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Donnerstag, 2. Juli 2026

Zwei Skizzen (über die Mitmenschen)

Jeder Mensch hat dasselbe Recht darauf, danach beurteilt zu werden, ob er sich anständig verhält oder selbstsüchtig, heuchlerisch, schamlos, gierig, gemein und bösartig, ob er zu den Sachkundigen gehört oder zu dem Dampfplauderern, ob zu den Befähigten oder zu den Untauglichen, zu den Wohlgesinnten oder zu den Böswilligen, zu den Großzügigen, Hilfsbereiten und Verantwortungsvollen oder zu den Geizigen, Kaltherzigen und Gleichgültigen, zu den Selbstkritischen oder den Egomanen, zu den Barmherzigen oder den Grausamen, zu den Verbesserungswilligen oder den Angepassten; und je nach dem darf man jeden Menschen für einen erträglichen bis erfreulichen Zeitgenossen halten oder für einen minderwertigen.
Minderwertig im moralischen, kognitiven, charakterlichen Sinne, beurteilt nach Verhalten und geäußerten Überzeugungen; selbstverständlich nicht nach Abkunft, Herkunft, zufälliger Zugehörigkeit.
Minderwertigkeit ist kein Schicksal, schon gar kein angeborenes. Prägung, Erziehung, Milieu, Kontext ― das macht etwas mit den Menschen. Es gibt Strukturen, Institutionen, Gewohnheiten, obrigkeitliche Normen und soziokulturelle Anreize, die die Entfaltung der in jedem Menschen angelegten Güte behindern, beschränken, unterbinden. Wie man zum Guten geführt werden kann, so kann man zum Bösen verführt werden.
Die Möglichkeit zur Minderwertigkeit ist jedem gegeben, die Gefährdung ist groß, und doch gelingt es vielen, sich nicht reduzieren zu lassen aufs Niedrige und Gemeine, sondern ab und zu zu oder habituell das Richtige zu tun. Andererseits nutzen nur wenige die ebenfalls fast jedem gebotene Chance, dauerhaft angeeigneten Verkümmerung zu entkommen.
 
Andere Menschen haben andere Lebensentwürfe. Daran ist zunächst nichts Besonderes und auch nichts auszusetzen. Dass mir dies und das womöglich nicht gefällt, muss ich aushalten. Jeder darf so leben, wie er will, und soll so leben dürfen wie er kann. Allerdings sind die verschiedenen Lebensweise nie ganz ohne Auswirkungen aufeinander, Wirkungen, die unterschiedlich ausfallen, aber immer insgesamt das gesellschaftliche Gefüge bestimmen.
Wenn ich also vermuten muss und belegen kann, dass diese oder jene Lebensweise für andere unangenehm, bedrückend, gefährdend oder schädlich ist, vielleicht sogar für alle, für die Gesellschaft als ganze, dann bin ich nicht nur berechtigt, sondern verpflichtet, das zu kritisieren, Rechenschaft zu verlangen und auf Änderung zu drängen.

Freitag, 18. März 2022

Überlegungen zu einem hegemonialen Narrativ

Lassen wir für einen Augenblick die Frage beiseite, ob diese oder jene Behauptungen war oder falsch sind, und wenden uns, nüchtern und möglichst unvoreingenommen, wie es vielleicht Soziologen oder Politologen zukäme (oder gesellschaftskritischen Philosophen und Kulturwissenschaftlern) der Frage zu, wer wann wo was behauptet, welche gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, politischen Interessen mit den Behauptungen verbunden sind, welches mögliche Herrschaftsinteresse also, und welche gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, politischen, kulturellen Effekte die Behauptungen haben könnten und haben. Eine solche Betrachtungsweise, die nicht den „Inhalt“ von Behauptungen, sondern deren Entstehungsbedingungen und Wirkungen und die mit ihnen verbundenen Absichten untersucht, war bis 2019 in akademischen Kreisen üblich, ja sozusagen das tägliche Brot. Ab 2020 kam sie schlagartig aus der Mode. Oder wurde zumindest nicht mehr kritisch angewandt („Wer herrscht damit?“), sondern affirmativ („Wer widerspricht der Regierung und ist darum ein Schwurbler und Nazi?“).
Richtet man also einen nüchternen und möglichst unvoreingenommenen, gleichwohl gesellschaftskritischen Blick auf das, was man mit einer vielleicht etwas groben, aber doch allgemein verständlichen und nicht unzutreffenden Chiffre als das „Corono-Narrativ“ bezeichnet hat, so stellt man fest, dass es sich bei dessen Bestandteilen durchwegs um hegemoniale Äußerungen handelt. Anders gesagt, sie stammen allesamt von regierenden Politikern, von etablierten Wissenschaftlern (die ihr Geld in Einrichtungen verdienen sind, die zum Teil Behörden sind), von Vertretern einflussreicher Wirtschaftsunternehmen und Verbände, von immer nah am Offiziellen agierenden Medien. Sie stammen nicht vom Rand der Gesellschaft, nicht „von unten“, nicht von unabhängigen Fachleuten oder von kritischen Zeitgenossen.
Die ein mehr oder minder geschlossenes Narrativ bildenden Behauptungen ― kurz gesagt: ein neuartiges, sehr gefährliches Virus bedroht die ganze Bevölkerung und das Funktionieren des öffentlichen Gesundheitswesen, weshalb zahlreiche nicht-medizinische Maßnahmen ergriffen werden müssen, einschließlich massiver Eingriffe in Grundrechte sowie die rettende medizinische Maßnahme: das Impfen ― passen im Großen und Ganzen sehr gut zu den, was die hegemonialen Institutionen und ihre Vertreter schon zuvor geäußert hatten und was somit ihre diskursive Hegemonie ausmachte. Das bedeutet, dass die bisherige Kritik am hegemonialen Diskurs als Beitrag zur real existierenden Ausbeutungs-, Zerstörungs- und Verdblödungsgesellschaft auch hier zutreffen wird. Das Narrativ ist wie schon bisherige diskursive Formationen sehr gut dazu geeignet, Profite zu steigern, wirtschaftliche Konzentrationsprozesse zu forcieren, Steuergelder in die Privatwirtschaft umzulenken, die Vermögen weniger auf Kosten aller anderen zu mehren, staatliche Eingriffe in die kollektive und individuelle Lebensführung zu legitimieren, auch unter Ausschaltung verfassungsmäßiger Abwehrrechte und Widerspruchsmöglichkeiten, und insgesamt die staatliche und privatwirtschaftliche Überwachung und Kontrolle von allen und jedem auszubauen.
Zwar dominiert im Narrativ der Gesichtspunkt „Gesundheit“ (als Staatsziel und individuelle Verpflichtung), die Verbindung von „Biopolitik“ (Foucault) und „Kontrollgesellschaften“ (Deleuze) zu einem kybernetisch-transhumanen „Überwachungskapitalismus“ (Zuboff) war längst im Gange. Auch Wissenschaftsgläubigkeit und die Stilisierung von Problemen zu (nur) durch entschiedenes staatliches Handeln beeinflussbaren Überlebensfragen ist nichts Neues.
Dem hegemonialen Narrativ gegenüber muss nun jede Abweichung zweifelnder, widersprechender, ablehnender Art als Irrwitz erscheinen, als absurde Verschwörungstheorie, als Esoterik, als rechte bis rechtsextreme Propaganda. Das ist ja die Funktion eines solchen Narrativs: Staatliches Handeln zu legitimieren und jede Kritik daran abzuwerten und letztlich auszuschließen. Heerscharen von „Faktencheckern“ sind seit Beginn der Ausrufung der „Krise“ damit befasst, mit allerhand rhetorischen Tricks und Kniffen jeden Abweichler mundtot oder zumindest unmöglich zu machen.
Wie gesagt: Es muss hier gar nicht darum gehen, wer Recht hat: die Coronagläubigen oder die Ketzer. Aber es muss klar bedacht und klar gesagt sein, wem die Aufwertung des Staates und seiner willigen „Experten“ und Multiplikatoren zu Wahrheitsinstanzen und die Herunterstufung jeglicher nicht-affirmativen Auseinandersetzung zu „Schwurbelei“ nützt: Sicher nicht denen, die an einer einer Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse interessiert sind.
Vor 2020 waren das nicht zuletzt gewisse Intellektuelle. Was ist aus ihnen geworden? Sie scheinen, bis auf wenige, sehr wenige, geradezu handverlesene Ausnahmen ― Giorgio Agamben sei hier erwähnt ―, mit fliegenden Fahnen ins Regierungslager und damit das Lager des von ihnen zuvor in Grund und Boden kritisierten Kapitalismus übergelaufen zu sein. Während die einen dabei nur ihre brave Zustimmung signalisieren, haben sich andere völlig fanatisiert und ein totalitäres Gesundheitsregime („Wir impfen euch alle!“, ZeroCovid usw.) zum Inbegriff neuer, wie so oft schon strikt diktatorisch konzipierter Linksradikalität erhoben. Wer es wagt, von Freiheit und Selbstbestimmung zu sprechen, ist ohne jeden Zweifel ein Nazi, der ausgemerzt gehört.
Diese Verschmelzung von Postmarxismus und Biopolitik (man könnte von „Biobolschewismus“ sprechen) mag neu erscheinen, liegt allerdings auf der ganz Linie der traditionellen Ausrottungs- und Umzüchtungsphantasien („Neuer Mensch“) der autoritären und technikgläubigen Kollektivisten. Einmal mehr verhindert so marxistisch inspirierte Affirmation der Macht echte linke Gesellschaftskritik.
Es kann nun freilich durchaus Berechtigung haben, gegen „rechts“ zu sein. Aber welchen Sinn hat die Unterscheidung von „links“ und „rechts“, wenn beides im Zweifelsfall in Sachen Autoritarismus und Totalitarismus doch wieder übereinkommt? Wenn „links“ nicht für mehr Freiheit, für Menschenwürde und für ein möglichst herrschaftsfreies, gedeihliches Miteinander von Gleichberechtigten steht, wofür dann? Ist „links“ eine reine Selbstabgrenzungsvokabel, mit der man sich versichert, auf der richtigen, der antifaschistischen Seite zu stehen? Schämt euch, mit solchen Leuten zu demonstrieren, hieß es in Richtung von Antimaßnahmen-Demonstranten oft, weil bei den Demos auch „Rechte“ mitmarschierten. Aber seit wann sind den Gates, Bezos, Zuckerberg, Musk & Co. links? Oder Merkel und Kurz, Spahn und Lauterbach und wie sie alle heißen? Wo bleibt die „linke“ Scham darüber, im Zuge der kritiklosen Akzeptierung des Corona-Narrativs die Geschäfte der Pharmaindustrie und anderer multinationaler Konzerne zu betreiben?
Die „biobolschewistischen“ Fanatiker mögen eine winzige Minderheit sein und die halbwegs moderaten Durchschnittslinken mögen keine relevante gesamtgesellschaftliche Rolle spielen, sie verdichten in all ihrer abgestuften Bizarrität allerdings durchaus konsensfähige Tendenzen der Mehrheitsgesellschaft. Deren konsumistische Individualisierungswünsche sich in Krisenzeiten offensichtlich rasch von plötzlich überflüssig, hinderlich und gefährlich wirkenden Freiheitsrechten abkoppeln lassen. Demokratie und Rechtsstaat, sonst als hohe Werte gepriesen, werden völlig nachrangig, wenn es um die geforderte Vermeidung von möglichem Leid und möglichem Tod geht; dem eigenen Leid und eigenen Tod, versteht sich. Kollektiv ins Bockshorn gejagt, erschöpft sich die sozialutopische Kapazität der Leute ― für gewöhnlich ohnehin schon wenig ausgeprägt (und technizistisch-szientistisch verformt: die werden schon was erfinden) ― auf die Hoffnung, alles möge doch bitte bald wieder „normal“ werden. Als ob nicht bereits die Normalität „ante coronam“ durch und durch kritikwürdig gewesen wäre. Es ist bereits vieles, was früher vielleicht undenkbar schien, heutzutage ganz normal. Der „Ausnahmezustand“, die „Krise“, die „außerordentlichen Maßnahmen“ sind die längst herrschende Normalität. Gewöhnt euch dran! Oder eben nicht, aber dann müsst ihr mit der Hegemonie brechen. Fangt gleich mit dem Corona-Narrativ an.

