Und als ich die berühmten Gemälde zum ersten Mal erblickte, wie zitterte das unersättlich Herz, wie stand ich lange Zeit mit wankenden Knien auf der Schwelle, bis das Herzklopfen sich gelegt hatte und ich imstande war, soviel Schönheit zu ertragen. Denn ich hatte es wohl vorausgesehen: Schönheit ist erbarmungslos; nicht sie schaust du an, sie schaut dich an, und sie verzeiht nicht.
Sonntag, 29. März 2026
Bauen gegen Menschen
Ich kannte diese Leute vorher nicht. Ich las nur zufällig von ihrem Tod. Ein Schweizer Architekten-Ehepaar, er 97, sie 94 Jahre alt, hat sich umgebracht. Deren Sache, geht mich nichts an. Die beiden dürften jede Menge Gebäude entworfen haben, allesamt scheußlich, soweit ich sehe. Und ich habe ein Zitat von ihm bezüglich eines seiner Werke gefunden (das 2018 zum „hässlichsten Haus der Schweiz“ gewählt worden war): „Dass Laien das Gebäude hässlich finden, ist mir egal. Hauptsache, den anderen Architekten gefällt es.“
Genau diese Einstellung bringt aus meiner Sicht die moderne Architektur auf den Punkt. Für gewöhnlich ist sie menschenfeindlich, selbstverliebt, abstoßend und unbrauchbar. Es gibt Ausnahmen, aber die Regel ist: Inhumanität und Unschönheit.
Man entwirft für Kollegen und Kritiker, für Auftraggeber, die sich außer an Kosten und Profit an der Meinung anderer orientieren. Man entwirft nicht für die Menschen, die in solchen Häusern wohnen müssen. Es geht nicht um Geschmack. Es geht um Wünsche und Bedürfnisse. Diese mit Gewalt ― und jeder solcher Bau ist physische Manifestation einer Durchsetzung ― übergangen werden. Übergangen werden sollen. Denn je unmenschlicher die Gebäude sind, desto mehr werden sie „in Fachkreisen“ (und von verdummten Fans) bewundert.
„Architektur ist faschistisch“, pflege ich zu sagen und ecke damit oft an. Vom obigen Zitat und der inhumanen Geisteshaltung, die es zu erkennen gibt, fühle ich mich allerdings bestätigt. Modernes Bauen ist in der Regel autoritär, elitär, menschenverachtend und praktiziert einen Kult der Gewalt.
Genau diese Einstellung bringt aus meiner Sicht die moderne Architektur auf den Punkt. Für gewöhnlich ist sie menschenfeindlich, selbstverliebt, abstoßend und unbrauchbar. Es gibt Ausnahmen, aber die Regel ist: Inhumanität und Unschönheit.
Man entwirft für Kollegen und Kritiker, für Auftraggeber, die sich außer an Kosten und Profit an der Meinung anderer orientieren. Man entwirft nicht für die Menschen, die in solchen Häusern wohnen müssen. Es geht nicht um Geschmack. Es geht um Wünsche und Bedürfnisse. Diese mit Gewalt ― und jeder solcher Bau ist physische Manifestation einer Durchsetzung ― übergangen werden. Übergangen werden sollen. Denn je unmenschlicher die Gebäude sind, desto mehr werden sie „in Fachkreisen“ (und von verdummten Fans) bewundert.
„Architektur ist faschistisch“, pflege ich zu sagen und ecke damit oft an. Vom obigen Zitat und der inhumanen Geisteshaltung, die es zu erkennen gibt, fühle ich mich allerdings bestätigt. Modernes Bauen ist in der Regel autoritär, elitär, menschenverachtend und praktiziert einen Kult der Gewalt.
Samstag, 28. März 2026
Videant male consulti …
Die ösiländische Obrigkeit will ein Verbot von Sozialen Medien für Personen im Alter von weniger als vierzehn Jahren. Das soll Kinder und Jugendliche vor schädlichen Inhalten schützen. Warum man nicht geschützt zu werden braucht, wenn man fünfzehn oder älter ist, bleibt Staatsgeheimnis.
Medienkompetenz ist das Stichwort. Die soll künftig in den Schulen auch im Fach „Medien und Demokratie“ eingetrichtert werden, wofür der Latein-Unterricht um zwei Stunden gekürzt werden soll, (Was mit denen ist, die keinen haben, ist kein Thema.)
Pädagogische Peitsche und altbackenes Zuckerbrot: Medienverbot und Main-Stream-Indoktrination sollen übrigens auch gegen „Radikalisierung“ helfen. (Radikalisierung, das ist, wenn man die ganze verordnete Scheiße ablehnt. Das darf man nicht.)
