Montag, 14. September 2026

Grundfragen

Wie bringt man es über sich, einen Menschen leiden zu lassen? Einen Menschen oder mehrere oder viele Menschen. Hunger und Kälte, Mord und Totschlag, Entwürdigung, Entrechtung, Enteignung, Vertreibung, Verschleppung: Wie bekommt man das alles hin, wie schafft man es, die erforderliche Grausamkeit aufzubringen? Woher nimmt man die Niedertracht, es zu wollen? Woher die Gleichgültigkeit, es zuzulassen?
Mitmachen und Wegschauen, beides verlangt Stumpfsinn und Abstumpfung. Ohne einen entscheidenden Verlust (oder schon bestehenden Mangel?) an Menschlichkeit, ist derlei nicht zu machen.
Das Böse findet statt. Weil es getan wird. Es geschieht nicht einfach, es wird gemacht. Es wird angetan.
Kein Ziel und kein Zweck kann das rechtfertigen, kein Nutzen oder Gewinn. Auch der allergrößte Reichtum, die gewaltigste Macht wiegt den Verlust an Menschlichkeit nicht auf.
Das Böse ist grundlos. Es ist falsch und unvernünftig und hässlich. Was es einbringt, ist mickrig und nichts davon überdauert den eigenen Tod. (Jedes Monument für einen Herrscher ist bloß eine Mahnung, dass es keine Knechte geben soll.) Nur böse Folgen hat das Böse
Warum also tun Menschen einander so viel Schreckliches an, warum lassen sie so viel Leid zu, so viel Unrecht und Lüge? Warum benützen sie einander, statt einander mit dem zu beschenken, was sie haben und sind? Warum verweigern sie sich der Einfühlung, dem Gerechtigkeitssinn, der Gleichheit voreinander?

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