Mittwoch, 11. Februar 2026

Bezahlbaren Wohnraum schaffen?

Die Rede vom „bezahlbaren Wohnraum“ (von dem es zu wenig gebe und von dem es mehr geben solle) ist blanker Unsinn. Alles Wohnen ist bezahlbar. Wenn man denn genug Geld hat. Was also eigentlich gemeint ist: Der Anteil am Einkommen, den die Menschen fürs Wohnen aufwenden müssen, ist zu hoch. Das mag schon stimmen, wie immer man das auch genau berechnen will. (Und wie definiert man „zu“ hoch?) Jedenfalls hat die Sache also offenkundig zwei Seiten: hohe Kosten und dafür zu geringe Einkommen.
Die Höhe der Mieten bestimmen, im Rahmen der Gesetze, die Vermieter. Die wären schön blöd, wenn sie weniger verlangten, als sie bekommen können. Und sie werden bestimmt auch nicht mehr verlangen, als doch noch irgendjemand zu zahlen bereit ist. Das wäre auch blöd, denn vermietbare Wohnungen, die keiner mietet, sind auf Dauer ein Verlustgeschäft. Also regeln, wenn es so einfach ist, wohl tatsächlich Angebot und Nachfrage die Miethöhen. Außer die öffentliche Hand greift ein. Durch Deckelung der Mietpreise und Nötigung zum anteiligen Bau billiger Wohnungen. Das stellt eine Art von sanfter Enteignung dar, einen Eingriff ins Recht, das, was einem gehört, zu jedem beliebigen Preis zu verkaufen oder eben zu vermieten. Wie man das begründen will, ist schwer zu sagen, denn die Käufer und Mieter sind ja nicht gezwungen, die verlangten Preise zu bezahlen. Oder eben schon, scheint man sagen zu wollen, irgendwo müssen sie ja wohnen. Aber das tun sie doch jetzt schon, könnte man dagegenhalten, es sind ja keineswegs alles Obdachlose, die da massenhaft nach günstigem Wohnraum verlangen.
Andererseits also der zu hohe Anteil der Wohnkosten am Einkommen. Da könnte man nun auf die Idee kommen, dass man dann, um „Wohnraum bezahlbar“ zu machen, die Einkommen erhöhen müsste. Was so generell etwas schwierig ist, weil die verschiedenen Berufsgruppen mit getrennten Verträgen gegeneinander ausgespielt werden, und ein Generalstreik zur Anhebung aller Löhne und Gehälter auf ein Niveau, bei dem der durchschnittliche Wohnaufwand einen bestimmten Anteil nicht übersteigt nicht in Sicht ist.
Die Lösung? Ein bisschen fördern, ein bisschen fordern. Sogenannte sozial Schwache sollen ― nicht etwa besseres Einkommen, sondern ― billigere Wohnungen (und allenfalls Zuschüsse) bekommen, die Wohnungsindustrie diese (vorübergehend) zur Verfügung stellen müssen. Die Besserverdiener sollen günstige Kredite bekommen und bauen lassen. Mit anderen Worten: Alles bleibt, wie es ist, man verteilt nur Almosen und knapst ein bisschen bei denen ab, die ohnehin keiner leiden kann, bei den Vermietern und Baukonzernen.
Manche meinen freilich, man müsste große Vermietungsgesellschaften überhaupt enteignen. Womit vermutlich Verstaatlichung gemeint ist. Der gute Vater Sozialstaat soll Millionen oder Milliarden springen lassen, um die vom Markt, den er sonst schützt und hegt und pflegt, eher Benachteiligten irgendwo günstig unterzubringen. Das hieße: Alle zahlen mit Steuern und Abgaben dafür, dass Einkommensschwache anständig wohnen können. Aber warum das nur beim Wohnen so halten, nicht auch bei Essen, Kleidung und dem Erwerb und Betrieb von Unterhaltungselektronik? (Die Urlaubsindustrie wird ja schließlich auch mit Steuergeld gesponsert.) Warum nicht gleich überall dort, wo es für ein gutes Leben nicht reicht, alles vom Staat liefern lassen? Was man naturgemäß irgendwie finanzieren müsste. Da wissen einige Rat: Die Reichen mehr besteuern!
Manche träumen vermutlich ohnehin von entschädigungsloser Enteignung. Von so ein bisschen revolutionärem Wohnsozialismus mit Kapitalismus drumherum sozusagen. Wer das durchsetzen und wie das ohne Gewalt gehen soll, weiß der Teufel.
Es stimmt: Es ist genug Geld da. Aber blöderweise gehört es immer schon jemandem. Dem müsste man also etwas davon wegnehmen. Das geschieht ja bereits: Der Unterschied von Steuern, Enteignung und Verstaatlichung von allem und jedem ist nur graduell. Eine Frage vom Mäßigung oder Umsturz.
Allerdings gibt es mit beiden Polen längst gewisse Erfahrungen: Reiner Kapitalismus ohne wohlfahrtstaatliche Abmilderung führt zu Massenelend. Totaler Etatismus führt zu Massenelend, Bildung neuer herrschender Funktionärsklassen und politischem Terror.
Es hilft nichts: Will man das Problem von Einkommen und Lebenshaltungskosten (zu denen die Kosten fürs Wohnen gehören) grundsätzlich und auf Dauer lösen, kommt man mit Kosmetik oder Ressentiment, mit ein bisschen Fürsorge und ein bisschen Zwang nicht weiter. Das passt nur die Probleme dem prinzipiellen Status quo an. Statt eines verbesserten Weiterso wäre aber ein anderes, gerechteres, freieres, anständigeres Zusammenleben nötig. Dessen Formen müssen wohl erst erfunden und ausprobiert werden. Bis sich rücksichtsloses Profitstreben für niemanden mehr rechnet. Dass bestimmte Wirtschaftsbereiche wie etwa das Wohnen innerhalb des Kapitalismus dessen Logik entzogen werden können, ist unwahrscheinlich.
Wenn also die Forderung „Bezahlbaren Wohnraum schaffen!“ bedeutet, innerhalb eines schlechten Systems weiterzuwursteln, Benachteiligungen aufrechtzuerhalten, aber abzumildern, um Unmut zu dämpfen, und die grundsätzliche Frage Wie gerecht und vernünftig ist Wohnen und Eigentum überhaupt? nicht einmal ansatzweise zu stellen, dann bin ich dagegen.
(Juli/August 2024) 