Ob im Unterricht auch nur ein kleines bisschen Wahrheit vorkommen darf? Dass Demokratie ein Farce ist, die das politische Bewusstsein der Leute einschläfern soll? Dass der Staat ein Werkzeug der Reichen ist, durch das sie noch reicher werden sollen? Dass die FPÖ faschistisch ist und dass Parteien, die mit ihr kollaborieren, (schon allein) darum quasifaschistisch sind? Dass nur fundamentale, radikale, extreme Maßnahmen zu einer Lösung der ökologischen, sozialen, politischen, kulturellen Probleme etwas Sinnvolles beitragen können und das übliche Weiterwursteln korrupter und ideologisch verbohrter „Mandatsträger“ verbrecherisch ist? Wohl kaum.
Hinschauen verboten! Denken verboten! Mitlaufen erlaubt.
Ob im Unterricht auch nur ein kleines bisschen Wahrheit vorkommen darf? Dass Demokratie ein Farce ist, die das politische Bewusstsein der Leute einschläfern soll? Dass der Staat ein Werkzeug der Reichen ist, durch das sie noch reicher werden sollen? Dass die FPÖ faschistisch ist und dass Parteien, die mit ihr kollaborieren, (schon allein) darum quasifaschistisch sind? Dass nur fundamentale, radikale, extreme Maßnahmen zu einer Lösung der ökologischen, sozialen, politischen, kulturellen Probleme etwas Sinnvolles beitragen können und das übliche Weiterwursteln korrupter und ideologisch verbohrter „Mandatsträger“ verbrecherisch ist? Wohl kaum.
Hinschauen verboten! Denken verboten! Mitlaufen erlaubt.
Glosse CXLIV
Was war denn einer der größten Meilensteine im Umgang mit psychisch Erkrankten?, fragt die Tefau-Reporterin den wissenschaftlichen Leiter der heurigen niederösterreichischen Landesausstellung. (Und der lacht sie nicht aus, sondern antwortet sehr ernsthaft.) Vielleicht ist es im Paralleluniversum des österreichischen Rundfunks tatsächlich so, dass es dort sehr kleine Meilensteine für sehr kurze Meilen gibt und für die ganz langen Meilen gibt es sehr große Meilensteine. Oder aber: bei der Vertreterin der Journaille hat das zwanghafte Verwenden von Floskeln das Hirn angegriffen.
Besagter wissenschaftlicher Leiter sprach dann von einem Künstler, der seinem Talent nachgegangen sei und Aquarelle bemalt habe. Der „Leiter der Landessammlungen Niederösterreich“ ist entschuldigt. Er ist Akademiker (Magister), muss also der Sprache nicht mächtig sein, schon gar nicht in freierc Rede. Ein feiner Zwirn genügt für den öffentlichen Auftritt.
Besagter wissenschaftlicher Leiter sprach dann von einem Künstler, der seinem Talent nachgegangen sei und Aquarelle bemalt habe. Der „Leiter der Landessammlungen Niederösterreich“ ist entschuldigt. Er ist Akademiker (Magister), muss also der Sprache nicht mächtig sein, schon gar nicht in freierc Rede. Ein feiner Zwirn genügt für den öffentlichen Auftritt.
Mittwoch, 25. März 2026
Hass auf Israel
Die Journalistin Ana Kasparian hat klargestellt. „Ihr werdet nicht gehasst, weil ihr jüdisch seid. Ihr werdet gehasst, weil ihr unschuldige Menschen tötet.“ Sie weist damit den Vorwurf zurück (der beispielsweise in der BRD Staatsdoktrin ist), sich gegen Israels Verbrechen auszusprechen, sei „antisemitisch“. Kasparian erklärt, dass sich ihr Zorn nicht gegen das jüdische Volk, sondern explizit gegen den Zionismus und die Politik der israelischen Regierung richte, insbesondere angesichts der andauernden, verheerenden zivilen Opferzahlen in Gaza, Libanon und Iran.
Kasparian hat völlig Recht. Allerdings muss man andererseits auch sagen, dass alle jüdischen Organisationen, einschließlich der Kultusgemeinden, die entweder Israel erlauben, im Namen aller Juden zu sprechen, oder die Israel sogar unterstützen (egal, ob „im Prinzip“ oder in jeder Hinsicht) und die sich nicht wahrnehmbar und unmissverständlich gegen die zionistischen Verbrechen Stellung zu beziehen, nichts anderes als Komplizen sind.
Das gilt auch für jeden einzelnen, der je in der Öffentlichkeit „als Jude“ gesprochen hat und sich, beispielsweise als Zeitzeuge oder Intellektueller, für zuständig hält, über Politik und Moral, Gewissen und Unrecht zu reden. Wer nichts gegen Israel sagt, wer nicht ohne Vorbehalt Verbrechen Verbrechen nennt, soll schweigen. Wer aber schweigt, stimmt zu, und wer zustimmt, hilft mit.
