Montag, 27. Juli 2026

Kleine Agitation

Sei gegen den Fortschritt.
Der Fortschritt verallgemeinert die Ausbeutung und die wirtschaftliche Abhängigkeit.
Der Fortschritt zerstört die natürlichen Lebensgrundlagen.
Der Fortschritt macht die, die schon reich sind, noch reicher.
Der Fortschritt zerstört Wissen und unterwirft Wissen sachfremden Bedingungen.
Der Fortschritt lenkt vom Wesentlichen ab: vom richtigen Leben, vom sinnvollen, verantwortungsvollen Leben.
Der Fortschritt gewährt Komfort und Sicherheit, aber nicht allen, und er entzieht seine Wohltaten auch wieder bei Bedarf.
Der Fortschritt schreibt die Geschichte zu seinen Gunsten um und stellt sich als alternativlos dar.
Sei gegen den Fortschritt. Werde ein besserer Mensch, nicht ein besser funktionierender. Verbessere das freie, gerechte und wohltuende Zusammenleben, nicht das Funktionieren des Systems.

War Demokratie früher besser?

Welche gute, alte Demokratie wünschen sich die Leute in der BRD eigentlich zurück, wenn sie die jetzige Demokratie als bedroht ansehen? Die der Adenauer-Zeit? Die der Kohl-Ära? Die der Merkel-Jahre, in denen der Aufstieg der AfD begann? Wohl kaum. Es sieht also so aus, als wollten die besorgten Bürger, ihre geliebte Demokratie solle wieder werden, wie sie nie war: übersichtlich, harmonisch, kultiviert, produktiv.
Früher war Politik irgendwie demokratischer? Und die Notstandsgesetze? Die RAF? Der Radikalenerlass? Der NATO-Doppelbeschluss? Gorleben? Die Startbahn West? Die Hausbesetzungen? Spiegel-Affäre? Flick-Affäre? Wer waren denn damals in der guten, alten Zeit die Lichtgestalten? Franz-Josef Strauß? Filbinger? Möllemann? Petra Kelly?
Rein rechtlich hat sich an der Demokratie seit 1949 fast nichts geändert. 1953 wurde die Zweitstimme eingeführt, diese Wahlrechtänderung ließ schließlich (nach dem Schlucken von Ostdeutschland) den Bundestag auf chinesische Dimensionen anschwellen. Aber sonst? Blieb alles beim Alten. Nur dass halt irgendwann neue Dynamiken sich in alten Strukturen abbildeten. Die Grünen. Die AfD. Genau das erlauben diese Strukturen aber, auch das ist Demokratie: anders Wahlverhalten, andere Kräfteverhältnisse.
Was die Anti-Extremisten vermutlich in Wahrheit bedauern: Dass so viele andere anders wählen als sie. Nicht so moderat, so medioker, so langweilig, so vernünftig und so konservativ. Früher war es nämlich so: Man wurde nur alle vier Jahre mit Wahlen belästigt, dann gab es einen Abend lang eine Art von Sportberichterstattung mit Zahlen, Säulen und Tortenstücken und schließlich eine Elefantenrunde. Dann wurde in Parteizentralen eine Koalition ausgeklüngelt und die Politik konnte weitergehen wie zuvor. Vier Jahre lang hatte man dann wieder seine Ruhe. Nun gut, debattiert wurde schon dies und das, auch erregt und grundsätzlich, aber jeder wusste: Erst einmal wieder wählen, dann bleibt eh alles beim Alten. Das ewige Weiterwursteln mit Wachstumsideologie, Sozialabbau, institutioneller Ausländerfeindlichkeit und Bildungsmisere, derweil Infrakstruktur und Umwelt zerbröselten.
Das war sooo beruhigend, vorhersehbar und im Grunde egal. Wer sich aufregen wollte, fand genügend Anlässe, wer es nicht wollte, ließ es bleiben. Heutzutage ist alles unsicher. Was bringt die Zukunft? Wer bestimmt darüber? Die demokratische Mehrheit? Was, wenn die das Falsche wählt?
Das Unbehagen ist verständlich und berechtigt, Es steckt aber auch ein Stück selbstgefälliges Dummstellen darin. Als ob mit den Rechtspopulisten plötzlich alles anders geworden wäre. Als ob nicht schon früher und bis jetzt Politik furchtbar gewesen wäre.
Zweifellos: Die AfD ist widerlich und gefährlich. Aber wie sehr wird sich ihre Politik, sollte sie ans Ruder kommen, von dem unterscheiden, was bisher war und wovor man (mit Mühe) die Augen verschließen konnte? Für Deportationen sind auch die anderen Parteien alle, aber will die AfD auch Deutsche „abschieben“? Dem Markt, der Technologie und dem Wachstum huldigen alle, aber wird die AfD einen enthemmten Kapitalismus forcieren? Dass für Gedöns wie die Unterstützung sozial Schwacher und für Bildungszeugs nicht genug Geld da ist, sagen alle, aber kann die AfD da noch mehr Unheil anrichten? Und das Ausland? Wie steht man denn da mit blankem Nationalismus, der noch hässlicher ist als der bisherige unverschämte Druck der deutschen Volkswirtschaft und ihrer politischen Handlanger auf fremde Märkte?
Die AfD ist mies und es sollte sie nicht geben. Aber ein (ohnehin unmögliches) Zurück hinter ihre Existenz wäre ein Zurück zu ihren Entstehungsbedingungen. Was es stattdessen braucht, ist keine „AfD light“ in Gestalt der anderen Parteien, die den Rechtspopulismus schwächlich imitieren, sondern echte Alternativen: weltoffen, sozialistisch, mit radikaler Klima- und Umweltschutzpolitik. Merkel war keine Lösung, sondern Teil des Problems. Schröder war keine … Kohl war keine … usw. Besser eine bessere Zukunft, die möglich ist, als eine Vergangenheit, die es nie gab, oder eine, die schlecht war.

Sonntag, 26. Juli 2026

Unterwegs (44)

Es entsetzt mich und quält mich, wenn ein erwachsener Mensch „Schtratzi-a-tella“ sagt. Auch die Herkunft aus Castrop-Rauxel oder Pinneberg entschuldigt da nichts.

Donnerstag, 23. Juli 2026

Aufgeschnappt (bei Grete Weil)

Soviel Liebe ist in der Welt, und doch dampft die Erde von Blut, zerfetzte Leiber düngen ihren Boden, Männerleichen, vom Feuer verkohltes Fleisch, zerschlagene Knochen, durchbohrte Herzen, vom Wasser aufgetriebene Bäuche, vom Gas auseinandergerissene Lungen, von Ratten angenagte Gesichter, verweste Körper, in Drahtverhauen aufgespießt bei lebendigem Leib ― das ist die Front, an welche die Sklaven getrieben werden, um die letzte, gründlichste Arbeit für ihre Herren zu tun, um für sie, ihren Reichtum und ihre Macht, zu töten und zu sterben.