Sonntag, 24. Oktober 2021

Fragment über Faschismus

Faschistoide Züge an der Coronagläubigkeit fielen mir zum ersten Mal auf, als in der medialisierten Öffentlichkeit eine Art von Kampagne rund um das hashtag „staythefuckhome“ stattfand, getrieben auch und gerade von sich bis dahin (und darüber hinaus) aufgeklärt, liberale, ja links gebenden Zeitgenossen. Wäre es nur darum gegangen, einen Vorschlag zu Ansteckungsvermeidung zu propagieren, wäre das auch als „Bitte zu Hause bleiben!“ möglich gewesen. Aber das „the fuck“ im „stay home“ verriet eine (zumindest mich) überraschende Aggressivität und Arroganz. Der Empfänger einer solchen Botschaft wird nicht als gleichberechtigter Mitbürger angesprochen, dem man etwas rät oder den man zu etwas auffordert, sondern er wird aus einer Position überlegener Zugehörigkeit (zum Kreis der Informierten, der es besser Wissenden) als armer Tropf angeblafft, der zu blöd ist, von selbst zu wissen, wie er sich richtig zu verhalten hat. Nach dem Motto: Wer anders denkt als wir, braucht nicht überzeugt zu werden, sondern muss eingeschüchtert und attackiert werden, bis er spurt. Jenes hashtag war unverschlüsselte verbale Gewalt im Dienste der Autorität.
Als das Entscheidende am Faschismus war mir immer die Entfesselung der Ressentiments, die lustvolle Aufgabe moralischer Hemmungen erschienen. Endlich hassen dürfen und den Hass tätig werden zu lassen. Das hatten sich die Faschisten selbstverständlich bei der Arbeiterbewegung, insbesondere den Bolschewisten abgeschaut. Nicht nur das Marschieren, das Fahnenschwingen und die Militanz wurden von dort in kleinbürgerliche Zusammenhänge übersetzt, sondern auch die Bereitschaft zum Hass. Waren die „Linken“ aber noch darauf konzentriert, nach „oben“ zu hassen (und lateral: andere Linke, die anders dachten, redeten oder handelten), vermochten die „Rechten“ die Kraft des Ressentiments und die Lust der Aggression in fast beliebige Richtung zu kanalisieren: Ein diffuses Wir gegen ein noch diffuseres Die.
Ein ähnliches Angebot machen auch die rechten und linken Populismen ihren Anhängern und Wählern: Du darfst verachten, ja hassen, was dich in Frage stellt, wovor du dich fürchtest, was du nicht gewohnt bist, was schwächer ist als du oder gebildeter, erfolgreicher, wohlhabender. Zwar fordert das autoritäre Weltbild die Unterordnung der Vielen unter die Führung der Wenigen, aber da es jedem frei steht, sich als potenziell selbst der Elite zugehörig zu imaginieren, als Teil einer „Bewegung“, die auf der richtigen Seite der Geschichte steht, ist man sogar als Untergeordneter noch ein Herrenmensch. Auch wird sich fast immer einer finden, der in der sozialen Hierarchie noch weiter unten steht und über den man somit triumphieren kann.
Wichtig ist gerade darum auch die An- und Ausgrenzung anderer als Gruppe. Wer nicht mitmacht, wobei alle mitmachen, und schon darum im Unrecht ist, ist kein Einzelner, der vielleicht seine Gründe hat, sondern ein Fall von …, von diesen Leuten also, bei denen man die Ursachen ihrer Abweichung und Verwirrung längst kennt und sie durchschaut und verworfen hat. Wer dem hegemoniale Narrativ der Corona-Pandemie skeptisch gegenübersteht, ja ihm sogar widerspricht ist ein „Coronaleugner“ (ein nach dem Vorbild von „Holocaustleugner“ gebildeter Ausdruck), ein „Verschwörungstheoretiker“, ein Rechter, also ein Nazi und Antisemit. Besonders in den Nachfolgestaaten des Dritten Reiches, BRD und Österreich, gibt es ja nicht Schlimmeres, als ein Antisemit zu sein. Mit dem Antisemitismus-Vorwurf lässt sich schon seit Jahrzehnten auf bewährte Weise jede „falsche“ Frage oder gar Kritik beim Thema „Nahostkonflikt“ rhetorisch niederprügeln …
Das soll irgendwie „antifaschistisch“ wirken, ist aber selbstverständlich genau das Gegenteil. Der Trick ist, Kritik zu marginalisieren und dann zu sagen: Seht ihr, die Kritik kommt ja vom Rand! Und weil große Teile der selbsternannten „Linken“ durch und durch autoritär und etatistisch sind (eine Folge ihrer marxianischen Verseuchung), fällt die Idee der Verhängung von Ausnahmezuständen und die Ausgrenzung von Minderheiten bei ihnen auf fruchtbaren Boden. Endlich mal wieder (nach dem Untergang der pseudosozialistischen Unrechtsstaaten) auf Seiten der Staatsmacht stehen und Bevölkerungen terrorisieren. Kontrafaktische Argumentation und schamlose Lügenpropaganda sind für marxianisch inspirierte „Linke“ ja nichts Neues. Aufklärende Kritik ist also aus der „linken Ecke“ also kaum noch zu erwarten; bleibt die „rechte Ecke“ ― der man dann unverschämterweise alle zuordnet, die man zur Strafe in eine Ecke stellen will. Nicht, dass es keine Rechtskonservativen und Nazis gäbe, aber man ist nicht „rechts“, nur weil „linke“ und eine korrupte Medienmaschinerie es so darstellen. In dem Moment, wo so viele „Linke“ mit wehende Fahnen zum kapitalistischen Staat und seiner repressiven Politik übergelaufen sind, hat sich der politische Unterschied von links und rechts womöglich erübrigt. Faschismus und Bolschewismus waren immer Zwillinge, heute verschmelzen sie mit dem liberal-sozialen Bevormundungsstaat zu einer erstaunlichen Querfront, die nur noch „Abseitige“ und „Außenseiter“ zu Gegnern hat. Und die Realität natürlich. Aber wen interessiert die schon?

Sonntag, 13. Juni 2021

Fünf kleine Essays

    1.

Gezüchtet werden wird, das duldet gar keinen Zweifel, Zucht und Ordnung werden herrschen, so soll es auch sein, so muss es sein, so wird es darum sein. Alles wird immer besser werden. Dafür wird gesorgt werden. Es ist zu schaffen. Mit großer Anstrengung und nur gemeinsam, dann aber doch und für immer. Zug um Zug wird der Staat alle Zuständigkeit an sich ziehen und beizeiten umverteilen an die Meistbietenden. Die werden sich schon darum kümmern, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Wer sollte es sonst tun?
Was sein wird, was auf die Menschen zukommt, steht schon fest, muss ja auch feststehen, jede Zufälligkeit ist auszumerzen. Mutation, Selektion und Krise sind in den Dienst vernünftiger Planung zu stellen. Züchten heißt, dass das, was einer sein soll und was er werden kann, im Voraus auszuwählen ist, damit nur das Wunschgemäße überhaupt zu Stande kommt. Unfälle können passieren, Zufälle dürfen es nicht.
Ein Zurechtweisung von Abweichenden sollte dann nur noch ausnahmsweise erforderlich sein. Besser ist es ja, Abweichungen kommen gar nicht erst vor. Obwohl andererseits ein bisschen Widerstand immer günstig ist und ein Ausnahmezustand eine erfrischende Wirkung haben kann. Man wird sehen.
Krisen sind immer auch Chancen, und auf Chancen kommt es an. Sie sind scon im Vorfeld präzise zu berechnen, gerecht zu verteilen und solidarisch zu nutzen. Davon werden alle profitieren. Die einen sagen Harmonie, die anderen Toleranz, beide meinen dasselbe: Keine Störung des Geschäftsgangs.
Ausgerechnet den dem Zufall zu überlassen, der das Maß aller Dinge ist, wäre ja auch absurd. Man ist, was man hat. Jeder bekommt, was er sich leisten kann. Schade nur, dass kein Konsument sich selbst bereits vorab bestellen kann anhand des aktuellen Katalogs. Noch ist es auch nur ein Traum, Bewusstsein und Gefühle auf externe Festplatten hochzuladen und einen passenden Körper nach Bedarf dazuzuwählen. Doch vielleicht ist das gar nicht nötig. Man wird sich vielmehr demnächst schon zurücksetzen und neu konfigurieren lassen können, ressourcenschonend und nachhaltig, verantwortungsvoll und politisch korrekt. Individualität ist im Kern doch bloß eine Frage der Programmierung. Womöglich muss man dann auch gar nicht mehr immer und überall man selbst sein, sondern existiert die meiste Zeit in einem kollektiven Speicher und lädt sich nur dann herunter, wenn man sich wirklich braucht. Und wie oft wird das schon der Fall sein?
 

    2.

Ich bin ein Sitzer. Andere sind Geher, Steher, Renner, einige wenige sind Lehner, kaum jemand ein wirklich habitueller Lieger. Ich bin jedenfalls ein Sitzer. Selbstverständlich gehe, stehe, renne zuweilen auch ich, lehne und liege bei Gelegenheit, knie, robbe, wirble, baumle, rutsche, hocke, hüpfe, taumle usw. usf. Aber vom Typus her bin ich ein Sitzer. Es ist nicht nur so, dass ich gerne sitze, lieber als anderes, sondern zu sitzen ist mir eine Notwendigkeit. Wenn ich erst einmal sitze, bin ich sozusagen in meinem Element. Dann kann ich die Welt an mich herankommen lassen. Dann kann ich mich zur Welt und ihren Bewohnern und deren Verhältnissen verhalten. Sonst eher nicht, nicht so richtig, nicht so sicher. Zu sitzen ist für mich meine Weise des Innehaltens und Beimirseins, die Grundlage der Tätigkeiten, die ich bevorzuge, nennen wir sie solche geistiger Art: denken, sprechen, schreiben, lesen, Tee trinken. Es versteht sich darum fast von selbst, dass ich besonders gern im Kaffeehaus sitze. Oder auf einer Parkbank, obwohl dort selten Tee serviert wird. Oder auf einem niedrigen Mäuerchen irgendwo in einer Stadt, wo ich von einem Ort zu einem anderen unterwegs bin, und mich erst einmal setze, mich ausruhe, mich umsehe, das Ziel bedenke, den Weg erwäge und die Umstände beklage.
Dort, wo es schön ist, sitze ich gern. In einem Museum auf einer Bank vor einem Meisterwerk; an einem belebten oder menschenleeren Platz; vor einem Zugsfenster, durch das eine Landschaft zu sehen ist; im Gasthaus vor einem Bier und einer kulinarischen Offenbarung. Gehen, Stehen und so weiter macht mich müde. Sitzen erholt. Sitzen verleiht ungeahnte Kräfte. Bis man aufstehen muss, dann ist womöglich wieder alles mühsam. Beim Aufstehen pflege ich übrigens wie beim Hinsetzen ein bisschen zu ächzen, das akzentuiert mein Sitzen, markiert es als meines.
Manche liegen gern in einer Wiese und schauen den Wolken zu. Manche kraxeln auf einen Berg und schauen ins Tal. Manche schwimmen im Meer, manche radeln, manche laufen und laufen und laufen, bis das Hirn bebt und die Lunge japst, manche dehnen, biegen und atmen auf Teufel komm raus, bis sie jung und schön sind. Ich aber sitze lieber. Ich gehe auch gern spazieren, langsam und nachdenklich, aber danach sitze ich gern wieder. Ich stehe auch gern an meinem Schreibpult. Aber danach sitze ich gern wieder. Ich liege gern in meinem Bett, schlafe und träume, aber schon bald nach dem Aufstehen setze ich mich wieder hin.
Sitzen hilft. Nicht immer, aber oft. Einfach dasitzen und die Welt Welt sein lassen. In aller Ruhe. Abwarten und Tee trinken. Lesen und schreiben. Ich erinnere mich zum Beispiel an meinen ersten Aufenthalt in Salzburg vor einigen Jahren. Die Stadt ging mir rasch ziemlich auf die Nerven. Nicht die Häuser und Gassen, nicht die Kirchen und Plätze, nicht Berge und Fluss ― das war alles schön und gut ―, sondern die Leute, die Besucher, die Touristenmassen. Ich war noch kurz oben auf der Festung Hohensalzburg, dann gab ich auf, ich konnte nicht mehr. Ich vertrug keine Menschen, kein Geschwätz, kein Schlangestehen, kein Gaffen, kein Im-Weg-sein mehr. Gegen den Strom stieg ich den Berg hinunter, sehr verstimmt, richtig übellaunig, fertig mit der Welt. Ich stolperte durch irgendwelche Straßen und ging Richtung Hotel. Dort, in der Linzer Straße, setzte ich mich vor ein Café, bestellte Tee und Salzburger Nockerln, von denen mir versprochen wurde, sie würden eine halbe Stunde brauchen, was schon recht beruhigend auf mich wirkte. Einige Zeit später war ich ganz ruhig, regelrecht gelassen, sogar heiter und amüsiert. Ich saß da und ein bunter Menschenstrom zog an mir vorüber, jede Menge Besucher aus aller Herren Ländern, dazu einige versprengte Einheimische, beides gut zu unterscheiden, dazwischen ein paar Musiker mit Instrumenten, alle in eine Richtung eilend, da stand wohl noch etwas bevor. Ich schaute, trank Tee, las, trank Tee, machte mir Notizen, trank Tee und versöhnte mich nach und nach mit der Stadt und ihren Benutzern. Spätestens nach den Nockerln waren wir geradezu befreundet, Salzburg und ich. Auch die Menschen hielt ich wieder einigermaßen aus. Das kam vom Sitzen. Später am Tag und in den nächsten Tagen ging ich viel herum, schaute und hörte und roch und schmeckte. Sich durch eine Stadt zu bewegen, dass man etwas von ihr hat, ist eine Kunst. Aber die Grundlage davon und von manch anderem ist der geschickte Gebrauch des Gesäßes, wenn ich so sagen darf.
Sitzen ist ganz mein Ding. Ich bin dafür wie geschaffen. Oder vielmehr, ich habe mich entsprechend ausgebildet. Habe auch die Statur dazu. Zu mir passt es also. Für andere ist es nichts. Viele sitzen ja auch einfach falsch. Ich mache da niemandem einen Vorwurf, ich stelle es nur fest. Diese Leute, die immer auf dem Sprung sein müssen, die hierhin und dorthin laufen, oft fahren, irgendwann anhalten, weitermarschieren, sich im Kreis drehen, vorankommen, kurzum immer in Bewegung bleiben müssen, diese Leute also sitzen nicht im Ernst, sondern bloß so vorübergehend, eigentlich schon woanders, merklich ungern, nur eben mal kurz, lediglich zu irgendeinem Zweck. Sitzen aber muss nachgerade wie ein Selbstzweck sein, nur dann ist es richtig. Die Kunst ist, dazusitzen, als hätte man immer schon gesessen und als könne es auf der ganzen Welt keinen Grund geben, je wieder aufzustehen. Nur so sitzt man richtig. So sitze ich. Für mich ist Sitzen keine Zwischenlösung, für mich ist es die Hauptsache. Ich bin ein Sitzer.


    3.

