Dienstag, 21. Juli 2026

Die AfD einfach verbieten?

Viele wünschen sich ein Verbot der AfD. Der liberale und demokratische Rechtsstaat, heißt es, dürfe sich doch wohl wehren gegen die, die ihn verachten, die ihn aushöhlen und abschaffen wollen, ja er müsse sich sogar wehren, und dafür sei das rechtsstaatliche Mittel des gerichtlichen Verbots einer verfassungswidrigen Partei angemessen und zwingend.
Nun habe ich nicht den geringsten Zweifel, dass die AfD widerwärtig ist, illiberal, autoritär, nationalistisch und rassistisch, und ich bin durchaus der Meinung, dass es sie nicht geben sollte und nie hätte geben dürfen. Bezüglich eines Verbots dieser Partei aber, gegen das ich keineswegs bin, das ich sogar mit Wohlgefallen betrachtete, wenn es nur endlich dazu käme, habe ich folgende Bedenken:
Erstens. Man kann eine Partei verbieten, aber damit verschwinden weder deren Personal noch, und das ist das Entscheidende, deren tatsächliche und potenzielle Wählerschaft. Denn das ist ja das noch Widerwärtigere als die Widerwärtige der die AfD bildenden Dummköpfe und Bösewichter: dass es Menschen in großer Zahl gibt, die der solche Leute mit solchen Ansichten, solchem Gebaren und solchen Forderungen schon gewählt haben und noch wählen wollen. Das bedeutet nämlich, dass ein Viertel, ein Drittel oder ein noch höherer Anteil der Bevölkerung sich nicht nur nicht an illiberalen, autoritären, nationalistischen und rassistischen Positionen stört, sondern diese sogar befürwortet.
Nun ist Quantität gewiss kein Argument. Außer in einer Demokratie, in der angeblich die Mehrheit entscheidet und die Minderheit sich in politischer Reife zu fügen hat. Doch interessanterweise wurde den um die Demokratie besorgten Bürgern und Politikern die AfD immer mehr zum Problem, je mehr Leute sie wählten, je demokratisch legitimierter also (gemäß dem Konzept der Mehrheitsdemokratie) die AfD wurde. Und wie es scheint, wird der Wunsch nach einem Parteiverbot umso dringender, je näher die AfD durch ihren Stimmenanteil der Erschwerung der Bildung von Koalitionen oder gar der rechnerisch nahegelegten oder erzwungenen Regierungsbeteiligung kommt.
Nachdem Millionen Menschen für sie gestimmt haben, die AfD zu verbieten, ist eine klare Ansage an die Wähler: Eure Stimme zählt nicht. Ihr habt nicht richtig gewählt. Ihr habt, indem ihr in allgemeinen, freien, gleichen und geheimen Wahlen die Demoktiefeinde gewählt habt, euer Recht auf Vertretung verloren, bis ihr wieder so wählt, wie andere auch. Was macht das mit den AfD-Wählern?
Die ja, wie gesagt, auch nach einem Verbot der AfD noch da wären und, eEgal, ob und wie es zu Ersatzbildungen und Verschiebungen kommt, ein Potenzial darstellen, das genützt werden kann. Ein Parteiverbot ändert an den Einstellungen, Wünschen und Ressentiments der Leute nicht, es verunklart und versteckt nur, macht den Rechtsextremen und Rechtspopulisten (wenn man da unterscheiden will) vielleicht vorübergehend ein paar organisatorische Probleme, löst aber nicht nicht das zu Grunde liegende Problem einer massiven Neigung viel zu vieler zu Rechtsextremismus und Rechtspopulismus (wenn man da unterscheiden will).
