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Sonntag, 26. Juli 2026

Unterwegs (44)

Es entsetzt mich und quält mich, wenn ein erwachsener Mensch „Schtratzi-a-tella“ sagt. Auch die Herkunft aus Castrop-Rauxel oder Pinneberg entschuldigt da nichts.

Donnerstag, 23. Juli 2026

Unterwegs (43)

Ich kann selbstverständlich nicht sagen, ob die „Dame“, die sich in der U-Bahn-Station neben mich auf die Bank setzte, wirklich eine Sexarbeiterin war oder ob das nur ihr ästhetisches Ideal bildete, dem mit viel Aufwand nachzueifern sie sich erfolgreich bemüht hatte. Jedenfalls stank sich außerordentlich nach grauenhaftem Parfum. Nuttendiesel wäre zu wenig gesagt, es war eher etwas, was gegen jede Konvention über das Verbot von C-Waffen verstößt. Ich musste, um nicht zu ersticken, rasch aufstehen und weggehen. Überhaupt sind offensichtlich chemische Kampfstoffe und die vielfältigen Körperbemalungsmittel viel zu billig, wenn man den ebenso übermäßigen wie katastrophalen Gebrauch beobachtet, den so schrecklich viele Frauen davon machen. Aber nun gut, wenn's bei der Erwerbsarbeit hilft oder beim privaten Bemühen, etwas zwischen die Beine zu bekommen, dann muss es wohl sein. Schön ist das für an den Präsentations- und Aquisitionskämpfen völlig unbeteiligte zivile Opfer wie mich nicht.
 
Man sollte annehmen, die Tattauierung als uralte Kulturtechnik habe die Sache mittlerweile insofern im Griff, dass es zwar selbstgewählte Geschmacksentgleisungen und handwerkliche Unbeholfenheit gibt, aber keine Verfahrensfehler. Falsch gedacht. Irgendwas geschieht im Laufe der Zeit mit der Tinte und dem, was sie darstellen sollte. Was auch immer Menschen bezwecken, die sich in ihre Waden Bilder stechen lassen, irgendwann haben sie es fast immer erreicht, dass das, was sie zeigen, nur noch formlosem roadkill gleicht. Einer überfahrenen Erdkröte etwa. Lediglich klare Schriftzüge entziehen sich dem, am besten chinesische; aber warum sich die Leute „Süß-saures Schweinfleisch mit Reis“ aufs Bein schreiben lassen, verstehe ich trotzdem nicht …

Mittwoch, 17. Juni 2026

Unterwegs (42)

Nicht jedem kommt es ästhetisch zu Gute, dass auch in diesem Sommer die Mode wieder verlangt, die kurzen Hosen einiges überm Knie enden zu lassen. Manche Männer und Jünglinge haben einfach nicht die Waden und Knie dafür. Manchen freilich steht das ganz ausgezeichnet und ist ein erfreulicher Anblick. Zuweilen sogar, finde ich ein geradezu übertrieben erfreulicher. So viel Nacktheit grenzt ans Obszöne. Soll man wirklich in der Öffentlich so viel private Haut von sich zeigen? Banalisiert das nicht die Nacktheit und ihre Verheißungen?
Ein solches Bedenken zeigt übrigens, dass meine häufig vorgebrachten Einwände gegen die maßlose Selbstentblößung von Frauen und Mädchen, keineswegs sexistisch sind, sondern im Prinzip beide Geschlechter betreffen. Aber Männer gehen im Alltag selten so weit wir Frauen, ihre Selbstverobjektivierung hat ja auch andere Traditionen.

An einer Starßenbahnhaltestelle geht ein sehr muskulöser junger Mann mit nacktem Oberkörper an mir vorüber. Ich schmachte ihm nicht nach. Das will der doch nur. (wenn auch vermutlich nicht unbedingt von mir.) Man soll Exhibitionisten nicht ermutigen.

Die kleine Lücke zwischen Hosenbein und Söckchen, diese minimale Anblick von Haut, hat für mich oft etwas so Verlockendes, dass er mir sogar bei einigen Über-30-Jährigen gefällt.

