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Freitag, 28. August 2026

Leute (39)

Frau X. ist gestorben. Alle Welt rühmt sie. Nun mag sie ja durchaus ein sehr netter Mensch gewesen sein und sehr viel Gutes getan haben. Das stelle ich nicht in Abrede und finde es sehr löblich. Für mich überwiegt aber ihre grässliche äußere Erscheinung und das unerträgliche Gesinge, das anscheinend Millionen und Abermillionen von Menschen als country music akzeptieren und wahnsinnig gerne hören.
 
Frau Y. ist gestorben. Dass sie überhaupt je gelebt hat , erfuhr ich erst aus der Todesmeldung. Ihr Lebenswerk ging nämlich bisher völlig an mir vorüber. Es besteht aus Punkten. Unzähligen großen und kleinen bunten Punkten. Die hat sie gemalt. Ansonsten war sie wohl für ihr knallrotes Haar (Perücke?) bekannt. Dass das die Leute das unerbittliche Getüpfel für „Kunst“ halten, begeistert davon sind, in Y.-Ausstellungen eintauchen und vor dem Y.-Museum (in Japan) Schlange stehen, zeigt, meine ich, wie kaputt diese Welt ist.

Samstag, 23. Mai 2026

Die Expertin

An jedem ihrer Sätze habe ich etwas auszusetzen. Mal stimmen die Verbformen nicht, das Genus, die Präpositionen. Usw. Usf. (Deutsch ist ihre Muttersprache.) Ihre Kindergartensprechweise fand ich immer schon nervig. Als ich dann auch noch feststelle, dass sie ihr Wissen aus dem Internet bezieht, weil ich zufällig Sätze ihrer Expertise (zu irgendeiner Antiquität, Rarität, Kuriosität) fast wortgleich bei Wikipedia wiederfinde, ist sie bei mir unten durch.