Zudem geht es nicht nur um den Mord an Unschuldigen und Zivilisten. Man darf auch angebliche oder tatsächliche Kombattanten nicht ohne weiteres massakrieren, und auch im Krieg (den wer wem erklärt hat?) hat jeder als unschuldig zu gelten, der nicht in einem ordentlichen Verfahren von einem unabhängigen und zuständigen schuldig gesprochen wurde. Einfach so „Feinde“ abzumurksen, ist kriminell. Massenhaft Menschen zu töten, zu verletzten, zu Vertreiben, ihrer Lebensgrundlagen zu berauben, ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
Das kann man wollen. Aber dann ist man hassenswert. Man kann es auch billigen oder beschweigen. Aber dann ist man ebenfalls hassenswert. Ja, Hass ist hässlich und nichts Gutes. Aber manchmal ist er berechtigt und unvermeidlich.
Kasparian hat völlig Recht. Allerdings muss man andererseits auch sagen, dass alle jüdischen Organisationen, einschließlich der Kultusgemeinden, die entweder Israel erlauben, im Namen aller Juden zu sprechen, oder die Israel sogar unterstützen (egal, ob „im Prinzip“ oder in jeder Hinsicht) und die sich nicht wahrnehmbar und unmissverständlich gegen die zionistischen Verbrechen Stellung zu beziehen, nichts anderes als Komplizen sind.
Das gilt auch für jeden einzelnen, der je in der Öffentlichkeit „als Jude“ gesprochen hat und sich, beispielsweise als Zeitzeuge oder Intellektueller, für zuständig hält, über Politik und Moral, Gewissen und Unrecht zu reden. Wer nichts gegen Israel sagt, wer nicht ohne Vorbehalt Verbrechen Verbrechen nennt, soll schweigen. Wer aber schweigt, stimmt zu, und wer zustimmt, hilft mit.
Zudem geht es nicht nur um den Mord an Unschuldigen und Zivilisten. Man darf auch angebliche oder tatsächliche Kombattanten nicht ohne weiteres massakrieren, und auch im Krieg (den wer wem erklärt hat?) hat jeder als unschuldig zu gelten, der nicht in einem ordentlichen Verfahren von einem unabhängigen und zuständigen schuldig gesprochen wurde. Einfach so „Feinde“ abzumurksen, ist kriminell. Massenhaft Menschen zu töten, zu verletzten, zu Vertreiben, ihrer Lebensgrundlagen zu berauben, ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
Das kann man wollen. Aber dann ist man hassenswert. Man kann es auch billigen oder beschweigen. Aber dann ist man ebenfalls hassenswert. Ja, Hass ist hässlich und nichts Gutes. Aber manchmal ist er berechtigt und unvermeidlich.
Montag, 23. März 2026
Aufgeschnappt (bei Robert Spaemann)
Nicht um Gesinnungsgenossenschaft kann es heute gehen und nicht darum, lieber mit den Freunden zu irren als mit Nicht-Freunden recht zu haben. Irrtum ist in unserer Lage schlimmer als jede Lumperei.
Dienstag, 17. März 2026
Trampelpfade
Als Kind und Jugendlicher mochte ich sie überhaupt nicht, diese von unzähligen Füßen nach und nach und seit langem in irgendeine Grünfläche hineingestampften Abkürzungen, meistens krumm, längst zur Institution geworden, die alle nutzen, nützlich, weil zeitsparend. Sie waren eine ungeplante, zunächst spontane Weigerung, die von anonymen Planern festgelegten Wege zu gehen, die umständlicher waren, meistens rechtwinklig, immer gepflastert oder asphaltiert. Ich ging lieber die vorgesehen Wege. Die Abweichungen erschienen mir hässlich und zwanghaft, ein Verstoß gegen sinnvolle Ordnung und eine Anmaßung Unbefugter. Gerade weil alle anderen die Trampelpfade nutzten, verweigerte ich sie.
Erst später im Leben begriff ich, dass die von den Leuten ausgetreten Wege auch ein ein Protest waren gegen die Unüberlegtheit des obrigkeitlichen Planens und Bauens, das nicht Bequemlichkeit der Benutzer, sondern Gängelung durch abstrakte Formen im Sinn hatte.
Ich war immer eigensinnig und gerade darum skeptisch gegenüber vorgegeben Rebellionen. Wenn, wie gesagt, alle den Trampelpfad nutzen, ist er keine Abweichung mehr, sondern eigentlich eine Vorschrift. Andererseits verletzt er sehr wohl die gebauten Vorschriften. Es ist also schwierig, einen Weg zu finden, der den eigenen aufrechten Gang weder dem Konformismus der Masse unterwirft noch sich abfindet mit der angemaßten Autorität herrschender Strukturen. Man müsste halt durch Wände gehen können. Da man das aber nicht kann, gilt es im Einzelfall zu unterscheiden, welcher Weg der bequemere und zweckmäßigere ist. In jedem Fall sollte es der eigene sein.