Früher war auch die Zukunft besser, nämlich offener und irgendwie freier. Heute ist sie mehr oder minder geschlossen und festgelegt. Früher hieß es: Das und das könnte kommen, seht euch vor oder freut euch. Heute heißt es: Das und das wird kommen, so oder so, euch bleibt nur, euch damit arrangieren, am besten rechtzeitig, also spätestens jetzt, noch besser schon gestern. Zukunft ist immer noch Hoffnung und Drohung, aber das ist nicht mehr unterscheidbar, denn was kommt, ist ohnehin unvermeidlich, also muss man sich damit abfinden, jede Wertung ist Geschmackssache und darum womöglich schon überholt. Entwicklungen sind nicht aufzuhalten. Was möglich ist, wird gemacht werden, sobald jemand eine Möglichkeit gefunden hat, damit Geld zu verdienen. Es kommt nicht darauf an, ob die Leute das und das wollen, man wird schon dafür sorgen, dass sie es wollen, wenn es erst einmal da ist, das ist Teil jedes Geschäftsplans, man wirbt nicht um Zustimmung, man stellt sie her und setzt sich damit durch.
Also heißt es: So und so werden wir leben, da ist gar nichts zu machen, das kommt, man muss jetzt schon mitmachen, sonst bleibt man übrig, fällt heraus, kommt nicht mehr mit. So und so werden wir wohnen, essen, schlafen, lernen, reisen, arbeiten. Die Zukunft ist schon beschlossene Sache, ist schon durchgerechnet und muss nur noch eintreten.
Das autonome Fahren wird kommen, das Internet der Dinge wird kommen, der Grüne Pass wird kommen, das Handy ersetzt jetzt schon Schlüssel, Bargeld, Ausweis und weiß der Teufel was. Die Digitalisierung ist schon da, aber sie wird auch erst noch kommen, so richtig nämlich. Der durchdesignte Mensch wird kommen, Weltraumreisen werden für jeden erschwinglich sein, Plastik wird vermieden werden, Rassismus wird besiegt sein, Luft und Wasser werden sauber sein, die Stadt wird allen gehören, Fleisch muss teurer werden, Fernflüge auch, aber man wird ohnehin von Zuhause aus alles erleben, was man sich leisten kann, Sex und Karibik, Mars und Atlantis, jeder wird im Cyberspace arbeiten, nur die Putzkräfte nicht.
Die Welt ist komplex, das Weltbild simpel. Einerseits ist grundsätzlich alles verfügbar, andererseits alles vorherbestimmt. Alles ist zulässig, und was derzeit noch umstritten ist, kann demnächst zulässig gemacht worden sein. Nur keine überflüssigen Beschränkungen, Hindernisse, Verzögerungen, Tabus. Alles, worum es geht, ist mehr oder minder frei gestaltbar, aber Freiheit ist nur noch als Wahl zwischen vorgegebenen Realitäten denkbar. So ist es aber auch besser, nämlich sicherer für alle. Manchmal ist, was man will, alternativlos, dann muss es natürlich auch gewollt werden, alles andere wäre unvernünftig.
Es gilt: Man darf sich der Zukunft nicht entgegenstellen, weil man es gar nicht kann. Es kommt, wie es kommen muss. Es wird schon werden. Für jedes Problem gibt es eine Lösung. Die wird gewiss gefunden werden. Was gefunden wird, ist vermutlich die Lösung. Was war eigentlich das Problem? Die Zukunft ist unsere einzige Chance. Die sollten wir uns nicht schlechtreden lassen von irgendwelchen Kleingeistern. Vermasselt das jetzt bloß nicht. Heute schon zu wissen, wie es morgen sein wird, verschafft ein gutes Gefühl. Ungewissheit ist Unsicherheit ist Unfriede. Zukunft darf nie wieder ungewiss sein, wo kämen wir denn sonst hin.


    4. (Scherzo. Tempo di menuetto)

Mein Land? Was soll das heißen? Ich habe kein Land. Mir gehört hier kein Quadratmillimeter, hier nicht und anderswo auch nicht. Besäße ich aber ein Land, also Grund und Boden, womöglich reichlich davon, dann müsste das ganz und gar mein Land sein, mein unantastbares Eigentum, mein niemandem außer mir untertäniges Fürstentum. Dann sollen sie nur kommen, die Landvermesser und Steuereintreiber, die Polizisten und Rekrutierungsbürokraten, die Statistiker und all die anderen Staatsknechte. Ich ließe die Hunde los, das landfremde Gesindel zu verbellen und verjagen. Oder ich böte meine Bauern auf, die zudringlichen Eindringlinge mit Dreschflegeln, Heugabeln und Sensen aufzuhalten und zurückzuschlagen. Oder ich riefe meine Kosaken herbei, meine Husaren oder Lanzenreiter, um die blutsaugerischen Besatzer zu Paaren zu treiben, sie meinetwegen mit ihren Säbeln in Stücke zu hauen, links und rechts und rechts und links, wenn Blut fließen muss, dann muss eben Blut fließen, bis endlich der Spuk vorüber und das herrenlose Lumpenpack ein für alle Mal abgetan wäre. So denke ich mir das jedenfalls.
Meine Zeit? Was soll das heißen? Ich habe kein Zeit …


    5.

Irgendwann wird es heißen, wir haben unsere Maschinen von unseren Herstellern nur geliehen. Eigentum bedeutet, umfassend über etwas verfügen zu können. Wer aber verfügt hier über wen? Der Verbraucher über das Gerät? Warum dann der Zwang, dieses und jenes zu haben und es so und so zu benützen? Oder verfügen nicht eher die Hersteller über die Verbraucher? Wer arbeitet denn für wen? Die Verbraucher arbeiten, um für Waren bezahlen können, die sie möglichst rasch durch neue Waren ersetzen sollen. Zweck der Arbeit ist demnach der Profit der Firmen. Gebrauch von Gekauftem und Daseinsfristung sind nur Nebeneffekte. Der Konsument ist ein Konstrukt der Marketingabteilungen. Das Eigentum der Endverbraucher am Gekauften gilt nur auf Widerruf.
Deine Maschine weiß mehr über dich als du über sie oder dich selbst. Für deine Nutzer bist du eine Konstellation von Daten. Jede Aktion, jeder Interaktion produziert Daten. Du bist, was du gemacht hast, wo du warst, was du gesehen und gehört hast, wem du begegnet bist, was du geäußert, was du vermutlich gefühlt und gedacht hast. Was du bisher warst, bedeutet, wer du sein wirst. Deine Vorlieben werden dir bestätigt durch Angebote, die deinen Vorlieben folgen. Das Ausprobieren von Neuem, eine Geschichte des Geschmacks mit Wendungen, Brüchen, Neuanfängen ist nicht vorgesehen. Konsumiere, was du schon immer konsumiert hast, und sei glücklich und zufrieden. Schau dir allenfalls an, was andere, die gekauft haben, was du gekauft hast, auch noch gekauft haben. Das willst du doch vielleicht auch. Wenn nicht, wird das ebenfalls registriert. Dann bekommst du beim nächsten Mal andere, ganz auf deine Persönlichkeit zugeschnittene Angebote. So erfährst du, wer du bist.
Die Industrieprodukte sind schon Müll, wenn sie die Fabrik verlassen. Ihr Design schwindelt darüber hinweg. Die Waren sind darauf berechnet, weggeworfen zu werden. Nach dem Verkauf oder, als Abschreibeposten, davor. Eine Ding, das für alle Zeiten in Gebrauch wäre, wäre für Hersteller und Verkäufer nutzlos. Gebrauch darf nur eine Zwischenlösung sein, bis endlich die Entsorgung anfällt. Wir leben im Müll. Mittelbar und manche ganz unmittelbar. Warum auch nicht? Alle natürlichen Ressourcen werden angezapft, Unwiederbringliches wird verbraucht, alles wird verschmutzt und vieles vergiftet, warum dann nicht also auch am anderen Ende, beim Konsum, im Verworfenen leben? Daran ändern auch Recycling und Upcycling nichts. Sie setzen ja Weggeworfenes voraus. Aus Müll etwas Nützliches zu machen, macht Müll nützlich. Auch Müllvermeidung ist nur eine Marginalie, solange die Fabriken noch produzieren. Verwende du nur weniger Plastik, sammle Abfall in Wald und Flur und spende für die Reinigung der Meere: Die Umsätze und den Profit der Konzerne tangiert das nur peripher. Die sind schlauer. Die verkaufen dir noch das, was du zum Müllvermeiden brauchst. Etwa das Gerät, das dir sagt, wie du wann wo am besten beim Nichtmitmachen mitmachst.
Deine Maschine weiß mehr als du. Was Wunder, wo doch Wissen längst selbst zur Maschine geworden ist, zu einem neutralen Universum aus Nullen und Einsen. Wissen ist Information und Information ist greifbar. Ein Klick, und der Zugang zu megaenzyklopädischem Wissen ist ein Klacks. Die Bibliotheken und Archive sind im Prinzip alle offen. Man müsste nur lesen können. Noch nie in der Geschichte der Menschheit stand freilich so viel Wissen so vielen so einfach zu Verfügung und nie waren die Massen dennoch so desinformiert, so desinteressiert, sich zu bilden. Früher hatten die meisten Menschen mehr zu tun, als ihnen lieb war, um auch nur das Notwendigste zu besorgen, was sie zum Überleben brauchten. Das gilt auch heute noch für viel zu viele, aber ein großer Teil, in den Gesellschaften des Nordens, hat eher das Problem, wie er seine Freizeit verbringen soll. Bildung ist dabei keine Option. Bildung ist durch Ausbildungssysteme vorgegeben, die hat man durchlaufen oder nicht, darüber gibt es Bescheinigungen, das hat nichts mit einem selbst zu tun. Lebenslanges Lernen, gut und schön, aber das ist doch nur was für den Job, das betrifft das Geldverdienen, nicht die Person. Bildung hat nichts mit einem selbst zu tun, das macht man für andere, um zu beweisen, wie sie einen einstufen sollen. Bildung ist außerdem fast immer gleich wieder veraltet. Nicht nur, weil man das meiste nur für Prüfungen lernt, sondern weil nur das Aktuell zählt. Was früher war, ist Sache von alten Leuten. Wir leben jetzt und wissen besser, was eigentlich Sache ist.
Maschinen sind das Gegenteilung von Bildung. Sich Wissen anzueignen, auch auf Vorrat, um sich in der Welt orientieren zu können, um andere und sich selbst zu verstehen, um Vergleiche anstellen zu können zwischen dem, was ist und was war und was hätte sein können, um kritische Fragen zu stellen und durch Kenntnisse des Zustandekommens, der Voraussetzungen und Absichten nicht nur das, was einem gefällt, besser genießen, sondern nicht zuletzt sich Neuem und Unbekanntem aussetzen zu können, auf die Gefahr hin, überwältigt zu werden ― das könnte Bildung sein. Eine Maschine kann das nicht. Sie verarbeitet Daten, die ihr gleichgültig sein müssen. Sie kann nicht werten. Sie kann nur programmierte Algorithmen anwenden. Sie mag schneller, stärker, geschickter sein, sie mag Denken und und sogar Fühlen simulieren können ― wenn vorab Denken und Fühlen nach Art dessen, was Maschinen simulieren können, konzipiert wurden ―, aber sie kann nicht dein Freund sein, nicht dein Feind, nicht dein Lehrer, nicht dein Zuhörer. Sie kann dir nichts beibringen außer der Benutzung von Maschinen. Sie versteht nichts und kann dir nichts verständlich machen. Nur von Menschen kannst du erfahren, was es heißt und heißen könnte, ein Mensch zu sein. Von Maschinen und ihren Ideologen erfährst du allenfalls, dass du ein Ding unter Dingen bist. Vielen genügt das leider bereits. Das verstehe, wer will.

