Samstag, 14. März 2026

Über Natur als etwas Kulturelles

Natur kommt in der Natur nicht vor. Natur, was auch immer man darunter verstehen will, wird ausschließlich innerhalb von dem, was man Kultur nennt, zum Thema. Das bedeutet nicht, dass es nichts außerhalb von Kultur gibt, sondern dass das „Außerkulturelle“, was immer es sein mag, nur „innerkulturell“ zur Sprache kommen kann. Nichts Wirkliches, sei es auch noch so mächtig und wirke es auch noch so ungewusst und unbewusst, kann auf den Begriff gebracht werden, ohne dass das im menschlichen Denken geschieht.
Das gilt auch für die sogenannten Naturwissenschaften. Auch wenn ihre Gegenstände nichts Kulturelles sind (worüber man übrigens verschiedener Meinung sein kann: Heißt etwas zum Gegenstand zu machen nicht immer auch, es in seiner Gegenständlichkeit zu setzen?), auch wenn also die sogenannten objektiven Naturtatsachen als unabhängig von Menschen existierend konzipiert werden, so sind doch die wissenschaftlichen Tätigkeiten des Beobachtens, Messens, Auswertens, Beschreibens, Theoretisierens (und auch noch das Übertragen solcher Funktionen an Maschinen) und selbstverständlich auch das Betreiben von Forschungseinrichtungen, Bildungseinrichtungen, Fachpublikationen, Konferenzen usw. usf. allesamt menschliche Tätigkeiten, die nur innerhalb eines sozialen und damit kulturellen Kontextes stattfinden und nur in diesem Rahmen als sinnvoll erscheinen können.
Natur ist außerhalb von Kultur nicht zugänglich. Jeder Naturbegriff setzt kulturelle Zusammenhänge voraus und gilt nur innerhalb von ihnen. Wer also, wie manche es beanspruchen oder fordern, über den Menschen hinaus denken und die Perspektive von Außermenschlichem (der Umwelt, dem Planeten, dem Kosmos oder was auch immer) einnehmen will, sollte bedenken, dass er das, wenn überhaupt, nur als Mensch kann. Nur Menschen können versuchen, sich vorzustellen, wie es wäre, wenn es sie nicht gäbe oder wenn für sie Bedingungen gälten, die weit über sie hinausgingen.
Dass alle Rede von Natur ein kulturelles Tun ist, ist ethisch wichtig und auch epistemologisch. Den einerseits müssen alle Konzept der Realität sich fragen lassen, was sie für das menschliche Tun und Lassen bedeuten, ob sie Handlungsfähigkeit und das Übernehmen von (wie auch immer begrenzter) Verantwortung stärken oder ob sie Ausreden fördern und den bequemen Rückzug auf ein Gefühl der Vergeblichkeit und des Ausgeliefertseins. Andererseits muss die Unvermeidbarkeit des Menschlichen an allen aufs Außermenschliche gerichteten Erkenntnisbestrebungen unbedingt (wenn schon nicht in der Methodologie der Naturwissenschaftem so doch in der Philosophie) mitbedacht werden, weil bei derlei Bemühungen sonst bloß unehrliche Ideologie und falscher Mythos herauskommen können.
Mag sein, dass der Mensch nicht das Maß aller Dinge ist. Aber jedes Maß, das Menschen anlegen sollen, muss eben von ihnen angelegt werden. Ein anders Maß, einen anderen Maßstab zu fordern, ist nur dann sinnvolle Rede, wenn sie sich an Menschen richtet. Wer sonst sollte etwas an seiner Sichtweise, gar an seinem Handeln ändern?

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