Montag, 9. Februar 2026

Stand der Dinge (5)

„Wir können uns unseren Sozialstaat bald nicht mehr leisten“, lautet das allgegenwärtige Mantra. So viel ist immerhin richtig: Der Masse der Leute etwas wegzunehmen, um es manchen von ihnen als Almosen zurückzugeben, ist tatsächlich kein sonderlich zukunftsfähiges Vorgehen. Was aber kann sich eine Gesellschaft (oder deren Staat) leisten oder nicht und woran misst man das? Wenn die Reichen immer Reicher werden, dann kann es ja wohl nicht sein, dass nicht genug Geld da wäre. Da findet lediglich eine Umverteilung (durch Eigentumsverhältnisse und Begünstigungen) längst statt, ehe es zur Umverteilung (durch Transferleistungen) kommt.  
Das Geld ist da, Wohlstand für alle ist möglich. Man müsste nur aufhören, Unrecht durch Gesetze zu schützen, und müsste endlich den Kapitalismus durch vernünftiges Wirtschaften ersetzen. 

Stand der Dinge (4)

Dem letzten „ZDF Politbarimeter“ zu Folge sind drei Viertel der Befragten nicht der Meinung, in der BRD werde zu wenig gearbeitet. Zudem befürworteten 60 Prozent ein Land mit „hohen Steuern und umfangreichen Sozialleistungen“ und nur 27 Prozent eines „niedrigen Steuern und geringen Sozialleistungen.
Irgendwas machen die Parteien, die gewählt werden wollen, offensichtlich falsch. Die CDU regiert und konzipiert hartnäckig gegen die Mehrheit der Leute an, die SPD (oder die „Linke“) schafft es nicht, glaubwürdig zu vermitteln, dass sie dem Mehrheitswillen im Zweifelsfall entspräche.
Anscheinend ist Rassismus („wenig Zuwanderung“) das einzige, worin Berufspolitiker und Volksempfinden überein kommen. 

Montag, 2. Februar 2026

Mitteilung

Den halbgebildeten Tefaukrimikritikern, die homo homini lupus auf Hobbes zurückführen, sei mitgeteilt, dass die Formulierung in Wahrheit auf Plautus zurückgeht, der fast neunzehn Jahrhunderte vor Hobbes lebte.

Stand der Dinge (3)

„Steuern senken und Sozialleistungen kürzen!“ In meine Ausdrucksweise übersetzt: Die Reichen reicher und die Armen ärmer machen. Es wundert mich, dass den neoliberalen Arschlöchern ihre ewig gleichen Forderungen nicht langweilig werden. Noch mehr aber wundert es mich, dass es Leute gibt, die dumm oder böswillig genug sind, um derlei zuzustimmen und um Parteien, die es umzusetzen versprechen, auch noch zu wählen.
Soll man sich vorstellen, dass da Menschen, denen es eigentlich ganz gut geht, damit ihre Abstiegsängste bekämpfen und ihre Aufstiegshoffnungen stimulieren wollen? Was hat jemand mit gutem Einkommen davon, wenn jemand anderem (ihm selbst ja bloß nicht!) die Sozialleistungen gekürzt werden? Keinen Cent, weder jetzt noch je. Allenfalls die Befriedigung, dass jemand, der angeblich zu faul zum Arbeiten ist, bestraft wird. Was freilich, außer in Kazetts und Gulags, noch nie jemanden motiviert hat, zum „Leistungsträger“ zu werden.
Die Angehörigen der Mittelschicht, die den Lakaien der Reichen und ihrem sehnlichen Wunsch nach Sozialabbau zustimmen, täuschen sich gewaltig: Von den Krümeln, die da abgezwackt werden, wird ihr Anteil am Kuchen nicht größer. Wenn der Kuchen wächst, bekommen die Reichen mehr davon. Wenn er schrumpft, ebenfalls.
Nur ein vernünftig organisiertes Zusammenleben, in dem es für alle reicht, jeder genug hat und es allen gut geht, ist eine tragfähige Grundlage für die Verteilung von Mehrwert nach beitragender Leistung.
Es stimmt, was verteilt werden soll, muss erst erwirtschaftet werden. Warum aber erwirtschaften im herrschenden System viele so viel, was an nur wenige verteilt wird? Nämlich an genau die, die längst mehr als genug haben? (An die Unbedürftigen also, statt an die Bedürftigen.) Denn ungerechte Eigentumsverhältnisse sind auch eine (vorausgesetzte) „Umverteilung“.
 Warum erwirtschaften also stattdessen nicht alle alles für alle? Zweck des Wirtschaftens ist Bedürfnisbefriedigung. Nicht freilich des Bedürfnisses nach Übernmaß, Verschwendung und Macht. Sondern zunächst und vor allem der einfachen Bedürfnisse, die bei jedem mehr oder minder die gleichen sind. Wenn das Ziel der Wirtschaftsweise nicht grundsätzliche Gleichheit (mit einer allenfalls darauf aufbauenden Belohnung von Verdiensten) ist, sondern zerstörerisches Unrecht ist, ist der Sozialstaat nur eine Art von Feuerpause im wirtschaftlichen Bürgerkrieg aller gegen jeden.