Unterwegs (43)

Ich kann selbstverständlich nicht sagen, ob die „Dame“, die sich in der U-Bahn-Station neben mich auf die Bank setzte, wirklich eine Sexarbeiterin war oder ob das nur ihr ästhetisches Ideal bildete, dem mit viel Aufwand nachzueifern sie sich erfolgreich bemüht hatte. Jedenfalls stank sich außerordentlich nach grauenhaftem Parfum. Nuttendiesel wäre zu wenig gesagt, es war eher etwas, was gegen jede Konvention über das Verbot von C-Waffen verstößt. Ich musste, um nicht zu ersticken, rasch aufstehen und weggehen. Überhaupt sind offensichtlich chemische Kampfstoffe und die vielfältigen Körperbemalungsmittel viel zu billig, wenn man den ebenso übermäßigen wie katastrophalen Gebrauch beobachtet, den so schrecklich viele Frauen davon machen. Aber nun gut, wenn's bei der Erwerbsarbeit hilft oder beim privaten Bemühen, etwas zwischen die Beine zu bekommen, dann muss es wohl sein. Schön ist das für an den Präsentations- und Aquisitionskämpfen völlig unbeteiligte zivile Opfer wie mich nicht.
 
Man sollte annehmen, die Tattauierung als uralte Kulturtechnik habe die Sache mittlerweile insofern im Griff, dass es zwar selbstgewählte Geschmacksentgleisungen und handwerkliche Unbeholfenheit gibt, aber keine Verfahrensfehler. Falsch gedacht. Irgendwas geschieht im Laufe der Zeit mit der Tinte und dem, was sie darstellen sollte. Was auch immer Menschen bezwecken, die sich in ihre Waden Bilder stechen lassen, irgendwann haben sie es fast immer erreicht, dass das, was sie zeigen, nur noch formlosem roadkill gleicht. Einer überfahrenen Erdkröte etwa. Lediglich klare Schriftzüge entziehen sich dem, am besten chinesische; aber warum sich die Leute „Süß-saures Schweinfleisch mit Reis“ aufs Bein schreiben lassen, verstehe ich trotzdem nicht …

Dienstag, 21. Juli 2026

Die AfD einfach verbieten?

