Montag, 22. Juni 2026

Notiz zur Zeit (268)

Seit Jahren stellt man „Verschwörungstheoretiker“ an den Pranger und erklärt sie zu gefährlichen Irren. Tja, und dann stellt sich heraus, dass Jens Spahn mehrfach an den Geheimtreffen von Peter Thiels verschwörerisch-irren Kumpels teilnahm.
Seltsamerweise bleibt der Aufschrei aus. Spahn muss nicht zurücktreten. Anscheinend ist es ebenso normal, an antidemokratischen Verschwörungen teilzunehmen, wie Milliarden an Steuergeld durch unsinnige Maskenkäufe zu verpulvern.
Aber wehe, Spahn hätte je etwas Coronakritisches geäußert. Man hätte ihn mit Mistforken, Dreschflegeln und Fackeln aus dem Dorf getrieben.
 
Herr Pantisano hat Recht. Die CDU macht längst die Politik, die die AfD fordert: Gegen sozial Schwache und Flüchtlinge, zugunsten der Konzerne und ausländischer Mächte. (Und die SPD macht mit.) Wenn man nun, wofür es gute Gründe gibt, die AfD für faschistisch hält, dann folgt daraus, dass die CDU faschistische Politik macht und also in der Tat selbst faschistisch ist. Wenn Herrn Günther diese Logik nicht gefällt, dann soll er für andere Politik eintreten. Will er aber nicht. Also pöbelt er lieber gegen Pantisano. Und der rudert zurück ... 
Tja, so wird das wieder was mit dem Faschismus in Deutschland: Die einen sind die Steigbügelhalter und die anderen richten ihren Antifaschismus gegen unbekannt.

Aufgeschnappt (bei Christian Ehring)

Ich weiß natürlich, dass künstliche Intelligenz überall, ist und das ist ja nicht nur schlecht. KI sorgt für eine Emanzipation der Talentfreien. Das ist ja was Gutes. Also zumindest auf dem Gebiet der Sprache und der Kultur. KI ist das Spielzeug der Minderbegabten. Man muss nicht mehr schreiben können, um zu schreiben, Kunst machen können, um Kunst zu machen, und Filme machen können, um Filme zu machen, musikalisch sein, um Musik zu machen. Durch KI werden unkreative, uninspirierte, faule und völlig unbegabte Menschen befähigt, am kulturellen Leben teilzuhaben. Es ist nicht weniger als das größte kreative Inklusionsprojekt seit Erfindung der Blockflöte. Ich frage mich nur, warum soll ich mir das anhören. Warum soll ich mir etwas anhören, was von einer Wahrscheinlichkeitsmaschine zusammengerührt worden ist, sprachlicher Bauschaum? da wär’s doch besser, wenn sich solche Reden auch nur Maschinen anhören würden, und dann am besten auch gleich als chatbot auf Social Media selber kommentieren, hassen, beleidigen, und andere Maschinen reagieren darauf, und der Mensch hätte endlich wieder Zeit zu denken. Und zu schreiben.

Freitag, 19. Juni 2026

Notiz zur Zeit (267)

Ein Drittel der zwischen 2005 und 2023 in die BRD Eingewanderten hat bisher einen akademischen Abschluss. Der Akademiker-Anteil der Bevölkerung „ohne Migrationshintergrund“ liegt bei etwa 18 Prozent. Zuwanderer schließen also fast doppelt so häufig ihr Hochschulstudium ab wie Geburtsdeutsche. In einem Land, in dem Bildung faktisch immer weniger gilt, dürfte auch das den Migrierten vorgeworfen werden.
 
Deportationszentren am Rande Europas: Was für eine Schande hat das EU-Parlament da dem Abendland angetan. Ich bin nicht oft der Meinung Robert Misiks, aber hier hat er völlig Recht: Diese Schandstätten (mein Ausdruck) gehören mitten in die europäischen Hauptstädte. Und ich möchte den Vorschlag verfeinern: Misik denkt an Vergnügungsstätten (Prater, Volksgarten), ich wäre eher für Einkaufszentren. Durch gehorsames Konsumieren die Wirtschaft ankurbeln und dabei  entrechteten, entwürdigten und gequälten Menschen beim Vegetieren zuschauen, das passt doch sehr gut zusammen.