Erst später im Leben begriff ich, dass die von den Leuten ausgetreten Wege auch ein ein Protest waren gegen die Unüberlegtheit des obrigkeitlichen Planens und Bauens, das nicht Bequemlichkeit der Benutzer, sondern Gängelung durch abstrakte Formen im Sinn hatte.
Ich war immer eigensinnig und gerade darum skeptisch gegenüber vorgegeben Rebellionen. Wenn, wie gesagt, alle den Trampelpfad nutzen, ist er keine Abweichung mehr, sondern eigentlich eine Vorschrift. Andererseits verletzt er sehr wohl die gebauten Vorschriften. Es ist also schwierig, einen Weg zu finden, der den eigenen aufrechten Gang weder dem Konformismus der Masse unterwirft noch sich abfindet mit der angemaßten Autorität herrschender Strukturen. Man müsste halt durch Wände gehen können. Da man das aber nicht kann, gilt es im Einzelfall zu unterscheiden, welcher Weg der bequemere und zweckmäßigere ist. In jedem Fall sollte es der eigene sein.
Samstag, 14. März 2026
Über Natur als etwas Kulturelles
Natur kommt in der Natur nicht vor. Natur, was auch immer man darunter verstehen will, wird ausschließlich innerhalb von dem, was man Kultur nennt, zum Thema. Das bedeutet nicht, dass es nichts außerhalb von Kultur gibt, sondern dass das „Außerkulturelle“, was immer es sein mag, nur „innerkulturell“ zur Sprache kommen kann. Nichts Wirkliches, sei es auch noch so mächtig und wirke es auch noch so ungewusst und unbewusst, kann auf den Begriff gebracht werden, ohne dass das im menschlichen Denken geschieht.
Das gilt auch für die sogenannten Naturwissenschaften. Auch wenn ihre Gegenstände nichts Kulturelles sind (worüber man übrigens verschiedener Meinung sein kann: Heißt etwas zum Gegenstand zu machen nicht immer auch, es in seiner Gegenständlichkeit zu setzen?), auch wenn also die sogenannten objektiven Naturtatsachen als unabhängig von Menschen existierend konzipiert werden, so sind doch die wissenschaftlichen Tätigkeiten des Beobachtens, Messens, Auswertens, Beschreibens, Theoretisierens (und auch noch das Übertragen solcher Funktionen an Maschinen) und selbstverständlich auch das Betreiben von Forschungseinrichtungen, Bildungseinrichtungen, Fachpublikationen, Konferenzen usw. usf. allesamt menschliche Tätigkeiten, die nur innerhalb eines sozialen und damit kulturellen Kontextes stattfinden und nur in diesem Rahmen als sinnvoll erscheinen können.
Natur ist außerhalb von Kultur nicht zugänglich. Jeder Naturbegriff setzt kulturelle Zusammenhänge voraus und gilt nur innerhalb von ihnen. Wer also, wie manche es beanspruchen oder fordern, über den Menschen hinaus denken und die Perspektive von Außermenschlichem (der Umwelt, dem Planeten, dem Kosmos oder was auch immer) einnehmen will, sollte bedenken, dass er das, wenn überhaupt, nur als Mensch kann. Nur Menschen können versuchen, sich vorzustellen, wie es wäre, wenn es sie nicht gäbe oder wenn für sie Bedingungen gälten, die weit über sie hinausgingen.
Dass alle Rede von Natur ein kulturelles Tun ist, ist ethisch wichtig und auch epistemologisch. Den einerseits müssen alle Konzept der Realität sich fragen lassen, was sie für das menschliche Tun und Lassen bedeuten, ob sie Handlungsfähigkeit und das Übernehmen von (wie auch immer begrenzter) Verantwortung stärken oder ob sie Ausreden fördern und den bequemen Rückzug auf ein Gefühl der Vergeblichkeit und des Ausgeliefertseins. Andererseits muss die Unvermeidbarkeit des Menschlichen an allen aufs Außermenschliche gerichteten Erkenntnisbestrebungen unbedingt (wenn schon nicht in der Methodologie der Naturwissenschaftem so doch in der Philosophie) mitbedacht werden, weil bei derlei Bemühungen sonst bloß unehrliche Ideologie und falscher Mythos herauskommen können.
Mag sein, dass der Mensch nicht das Maß aller Dinge ist. Aber jedes Maß, das Menschen anlegen sollen, muss eben von ihnen angelegt werden. Ein anders Maß, einen anderen Maßstab zu fordern, ist nur dann sinnvolle Rede, wenn sie sich an Menschen richtet. Wer sonst sollte etwas an seiner Sichtweise, gar an seinem Handeln ändern?