Samstag, 29. November 2025

Nachtrag zu „Leute (37)“

Wie sich herausstellte, war X. empört über das, was ich über die Unmöglichkeit, P. zu lesen (und P. und L. zu hören), gesagt hatte. Nicht, weil daran irgendetwas falsch gewesen wäre, sondern weil sie das eben „anders sieht“. Sie nahm die (zugegebermaßen wie bei mir üblich scharf polemisch vorgebrachte) Kritik nicht zum Anlass sachlicher Auseinandersetzung, sondern nahm es persönlich. Folgerichtig suchte sie auch nicht das Gespräch und stellte zur Rede, sondern spielte die beleidigte Leberwurst und strafte mit Schweigen. Wie Frauen das halt so machen. Als sie wieder ansprechbar war, kamen allerhand Ausreden und Beschuldigungen. Uninteressant. Ich habe nichts falsch gemacht, auch nicht, dass ich erst darüber nachdachte, bevor ich darüber schrieb. (Worüber ich ja übrigens auch geschrieben habe.)
Unzutreffend ist die Behauptung von X., ich drehte es mir, wie ich wolle. Einmal sei ich gegen die akademische Philosophie, dann aber dafür, wenn es gegen P. gehe. Daran stimmt gar nichts. Es ist vielmehr so: Ich hatte in „Leute (37)“ geschrieben: „Ich habe Philosophie studiert und kann ganz gut Geschwätz von genuinem Denken unterscheiden.“ Inwiefern widerspricht das zum Beispiel dem Zitat von Cioran, das ich meiner Aphorismensammlung „Philosophie als heitere Wissenschaft und strenge Kunst“ vorangestellt habe: „Die Philosophen schreiben für die Professoren, die Denker für die Schriftsteller“? Gar nicht. Während Cioran nämlich Philosophen und Denker unterscheidet, unterscheide ich (in besagtem Text gegen P.-Lektüre) zwischen genuiner Philosophie und Geschwätz. Geschwätz im Sinne von Nicht-Philosophie, die sich als Philosophie ausgibt; dass sich außerdem innerhalb der wirklichen Philosophie eine akademisch gebundene und eine wie auch immer zu benennende andere Praxis („Denken“) unterscheiden lassen, hat mit der Unterscheidung von Geschwätz und ernstzunehmendem Philosophieren nichts zu tun. Meine Kritik am Philosophiebetrieb, seiner größtenteils musealen Einstellung und der viel zu oft bürokratischen Leidenschaftslosigkeit der dargereichten Erzeugnisse impliziert doch in keiner Weise, dass ein mediengeiler Dummschwätzer eine Alternative zum universtätsprofessoralen Diskurs ist! 
Nein, ich habe in „Leute (37)“ meine Kritik nicht „gedreht“, sondern sie auf einen anderen Gegenstand gerichtet. Dass ich Philosophie studiert habe, ist keine Parteinahme für die akademische Philosophie (sonst hätte ich ja wohl auch deren Diplome erworben). Dass ich Philosophie und Geschwätz zu unterscheiden vermag, ist eine Selbsteinschätzung, die bestreiten kann, wer möchte, er oder sie möge es aber mit Argumenten tun. Davon, dass ich „es mir drehe, wie ich es brauche“, kann (in diesem Zusammenhang) also überhaupt keine Rede sein. X. hat da etwas missverstanden, vermutlich, weil sie etwas missverstehen wollte. Man sollte aber halt das lesen, was wirklich da steht, darf sich nicht vom Groll und der eigenen Leberwurstigkeit übermannen lassen und jemandem eine widersprüchliche Argumentation unterstellen, der wenigstens Argumente hat (und nicht bloß Befindlichkeiten und Lebensumstände).
Wie auch immer. Wirklich wichtig ist das alles nicht. Es gibt viel pseudophilosophisches Geschwätz auf dem Markt und manche konsumieren das eben gern. Warum ich aber ausgerechnet P. besonders verabscheue, ihn aus der Öffentlichkeit verbannt sehen möchte und nicht will, dass er Zuschauerinnen (beiderlei Geschlechts), Zuhörerinnen (ebenso) und Leserinnen (dito) hat, betrifft aber nicht zuletzt den gefährlichen Schwachsinn, den er zu einem entscheidenden politischen Thema abgesondert hat: Er verbreitet russländische Narrative („NATO bedrohte Russland“), hetzt gegen die Ukraine und fordert de facto deren Kapitulation. Dass die Ukraine, seiner Meinung nach keine Demokratie ist (trotz frei gewähltem Parlament und ebensolchem Präsidenten ― ganz im Unterschied zu Russland mit seinem Diktator und dessen gefälschten Wahlen) ―, westliche Werte verteidige, hält er für eine „bizarre Vorstellung“. Dass die Ukraine den Krieg gewinnen könne, schließt er aus. Da kann er hundertmal den russischen Angriffskrieg einen Angriffskrieg nennen: Wer nicht ohne Wenn und Aber für die demokratisch-selbstbestimmte Souveränität und die territoriale Integrität der Ukraine eintritt, treibt Putins Politik. Wer nicht Putins Niederlage wünscht, steht auf Putins Seite. Das ist verbrecherisch. Leider anscheinend nicht im justiziablen Sinne. Also dann eben: unverzeihlich. 

Dienstag, 21. Oktober 2025

Leute (38)

Unzählige Male hörte X. in der Zeit, in der ich mit ihr befreundet war, mit dem Rauchen auf und fing dann wieder damit an. Wenn sie gerade nicht rauchte, konnte sie nicht verstehen, dass sie es je getan hatte, und rühmte, wie gut es ihr körperlich gehe und wie viel besser sie sich fühle. Wenn sie wieder rauchte, befand sie, dass Rauchen ein Menschenrecht sei, dass sie als Raucherin schlecht behandelt werde, dass ihr niemand was dreinzureden habe und dass Nichtraucher sich bloß nicht so anstellen sollten
 
Von Y. lernte ich vor Jahren den Ausdruck „Dissonanzraucher“. So heiße jemand, der rauche, aufhöre, wieder anfange, wieder aufhöre usw. So jemand war Y. „Ist dir gar nicht aufgefallen, dasss ich nicht geraucht habe?“, fragte er mich einmal am Ende eines Treffens. „Nein“, musste ich zugeben. „Stimmt, du bist nicht mehrmals hinausgegangen, um eine Zigarette zu rauchen. Aber dass jemand nicht raucht, ist für mich so selbstverständlich, dass es mir nur auffällt, wenn es nicht der Fall ist.“