Unterwegs (38)

Vor sechs Jahren war ich im Februar in Venedig. Noch vor Karnevalsbeginn reiste ich ab. Aber schon in den Tagen davor stieß ich immer wieder auf Stellen in der Stadt, wo morgens der Gehweg mit Konfetti bedeckt war. Ich hatte Gefallen daran, mir vorzustellen, dass da nachts kleine Gemeinschaften von Einheimischen schon mal ein bisschen vorfeierten, bevor Touristen und professionelle Karnevalisten mit Gedränge und Getue alles unerträglich machen würden.

Freitag, 30. Januar 2026

Übrigens (7)

Ich bin recht dankbar dafür, dass Verlage oft sogenannte Leseproben zur Verfügung stellen. Denn ab und zu lese ich irrgendwo etwas über einen Roman, meist eine Rezension, und denke mir, wenn dort gelobt wird: Wie schlimm ist es wirklich? Eine Leseprobe erlaubt mir dann, mit eigenen Augen zu sehen, wie es um den Text steht. Das ist naturgemäß nur ein kleiner, fast zufälliger Eindruck (die Leseproben sind ja fast immer bloß die ersten Seiten eines Buches), also nur eine unmethodische Stichprobe. Und darum nur in dem Maße aussagekräftig. Wenn mir aber schon im ersten Absatz Tempusfehler, falsche Konjunktive, ungelenke Wortwahl und stilistische Affigkeit entgegentreten, reicht mir das. Ich bin kein Literaturkritiker. Ich muss nicht alles lesen, was man so liest. Ich darf mich entscheiden. Und ich entscheide mich dagegen. 
Dabei ist so eine Leseprobe sozusagen nur ein weiterer Beleg. Ich habe gelernt, schon anhand einer Rezension zu ahnen, ach was, zu wissen, wie schlecht die Prosa ist, die da angepriesen wird. Ich darf mich zum Glück darauf verlassen, dass der Geschmack meiner Zeitgenossen zielsicher meinem entgegengesetzt ist. Je übler der Dreck, desto erfolgreicher. Erst die Jubelrezensionen, dann die Umsatzzahlen, dann die Buchpreise. Untrüglich Indizien des Minderwertigen. Auch dafür bin ich dankbar.

Dienstag, 27. Januar 2026

Stand der Dinge (2)

Ja, protestiert nur in großer Zahl Das wird Trump und die Seien sicher beeindrucken und umstimmen. Das sind ja alles hochanständige Leute, die vernünftigen Argumenten immer zugänglich sind. Besonders, wenn sie von besorgten Bürgern kommen.
Gewalt ist keine Lösung. Aber friedlicher Protest wird auch keiner sein. Was also tun? Dass ich auch nicht weiß, was die Lösung wäre, heißt nicht, dass es eine gibt.
Das Regime arbeitet zweifellos auf Destabilisierung hin. Am liebsten wohl bis zu dem Punkt, an dem es heißt: Na, unter solchen Umständen sind natürlich keine Wahlen möglich. (Besonders in Staaten mit Hegemonie des politischen Gegners).
Das wird die nicht freuen, die glauben, das Problem ließe sich durch Wahlen lösen. Dabei haben doch Wahlen überhaupt erst das Problem geschaffen. Wenn die Mehrheit einer Wahlbevölkerung faschistisch ist, kommt bei Wahlen eben ein Mandat für ein faschistisches Regime heraus.
Soll man etwa Demokratie einschränken, um sie vor sich selbst zu schützen? Einschränkung der Demokratie, gerade das ist es doch, was die Autoritären wollen.
Was also tun? Verzweifeln? Abwarten? Ignorieren?