Viele wünschen sich ein Verbot der AfD. Der liberale und demokratische Rechtsstaat, heißt es, dürfe sich doch wohl wehren gegen die, die ihn verachten, die ihn aushöhlen und abschaffen wollen, ja er müsse sich sogar wehren, und dafür sei das rechtsstaatliche Mittel des gerichtlichen Verbots einer verfassungswidrigen Partei angemessen und zwingend.
Nun habe ich nicht den geringsten Zweifel, dass die AfD widerwärtig ist, illiberal, autoritär, nationalistisch und rassistisch, und ich bin durchaus der Meinung, dass es sie nicht geben sollte und nie hätte geben dürfen. Bezüglich eines Verbots dieser Partei aber, gegen das ich keineswegs bin, das ich sogar mit Wohlgefallen betrachtete, wenn es nur endlich dazu käme, habe ich folgende Bedenken:
Erstens. Man kann eine Partei verbieten, aber damit verschwinden weder deren Personal noch, und das ist das Entscheidende, deren tatsächliche und potenzielle Wählerschaft. Denn das ist ja das noch Widerwärtigere als die Widerwärtige der die AfD bildenden Dummköpfe und Bösewichter: dass es Menschen in großer Zahl gibt, die der solche Leute mit solchen Ansichten, solchem Gebaren und solchen Forderungen schon gewählt haben und noch wählen wollen. Das bedeutet nämlich, dass ein Viertel, ein Drittel oder ein noch höherer Anteil der Bevölkerung sich nicht nur nicht an illiberalen, autoritären, nationalistischen und rassistischen Positionen stört, sondern diese sogar befürwortet.
Nun ist Quantität gewiss kein Argument. Außer in einer Demokratie, in der angeblich die Mehrheit entscheidet und die Minderheit sich in politischer Reife zu fügen hat. Doch interessanterweise wurde den um die Demokratie besorgten Bürgern und Politikern die AfD immer mehr zum Problem, je mehr Leute sie wählten, je demokratisch legitimierter also (gemäß dem Konzept der Mehrheitsdemokratie) die AfD wurde. Und wie es scheint, wird der Wunsch nach einem Parteiverbot umso dringender, je näher die AfD durch ihren Stimmenanteil der Erschwerung der Bildung von Koalitionen oder gar der rechnerisch nahegelegten oder erzwungenen Regierungsbeteiligung kommt.
Nachdem Millionen Menschen für sie gestimmt haben, die AfD zu verbieten, ist eine klare Ansage an die Wähler: Eure Stimme zählt nicht. Ihr habt nicht richtig gewählt. Ihr habt, indem ihr in allgemeinen, freien, gleichen und geheimen Wahlen die Demoktiefeinde gewählt habt, euer Recht auf Vertretung verloren, bis ihr wieder so wählt, wie andere auch. Was macht das mit den AfD-Wählern?
Die ja, wie gesagt, auch nach einem Verbot der AfD noch da wären und, eEgal, ob und wie es zu Ersatzbildungen und Verschiebungen kommt, ein Potenzial darstellen, das genützt werden kann. Ein Parteiverbot ändert an den Einstellungen, Wünschen und Ressentiments der Leute nicht, es verunklart und versteckt nur, macht den Rechtsextremen und Rechtspopulisten (wenn man da unterscheiden will) vielleicht vorübergehend ein paar organisatorische Probleme, löst aber nicht nicht das zu Grunde liegende Problem einer massiven Neigung viel zu vieler zu Rechtsextremismus und Rechtspopulismus (wenn man da unterscheiden will).
Zweitens. Selbstverständlich löst ein Verbot der AfD überhaupt kein einziges der in der BRD bestehenden politischen, sozialen, ökonomischen, kulturellen, technischen und sonstigen Probleme. Sozialabbau, Verfall der Infrastruktur, Bildungsmisere, Einkommensschere, Vermögensverteilung und und und ― all das bleibt und wird von einem Parteiverbot nicht im mindesten berührt. Gewiss würde ein Machtübergabe an die AfD alles noch schlimmer machen, aber was jetzt schon schlimm ist, ist schon schlimm genug. Das Bessere ist der Feind des Guten, sagt man, doch das Schlimmere ist nicht der Feind des Schlimmen, wenn dieses nur dessen ohnehin nach und nach auf Schlimmeres zusteuernde Variante ist. Denn im Grunde machen Schwarz, Rot, Grün schon seit Jahren das, was die AfD will, nur halbherziger, zögerlicher, eher zufällig abgefedert durch kleine Anfälle von symbolischer Klientelpolitik und rechtsstaatliche Rücksichtnahmen: weniger Ausländer, weniger Arbeitnehmerrechte, Sozialabbau, Kürzungen bei Bildung und Kultur, mickrige Klimapolitik, schlappe Energie- und Verkehrspolitik, stattdessen Kuschelkurs mit Fossilkartellen und Technologiekonzernen, die enorme Ressourcen verschlingen und Arbeitsplätze vernichten.
Drittens. Ein Verbot der AfD wäre ein Geschenk an genau die Parteien, die die AfD überhaupt erst möglich gemacht haben und ihr, siehe oben, halbwegs zuarbeiten und bewusst oder unbewusst hinkend und stolpernd vorauseilen. Nicht, dass irgendetwas besser würde, wenn etwa CDU/CSU weit unter 20 oder 15 Prozent rutschten und die SPD womöglich an der Fünfprozenthürde scheiterte. Verdient hätten sie es freilich. Es wird darum also garantiert nichts besser, wenn die bisherigen Wählerstimmen für die AfD sich wieder auf die anderen Parteien oder die Nichtwähler verteilen. Dass die AfD nicht in die Position kommt, dass ohne sie nicht oder nur in einer allgemeinen Restparteien-Koalition regiert werden kann, hinge wohl davon ab, dass von den jetzigen Regierenden (und ihre demokratischen Opposition) Politik gemacht würde, die glaubwürdig anders ist als das, was die AfD fordert und nicht nur ein schwacher Aufguss davon ohne Problemlösungskompetenz.
Viertens. Dass der liberaldemokratische Rechtsstaat legitimiert ist, seine Feinde zu bekämpfen, hat im Wesentlichen zwei mögliche Begründungen. Entweder er ist es, weil er es in den von ihm gesetzten Gesetzen so festlegt. Das wäre ein zirkuläre Argumentation. „Die freiheitlich-demokratische Grundordnung muss geschützt werden, weil sie ein schützenswertes Gut ist." Oder aber der Staat ist legitimiert, weil über ihm und seinen Gesetzen ein höheres Recht steht. Welches Recht wäre das? Ein natürliches? Ein göttliches? Ist der Staat eine natürliche Gegebenheit? Oder besteht er von Gottes Gnaden?
Das berüchtigte „Böckenfördesche Diktum“ lautet: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“ Anders gesagt, der Staat setzt sich und seine Ordnung als einen Wert, der geschützt werden darf und muss. Er kann das aber nicht im Voraus begründen, weil er um dazu existieren müsste, bevor er existiert. Er setzt sich und erklärt dann, dass er notwendig ist.
Dass muss man ihm nicht glauben. Ich galube es ihm nicht, Erstens wegen seines Verhalten uns zweitens aus Prinzip.
Erstens ist es bemerkenswerterweise gerade der liberal-demokratische Rechtsstaat, der die AfD schützt (Polizei rückt beispielsweise an, wenn gegen die Gefahr für die Demokratie demonstriert wird) und ihr institutionelle Plattformen bietet (Parlamentssitze und im Vorfeld und in der Folge Medienpräsenz von wegen öffentlich-rechtlicher Neutralität). Soll heißen: Solange ich, der Staat, der über Recht und Unrecht entscheidet, sie nicht verbiete, sind meine Gegner erlaubt. Ob sie verboten gehören, entscheide ebenfalls ich.
Gewiss ist es ein erheblicher Unterschied, ob ein Gericht oder ein Regierungsbeamter ein Parteiverbot ausspricht. Aber im Grunde geht es um dasselbe: Ein Regime entledigt sich seiner Oppositionellen …
Man wird dabei vermutlich zwischen den guten Regimes unterscheiden wollen, die, weil demokratisch legitimiert, sich schützen dürfen; und den bösen Regimes, die auf Gewalt und Willkür beruhen und sich darum (von außen gesehen) nicht schützen dürfen. Kein vernünftiger Mensch kann bestreiten, dass zwischen beispielsweise Dänemark und Nordkorea empfindliche Unterschiede bestehen. Und niemand, der noch alle Tassen im Schrank hat, wird lieber in einer brutalen Diktatur als in einer gemütlichen Demokratie leben wollen.
Gleichwohl, im Prinzip geht es bei den guten Staaten um dasselbe wie den bösen: Alle sind Herrschaft von Menschen über Menschen und darum verwerflich. Das ist zumindest meine Sicht als Anarchist. Kein Staat ist schützenswert, jeder Staat soll weg. Nicht weil weniger Demokratie wünschenswert wäre, sondern weil mehr als bloße „Demokratie“ (pseudorepräsentative Entmündigung und Verblödung durch Wahl- und Abstimmungstheater auf der Grundlage von Lobbyismus und entscheidenden Kapitalinteressen) braucht, um Menschenwürde und Menschenglück zu fördern und zu sichern.
Der moderne Staat (und also auch der Rechtsstaat, der Sozialstaat, der Kulturstaat, der Staat der Wahlen und Abstimmungen) ist schon deshalb illegitim, weil er nur Anhängsel und Vordergrund-Kulisse der herrschenden Wirtschaftsordnung ist. Das bedeutet: Werkzeug der Ausbeutung, der Umweltzerstörung, der systematischen Ablenkung, Zerstreuung und Verdummung. Ich bringe das gern auf die Formel: der Staat ist dazu da, dass die Reichen reicher werden, die Mittelschichten brav mitmachen und die Unterschichte die Kosten tragen. Der Staat ist unnötig. Es gibt bessere, effizientere, würdevollere Formen der Organisation. Und wo es sie nicht gibt, können sie noch erfunden werden. Sie sind das Einfache, das mühevoll zu machen ist, einmal erreicht und gesichert, aber alle Schwierigkeiten überwinden kann. Immerhin gebieten Vernunft und Anstand das herrschaftsfreie Zusammenleben selbstbestimmter Menschen. Mit einem Wort: Anarchie.
Im Hinblick darauf wäre ein Verbot der AfD zwar wünschenswert, aber nur als erster Schritt. Weiter gehen könnte es mit einem allgemeinen Parteienverbot (sofern man darunter Vereine versteht, die zu Wahlen antreten, um in Parlamenten und Regierungen an Stelle der Bürger zu entscheiden) und einer Ersetzung von Vertretungskörperschaften mit ihrem System von Mehrheiten und Minderheiten durch basidemokratische Institutionen, die auf Konsens beruhen (alle Betroffenen sollen mitentscheiden, niemand wird überstimmt). Aber dafür reicht die Phantasie derer bestimmt nicht aus, de mit dem Gedanken an ein Parteiverbot ihr Gewissen beruhigen und lediglich ihr komfortables Leben im unverantwortlichen Weiterso weiterleben wollen.