Das gilt auch für die sogenannten Naturwissenschaften. Auch wenn ihre Gegenstände nichts Kulturelles sind (worüber man übrigens verschiedener Meinung sein kann: Heißt etwas zum Gegenstand zu machen nicht immer auch, es in seiner Gegenständlichkeit zu setzen?), auch wenn also die sogenannten objektiven Naturtatsachen als unabhängig von Menschen existierend konzipiert werden, so sind doch die wissenschaftlichen Tätigkeiten des Beobachtens, Messens, Auswertens, Beschreibens, Theoretisierens (und auch noch das Übertragen solcher Funktionen an Maschinen) und selbstverständlich auch das Betreiben von Forschungseinrichtungen, Bildungseinrichtungen, Fachpublikationen, Konferenzen usw. usf. allesamt menschliche Tätigkeiten, die nur innerhalb eines sozialen und damit kulturellen Kontextes stattfinden und nur in diesem Rahmen als sinnvoll erscheinen können.
Natur ist außerhalb von Kultur nicht zugänglich. Jeder Naturbegriff setzt kulturelle Zusammenhänge voraus und gilt nur innerhalb von ihnen. Wer also, wie manche es beanspruchen oder fordern, über den Menschen hinaus denken und die Perspektive von Außermenschlichem (der Umwelt, dem Planeten, dem Kosmos oder was auch immer) einnehmen will, sollte bedenken, dass er das, wenn überhaupt, nur als Mensch kann. Nur Menschen können versuchen, sich vorzustellen, wie es wäre, wenn es sie nicht gäbe oder wenn für sie Bedingungen gälten, die weit über sie hinausgingen.
Dass alle Rede von Natur ein kulturelles Tun ist, ist ethisch wichtig und auch epistemologisch. Den einerseits müssen alle Konzept der Realität sich fragen lassen, was sie für das menschliche Tun und Lassen bedeuten, ob sie Handlungsfähigkeit und das Übernehmen von (wie auch immer begrenzter) Verantwortung stärken oder ob sie Ausreden fördern und den bequemen Rückzug auf ein Gefühl der Vergeblichkeit und des Ausgeliefertseins. Andererseits muss die Unvermeidbarkeit des Menschlichen an allen aufs Außermenschliche gerichteten Erkenntnisbestrebungen unbedingt (wenn schon nicht in der Methodologie der Naturwissenschaftem so doch in der Philosophie) mitbedacht werden, weil bei derlei Bemühungen sonst bloß unehrliche Ideologie und falscher Mythos herauskommen können.
Mag sein, dass der Mensch nicht das Maß aller Dinge ist. Aber jedes Maß, das Menschen anlegen sollen, muss eben von ihnen angelegt werden. Ein anders Maß, einen anderen Maßstab zu fordern, ist nur dann sinnvolle Rede, wenn sie sich an Menschen richtet. Wer sonst sollte etwas an seiner Sichtweise, gar an seinem Handeln ändern?
Donnerstag, 12. März 2026
Strafe oder Einsicht, Mensch oder Funktion
In einer Diskussion über China zitiert jemand eine alte Frau, die gesagt habe, wenn ihr ein junger Mann im Bus seinen Sitzplatz anbiete, sei es völlig egal, ob er das aus Höflichkeit tue oder weil er sonst ein Punktabzug im Sozialen Kreditsystem befürchten müsse.
Ich finde das entsetzlich. Die Reduktion des Mitmenschen auf die Funktion, die er für mich hat, ist entwürdigend, für beide Seiten. Wenn man annehmen muss, alle Menschen, mit denen man es zu tun habe, verhielten sich nicht freiwillig und auf Grund ihrer moralischen Überzeugungen so, wie sie sich verhalten, sondern unter Druck und aus Angst, dann lebt man in einer Gesellschaft des permanenten Terrors.
Zu sehr haben sich die Insassen der modernen Zivilisation daran gewöhnt, im Alltag regelmäßig rein funktionale Beziehungen zu einander zu haben, asoziale Beziehungen sozusagen, entmenschlichte. Der Busfahrer, die Supermarktkassiererin, die Person am Schalter oder bei der Service-Hotline usw. usf.: Nie geht es um die Person als solche, nicht um ihren Charakter, ihre Geschichte, ihre Lebenssituation, ihre Wünsche, Träume, Vorlieben. Meist auch nicht um ihren Namen oder ihr Aussehen. Der Mensch, mit dem ich es zu tun habe, hat nur eine Funktion für mich, es geht um das, was ich will und der andere für mich tun soll.