Samstag, 24. Januar 2026

Oxfam mal wieder

Ich mag diese Mitteilungen von Oxfam Erst neulich wurde bekannt gegeben, seit 2020 habe das Vernögen der Milliardäre um 80 Prozent zugelegt. Solche Zahlen kann und will ich nicht überprüfen. Ich möchte sie gern glauben. Sie werden schon stimmen. Sie bestätigen mich. Sie beziffern die Verhältnisse, die ich kritisiere und verwerfe. Ich sage dann gern: Na bitte, der Kapitalismus funktioniert. Die Reichen werden reicher, die Superreichen noch superreicher. Die Mittelschichten halten still (oder treten nach unten und buckeln nach oben). Die Armen können sowieso nichts machen. (Ihnen fehlen die Mittel, das definiert sie. Sie könnten nur ihre Leiber selbst in eine Schlacht werfen. Worauf die Mächtigen mit der Gewalt der Maschinen reagierten.)
So ein bisschen Bestätigung tut gut, auch wenn das, was bestätigt wird, also eine schlechte Meinung über schlechte Zustände und schlechte Aussichten, nichts Gutes ist.
Jahrein, jahraus rede und schreibe ich gegen das Böse an, gegen den Staat, gegen die Weltwirtschaftsunordnung, gegen Krieg und Elend, gegen das globale System der Ausbeutung, Zerstörung, Unterdrückung und Verdummung. Man hört nicht auf mich. Man widerspricht mir nicht einmal, sondern ignoriert mich und macht genau das weiter, wovor ich warne und was ich als verantwortungslos, bescheuert und destruktiv anprangere. 
Da kommen mir Zahlen wie die von Oxfam ganz gelegen. Sie könnten auch anders sein.  70 Prozent oder 90 Vermögenszuwachs bei Milliardären. Was liegt daran. Wichtig ist: Es steht schlimm und wird immer noch schlimmer. Alle machen mit. Die ganz wenigen, die nicht mitmachen, erreichen fast nichts.
Das es so nicht weitergehen kann, wenn nicht alle draufgehen sollen, ist offensichtlich. Mit Händen zu greifen. Jeder Optimismus, der auf Rationalität und Technologie setzt, ist absurd. Was uns in die Scheiße reitet, zieht den Karren nicht aus dem Dreck. Es geht nicht um technische Probleme. Es geht um Moral. Also um Politik.
Wichtig wären Einsicht, Empörung, Bruch, Entwickung von praktischen Alternativen. Es darf nicht so weitergehen. Und weil es trotzdem so weitergeht, braucht es Kraft, Haltung zu bewahren. Darum bin ich dankbar, wenn Zahlen wie die von Oxfam mich bestätigen und meine Einschätzung bekräftigen.

Stand der Dinge (1)

Die Wahrheit nicht nur verdrehen, sondern frontal attackieren. Das Offensichtlich leugnen und lügen, lügen. lügen, bis alle mürbe und müde werden, und nicht mehr die Wahrheit Thema ist, sondern die Unwahrheit, wie lächerlich, dumm und gemein sie auch sein mag. Kein Gedächtnis haben (außer für Feinde), rasch das Thema wechseln, persönlich scharf angehen, übertreiben, Zahlen erfinden, Fakten erfinden. Was man gesagt hat, abstreiten. Nur von sich selbst überzeugt sein, nicht von irgendwelchen Normen und Werten. Moralische Vorhaltungen als antiquiert und sachfremd zurückweisen, aber versuchen, andere moralisch zu diskreditieren. 

Donnerstag, 22. Januar 2026

Dementia historica

Wenn ich mich richtig erinnere, war es doch so: Als Hitler damit drohte, Strafzölle zu erheben, wenn er das Sudentenland nicht bekomme, marschierten Frankreich und Großbritannien in Deutschland ein, setzten die Nazis ab und verinderten so den Zweiten Weltkrieg (inklusive Judenvernichtung).
 
Wenn ich mich richtig erinnere, war es doch so: Die Palästinenser, nachdem sie Österreich und Teile der Tscheckoslowakei ihrem Staat angeschlossen hatten, überfielen Polen und später die Sowjetunion, eroberten fast ganz Europa und töteten Millionen von Menschen. Darum wird, seit man die Palästinenser schließkich besiegt hat, völlig zu Recht nicht nur deren Land, sondern im Grunde die ganze Welt von einem Kontrollrat mit Sitz auf dem Alten Jüdischen Friedhof in Prag regiert.
 
Wenn ich mich richtig erinnere, war es doch so: Die Ukraine überfiel Russland.
 
Wenn ich mich richtig erinnere, war es doch so: Die Menschen, sagen wir mal im Sudan oder Somalia oder dem Jemen usw. usf. sind alle traditionell faul, dumm, unzivilisiert und hungern darum völlig zu Recht.
 
Wenn ich mich richtig erinnere, war es doch so: Demokratie war immer nur was für die Herrenmenschen und die Sklaven dürfen ruhig in Diktaturen leben, unterdrückt, ausgebeutet, belogen und getötet werden. Darum darf man völlig zu Recht Geschäfte mit beispielsweise Rotchina machen, ja sich sogar in Abhängigkeit von diesem Begeben, die einem eines Tages schrecklich auf den Kopf fallen wird, und trotzdem weiter von Demokratie und Menschenrechten schwafeln.

Dienstag, 20. Januar 2026

Wie viel Aufwand Dummheit und Niedertracht erfordern! Ich hielte es immer noch für sehr viel einfacher, klug und gut zu sein.

Miscellanea ethica

Wenn du dich fragst, ob du dich bessern könntest, könntest du es sehr wahrscheinlich. Wenn du es dich nicht fragst, dann ganz bestimmt.