Montag, 20. Juli 2026

Warum wählen die Leute die AfD?

Zugegebenermaßen verstehe ich nicht, warum die Leute AfD wählen. Wie kann man nur? Allerdings verstehe ich auch nicht, warum sie die anderen Parteien wählen. Wie kann man nur? Aber hier sehe ich bloß eher leichte Dummheit am Werk, einen Aberglauben an die Legitimität, Funktionalität und Erforderlichkeit des Systems sowie ein erschöpftes Überzeugtsein vom Mangel an anderen Möglichkeiten und also der Alternativlosigkeit des Vorgegebenen. Man müsse schließlich wählen, lässt man sich einreden, also nimmt man hin, was da ist, und wählt irgendwas, auch wenn es eigentlich Quatsch ist. Und im Grund den eigenen Interessen, wenn man die nur verstände, zuwiderläuft.
Aber die AfD? Das ist noch mehr als Quatsch und bedenkliches Weiterso. Diese Typen sind doch offen widerwärtig. Sie zu wählen heißt, sehenden Auges Dummheit und Bosheit zu wählen. Warum? Aus Dankbarkeit für die organisierte Gelegenheit, zu hassen und dagegen, ganz und gar dagegen zu sein? Aus Lust am Kaputtmachen und an der Abwertung Schwächerer und von „denen da oben“?
Von wegen „Protest“! Jemand hat es im Internet so formuliert: „Wenn mir in einem Lokal das Bier nicht schmeckt, trinke ich auch nicht aus Protest Klowasser.“ In meiner grobianischen Art hätte ich es ja so formuliert: „Wenn mit im Restaurant das Schnitzel nicht schmeckt, fresse ich auch nicht aus Protest die Kacke des Kochs.“ So oder so, man versteht, was gemeint ist. Man wählt nicht aus Protest gegen Schlechtes noch viel Schlimmeres.
Denn man kann der AfD vieles nachsagen, aber nicht, dass sie andere Lösungsansätze vertritt als bloßes Dagegensein: gegen Ausländer, gegen Arbeitnehmerrechte, gegen den Sozialstaat, gegen Umweltschutz, gegen den Rechtsstaat, gegen kulturelle Vielfalt, gegen Weltoffenheit. Die AfD lehnen alles Erneuernde, Schonende, Gewalt Beschränkende, womöglich Verwirrende und Respekt im Umgang Erheischende ab.
Nichts von dem, worauf die AfD abzielt, ginge zu Gunsten der Masse derer aus, die die AfD wählen. Im Gegenteil, ihre Rechte würden beschnitten, ihre Ausbeutung verschärft, ihre Gesundheit gefährdet und geschädigt, ihre Zukunft verkauft und verraten und ihre Individualität genormt.
Wollen die AfD-Wähler das wirklich? Oder wollen sie es bloß nicht wahrhaben? Und am schlimmsten: Wären sie tatsächlich bereit, jeden Preis zu bezahlen, wenn es nur noch mehr auf Kosten von noch Schwächeren geht?
Hauptsache nicht links, nicht ökologisch, nicht frei, nicht liberal, nicht pluralistisch, nicht so fordernd und in Frage stellend. Alles soll wieder werden, wie es nie war. Bloß irgendwie schneidiger, hemmungsloser, realitätsunabhängiger. Halb Freizeitpark mit Volksmusik und Freibier, halb Treibjagd im Kleingarten.
Und der Nationalsozialismus? Wen das Illiberale, Autoritäre, Nationalistische, Rassistische nicht stört, wie sollten den die brauen Anklänge stören? Irgendwie gefällt das ja vielleicht sogar.
Man bedenke: Der Nazimus war nie weg. Nicht jeder war 1945 erleichtert, zu viele hatten zu sehr mitgemacht. Und auch profitiert. Kleine Herrenmenschen und Herrenmenschinnen. Es war für sie nicht nur nicht alles schlecht gewesen, sondern einiges sogar sehr gut. Nach außen hin gab man sich zerknirscht und gewandelt und sympathisierte mit dem Aufbau der Demokratie nicht minder als mit dem Wirtschaftswunder. Aber für gar nicht so wenige bestand die „Vergangenheitsbewältigung“ darin, privat das Gewesene zu verharmlosen und die schlimme Wahrheit über eigene Funktion und Aktivität nicht begreifen zu wollen. Auch und gerade in der autoritären, illiberalen, repressiven DDR mit ihrer Inszenierung von „Antifaschismus“ auf der Bühne eines gewalttätigen, lügnerischen, entrechtenden und entmündigenden Systems ― bei dem so viele freudig mitmachten! ― leistete offensichtlich gute Arbeit im Konservieren, was man Hyponazismus nennen könnte (in dem Sinne man wie bei Erdbeben das Hypozentrum vom Epizentrumunterscheidet) oder meinetwegen einen subliminalen Nazismus. (Was die AfD-erfolge besonders im Osten erklärt.)
Nicht dass die AfD irgendwie die NSDAP wäre. (Aber das waren NDP, DVU usw. auch nicht.) Es geht eher um ein ebenso unweigerliches wie gewolltes Hantieren mit Versatzstücken, Imitationen, Allusionen, mit denen tiefsitzende Affekte angesprochen werden sollen ― die erstaunlicherweise keinen Widerstand, keine Unlust auslösen, sondern ein gruseliger Spaßfaktor sind. Zum Hitlergruß alte und neue rassistische Lieder zu grölen, ist ein von Suff und Gruppenlust anscheinend reflexartig ausgelöstes Freizeitvergnügen auch solcher, die im Alltag mit der AfD wenig oder nichts zu tun haben wollen. ― Aber erstaunlich ist wohl nur für mich.
Wohlgemerkt, dass die Rechtspopulisten und Rechtextremisten quasi Nazis sind, ist für viele nicht unbedingt ein Grund, sie zu wählen, scheint mir. Schlimm genug freilich, dass es für viel zu viele offensichtlich kein Grund ist, sie nicht zu wählen.
Wie gesagt, ich verstehe das nicht. Man wählt keine Quasinazis. Die ja doch nichts zu bieten haben als Ressentiments und Negativität. Mit denen alles nur schlimmer werden kann. Die gierig und unehrlich sind. Das tut man nicht. Aber viele tun es. Warum?