Zweitens. Selbstverständlich löst ein Verbot der AfD überhaupt kein einziges der in der BRD bestehenden politischen, sozialen, ökonomischen, kulturellen, technischen und sonstigen Probleme. Sozialabbau, Verfall der Infrastruktur, Bildungsmisere, Einkommensschere, Vermögensverteilung und und und ― all das bleibt und wird von einem Parteiverbot nicht im mindesten berührt. Gewiss würde ein Machtübergabe an die AfD alles noch schlimmer machen, aber was jetzt schon schlimm ist, ist schon schlimm genug. Das Bessere ist der Feind des Guten, sagt man, doch das Schlimmere ist nicht der Feind des Schlimmen, wenn dieses nur dessen ohnehin nach und nach auf Schlimmeres zusteuernde Variante ist. Denn im Grunde machen Schwarz, Rot, Grün schon seit Jahren das, was die AfD will, nur halbherziger, zögerlicher, eher zufällig abgefedert durch kleine Anfälle von symbolischer Klientelpolitik und rechtsstaatliche Rücksichtnahmen: weniger Ausländer, weniger Arbeitnehmerrechte, Sozialabbau, Kürzungen bei Bildung und Kultur, mickrige Klimapolitik, schlappe Energie- und Verkehrspolitik, stattdessen Kuschelkurs mit Fossilkartellen und Technologiekonzernen, die enorme Ressourcen verschlingen und Arbeitsplätze vernichten.
Drittens. Ein Verbot der AfD wäre ein Geschenk an genau die Parteien, die die AfD überhaupt erst möglich gemacht haben und ihr, siehe oben, halbwegs zuarbeiten und bewusst oder unbewusst hinkend und stolpernd vorauseilen. Nicht, dass irgendetwas besser würde, wenn etwa CDU/CSU weit unter 20 oder 15 Prozent rutschten und die SPD womöglich an der Fünfprozenthürde scheiterte. Verdient hätten sie es freilich. Es wird darum also garantiert nichts besser, wenn die bisherigen Wählerstimmen für die AfD sich wieder auf die anderen Parteien oder die Nichtwähler verteilen. Dass die AfD nicht in die Position kommt, dass ohne sie nicht oder nur in einer allgemeinen Restparteien-Koalition regiert werden kann, hinge wohl davon ab, dass von den jetzigen Regierenden (und ihre demokratischen Opposition) Politik gemacht würde, die glaubwürdig anders ist als das, was die AfD fordert und nicht nur ein schwacher Aufguss davon ohne Problemlösungskompetenz.
Viertens. Dass der liberaldemokratische Rechtsstaat legitimiert ist, seine Feinde zu bekämpfen, hat im Wesentlichen zwei mögliche Begründungen. Entweder er ist es, weil er es in den von ihm gesetzten Gesetzen so festlegt. Das wäre ein zirkuläre Argumentation. „Die freiheitlich-demokratische Grundordnung muss geschützt werden, weil sie ein schützenswertes Gut ist." Oder aber der Staat ist legitimiert, weil über ihm und seinen Gesetzen ein höheres Recht steht. Welches Recht wäre das? Ein natürliches? Ein göttliches? Ist der Staat eine natürliche Gegebenheit? Oder besteht er von Gottes Gnaden?
Das berüchtigte „Böckenfördesche Diktum“ lautet: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“ Anders gesagt, der Staat setzt sich und seine Ordnung als einen Wert, der geschützt werden darf und muss. Er kann das aber nicht im Voraus begründen, weil er um dazu existieren müsste, bevor er existiert. Er setzt sich und erklärt dann, dass er notwendig ist.
Dass muss man ihm nicht glauben. Ich galube es ihm nicht, Erstens wegen seines Verhalten uns zweitens aus Prinzip.
