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Donnerstag, 2. Mai 2024

Notiz über den Bergwald (9. Oktober 2005)

Der Bergwald unterscheidet sich vom sonstigen Wald dadurch, dass er eben nicht nur tief sein kann, sondern auch hoch. Der gewöhnliche Wald mag unwegsam und schwer zu durchdringen sein, aber letztlich kann er, indem man sich einen Weg bahnt, durchdrungen werden. Der Bergwald braucht gar nicht undurchdringlich zu sein, es genügt, dass er steil ist, um unwegsam zu sein. Seine Unmenschlichkeit (Menschenlosigkeit) ist nachdrücklicher, womöglich anhaltender als die anderer Wälder. Er ist enthoben. (Vielleicht ist der Berg jenseits der Baumgrenze ein Wald ohne Bäume.)
Die Bäume des gewöhnlichen Waldes stehen im Weg. Die Bäume des Bergwaldes stehen dort, wo keine Wege sind.
Die Erfahrung des Urtümlichen. Auch das Archaische hat seine regionalen Differenzierungen. Urlandschaften. Das Unmenschliche als das Menschenlose, aber eben auch Grausame, Gewaltsame, Ungebändigte, Rohe.

Sonntag, 25. März 2018

Neue Texte für alte Kinderlieder

Facebok in der Krise, saß und schlief. Armes Facebook, bis du krank, dass du nicht mehr g’scheit funktionieren kannst? Facebook, hüpf!
 
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Facebook, du hast die Daten gestohlen, gibst sie nicht mehr her, gibst sie nicht mehr her. Jetzt wird dich die Krise holen, mit dem Aktienkurseinbruch, mit dem Aktienkurseinbruch.

Sonntag, 26. November 2017

Meine Augen sind nicht so gut. Statt „Migrantengewalt: Die Schweigespirale“ hatte ich zu sehen gemeint: „Migrantengewalt: Die Schweizergarde“ …

Montag, 25. November 2013

Vermischte Meldungen (12)

Es wird gemeldet: „Ehebrecher sollen wieder gesteinigt werden. Das Justizministerium in Kabul hat einen entsprechenden Gesetzentwurf ausgearbeitet. Menschenrechtler sind entsetzt.“ Weil Ehebruch ein Menschenrecht ist?

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Es wird gemeldet: „Die britische Armee hat eine neue Richtlinie: Soldatinnen dürfen nun kürzere Schritte machen als ihre männlichen Kameraden.“ Es ging ja auch ausdrücklich immer bloß um Gleichstellung, nicht um Gleichschritt. (Wie das jetzt bei einer Parade wohl aussieht, wenn Männer und Frauen zwar zusammen, aber mit geschlechtsspezifischem Schritt marschieren …)

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Es wird gemeldet: „90 Prozent der Ägypterinnen sind beschnitten. Erst langsam lernen die Frauen, dass die Genitalverstümmelung eine Menschenrechtsverletzung ist.“ Das muss man erst lernen? Von wem eigentlich?

Freitag, 5. Juli 2013

Vermischte Meldungen (11)

Man stelle sich vor, die Bundeswehr (das Bundesheer) erklärte Merkel (Faymann) für abgesetzt, installierte Voßkuhle (Holzinger) zum Übergangsregierungschef und ägyptische Zeitungen kommentierten: „Eine Chance für Deutschland (Österreich)."

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Mursi habe das Land heruntergewirtschaft, erklärt einer der unzähligen „Nahost-Experten“. Es ist immer wieder erstaunlich, was ein Einzelner in kürzester Zeit so leisten kann. Vorausgesetzt, versteht sich, er ist Islamist. Und doch stellt sich die Frage: Hatte er nicht wenigstens einen Koch dabei?

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Man stelle sich vor, irgendein Land ziehe plötzlich die Überflugsrechte für die Air Force One zurück.
 

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Wenn es in hundert Jahren noch Flughäfen gibt: Ob dann Scheremetjewo den Namen von Edward Snowden trägt?

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Man stelle sich vor, die Maschine von Morales hätte die Verweigerung der Überflugsrechte ignoriert. Hätten Frankreich, Spanien, Portugal eine Landung erzwungen oder das Flugzeug gleich abgeschossen?

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Der Flughafen heißt „Vienna International Airport“ oder schlicht „Flughafen Wien“, befindet sich aber nicht in Wien, sondern in Schwechat. Guter Journalismus zeigt sich, wie gute Lügen, am Detail.