Montag, 19. Januar 2026

Fragment über Barbarei

Man tut den als Barbaren Imaginierten großes Unrecht, wenn man ihnen unterstellt, sich „barbarisch“ zu verhalten, was ja oft nicht einfach nur kulturlos und unzivilisiert heißen soll, sondern nicht zuletzt roh und grausam. Aber nicht die vermeintlich Unterentwickelten (oder Wiederverrohten) sind die Blutrünstigen und Schamlosen, sondern ganz im Gegenteil waren es zu allen Zeiten die, die sich für höherwertig hielten und alles Fremde als unverständlich, rückständig und grobschlächtig verachteten, die die besonders gewaltigen und nachhaltigen Verbrechen begingen. Urbane Verfeinerung hielt die Zentren nie davon ab, sich der Peripherien zu bemächtigen und Menschen, Tiere, Pflanzen auszubeuten, ganze Landschaften umzugraben, auszuhöhlen und zu vergiften und fremde Kulturgüter, Gebräuche, Denkweisen zu vernichten (oder sich, falls für brauchbar erachtet, unentgeltlich anzueignen).
Nicht Attila und Tamerlan (oder formatlose Mickerlinge wie Hitler, Stalin, Mao) sind die typischen Menschen- und Kulturvernichter, sondern repräsentativ für die Akteure von Menschheitsverbrechen sind die kleinen Bürokraten und Ingenieure, die Krämer und Lakaien, die anonym, beflissen und gierig Unheil planen und vollstrecken, das sie nicht verantworten wollen. Diese Herrenmenschen im Gartenzwergformat genießen alle Vorteile des modernen Lebens, Klospülung und Zentralheizung, Schule, Strom und Rechnerkapazität, während ihre raffinierten Beiträge zu Reklame, Produktion und Zerstreuung den zeitgenössischen Terror der Verwertung und Niederhaltung designen und umsetzen. Die Kosten der Profitmaximierung tragen alle, auch die verfeierungsfreudigen Funktionäre, die Ungeschlachten aber umso mehr, als sie keine Chance haben sollen, sich an der Weltausbeutung anders denn als Handlanger und menschliches Verbrauchsmaterial zu beteiligen. Wer aufmuckt, ist ein Spinner, Fanatiker, Abweichler und Gefährder, diskursiv und vernichtungstechnisch vogelfrei.
So funktioniert das System. Und wenn das Zivilisation und Kultur ist, muss man es aus ethischen und ästhetischen Gründen verwerfen. 
Kurzum, „barbarisch“ ist in Wahrheit, wer die Welt in Zivilisierte und Barbaren aufteilt, weil diese abwertende Grenzziehung immer noch dem Geschäftsmodell der Sklavenhalter gedient hat, auch wenn die Sklaven schließlich Arbeiter und Subunternehmer heißen. Wann nämlich hätte denn bei den selbsternannten Kulturnationen die Absage an Grausamkeit und Menschenverachtung begonnen? Nach dem Dreißigjährigen Krieg? Nach der Französischen Revolution? Nach Belgisch-Kongo? Nach Auschwitz? Nach Vietnam? Nach dem letzten Schulmassaker?

Sonntag, 18. Januar 2026

Im ICE Age

Das Agieren der Mitarbeiter der Behörde mit dem Namen United States Immigration and Customs Enforcement und dem Kürzel ICE, das irrational, brutal, letal genannt werden muss, ist ebenso erschreckend wie bestätigend: Der Staat regrediert auf das, was ihn im Kern ausmacht ― Terror. Der Anspruch, allein das Recht zu vertreten und allein Gewalt ausüben zu dürfen, ist nicht erst Kennzeichen faschistischer Zustände, sondern von Staatlichkeit überhaupt. Der Saat als solcher ist ein Bürgerkrieg.
Faschistoid ist Situation freilich auch: Es existiert in den USA derzeit ein Kult der Gewalt, der Autorität, inkarniert in einer Führerfigur, die kritiklose Bewunderung und sklavischen Gehorsam fordert, es gibt Lügenpropaganda, Realitätsverleugnung, Verachtung der Schwachen und Fremden, eine massive Abwertung des politischen Gegners und ein Desinteresse an Rationalität, Kompromiss, Kooperation.
Seit jeher wird die amerikanische Demokratie dem Rest der Welt als vorbildlich hingestellt, mit ihrer Gewaltenteilung, ihren checks und balances, ihrem Föderalismus und Gemeinsinn. Nichts davon war je wahr. Das Wahlsystem hing wie das Justizsystem immer schon vom verfügbaren Kapital ab, ein Großteil der Bevölkerung wählt nicht, lebt in prekären Verhältnissen oder sitzt im Gefängnis. Rassismus, Xenophobie. Soziophobie, Klassenhass prägen den Alltag. Minderwertige Waren, minderwertige Unterhaltung, minderwertige Bildung herrschen vor. Wer Geld hat, viel Geld, kann durchaus gut leben; dann aber nicht anständig, weil das Wirtschaftssystem Ausbeutung von Mensch und Natur (und die Selbst- und Massenverdummung) zur Pflicht macht.
In ihrer Verblendung glauben viele, sie seien frei, wenn sie zwischen Formen des Unterdrücktwerdens wählen dürfen. Gewalt, und sei es nur potenzielle, als Waffenbesitz, gilt als Grundrecht und Notwendigkeit; das zeigen auch die Bildschirmrepräsentationen, wo am laufenden Band abgemurkst wird und „Gesetzeshüter“, die bewusst und effizient Grenzen überschreiten, als Helden gelten.
Ob die Erfahrungen mit ICE und Insurrection Act die Mär vom Guten Vater Staat nachhaltig beschädigen werden? In den USA gilt viel zu vielen ein fürsorglicher Staat als Weg in die kommunistische Entmündigung und Repression. Besorgte Bürger werden sich darum zwar gegen Exzesse verwahren wollen, aber das Prinzip des Leviathans, der alle vor einander schützen müsse, weil sonst jeder dem anderen ein Raubtier sei, weiterhin begreiflich finden und begrüßen.
Die Agenten des ICE sind allerdings auch Bürger. Es ist das Mitmachen beim Unrecht im Namen des Rechts, der gewaltsamen Durchsetzung willkürlicher Normen, das nicht nur die Grundlage des Funktionierens im Faschismus, sondern auch im liberalen Staat ist. Bürger gegen Bürger: das ist der Staat.
So lange sie nur „Illegale“ beträfen, wäre die Empörung über systematische Übergriffe der ICE gering. Weil sie aber auch „uns“, die „normalen“ Bürger erreichen können, versetzt das viele zu Recht in Wut. Genau das ist beabsichtigt. Es geht den gerade Herrschenden um einen Machtkampf, nicht um Verwaltungsakte (Identitätskontrollen, Statutsüberptüfungen, Deportationen). Wer setzt sich durch: Vernunft oder Gewalt, Anstand oder Gier? Die Machtmittel sind ungleich verteilt. Das Ende ungewiss. Die Hoffnung gering.

