionen findet unter dem allbeherrschenden Gesetz der Profitmaximierung als Zwang statt; angedient freilich wird sie den Benützern (die damit freilich immer mehr zu Benützten werden) Erleichterung und Entlastung, als Vereinfachung und Verbesserung, zudem getarnt als Spielzeug und putzige Quasilebewesen: Seht nur was für niedliche Kinderaugen der Roboter hat, wie er als Hundchen lustig kläfft, wie geschickt er tanzt oder Akrobatik vollführt! Wie soll man etwas gegen die Entmenschlichung haben, wenn sie so sentimental und spektakulär daherkommt! Inzwischen lassen sich Menschen nicht nur von chatbots in allen Lebenslagen beraten, sie verlieben sich sogar in sie ― und wollen sie heiraten.
Doch zurück zur alten Chinesen vom Anfang. Angeblich erfreut sich das (noch in Testphasen befindliche Sozialkreditsystem) größter Zustimmung und Beliebtheit. Ob das stimmt, kann man nicht wissen, da es im kommunistisch beherrschten China weder freie Medien noch unabhängige Demoskopie gibt; und wer Teil eines Testprojektes ist, kann ohnehin nur zustimmen …
Erwünschtes Verhalten wird belohnt, unerwünschtes bestraft, noch dazu schön in Zahlen ausgedrückt mit einem Punktesystem. Wem es an Punkten mangelt, der kommt beruflich nicht voran oder verliert sogar seinen Arbeitsplatz, darf nicht reisen (schon gar nicht ins Ausland), ihm wird die Geschwindigkeit des (ohnehin allgemein zensierten) Internets gedrosselt, er zahlt höhere Steuern usw. usf. Den Müll nicht trennen, im Bus einer Oma den Sitzplatz nicht anbieten, die falschen Bücher lesen wollen: Da spart man sich das Strafrecht und bestraft (wohl automatisiert) mit Punktabzug.
Wer will in solch einer Gesellschaft leben? Wie heruntergekommen muss eine Kultur sein, um derlei gut zu finden und nicht von ganzem Herzen zu hassen!
Probleme des Zusammenlebens sind politische und moralische Probleme und bedürfen deshalb politischer und moralischer Lösungen, keiner technischen. Das heißt nicht, dass sie nicht funktionieren. Mein Lieblingsbeispiel (bei dem es noch nicht einmal um Automatisierung geht); Selbstverständlich bringen Bodenschwellen in Straßen, die an Kindergärten und Schulen vorüberführen, die Autofahrer dazu, langsamer zu fahren, weil sie ihr Fahrzeug nicht schädigen wollen. Aber wäre es nicht besser, bereits ein Schild „Kindergarten“ oder „Schule“ brächte die Verkehrsteilnehmer auf Grund von einsichtsvoller Erziehung und selbständiger Einsicht dazu, sich ausreichend rücksichtsvoll und achtsam zu verhalten?
Welche Gesellschaft ist höher entwickelt und in welcher möchte man lieber leben: Einer, in der Menschen tun, was sie (nach Meinung der Obrigkeit) tun sollen, weil man sie mit Strafe und Lohn dazu zwingt? Oder in einer, in der die Menschen gute Umgangsformen haben und von sich aus, weil sie es wollen, das Richtige tun und das Falsche lassen?
Technische Lösungen sind effizient und darauf aus, Abweichungen zu eliminieren. Wer aber legt ihre Normen fest? Wer organisiert die Kontrolle und Auswertung? Wer sammelt die Daten und macht damit, was er will? Naturgemäß die, die an der Macht sind. Eine freie Gesellschaft gestaltet man damit nicht. Nur eine von gehorsamen Punktesklaven, von Heuchlern und Denunzianten. Es herrscht dann eine totalitäre Sozialpolizei, die sich tief in der Psyche verankern will. Gute Nacht, Menschlichkeit!