Sonntag, 5. Oktober 2025

Leute (37)

Da denkt man, man kennt jemanden, und dann erfährt man, die Person liest Richard David Precht! Freiwillig. Um etwas daraus zu erfahren. Was kommt als nächstes? Helene Fischer hören? Die Bildzeitung abonnieren? Ich dachte, es gäbe da einen Konsens unter den halbwegs Gebildeten: Precht geht gar nicht. Ein Dummschwätzer, der von Philosophie so viel Ahnung hat wie Dieter Bohlen von Musik. Ein Diskurspopulist, der die verunsichterten Bildungsbürger fortgeschrittenen Alters mit rechtslastigem, verlogenem Denkersatz versorgt. Aber gesagt hab ich besagter Person das nicht. Sie sei auf das Buch, das sie lese, durch den podcast Lanz & Precht gekommen. Lanz? Dieser Bodensatz der Fernsehunterhaltung, die mit Journalismus verwechselt werden will? Dieser Quasselonkel, der mit den anderen Quasseltanten zusammen durch lauter falsche Fährten von der Realität ablenken soll? Und überhaupt: podcasts? Für sowas habe ich keine Zeit. Das ist doch was für Analphabeten, für Gelangweiltee, die nicht mehr lesen können oder wollen. Wer was zu sagen hat, kann es auch schreiben, basta. Aber das ist naturgemäß nicht Konsens, und ich habe zu podcasts und Lanz nichts gesagt. Eigentlich kann ich zu Precht auch nichts sagen, denn abgesehen davon, dass ich weiß, wie er aussieht und redet (und beides finde ich zum Kotzen), kenne ich keine Texte von ihm. Einige Texte über ihn sind mir allerdings untergekommen, die den Quatsch, den er redet, mit guten Argumenten in der Luft zerfetzen. Aber sag das mal jemandem, der Gefallen findet an dieser niedrigschwelligen Art der Verdummung durch Intellektualitätsimulation. Da giltst du ganz schnell als hochnäsig und vorturteilsbehaftet. Bin ich auch. Ich habe Philosophie studiert und kann ganz gut Geschwätz von genuinem Denken unterscheiden. Damit steht mein Urteil über Precht auch trotz recht geringer Empirie fest. Gesagt habe ich, wie gesagt, besagter Person das alles nicht. Aber ich kann ja schreiben.

Dienstag, 9. September 2025

Leute (36)

X. hat freudig ein Gespräch am Nebentisch belauscht. Es sei da auf kenntnisreiche Weise um Details von James-Bond-Filmen gegangen. Ach, endlich einmal sei nicht der Weltirrsin Thema gewesen! Was X. ignoriert: Genau das ist der Zweck dieses fabrizierten Unsinns, dass er vom Irrsin ablenkt. Auch seine Freude ist übrigens Teil des Problems.

Donnerstag, 28. August 2025

Leute (35)

Der Kellner sieht aus wie Pasolini, sagte ich damals zu X. Aber nein, keineswegs, erklärte sie kategorisch und setzte hinzu: Nicht jeder mit ausgemergeltem Gesicht sieht aus wie Pasolini. Es wäre sinnlos gewesen, ihr zu widersprechen. Wenn X. etwas entschieden hatte, waren Widerworte unangebracht. Argumente vorzubringen und Evidenzen anzuführen, wäre nur armselige Rechthaberei gewesen. Also verwies ich nicht darauf, dass die Augen, die Nase, der Mund, die Wangenknochen, ja sogar das Haar stark an Pasolini erinnerten. Da ich ihr aber auch nicht zugestimmt und meinen Eindruck widerrufen hatte, hegte X. bestimmt den Verdacht, im Stillen sei ich doch ein Rechthaber, und würde mir das bei nächster Gelegenheit auf den Kopf zu sagen. Auch damit biehielt ich dann Recht.