Freitag, 8. Mai 2026

Unterwegs (41)

Als ich vom Kaffeehausfenster aus eine Menschenmenge auf den Hauptplatz meiner Wohn- und Geburtsstadt ziehen sah, die Dreifaltigkeitssäule umrundend, vorne weg eine große rumänische Fahne, da jubelte ich: Endlich! Wir werden besetzt! Ein Kulturvolk kommt und rettet mich und andere anständige Postmigranten vorm grassierenden Faschismus der alteingessenen Schluchtenscheißer. Tschuschen aller Länder, solidarisiert euch! Als dann auf die kleinen rumänischen Fähnchen tschechische, slowenische, ukrainische, lettische, irische, polnische, italienische Fähnchen folgten, versuchte ich noch, mir einzureden, es handle sich eben um eine internationale Besatzungstruppe. Aber als schließlich gesungen wurde, war klar, das sind leider lediglich Chöre. (International Choral Competion „Ave Verum“.)
Die Ukrainerinnen und Ukrainer waren traditionsgemäß ganz in Weiß mit schönen bunten Stickereien gekleidet. Das Herz ging mir auf und mein innerer Galizier rief: Slava Ukrajini, herojem slava!
Der Vergleich macht übrigens sicher: Dort die jungen Gäste aus Ost- und Südeuropa, hier die einheimischen Gestalten, die zeitgleich vorm Café saßen. Gute Genpools, schlechter Genpool. Darum: Umvolkung jetzt! Mehr Zuwanderung, kostete es, was es wolle!

Freitag, 10. April 2026

Unterwegs (40)

Warum müssen so viele Frauen eigentlich so dämlich dasitzen? Geradezu zwanghaft schlagen sie ihre Beine übereinander, nämlich auch, wenn sie nicht in einem Sessel, sondern in einem Stuhl an einem Tisch sitzen. Das ergibt zwangsläufig eine verdrehte Haltung, die doch völlig unbequem sein muss. So kann man doch nicht zum Beispiel vernünftig essen. Aber sie tun’s. Sie verschrauben ihre Haxen gegeneinander ― und dann fangen sie an, mit dem Fuß zu wippen. Anhaltend. Ebenso zwanghaft.
Früher wäre eine wohlerzogene Frau vor Scham gestorben, wenn sie sich in der Öffentlichkeit hätte so gehen lassen, die Beine übereinanderzuschlagen. Allenfalls die Knöchel wurden gekreuzt. Ich finde, noch heute ist das ein Kriterium, um zwischen „damenhaft“ und „vulgär“ zu unterscheiden. Wobei das Vulgäre unzweifelaft vorherrscht.
Warum machen Frauen das, dieses Verdrehen und Wippen? Ist irgendein Lustgewinn damit verbunden? Eine Stimulation des Genitaltrakts? Wie wohl beim Reiten oder der Umhängetrommel … Da Frauen ihr Verhalten selten reflektieren (und noch seltener ehrliche Auskunft geben), wird man es wohl nicht erfahren.

Dienstag, 10. März 2026

Unterwegs (39)

Der von mir ungeliebte Frühling ― all diese Wärmlichkeit, dieses Sprießen, Blühen, Pollenverströmen ― hat zugegebenermaßen auch seine Vorzüge. Im Burggarten spielt auf dem Rasen ein junger Mann mit sich selbst Fußball. Nackter Oberkörper, lange schwarze Hosen, bloße Füße. Und was für ein Oberkörper! Ihn wohldefiniert zu nennen, wäre noch untertrieben, man muss sagen: von makelloser Schönheit. Narcissus redivivus.

Montag, 2. Februar 2026

Unterwegs (38)

Vor sechs Jahren war ich im Februar in Venedig. Noch vor Karnevalsbeginn reiste ich ab. Aber schon in den Tagen davor stieß ich immer wieder auf Stellen in der Stadt, wo morgens der Gehweg mit Konfetti bedeckt war. Ich hatte Gefallen daran, mir vorzustellen, dass da nachts kleine Gemeinschaften von Einheimischen schon mal ein bisschen vorfeierten, bevor Touristen und professionelle Karnevalisten mit Gedränge und Getue alles unerträglich machen würden.