Sonntag, 19. Juli 2026

Überlegung zu Schule und Bildung

Man muss lernen, gewiss. Aber braucht es dazu Schule? Vermutlich auch. Doch in welchem Ausmaß und in welcher Form? Die bestehende, um nicht zu sagen: herrschenden Formen, die so erstaunlich üblich sind und kaum Ausnahmen kennen (oder gelten lassen) sind zweifellos an die Erfordernisse der staatlich organisierten Gesellschaft und ihrer Weisen des Wirtschaftens angepasst. Und sollen daran anpassen. Lesen und Schreiben etwa sind nicht zu lernen, um Zugang zur Literatur zu verschaffen (diese ist ja selbst erst Resultat einer Oralität ersetzenden Verbreitung der Schriftlichkeit), sondern durch die Einübung in den Gebrauch von Lettern und Interpunktion soll, wie auch durch Rechnenkönnen und alles technische Wissen, das Funktionieren in fremdbestimmten Arbeits- und Verarbeitungszusammenhängen gewährleistet werden.
Gewiss werden die Kinder auch mit so etwas wie Belletristik, sogar mit bildender Kunst und mit Musik, in Kontakt gebracht. Aber in M;aßen! Auf dass nicht ihr Konformismus und ihr Konsumismus ― der die Unterwerfung unter die Notwendigkeiten des Erwerbslebens zum Gegenstück hat ― Schaden nähme und beeinträchtigt würde, wenn sie Gefallen fänden an eigenständigen Gedanken.
Schule als Anstalt ist Abrichtung für die Zwecke anderer. Nämlich der Herrschenden.
Daher auch das Wuchern der Pädagogik: Elementarpädagogik, Sozialpädagogik, Ernährungspädagogik, Waldpädagogik, Heilpädagogik, Heimpädagogik, Erwachsenenpädagogik usw. usf. Und alles fest in Frauenhand. Weil die Damen nicht gerne schwer arbeiten, aber es lieben, anderen zu sagen, was sie tun sollen.
Gute Schule hätte jedenfalls all dem entgegengesetzt zu sein. Müsste also Anti-Schule sein. Gute Erziehung wäre eine, die Kinder und Jugendlichen zu nichts zwingt, aber zu allem befähigt und ermutigt, was sie kritisch und ablehnend gegen ein System macht, das sie unterdrücken und ausbeuten. Fähigkeiten und Wissen sollen Werkzeuge und Waffen sein bei der nachhaltigen Verweigerung des Weiterso und der Verschlimmerung und beim freudvollen Einsatz für die Verbesserung der Welt.

Samstag, 18. Juli 2026

Notiz über Rassismus

Der südafrikanische Rassismus, der Menschen aus anderen afrikanischen Ländern vertreiben will und schon vertrieben hat, bestätigt leider, was ich immer sage: Rassismus ist keine Frage der Hautfarbe. Es geht nicht darum, wie die sind, die man nicht haben will, sondern dass man sie nicht haben will, bestimmt darüber, wie sie angeblich sind. Welche Merkmale man auswählt, um zu unterscheiden ist arbiträr. Entscheidend ist die Dramatisierung der Unterschiede. Rassismus ist die Konstruktion eines Wir und eines Die: Die müssen weg, damit es uns gut geht. Alles daran ist Lüge: Das Wir, das Die, die Besserung für die Eigenen durch Eliminierung der Fremden. Wahr ist nur das Unrecht und Leid, das dabei erzeugt wird.

Dienstag, 14. Juli 2026

Über Wahrheit, Wissen, Glauben

Man könnte sagen (und hat es gesagt): Ein Fledermaus fliegt selbsttätig durch die Luft, also ist sie ein Vogel. Denn Vögel sind Lebewesen, die selbsttätig durch die Luft fliegen. Ein klares, durchaus sinnvolles Kriterium und ein unbestreitbarer Befund liegen vor, die Sache ist geklärt.
Man könnte sagen (und hat es gesagt): Ein Biber schwimmt selbsttätig durch das und im Wasser, also ist er ein Fisch. Denn Fische sind Lebewesen, die selbsttätig durch das und im Wasser schwimmen. Ein klares, durchaus sinnvolles Kriterium und ein unbestreitbarer Befund liegen vor, die Sache ist geklärt.
Dass man zu anderen Zeiten andere Kriterien anlegte und also die Befunde anders deutete, lag aber nicht an besserer „Einsicht“ in die „wahren Verhältnisse“, sondern an einer anderen Formierung der Wissenschaft. Keineswegs an einer rationaleren oder realistischerem, sondern bloß an einer anderen. Denn dass Vögel fliegen und Fische schwimmen, sind empirische Fakten, und an der Deutung, also sind Fledermäuse Vögel und Biber Fische,ist nichts unvernünftig. „Falsch“ wird diese Deutung erst durch einen Wechsel der Kriterien. Statt sich auf Erfahrung zu verlassen ― „Schau hin, sie fliegt, schau hin, er schwimmt!“ ―, stützte man sich auf anatomisch-physiologische Systembildungen. Das kann man machen, setzt aber die, die es anders gemacht haben in einer umfassenderen, nicht bloß der aktuellen Interpretation verhafteten Sichtweise nicht ins Unrecht.
Es war also nicht so, dass die, die einst in der Fastenzeit Biber trotz des Fleischverbotes essen zu dürfen meinten, weil ein Biber ja ein Fisch sei (und Fisch kein Fleisch sei), betrügen wollten. Sie sahen die Sachlage bloß anders. ― Ganz abgesehen von der Hypothese, Mönche und Nonnen hätten willkürlich ihr Seelenheil aufs Spiel gesetzt, nur um außer Fisch auch Biber essen zu können. Das ist genauso absurd wie die Deutung der schwäbischen Maultaschen als „Hergottsbscheißerle“; also ob die Kleriker nicht bedacht hätten, dass das verbotene Fleisch in einer Teighülle zu verstecken, gegenüber einem allwissenden Gott nicht funktionieren könne, selbst wenn sie überhaupt, warum auch immer, hätten „bescheißen“ wollen.
Die These, dass eine zoologische „Wahrheit“ von Kriterien abhängig sein könnte, die innerhalb eines jeweils so oder so gestalteten wissenschaftlichen Beschäftigungszusammenhanges angewandt oder nicht angewandt werden, ist eine arge Zumutung für die, die auf die absolute Gewissheit naturwissenschaftlicher Erkenntnis vertrauen möchten (und es auch tun, manche geradezu fanatisch). Für sie ist nämlich ein Wal „in Wahrheit“ kein Fisch, wobei sie mit „wahr“ meinen: zu allen Zeiten, an allen Orten und unter allen Bedingungen wahr (statt „nur gemäß einer bestimmten, so und so begründeten Deutung wahr“) . In Wahrheit gibt es aber solche absoluten Wahrheiten in den Naturwissenschaften gar nicht. Sagen zumindest die Naturwissenschaftler, die sich wissenschaftstheoretisch informiert haben: In den Naturwissenschaften gilt das als vorläufig war, was noch nicht schlüssig widerlegt wurde.
In der Praxis stimmt das freilich nicht, sondern viele Naturwissenschaftler verlünden ihre Erkenntnisse als unumstößliche Wahrheiten. Sei’s drum. Wissenschaftstheorie ist selbst keine Naturwissenschaft und folgt anderen Kriterien …
Prinzipiell jederzeit falsifizierbare Wahrheit ist im Grunde nur Wahrscheinlichkeit. „Alles oder doch das meiste, was wir derzeit darüber wissen, spricht dafür, dass es sich so und so verhält. Es könnte auch anders sein, aber das halten wir derzeit für unwahrscheinlich.“
Ein Zumutung, wie gesagt, für die, die an Gewissheit glauben wollen. Und die gerade darum übersehen, dass es Gewissheit nur durch glauben gibt. Denn der ist nicht das Gegenteil von Wissen ― „Wer nichts weiß, muss alles glauben“ ―, sondern im Gegenteil die Grundlage allen Wissens ― „Wer nichts glaubt, kann auch nichts wissen“. Glauben ist nicht einfach Für-wahr-Halten, schon gar nicht immer grundloses, sondern Einsicht in die Tatsächlichkeit. Wissen, heißt es, ist begründetes Meinen. Glauben, könnte man sagen, ist gegründetes Wissen.
Wissenschaft (im allgemeinen Sinne, nicht bloß als Naturwissenschaften) ist immer auch dies: Erkundung der Kriterien für wahr und falsch, die innerhalb eines Deutungszusammenhanges zur Anwendung kommen. Das ist durchaus ein infiniter Regress, wenn es nicht nur um Deskription („X wird aus dem und dem Grund für wahr gehalten“), sondern um die Wahrheit von Wahrheiten geht: „Ist es wahr, dass X wahr ist? Ist es wahr, dass es wahr ist, dass X wahr ist?“). Der Regress kann pragmatisch und methodisch abgebrochen werden ― „Wir beschäftigen uns hier nur mit …“ ―, aber er ist keineswegs so abwegig und unerträglich, wie viele befürchten. Wenn es immer und jederzeit darum geht, Wahrheitskriterien zu untersuchen (anhand bestimmter Wahrheitskriterien), dann hört das zwar nie auf, befreit aber zugleich von gewissen Wahrheitszwängen und eröffnet Zugänge zu Wahrheit, die nicht bloß in betrieblich, kulturell, ideologisch usw. vorgegebenen Bahnen sich zeigt.
Letzte Wahrheit, mit Verlaub, ist ein theologisches Thema. Oder doch zumindest ein metaphysisches. Letzte Wahrheit verweis auf Unbedingtes, also, traditionell gesagt, auf den Unbedingten, auf Gott. Auch daran scheiden sich gewiss die Geister. Und doch scheint der Gedanke unbedingt wahr, dass, wenn alles relativ ist, auch diese Relativität relativ sein muss. Und das schafft immerhin Platz für ein Absolutes. Wer dort wohnt, wer weiß es ...