Freitag, 4. Dezember 2020

Luxusproblem „Rassismus“

Die bundesdeutsche Verfassung mit dem dauerprovisorischen Namen „Grundgesetz“ ist ein Text, auf den man sich von allen Seiten her gern beruft. Die „Werte des Grundgesetzes“ sind ein politpolemischer Dauerbrenner, den man jedem um die Ohren hauen kann, dessen Ansichten einem nicht gefallen. Der Wortlaut des Gesetztes freilich ist nie von Dauer gewesen, sondern wurde an zahlreichen Stellen zigmal umgeschrieben. Was das mit den „Werten“ macht, wird freilich nie erörtert.
Ein gutes Beispiel ist der Grundrechtsartikel 16, dessen zweiter Absatz bei Inkraftreten 1949 lautete: „Kein Deutscher darf an das Ausland ausgeliefert werden. Politisch verfolgte genießen Asylrecht.“ Den zweiten Satz tilgte man 1993 und fügte stattdessen den Artikel 16a ein, wo es im ersten Absatz zwar auch heißt: „Politisch verfolgte genießen Asylrecht“, aber dann folgen vier weitere Absätze, die festlegen, warum eigentlich doch nicht.
Wenn eine Verfassung die an sie Gebundenen darauf verpflichtet, politisch Verfolgten Asyl zu gewähren, dann ist das viel wert. Wenn man allerdings eine solche Bestimmung einfach aushöhlen kann und ihre Anwendung zum Gegenstand bürokratischen Geschachers macht, was ist dann noch der Wert von Grundrechten überhaupt?
Seit einiger Zeit möchten manche wieder am Grundgesetz herumschreiben. Es geht dabei um den dritten Ansatz von Artikel 3, der da lautet: „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“
Einigen Schlaumeierinnen und Schlaumeiern ist daran vor einiger Zeit aufgefallen, dass es doch so etwas wie „Rasse“ gar nicht gibt ― also ist die Verwendung des Wortes „Rasse“ rassistisch! Das muss dringend geändert werden.
Komisch Logik. Wenn ich sage, niemand dürfe wegen seines Wolpertingerhaftigkeit benachteiligt oder bevorzugt werden, und es gibt gar keinen Wolpertinger, dann wird auch niemand deswegen benachteiligt oder bevorzugt, weil er oder sie oder es ein Wolpertinger ist, die von mir aufgestellte Norm ist somit eingehalten, wie sinnvoll oder unsinnig sie auch sein mag.
Wenn es kein Rassen gibt, wie man immer predigt, dann wird auch niemand wegen seiner Rasse benachteiligt oder bevorzugt, die Grundrechtsnorm ist somit eingehalten und hat niemandem geschadet.
Denn den Nachweis bleiben die Befürworterinnen und Befürworte der Streichung des Wortes „Rasse“ aus dem Grundgesetz erstaunlicherweise schuldig: Dass die bisherige Formulierung irgendwelchen Schaden angerichtet, etwa indem sie Rassismus gefördert hätte. Ach ja, man sieht es richtig vor sich, wie Neonazis johlend das Grundgesetz schwingen, wenn sie „fremdrassige“ Menschen durch deutsche Innenstädten hetzen …
Mit anderen Worten: Dass der Nachweis, dass das Wort „Rasse“ im Grundgesetz je Unheil angerichtet hätte, nicht erbracht wird, ist selbstverständlich ganz und gar nicht erstaunlich, denn das Gegenteil ist der Fall: Nach allem, was bekannt ist, kam niemand je durch das Wörtchen Rasse in Art. 3, Abs. 3 GG zu Schaden.
Die Rasse-Hasserinnen und Rasse-Hasser berufen sich aber auch gar nicht auf eine unrechte Wirksamkeit der Rechtsnorm, sondern bloß darauf, dass „Rasse“ ein falscher Begriff sei. Denn so etwas wie Rassen gebe es im biologischen Sinne gar nicht. Das mag sein, wie es wolle, aber im Grundgesetz steht von biologischer Rasse auch nichts, da steht nur Rasse. Warum muss man damit etwas Biologisches meinen?
Die Änderungswilligen verwenden ja, kommt mir vor, selbst gern die Ausdrücke „schwarz“ und „weiß“, auf Menschen angewandt. Das sind gewiss keine biologischen, sondern soziokulturelle Kategorien. Aber bezeichnen sie als solche nicht genau das, was das Grundgesetz meint, wenn es Benachteiligung und Bevorzugung verbietet: Dass alle Menschen gleich sind, egal, welche „rassischen“ Zuschreibung in soziale und kultureller Hinsicht gemacht werden?
Nein, heißt es von Seiten der Formulierungsgegnerinnen und Gegner kategorisch, „Rasse“ werde im Deutschen (anders als „race“ im Englischen) immer und ausschließlich biologisch verstanden. Da fragt man sich doch: Wer legt das fest? Wer bestimmt, wie etwas verstanden wird und verstanden werden muss? Die Nazis beispielsweise, doch nun wirklich fanatische Biologisten, hoben stets hervor, dass „Rasse“ auch ein geistiger Begriff sei. Und wenn es darum ging, wer Jude ist und wer nicht, verließen sie sich nicht etwa auf körperliche Merkmale, sondern auf Ausweispapiere, Gemeindelisten und Grabsteine.
Zurück zur Gegenwart. Selbst wenn es so wäre ― das könnte man übrigens statistisch untersuchen ―, dass „Rasse“ oft, überwiegend oder fast immer als Biologisches verstanden würde, wer sagt, dass es so sein und so bleiben muss? Man sehe sich die Reihe der anderen Begriffe an: Geschlecht, Abstammung, Sprache, Heimat und Herkunft, Glauben, religiöse und politische Überzeugung. Nichts darunter, was notwendigerweise biologisch interpretiert werden muss ― man dächte denn bei Geschlecht nur an sexus und nicht auch an genus ―, ganz im Gegenteil, es sind lauter Begriffe, die sozialer Konstruktion unterliegen: Wie grenzt man eine Sprache von einer anderen ab? Bestimmt das sex das gender oder umgekehrt? Wer kommt von wo und stammt von wem ab? Was, wenn man zum Beispiel Kind eines Portugiesen und einer Finnin ist, in Kapstadt geboren und in Yokohama aufgewachsen? Kommt sicher eher selten vor, aber das Grundgesetz sagt: Egal, die Person darf sowieso nicht deswegen benachteiligt werden; also können es durchaus weiche Begriffe sein, bei denen jede vernünftige Deutung der Intention des Diskriminierungsverbotes entspricht.
Aber nein, sagen die, die das unerträgliche Unwort endlich aus der Verfassungsbestimmung raushaben wollen, „Rasse“ kann man nur so verstehen, wie wir sagen, dass sie immer und überall verstanden wird: streng biologisch. Spätestens jetzt sollte man die Frage stellen dürfen, wer eigentlich gewisse Leute zu Expertinnen und Experten in Sachen Rassismus, Ideengeschichte und Linguistik gemacht hat. Ist ihr überlegenes Wissen etwa angeboren? Gar genetisch verankert? Nein, natürlich nicht, wird es vermutlich heißen, sondern es handelt sich um „von Rassismus Betroffene“ (und deren Mitläuferinnen und Mitläufer).
Vielleicht ist da die mit aller gebotenen Vorsicht zu stellende Folgefrage erlaubt: Heißt von einer Sache betroffen zu sein, immer auch, diese Sache zu verstehen? Und zwar umfassend, durchdringend und zweifelsfrei, sogar in wissenschaftlich überprüfbarer Weise? Wer Krebs hat, wird dadurch nicht zum Onkologen, wer einen Verkehrsunfall hatte, nicht zum Verkehrsexperten und Unfallchirurgen, und wer wegen seines Aussehens oder der Deutung seines Reisepasses diskriminiert wurde, weiß darum noch lange nicht alles, was es über Rassismus zu wissen gibt.
Von „Rassismus betroffen“ (gewesen) zu sein, ist gewiss eine je nachdem mehr oder minder üble Sache und verdient durchaus Anteilnahme und respektvollen Umgang (wie das Wohl und Wehe jedes Menschen), es begründet für sich allein allerdings noch kein anderes Spezialwissen als das über die eigene Erfahrung und vielleicht ähnliche Erfahrungen, von den man erzählt bekommen hat oder die man beobachtet zu haben meint. Persönliche Erfahrung kann den Anlass und Antrieb bilden, sich Sachwissen zu verschaffen, aber sie ersetzt es nicht. Wie nicht nur die Lebenserfahrung, sondern auch wissenschaftliche Studien lehren, kann persönliche Erfahrung sogar die Realitätswahrnehmung verzerren und falsche Deutungen begünstigen.
Das heißt im Umkehrschluss selbstverständlich nicht, wer sich als „von Rassismus betroffene“ Person versteht, könne kein soziologisches, psychologisches, historisches oder philosophisches Wissen haben. Es geht schlicht darum, dass die Untersuchung dessen, was Rassimus ist und was rassistische Praxis bewirkt, unabhängig davon stattfinden muss, ob der oder die Untersuchende nun „weiß“, „Schwarz“ oder sonstwie zugeschriebermaßen und selbstverständnismäßigerweise gefärbt ist.
Benachteiligung oder Bevorzugung auf Grund der Zuordnung zu einer „Rasse“ ist eine ernste und sehr hässliche Sache. Das Thema sollte nicht für Symbolpolitik und symbolische Kapitalakkumulation missbraucht werden, nach dem Motto: Ich habe ein antirassistische Anliegen, und wer es nicht unterstützt, ist ein Rassist. Das ist pseudomoralische Erpressung und keine Argument.
Warum aber will ich Argumente und fühle mich unwohl, wenn ich eine „antirassistische“ Agenda zu bemerken meine, die de facto an Rassismen nichts ändert? Ich bin kein Bürger der BRD, mir kann es herzlich egal sein, was in deren Verfassung steht. Nicht egal ist mir aber, welche politischen Debatten geführt werden und wie. Mich interessiert sehr wohl, ob in einer reichen und mächtigen Gesellschaft Scheindebatten über eine völlig belanglose Wortwahl stattfinden. Oder ob, möglich wäre es doch, der strukturelle Rassismus der herrschenden Weltwirtschaftsordnung thematisiert wird, der sich die allermeisten Bürger und Bürgerinnen der BRD in kollektiver Komplizenschaft verbunden fühlen.
Zweifellos kann man, wenn „der Gesetzgeber“ es denn will, in der Verfassung ein Wort streichen oder ersetzen. Ob damit irgendetwas gewonnen ist (außer eine symbolpolitische Mehrwertabschöpfung), ist eine andere Frage. Dass damit nichts daran geändert ist, dass man ein System forciert, das auch und gerade in globalem Maßstab einige wenige Reiche immer reicher werden lässt und viel zu viele Arme der Ausbeutung und den Folgen von Umweltzerstörung und Ressourcenkriegen unterwirft und sie in jeder Hinsicht unwürdigen Verhältnissen zu leben zwingt, scheint mir offensichtlich. Das Missverhältnis zwischen reichen und armen Teilgesellschaften und Gesellschaftsteilen der Weltgesellschaft ist aber immer auch „rassisch“ markiert („diesen Leuten dort unten darf es schlecht gehen, damit es unseren Leuten hier oben gut geht“). Ob es nicht recht und billig und ethisch geboten wäre, daran etwas zu ändern, ist allerdings eine Frage, die beim Herumformulieren an Art. 3 GG anscheinend niemand stellen will.

Donnerstag, 3. Dezember 2020

Sein Geburtstag

Heute wäre sein Geburtstag. Sein siebenundfünfzigster, wenn ich mich richtig erinnere. Aber er ist ja schon zweiunddreißig Jahre tot. Schwerer, selbstverschuldeter Autounfall, ein paar Tage im Koma, dann Exitus. Wir alle, seine Freunde und Studienkollegen, waren damals schwer getroffen. Nach dem Begräbnis saßen wir im Kaffeehaus und redeten. Noch wochenlang redeten wir, um das Unfassbare zu fassen. Immer wieder fielen dabei Sätze wie: „Er ist nicht tot, solange wir an ihn denken. In unseren Erinnerungen lebt er weiter.“ Und ich weiß noch, ich dachte mir: „Scheiße, das ist nicht genug.“
Nein, das war überhaupt nicht genug. Bei weitem nicht. Ich war in ihn verliebt gewesen. Sehr sogar. Selbstverständlich hatte ich ihm nichts davon gesagt. Das hätte ich nicht über mich gebracht. Und niemand hätte etwas davon gehabt, er hatte ja eine Freundin, stand nicht auf Männer. Ich hatte mich also damit begnügt, ihn heimlich anzuhimmeln und mich zu freuen, wenn wir miteinander Zeit verbrachten, etwa nebeneinander im Hörsaal saßen oder im Kaffeehaus diskutierten oder mit anderen aufs Land fuhren.
Sein Tod traf mich bis ins Mark. Zum ersten Mal starb ein Mensch, den ich geliebt hatte. Nicht wie man als Kind seine Oma liebt, die dann stirbt und die man sehr vermisst. Sondern er starb, und durch die Welt ging ein Riss, durch mich ging ein Riss. Es war fast unerträglich. Wie sollte ich danach weiterleben?
Und dann eben dieser falsche Trost, den die anderen sich und einander zusprachen. „In unseren Erinnerungen lebt er weiter. Er ist nicht tot, solange wir an ihn denken.“ Auch das war unerträglich. Soll das heißen, wenn wir uns nicht mehr erinnern, wenn keiner mehr an ihn denkt, gibt es ihn nicht mehr? Was ist das für ein ausgedachtes Weiterleben, das von so etwas unsicherem und vergänglichen wie Erinnerung abhängt?
Mir war das nicht genug. Nicht einmal ansatzweise. Ich begriff, dass ich mehr brauchte, viel mehr. Ich begriff, dass ich, wie schwach mein Glaube auch ansonsten sein mochte, an ein Leben nach dem Tode glauben musste, dass es also Gott geben musste, damit es ein solches wirkliches Weiterleben geben konnte. Selber weiterzuexistieren, und zu glauben, er existiert nicht mehr, das war inakzeptabel. Es war etwas, das ich, ich in jeder Hinsicht meiner Existenz, ablehnte: physisch, psychisch und intellektuell. Ich begriff, dass ich nicht anders konnte, als an Gott und die Unsterblichkeit der Seele zu glauben,
Ich konnte nicht anders, das heißt nicht: Ich musste mir etwas einreden, um das Unerträgliche auszuhalten. Ich studierte ja Philosophie und Theologie, und war mir selbst und allen „Wahrheiten“ gegenüber kritisch genug, denke ich, um es zu durchschauen, wenn ich mir bloß irgendwas zurechtgelegt hätte, irgendeinen billigen Realitätsersatz.
Nein, die Notwendigkeit des Daseins Gottes und des Lebens nach dem Tode war keine Idee, sondern eine existenzielle Erfahrung. Keine, die jemand anderer auch machen muss, aber eine, die jeder machen könnte, der liebt. Jemande zu lieben heißt doch, das Dasein des anderen ganz und gar zu bejahen, unbedingt zu wollen, dass es ihn gibt. Dass es ihn angeblich nicht mehr gäbe, ist nicht hinnehmbar. Wahre Liebe will Ewigkeit. Der Tod kann nicht das letzte Wort sein. Billiger Trost kann nicht das letzte Wort sein. Irgendwelche komischen Ideen von Weiterleben in der erinnerung oder Rückkehr in eine Weltseele und Wiedergeburt als Wasweißich können nicht das letzte Wort sein.
Das letzte Wort muss sein: Er lebt. Das glaube ich. Ich weiß nicht genau, was das heißt. Es gibt dazu Lehren, und ich habe keine Einwände gegen sie. Himmel, Fegefeuer, Hölle, das klingt doch recht plausibel. Jedenfalls für mich. Jeder bekommt, was er sich mit seinem Tun und Lassen aussucht: das Gute, das Ungute und dazwischen die Möglichkeit der Läuterung. Wie auch immer. Entscheidend ist: Es gibt ihn, es gibt ihn immer noch, er lebt, auch wenn er gestorben ist. Das ist wichtiger, als dass es mich gibt. Ich liebe ihn immer noch. Ohne ihn wäre alles völlig sinnlos. Er lebt. Und darum schreibe ich das hier an seinem Geburtstag und nicht an seinem Todestag. Um sein Leben zu feiern, das ich ein paar Monate lang ein bisschen begleiten durfte, was ich mein Leben lang nicht vergessen werde, weil es mich glücklich machte. Ihm begegnet zu sein, ihn gekannt, ihn geliebt zu haben, war ein Geschenk. Wie also sollte ich nicht auf jenes andere Geschenk hoffen: ihn wiederzusehen.

