Montag, 9. März 2026

Goethegasse

Ich wurde vor fast 60 Jahren in Baden bei Wien geboren und wohne hier fast fünfzig Jahre. Es gibt in dieser Stadt eine „Goethegasse“. Diese ist mir wohlvertraut, denn in seit meiner Kindheit gehörte sie zum Weg, der von unserem Haus in die Weingärten zwischen Baden und dem Nachbarort Pfaffstätten führt, ein oft gewählter Spazierweg auch noch in späteren Jahren. Zudem war „Goethegasse“ der Name der Station einer Buslinie, die zwischen Baden und Wien und Wien und Baden verkehrt. Unzählige Male stieg ich dort zwischen 1985 und 1986 aus und manchmal auch ein, der restliche Heimweg war dann kurz.
Nun habe ich nach all den jahren erst unlängst und nur durch Zufall erfahren, dass besagte Straße gar nicht, wie ich selbstverständlich immer angenommen hatte, nach dem Weimarer Dichterfürsten benannt ist, sondern nach einem entfernten Verwandten von ihm, Hermann Theodor Goethe, einem Fachmann für Weinbau, Obstkunde und Weinkunde, dem Gründungsdirektor der Weinbauschule in Marburg an der Drau und späteren Professor an der Hochschule für Bodenkultur zu Wien, 1837 geboren in Naumburg an der Saale und verstorben 1911 in Baden bei Wien. (Sein fünffacher Urgoßvater war Johann Wolfgangs Ururgroßvater.)
Hoppla. Ein gewiss verdienstvoller und achtenswerter Mann, dessen zu gedenken der Weinwirtschft und ihren Nutznießern vermutlich sehr wohl ansteht. Aber doch schlechterdings nicht „der“ Goethe, an den man denkt, wenn nur von Goethe die Rede ist. Ein bisschen seltsam ist diese Bennennung also schon: Während man sonst keine Scheu hat, bei der Benamsung von Verkehrsflächen Vor- und Nachnamen (und manchmal sogar den akademischen Grad) anzuwenden, war „Hermann-Goethe-Gasse“ wohl zu viel verlangt.
Was würde ich, weiterforschend, noch entdecken? Dass die Badner „Beethovengasse“ nach dem Radrennfahrer Klausjürgen Beethoven benannt ist, die „Mozartstraße“ nach der marzipanhaltigen Kugel und die „Rathausgasse“ nach dem Gebäude in Lübeck?
Lebenslanges Lernen. Ja, ja. Und im Grunde ist es ja auch wurscht. Goethe ist mir wurscht (der eine wie der andere). Übrigens hieß in Baden er Theaterplatz früher vorübergehend Adolf-Hitler-Platz. Nach wem auch immer …

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