Freitag, 9. Januar 2026

Unterwegs (37)

An der Bushaltestelle fiel mir auf, dass das Wartehäuschen erneuert wurde. Die kleinen Metallroste, auf den man sitzen könnte, sind wohl immer noch unbequem (und im Winter gewiss arschkalt), haben jetzt aber außerdem noch jeweils zwei schmale, gebogene Stege, die verhindern sollen, dass auf diesen Quasibänken jemand liegen kann. Gar ein Betrunkener oder ein Obdachloser. Denn das ist ja bekanntlich das größte Problem jeder Großstadt, dass jemand dort schläft, wo das nicht hingehört, also im öffentlichen Raum, dass mit anderen Worten die gesellschaftlichen Missverhältnisse sichtbar (und ruchbar) werden durch das ausgelebte Schlafbedürfnis der Ärmsten und Schwächsten. Dafür ist Geld da.

Montag, 5. Januar 2026

Unterwegs (36)

Straße. Passanten. Ein Mann lehnt, mit dem Gesicht zur Wand, gegen eine Hausmauer und schluchzt. Niemand, auch ich nicht, bleibt stehen, fragt, bietet Hilfe an. Niemand will in irgendetwas verwickelt werden. Was sind wir nur für Ungeheuer, ein Mitmensch leidet, und wir schauen weg.

Donnerstag, 11. Dezember 2025

Dienstag, 18. November 2025

Unterwegs (34)

Sommer 2003. Café Canetti. Eine Frau tritt an meinen Tisch, nimmt einen Stuhl und trägt ihn weg. „Man kann auch fragen“, sage ich sehr hörbar. Sie dreht sich um. „Darf ich?“ Mit freundlichem Lächeln antworte ich: „Aber sehr gerne.“ (Nach einer wiedergefundenen alten Notiz.)

Samstag, 1. November 2025

Unterwegs (33)

Auf der Straße. Sie: „Guten Tag. Wir sammeln für eine Suppenküche. Ich: „Das tut mir aber leid, ausgerechnet heute habe ich keine Suppe dabei.“


Samstag, 11. Oktober 2025

Unterwegs (32)

Ein junger Vater setzt seinen etwa zweijährigen Sohn gegen dessen erkennbaren Willen noch einmal auf das hölzerne Reittier, ein Schaf, um mit dem Mobiltelephon noch einmal ein herziges Foto von ihm zu machen. Da hat er dem Kleinen aber eine wichtige Lektion erteilt: Social media over people. Und: Du bist als Kind vor allem ein Ausstattungstück des Lebensstils deiner Eltern.

Samstag, 20. September 2025

Unterwegs (31)

Zu manchen Passantinnen, deren (oft grell gemusterte) Hosen hintenrum bis zum Platzen gefüllt sind, möchte man sagen: „Der Zoo hat angerufen. Die Nilpferde wollen ihre Ärsche zurück.“

Dienstag, 19. August 2025

Unterwegs (30)

Einige Sommer lang war es weitgehend eingehaltene Sitte, dass modebwusste Knaben, Jünglinge und Männer ihre Köchel zeigen mussten. Daran fand ich (im Prinzip) durchaus Gefallen. Nun ist es aber schon im zweiten Jahr Vorschriftt (oder ist es gar schon das dritte?), sommers Sportsocken zu tragen, weiße versteht sich, und auf jeden Fall mit gut sichtbarem Marken-Symbol (vermutlich gibt es da ohnehin nur eines). Zusammen mit den kurz über Knie endenden Hosen, die die kurz unterm Knie endenden als Uniform abgelöst haben, sehen die Jünglinge jetzt bei warmem Wetter immer aus, als gingen sie gerade zum Sportunterrcht. Nun ja. Heute nun fiel mir auf, dass viele, vor allem ältere Männer (so ab 25 bis etwa 35; die darüber nehme ich meist nur als Trübungen des Blickfeldes wahr), die geltenden Vorschriftten missachten und Knie und Knöchel zeigen. Ich muss dagen: Ich billige das. (Sportunterricht habe ich eh nie gemocht, die ästhetische Anspielung darauf erotisiert mich also nicht sonderlich.)