Sonntag, 29. März 2020

Was ist bloß los mit mir?

Man kann es wohl nicht verstehen, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Es ist furchtbar. Ich erlebe es so: Ich weiß, dass zweimal zwei vier ist. Alle Welt um mich herum behauptet aber, es sei fünf, wenn nicht gar sechs. Selbst die Wohlmeinendsten konzedieren bloß, dass das Produkt der Multiplikation von zwei mit zwei zwar vielleicht nicht unbedingt fünf, aber doch auch nur schwerlich vier sei, wahrscheinlich eher so vierkommafünf, vierkommasechs oder um den Dreh.
Bin ich verrückt oder die anderen? Ich rechne nach. Zweimal zwei Äpfel macht vier Äpfel. Zweimal zwei Birnen macht vier Birnen. Es stimmt. Warum sagen die anderen, es seien fünf Bananen?
Ich mache mein abweichendes Rechenergebnis öffentlich. Ich bringe Belege. Ich lasse andere zu Wort kommen, die auch auf vier, nicht auf fünf kommen. Die hätten wohl den Schuss nicht gehört, heißt es daraufhin. Ich solle doch bitte nicht solchen Quatsch verbreiten. Das sei unverantwortlich. Ich hätte wohl den Ernst der Lage nicht begriffen. Jetzt müssten wir alle zusammenhalten und fünfe gerade sein lassen. Ob ich denn an eine Verschwörung glaubte? Es sei doch wohl höchst unwahrscheinlich, dass alle Welt sich dermaßen verrechnet hätte. Selbst wenn fünf oder sechs nicht stimme, vier sei ganz bestimmt falsch. Dann halte man sich lieber an fünf.
Es zermürbt mich. Auch helle Köpfe, oder die ich dafür hielt, stecken den Kopf in den Sand. Vorher murmeln sie noch: Fünf, fünf, fünf, es sind sicher fünf … Dann höre ich nichts mehr von ihnen. Sie wollen nicht mehr mit mir reden.
Ich zweifle an mir. Ich rechne nach. Es kommt vier heraus. Immer wieder. Ich kann einfach nicht verstehen, warum alle sagen, das sei falsch.
Oder fast alle. Denn langsam mehren sich die Stimmen, die Äpfel und Birnen wieder getrennt verrechnen und auch von Bananen unterscheiden wollen. Die vier für möglich halten. Die immer schon gesagt haben wollen: Zweimal zwei ist vier.
Bis sich das durchsetzt, wenn überhaupt, ist viel Obst verfault. Siehst du, wird man mir dann sagen, wir hatten Recht, es war zu viel Obst; reden wir also von Gemüse.
Entschuldigen wird sich bei mir keiner. Es wird mir nichts nützen, richtig gerechnet zu haben. Davon wird keine Rede sein. Das war Zufall, wird man bestenfalls sagen. Vielleicht hattest du Recht, vielleicht auch nicht. Eher nicht. Selbst wenn fünf nicht stimmte, das konnte ja niemand wissen.
Beim nächsten Mal werden sie wieder an irgendeine Zahl glauben wollen. Es wird wieder eine falsche sein. Woher ich das weiß? Ich kann rechnen. Das hoffe ich zumindest. Vielleicht bin ja aber ich der Verrückte.

Mittwoch, 25. März 2020

Notiz über Staat und Gesundheit

Das staatliche (oder private, vom Staat reglementierte) Gesundheitssystem ist eine wunderbare Einrichtung, wenn es funktioniert, in reichen Ländern naturgemäß besser als in armen, denn es rettet Leben, und das ist gut so, aber auch dann, wenn alle Teile der Bevölkerung einigermaßen gleichen Zugang zu Behandlung und Medikamenten haben, ohne sich gleich maßlos verschulden zu müssen, bleibt der Staat, der das fördert, ein Staat und ist als solcher böse. Zweck des modernen Staates ist die Sicherstellung von Ausbeutung, Zerstörung und Verdummung, das Reicherwerden der Reichen und das In-Schach-Halten der Armen. In den Gesellschaften des globalen Nordwestens wird dazu die Mittelschicht mit dem Zuckerbrot des relativen Wohlstandes und der Peitsche von Abstiegsangst und Sinnlosigkeit gefügig gemacht. Hedonistischer Konsumismus und individualistischer Konformismus gehören zusammen. Der Staat ist also, klassisch formuliert, nach wie vor ein Instrument der Klassenherrschaft. Manche profitieren von ihm. Viele nicht. Moralisch gesehen niemand.
Trotzdem gibt es, gerade in der Krise, Leute, die dem Staat unbedingt vertrauen und von ihm Rettung erwarten. Was dieselben Politiker, die sich sonst als Schwätzer und leicht zu korrumpierende Handlanger von Wirtschaftssinteressen erweisen, plötzlich zu klugen Ratgebern und legitimen Bestimmern über Tun und Lassen machen soll, ist freilich unerfindlich.
„Seid solidarisch und bleibt zu Hause“, fordert der Staat. Dass das paradox ist, fällt sogar einer Frau Merkel auf. Ohnehin klingt es obszön, wenn eine Politikerin, die sonst Tag für Tag die Entsolidarisierung und Segmentierung der Gesellschaft vorantreibt, von „Solidarität“ spricht.
Die Verminderung von Sozialkontakten soll Leben retten, glauben viele. Das ist Unsinn. Es geht darum, die Zahl der Neuinfektionen langsamer ansteigen zu lassen: die berühmte „Abflachung der Kurve“. Krankheit und Gesundheit, Leben und Tod sind Zahlen, die sich zu einer Statistik (von nlat. status „der Stand, der Staat“) fügen, die, als Diagramm anschaulich gemacht, die Realität weniger abbildet als vorgibt. Die absoluten Zahlen der Infektionen und Toten bleiben in diesem Modell gleich. Es wird also keineswegs, wie das Gerede besagt, „das Virus gestoppt“, noch werden „Leben gerettet“. Es geht nur darum, die Zahl derer, die in Krankenhäusern behandelt werden, auf einen längeren Zeitraum zu verteilen, weil ansonsten womöglich die Kapazitäten an Personal, Betten und Geräten nicht ausreichen. Dann sterben Menschen voraussichtlich nicht wegen der Pandemie, sondern wegen des überlasteten Gesundheitssystems.
Der Staat „schützt“ also niemanden vor dem Virus und dem Tod durch Erkrankung ― zumal es kein Heilmittel gibt, die Behandlung in den Krankenhäusern also allenfalls Symptome lindern und das Sterben, wenn es denn ansteht, hinauszögern kann. Er will nur vor den zusätzlichen Toten „schützen“, die das von ihm unterhaltene Gesundheitssystem produziert. Zu Recht weisen Kritiker darauf hin, dass die neoliberale Logik, wonach Krankenhäuser Betriebe sind, die Profit erwirtschaften müssen, erst zu einer Ausdünnung und Unterbezahlung des ärztlichen und pflegerischen Personals geführt hat, die sich nun, in der „Krise“ rächt.

Samstag, 9. November 2019

Notiz zum „Mauerfall“

Beim Wiedersehen der 30 Jahre alten Fernsehbilder stelle ich fest, dass mir die hysterischen Wahnsinn-Wahnsinn-Wahnsinn-Schreier so unsympathisch sind wie damals. Ja, sie konnten plötzlich in den Westen. Na und? Die SED hatte eines wesentlichen Repressionsmittel aus der Hand gegeben. Doch bis 1961 hatte es in Berlin bekanntlich gar keine Mauer gegeben. Viele Menschen nutzten das, um die SBZ oder die DDR zu verlassen. Aber viel, viel mehr Menschen taten das nicht. Im Gegenteil. Sie blieben wo sie waren und machten mit. Jahre- und jahrzehntelang dienten sie auf die eine oder andere Weise dem Regime. Jeder sechste Erwachsene war SED-Mitglied. Fast alle plapperten im vorgegeben Jargon, katzbuckelten vor der Macht, winkten und jubelten, wo zu winken und jubeln war. Dass der Konformismus erzwungen war, ändert nichts daran, dass viele im Herzen angepasst waren. Über eine halbe Million Menschen fungierten als Stasi-Spitzel. Heute schwärmt man von der gegenseitigen Hilfsbereitschaft, damals wusste man, ein falsches Wort gegenüber der richtigen Person, und du gehst in den Knast. Heute ist viel vom „Mut“ der DDR-Bürger die Rede. Ich verstehe nicht, worin der bestanden haben soll. Lange Zeit waren sie Mitläufer und Mittäter (die Zahl der Oppositionellen fiel kaum ins Gewicht). Als andere auf die Straße gingen, gingen sie mit. Ihre Parolen wurden zügig dümmer. Ihr Ziel war rasch Westmark und Konsumfreiheit. Der Untertan verachtet die Macht, die ihm nichts mehr antun kann. Vielleicht ist das eine Ursache für die ostdeutsche Melancholie: Sie hatten ihre Unterdrückung geliebt, dann verloren und können jetzt nicht zugeben, dass sie sie je geliebt haben. Dafür muss es Schuldige geben. Die Fremden und die, die ― wie ich ― ohne Respekt für die „Lebensleistung“ (Speichellecken, Heucheln, den Betrieb beklauen, Denunzieren ...) der Ossis sind. Beim Wiedersehen der alten Fernsehbilder fällt mir das alles wieder ein.