Sonntag, 12. Juli 2026

Balken & Splitter (122)

Ich schlage ein neues Wort vor: Rechtspopululu. (Kombiniert aus Rechtspopulismus und delulu.)
 
Parteiverbot. Spitzenidee. Auch die NSDAP wurde damals mehrfach verboten. Und, hat's geklappt?
 
Ach, wenn man doch bloß den Leuten verbieten könnte, die Falschen zu wählen. Das würde Politik so viel einfacher machen. Allerdings auch den Medienzirkus langweiliger.
 
Habe ich das richtig verstanden: Die CSU will einen Landesverband in Thüringen gründen?
 
Suum cuique. Die Politik bläst erst den Autokonzernen Zucker in den Arsch und die fahren dann der Gesellschaft mit dem Arsch ins Gesicht.
 
„Regierung sieht hohe Dunkelziffer bei Sozialleistungsbetrug.“ Hellseher gehören aber doch auf den Jahrmarkt und nicht in die Politik.
 
Für einen Sieg in Wimbledon gibt es 4,1 Millionen Euro. Für den Georg-Büchner-Preis 50.000 Euro. ― Wir leben wirklich in einer Hochkultur.
 
Bizarrerweise berufen gewisse Leute sich gern auf ihr Recht auf Meinungsfreiheit, wenn sie sich jede Kritik verbitten. Sie müssen also Scheiße labern dürfen, aber niemand darf ihnen das sagen.
 
Gewerkschaften als Transmissionsriemen des Kapitals: „Klimaziele verschieben, damit Profite der Unternehmer weiter steigen!“

Glosse CLXVIII

Indschenjör. Das war mit neu, ist aber nach Dschornalist und Dschühri nur konsequent.

Samstag, 11. Juli 2026

Wie ich es sehe


Es gibt meiner festen Überzeugung nach keinen vernünftigen Zweifel, dass es, wenn die Menschen auf Erden eine gedeihliche Zukunft haben sollen, unbedingt nötig ist, Ausbeutung und Raubbau zu beenden und die Konsumgesellschaft abzuschaffen, stattdessen Weisen des solidarischen und kooperativen Wirtschaftens zu praktizieren, die Vergesellschaftung der Produktionsmittel durchzusetzen, eine planmäßige Deindustrialisierung voranzutreiben und ein bedingungsloses Grundeinkommen einzuführen.
Was es mit Sicherheit nicht braucht, ist eine Herrschaft von Maschinen, superreiche Profiteure, monströsen Energieverbrauch, sinnlose Mobilität, immer neue Waren und Spektakel, um die Leute für dumm zu verkaufen, und Verblödete, die Rechtspopulisten hinterherlaufen, die alles noch schlimmer machten.
Immer mehr Wachstum und immer ungehemmterer Ressourcenverbrauch, immer Macht von Konzernen und immer mehr Unterwerfung unter abhängig machende Geräte und Programme sind Teil des Problems, nicht der Lösung.
Nötig sind Demut und Einfallsreichtum, Barmherzigkeit und Mut, Bescheidenheit und Einsatzbereitschaft, kritisches und selbstkritisches Denken und lösungsorientierte Lernfähigkeit.
Konkurrenz statt Kooperation, Profit statt Nutzen, Verschwendung statt Schonung, Technik statt Moral, Gier statt Fürsorglichkeit ― all das hat den Karren in den Dreck gefahren und ungeheure Opfer gekostet. Noch mehr davon wäre unweigerlich ein Wettlauf in den Untergang.
Wachstumsfanatismus, Technikoptimismus und der Aberglaube, irgendwie werde der zusammengestohlene Reichtum der ganz Wenig schon zur Wohlfahrt der Vielen führen, stiften Unheil.
Gute Zukunft kann nur gelingen, wenn Vernunft, Gerechtigkeit und herrschaftsfreies Miteinander sowohl das Mittel als auch das Ziel sind.