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Man stelle sich vor, Evo Morales (der freilich von Domodedowo abflog, nicht von Scheremetjewo) hätte Edward Snowden an Bord gehabt. So what? Hätte für österreichische Beamte irgendeine Rechtsgrundlage bestanden, ihn aus der Maschine zu holen?

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Wurde das richtig übersetzt? Hat der Ko-Putschist Mansur allen Ernstes einen Eid „auf die Verfassung“ abgelegt?

Sonntag, 16. Juni 2013

Vermischte Meldungen (10)

Titel einer Sendung des „Presseclubs“ der ARD: „Wasserwerfer, Tränengas und Gummigeschosse — Passt diese Türkei wirklich zu Europa?“ Gute Frage! Schon deshalb, weil sie die Antwort so leicht macht: Diese Türkei passt natürlich nicht mehr zu Europa, weil in Europa Wasserwerfer, Tränengas und Gummigeschosse niemals zum Einsatz kommen. Jene andere Türkei — Döner, Kopftuch und Antalya all inclusive — hatte hingegen noch sehr gut zu Europa gepasst, weshalb ja bekanntlich auch bis vor kurzem alle für einen raschen EU-Beitritt der Türkei waren.

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Noch ein Sendungstitel, diesmal von „Günther Jauch“: „Gemeinsam für die Flutopfer — ganz Deutschland hilft“. Ach wie schön. Patriotisches Pathos. Das Allerselbstverständlichste, dass nämlich Menschen einander in einer Notsituation helfen, wird in Deutschland zur überraschenden nationalen Leistung stilisiert. Das mag seinen Grund darin haben, dass es in Wahrheit um gesellschaftliche Solidarität schlecht bestellt ist. So berichtet das „Neue Deutschland“: „In den vom Hochwasser betroffenen Gebieten stehen Tausende vor dem Nichts. Oftmals ist die gesamte Wohnungseinrichtung hinüber. Da die Versicherungen oft nicht zahlen, wurden staatliche Nothilfeprogramme aufgelegt. Zudem spendeten zahlreiche Bundesbürger Geld oder Haushaltsgegenstände. Doch für Hartz-IV-Bezieher kann die Annahme dieser Hilfen fatale Folgen haben. Die Betroffenen riskieren, dass man ihnen die Hilfe auf die Hartz-IV-Leistungen anrechnet.“ Erst lässt man also Privatleute großherzig spenden und verspricht in laufende Kameras unbürokratische Hilfe. Und dann zieht man das Gespendete und Zugewendete vom Gnadenbrot wieder ab. So funktioniert der deutsche Sozialstaat. Die Jauch-Sendung ist übrigens eine Spendengala.

Montag, 20. Mai 2013

Vermischte Meldungen (9)

150 Jahre deutsche Sozialdemokratie. Das reicht doch. Genug Zeit, um den Irrtum einzusehen und mal etwas anderes zu probieren. Zum Beispiel was ohne Kapitalismus. Nur so als kleine Anregung.

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Die ösiländischen Sozialdemokraten und Sozialdemokratinnen machen es richtig. Ihr Programm, heißt es, werden sie erst nach der im Herbst anstehenden Parlamentswahl beraten und beschließen. Nicht, dass durch solche Zurückhaltung die Politik in Ösiland spannender würde. Aber das Verfahren ist doch auch ein Stück weit ehrlich. Man will den Wähler und die Wählerin nicht mit Inhalten belästigen. Wen interessieren die schon. Darum lautet die implizite Devise folgerichtig: Wählt uns erst einmal schön brav, hinterher merkt ihr dann schon, was wir mit euch vorhaben.

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Apropos ösiländische Sozialdemokratie. Kann es etwas Deprimierenderes geben als die Aussage von Michael Häupl, dem Bürgermeister und SPÖ-Chef von Wien, er sei zutiefst davon überzeugt, dass seine Partei und die ÖVP bei der herbstlichen Nationalratswahl zusammen mehr als die Hälfte der Stimmen bekämen? Nein, ein bescheideneres Ziel, als die (schon derzeit regierende) Große Koalition nicht unter 50 Prozent drücken zu lassen, kann man sich wohl wirklich nicht setzen.