Donnerstag, 15. Januar 2026

Traumbuchhandlung

Ich träumte unlängst von einer mir bis dahin unbekannten Buchhandlung. Ich gehe hinein und bin begeister. Die Bücher stehen ordentlich in den Regalen und sind sehr zahlreich. Fast alle sehen aus wie neu, obwohl sie, wie ich feststelle, zum Teil schon vor langer Zeit veröffentlicht wurden. Die Einbände, ob weich ob fest, sind anmutig und schlicht. Die Regale und die Bücher darin wurden nach Sachgebieten, Verlagen und Autoren geordnet. Ich gehe durch den Laden und entdecke viel Vielversprechendes und einiges, das mir bekannt ist (oder vorkommt). Hier könnte ich viel Geld ausgeben. Ich bin in Hochstimmung. Als ich schließlich vor einer Regalwand stehe, die alle noch nicht vergriffenen Bände der Reihe „suhrkamp taschenbuch wissenschaft“ enthält, nach ihren Nummern geordnet, weine ich fast vor Glück.
Wunscherfüllende Träume dieser Art hatte ich früher oft. Es gab für mich nichts Beglückenderes, als von Läden mit neuen und alten Büchern zu träumen, ganz unwahrscheinlich Entdeckungen zu machen und mir unglaublich Verheißungsvolles auszusuchen. Am Ende ging ich meist voller Vorfreude auf die Lektüre mit einem Stapel Bücher zur Kasse ― und war dann sehr enttäuscht, wenn ich aufwachte und das Glück sich bloß als Traum erwies.
Früher ging ich auch im wachen Leben gern in Buchhandlungen. Als Student, der wenig Geld hatte, schaute ich zwar mehr, als ich kaufte, ließ aber letztlich trotzdem viel Geld in Buchläden. Ich stand nicht selten lange vor den Drehgestellen, die es damals noch gab, und überlegte zum Beispiel, welches Merve-Bändchen ich mir leisten sollte. Oft kam ich erst am nächsten Tag oder übernächsten wieder, um es zu kaufen. Selten oder gar nicht wurde man von einem Buchhändler bei Schauen oder gar Lesen (was ich nie tat) behelligt und zum Kaufen aufgefordert. Die Buchhändler rund um die Universität kannten eben ihr Publikum. (Manche Kolleginnen und Kollegen stahlen Bücher, auch das tat ich nie.) Auch die Bibliotheken, bei denen man selbst ins Depot durfte (oder musste), um zu suchen, was man entlehnen wollte, mochte ich sehr. Ach, all die Bücher, die ich gern gelesen hätte, nie lesen würde, aber lesen könnte …
Und ich hatte jahrzehntelang eine Vorliebe für Antiquariate, besonders moderne. Dabei wusste ich vor allem „Grabbelkisten“ mit Büchern aus Nachlässen sehr zu schätzen, darin waren herrliche Funde zu machen. Etwa interessante Taschenbücher, noch gar nicht so schrecklich alt, meist gut erhalten. (Manchmal erwarb ich übrigens später Bücher, die ich mir als Student nicht hatte leisten können oder wollen, Jahre, Jahrzehnte doch noch.) Das Unvorhersehbare am Stöbern in solchen Bücherkisten gefiel mir, ich erhoffte und fand auch zuweilen Werke, von deren Existenz ich nichts geahnt hatte, und die sich dann oft als sehr lesenswert erwiesen.
Mit dem Schließen so vieler Buchhandlungen und mit der Verlagerung des Buchhandels ― auch und gerade des antiquarischen, und hier auch und gerade des Handels mit gebrauchten und darum sehr billigen Taschenbüchern ― ins Internet, haben die Überraschungen stark abgenommen oder bleiben ganz aus. Grabbelkisten sind fast ausgestorben. Oder dürftiger geworden. (Möglicherweise werfen heutzutage Erben alte Bücher einfach ins Altpapier, statt sie als Kulturgut weiterzugeben.) Dieser Niedergang ist jedenfalls mein Eindruck, betreffend die Großstadt, in deren Nähe ich wohne. Vielleicht ist es anderswo anders.