Mittwoch, 17. Juni 2026

Unterwegs (40)

Nicht jedem kommt es ästhetisch zu Gute, dass auch in diesem Sommer die Mode wieder verlangt, die kurzen Hosen einiges überm Knie enden zu lassen. Manche Männer und Jünglinge haben einfach nicht die Waden und Knie dafür. Manchen freilich steht das ganz ausgezeichnet und ist ein erfreulicher Anblick. Zuweilen sogar, finde ich ein geradezu übertrieben erfreulicher. So viel Nacktheit grenzt ans Obszöne. Soll man wirklich in der Öffentlich so viel private Haut von sich zeigen? Banalisiert das nicht die Nacktheit und ihre Verheißungen?
Ein solches Bedenken zeigt übrigens, dass meine häufig vorgebrachten Einwände gegen die maßlose Selbstentblößung von Frauen und Mädchen, keineswegs sexistisch sind, sondern im Prinzip beide Geschlechter betreffen. Aber Männer gehen im Alltag selten so weit wir Frauen, ihre Selbstverobjektivierung hat ja auch andere Traditionen.

An einer Starßenbahnhaltestelle geht ein sehr muskulöser junger Mann mit nacktem Oberkörper an mir vorüber. Ich schmachte ihm nicht nach. Das will der doch nur. (wenn auch vermutlich nicht unbedingt von mir.) Man soll Exhibitionisten nicht ermutigen.

Die kleine Lücke zwischen Hosenbein und Söckchen, diese minimale Anblick von Haut, hat für mich oft etwas so Verlockendes, dass er mir sogar bei einigen Über-30-Jährigen gefällt.

Montag, 15. Juni 2026

Der Wahnsinn der Unterwerfung

Er hatte den deutlichen Eindruck, unter lauter Wahnsinnigen zu leben. Zwar überlegte er manchmal, ob vielleicht er der Wahnsinnige sei und die anderen doch seelisch gesund, aber er konnte sich nicht überwinden, für normal zu halten, was die anderen so taten und ließen. Nein, wenn es Wahnsinn war, und es war Wahnsinn, dann war es deren Wahnsinn, und unverständlicherweise war er davon verschont geblieben.
Er nannte die Krankheit Unterwerfung. Die Leute unterwarfen sich dauernd: den herrschenden Verhältnissen, den herrschenden Meinungen, den herrschenden Moden, ihren eigenen Sehnsüchten und Ängsten, ihren Begierden und Bequemlichkeiten, ihren Gewohnheiten, Unarten und Dummheiten. Kritisches Denken, das in Frage stellen könnte, was gerade herrschte, war für die Leute unvorstellbar, sie hielten sich zwar zuweilen für kritisch, aber was dabei herauskam, war letztlich doch nur Anpassung und Unterwerfung.
Er hielt das für einen psychischen Defekt, anerzogen, nicht angeboren, eine Krankheit also. Freilich eine in der Art einer Alkohol-, Drogen- oder Spielsucht, also etwas, das man sich selbst zufügt, aus eigenem Antrieb und vielleicht in schlechter Gesellschaft, aber nichts, was man ohne eigenes Zutun zu Stande käme. Die Leute fangen an zu saufen, viel zu saufen, sehr viel, bis nicht mehr anders können, als immer weiter zu saufen, dann gelten sie als krank Niemand hat ihn gesagt, sie sollten so viel saufen, sie haben selbst entschieden, es zu tun, sie hatten sehen müssen, was Säufer sind, dass das Saufen nicht wirklich ein Spaß ist, sie hatten sich eingeredet, bei ihnen sei das anders, sie könnten damit umgehen, sie hätten das im Griff. Dann sind sie krank und erwarten Hilfe von anderen.
Der Wahnsinn, in den sich die Leute selbst hineinsteigern, die Unterwerfung, ist anderer Art. Es ist keine Krankheit, an der man leidet. Nicht nur gerät man mit Genuss und Befriedigung hinein, man lebt auch mit gutem Gefühl darin, man merkt gar nicht, dass man krank ist, man hält sich für kerngesund und hält große Stücke auf den eigenen Verstand.
Gerade die Bereitschaft der Leute, in ihrem Wahnsinn kein Problem zu sehen und ihre Unfähigkeit dazu, an ihm zu leiden, hielt er für ein Symptom der Erkrankung. Vielleicht war es ein Hinweis auf Unheilbarkeit.
Andere Symptome waren: Realitätsverweigerung, also die Weigerung, das Offensichtliche zu sehen, es als das wahrzunehmen, was es war, und richtige Schlüsse für das eigene Handeln daraus zu ziehen. Ein Beispiel der jüngeren Zeit war das, was man den Klimawandel nannte. Dass der Umgang der Menschheit mit ihren eigenen Lebensgrundlagen und der so vieler Pflanzen- und Tierarten belastend und zerstörerisch war, musste doch selbst ein Kind begreifen. Wie hätten der Raubbau und Einbringung von Gift ohne Folgen bleiben können? Jeder, der Fabriken und Automobile kannte, und wer hätte sie nicht kennen müssen, konnte doch riechen und schmecken, was da für Dreck in die Luft, ins Wasser, in die Erde geriet. Dazu brauchte es keine chemische Analyse. Die gab es freilich. Und Studien zur Auswirkung etwa der Treibstoffgase auf die Erderwärmung und damit das Klima. Man musste wie gesagt kein Wissenschaftler sein, um das nachvollziehen zu können, man musste nur einmal nachdenken: Über die industrielle Produktion, den rauschhaften Konsum, die Fülle des Mülls und der Giftstoffe. Statt nun aber von „der Politik“, die man doch, auch so ein Wahn, als „demokratischer Souverän“ gewählt hatte, schleunigst Gegenmaßnahmen einzufordern, einen fundamentalen Umbau der Wirtschaftsweisen mit der Folge eines radikalen Wandels der Lebensweisen, beließ man es bei ein bisschen Besorgtheit.
Der Wahnsinn war fest etabliert und umfassend. Jede Form der Kritik an ihm, sofern man denn eine Krankheit kritisieren kann und nicht einfach nur diagnostizieren muss, droht Teil der Symptomatik zu werden. Einfach alles konnte vom Wahnsinn verschluckt und verdaut werden. Das wurde dann von den vom Wahn Befallenen wieder ausgeschieden und erneut verschluckt. Die eigene Scheiße zu fressen ― metaphorisch, versteht sich ― war eine typische Praxis der Wahnsinnigen. Nichts, was man zu ihnen sagte, nichts, was man ihnen sagte, drang tiefer zu ihnen durch als nur so weit, bis das System es verarbeitet und neutralisiert hatte. Der Wahnsinn vermochte sich alles zu unterwerfen, da er selbst durch und durch Unterwerfung war.

