Paradoxerweise funktioniert Demokratie gerade dann, wenn sie nicht funktioniert. Will sagen: Wenn durch korrekt ausgeführte demokratische Verfahren Parteien, Politiker und Politiken installiert werden, die nichts zur Lösung der wirklich anstehenden Probleme beitragen ― und in diesem Sinne dysfunktional sind ―, sondern die Probleme verschlimmern, Scheinprobleme zu bearbeiten vorgeben und insgesamt von insgesamt ablenken von den sich jeder demokratischen Verfügung machtvoll entziehenden, die gesellschaftliche Wirklichkeit aber bestimmenden Kräften und deren unheilvollen Absichten und Praktiken ― einer Ablenkung, die nun einmal die Funktion der Demokratie ist und glänzend erfüllt wird.
Wenn Wahlen etwas ändern könnten, wären sie verboten, lautet eine alte Einsicht, und man kann es auch so herum sagen: Weil die Demokratie verklärt wird, die meisten sich übers Wählendürfen freuen und es für ganz, ganz wichtig halten, vom Wahlrecht Gebrauch zu machen, ändert sich nichts. Zur Wahl stehen nicht die, die das Wesentliche entscheiden, und was zur Wahl steht, ist unwesentlich.
Freie, allgemeine und gleiche Wahlen sind eine wunderbare Sache, wenn eine Diktatur gestürzt wurde und eine Gesellschaft sich für einen Neuanfang motivieren will. Demokratie ist besser als Diktatur, keine Frage, nur dass sie eigentlich gar nicht das ist, was die Leute wollen; oder wollen würden, wenn sie wirklich frei sein wollten. wenn sie ihre Leben ohne Zwang und ohne Unterdrückung zusammen mit gleichberechtigten anderen führen wollten.
Die meisten aber sind ohnehin ganz zufrieden mit der behäbigen Demokratie, für die sie sich immer wieder „entscheiden“ dürfen, auch wenn sie tatsächlich nichts entscheiden, weil sie die Systemfrage nicht stellen dürfen. Eine Demokratie aber, die mit Kapitalismus vereinbar ist, ja mehr noch: die diesem zuarbeitet und ihn absichert, ist nicht das, was manche glauben, das es mit Demokratie gemeint ist: gemeinsame Selbstbestimmung; denn Kapitalismus ist Ausbeutung, Unterdrückung, Zerstörung, Betrug und Manipulation. Anders funktioniert Kapitalismus nicht, und das heißt, dass als Hilfsmittel des Kapitalismus fungierende Demokratie, wenn sie funktioniert, dysfunktional ist wie das kapitalistische System insgesamt.
Verklärt wird die Demokratie auch und gerade von denen, die sie in Gefahr sehen, weil immer mehr Menschen das tun, was sie doch eigentlich sollen: sich eine Partei aussuchen und dieser ihre Stimme geben, weil sie von ihr regiert werden wollen. Aber den Freunden der bestehenden Demokratie ist dieses urdemokratische Verhalten auch wieder nicht recht, wenn die freie Wahlentscheidung darauf abzielt, sehr wohl etwas Grundsätzliches zu ändern. Weil Rechtspopulisten, Möchtegernfaschisten und Quasinazis gewählt werden, die das demokratische Votum dafür verwenden wollen, ihre autoritären und illiberalen Phantasien von Reinheit, Überlegenheit, Rücksichtslosigkeit, Ausschluss und Menschenverachtung auszuleben.
Auch das ist paradox: Demokratie gegen die zu verteidigen, die wählen und gewählt werden, weil sie falsch wählen und die Falschen sind. Dass die Leute nicht wählen sollen, wen sie wollen, sondern wählen sollen, wenn sie nach Meinung der Demokratieverteidiger allenfalls wählen dürfen, widerspricht das nicht eigentlich der Demokratie?
Man mag es also drehen und wenden, wie man will: Die einen wollen die wählen, die keine Demokraten sind und letztlich auch keine echten Wahlen wollen. Die anderen hätten gern, dass eine solche Wahl nicht möglich ist (etwa durch ein Parteiverbot), um durch staatliche Einschränkung der Wahlmöglichkeiten diese zu bewahren, auch wenn sie keine echte Wahl sind, weil faktisch nur das Weiterso gewählt werden kann.
Fazit: Wenn die Demokratie dysfunktional ist, also zu Problemlösungen nichts beiträgt (was naturgemäß auch fürs destruktive Rechtswählen gilt), funktioniert sie im Sinne ihrer Betreiber. Funktionierte sie aber richtig ― nämlich als echte Wahl samt der Möglichkeit, sich für anderes als das Bisherige und Fortwurstelnde zu entscheiden ―, wäre das für das System dysfunktional.