Früher ging ich, wie gesagt, gerne in Buchhandlungen. Heute nicht mehr. Es macht mir keinen Spaß mehr, die mitunter nur noch schlecht bestückten Regale durchzusehen. Zu sehr haben sich die Bücher in ihrer Erscheinung (vom Inhalt will ich her gar nicht reden) verändert. Sie sind allzu schmuck geworden, oft grell und schrill, bunt jedenfalls. Und aufgebläht. Ich habe auch Werke gesehen, die ich einst als schlichtes Taschenbuch gekauft hatte, und die nun als marktschreierische Papierziegel aufgemacht waren. Das missfällt mir. Mein Ideal waren immer die unaufdringlich daherkommenden Bücher des französischen Verlages Gallimard (und anderer): Im Grunde Buchblöcke mit weichen Einband (die man, wenn man unbedingt will, binden lassen kann). Oder im deutschen Sprachraum die früher sehr schlicht gehaltenen Einbände (der Taschenbücher von) Suhrkamp, Reclam, Felix Meiner, UTB usw. Einfach, sachlich, unaufgeregt. Klostermann kann das immer noch. Reclam ist leider oft bunt geworden, die Büchlein von Matthes & Seitz bilden sozusagen die Grenze: geschmackvoll, schlicht, vorsichtig ornamental. Was ich sage, ist alles sehr subjektiv, aber warum auch nicht, ich bin kein Buchwissenschaftler, ich bin Kunde und Leser und darf Gefallen an etwas finden oder mein Missfallen an Zuständen und Entwicklungen äußern.
Auch die Buchhandlungen selbst haben sich verändert. Außer im Bereich „Romane“ (vor allem Krimis, Thriller, Fantasy und anderer Dreck, äh, Zeugs) und „Lebenshilfe Schrägstrich Esoterik“ scheint mir alles ausgedünnt, die Regale halten fast nur noch Bestseller feil. (Meist werden Bücher inzwischen ohnehin lieber hingelegt als hingestellt, da sie eine Schauseite haben, die nach Aufmerksamkeit ruft.) Sortiment, was ist das. Sogar sogenannte „Klassiker“ muss man bestellen. (Sie sind Nischenprodukte.) Aber bestellen kann ich auch von zu Hause aus. Dazu brauche ich nirgendwohin zu gehen, schon gar nicht in Läden, die nicht mich als Kunden gar nicht wollen, in denen ich mich wie im falschen Film fühle. Gehe ich (außerhalb der „Vorweihnachtszeit“) doch noch einmal in eine größere Buchhandlung, treffe ich meist mehr Angestellte an als potenzielle Käufer. Aber man versichert mir, auf Nachfrage, alles sei in Ordnung, heute sei nur ein ruhiger Tag. Viele ruhige Tage ergeben freilich einen Ruhestand, letztlich einen Friedhof.
Der sogenannte „stationäre“ Buchhandel ist zu Abfütterungsstationen für Lesestoffkonsumenten verkommen. Die Ware Buch ist mehr denn je ein bloßes Unterhaltungs- und Zerstreuungsmittel, keine Notwendigkeit, um sich in Frage stellen zu lassen und sich zu verändern. (Fachbücher gibt es zwar, aber sie grassieren gern virtuell, wie die Exzerpte und Zusammenfassungen, damit man möglichst wenig lesen muss.) Kochbücher, Reiseführer, Ratgeber aller Art mischen sich in großer Zahl unter die erzählende Literatur. Wörter wie Geist, Bildung, intellektuelle Herausforderung sind nicht nur in diesem Zusammenhang antiquiert, elitär, inhaltslos. Lesen soll Spaß machen und der Spaß soll simpel, ablenkend, folgenlos sein.
Subjektives Genörgel eines alten Mannes? Gewiss. Was nicht heißt, dass der Verfall nicht real ist. Wer sonst sollte ihn bemerken, wenn nicht einer, der ihn nicht will, der ihn nicht ausstehen kann? Veränderung, Verfall, Untergang: ohne zu werten, hätte die Diagnose keinen Sinn.
Aber es wird doch immer mehr gelesen, sagt man mir, besonders junge Leute usw. Die Buchmessen werden immer größer, die Besucherzahlen steigen und die Buchhandelsketten usw. Einmal abgesehen davon, dass Quantität nichts über Qualität besagt, es also nicht auf Verkaufszahlen ankommt, sondern auf Formen und Inhalte von Büchern, stimmt es gar nicht, dass mehr gelesen wird. Die Statistik spricht eine andere Sprache: Die Lesekompetenz sinkt, die Lesetätigkeit verlagert sich zu Kurznachrichten, Newslettern, Textschnippseln, Übersichtsartikeln, also eher zu rasch Konsumierbarem, weg vom Buch. Je geringer der Bildungsstand, desto mehr verringern sich Kompetenz und Lesetätigkeit, aber das wird von den (angeblich) besser Gebildeten nicht ausgeglichen. Dass die Umsatzzahlen für steigen, liegt an steigenden Preisen, die Absatzzahlen sind rückläufig. Und das Bücher gekauft werden, heißt weder, dass sie gelesen werden, noch dass sie gut sind. (Was immer „gut“ heißt: niveauvoll, fordernd, horizonterweiternd, charakterbildend, kritisch; oder einfach cool und geil.)
Es wird also weniger gelesen. Es wird schlechter gelesen. Es wird Schlechteres gelesen. Der Buchkonsum wird zum kleinen Luxus-Event, vergleichbar mit Wellnessbad und Fitnessstudio. Einem alten Kulturpessimisten macht das keine Hoffnung auf die kommende Revolution. Aber man wird ja trotzdem noch von guten Büchern für kluge Leser träumen dürfen …