Genau darum gibt es ja die Tendenz, Menschen durch Maschinen zu ersetzen: Fahrkartenautomaten und „autonom“ fahrende Busse, Supermarktkassen, an denen man die Warenpreis selbst addieren lassen muss, Computerprogramme, die Auskünfte geben und „weiterhelfen“. Störanfällig und oft ohne Spezialwissen nicht zu bedienen (und wie soll man ein Gerät fragen, wie man es bedienen soll?), aber der Zug der Zeit: kein Lohn, kein Krankenstand, kein Betriebsrat.
Die Phantasien gehen ja bekanntlich noch weiter: Roboter, die in Krankenhäusern pflegen und womöglich sogar behandeln;, die die Betreuung und den Unterricht für Kinder übernehmen und einen Sozialkontaktersatz für einsame Alte übernehmen. Roboter, die Kriege ausführen, deren Strategien Computer errechnet haben.
Die schrittweise Abschaffung sozialer Beziehungen und ihre Ersetzung durch automatisierte Funktionen findet unter dem allbeherrschenden Gesetz der Profitmaximierung als Zwang statt; angedient freilich wird sie den Benützern (die damit freilich immer mehr zu Benützten werden) Erleichterung und Entlastung, als Vereinfachung und Verbesserung, zudem getarnt als Spielzeug und putzige Quasilebewesen: Seht nur was für niedliche Kinderaugen der Roboter hat, wie er als Hundchen lustig kläfft, wie geschickt er tanzt oder Akrobatik vollführt! Wie soll man etwas gegen die Entmenschlichung haben, wenn sie so sentimental und spektakulär daherkommt! Inzwischen lassen sich Menschen nicht nur von chatbots in allen Lebenslagen beraten, sie verlieben sich sogar in sie ― und wollen sie heiraten.
Doch zurück zur alten Chinesen vom Anfang. Angeblich erfreut sich das (noch in Testphasen befindliche Sozialkreditsystem) größter Zustimmung und Beliebtheit. Ob das stimmt, kann man nicht wissen, da es im kommunistisch beherrschten China weder freie Medien noch unabhängige Demoskopie gibt; und wer Teil eines Testprojektes ist, kann ohnehin nur zustimmen …
Erwünschtes Verhalten wird belohnt, unerwünschtes bestraft, noch dazu schön in Zahlen ausgedrückt mit einem Punktesystem. Wem es an Punkten mangelt, der kommt beruflich nicht voran oder verliert sogar seinen Arbeitsplatz, darf nicht reisen (schon gar nicht ins Ausland), ihm wird die Geschwindigkeit des (ohnehin allgemein zensierten) Internets gedrosselt, er zahlt höhere Steuern usw. usf. Den Müll nicht trennen, im Bus einer Oma den Sitzplatz nicht anbieten, die falschen Bücher lesen wollen: Da spart man sich das Strafrecht und bestraft (wohl automatisiert) mit Punktabzug.
Wer will in solch einer Gesellschaft leben? Wie heruntergekommen muss eine Kultur sein, um derlei gut zu finden und nicht von ganzem Herzen zu hassen!
Probleme des Zusammenlebens sind politische und moralische Probleme und bedürfen deshalb politischer und moralischer Lösungen, keiner technischen. Das heißt nicht, dass sie nicht funktionieren. Mein Lieblingsbeispiel (bei dem es noch nicht einmal um Automatisierung geht); Selbstverständlich bringen Bodenschwellen in Straßen, die an Kindergärten und Schulen vorüberführen, die Autofahrer dazu, langsamer zu fahren, weil sie ihr Fahrzeug nicht schädigen wollen. Aber wäre es nicht besser, bereits ein Schild „Kindergarten“ oder „Schule“ brächte die Verkehrsteilnehmer auf Grund von einsichtsvoller Erziehung und selbständiger Einsicht dazu, sich ausreichend rücksichtsvoll und achtsam zu verhalten?
Welche Gesellschaft ist höher entwickelt und in welcher möchte man lieber leben: Einer, in der Menschen tun, was sie (nach Meinung der Obrigkeit) tun sollen, weil man sie mit Strafe und Lohn dazu zwingt? Oder in einer, in der die Menschen gute Umgangsformen haben und von sich aus, weil sie es wollen, das Richtige tun und das Falsche lassen?
Technische Lösungen sind effizient und darauf aus, Abweichungen zu eliminieren. Wer aber legt ihre Normen fest? Wer organisiert die Kontrolle und Auswertung? Wer sammelt die Daten und macht damit, was er will? Naturgemäß die, die an der Macht sind. Eine freie Gesellschaft gestaltet man damit nicht. Nur eine von gehorsamen Punktesklaven, von Heuchlern und Denunzianten. Es herrscht dann eine totalitäre Sozialpolizei, die sich tief in der Psyche verankern will. Gute Nacht, Menschlichkeit!