Erstens ist es bemerkenswerterweise gerade der liberal-demokratische Rechtsstaat, der die AfD schützt (Polizei rückt beispielsweise an, wenn gegen die Gefahr für die Demokratie demonstriert wird) und ihr institutionelle Plattformen bietet (Parlamentssitze und im Vorfeld und in der Folge Medienpräsenz von wegen öffentlich-rechtlicher Neutralität). Soll heißen: Solange ich, der Staat, der über Recht und Unrecht entscheidet, sie nicht verbiete, sind meine Gegner erlaubt. Ob sie verboten gehören, entscheide ebenfalls ich.
Gewiss ist es ein erheblicher Unterschied, ob ein Gericht oder ein Regierungsbeamter ein Parteiverbot ausspricht. Aber im Grunde geht es um dasselbe: Ein Regime entledigt sich seiner Oppositionellen …
Man wird dabei vermutlich zwischen den guten Regimes unterscheiden wollen, die, weil demokratisch legitimiert, sich schützen dürfen; und den bösen Regimes, die auf Gewalt und Willkür beruhen und sich darum (von außen gesehen) nicht schützen dürfen. Kein vernünftiger Mensch kann bestreiten, dass zwischen beispielsweise Dänemark und Nordkorea empfindliche Unterschiede bestehen. Und niemand, der noch alle Tassen im Schrank hat, wird lieber in einer brutalen Diktatur als in einer gemütlichen Demokratie leben wollen.
Gleichwohl, im Prinzip geht es bei den guten Staaten um dasselbe wie den bösen: Alle sind Herrschaft von Menschen über Menschen und darum verwerflich. Das ist zumindest meine Sicht als Anarchist. Kein Staat ist schützenswert, jeder Staat soll weg. Nicht weil weniger Demokratie wünschenswert wäre, sondern weil mehr als bloße „Demokratie“ (pseudorepräsentative Entmündigung und Verblödung durch Wahl- und Abstimmungstheater auf der Grundlage von Lobbyismus und entscheidenden Kapitalinteressen) braucht, um Menschenwürde und Menschenglück zu fördern und zu sichern.
Der moderne Staat (und also auch der Rechtsstaat, der Sozialstaat, der Kulturstaat, der Staat der Wahlen und Abstimmungen) ist schon deshalb illegitim, weil er nur Anhängsel und Vordergrund-Kulisse der herrschenden Wirtschaftsordnung ist. Das bedeutet: Werkzeug der Ausbeutung, der Umweltzerstörung, der systematischen Ablenkung, Zerstreuung und Verdummung. Ich bringe das gern auf die Formel: der Staat ist dazu da, dass die Reichen reicher werden, die Mittelschichten brav mitmachen und die Unterschichte die Kosten tragen. Der Staat ist unnötig. Es gibt bessere, effizientere, würdevollere Formen der Organisation. Und wo es sie nicht gibt, können sie noch erfunden werden. Sie sind das Einfache, das mühevoll zu machen ist, einmal erreicht und gesichert, aber alle Schwierigkeiten überwinden kann. Immerhin gebieten Vernunft und Anstand das herrschaftsfreie Zusammenleben selbstbestimmter Menschen. Mit einem Wort: Anarchie.
Im Hinblick darauf wäre ein Verbot der AfD zwar wünschenswert, aber nur als erster Schritt. Weiter gehen könnte es mit einem allgemeinen Parteienverbot (sofern man darunter Vereine versteht, die zu Wahlen antreten, um in Parlamenten und Regierungen an Stelle der Bürger zu entscheiden) und einer Ersetzung von Vertretungskörperschaften mit ihrem System von Mehrheiten und Minderheiten durch basidemokratische Institutionen, die auf Konsens beruhen (alle Betroffenen sollen mitentscheiden, niemand wird überstimmt). Aber dafür reicht die Phantasie derer bestimmt nicht aus, de mit dem Gedanken an ein Parteiverbot ihr Gewissen beruhigen und lediglich ihr komfortables Leben im unverantwortlichen Weiterso weiterleben wollen.