Montag, 25. Februar 2013

Vermischte Meldungen (8)

Bevor in den letzten anderthalb Wochen auf allen Kanälen mit unsäglicher Penetranz darüber berichtet wurde, dass er seine Freundin erschossen habe, hatte ich noch nie etwas von dem Mann gehört. Vermutlich, weil ich Sportnachrichten grundsätzlich ignoriere. Anscheinend hat er Beinprothesen und kann trotzdem sehr schnell laufen. Aha. Er sei der Nationalheld Südafrikas gewesen und jetzt abgestürzt. Aha. Armselige Nation, in der jemand schon deshalb zum Helden wird, weil er sehr schnell laufen kann. Aber auch nichts Besonderes. Anderswo gelten Dudelmusikanten oder Astronauten als Helden; schön doof. In Südafrika, heißt es, gibt es viele Gewaltverbrechen, was angesichts der gesellschaftlichen Verwerfungen kein Wunder sein dürfte. Warum nun über diese eine Erschießung so viel berichtet wird, über all die anderen aber nicht (etwa 50 Morde pro Tag soll die Statistik erfassen), ist mir ein Rätsel. Dessen Lösung mich allerdings nicht wirklich interessiert.

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Hätte ich ein Rangordnung der Dinge, die mich nicht interessieren, schaffte es nach Sport und volkstümlicher Musik auch die Berichterstattung darüber ganz nach oben, wer in einem bestimmten Jahr einen Akademiepreise der US-amerikanischen Filmindustrie erhält. Das geht mir, wie man so schön sagt, regelmäßig am Arsch vorbei. An mir verdient Hollywood seit langem herzlich wenig. Weil ich ihre Filme nie schaue, sagen mir die Namen all der Regisseure nichts, und die Gesichter der Schauspieler scheinen mir meist erstaunlich austauschbar. (Die der Schauspielerinnen sowieso.) Gewisse Ausnahmen machen die Sache nicht besser. Wieso aber, bitte schön, ist es, wie man jetzt lesen kann, eigentlich ein „Erfolg für Österreich“, wenn Waltz und Haneke mit güldenen Statuettchen bedacht werden? Was hat das Land, was haben seine Bewohner damit zu tun? Haben sie alle mit Herrn W. Texte geübt? Mit Herrn H. Drehbücher gewälzt und Finanzierungskonzepte entwickelt? Sonst irgendetwas beigetragen? Die beiden sind (oder waren, was weiß ich) österreichische Staatsbürger. Mehr ist nicht. Dass Preise, die angeblich die Qualität einer Arbeit auszeichnen sollen, „gewonnen“ (und nicht etwa verliehen) werden, ist schon eine merkwürdige Praxis; daraus auch noch ein globales Nationalitätenspektakel zu machen, wäre vollends absurd.

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Das dauernde Gerede über Pferdefleisch in der Lasagne lässt mir das Wasser im Munde zusammenlaufen. Statt aber den Etikettenschwindelskandal zum Anlass zu nehmen, eine neue kulinarische Kultur zu entwickeln, die endlich Hunde, Katzen und eben auch Pferde zum umfassen hätte, phantasiert man offiziellerseits von neuen Kontrollen. Genauere Herkunftsbezeichnungen sollen in der EU freilich gerade von Deutschland verhindert worden sein, wo man sich traditionell mit dem Verzehr von allem, was nicht Rind, Schwein oder Geflügel ist, besonders anstellt. Aber irgendwo mussten die Rumänen mit ihren Gäulen ja hin, nachdem Pferdekarren aus dem Straßenverkehr vertrieben wurden. Hätte man die leckeren Tierchen etwa wegwerfen sollen? Eben. Und richtig etikettiert hätte man das Fleisch nicht so gut an den Verbraucher gebracht. Der hat sich’s ja trotzdem schmecken lassen. Wenn also ein paar rumänische Bauern dran verdient haben, soll mir der Skandal recht sein. Die Lebensmittelindustrie dreht noch ganz andere Dinger, solche, die wenigerer schmackhafte Assoziationen bei mir hervorrufen.