Dienstag, 1. Juli 2025

Leute (34)

Als Maler und Zeichner ist X. es gewohnt, die Dinge von außen zu sehen und ie nur im Hinblick auf ihre unmittelabre Wirkung auf ihn selbst wahrzunehmen. Daher wohl auch seine Fremdenfeindlichkeit. Wenn er auf der Straße dicke Frauen mit Kopftuch und langem Mantel sieht, ist er entsetzt, er nimmt das Phänomen rein ästhetisch, es gefällt ihm nicht, und keinen Augenblick lang versetzt er sich in die Frauen hinein, es liegt ihm nichts daran, den Kontext zu begreifen, er wird einfach abgestoßen und ist dagegen. Noch schlimmer ist es mit der Zuwandeung. Er kennt kaum Migranten. Für ihn sind das Zahlen, und man hat ihm gesagt, die seien zu hoch. Er empfindet das als wahr, weil er in einer Großstadt lebt, die viel Zuwandeung anzieht und in der viele Sprachen gesprochen und viele Bräuche gelebt werden. Er findet jeden Tag Bestätigung und nimmt eine Flut war. Er interessiert sich nicht für die Einzelnen und ihre Erlebnisse. Deren Wünsch, Bedürfnisse, Rechte existieren für ihn nicht. Er findet, die Leute sollten zuhause bleiben und dort etwas verbnessern. Dass er selber wie die Made im Speck lebt, nicht durch eigenem Zutun, sondern gemäß den gesellschaftlichen Bedingungen, bemerkt er nicht. Er erlebt Fremdes und fühlt sich unwohl. Es ist nicht wie das Fremde im Urlaub, wo er mit seinem Geld der Chef ist. Dieses Fremde kommt zu ihm, konkurriert mit ihm in seiner Lebenswelt und stellt ihn in Frage. Er versteht die Fremden nicht und sucht nicht nach Verständigung. Tatsachen ignoriert er und übernimmt Parolen. Nicht weil er dumm ist, sondern weil sich dummzustellen bequemer ist, weniger Mühe erfordert und ihn ein bisschen mächtiger erscheinen lässt. Immerhin gehört er hierher, die anderen nicht. Seine Fremdenfeindlichkeit ist wie eines seiner altmeisterlich gepinselten Bilder: langweilig, aber halbwegs gekonnt.

Montag, 16. Juni 2025

Leute (33)

X. macht es sich einfach. Wenn andere in Zeiten zugespitzter politischer Konflikte, wie er es nennt, „totale Mobilmachung auf dem Feld bedingungsloser Parteinahmen“ betreiben, zitiert er „Die Feinde unserer Feinde sind auch unsere Feinde“ und setzt hinzu: „Geschichte ist, wenn schlimme Leute schlimme Leute abschlachten.“ Wenn es doch nur so einfach wäre! Wenn nicht auch, und zwar überwiegend, ganz und gar nicht schlimme Leute von schlimmen Leuten abgeschlachtet würden. Wenn es nicht Lagen gäbe, wo man sich mit anderen Teufeln gut stellen muss, um Beelzebub auszutreiben. Und was die Parteinahme betrifft: Es wäre unanständig und unheilvoll, nicht für das Recht gegen das Unrecht Partei zu ergreifen. Ich weiß schon, alle behaupten immer, sie seien im Recht. Es gibt aber doch auch das Offensichtliche. Beispielsweise: Wer abschlachtet ist im Unrecht, wer abgeschlachtet wird, dessen Recht wird verletzt. So einfach ist es wirklich.