Montag, 20. Juli 2026

Warum wählen die Leute die AfD?

Zugegebenermaßen verstehe ich nicht, warum die Leute AfD wählen. Wie kann man nur? Allerdings verstehe ich auch nicht, warum sie die anderen Parteien wählen. Wie kann man nur? Aber hier sehe ich bloß eher leichte Dummheit am Werk, einen Aberglauben an die Legitimität, Funktionalität und Erforderlichkeit des Systems sowie ein erschöpftes Überzeugtsein vom Mangel an anderen Möglichkeiten und also der Alternativlosigkeit des Vorgegebenen. Man müsse schließlich wählen, lässt man sich einreden, also nimmt man hin, was da ist, und wählt irgendwas, auch wenn es eigentlich Quatsch ist. Und im Grund den eigenen Interessen, wenn man die nur verstände, zuwiderläuft.
Aber die AfD? Das ist noch mehr als Quatsch und bedenkliches Weiterso. Diese Typen sind doch offen widerwärtig. Sie zu wählen heißt, sehenden Auges Dummheit und Bosheit zu wählen. Warum? Aus Dankbarkeit für die organisierte Gelegenheit, zu hassen und dagegen, ganz und gar dagegen zu sein? Aus Lust am Kaputtmachen und an der Abwertung Schwächerer und von „denen da oben“?
Von wegen „Protest“! Jemand hat es im Internet so formuliert: „Wenn mir in einem Lokal das Bier nicht schmeckt, trinke ich auch nicht aus Protest Klowasser.“ In meiner grobianischen Art hätte ich es ja so formuliert: „Wenn mit im Restaurant das Schnitzel nicht schmeckt, fresse ich auch nicht aus Protest die Kacke des Kochs.“ So oder so, man versteht, was gemeint ist. Man wählt nicht aus Protest gegen Schlechtes noch viel Schlimmeres.
Denn man kann der AfD vieles nachsagen, aber nicht, dass sie andere Lösungsansätze vertritt als bloßes Dagegensein: gegen Ausländer, gegen Arbeitnehmerrechte, gegen den Sozialstaat, gegen Umweltschutz, gegen den Rechtsstaat, gegen kulturelle Vielfalt, gegen Weltoffenheit. Die AfD lehnen alles Erneuernde, Schonende, Gewalt Beschränkende, womöglich Verwirrende und Respekt im Umgang Erheischende ab.
Nichts von dem, worauf die AfD abzielt, ginge zu Gunsten der Masse derer aus, die die AfD wählen. Im Gegenteil, ihre Rechte würden beschnitten, ihre Ausbeutung verschärft, ihre Gesundheit gefährdet und geschädigt, ihre Zukunft verkauft und verraten und ihre Individualität genormt.
Wollen die AfD-Wähler das wirklich? Oder wollen sie es bloß nicht wahrhaben? Und am schlimmsten: Wären sie tatsächlich bereit, jeden Preis zu bezahlen, wenn es nur noch mehr auf Kosten von noch Schwächeren geht?
Hauptsache nicht links, nicht ökologisch, nicht frei, nicht liberal, nicht pluralistisch, nicht so fordernd und in Frage stellend. Alles soll wieder werden, wie es nie war. Bloß irgendwie schneidiger, hemmungsloser, realitätsunabhängiger. Halb Freizeitpark mit Volksmusik und Freibier, halb Treibjagd im Kleingarten.
Und der Nationalsozialismus? Wen das Illiberale, Autoritäre, Nationalistische, Rassistische nicht stört, wie sollten den die brauen Anklänge stören? Irgendwie gefällt das ja vielleicht sogar.
Man bedenke: Der Nazimus war nie weg. Nicht jeder war 1945 erleichtert, zu viele hatten zu sehr mitgemacht. Und auch profitiert. Kleine Herrenmenschen und Herrenmenschinnen. Es war für sie nicht nur nicht alles schlecht gewesen, sondern einiges sogar sehr gut. Nach außen hin gab man sich zerknirscht und gewandelt und sympathisierte mit dem Aufbau der Demokratie nicht minder als mit dem Wirtschaftswunder. Aber für gar nicht so wenige bestand die „Vergangenheitsbewältigung“ darin, privat das Gewesene zu verharmlosen und die schlimme Wahrheit über eigene Funktion und Aktivität nicht begreifen zu wollen. Auch und gerade in der autoritären, illiberalen, repressiven DDR mit ihrer Inszenierung von „Antifaschismus“ auf der Bühne eines gewalttätigen, lügnerischen, entrechtenden und entmündigenden Systems ― bei dem so viele freudig mitmachten! ― leistete offensichtlich gute Arbeit im Konservieren, was man Hyponazismus nennen könnte (in dem Sinne man wie bei Erdbeben das Hypozentrum vom Epizentrumunterscheidet) oder meinetwegen einen subliminalen Nazismus. (Was die AfD-erfolge besonders im Osten erklärt.)
Nicht dass die AfD irgendwie die NSDAP wäre. (Aber das waren NDP, DVU usw. auch nicht.) Es geht eher um ein ebenso unweigerliches wie gewolltes Hantieren mit Versatzstücken, Imitationen, Allusionen, mit denen tiefsitzende Affekte angesprochen werden sollen ― die erstaunlicherweise keinen Widerstand, keine Unlust auslösen, sondern ein gruseliger Spaßfaktor sind. Zum Hitlergruß alte und neue rassistische Lieder zu grölen, ist ein von Suff und Gruppenlust anscheinend reflexartig ausgelöstes Freizeitvergnügen auch solcher, die im Alltag mit der AfD wenig oder nichts zu tun haben wollen. ― Aber erstaunlich ist wohl nur für mich.
Wohlgemerkt, dass die Rechtspopulisten und Rechtextremisten quasi Nazis sind, ist für viele nicht unbedingt ein Grund, sie zu wählen, scheint mir. Schlimm genug freilich, dass es für viel zu viele offensichtlich kein Grund ist, sie nicht zu wählen.
Wie gesagt, ich verstehe das nicht. Man wählt keine Quasinazis. Die ja doch nichts zu bieten haben als Ressentiments und Negativität. Mit denen alles nur schlimmer werden kann. Die gierig und unehrlich sind. Das tut man nicht. Aber viele tun es. Warum?