Sonntag, 20. Januar 2013

Vermischte Meldungen (7)

Pola Kinski? Nie gehört. Anscheinend eine Schauspielerin, die ihre mehr als bescheidene Karriere damit aufzupeppen versucht hatte, dass sie (wie auch ihre Halbgeschwister) den Künstlernamen des Vaters übernommen hatte. Als Pola Nakszynski wäre sie wohl noch unbekannter geblieben denn als Pola Kinski, Tochter von Klaus Kinski. Jetzt, im zarten Alter von 60 Jahren, hat diese Pola K. in Sachen Vermarktung noch eins draufgesetzt, indem sie in ihrer jüngst erschienenen Autobiographie, die ansonsten wohl niemanden zu interessieren vermöchte, davon berichtet, dass ihr Vater sie, als sie ein Kind war, missbraucht habe. Heißa, da freuten sich die Schmutzblättchen und einschlägigen Fernquasselsendungen. Zu Lebzeiten schon war der genialisch-verrückt Kinski immer für einen Skandal gut, jetzt gibt’s halt mal wieder einen post mortem. Wäre das nicht ein pornographisches, sondern ein journalistisches Phänomen, müsste man ja eigentlich mal zwischendurch die Frage stellen: Stimmt denn das überhaupt, was Pola K. sagt? Doch derlei interessiert nicht. Die bloße Behauptung wird mit erwiesener Tatsache gleichgesetzt, und einmal mehr wird ein Missbrauchsvorwurf als Missbrauchsfall behandelt. Nun behaupte ich meinerseits ja gar nicht, dass ich es besser wüsste und dass Kinski kein Sex mit seiner Tochter hatte. (Seinen eigenen Angaben zu folge hatte er auch mit Mutter und Tochter gefickt.) Ich finde es nur bedenklich, dass so viele Medien aus lauter Sensationslust das Geschäft von Frau K. betreiben und ihr beim Verkauf ihres sicher nicht lesenswerten Buches helfen und dabei bedenkenlos jemanden als Verbrecher behandeln, der sich nicht verteidigen (oder selbst bezichtigen) kann, weil er seit über zwanzig Jahren tot ist.
                                                           

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Was denn nun? Erst wurde gemeldet, zwei in katholischer Trägerschaft befindliche Kölner Krankenhäuser hätten eine Vergewaltigte abgewiesen. Dann wurde gemeldet, sie hätten sie nicht abgewiesen, nur die Abtreibungspille verweigert. Schließlich einigte man sich irgendwie darauf, sie sei doch abgewiesen worden, weil man ihr die Abtreibungspille nicht habe geben wollen. Manche nannten das „unmenschlich“. Versucht man, den zuweilen reichlich wirren Berichten und Kommentaren — wenn es gegen die katholische Kirche geht, schnappen manche Journalisten über und die einfachsten Grundregeln der Recherche gelten für sie nicht mehr —, ein paar Fakten zu entnehmen, stellt es sich so dar. Eine junge Frau, die möglicherweise Opfer einer Vergewaltigung war, sollte auf Spuren einer solchen Straftat untersucht werden. Dazu wären die beiden Krankenhäuser in der Lage gewesen. Weil aber anscheinend befürchtet (oder aus gutem Grund angenommen) wurde, die Frau wolle über die Untersuchung hinaus „vorsorglich“ eine Abtreibungspille verabreicht bekommen, weigerte man sich. Ein Missverständnis, sagt man von Seiten des Krankenhausbetreibers jetzt. Das klingt plausibel. Jedenfalls handelt es sich offensichtlich nicht um etwas, was das Skandalisierungsgeschrei rechtfertigt, das aus einer möglicherweise Vergewaltigten eine Vergewaltigte macht, aus einer unterlassenen Untersuchung eine verweigerte Behandlung und aus chemischer Abtreibung eine „Pille danach“. Dass die katholische Kirche gegen Abtreibungen ist, ist ihr gutes Recht. Inwiefern die Umstände seiner Zeugung das Recht eines Menschen, nicht umgebracht zu werden, einschränken können sollen, kann auch ich nicht verstehen. Wenn es unmenschlich ist, ein ungeborenes Kind „vorsorglicherweise“ zu töten, weil sein Erzeuger möglicherweise (was eigentlich erst ein Gericht zu klären hätte) ein Straftäter ist, dann bin ich gerne auf der Seite der „Unmenschlichen“.

Samstag, 21. Juli 2012

Vermischte Meldungen (6)

In einem auch sonst nicht empfehlenswerten (weil einseitigen, lücken- und fehlerhaften) Buch über den Spanischen Bürgerkrieg habe ich dies gefunden: „Die bisherige Koalition bekam aufgrund des Zusammenschlüsse begünstigenden Wahlrechts eine größere Mehrheit in den Cortes [dem spanischen Parlament] als sich dieses in den Stimmenergebnissen abbildete.“ Da hat aber mal einer, der immerhin in Köln, Wolgograd und London studierte, das Prinzip der repräsentativen Demokratie sehr hübsch auf den Punkt gebracht: Was die Leute wählen, soll gefälligst eine Abbildung der Sitzverteilung im Parlament sein. Der Autor dieses Unsinns dankt im Vorwort seiner Frau dafür, dass sie mit viel Geduld sein Manuskript überarbeitet habe. Nicht nur an dieser Stelle scheint die Geduld oder die Dame selbst versagt zu haben.