Mittwoch, 12. Juni 2019

Identitätspolitiken und Begehrtwerdenwollen

A: Kommt das Elend unserer Zeit nicht auch daher, dass die vorherrschende Identitätspolitik dazu geführt hat, dass jeder sich fragen soll, wer er sein möchte, statt danach zu fragen, von wem er begehrt werden möchte?
B: Ich sehe da keinen Widerspruch. Das Bedürfnis jemand zu sein im Sinne einer wiederkennbaren, klassifizierbaren „Identität“ ist nichts anderes, als der Wunsch begehrt zu werden. Daher stammt das Elend dieser Zeit und aller Zeiten: Dass die Menschen geliebt werden wollen, statt ihr Glück darin zu finden, lieben zu dürfen.
A: Das Identitäts- und Liebesbedürfnis ist also keine Folge der Identitätspolitik?
B: Ach, „Identitätspolitik“ ist ein beliebter Popanz, mehr nicht. „Identitätspolitik“ treiben immer die anderen, man selbst verwendet einfach die realistischen Kategorien. Man übersieht die eigene Identitätspolitik und wirft anderen „Identitätspolitik“ vor. Nach der Devise: Weiber, Schwuchteln, Neger — das sind doch alles Randthemen, worauf es ankommt, ist das proletarische Klassenbewusstsein (alternativ: die realen Sorgen der kleinen Leute). Oder man weist die Gefährdung der überkommenen Rationalität durch Toiletten für ein dritte Geschlecht als identitätspolitischen Irrsinn zurück, setzt aber zugleich auf vorzuschreibende Leitkultur, ethnisierten Nationalstaat und repressives „Wir gegen die (die draußen bleiben müssen)“.
A: Anders gesagt, faktisch bilden die Alternative zu „Identitätspolitik“ lediglich andere Identitätspolitiken?
B: Ja, und es gälte aus dieser Logik auszubrechen. Genau das aber geht nicht, weil scheinbar ohne „Identitäten“ der Liebesentzug droht.
A: Wie das?
B: Um begehrt und um geliebt werden zu können, muss ich als begehrenswert und liebenswert erkennbar und wiederkennbar sein. Ich muss eine kontinuierliche Form haben (und ich meine selbstverständlich nicht in erster Linie die äußere Erscheinung, sondern die soziokulturelle „Intelligibilität“), die kategorisierbar ist. Man muss wissen, womit man es zu tun hat, wenn man es mit mir zu tun hat, sonst lässt sich niemand auf mich ein. Ich muss also Erwartungen erfüllen und zugleich innerhalb des Erwartbaren dieses wenigstens insofern überschreiten, um von anderen, die dieselben Strategien verfolgen, halbwegs unterscheidbar zu bleiben. Zumindest für eine definierbare Zielgruppe: Das Begehrt- und Geliebtwerdenwollen ist im Idealfall ein Geschäft auf Gegenseitigkeit. Ich liebe dich, weil du mich liebst, und du liebst mich, weil ich dich liebe.
A: Sie setzen mir da Begehren und Liebe allzu rasch in eins, aber seis’s drum, jedenfalls für den Moment. Ich möchte aber noch kurz bei der „intelligiblen“ Identität bleiben, anders gesagt: beim Individuum und seinem Konformismus.
B: An das moderne Individuum wird eine doppelte Forderung gerichtet. Einerseits: Sei du selbst, einzigartig und unverwechselbar. Andererseits: Sei wie alle, sei normal, weiche nicht zu sehr ab. Das scheint ein Widerspruch, und ist es auch, wird aber in der Praxis einfach zur wechselseitigen Regulierung der Ansprüche auf Autonomie und Zugehörigkeit. Das Individuum versucht, originell zu sein, stellt sich diese Originalität aber aus vorgefundenen Versatzstücken zusammen. Je ausgearbeiteter sein „style“ ist, desto mehr ist es dem Aktuellen und Konsumierbaren verhaftet. Das sich selbst fabrizierende Individuum bricht nicht mit den Kategorien (das führte zu seiner Pathologisierung), es arrangiert sich mit ihnen, indem es sie für sich in einem Wechselspiel von Nachahmung und Abgrenzung in begrenztem Rahmen rearrangiert. Wenn alle „individualistisch“ sind, ist Individualismus freilich eine Ausprägung des Konformismus. 
A: Ein Konformismus aber nicht des Erscheinungsbildes, sondern der Ansprüche, Erwartungen, Wünsche. Alle wollen, dasselbe, nämlich von einander verschieden sein.
B: Sehr richtig. Alle wollen sich von einander unterscheiden und erkennen einander als demselben Unterscheidungsbedürfnis verhaftet an. Letztlich ist es in einer solchen Gesellschaft nicht mehr möglich, nonkonformistisch zu sein, weil auch alle möglichen verschiedenen Typen des „Nonkonformisten“ bereits zur Verfügung stehen und Teil des Sortiments annehmbarer Identitäten sind.
A: Ein System, mit dem man nicht brechen kann?
B: So scheint es. Es sei denn, man hörte auf, an der eigenen Identität zu arbeiten.
A: Wie soll das gehen? Sie sagten, man müsse identifizierbar sein.
B: Man müsste aufhören, geliebt werden zu wollen.
A: Also führt der einzig mögliche Bruch mit dem System der „individualistischen“ Identitäten zur Einsamkeit?
B: Vermutlich. Zumindest zur Anachorese.
A: Das ist mir jetzt zu deprimierend. — Ich möchte noch einmal auf die „Identitätspolitik“ zurückkommen …
B: Die Identitäten, um die es dabei für gewöhnlich geht, sind ja keine individuellen. Es sind im Grunde Gruppenzugehörigkeiten. Im weitesten Sinne also „Rasse, Klasse, Geschlecht“ und ihre immer weiter verfeinerbaren Unterscheidungen. Eine Identität zu haben heißt dann: Einer von denen zu sein. Bestenfalls eben von einer anerkannten Gruppe. Noch besser, wenn diese Anerkennung prekär ist, erst ausgehandelt werden muss, wenn es noch Diskriminierung und einen vorzeigbaren Opferstatus gibt. Das „identitätspolitische“ Individuum bezieht sein Selbstverständnis im Ringen um Anerkennung aus der Zugehörigkeit zu einer Kategorie. Es will also streng genommen nicht mit sich selbst identisch sein — und man könnte fragen: Mit wem denn sonst? —, sondern „Identität“ heißt wiederkennbare und einordenbare Zugehörigkeit. Bloß kein Einzelfall sein, sondern unbedingt ein Fall von X.
A: Ließe sich damit brechen?
B: Aber ja. Statt bestimmte Rechte als Angehöriger eine Gruppe, als Fall von X einzufordern, muss es politisch darum gehen, dass Rechte zugesprochen werden und ausgeübt werden können unabhängig von „Identitäten“. Das ist ein altes theologisches Prinzip: Gott sieht nicht auf die „Person“ (im Sinne des Status, der „Identität“), sonder darauf, was eine Person tut oder lässt. Die Moderne hat das sehr gelungen zu dem emanzipatorischen Prinzip der Gleichheit vor dem Gesetz säkularisiert: Egal, ob Mann oder Frau (oder beides oder keins von beidem), ob alt oder jung, ob behindert oder nicht, ob weiß oder schwarz, ob alteingesessen oder zugewandert, ob dies oder das usw. usf. — vor dem Gesetz sind alle gleich und werden nur nach dem beurteilt, was sie tun oder lassen, und nicht nach ihrem „Sein“.

Dienstag, 11. Juni 2019

Die Wahrheitsfalle

Ich laufe immer wieder in dieselbe Falle. Die Person X sagt etwas über die Sache Y, und ich finde an der Aussage etwas falsch oder ergänzungsbedürftig und äußere mich darum ebenfalls zur Sache Y. Da schnappt die Falle zu. Denn während ich annahm, es sei X um Y gegangen, genauer: um die Wahrheit über Y, weshalb X an Argumenten für ein besseres Verständnis von Y interessiert sei müsse, während es mir also um die Sache ging, ging es X um sich selbst. Was ich zu Y sage, wird darum nicht als Angebot sachlicher Kritik, als Vorschlag zur Verbesserung oder als Beitrag zu einem gemeinsamen Bemühen um die Wahrheit über Y wahrgenommen, sondern als Angriff auf X.
Immer wieder begehe ich den Fehler, Aussagen über irgendetwas, als Ausdruck eines Interesses an der Wahrheit über dieses Etwas zu verstehen und entsprechend zu behandeln, statt sie als Ausdruck des Wunsches nach Anerkennung und Bestätigung zu nehmen, der sie vor allem sind.
Darum wird mir immer wieder der Vorwurf gemacht, ich sei rechthaberisch. Ich habe an anderer Stelle (hier, hier und hier) schon ein paar Dinge dazu gesagt, warum es mir schwer fällt, die Feststellung, ich wolle immer Recht haben, überhaupt als Vorwurf zu verstehen. Will denn nicht jeder Recht haben? In dem Sinne, dass er will, dass das, was er sagt, richtig ist, und dass er es sagt, weil es richtig ist (nicht in dem Sinne freilich, dass richtig ist, was er sagt, weil er es sagt)? Wollen Menschen je Unrecht haben, wenn sie sich über etwas äußern? Kann es ihnen wirklich egal sein, ob richtig oder falsch ist, was sie sagen? Warum reden sie dann?
Sie reden, um sich darzustellen, um zu zeigen, wie gebildet oder unverbildet sie sind, einsichtig und gewitzt, wie begabt und geschickt, aber auch wie schlicht oder kompliziert, wie bescheiden oder wie weltläufig,  wie glücklich oder unglücklich, wie beneidenswert oder bedauernswert, wie normal oder wie außergewöhnlich. Sie nehmen Phänomene war und äußern sich dazu, aber ihre Äußerungen sind, gerade auch dann, wenn Tatsachen behauptet und gewertet werden, vor allem soziale Kommunikation, erst dann Kommunikation in der Sache.
Selbstverständlich gilt dies an unterschiedlichen Orten bei unterschiedlichen Gelegenheiten auf unterschiedliche Weise. Immer aber gilt es. Fast immer. Die rein sachliche Auseinandersetzung, getragen von dem gemeinsamen Interesse an dem, was wahr ist, und drauf gerichtet, das Wahre zur Geltung zu bringen, ist selten. Lieber bestreitet man, dass es überhaupt um Wahrheit geht, ja dass es Wahrheit überhaupt gibt, als vom Anspruch auf Bestätigung abzulassen. Man will tatsächlich nicht Recht haben, man will, letztlich, geliebt werden.
Mir hingegen hat der Satz Amicus Plato sed magis amica veritas seit jeher eingeleuchtet und als Ansporn gedient. Ich will verstanden werden und mit dem, was ich sage, richtig liegen. Ob man mich dafür hasst oder liebt, mir Recht geben zu müssen, ist mir egal. (In der Regel hassen sie es.) Ich habe nichts dagegen, dafür geliebt zu werden, dass ich bemüht bin, die Wahrheit zu sagen. Aber lieber sage ich die Wahrheit und werde nicht geliebt, als dass ich geliebt werde, obwohl ich lüge oder die Wahrheit verschweige. 

Es geht mir um wahre Rede. Ich kann mich irren und tue es auch. Wahrheit ist ein Anspruch, kein Besitz. Ob man ihm gerecht wird, mag zweifelhaft sein und bleiben. Ihn nicht zu erheben, ist mir unvorstellbar. Damit sitze ich in der Falle.

Donnerstag, 28. März 2019

Simple Antworten auf simplifizierte Fragen

Ich bin ja ein schlichtes Gemüt, darum muss ich mir die Dinge, gerade auch die komplizierten, in sehr einfachen Worten ausbuchstabieren, um überhaupt irgendetwas zu verstehen. Was nun Gesellschaft, Wirtschaft, Staat und dergleichen betrifft, so stellt es sich mir zunächst so dar: Es soll recht und billig zugehen. Gerecht heiß: Jedem nach seinen Bedürfnissen, jeder nach seinen Möglichkeiten. Billigkeit bedeutet, Gleiches gleich und Ungleiches ungleich zu behandeln. Übrigens ist Gerechtigkeit ohne Freiheit nicht zu haben, weil Unfreiheit immer Unrecht erzeugt und Benachteiligte nie so frei sind wie nicht Benachteiligte. Krieg, Not und Elend bedingen Unrecht und Unfreiheit. Ein allgemeines politisches Programm (Politik: die auszuhandelnden Regeln des Zusammenlebens und deren Anwendung betreffend) könnte also lauten: Gerechtigkeit, Freiheit, Wohlstand und Frieden für alle und jeden, ohne Diskriminierung, also unabhängig von der Zuschreibung bestimmter Merkmale (Herkunft, Geschlecht, sexuelle Orientierung, Alter usw. usf.), sofern diese Merkmale keine Unterscheidung in der Sache erfordern (Männer tragen keine Kinder aus, also benötigen sie keinen Schwangerschaftsurlaub). Bestehende Diskriminierungen abzuschaffen, wäre der emanzipatorische Anspruch. Strategisch gesehen kann es dabei helfen, die Zuschreibung von Merkmalen affirmativ aufzugreifen, und „Identitäten“ zu formulieren, um den konkreten Ausschluss und die konkrete Benachteiligung der Identifizierten zu überwinden („Black Lives Matter“) und nicht abstrakt-allgemein zu bleiben.
So weit, so simpel. Was nun das Wirtschaften betrifft, so meine ich: Niemand (außer Robinson auf der Insel) wirtschaftet für sich allein. Selbst auf Konkurrenz gegründete Systeme setzen Mitwirkende voraus, nämlich nicht nur Konkurrenten, sondern auch und vor allem den umfassenden Bereich der Kooperation, an dem die Konkurrenzwirtschaft parasitiert (also Familie, Freundschaft, Staat usw.). Jedenfalls wird das, was man das gesellschaftlich Erwirtschaftete nennen könnte (Gesamtheit der Güter und Dienstleistungen), gemeinsam erwirtschaftet, wenn auch zugegebenermaßen mit unterschiedlich wirkungsvollen Beiträgen.
Setzt man nun, um Gerechtigkeit walten zu lassen, erst bei der Umverteilung des schon verteilten Erwirtschafteten an, greift man zu kurz, weil die zu Grunde liegenden Eigentumsverhältnisse über die Verteilung bereits entschieden und Unrecht erzeugt haben. Dass das Eigentum an den Produktionsmitteln ungleich verteilt ist, führt (neben Krankheit, Alter, Unfällen usw., die aber jeden betreffen oder betreffen können) dazu, dass nicht jeder seinen ihm möglichen Beitrag leisten kann und nicht seinen angemessenen Anteil erhält, was dann erst Umverteilung nötig oder zumindest wünschenswert macht
Würden hingegen die Produktionsmittel (dort wo es sinnvoll ist) als Gemeineigentum behandelt (also nicht der Schraubenzieher des Einzelnen verstaatlicht, wohl aber die Fabrik mit ihrem Maschinenpark vergenossenschaftlicht), würde damit dem entsprochen, dass Wirtschaften immer kooperativ ist. Das Privateigentum stünde der Gerechtigkeit nicht im Wege: mein Begriff von Sozialismus. Vom gemeinsam (gesellschaftlich) Erwirtschafteten wäre dann das, was für gemeinsame Erfordernisse aller und zur Bedürfnisbefriedigung jedes Einzelnen (billigerweise) nötig ist, zuzuteilen und erst der Rest dann nach den jeweiligen Beiträgen zur Wirtschaftsleistung aufzuteilen. (Das alles ist nicht nur simpel, sondern auch recht abstrakt und allgemein gesagt, und vor allem der Weg dorthin wird hier nicht erörtert. Alles zu seiner Zeit.)
Nun sagen manche: Es reicht nicht für alle. Darum müssen einige ausgeschlossen werden oder bleiben. Tatsache ist aber, dass die Armut der einen zum Reichtum der anderen beiträgt. Und dass die Kosten, ein ungerechtes System aufrecht zu erhalten, vom allgemeinen Wohlstand abgehen. Unter der Voraussetzung von Gerechtigkeit und Freiheit gilt: Es ist genug für alle da, wenn vernünftig gewirtschaftet wird, also kooperativ, kreativ, recht und billig. (Was nicht heißt, dass beliebig viele Menschen die natürlichen Ressourcen nützen können, aber das ist ein anderes Thema.)
Schlimm ist es, wenn im Grunde gemeint wird: Es soll gar nicht für alle reichen! Es soll Herren und Knechte geben, lebensentscheidende Konkurrenz und grundsätzliches Unrecht. Derlei ist unethisch und dumm und muss politisch bekämpft werden.
Manche sagen: Identitätspolitik steht dem eigentlichen Thema, der sozialen Frage, im Wege. Als ob die Identifizierung einer Arbeiterklasse oder des Proletariats je etwas anderes als Identitätspolitik gewesen wäre! Tatsächlich ist nicht-strategisches Identifizieren, das also nicht auf Überwindung der (politischen Wirksamkeit von) Identitäten hinaus will, sondern Identitäten zu in jeder Hinsicht quasi natürlichen Entitäten verfestigt, die dann noch dazu mit anderen konkurrieren, immer reaktionär (wenn das das Gegenwort zu „emanzipatorisch“ ist; zu „emanzipatorisch“ siehe oben).
Seltsamerweise wird von den Gegnern von Identitätspolitik diese fast immer als essenzialitische, nicht strategisch-ironische begriffen, zugleich aber mit Symbolpolitik gleichgesetzt und abgewertet („politische Korrektheit“). Als ob Symbolisches keine Wirkungen hätte! Wie in einer Gesellschaft mit der Verschiedenheit von Menschen (in Gedanken, Worten und Taten) umgegangen wird und, daraus folgend, was als Teilnahmebedingung und was als Ausschlusskriterium gilt, ist die soziale Frage.
Fazit: Bei emanzipatorischer Politik geht es nicht erst um Verteilungsfragen („Es soll für alle reichen“), sondern sehr viel grundsätzlicher um Fragen des gesellschaftlich geregelten Zugangs bestehenden und erst zu schaffenden Möglichkeiten der Mitwirkung und Selbstgestaltung, um die An- und Anerkennung von Rechten und Pflichten und die nicht bloß formalen, sondern realen Bedingungen dafür, Rechte auszuüben und Pflichten wahrzunehmen, kurz: um Teilhabe.
So also denke ich mir das. Aber ich bin ja, wie gesagt, ein eher schlichtes Gemüt.