Sonntag, 19. Juli 2026

Überlegung zu Schule und Bildung

Man muss lernen, gewiss. Aber braucht es dazu Schule? Vermutlich auch. Doch in welchem Ausmaß und in welcher Form? Die bestehende, um nicht zu sagen: herrschenden Formen, die so erstaunlich üblich sind und kaum Ausnahmen kennen (oder gelten lassen) sind zweifellos an die Erfordernisse der staatlich organisierten Gesellschaft und ihrer Weisen des Wirtschaftens angepasst. Und sollen daran anpassen. Lesen und Schreiben etwa sind nicht zu lernen, um Zugang zur Literatur zu verschaffen (diese ist ja selbst erst Resultat einer Oralität ersetzenden Verbreitung der Schriftlichkeit), sondern durch die Einübung in den Gebrauch von Lettern und Interpunktion soll, wie auch durch Rechnenkönnen und alles technische Wissen, das Funktionieren in fremdbestimmten Arbeits- und Verarbeitungszusammenhängen gewährleistet werden.
Gewiss werden die Kinder auch mit so etwas wie Belletristik, sogar mit bildender Kunst und mit Musik, in Kontakt gebracht. Aber in M;aßen! Auf dass nicht ihr Konformismus und ihr Konsumismus ― der die Unterwerfung unter die Notwendigkeiten des Erwerbslebens zum Gegenstück hat ― Schaden nähme und beeinträchtigt würde, wenn sie Gefallen fänden an eigenständigen Gedanken.
Schule als Anstalt ist Abrichtung für die Zwecke anderer. Nämlich der Herrschenden.
Daher auch das Wuchern der Pädagogik: Elementarpädagogik, Sozialpädagogik, Ernährungspädagogik, Waldpädagogik, Heilpädagogik, Heimpädagogik, Erwachsenenpädagogik usw. usf. Und alles fest in Frauenhand. Weil die Damen nicht gerne schwer arbeiten, aber es lieben, anderen zu sagen, was sie tun sollen.
Gute Schule hätte jedenfalls all dem entgegengesetzt zu sein. Müsste also Anti-Schule sein. Gute Erziehung wäre eine, die Kinder und Jugendlichen zu nichts zwingt, aber zu allem befähigt und ermutigt, was sie kritisch und ablehnend gegen ein System macht, das sie unterdrücken und ausbeuten. Fähigkeiten und Wissen sollen Werkzeuge und Waffen sein bei der nachhaltigen Verweigerung des Weiterso und der Verschlimmerung und beim freudvollen Einsatz für die Verbesserung der Welt.