Ich finde das entsetzlich. Die Reduktion des Mitmenschen auf die Funktion, die er für mich hat, ist entwürdigend, für beide Seiten. Wenn man annehmen muss, alle Menschen, mit denen man es zu tun habe, verhielten sich nicht freiwillig und auf Grund ihrer moralischen Überzeugungen so, wie sie sich verhalten, sondern unter Druck und aus Angst, dann lebt man in einer Gesellschaft des permanenten Terrors.
Zu sehr haben sich die Insassen der modernen Zivilisation daran gewöhnt, im Alltag regelmäßig rein funktionale Beziehungen zu einander zu haben, asoziale Beziehungen sozusagen, entmenschlichte. Der Busfahrer, die Supermarktkassiererin, die Person am Schalter oder bei der Service-Hotline usw. usf.: Nie geht es um die Person als solche, nicht um ihren Charakter, ihre Geschichte, ihre Lebenssituation, ihre Wünsche, Träume, Vorlieben. Meist auch nicht um ihren Namen oder ihr Aussehen. Der Mensch, mit dem ich es zu tun habe, hat nur eine Funktion für mich, es geht um das, was ich will und der andere für mich tun soll.
Genau darum gibt es ja die Tendenz, Menschen durch Maschinen zu ersetzen: Fahrkartenautomaten und „autonom“ fahrende Busse, Supermarktkassen, an denen man die Warenpreis selbst addieren lassen muss, Computerprogramme, die Auskünfte geben und „weiterhelfen“. Störanfällig und oft ohne Spezialwissen nicht zu bedienen (und wie soll man ein Gerät fragen, wie man es bedienen soll?), aber der Zug der Zeit: kein Lohn, kein Krankenstand, kein Betriebsrat.
Die Phantasien gehen ja bekanntlich noch weiter: Roboter, die in Krankenhäusern pflegen und womöglich sogar behandeln;, die die Betreuung und den Unterricht für Kinder übernehmen und einen Sozialkontaktersatz für einsame Alte übernehmen. Roboter, die Kriege ausführen, deren Strategien Computer errechnet haben.
Die schrittweise Abschaffung sozialer Beziehungen und ihre Ersetzung durch automatisierte Funktionen findet unter dem allbeherrschenden Gesetz der Profitmaximierung als Zwang statt; angedient freilich wird sie den Benützern (die damit freilich immer mehr zu Benützten werden) Erleichterung und Entlastung, als Vereinfachung und Verbesserung, zudem getarnt als Spielzeug und putzige Quasilebewesen: Seht nur was für niedliche Kinderaugen der Roboter hat, wie er als Hundchen lustig kläfft, wie geschickt er tanzt oder Akrobatik vollführt! Wie soll man etwas gegen die Entmenschlichung haben, wenn sie so sentimental und spektakulär daherkommt! Inzwischen lassen sich Menschen nicht nur von chatbots in allen Lebenslagen beraten, sie verlieben sich sogar in sie ― und wollen sie heiraten.
Doch zurück zur alten Chinesen vom Anfang. Angeblich erfreut sich das (noch in Testphasen befindliche Sozialkreditsystem) größter Zustimmung und Beliebtheit. Ob das stimmt, kann man nicht wissen, da es im kommunistisch beherrschten China weder freie Medien noch unabhängige Demoskopie gibt; und wer Teil eines Testprojektes ist, kann ohnehin nur zustimmen …
Erwünschtes Verhalten wird belohnt, unerwünschtes bestraft, noch dazu schön in Zahlen ausgedrückt mit einem Punktesystem. Wem es an Punkten mangelt, der kommt beruflich nicht voran oder verliert sogar seinen Arbeitsplatz, darf nicht reisen (schon gar nicht ins Ausland), ihm wird die Geschwindigkeit des (ohnehin allgemein zensierten) Internets gedrosselt, er zahlt höhere Steuern usw. usf. Den Müll nicht trennen, im Bus einer Oma den Sitzplatz nicht anbieten, die falschen Bücher lesen wollen: Da spart man sich das Strafrecht und bestraft (wohl automatisiert) mit Punktabzug.
Wer will in solch einer Gesellschaft leben? Wie heruntergekommen muss eine Kultur sein, um derlei gut zu finden und nicht von ganzem Herzen zu hassen!
Probleme des Zusammenlebens sind politische und moralische Probleme und bedürfen deshalb politischer und moralischer Lösungen, keiner technischen. Das heißt nicht, dass sie nicht funktionieren. Mein Lieblingsbeispiel (bei dem es noch nicht einmal um Automatisierung geht); Selbstverständlich bringen Bodenschwellen in Straßen, die an Kindergärten und Schulen vorüberführen, die Autofahrer dazu, langsamer zu fahren, weil sie ihr Fahrzeug nicht schädigen wollen. Aber wäre es nicht besser, bereits ein Schild „Kindergarten“ oder „Schule“ brächte die Verkehrsteilnehmer auf Grund von einsichtsvoller Erziehung und selbständiger Einsicht dazu, sich ausreichend rücksichtsvoll und achtsam zu verhalten?