Sonntag, 14. Juni 2026

Vielleicht sind die Leute heutzutage nicht dümmer als früher, aber sie haben sehr viel mehr Möglichkeiten, ihre Dummheit zu zeigen.

Samstag, 13. Juni 2026

Aufgeschnappt (beim Papst)

Wir dürfen den Schmerz nicht vergeistigen und ihn oberflächlicherweise „Gottes Willen“ oder einem geheimnisvollen Plan Gottes zuschreiben. Gott will nicht, dass wir leiden. Er trägt das Leid mit uns.

Freitag, 12. Juni 2026

Aufgeschnappt (beim Papst)

Wir alle sind – in gewisser Weise – Migranten, wir alle sind Pilger auf dem Weg zur Heimat im Himmel. Helfen wir einander, diesen Weg für alle menschlicher zu gestalten, indem jeder das beiträgt, was in seiner Macht steht.

Verleger

Verleger wissen immer sehr genau, was Leser wollen und was sie nicht wollen, was sie verstehen werden und was sie überfordern wird, was sie anziehen kann und was sie abstoßen muss. Und selbst wenn sie Recht hätten ― was sie gewiss nicht haben, jedenfalls nicht in jedem Fall, weil ihr Urteil auf subjektiven Erfahrungen und deren subjektiver Deutung beruht ― so gilt doch immer (oder zumindest in den besten Fällen sollte gelten): Bücher werden nicht in dem Sinne für Leser geschrieben, dass sie deren Erfahrungen „widerspiegeln“, deren Erwartungen erfüllen und deren Gewohnheiten bestätigen sollen. Im Gegenteil, gute Bücher brechen mit dem Geschmack der Voreingenommenheit der Leser. Die Aufgabe von Verlegern wäre es, andere Kriterien als bloß kommerzielle zu haben und nicht bloß Waren feilzubieten, sondern Kunstwerke zu propagieren. Also mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln alles zu tun, um die Leser auf einen neuen Geschmack zu bringen.
Mit dem gewöhnlichen Dreck können sie das ja auch. Denn die Realität sieht so aus: Verlag verdienen ihr Geld nicht mit literarischen Kunstwerken, sondern mit Literatursimulationen, mit der Vorspiegelung von Belletristik, mit mal mehr, mal weniger geschickt fabriziertem Lesestoff, der ablenkt, zerstreut, verdummt. Das ist ihre Sache. Wo sie aber im Namen ihres Anliegens ― Geld. Geld, noch mehr Geld ― in Kunstwerke einzugreifen versuchen, muss man ihnen das verwehren. Das ist die Verantwortung des Schriftstellers, des schwächsten Gliedes in der Lieferkette Autor-Text-Verlag-Ware-Leser. Lieber nicht publizieren, als angepasstes, marktgängiges, sinnloses Zeug in den Betrieb zu pumpen. Lieber unbedeutender Sand im millionenschweren Getriebe sein, und wäre es durch Verlagsverweigerung.