Samstag, 18. Juli 2026

Notiz über Rassismus

Der südafrikanische Rassismus, der Menschen aus anderen afrikanischen Ländern vertreiben will und schon vertrieben hat, bestätigt leider, was ich immer sage: Rassismus ist keine Frage der Hautfarbe. Es geht nicht darum, wie die sind, die man nicht haben will, sondern dass man sie nicht haben will, bestimmt darüber, wie sie angeblich sind. Welche Merkmale man auswählt, um zu unterscheiden ist arbiträr. Entscheidend ist die Dramatisierung der Unterschiede. Rassismus ist die Konstruktion eines Wir und eines Die: Die müssen weg, damit es uns gut geht. Alles daran ist Lüge: Das Wir, das Die, die Besserung für die Eigenen durch Eliminierung der Fremden. Wahr ist nur das Unrecht und Leid, das dabei erzeugt wird.

Dienstag, 14. Juli 2026

Über Wahrheit, Wissen, Glauben

Man könnte sagen (und hat es gesagt): Ein Fledermaus fliegt selbsttätig durch die Luft, also ist sie ein Vogel. Denn Vögel sind Lebewesen, die selbsttätig durch die Luft fliegen. Ein klares, durchaus sinnvolles Kriterium und ein unbestreitbarer Befund liegen vor, die Sache ist geklärt.
Man könnte sagen (und hat es gesagt): Ein Biber schwimmt selbsttätig durch das und im Wasser, also ist er ein Fisch. Denn Fische sind Lebewesen, die selbsttätig durch das und im Wasser schwimmen. Ein klares, durchaus sinnvolles Kriterium und ein unbestreitbarer Befund liegen vor, die Sache ist geklärt.
Dass man zu anderen Zeiten andere Kriterien anlegte und also die Befunde anders deutete, lag aber nicht an besserer „Einsicht“ in die „wahren Verhältnisse“, sondern an einer anderen Formierung der Wissenschaft. Keineswegs an einer rationaleren oder realistischerem, sondern bloß an einer anderen. Denn dass Vögel fliegen und Fische schwimmen, sind empirische Fakten, und an der Deutung, also sind Fledermäuse Vögel und Biber Fische,ist nichts unvernünftig. „Falsch“ wird diese Deutung erst durch einen Wechsel der Kriterien. Statt sich auf Erfahrung zu verlassen ― „Schau hin, sie fliegt, schau hin, er schwimmt!“ ―, stützte man sich auf anatomisch-physiologische Systembildungen. Das kann man machen, setzt aber die, die es anders gemacht haben in einer umfassenderen, nicht bloß der aktuellen Interpretation verhafteten Sichtweise nicht ins Unrecht.
Es war also nicht so, dass die, die einst in der Fastenzeit Biber trotz des Fleischverbotes essen zu dürfen meinten, weil ein Biber ja ein Fisch sei (und Fisch kein Fleisch sei), betrügen wollten. Sie sahen die Sachlage bloß anders. ― Ganz abgesehen von der Hypothese, Mönche und Nonnen hätten willkürlich ihr Seelenheil aufs Spiel gesetzt, nur um außer Fisch auch Biber essen zu können. Das ist genauso absurd wie die Deutung der schwäbischen Maultaschen als „Hergottsbscheißerle“; also ob die Kleriker nicht bedacht hätten, dass das verbotene Fleisch in einer Teighülle zu verstecken, gegenüber einem allwissenden Gott nicht funktionieren könne, selbst wenn sie überhaupt, warum auch immer, hätten „bescheißen“ wollen.