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Auch das ist hübsch. Nicht gerade ein Beispiel für Gewaltentrennung, aber umso lehrreicher. Der Deutsche Bundestag forderte durch eine mit großer Mehrheit beschlossene Entschließung die Bundesregierung auf, ihm einen Gesetzentwurf (mit dem Beschneidung aus religiösen Gründen legalisiert werden soll) vorzulegen. Das oberste Organ der Legislative erbittet also vom obersten Exekutivorgan ein Gesetz. Die Abgeordneten hätten zwar selbst das Initiativrecht, scheinen aber davon keinen Gebrauch machen zu wollen. Die sich einem unvoreingenommenen Beobachter aufdrängende Frage, warum eigentlich die Regierung nicht gleich selbst die Gesetze beschließen kann, statt jedes Mal diesen lästigen symbolischen Umweg über das Parlament nehmen zu müssen, können einem die Verfechter der Repräsentativdemokratie sicherlich erklären. Anscheinend fügt die Absegnung durch die Abgeordneten den Paragraphen etwas hinzu, über das die Bürokraten und Lobbyisten, die ja die Gesetz tatsächlich machen, nicht verfügen. Was war das noch gleich? Ach ja: Legitimität. Na dann.

Sonntag, 18. Dezember 2011

Vermischte Meldungen (5)

Im Ernst? Die Glaubwürdigkeit Christian Wulffs leide? Das Ansehen des höchsten Amtes im Staat werde beschädigt? Na klar, weil ja Korruption, Vetternwirtschaft und Vermischungen von öffentlichen und privaten Interessen in der deutschen Politik völlig unüblich sind. Der jetzige Bundespräsident hat als Ministerpräsident die Wahrheit zu seinen Gunsten zurechtgebogen. Aha. Was wird als nächstes gemeldet? Dass Sigmar Gabriel Übergewicht hat?

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In Österreich waren, unlängst veröffentlichter amtlicher Statistik zufolge, im Jahr 2010 rund zwölf Prozent der Bevölkerung armutsgefährdet, etwa eine halbe Million Menschen lebte in Armut. Als „ausgrenzungsgefährdet“ galten sogar 17 Prozent der Bevölkerung, das bedeutet, dass diese Menschen entweder armutsgefährdet oder „erheblich materiell depriviert sind“ oder einem Haushalte mit sehr geringer „Erwerbsintensität“ leben. (Als erheblich materiell depriviert gelten jene Haushalte, auf die zumindest vier der folgenden neun Merkmale zutreffen: Der Haushalt hat Zahlungsrückstände bei Miete, Strom oder Kreditraten; der Haushalt kann keine unerwarteten Ausgaben tätigen; der Haushalt kann sich nicht leisten: Heizen, ausgewogene Ernährung, Urlaub, Auto, Waschmaschine, Fernseher, Festnetz- oder Mobiltelephon. Als Erwerbslosenhaushalte werden Haushalte bezeichnet, in denen die „Vollzeiterwerbsintensität“ der Haushaltsmitglieder im Erwerbsalter höchstens ein Fünftel des gesamten „Erwerbspotentials“ beträgt.) — Ein Rücktritt der verantwortlichen Bundesregierung wurde übrigens bisher nicht vermeldet.

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„Ich kann das verantworten“, sagt Herr Wulff. Wenn Politiker (und andere Machthaber) von „Verantwortung“ reden, meinen sie offenkundig geradewegs das Gegenteil. „Ich übernehme dafür die Verantwortung“ heißt übersetzt: Ihr könnt mich alle mal, ich mache, was mir passt. So auch hier. Wenn der Versuch, sich mit fragwürdigen Schutzbehauptungen aus einer unerquicklichen Affäre zu ziehen, bedeutet, sich (wem gegenüber?) zu verantworten, was wäre denn dann eigentlich Herrn W. zufolge Verantwortungslosigkeit? Die Wahrheit sagen? Zu einem Fehler stehen? Zurücktreten? Das gälte ihm wohl als unverantwortlich ...