Montag, 9. Juni 2025

Leute (32)

Jemand, den ich nicht kenne, war in Neapel, und man sagt mir, die Person sei mit der Nachricht zurückgekommen, die Stadt sei schmutzig. Das ärgert mich. Schmutzig, laut, arm, chaotisch usw.,  all diese Klischees, die vermutlich ebenso wahr wie bedeutungslos sind, kennt man die nicht schon, bevor man hinreist? Wozu Neapel besuchen, wenn man sich nicht für die Stadt interessiert? Wenn man nichts über sie weiß und offenschtlich nicht mehr wissen will, als ein Tourist eben beim durchtrampel einer Stadt an Nebensächlichem mitbekommt und missversteht. Ich ärgere mich also nicht darüber, dass Neapel verleumdet würde, denn ich halte mich dank Malaparte, Bellavista e tutti quanti für einigermaßen zum Mitwisser gemacht. Ich ärgere mich vielmehr darüber, dass andere dorthin reisen, die ignorant und borniert sind, die es nicht verdient hanen, ja völlig unwürdig sind, die Wirklichkeit dieser Stadt zu erfahren, während mir, der ich so gebildet und aufnahmefähig bin, auf absehabre Zeit und vielleicht für immer die Mittel fehlen werden, nach Neapel zu reisen. Was für ein Unrecht!

Donnerstag, 5. Juni 2025

Leute (31)

Vor Jahren stritt ich mit X., einem Verleger, Übersetzer, Autor, ob Edmund Whites Genet-Biographie ganz grässlich und nur für dumme Amerikaner geschrieben sei (so X.) oder aber ein Meisterwerk der Biographik und eines der besten Bücher über Jean Genet, wenn nicht gar das beste überhaupt (so ich).
 
Am 3. Juni verstarb Edmund White. Sein Genet-Buch und manch anderes von ihm hat mich über dreißig Jahre lang begleitet. Ich bin ihm dankbar. Er ruhe in Frieden.

Montag, 2. Juni 2025

Leute (30)

Dass die Leute so gern X. zitieren (und also womöglich gelesen haben), ist mir ebenso unverständlich wie die Texte von X. selbst. 

Samstag, 17. Mai 2025

Leute (29)

Es mag ja sein, dass X., wie man mir vorschwärmt, druckreif spricht. Mein Problem ist eher, dass er noch nie etwas Relevantes zu sagen hatte.

Montag, 21. April 2025

Leute (28)

Mein Studienkollege X. war Alkoholiker. Einige Male gelang es ihm, der irgendwie einen Narren an mir gefressen hatte, meine Gutmütigkeit und mein Verantwortungsbewusstsein auszunützen und sich nach irgendeinem studentischen Treffen sturzbetrunken von mir, der ich wohl auch nicht mehr völlig nüchtern war, zu ihm nach Hause bringen zu lassen. Bei einer dieser (zum Glück seltenen9 Gelegenheiten nötigte er mich, noch eine Weile zu bleiben, und holte dann unvermittelt oben vom Schrank eine Schachtel herunter und stellte sie vor mich auf den Tisch. Darin war ein Dildo. Nun erzählte mir X. unaufgefordert von seiner Vorliebe für Analsex und dass es nicht einfach sei, Frauen dazu zu bekommen, ihm, wie er es nenne, „ein Zäpfchen zu geben“. Er habe auch schon versucht, sich von einem Mann ficken zu lassen, aber da er nun einmal nur auf Frauen stehe, sei das nicht das Richtige gewesen. Das wollte ich alles gar nicht wissen und sah dann zu, dass ich bald wegkam. Bis heute weiß ich nicht, ob er mich bloß verblüffen und provozieren wollte, was ihm beides nicht gelang, oder ob er womöglich eine gewisse Hoffnung hegte, sein schwuler Bekannter werde ihn mit dem Gummischwanz ficken. Wenn dem so war, bereue ich es bis heute nicht, ihn enttäuscht zu haben.

Montag, 24. März 2025

Leute (27)

