Montag, 31. August 2026

Tefaukritik: „Liebe bringt alles ins Rollen“

Eine dieser unnachahmlich leichten französischen Filmkomödien (mit dümmlichem deutschen Titel; im Orginal: Tout le monde debout, also „Alle aufstehen!“) voller Witz, Geschmack, absurder Komik und mit einer Prise Tiefgang, die gar nicht weiter erwähnenswert wäre, böte sie nicht auch die paar Minuten mit der letzten Kinorolle von Claude Brasseur, diesem unsterblichen Meisters der Schauspielkunst, der sich hier ― rückblickend stellt es sich so dar ― zwei Jahre vor seinem Tod vom Publikum mit der Darstellung eines alten Mannes verabschiedet, der genüsslich in seine Windeln pisst.

Sonntag, 30. August 2026

Tefaukritik: „Die Diplomatin ― Gefährliche Lügen“

Wenn ich mir schon einen Tefaukrimi anschaue, obwohl darin Natalia Wörner mitwirkt (die das darstellerische Charisma einer Raufasertapete hat) und weil er in Rom spielen soll, dann will ich auch wirklich Rom zu sehen bekommen. Und nicht bloß in ein paar summarischen Panoramaansichten. Das war leider nicht so. Aber nicht nur das Lokalkolorit erwies sich als dürftig, sondern erwartungsgemäß auch das Drehbuch. Besonders ärgerlich an dem Schmarren war die Darstellung der Italiener: alle kriminell, korrupt, bösartig, nationalistisch oder Kellner. (Die anscheinend nur lauwarmen Kaffee servieren; wie sonst könnte der sofort getrunken werden, kaum dass er auf den Tisch gestellt wird?) Zum Glück kommt ein kleiner Pulk moralisch überlegener teutonischer Herrenmenschen und rettet die Welt vor der Gier und dem Hochmut der Spaghettifresser. (Gerettet wird aufwändig auch eine junge deutsche Archäologin ― wo kriegen die Besetzungsagenturen nur immer diese froschmäuligen Blondchen her? ― aus ihrem selbstverschuldeten Einschluss in einer Katakombe; zur Erinnerung: in Katakomben, Klöstern, Pfarrhäusern usw. versteckte die katholische Kirche Italiens, ganz wesentlich unter dem Dirigat von Papst Pius XII., vor etwas über achtzig Jahren unzählige Juden und Jüdinnen vor dem Zugriff der Deutschen.) Ein bisschen wundern darf man sich, dass das Personal der bundesdeutschen Botschaft in Rom anscheinend nur aus der Botschafterin, deren rühriger Büroleiterin und einem jungspundigen Kulturattaché besteht. Kein Koch, kein Leibwächter, keine Putzfrau? Immerhin hatte Bruno „Signora, ich 'abe gar keine Auto“ Maccalini einen Auftritt als schlitzohrig-zwielichtiger Kunsthändler. Das spricht eine gewisse Alterskohorte an. Meine und plus. Übrig bleibe ich mit der Frage, warum Vasen unbedingt Keramiken genannt werde sollen. Den Witz, wenn es denn einer war, habe ich nicht verstanden.

Freitag, 28. August 2026

Leute (39)

Frau X. ist gestorben. Alle Welt rühmt sie. Nun mag sie ja durchaus ein sehr netter Mensch gewesen sein und sehr viel Gutes getan haben. Das stelle ich nicht in Abrede und finde es sehr löblich. Für mich überwiegt aber ihre grässliche äußere Erscheinung und das unerträgliche Gesinge, das anscheinend Millionen und Abermillionen von Menschen als country music akzeptieren und wahnsinnig gerne hören.
 
Frau Y. ist gestorben. Dass sie überhaupt je gelebt hat , erfuhr ich erst aus der Todesmeldung. Ihr Lebenswerk ging nämlich bisher völlig an mir vorüber. Es besteht aus Punkten. Unzähligen großen und kleinen bunten Punkten. Die hat sie gemalt. Ansonsten war sie wohl für ihr knallrotes Haar (Perücke?) bekannt. Dass das die Leute das unerbittliche Getüpfel für „Kunst“ halten, begeistert davon sind, in Y.-Ausstellungen eintauchen und vor dem Y.-Museum (in Japan) Schlange stehen, zeigt, meine ich, wie kaputt diese Welt ist.

Glossse CLXIX

Hauptprotagonist. Besonders betrüblich ist es, solch einen „überflüssigen Pleonasmus“ bei einem gebildeten Menschen zu lesen, einem studierten Musikwissenschaftler und zu Recht geschätzten Hörfunkjournalisten.

Samstag, 22. August 2026

What watch? Ten watch. Such much?*

„Schon früh entdeckten die Menschen, dass der Sonnenstand die Uhrzeit anzeigt.“ Aber natürlich tut er das. Ist aber auch wirklich eine prima Sache, dass sich nicht etwa Uhren nach der Tageszeit, sondern diese sich nach ihnen richtet.
Über so viel Dummheit kann man lachen. Man kann darin aber auch eine erschreckende Wirkung eines grassierenden Szientismus sehen, der die abstrakten Konstruktionen der Naturwissenschaften mit der erfahrbaren wirklichen Welt verwechselt. Oder vielmehr diese jenen unterordnet. Ein Platonismus der besonderen Art.
Sonnenaufgang, Sonnenhöchststand und Sonnenuntergang sind beobachtbare Tatsachen. Dass es auf einem Gerät gerade 13 Uhr 58 und 26 Sekunden ist, ist eine relativ willkürliche soziale Konvention auf technischer Basis. Nützlich für ökonomische Zwecke, das stimmt. Weil man zum Beispiel Eisenbahnfahrpläne haben wollte; Postkutschen kamen noch ohne solche Vereinheitlichungen aus, Reiter und Fußgänger erst recht, sie brauchten ja nur zum Himmel zu schauen, um zu wissen, wie es um den Tag stand. Später war der Himmel dann gar nichts mehr wert: Armbanduhren waren eine zweckmäßige Erfindung für die Piloten von Kriegsflugzeugen im Ersten Weltkrieg (inzwischen sind sie Zierrat und die Uhrzeit verrät einem das handy).
Uhrzeit für eine objektive Gegebenheit zu halten, die von Messgeräten bloß abzulesen wäre, statt die Herstellung von einheitlicher Uhrzeit als Effekt von normierten Messungen zu durchschauen, ist typisch modern. Realität ist, was die Maschine macht. Das gelebte Leben ist nur subjektivistisches Beiwerk
 
* Die Überschrift ist ein Zitat aus dem Film Casablanca (1942).