Freitag, 25. Juli 2025

Unterwegs (29)

In der Fußgängerzone spielt ein junger Mann sehr verhalten Gitarre. Er ist bis auf eine kurze Khaki-Hose nackt, hat karamellfarbenen Teint, wuchtige dreadlocks und schmutzige Füße. Sein Oberkörper scheint selbst mir, der ich weißgott nicht jeden in die Muckibude schicken möchte, etwas zu undefiniert, im Sitzen hängen die Brüstchen etwas schlaff hinunter. Aber im Ganzen ist der Mann vom Typus Strandkiffer durchaus eine angenehme, in seiner Blöße sogar rührende und etwas erregende Erscheinung. Trotzdem finde ich nicht, dass man in der Öffentlichkeit so heraumlaufen muss. Nacktheit, sage ich immer, ist nichts Natürliches, sondern etwas Heiliges. Und wem das zu mystisch ist, für den formuliere ich es so: Es gibt körperliche Schönheit, die nicht vor beliebigem Pöbel zur Schau gestellt, sondern nur denen in intimen Situationen gewährt werden sollte, die sie auch wirklich verdienen.

Donnerstag, 24. Juli 2025

Unterwegs (28)

Wo es etwas zu loben gibt, lobe ich auch: Die Dame, die da mit moderater afrikanischer Grandezza durchs Restaurant schreitet, hat alles richtig gemacht. Ihr knöchellanges, luftig wallendes Kleid in hell strahlendem Fuchsienrot steht ihr hervorragend, sieht ungemein elegant aus und ist gewiss gerade auch bei hohen Temperaturen angenehm zutragen; es verbirgt aber auch ganz ungezwungen, was an möglicher Körpergeschichte die Öffentlichkeit nichts angeht. Vorbildlich.

Unterwegs (27)

Was Vulgarität betrifft, sind viele junge Frauen ganz weit vorn. (Und leider auch allzu viele Frauen, die eigentlich nicht mehr jung genug dafür sind.) Man kann kaum eine Straße entlang gehen, ohne mit ekelerregenden Geschmacksentgleisungen belästigt zu werden. Je blasser und unförmiger das Bein, desto mehr wird davon gezeigt, je fetter der Arsch, desto eher wird er in etwas Enge gezwängt, je üppiger der Busen, desto zeigefreudiger das Oberteil. Solche Darbietungskostüme mögen zwar ganz denen des Straßenstrichs gleichen (es fehlen nur die Lackstiefel), aber sie haben dem anzunehmenden Selbstverständnis nach nichts mit Prostitutionsästhetik zu tun, sondern sind nur Ausdruck der Mode und des weiblichen Selbstgenusses. Wie kann eine emanzipierte Frau ihre Unabhängigkeit von Männern und ihre Gleichwertigkeit mit ihnen besser unter Beweis stellen als durch das bewusst gewählte Aussehen einer billigen Nutte? Das sexualisierte Vulgäre ist vermutlich Feminismus pur. 

Unterwegs (26)

Im Zug bürstet sich eine junge Frau ausdauernd und inbrünstig ihr langes Haar. Ich finde das unmöglich. Körperpflege erledigt man nicht in der Öffentlichkeit. Meiner Meinung nach. Was kommt als nächstes? Das Schneiden der Zehennägel im Restaurant? Mir graust. Besser wird es auch nicht, als ihr Begleiter, ein fetter junger Typ, sich geradezu aus seinem Sitz heraus auf sie drauflegt und die beiden einander schmatzend küssen. Ekelhaft. Bin ich überempfindlich? Zu konservativ, was gesellschaftliches Benehmen betrifft? Jedenfalls finde ich solche Vulgarität indiskutabel. 

Sonntag, 15. Juni 2025

Unterwegs (25)

Es war nicht schön, zufällig an dem Tag die Stadt vom einen zum anderen Ende und später wieder zurück zu durchqueren, an dem Splittergrüppchen und Einzelkämpfer (vielerlei Geschlechts) der Buchstabensternchen-Herde, mit diversen Exemplaren ihrer Stammesflagge bewaffnet, die Verkehrsmittel besiedelten. Vermutlich unterwegs zu Großen Stolz-Parade. Was für eine lächerliche Freakshow! So mögen die Heteros ihre Abartigen: bunt, peinlich, harmlos. Freilich, wer mit Kostüm und Schminke bezeugen muss, das er (sie, es) anders ist, ist es wohl in Wahrheit gar nicht so sehr. Heteronormativität in Tütü und Maske. Und was ist überhaupt aus den hübschen jungen Schwulen geworden, die es doch früher gab? Haben die Lesben, Trans, Nonbinären und Quiiieeeren die alle gefressen?