Was X. da zusammengemalt hatte, war langweilig, einfältig, selbstgefällig, und man vergaß es schon, während man es noch anschaute. Kein Wunder, dass niemand etwas von dem so ambitioniert Ausgestellten kaufen wollte. Zu seinem Glück aber, das er uneingestandenermaßen als Unglück empfand, musste X. von seiner Malerei ja nicht leben. Meiner Meinung nach geht es beim sogenannten Erfolg übrigens gar nicht um die Qualität von Bildern, über die es immer verschiedene Meinungen geben kann, sondern um die erlangte Position auf dem Markt. X. hatte keine. Gewiss, er wurde ausgestellt, wie auch er im Rahmen der von ihm irgendwann halb improvisierten Ausstellungen freundlicherweise immer wieder auch andere ausstellte. Aber im Grunde war er mit dieser seiner Freizeitbeschäftigung, die aus ganzen Herzen seinen eigentlichen Lebensinhalt darstellte, gescheitert. Denn er hatte nie jemanden gefunden, der mit ihm Geld verdienen wollte. An seiner unangenehmen Persönlichkeit konnte das kaum gelegen haben, es gibt viele Künstler, die in vielerlei Hinsicht Arschlöcher sind. Vielleicht lag es an seiner Halbherzigkeit, seinem Zögern, seinen Skrupeln. Dies in Verbindung mit Arroganz hatte ihn vielleicht wenig geschäftstauglich gemacht. Und außerdem waren, wie gesagt, seine Bilder belanglos.

Montag, 10. März 2025

Leute (26)

Auch meiner langjährigen guten Freundin X. schenkte ich damals ein Exemplar meines ersten Romans. Sie verlor nie wieder ein Wort darüber. Hätte ich von mir aus irgendwann fragen sollen, ob sie ihn gelesen habe und wie es ihr damit ergangen sei? Das tun zu müssen, fand ich nahezu beleidigend und unterließ es darum. Ab und zu treffen wir einander. Letztens kam sie dabei aus irgendeinem Grund auf einen gewissen Y. zu sprechen. Der Name sagte mir nichts (Oder nicht viel.) Wohl einer dieser zahllosen Krimi-Heinis, mit denen man mich jagen kann. X. schwärmte von seiner Schreibkunst und verwies auf ihr Bücherregal, wo alle seine Werke stehen, säuberlich aufgereiht. Dass ihr Verhalten für mich kränkend sein könnte, auf die Idee kam sie gar nicht. (Ich neide Herrn Y, seinen Erfolg nicht. Er hat ihn angestrebt und erreicht. Schön für ihn. Wahrscheinlich sind seine Texte auch danach. Nun, jeder, wie er mag. Ich schreibe anders. Das muss man auch nicht mögen. Aber man könnte die Höflichkeit aufbringen, es irgendwann einmal zu erwähnen.)

Samstag, 22. Februar 2025

Leute (25)

Vor Jahren schrieb X. einmal in einem sozialen Netzwerk, wie es sich mit irgendetwas bei ihm so verhalte. (Kein Ahnung mehr, worum es ging, und es ist auch unwichtig.) Und ich regagierte darauf, indem ich schrieb, wie es sich bei mir verhalte. Darauf antwortete X.: „Immer dieses Distinktionsbedürfnis!“ Ich war vor den Kopf gestoßen. Distinktion? Inwiefern? Mir scheint, ich begriff damals nicht, was er meinte, und begreife es vielleicht auch heute nicht. Aber es schien mir nichts Gutes. Und ein Missverständnis.
Wie kann ich einen anderen verstehen, wenn ich ihn nicht mit mir vergleiche? Wie mich selbst verstehen, ohne mich mit anderen zu vergleichen? Dabei ist, was bei allen gleich ist, uninteressant; nur worin man sich unterscheidet, belehrt einen darüber, wie wer ist. (Das bei allen Gleiche zu betonen, hat allenfalls die Funktion, die eigene Zugehörigkeit zur Gemeinschaft der Normalen zu bekräftigen, sich und Seinesgleichen von den unzugehörigen, etwa einer anderen „Generation“ oder dergleichen abzugrenzen.)
Um Abgrenzung geht es dabei nicht (oder nicht notwendig), wenn man auf die Mitteilung, bei jemandem verhalte es sich mit dem und dem so und so, antwortet, bei einem selbst verhalte es sich anders. Eher um die Chance auf wechselseitige Verständigung, um die Entdeckung der Verschiedenheit und Vielfalt, um eine Orientierung in der Welt anhand der Mitmenschen, die eben bestenfalls nicht konform sind.
In diesem Sinne: Kein Distinktionsbedürfnis.
Und in dem anderen Sinne: Distinktion als  Überhebung, als Hervorstreichen der eigenen Besonderheit als Überlegenheit? Darin war eigentlich immer eher X. der Spezialist mit seiner Vorliebe für distinguierte Kleidung und teure Parfums, seinen modischen Brillengestellen und metaphorischen Messerbänkchen, mit seiner ab und an eingestreuten Bekanntschaft mit allerhand Prominenz, seiner Stilisierung zum proletarischen Intellektuellen katholischer Herkunft und, ja, auch seiner Krankheit, die ihn schließlich am gewöhnlichen Leben hinderte, nachdem er lange das außergewöhnliche ausgekostet hatte. Das alles immer mit Diskretion und Ironie mehr angedeutet als auf die Nase gebunden, aber doch stets präsent und im Sinne deutlicher Abhebung von denen, die nicht so gebildet, kultiviert, erfahren, reflektiert sind, selbstverständlich.
Auch dieses „Distinktionsbedürfnis“ ist mir (im Unterschied zu X.) fremd.