Donnerstag, 9. Juli 2026

Zum Stand der deutschen Sozialdemokratie 2026

„Die Zahl der Krankheitstage ist zu hoch.“ Übersetzt: Arbeitnehmer sind tendenziell Sozialschmarotzer.
Denn „zu hoch“ gemessen woran? Am Ausbeutungswillen der Eigentümer der Produktionsmittel? An den krankmachenden Bedingungen der Arbeitswelt? Menschen, die sich krank melden, von vornherein und bis zum Beweis des Gegenteils zu unterstellen, sie würden betrügen und seien bloß faul, ist eine Einstellung, die man von Unternehmern gewohnt ist. Warum wird sie von Sozialdemokraten einfach übernommen?
Früher ging es bei der SPD um Gerechtigkeit, dann um Chancengleichheit, inzwischen nur noch um rhetorische Abmilderung des neoliberalen Sozialabbaus.
„Ja, stimmt, ich habe Ihnen ein gesundes Bein amputiert. Aber stellen Sie sich vor, die anderen wollten, ich solle Ihnen beide Beine abnehmen! Da habe ich mich geweigert. Sowas ist mit mir nicht zu machen.“
Das ist die klassische sozialdemokratische Rechtfertigungsstrategie mit der Logik des angeblich kleineren Übels. Nur das in der Realität das kleinere Übel immer das größere unterstützt und darum im Grunde dasselbe Übel ist.
„Wir müssen mit den anderen regieren und die zwingen uns zu ganz schlimmen Sachen. Um weiterregieren zu können, stimmen wir allem Möglichen zu, aber weil wir es sind, ohne die all das Schlimme nicht zu Stande kommt, ist es nicht ganz so schlimm.“
Ist es doch. Es ist sogar noch schlimmer. Wer einmal angetreten war, die Rechte der Lohnabhängigen durchzusetzen und zu verteidigen und jetzt nur noch Steigbügelhalter für die Steigbügelhalter der Rechtspopulisten ist, ist jämmerlicher und abstoßender als die anderen, die immer schon ehrlich zugaben, dass sie prokapitalistisch sind.

Montag, 6. Juli 2026

Die Alternativlosigkeit des größeren Übels

Wenn Merz und Söder, Klingbeil und Bas die Alternative zur AfD darstellen, dann ist diese im strengen Sinne alternativlos. denn tatsächlich treibt die schwarz-rote Regierungskoalition eine Politik, wie die Rechtspopulisten sie haben wollen. gegen Zuwanderer, gegen sozial Schwache, zu Lasten der Arbeitnehmer, zu Lasten der Umwelt und der Gesundheit, zu Lasten der Bildung, ohne Konzepte für ungezwungenen Zusammenhalt und kreative Lösungen, ohne entschiedenen Einsatz für Frieden, Gerechtigkeit, Wohlstand überall in der Welt. Gewiss geben sich Rechtsextreme „radikaler“ (also dümmer) in ihren Forderungen und Umsetzungsplänen, während die noch Regierenden halbherzig wirken und gehemmt von Resten rechtsstaatlicher und demokratiepolitischer Bedenken. Gerade die Enthemmung aber, die freie Entfaltung von Ressentiment. Hass und Gewalt (als Phantasie und Praxis) ist das Angebot, dass die Rechtspopulisten ihren Sympathisanten machen. Worin bestände das Gegenangebot von Schwarz, Rot, Grün usw.? Im biederen Vertrauen auf Parteienstaat, Sonntagsreden, Lobbyismus, Medienfilz, Weiterwursteln? Im Verzicht auf radikale Erneuerung, die Klimaschutz, soziale Gerechtigkeit (durch vernünftigen Umbau der ungerechten Eigentumsstruktur) und Freiheit von Konsumzwang, Bürokratismus und digitaler Überwachung und Bevormundung in den Mittelpunkt stellte? Daran ist nicht einmal zu denken. Das ist mit den vorhandenen Kräften (einschließlich der „Linken“) nicht zu machen. Also bleibt entweder alles so, wie es ist, oder es wird schlechter. Das heißt, schlechter wird es so oder so, denn die Politik des Weiterso und der kleinen und großen Gemeinheiten führt ins Unglück. Es kann aber auch ruckartig schlechter werden. Dafür steht die AfD.

Notiz über Mittelmäßige und Minderwertige

Es wäre ja schön, wenn durch Demokratie wirklich, wie manche meinen, die Mittelmäßigen an die Regierung kämen. Das ist aber leider nicht der Fall. Die Mittelmäßigen sind immer schon an der Macht, einfach, weil sie in der Mehrheit sind und so fast alles bestimmen, jedenfalls aber die Wahlergebnisse. Durch Wahlen kommen nun aber regelmäßig durchaus Minderwertige an die Macht, also Unterdurchschnittliche, Ungenügende, Untaugliche. Es ist, als ob die Mittelmäßigen geradezu zwanghaft Gefallen an denen fänden, die noch weniger können, noch weniger wissen, noch weniger darstellen als sie selbst. Vielleicht verwechseln sie die Dreistigkeit der Minderwertigen mit Geschick und Einfallsreichtum. Gerissen kann auch ein minderwertiger sein. Und er nützt den falschen Eindruck, den er bei den Leichtgläubigen erzeugt, dazu, sie zu verführen und sie zu sich hinunterzuziehen. Dadurch kann er aufsteigen.

Sonntag, 5. Juli 2026

Zur heutigen Jugend

„Ach, ich weiß nicht, aber mir scheint, ich habe mittlerweile wohl irgendwie die Verbindung zur heutigen Jugend verloren.“
„Sie Ärmster! Jetzt erst? Mir ist das zum Glück schon gelungen, als ich noch selber jung war.“

Donnerstag, 2. Juli 2026

Zwei Skizzen (über die Mitmenschen)