Die These, dass eine zoologische „Wahrheit“ von Kriterien abhängig sein könnte, die innerhalb eines jeweils so oder so gestalteten wissenschaftlichen Beschäftigungszusammenhanges angewandt oder nicht angewandt werden, ist eine arge Zumutung für die, die auf die absolute Gewissheit naturwissenschaftlicher Erkenntnis vertrauen möchten (und es auch tun, manche geradezu fanatisch). Für sie ist nämlich ein Wal „in Wahrheit“ kein Fisch, wobei sie mit „wahr“ meinen: zu allen Zeiten, an allen Orten und unter allen Bedingungen wahr (statt „nur gemäß einer bestimmten, so und so begründeten Deutung wahr“) . In Wahrheit gibt es aber solche absoluten Wahrheiten in den Naturwissenschaften gar nicht. Sagen zumindest die Naturwissenschaftler, die sich wissenschaftstheoretisch informiert haben: In den Naturwissenschaften gilt das als vorläufig war, was noch nicht schlüssig widerlegt wurde.
In der Praxis stimmt das freilich nicht, sondern viele Naturwissenschaftler verlünden ihre Erkenntnisse als unumstößliche Wahrheiten. Sei’s drum. Wissenschaftstheorie ist selbst keine Naturwissenschaft und folgt anderen Kriterien …
Prinzipiell jederzeit falsifizierbare Wahrheit ist im Grunde nur Wahrscheinlichkeit. „Alles oder doch das meiste, was wir derzeit darüber wissen, spricht dafür, dass es sich so und so verhält. Es könnte auch anders sein, aber das halten wir derzeit für unwahrscheinlich.“
Ein Zumutung, wie gesagt, für die, die an Gewissheit glauben wollen. Und die gerade darum übersehen, dass es Gewissheit nur durch glauben gibt. Denn der ist nicht das Gegenteil von Wissen ― „Wer nichts weiß, muss alles glauben“ ―, sondern im Gegenteil die Grundlage allen Wissens ― „Wer nichts glaubt, kann auch nichts wissen“. Glauben ist nicht einfach Für-wahr-Halten, schon gar nicht immer grundloses, sondern Einsicht in die Tatsächlichkeit. Wissen, heißt es, ist begründetes Meinen. Glauben, könnte man sagen, ist gegründetes Wissen.
Wissenschaft (im allgemeinen Sinne, nicht bloß als Naturwissenschaften) ist immer auch dies: Erkundung der Kriterien für wahr und falsch, die innerhalb eines Deutungszusammenhanges zur Anwendung kommen. Das ist durchaus ein infiniter Regress, wenn es nicht nur um Deskription („X wird aus dem und dem Grund für wahr gehalten“), sondern um die Wahrheit von Wahrheiten geht: „Ist es wahr, dass X wahr ist? Ist es wahr, dass es wahr ist, dass X wahr ist?“). Der Regress kann pragmatisch und methodisch abgebrochen werden ― „Wir beschäftigen uns hier nur mit …“ ―, aber er ist keineswegs so abwegig und unerträglich, wie viele befürchten. Wenn es immer und jederzeit darum geht, Wahrheitskriterien zu untersuchen (anhand bestimmter Wahrheitskriterien), dann hört das zwar nie auf, befreit aber zugleich von gewissen Wahrheitszwängen und eröffnet Zugänge zu Wahrheit, die nicht bloß in betrieblich, kulturell, ideologisch usw. vorgegebenen Bahnen sich zeigt.
Letzte Wahrheit, mit Verlaub, ist ein theologisches Thema. Oder doch zumindest ein metaphysisches. Letzte Wahrheit verweis auf Unbedingtes, also, traditionell gesagt, auf den Unbedingten, auf Gott. Auch daran scheiden sich gewiss die Geister. Und doch scheint der Gedanke unbedingt wahr, dass, wenn alles relativ ist, auch diese Relativität relativ sein muss. Und das schafft immerhin Platz für ein Absolutes. Wer dort wohnt, wer weiß es ...