Freitag, 21. Februar 2025

Leute (24)

Y. ist sozusagen das Gegenstück zu X. aus Spaltungsirresein. Während dieser gegen Russland zur Ukraine hält, aber Israel verteidigt, kritisiert Y. Israel scharf, sprach aber 2014 vom Euro-Maidan als Putsch (wohl der CIA), postete damla viele Karten, die Spaltung in russischsprachige und ukrainischssprachige Gebiete zeigen sollten, sieht in der Ukraine seither den bösen Westen am Werk und verurteilt zwar den russischen Angriff, ist aber strikt gegen die Unterstützung der Ukraine. Nach dem Motto: Wenn die Ukraine sich wehren, sind sie selber schuld, dass der Krieg nicht vorbei ist. Nie im Leben fiele Y. ein, so von den Palästinensern zu denken. Wie gesagt: moralisch und politisch schizophren.

Leute (23)

Dass ausgerechnet X. irgendwann den Kontakt zu mir abgebrochen hat, ohne das freilich zu sagen und darum selbstverständlich auch ohne zu sagen, warum, ist eine der großen Kränkungen meines Lebens. Er war meine Jugendliebe gewesen, blieb es lange, viel zu lange; unerwidert, versteht sich. Wenigstens als Vertrauten und Freund hätte ich ihn gern für immer gehabt. Er aber fand wohl irgendwann, wir hätten nichts mehr miteinander gemein als (zudem womöglich abweichende) Erinnerungen, hätten uns zu weit von einander entfernt (nicht bloß räumlich), passten in keiner Hinsicht meht zueinander. Das kann ich gut verstehen. Ich bin seltsam. Aber das war ich doch immer. Früher dachte ich, er könne etwas damit anfangen. Nun, vielleicht hat er sich weiterentwickelt (wenn ich richtig unterstelle, wohin und wozu, gefällt mir das allerdings auch nicht), während ich immer noch derselbe Spinner wie früher bin, der überall aneckt und nirgendwo dazugehören will. Tja, das ist blöd, wenn das, was man für seine größte Stärke hält, von den andern als größte Schwäche erlebt wird.

Leute (22)

Ich muss immer mal wieder an X., Y. oder Z. usw. denken, an all die Leute, mit denen befreundet zu sein, ich gedacht hatte, bis sie irgendwann aufhörten, mich zu treffen, mit mir zu reden oder mir auch nur eine Antwort zu schreiben. Sicher liegt es an mir. Ich werde wohl irgendetwas gesagt haben, was sie nicht hören wollten. Wahrscheinlich bin ich langweilig. Verschroben. Rechthaberisch. Was auch immer. Freilich, wenn man mir nicht sagt, was ich falsch mache (oder inwiefern ich nicht ganz richtig bin), kann ich auch nicht wissen, ob ich etwas ändern soll oder kann oder will. Ich finde das einen merkwürdigen Umgang mit mir. Wenn ich mit jemandem nichts mehr zu tun haben will, sage ich ihm das und nenne die Gründe. So viel Respekt selbst vorm vielleicht Verachteten muss sein.