Samstag, 3. Dezember 2011

Vermischte Meldungen (4)

Zu Nino Rota, der an einem 3. Dezember geboren wurde, heißt es bei „Wikipedia“: „Seine bekannteste Filmmusik schrieb er für Der Pate von Francis Ford Coppola.“ Es steht zu befürchten, dass das stimmt. Da hat einer ein großartiges musikalisches Lebenswerk hinterlassen, hat zehn Opern, 23 weitere Bühnenkompositionen, drei Sinfonien, zahlreiche Solokonzerte sowie viel Kammer- und Chormusik komponiert und die geniale Musik zu genialen Filmen von Fellini, Visconti und anderen Meistern geschrieben — und womit er sich im popkulturellen Gedächtnis, wenn überhaupt, verankert hat, ist eine Melodie, die (übrigens völlig zu Recht) auch bei rumänische Straßenmusikanten beliebt ist.

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Im Interview mit dem „Spiegel“ soll Hamid Karzai, bekannt als Bürgermeister von Kabul, gesagt haben: „Aus unserer Sicht könnte die Bundeswehr für immer hier bleiben.“ Ein sehr guter Einfall. Man muss ihn allerdings ein bisschen radikalisieren: Die gesamte deutsche Bundeswehr sollte für alle Zeiten ausschließlich in Afghanistan stationiert sein. Erst das machte aus meiner Sicht die von Guttenberg und Maizière begonnene Reform des Militärwesens perfekt.

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Der Hass auf den Baron wird zur Manie. In der FAZ schrieb am 26. November Volker Zastrow unter der Überschrift „Ein gefährlicher Mann“: „Guttenberg hat es geschafft, fast in alle wichtigen Redaktionen dieses Landes belastbare Beziehungen aufzubauen, mit ungeheurem Charme. Das hat in einigen Häusern dazu geführt, dass Berichterstatter nicht so geschrieben haben, wie sie dachten. Die Redaktionen wurden auf Linie gebracht, soweit sie sich nicht ganz von selbst drauf brachten, längst vor der Affäre.“ Wie diabolisch! Der Mann muss ja über geradezu dämonische Qualitäten verfügen. Die sonst so freie deutsche Presse im Würgegriff eines Blenders und Betrügers! Gut, dass da endlich einer die guttenbergische Weltverschwörung aufdeckt ... Arbeitstitel für ein Aufklärungsbuch: „Die Protokolle des Weisen von Connecticut“.

Montag, 28. November 2011

Vermischte Meldungen (3)

Na bitte, da sage noch einer, es gebe keine guten Nachrichten. Es wird gemeldet, Deutschland habe im Jahr 2010 mit dem Export von Waffen und anderen Rüstungsgütern soviel verdient wie nie zuvor, nämlich rund zwei Milliarden Euro, was eine Anstieg um etwa die Hälfte im Vergleich zum Vorjahr sei. In „Friedenszeiten“ eine reife Leistung! (Es wird auch geholfen haben, Griechenland gleichermaßen zu „Sparprogrammen“ und zur Einhaltung von Rüstungsverträgen zu zwingen.) Ach ja, all die U-Boote, Kriegsschiffe, Panzer und anderen Mordgeräte sichern Arbeitsplätze und vor allem Profite. Hier ist Deutschland sehr gut aufgestellt, da kann ihm keiner was. Seltsam nur, dass in der Öffentlichkeit keiner sich seinen Stolz darauf anmerken lassen möchte …

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Es wird gemeldet, dass im Jahr 2010 weltweit 32 Kriege und bewaffnete Konflikte stattfanden. Die Zahl der Toten, Verletzten und sonstigen Opfer wird erst in den nächsten Jahren der Statistik eingefügt werden können.

Samstag, 5. November 2011

Vermischte Meldungen (2)

Niemand wird Mehmet Kilic nachsagen können, er sei nicht gut integriert. Der nach eigenen Angaben in der Türkei geborene — wo dort eigentlich genau? — integrationspolitische Sprecher der deutschen Grünen kann wirklich rumpöbeln wie ein richtiger Stammtischgermane. Im Vorfeld des Deutschlandbesuches des türkischen Regierungschefs stänkerte Kilic, Erdogans jüngste Äußerungen zu den Mängeln der deutschen Integrationspolitik seien „unerträgliche Stimmungsmache“, für die sich der Politiker entschuldigen müsse, ansonsten müsse „die Bundeskanzlerin ihn öffentlich zurechtweisen“. Das spricht der deutschen Selbstgefälligkeit aus der verstimmten Seele und steht darum folgerichtig, habe ich mir sagen lassen, in der „Bild“-Zeitung.