Triumph des Minderwertigen

Und wieder und wieder frage ich mich, wie kann es sein, dass das Dumme, das eine Gestalt des Bösen ist, dermaßen triumphiert? Das Böse braucht sich in dieser Zeit nicht zu verstellen, zu tarnen, Kreide zu fressen und sich heroisch zu inszenieren. Es kann sich genau so dumm, lächerlich, gierig, schamlos geben, wie es ist ― und die Leute können all das sehen und heißen es dennoch gut. Jedenfalls tun das viel zu viele, früher. als die visuellen Technologien noch dürftig waren, konnte man sagen: Die Leute waren fast (nur fast!) entschuldigt, wenn sie das Erbärmliche, Abstoßende an Mickerlingen wie Mussolini und Hitler (und zuvor Lenin; bei Stalin hatten sie sowieso keine andere Wahl) nicht wahrnahmen. Was hatten sie denn zum Vergleich, wie wenig wurde ihnen vorgeführt und wie fern war ihnen ihr Idol … Heute aber sind die bösen Clowns überlebensgroß sichtbar, ihre Minderwertigkeit versteckt sich nicht, sie ist offensichtlich, und ihre Lügen wären rasch aufzudecken. Es gibt keine Entschuldigungen mehr. Und doch ist der Fanatismus extrem und stabil. Man stellt sich dumm und ist dumm. Völliger Realitätsverlust, geradezu totale Simulation. Triebtäter ohne Hemmung, ohne Verantwortung, fernab der Vernunft und des Gewissens. Was soll nur werden?

Natur als theologische Herausforderung

Fressen und Gefressenwerden: Um leben zu können, muss getötet werden (Tier oder Pflanze). Wer hat die Welt so eingerichtet? Ein liebender Gott?

Donnerstag, 4. Juni 2026

Würde oder Armut

So ein Duschbus zum Beispiel ist eine gute Sache. Damit wird Menschen, die auf der Straße leben, die Möglichkeit gegeben, sich einmal gründlich zu waschen. Sauber zu sein ist, könnte man sagen, ein oft missachtetes Menschenrecht, jedenfalls aber wird jemandem, der keinen festen Wohnsitz hat, mit der mobilen Möglichkeit zum individuellen Duschen (statt der Kollektivduschen in Unterkünften) ein wenig ihrer Würde zurückgegeben.
Um mal ein Stückchen sehr schöner Prosa zu zitieren: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. Kennt man. Klingt gut. Aber die Realität ist eine andere. Meines Wissens sind Duschbusse für Frauen oder Männer immer Angebote von wohltätigen Organisationen. Kommunen? Staat? Fehlanzeige.
Hat sich was mit Würde. Wohnungs- und Obdachlosigkeit gilt als „soziales“, also im Grunde wirtschaftliches Problem. Dabei ist es ein ethisches, also politisches. Wer nicht will, dass Menschen auf der Straße leben müssen, muss ihnen Wohnraum verschaffen. Man weiß aus zahlreichen und vielfältigen Erfahrungen: Mit den eigenen vier Wänden sind nicht alle Probleme gelöst, aber sie lassen sich besser lösen. Wer wohnt, selbständig und aus eigenem Recht, kann sich eine Lohnarbeit suchen, Geld verdienen, an der Gesellschaft teilnehmen. In den meisten Fällen geht das gut. Aber will „man“ das überhaupt, die Leute von der Straße zu holen? Ist irgendwer von denen, die das Sagen haben, an der Würde der Ärmsten und Gefährdetsten überhaupt interessiert?
Die Gesellschaft leistet sich Armut, um sich Reichtum leisten zu können. Arme werden verachtet, Reiche bewundert. Vielleicht kommt es auch zu Mitleid und Neid. Jedenfalls aber wird nicht ausreichend wahrgenommen, dass die Wenigen nur deshalb so reich sind, weil viele es nicht sind und manche sogar bettelarm. Reichtum gilt als Leistung, auch wenn er ergaunert ist (was er immer ist, auch wo er ererbt wurde). Armut gilt als Versagen. Mag ja stimmen. Aber wenn einer stürzt, hilft man ihm auf. Das gebieten Anstand und Vernunft. Und wo welche sich über andere erheben, stürzt man sie beizeiten. Das gebieten Vernunft und revolutionäre Ethik.
Reichtum ist mit der Würde der Armen unvereinbar. Armut ist mit der Würde der Armen unvereinbar. Und die Entwürdigung der Armen ist mit der Würde aller unvereinbar. Was folgt daraus und daraus, dass der Staat seine Selbstverpflichtung darauf, die Würde jedes Einzelnen ― wer sonst wäre „der Mensch“? ― zu achten und zu schützen, nicht einhält? Daraus folgt die wohlüberlegte Notwendigkeit, den Staat abzuschaffen und ein freies, gleichberechtigtes Zusammenleben mit allgemeinem Wohlstand, also ohne Armut oder Reichtum, zu schaffen. Anders gesagt: Ohne Anarchie gibt es keine menschliche Würde im gesellschaftlichen Maßstab. Mit ihr braucht es auch keine Duschbusse mehr.