Montag, 12. November 2018

Kleine theologische Skizze (für M. Y.)

Die Frage, warum wir da sind, fragt nach dem Grund unseres Daseins, nicht nach einem Zweck („wozu?“) oder Sinn („wofür?“) und ist von der Frage, was wir tun sollen, zumindest formal verschieden. Der Grund unseres Daseins kann nicht das Dasein selbst sein oder welchen Zweck es hat oder welches Sollen sich damit verbindet; denn solange wir nicht sind, sind wir nicht, der Grund unseres Daseins muss also diesem Dasein selbst vorausliegen. (Was nicht ist, hat keinen Grund.) Religiös formuliert: Gott hat uns ins Dasein gerufen. Durch ihn sind wir da. Dass Gott uns will, jeden Einzelnen, ist der Grund unseres Daseins. Nun hat Dasein im Deutschen wunderbarer Weise eine wenigstens zwiefache Bedeutung: dasein als existieren und dasein als sorgen für, sich kümmern um jemanden. „Ich bin für dich da“ heißt also sowohl: „Ich existiere für dich (du hältst mich für existierend)“ als auch „Ich sorge für dich, kümmere mich um dich (stehe bereit für dich)“. Wenn also aus dem Dasein selbst eine Verpflichtung, ein Sollen erwächst oder zumindest sich damit verbindet, dann in dem Sinne, der schon angelegt ist im die Sache bezeichnenden Wort: dazusein für andere. Nicht bloß im Sinne des Existierens, sondern der Fürsorge, der Unterstützung, der Hilfe. Christlich formuliert: Gottes Liebe hat uns ins Dasein gerufen, unsere Antwort ist die Liebe zu Gott und zum Nächsten. Der Sinn unseres Daseins ist das, worauf unser Dasein verweist. Auch dies kann nicht einfach das Dasein selbst sein, sondern muss über das Dasein hinausgehen. Das irdische Dasein ist endlich. Wenn aber sein Grund unendlich ist, wird auch sein Sinn unendlich sein. Theologisch formuliert: Der Sinn unseres Daseins ist Gott. So zu leben, dass wir für Gott da sind (ihn loben und rühmen) und für unsere Mitdaseienden (miteinander füreinander dazusein), verweist auf das ewige Leben auch über den Tod hinaus. Unser Dasein stammt aus der Fülle von Gottes Zuwendung zu uns und will und soll sich darin erfüllen. Konkret heißt das, so zu leben, dass keine unserer Handlungen dem Dasein eines anderen abträglich ist. Maßstab ist unser eigenes Dasein in der Welt: Die anderen so behandeln, wie wir behandelt werden wollen. Darauf folgt nicht „Belohnung“ im vordergründigen Sinne, sondern das Gute, das wir tun, ist — gleichsam ins Unendliche verlängert — selbst der Lohn der Tat. Unserer Schwachheit kommt Gottes Gnade zu Hilfe. Wir vermögen fast nichts (außer vor allem uns und einander zu schaden), aber für Gott ist nichts unmöglich. Sein Dasein ist Grund und Sinn unseres Daseins. Er will uns und auch wir sollen uns und einander wollen. Gott ist gut, darum sollen auch wir gut sein. „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“ (Erich Kästner)

Donnerstag, 11. Oktober 2018

Aborto è come affittare un sicario

„Abtreibung ist wie das Anheuern eines Auftragskillers.“ Dieser Papst und ich sind weißgott nicht in allem einer Meinung, aber wo er Recht hat, hat er Recht. Selbstverständlich ist jetzt das Wutgeheul groß. Wie kann der sowas sagen! Das geht doch nicht. Man wollte von diesem Papst doch „Reformen“: verheiratete Priester, geweihte Priesterinnen, Ehescheidung — und eben Abtreibung. Und jetzt stellt der Oberpfaffe sich so quer zu dem, was in der modernen, aufgeklärten, säkularen Gesellschaft Konsens ist. Pfui Deibel. In Wahrheit wissen alle, dass der Papst Recht hat. Jeder, der wenigstens noch eine Spur eines Gewissens hat, weiß, dass Abtreibung Mord ist. Was soll sie auch sonst sein? Menschen töten Menschen aus wie auch immer gearteten selbstischen Motiven. Dass die Getöteten Ungeborene sind, macht sie nicht zu Nichtmenschen, sondern den Akt nur besonders grausam. Die Tötung des eigenen Kindes in Auftrag zu geben, ist in der Tat wie das Anheuern eines Auftragskillers. Ein Vergleich, so einfach und deutlich, als sei er direkt aus den Evangelien genommen. Dass er die Herzen der Verstockten trotzdem nicht erreicht, zeigt, in welch durch und durch verkommenen Zeiten wir leben.

Mittwoch, 10. Oktober 2018

Von Hass und Miteinanderreden

Diese dauernde Diffamierung des Hasses ist mir verhasst. Es gibt Phänomene, auf die ein anständiger Mensch gar nicht anders als mit tief empfundener völliger Ablehnung reagieren kann und darum auch nicht soll. Und dieses Geschwätz, dass die Leute einander nicht mehr zuhören und bloß mehr miteinander reden müssten, damit alles wieder gut werde, dieses dumme Geschwätz ist mir auch verhasst. Wozu bitte soll ich mit einem Rassisten diskutieren? Gewiss hat auch er „Argumente“. Nur eben falsche. Da er die nicht deshalb hat, weil er bedauerlicherweise falsch informiert wurde, sondern weil er sie sich gesucht hat, um Rassist sein zu können, wird ihn auch kein Gegenargument davon abbringen. 
Es stimmt schon, die Leute hören nicht zu und Debatten verlaufen als vorhersehbare Schlagabtäusche, aber das zu Grunde liegende Problem ist nicht, dass zu wenig von unterschiedlichen Meinungen die Rede ist, sondern dass es zu oft an Haltung und Anstand mangelt. Falsche Einstellungen gibt es hingegen mehr als genug. 
Dass Flüchtlinge im Mittelmeer ersaufen sollen oder dass reiche Gesellschaften (deren Reichtun ohnehin illegitim ist) von ihrem Reichtum etwas zurückgeben müssen — das sind nicht zwei verschiedene, im Prinzip gleichberechtigte Meinungen, über die man mal gemütlich diskutiere sollte, sondern das eine ist eine verabscheuungswürdige Unanständigkeit, das andere eine Selbstverständlichkeit, kaum der Erwähnung bedürftig.

Sonntag, 23. September 2018

Wahlrecht für alle, unabhängig von der Staatsbürgerschaft?

Man kann doch dem Staatsbürger nicht das Letzte nehmen, was ihn bei der Stange und damit aufrecht hält: Sein Wahlrecht. Der Glaube, dass seine Stimme zählt, und eigentlich nur seine, jedenfalls nicht die von irgendwelchem landfremden Gesindel, das von den Grundwerten gar keine Ahnung hat, der Glaube also an sein demokratisches Privileg, durch das er, wenn auch erst in der Mehrheit, bestimmt, wo's lang geht, dieser Glaube an die Beeinflussbarkeit der Politik durch Wahlen ist das letzte Brett vorm Kopf, das den Staatsbürger vom Abgrund der Anarchie trennt. Dass Politik im Wesentlichen nicht von der Zusammensetzung des Parlaments bestimmt wird, sondern diese von jener und ziemlich egal ist, weil Politik de facto im täglichen Verhalten von jedem zu jedem besteht und die bestehenden Verhältnisse Tiefendynamiken haben, die nicht von Reden und Majoritätsbeschlüssen entschieden werden, sondern durch Ressentiment und Kapital, dass die Realität also eine andere ist als die der Balkendiagramme, das kann, darf und will der Staatsbürger (im gegenständlichen Fall: die Kartoffel) sich nicht ein- und niemandem (also bestimmt keinem, wie sag ich's bloß, Nichtnachtschattengewächs) zugestehen. Kurzum, wenn jeder wählen darf, ist das Wählen nichts wert. Dann könnte man ja gleich demokratisch, gerecht, kooperativ miteinander umgehen. Wer will das schon?