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Über die Nachfolge des unlängst verstorbenen griechisch-othodoxen Metropoliten von Wien ist bereits entschieden. Der neue Bischof werde, heißt es, wie sein Vorgänger für die rund 500.000 orthodoxen Christen in Österreich zuständig sein. Wie das? Selbst wenn die Zahl der Orthodoxen tatsächlich eine halbe Million beträgt: Sind sie denn alle griechisch-orthodox? Oder gibt es nicht vielmehr, als staatlich anerkannte Religionsgemeinschaften, neben der griechisch-orthodoxen Kirche, die dem Patriarchen von Konstantinopel untersteht, und der sehr viel kleineren griechisch-orthodoxen Kirche des Patriarchats von Antiochien auch die bulgarisch-orthodoxe, die rumänisch-orthodoxe, die russisch-orthodoxe und nicht zuletzt die serbisch-orthodoxe Kirche in Österreich, von den nicht staatlich anerkannten orthodoxen Kirchen und ihren Mitgliedern gar nicht zu reden? Alle diese Kirchen haben ihre eigenen Hierarchen und unterstehen keineswegs sämtlich dem vom Ökumenischen Patriarchen eingesetzten Metropoliten.

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Die Republik Irland habe beschlossen, ihre Botschaft im Vatikan zu schließen, heißt es. Da wüsste man vielleicht doch ganz gern, wo genau „im Vatikan“  diese Botschaft sich denn bisher befunden hat. Viel Platz ist dort ja nicht. Oder handelt es sich nicht womöglich doch eher um die irische Botschaft beim Heiligen Stuhl? Die aber befindet sich in Trastevere, rund anderthalb Kilometer Luftlinie von der Vatikanstadt entfernt.

Dienstag, 31. Mai 2011

Vermischte Meldungen (1)