Mittwoch, 14. Januar 2026

Billiger Trick, den manche gerne schlucken

„Lebensmittel werden billiger“, jauchzen Österreichs Medien. Denn die Regierenden haben vor, den einschlägigen Mehrwertsteuersatz von derzeit zehn auf fünf Prozent zu senken. Das macht allerdings nur dann irgendetwas billiger, wenn der Handel die Preise auch entsprechend senkt. Und zwar dauerhaft und nicht bloß als vorübergehenden Werbe-Gag, dem später wieder „Anpassungen“ folgen.
Und selbst wenn die Lebensmittelpreise tatsächlich um die rechnerischen 4,54 Prozent sinken würden, für die Verbraucher, die im Durchschnitt 12 Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben, bedeutete das wenig. Das statistische Durchschnittseinkommen beträgt 2.990 Euro im Monat, davon 12 Prozent sind 358,80, vermindert um besagte 4,54 Prozent ergibt das 16 Euro und 29 Cent Ersparnis. Wahnsinnig viel ist das nicht. (Weniger als eine Stunde Arbeit beim genannten Durchschnittseinkommen.) Arme geben übrigens mehr Geld und einen höheren Anteil ihres Einkommens für Lebensmittel aus. Weil sie aber eben weniger Einkommen haben, nützt ihnen die Mehrwertsteuerkürzung auch weniger als denen, die viel Geld fürs Essen ausgeben.
Aber damit es überhaupt zu irgendwelchen Effekten für die Käufer kommt, müssten, wie gesagt die Lebensmittelpreise tatsächlich gesenkt werden. Derzeit liegen sie im Durchschnitt 20 Prozent (!) über denen beim großen Nachbarn BRD. Wenn man das weiß, dürfte das Vertrauen in die Ehrlichkeit und Kundenfreundlichkeit der Lebensmittelhandelsketten (die bekanntlich alle ausschließlich oder überwiegend in deutscher Hand sind) doch eher gering ausfallen.

Sonntag, 11. Januar 2026

Glosse CXLII

Dass eine österreichische Synchronsprecherin den dritten Teil des Namens  der Familie Sachsen-Coburg-Koháry nicht korrekt aussprechen kann (sie betont die zweite Silbe), ist tieftraurig. Alle mehrsilbigen ungarischen Wörter werden auf der ersten Silbe betont. Der Akzent überm A bezeichnet keine Betonung, sondern den Laut [a] (im Unterschied zu ​[⁠ɒ⁠], den das A ohne Akzent bezeichnet.) Das könnte man als Österreicherin wissen. Ungarn ist ein Nachbarland. In Österreich lebt eine gesetzlich anerkannte ungarische Minderheit. Wer fürs Staatsfernsehen arbeitet (auch etwa als Redakteur oder Synchronregisseur), sollte, wenn er oder sie schon keine Bildung erworben hat, so doch so viel Respekt aufbringen, sich wenigstens in die Lage zu versetzen, die Eigennamen von Mitbürgern und Nachbar halbwegs richtig auszusprechen. 

Notiz zur Zeit (264)

Weil’s mal ein bisschen heftiger geschneit hat, ist natürlich die menschengemachte Erderwärmung komplett widerlegt … 
 
Was bringt die Leute dazu, ihre Ausbeuter, Unterdrücker, Verdummer gegen deren Kritiker in Schutz zu nehmen? Eingefleischter Selbsthass?

Lügen, lügen, lügen und das Offensichtliche leugnen. Hatte doch schon gut geklappt, als man ein kleines Kind war und von Mutti erwischt wurde.
 
Warum wollen die Leute unbedingt dumm sein? Aus demselben Grund, aus dem sie böse sein wollen?

Freitag, 9. Januar 2026

Unterwegs (37)

An der Bushaltestelle fiel mir auf, dass das Wartehäuschen erneuert wurde. Die kleinen Metallroste, auf den man sitzen könnte, sind wohl immer noch unbequem (und im Winter gewiss arschkalt), haben jetzt aber außerdem noch jeweils zwei schmale, gebogene Stege, die verhindern sollen, dass auf diesen Quasibänken jemand liegen kann. Gar ein Betrunkener oder ein Obdachloser. Denn das ist ja bekanntlich das größte Problem jeder Großstadt, dass jemand dort schläft, wo das nicht hingehört, also im öffentlichen Raum, dass mit anderen Worten die gesellschaftlichen Missverhältnisse sichtbar (und ruchbar) werden durch das ausgelebte Schlafbedürfnis der Ärmsten und Schwächsten. Dafür ist Geld da.

Montag, 5. Januar 2026

Unterwegs (36)

Straße. Passanten. Ein Mann lehnt, mit dem Gesicht zur Wand, gegen eine Hausmauer und schluchzt. Niemand, auch ich nicht, bleibt stehen, fragt, bietet Hilfe an. Niemand will in irgendetwas verwickelt werden. Was sind wir nur für Ungeheuer, ein Mitmensch leidet, und wir schauen weg.