Samstag, 26. Mai 2018

Es gibt kein „Recht“ auf „Abtreibung“

Stellen Sie sich vor, Sie unternähmen eine Bergwanderung. Plötzlich kommt es zu einem unvorhergesehene Ereignis, jemand aus ihrer Begleitung rutscht an gefährlicher Stelle ab, kann sich nicht festhalten, es gibt kein Sicherungsseil, es droht der Absturz in den sicheren, aber in allerletzter Sekunde bekommen Sie diese Person noch mit einer Hand zu fassen, können sie fürs Erste retten. Und nun? Sie halten die Person mit einer Hand fest, das ist schwer, fast unerträglich. Wenn Sie loslassen, stirbt die Person. Anderseits, es ist Ihre Hand, mit der können Sie doch wohl machen, was Sie wollen, wieso sollten Sie verpflichtet sein, ein Unglück, das Sie nicht gewollt und nicht bewirkt haben, zu verhindern? Das ganze Gewicht eines anderen Menschen zieht an Ihnen, das ist unangenehm und vielleicht sogar riskant, denn vielleicht zieht die andere Person sie mit in die Tiefe. Dürfen Sie loslassen?
Ich denke nicht, dass in einer solchen Lage irgendjemand dafür Verständnis hätte, wenn Sie einfach losließen, wenn Sie nicht wenigstens versuchten, die abstürzende Person zu packen, hochzuziehen und so ihr Leben zu retten. Ich denke nicht, dass es da Zweifel geben kann, was ethisch richtig und was falsch ist.
Allgemein gesprochen: Wenn das Leben eines anderen Menschen in unserer Hand ist, wenn es an uns liegt, ob die Person lebt oder stirbt, dann ist es unsere Pflicht, uns für das Leben zu entscheiden und im Rahmen des uns Möglichen, dieses Leben zu bewahren. Alles andere wäre ein Todesurteil (das uns in der Regel nicht zusteht). Wir können uns nicht darauf berufen, dass wir autonom sind und der anderen Person gegenüber zu nichts verpflichtet. Wir sind verpflichtet, und wäre es nur weil die besondere Lage, auch wenn wir sie vielleicht nicht beabsichtigt haben, uns die Pflicht auferlegt, uns für den Anderen, dessen Leben von unserem Handeln abhängt, zu entscheiden. Wir haben kein Recht, uns dem Anspruch des Anderen zu entziehen. Selbst wenn wir das Recht hätten, in Ruhe gelassen zu werden, beliebig zu entscheiden, den Weg der geringsten Belastung zu gehen, so wäre, sobald wir unweigerlich für eines anderen Menschen Leben Verantwortung haben, ein solches Selbstbestimmungsrecht dem Recht des Anderen auf sein Leben untergeordnet und unsere Pflicht, der Verantwortung gerecht zu werden, uneingeschränkt.
Ich sehe nicht, wie man gegen diese Sichtweise argumentieren kann, man gäbe denn die Grundlage jedweder Ethik auf. Die meinem Verständnis nach auf der Goldenen Regel gründet: Handelt stets so, wie ihr von anderen behandelt werden wollt. Wer aber spräche einer anderen Person, deren Verhalten über das eigene Leben oder den eigenen Tod entscheidet, das Recht zu, nach Belieben und unter dem Gesichtspunkt autonomer Lebensgestaltung zu handeln, auch wenn das den eigenen Tod bedeuten müsste? Jeder würde fordern: Halt mich fest, zieh mich hoch, lass mich nicht in die Tiefe stürzen, lass mich nicht sterben. Und er würde das mit Recht, fordern, weil er annehmen darf, das andere in vergleichbarer Situation dasselbe fordern würden.
(Gewiss, es gibt Menschen, die sich den Tod wünschen und darum bitten, umgebracht zu werden. Aber das sind Sonderfälle, die einer gesonderten Betrachtung bedürften. Hier aber soll nicht von Lebensmüden die Rede sein, sondern von Menschen, die — explizit dazu befragt oder nicht — am Leben bleiben wollen.)
Ich will leben und fordere von dir, mein Leben durch dein Tun und Lassen nicht zu beenden. Ich jedenfalls werde durch mein Tun und Lassen dein Leben nicht beenden. Das scheint mir die Anwendung der Goldenen Regel auf den Fall zu sein, wo einer für des anderen Leben oder Sterben Verantwortung trägt.
Ich kann nicht erkennen, dass es Gründe gäbe, diese Anwendung nicht auch im Fall von Schwangerschaft und sogenannter „Schwangerschaftsunterbrechung“ (die in Wahrheit selbstverständlich keine Unterbrechung ist, sondern eine endgültige Beendigung, also Tötung) gelten zu lassen.
Wenn einer Frau schwanger ist, bedeutet das, dass das in ihrem Körper heranwachsende Leben von ihr abhängig ist. Das Verhalten der Schwangeren kann über Gesundheit, Leben und Tod des ungeborenen Kindes entscheiden. Denn um ein Kind, also um einen anderen Menschen, nicht um irgendein ein Ding oder eine abstrakte Masse, handelt es sich. „Ein Kind bekommen“, „ein Kind erwarten“, „dass ein Kind unterwegs ist“ sind synonyme Formulierungen für „schwanger sein“; und nicht: „da ist irgendwas in meinem Bauch“. Dem Ungeborenen das Menschsein abzusprechen, es sozusagen zur noch nicht menschlichen Vorform eines richtigen Menschen zu erklären, setzte voraus, dass man sichere Kriterien dafür hätte, wodurch und wann ein Etwas zu einem Jemand wird. Niemand verfügt aber über solch unstrittige Kriterien. An der körperlichen und unterstellten Entwicklung anzusetzen, ist willkürlich. Auch ein einjähriges Kind ist kein voll entwickelter Mensch. Soll man es darum töten dürfen? (Manche Kulturen, die in Notlagen Kinder in der Wildnis aussetzten, könnten das bejahen. Teilen wir deren Auffassung? Wie steht es mit Dreijährigen, Vierjährigen usw., zumal wenn diese schwach, krank, behindert sind?)
Von dem Augenblick an, in dem eine Eizelle befruchtet ist, steht es keinem Menschen mehr zu, durch willkürliche Interpretation, dem damit Gezeugten das Menschsein abzusprechen. Ist eine befruchtete Eizelle in der Gebärmutterwand eingenistet, ist die Frau schwanger, sie erwartet das Kind, das aus dieser eingenisteten befruchteten Eizelle wird — wenn kein Unglück geschieht oder Menschen eingreifen.
„Abtreibung“, wie man die Tötung eines ungeborenen Kindes verschleiernd nennt, ist durch nichts zu rechtfertigen. Es handelt sich um die Tötung eines Menschen durch andere, und das ist ethisch falsch. Unabhängig von jeder gesetzlichen Regelung verstößt eine solche Tötung, man nenne sie Mord, Totschlag oder sonstwie, gegen das grundlegende und unverlierbare Recht eines jeden Menschen auf Leben und Unversehrtheit.
Wir müssen alle sterben. Das verletzt nicht unser Recht auf Leben. Es gibt besondere Lagen (Selbstverteidigung, Krieg, Todesstrafe), in denen jemandes Tod hingenommen oder herbeigeführt wird, aber das setzt Angriff, Kriegszustand, Verbrechen voraus und hat nichts mit „Abtreibung“ zu tun. Tötung aus Notwehr, im Krieg oder als Strafe verletzten zwar das Recht auf Leben, aber zumindest der Konvention nach wird damit das Recht anderer geschützt oder ein Rechtsbruch gesühnt. Das Ungeborene hingegen greift die Mutter nicht an, so dass sie sich verteidigen müsste, es hat überhaupt nichts Böses getan und darf darum selbstverständlich nicht bestraft werden.
Manche sagen, ein Frau dürfe ihr ungeborenes Kind töten (lassen), wenn sie nicht die Absicht gehabt habe, schwanger zu werden. Warum? Wenn sie freiwillig Geschlechtsverkehr hatte, ging sie damit das „Risiko“ ein, schwanger zu werden. Das liegt in der Natur der Sache. Hätte sie wirklich auf keinen Fall schwanger werden wollen, hätte sie keinen Geschlechtsverkehr haben dürfen. Ihr Unvermögen zu Enthaltung oder „Verhütung“ kann kein Todesurteil für ihr Kind begründen.
Manche sagen, ein Frau dürfe ihr ungeborenes Kind töten (lassen), wenn sie unfreiwillig Geschlechtsverkehr hatte und dadurch schwanger wurde. Warum? Das Recht des Kindes auf Leben und die Verpflichtung der Mutter, dieses Leben zu bewahren, steht in keinem Verhältnis zum Verhalten des Erzeugers. Dieser mag der böseste Mensch auf Erden sein und die Zeugung unter menschenunwürdigen, gewaltsamen, durch und durch abscheulichen Bedingungen stattgefunden haben, die Bosheit des Vaters und die Abscheulichkeit seiner Tat kann kein Todesurteil für das unschuldige Kind begründen.
Manche sagen, ein Frau dürfe ihr ungeborenes Kind töten (lassen), wenn sie minderjährig sei. Warum? Wenn sie schwanger werden konnte, ist sie offensichtlich alt genug, es zu sein. Die Gesellschaft möge ihr alle verfügbare Hilfe gewähren, die Schwangerschaft und die Geburt durchzustehen. Wenn sie das Kind nicht aufziehen kann, mögen andere die Verantwortung und Fürsorge übernehmen. Die Minderjährigkeit der Mutter oder ihre Armut oder die Armut oder Unfähigkeit der Gesellschaft kann kein Todesurteil für ein Kind begründen.
Manche sagen, ein Frau dürfe ihr ungeborenes Kind töten (lassen), wenn es mit großer Wahrscheinlichkeit oder mit Gewissheit behindert zur Welt kommt. Warum? Weil Behinderte kein Recht auf Leben haben? Weil die Eltern sich der Behinderung ihres Kindes schämen würden? Weil sie Belastung und mögliche Kosten scheuen? Dass es von anderen Kindern geistig oder körperlich abweichen wird, kann kein Todesurteil für ein behindertes Kind begründen.
Manche sagen, ein Frau dürfe ihr ungeborenes Kind töten (lassen), wenn vorauszusehen ist, dass es nach der Geburt nicht lebensfähig sein wird. Hier kommt die medizinische Autorität ins Spiel. Mit welcher Sicherheit kann ein Arzt vorhersagen, dass ein geborenes Kind bald sterben, dass es dabei Schmerzen haben wird? Wenn es ohnehin stirbt, wozu es töten? Wenn es Schmerzen haben wird, können dies nicht gelindert werden? Es ist ein Unterschied, ob lebensverlängernde Maßnahmen an einem Neugeborenen unterlassen oder ob ein Ungeborenes getötet werden muss. Der Wunsch der Eltern, selbst möglichst nicht seelisch belastet zu werden, dem Sterben des eigenen Kindes nicht zusehen zu müssen, kann kein Todesurteil für das Kind begründen.
Manche sagen, ein Frau dürfe ihr ungeborenes Kind töten (lassen), wenn sie durch den Verlauf der Schwangerschaft selbst in ihrer Gesundheit und Lebensfähigkeit bedroht ist. Auch hier ist wieder die medizinische Autorität gefragt. Welche Bedrohung liegt vor? Wie groß, gewiss, wie unbehandelbar ist sie? Gibt es keinen anderen Weg, das Leben der Mutter zu retten, als den, das Kind zu töten? Man möchte nicht mit jemandem tauschen, der von solchem Unglück betroffen ist. Die Entscheidung, die hier zu fällen ist, ist rein persönlich, es ist fast unmöglich, hier allgemeine Regeln aufzustellen. Und schon gar nicht kann aus solchen seltenen Fällen, in denen vielleicht ein Leben geopfert wird, um ein anderes zu retten, eine allgemeine Freigabe der Kindstötung abgeleitet werden.
Manche sagen, ein Frau dürfe ihr ungeborenes Kind töten (lassen), weil es doch schließlich um ihren Körper gehe, in dem da etwas geschehe. Frauen hätten das Recht, frei über ihre Körper zu verfügen, und wenn sie nicht mehr schwanger sein wollten, dann müssten sie das dürfen. Tatsächlich hat niemand das Recht, über seinen Körper zu verfügen. der eigene Körper ist kein beliebiges Ding, an dem an nach gesellschaftlicher Konvention Eigentumsrecht geltend machen kann wie an einer Handtasche oder einem Kleidungsstück. Der Körper ist der Mensch selbst, der gewiss noch mehr und anderes ist als seine Körperlichkeit, aber diese doch eben auch. Niemand ist sein eigenes Eigentum, das ist Begriffsverwirrung. Jeder hat Verantwortung für sich, für seinen Körper, für dessen Zustand und Wirkungen. Dies schon deshalb, weil der eigene Körper in Wechselbeziehungen zu anderen Körpern und zur Welt überhaupt steht. Das Dasein des einzelnen Menschen ist bedingt durch das Dasein anderer, ich habe mich nicht selbst hervorgebracht, ich bin, weil andere für mich da waren und weil ich in Gesellschaft mit anderen lebe. Ein Begriff wie „Eigentum“, der aus dem Recht über Sachen und deren Gebrauch stammt, greift da überhaupt nicht. Ich bin so wenig Eigentümer meiner selbst wie ein Ding sich selbst gehört.
Zumal es im Fall einer Schwangerschaft ja gar nicht nur und in erster Linie um irgendeinen körperlichen Zustand einer Frau geht, sondern primär um das Einzigartige ihres Verhältnisses zu ihrem ungeborenen Kind. Ob eine Schwangere ihre Schwangerschaft abbricht, ist eine ganz andere Frage als die, ob sie sich die Haare färben oder die Ohrläppchen durchstechen lassen soll. Es geht nicht um Verfügungsgewalt über einen Körperteil, es geht um das Leben eines anderen Menschen. Denn dass da ein zwar abhängiges, aber nicht mit der Mutter identisches Lebewesen existiert, ist ja nicht zu leugnen, selbst wenn man ihm das volle Menschsein absprechen wollte. Dieses andere Lebewesen zu töten oder töten zu lassen ist also kein Akt bloßer Selbstbestimmung wie das Schneiden der Fingernägel oder eine Fettabsaugung. Hier wird ein Leben getötet, man mag es nennen, wie man will: Fötus, Kind, Mensch. Die Frage der „Abtötung der Leibesfrucht“ einseitig vom Recht der Frau her zu sehen und völlig auszublenden, was und wer da getötet wird, und die Frage, ob das, was da ein Kind zu sein sich immerhin anschickte, nicht doch auch Rechte haben könnte, zu ignorieren, ist verantwortungslos.
Es gibt viele, die sich „Abtreibung“ schönreden, indem sie dem Abzutreibenden das Menschsein absprechen. Ich halte das nicht für glaubwürdig. Die Sprache, wie schon gesagt, spricht da eine andere Sprache: Das Ungeborene ist ein Kind, also ein Mensch, wenn auch im Werden. Aber auch das Gefühl, das unverstellte Gefühl vieler Frauen und Männer, sagt, dass das etwas Falsches, etwas Schlechtes, etwas Unrechtes geschieht. Sonst hätten ja auch nicht so viele Frauen psychische Probleme wegen Schwangerschaftsabbrüchen. Wohlgemerkt, nicht die, die das Unrecht wenigstens noch undeutlich empfinden, sind befangen in falschen Vorstellungen, in Schuldgefühlen, die man ihnen einredet, sondern die, die das Gefühl für richtig und falsch unterdrücken oder bereits eingebüßt haben, sind befangen in Ideologie und Propaganda eines Zeitgeistes, für den Menschen beliebig manipulierbare Dinge sind, die man be- und vernutzen kann, ohne Grenzen der Scham oder Schuld, aber immer konform mit den Konsum- und Profitinteressen.
Tatsächlich werden die meisten „Abtreibungen“, also Tötungen von ungeborenen Kindern, keineswegs in echten Notsituationen der betroffenen Frauen verübt. Wo schwangere Frauen in Not sind, muss ihnen geholfen werden, eine Gesellschaft die da versagt, macht sich schuldig. Doch die meisten Frauen lassen ihr Kind nicht töten, weil es krank ist oder weil sie krank sind oder weil sie vergewaltig wurden oder das Kind unter unerträglichen Bedingungen aufwachsen müsste — und was der Gründe mehr sind, die Not beschreiben könnten —, sondern weil’s gerade nicht passt, man ist mit Ausbildung oder Beruf befasst, in der Beziehung mit dem Kindsvater, wenn man den eine solche überhaupt hat (und nicht nur einen Gelegenheitsfick hatte), würde ein Kind stören, man kann oder will es sich gerade nicht leisten, der Urlaub ist schon gebucht, die Wohnung ist zu klein usw. usf. Mord aus Egoismus, könnte man sagen. Dass zudem hinter vielen Abtreibung ein Mann zu finden ist, der kein Kind will oder nicht als Vater zur Verfügung steht, scheint im Unterschied zu moralischen und rechtlichen Vorbehalten das Selbstbestimmungsrecht der abtreibungswilligen Frauen nicht zu beeinträchtigen …
Dass es nicht freie Entscheidungen, sondern Effekte gesellschaftlicher Verhältnisse sind, die zu gesellschaftlich akzeptierten Kindstötungen führen, zeigt auch dieses Beispiel: Fast alle Kinder, bei denen vorgeburtlich Down-Syndrom diagnostiziert wurde, werden im Mutterleib getötet. Wer das nicht als gesellschaftlich geduldeten und durch die Verhältnisse geförderten Massenmord begreift, mit dem kann man schwerlich über Moral diagnostizieren.
Kurzum, es gibt kein „Recht“ auf „Abtreibung“. Man mag es drehen und wenden, wie man will: Ein Kind „abzutreiben“, also in den meisten Fällen: im Mutterleib zu zerstückeln und die Reste abzusaugen, ist eine unerlaubte Tötung. Darauf kann es kein Recht geben. Jedes Gesetz, das etwas anderes besagt, ist nichtig. Wer ein Kind tötet oder töten lässt, macht sich schuldig. Eine Gesellschaft, die das leugnet oder auch nur duldet, ist böse.
Das ist meine Sicht der Dinge. Wer Gegenargumente hat, möge sich bei mir melden und sie vorbgringen. Wer keine hat, stimme mir zu und handle entsprechend.