„Eine Studie hat ergeben …“ — so beginnen ja viele Lügengeschichten und Wissenschaftsmärchen. Diesmal geht es so weiter: „… dass ein glücklicher Gesichtsausdruck Frauen attraktiv macht, während Männer eher attraktiv gefunden werden, wenn sie stolz dreinblicken.“ Wirklich großartig, was die Wissenschaft alles so herausfindet, nicht wahr, auf derlei wäre man als Laie ja nie im Leben gekommen.
Allerdings kann man an dem, was Jessica L. Tracy und Alec T. Beall an „Erkenntnissen“ publiziert haben (in der Zeitschrift „Emotion“, Mai 2011) doch einige Zweifel anmelden. Zunächst haben sie wohl nicht wirklich untersucht, welche Gesichtsausdrücke oder Körperhaltungen von Männern und Frauen auf Männer und Frauen wie wirken, sondern sie haben lediglich eine Statistik darüber angelegt, welche Angaben Probanden und Probandinnen zu Fotos von Frauen bzw. Männern machen, die (nach Meinung der Experimentatoren) glücklich, stolz, beschämt oder neutral wirken. Was nun aber, wenn im wirklichen Leben derselbe Stimmungsausdruck bei verschiedenen Personen unterschiedlich bewertet würde? Oder wenn verschiedene Ausdrücke bei derselben Person für gleich attraktiv gehalten werden?
Unter www.ubc-emotionlab.ca/emotionattraction kann man anscheinend die verwendeten Bilder begutachten. Die Zuordnung ist ziemlich simpel gestrickt: Ein Lächeln gilt als Zeichen von „happiness“, ein gesenkter Kopf als Indiz für „shame“. Aber ist es wirklich so einfach? Erstens lassen sich Gemütsausdrücke doch wohl schwerlich auf bloß „happy“, „neutral“, „pride“ und „shame“ reduzieren. Zweitens gibt es doch wohl Übergänge und Differenzierungen, etwa eine gewisse Traurigkeit im Lächeln, ein gewisser Trotz in der Trauer oder ein bisschen Selbstzweifel im Trotz. Und drittens könnte es doch sein, dass jemand unabhängig vom jeweiligen Gesichtsausdruck attraktiv oder unattraktiv ist, oder?
Der verheerendste Fehler von Tracy und Beall, der ihre „Erkenntnisse“ im Grunde wertlos macht, besteht jedoch darin, dass sie „sexuelle Attraktivität“ anscheinend nur als heterosexuelle Attraktivität begreifen. Denn sie zeigten Frauen nur Männerbildchen und Männern nur Frauenbildchen. Damit ist aber das Ergebnis der Experimente in der Versuchsanordnung schon vorweggenommen. Heterosexuelle Männer und heterosexuelle Frauen sind ja offensichtlich bereits geprägt von sehr bestimmten Vorstellungen davon, was sie attraktiv zu finden haben und was nicht. Untersucht wurde also weniger, was attraktiv gefunden wird, sondern welche Normen des Attraktivfindens eingehalten werden.
Dieser Unterschied ist ganz entscheidend für die Interpretation der Ergebnisse. Im abstract heißt es: Effects were largely consistent with evolutionary and socio-cultural-norm accounts. Dass eine Übereinstimmung mit soziokulturellen Normen herausgefunden wurde, ist offensichtlich und auch nicht anders zu erwarten, wurden diese Normen doch bereits in der Versuchsanordnung zu Grunde gelegt. Wie zum Henker aber kommen Tracy und Beall auf die Idee, sie hätten irgendetwas Relevante über „Evolution“ herausgefunden?
Ins selbe hohltönende Horn stößt freilich der deutsche Wissenschaftsjournalist Florian Rötzer (Telepolis, 26. Mai), der trompetet; „Sexuelle Attraktivität folgt nach einer Studie alt-evolutionären Schemata.“ Man muss sich schon sehr dumm stellen, um in der Versuchsanordnung von Frau Professor Tracy und ihrem Assistenten Beall irgendeine „evolutionäre Selektion“ am Werk sehen zu können. Ich erkenne darin nur eine Selbstbezüglichkeit des ideologisch verkorksten Wissenschaftsbetriebes und seiner eben solchen Propagandisten, also wieder einmal ein schönes Beispiel dafür, wie man sich und andere mittels „Wissenschaft“ dumm machen kann.
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Ist das nun bloß dumm oder ist es bösartig oder ist es beides? Diese Frage drängt sich mir auf, wenn ich Sätze lese wie diese: „Ich glaube, dass es eine echte Gefahr ist, wenn der Kreationismus, der Glaube, dass hinter allem die göttliche Schöpfung steckt, wieder Akzeptanz gewinnt. Man kann die Schritte der Aufklärung offensichtlich auch wieder zurückgehen.“ (Philipp Blom in einem von Paul Jandö geführten Interview. „Welt online“, 27. Mai 2011).
Zunächst einmal: Kreationismus und Schöpfungsglaube sind nicht dasselbe. Als Kreationismus bezeichnet man den Glauben, dass die Schöpfung genau so stattgefunden hat, wie es in bestimmten Schriften (Bibel oder Koran) beschrieben wird. Für die meisten Anhänger eines Schöpfungsglaubens — und keine Religion kommt wohl ohne Vorstellungen davon aus, wie die welt entstanden ist — besteht keinerlei Widersprich zwischen mythischer Darstellung und den Ausführungen der modernen Naturwissenschaften, da die jeweiligen Aussagen sich nur scheinbar auf denselben Gegenstand beziehen und jedenfalls von so unterschiedlicher Art und so unterschiedlichem Kontext sind, dass sie einander gar nicht widersprechen können. Zwischen Glauben und echter Aufklärung gibt es keinen Gegensatz, wohl aber einen zwischen Kreationismus und aufgeklärter Theologie — und zwischen Religion und dummem Geschwätz über Religion.
Ist nun Herrn Blom, der sich doch als Wissenschaftsjournalist bezeichnet, der Unterschied von Kreationismus und Schöpfungsglauben nicht bekannt? Versteht er ihn nicht? Ist er ihm egal? Setzt er sich über ihn aus Gründen der ideologischen Propaganda hinweg? Letzteres scheint der Fall zu sein, denn worin nun eigentlich die Gefahr besteht, wenn Menschen daran glauben, dass die Welt von Gott oder Göttern geschaffen wurde, verrät Blom nicht. Er deutet bloß an, dass derlei eben ein Rückfall hinter die „Aufklärung“ sei. Diese Gleichsetzung von Aufklärung mit Atheismus ist ungebildet und historisch falsch. Es mag schon sein, dass die von Blom bewunderten und von ihm selbst als „böse“ bezeichneten „Aufklärer“ Materialisten waren. Aber diese Art von „Aufklärung“ hatte auch nie etwas mit echter Aufklärung zu tun, sondern war ein reichlich mit Vorurteilen und Ressentiments bestückter Obskurantismus.