Mittwoch, 3. Juni 2026

Notiz zur Zeit (266)

Der US-amerikanische Präsident erklärt in einen Interview, die meisten Leute wüssten nicht, dass man das Wort dumb mit einem B am Ende schreibe. Da hat man den ganzen Trump: Er setzt seine eigene Unbildung mit der der Masse gleich und hat wohl Recht damit.
 
Trumps Zustimmungswerte seien sehr niedrig, heißt es immer wieder. Ich halte nun aber ein Drittel nicht für wenig, sondern im Gegenteil für unverständlich viel. Wie kann es sein, dass jeder dritte erwachsene US-Amerikaner einen eitlen, lügnerischen, ehebrecherischen, heuchlerischen, habgierigen, ungebildeten, unfähigen, offensichtlich dementen, bösartigen und vollkommen lächerlichen Dummkopf und dessen entsprechende Politik gut findet? Wer das begreifen könnte, hätte etwas über die menschliche Natur herausgefunden, was eben so erschreckend und abstoßend wie erhellend wäre.
 
Ich schreibe nur ungern über den Orangefarbenen Götzen. Man fühlt sich besudelt, wenn man über seine Entgleisungen informiert wird, und entwürdigt, wenn man sie kommentiert. Selbst Humor macht das nur erträglich, wenn er auf blankem Hass beruht oder wenigstens abgrundtiefer Verachtung.

Westlichen Interessen: Ja, und?

Manche ganz, ganz Schlauen sagen, zwar habe Russland die Ukraine angegriffen, aber dass der Krieg immer weitergehe, liege an den westlichen Interessen, vor allem dem Militärisch-industriellen Komplex. Überhaupt habe ja der Westen Russland zum Krieg gewissermaßen gezwungen und westliche Firmen verdienten jetzt daran, dass die Ukraine sich nicht ergeben dürfe. Zu Lasten der bedauernswerten Ukrainer und Ukrainerinnen.
Nun, westliche Interessen sind im Zusammenhang mit Russlands Aggression und der Verteidigung der Ukraine nicht zu leugnen. Das mit der Bedrohung und Einkreisung Russlands ist zwar Quatsch (und die Idee, die Ukrainer verteidigten sich nicht freiwillig, sondern würden von Washington und Brüssel dazu genötigt, erst recht), aber es gibt tatsächlich westliche Unternehmen, die vom Krieg profitieren. Und, was folgt daraus? Sollen sich die Ukrainerinnen und Ukrainer Russland unterwerfen und zu rechtlosen Untertanen einer mörderischen Diktatur werden, um westlichen Rüstungskonzernen ein Geschäft zu verderben, das diese dann wieder direkt mit Russland machen möchten? (Wo der Militärisch-industrielle Komplex identisch ist mit der regierende Oligarchie.) Sollen die Menschen in der Ukraine auf Freiheit, Würde, Selbstbestimmung, Demokratie und Rechtsstaat verzichten (denn das alles gibt es in Putins Reich nicht), damit ein paar überschlaue „Pazifisten“ an ihren gemütlichen (weil im Westen stehenden) Schreibtischen „Ätsch!“ zu USA und NATO sagen können?
Es ist leider wahr: Dass die Ukraine sich gegen einen völkermörderischen Feind verteidigt, hebt den globale Kapitalismus nicht auf. Doch bei aller berechtigten und nötigen Kritik am Westen gilt auf jeden Fall: Russland, Rotchina, Nordkorea etc. sind keine Alternative, politisch nicht, gesellschaftlich nicht, wirtschaftlich nicht, ökologisch nicht, kulturell nicht. Wer aus lauter Hass auf den Westen östliche Diktaturen, menschenverachtende Regimes, wahnsinnige Schlächter, brutale Ausmerzer von Umwelt und Kultur favorisiert, hat weder Intelligenz noch Recht noch Ethik auf seiner Seite. Ganz im Gegenteil.