Jeder Mensch hat dasselbe Recht darauf, danach beurteilt zu werden, ob er sich anständig verhält oder selbstsüchtig, heuchlerisch, schamlos, gierig, gemein und bösartig, ob er zu den Sachkundigen gehört oder zu dem Dampfplauderern, ob zu den Befähigten oder zu den Untauglichen, zu den Wohlgesinnten oder zu den Böswilligen, zu den Großzügigen, Hilfsbereiten und Verantwortungsvollen oder zu den Geizigen, Kaltherzigen und Gleichgültigen, zu den Selbstkritischen oder den Egomanen, zu den Barmherzigen oder den Grausamen, zu den Verbesserungswilligen oder den Angepassten; und je nach dem darf man jeden Menschen für einen erträglichen bis erfreulichen Zeitgenossen halten oder für einen minderwertigen.
Minderwertig im moralischen, kognitiven, charakterlichen Sinne, beurteilt nach Verhalten und geäußerten Überzeugungen; selbstverständlich nicht nach Abkunft, Herkunft, zufälliger Zugehörigkeit.
Minderwertigkeit ist kein Schicksal, schon gar kein angeborenes. Prägung, Erziehung, Milieu, Kontext ― das macht etwas mit den Menschen. Es gibt Strukturen, Institutionen, Gewohnheiten, obrigkeitliche Normen und soziokulturelle Anreize, die die Entfaltung der in jedem Menschen angelegten Güte behindern, beschränken, unterbinden. Wie man zum Guten geführt werden kann, so kann man zum Bösen verführt werden.
Die Möglichkeit zur Minderwertigkeit ist jedem gegeben, die Gefährdung ist groß, und doch gelingt es vielen, sich nicht reduzieren zu lassen aufs Niedrige und Gemeine, sondern ab und zu zu oder habituell das Richtige zu tun. Andererseits nutzen nur wenige die ebenfalls fast jedem gebotene Chance, dauerhaft angeeigneten Verkümmerung zu entkommen.
 
Andere Menschen haben andere Lebensentwürfe. Daran ist zunächst nichts Besonderes und auch nichts auszusetzen. Dass mir dies und das womöglich nicht gefällt, muss ich aushalten. Jeder darf so leben, wie er will, und soll so leben dürfen wie er kann. Allerdings sind die verschiedenen Lebensweise nie ganz ohne Auswirkungen aufeinander, Wirkungen, die unterschiedlich ausfallen, aber immer insgesamt das gesellschaftliche Gefüge bestimmen.
Wenn ich also vermuten muss und belegen kann, dass diese oder jene Lebensweise für andere unangenehm, bedrückend, gefährdend oder schädlich ist, vielleicht sogar für alle, für die Gesellschaft als ganze, dann bin ich nicht nur berechtigt, sondern verpflichtet, das zu kritisieren, Rechenschaft zu verlangen und auf Änderung zu drängen.

Mittwoch, 1. Juli 2026

Intellektuelle und der Rest

Dass es Intellektuelle gibt ― also Menschen, die einen mehr oder minder öffentlich Gebrauch von ihrem Einsichtsvermögen machen, sei es hauptberuflich, sei es aus privater Passion ― impliziert, dass es andererseits Menschen gibt, bei denen mit der Intellektualität nicht so weit her ist, bei denen es also um das gewohnheitsmäßige Einsehen und Verstehen, das Durchleuchten und Durchschauen, das möglichst umfassend Gebildetsein und darum doch immer wieder Erklärenkönnen nicht so gut bestellt ist. Viele haben Meinungen und wollen damit Recht haben, aber nur bei wenigen trifft dieses zu und ist jenes für andere genießbar.
Das quantitative Missverhältnis zwischen den recht wenigen Intellektuellen und der überwiegenden Restbevölkerung steht im krassen Widerspruch zum Selbstbild der meisten Leute. Ihnen sind Intellektuelle, die sie als fremde Instanz in ihrem Medienkonsum wahrnehmen, kein Ansporn, sich selbst zu informieren und sich gründlicher zu bilden ― was ihnen für gewöhnlich entweder nicht möglich ist oder unnötig erscheint; sondern die allzu klug und kundig Redenden und Schreibenden sind eine Kränkung der Eigenwahrnehmung der Leute und eine Herausforderung ihres Vertrauens darauf, selbst alles am besten beurteilen zu können.
Die bloße Existenz von Intellektuellen ist somit mit dem Lebensstil und der Weltsicht der Masse unvereinbar. Das kommt nicht gut an. Wie dürfen diese Eierköpfe sich erdreisten, mehr als man selbst von der gemeinsamen Wirklichkeit zu verstehen und das auch noch besser ausdrücken zu können! Das ist undemokratisch. Denn das herrschende Modell einer sich in Wahlen und Abstimmungen manifestierenden Demokratie hat zum Prinzip, dass die Mehrheit das Sagen hat (und also Recht hat) und dass der Souverän (also die Masse der Leute) unabhängig von Intelligenz und Sachkenntnis entscheidet.
Daraus ergibt sich ganz natürlich ein Antiintellektualismus, der breite Schichten der Bevölkerung völlig durchtränkt. Und der seinerseits auf gar nicht so wenige Intellektuelle zurückwirkt, die sich so schrecklich gern den kleinen, einfachen Leuten zurechnen möchten.
Der Antiintellektualismus, also die Abneigung gegen professionelles Selbstdenken und kognitive Autonomie, ist in der Populärkultur fest verankert. In dieser gibt es per definitionem Intellektuelle nur als Angeber, Spinner, sogenannte nerds, verrückte Professoren und dergleichen. Dem Massengeschmack entspricht nämlich die Lust am Gewöhnlichen und Dummen, an der kollektiven und individuellen Unwissenheit. Je dümmer, desto lustiger. Zwar sind die Beschränkten oft Gegenstand des Verlachens, zugleich aber immer auch Identifikationsfiguren. Solche könnten kluge, gebildetete, nachdenkliche Figuren nie sein. Diese haben sich als nicht weniger gewöhnlich, als ungeschickt und aufgeblasen zu erweisen, oder sie bleiben verfemt.
Das kommt den Manipulationsinteressen der Unterhaltungsindustrie und der an sie angeschlossenen „Politik“ sehr entgegen. Zwar tauchen dort bei Bedarf „Experten“ für dieses oder jenes auf, die sozusagen eine Art von Intellektuellenersatz sind. Das Feld aber beherrschen nicht fachlich Versierte, sondern für alles und nichts Zuständigkeit simulierende Vermittler und Verwalter der gängigen Meinungen. Die deshalb gängig sind, weil sie gängig gemacht werden. Weil sie kompatibel sein sollen mit den Interessen der Konzerne.
Intellektuelle können bekanntlich sehr wohl Lakaien des Kapitals sein. Aber ihre bloße Intellektualität stellt doch eine Gefahr dar in einem System, in dem zu viel Nachdenken und zu viel Fragen nicht erwünscht ist. Darum müssen Intellektuelle streng überwacht werden, ihre Äußerungsmöglichkeiten begrenzt und ihre beruflichen Chancen kanalisiert. Vor allem muss, außer in Diktaturen, die zu ängstlich dafür sind, eine Meinungsvielfalt inszeniert werden, die die einzelne Stimme im Chor der Vielen untergehen lässt. Bis man in gewissen Situationen doch wieder die Einheitsmeinung braucht, deren Inszenierung freilich wiederum etwaige Solisten vom Chor übertönen lässt.