Welche Gesellschaft ist höher entwickelt und in welcher möchte man lieber leben: Einer, in der Menschen tun, was sie (nach Meinung der Obrigkeit) tun sollen, weil man sie mit Strafe und Lohn dazu zwingt? Oder in einer, in der die Menschen gute Umgangsformen haben und von sich aus, weil sie es wollen, das Richtige tun und das Falsche lassen?
Technische Lösungen sind effizient und darauf aus, Abweichungen zu eliminieren. Wer aber legt ihre Normen fest? Wer organisiert die Kontrolle und Auswertung? Wer sammelt die Daten und macht damit, was er will? Naturgemäß die, die an der Macht sind. Eine freie Gesellschaft gestaltet man damit nicht. Nur eine von gehorsamen Punktesklaven, von Heuchlern und Denunzianten. Es herrscht dann eine totalitäre Sozialpolizei, die sich tief in der Psyche verankern will. Gute Nacht, Menschlichkeit!
Verblödung in der Wissensgesellschaft
Wie kann es sein, dass wir angeblich in einer Wissensgesellschaft leben, die Leute aber immer blöder werden? Oder ist beides dasselbe. die Zunahme des Wissens und von dessen Bedeutung einerseits und andererseits die Fülle der Formen des Unwissens? Als ob das spezialisierte Wissen in einigen Bereichen ein unspezifisches Unwissen in so vielen anderen gleichsam mitproduzierte. Das alte Thema von Fachidiotie und mangelnder Allgemeinbildung? Gefördert von überforderten Schulen und höheren Bildungseinrichtungen, die nur formale Qualifikationen einfordern, auf Zusammenhänge und Bildungsweite und Bildungstiefe aber nicht achten können und wollen?
Wissen werde immer wichtiger, heißt es. Aber das ist Blödsinn. Wissen war immer schon wichtig und entscheidend. Schon die Jäger und Sammler, um die mal wieder zu erwähnen, mussten wissen, wie man jagt und was man sammelt und was man mit Gesammeltem und Erbeutetem anfangen kann. Und was giftig und unbekömmlich ist. Ihr Wissen war überlebenswichtig und wurde gewiss von Generation zu Generation weitergegeben. Heutzutage ist den hochtechnisierten und massiv arbeitsteiligen Gesellschaften das wichtige Wissen oft nicht mehr eine Frage von Leben oder Tod, sondern ein Bedienungswissen. Nahrung, Kleidung, Obdach, Medikation usw. ― darum kümmern sich im Grunde andere, die man dafür bezahlt. Man selbst muss eigentlich nur wissen, was man braucht, um einen Job erledigen zu können, der einem das Bezahlen erlaubt. Und man will wissen, wie man Spaß hat und von anderen akzeptiert wird (Spiel- und Sozialwissen).
Selbstverständlich stellen selbst unzureichende Bildungseinrichtungen eine Menge an Wissen zur Verfügung, das früher nur wenigen zugänglich war. Aber was soll man sagen, obwohl in so vielen Ländern fast jeder die Chance bekommt, Lesen und Schreiben zu lernen, hapert es (man schaue im Internet auf die Kommentare) bei viel zu vielen mit der Anwendung. Ebenso mit Geschichtswissen, Rechnen, den Grundlagen der Naturwissenschaften oder Kenntnissen von Literatur, Künsten, Musik.
Fast scheint es, das Bildungs- und Kommunikationssystem reserviere spezielles Wissen für wenige und enthalte Allgemeinbildung den Vielen vor. Verblödung ist kein Zufall, sondern systemimmanent. Wissen soll dem System dienen ― also der Profitmaximierung auf Kosten von Natur und Mensch ― , also praxisnah, beschränkt, zusammenhanglos und technisch sein. Grundsätzliche Fragen sollen entweder nicht vorkommen oder die Spinner, Träumer, Schwätzer sollen damit unter sich bleiben. Funktioniere, hab Spaß, nähre dich redlich und mucke nicht auf. Wisse nur, was du musst. Frag nicht zu viel. Bleib bei deinem Leisten.
Wissen werde immer wichtiger, heißt es. Aber das ist Blödsinn. Wissen war immer schon wichtig und entscheidend. Schon die Jäger und Sammler, um die mal wieder zu erwähnen, mussten wissen, wie man jagt und was man sammelt und was man mit Gesammeltem und Erbeutetem anfangen kann. Und was giftig und unbekömmlich ist. Ihr Wissen war überlebenswichtig und wurde gewiss von Generation zu Generation weitergegeben. Heutzutage ist den hochtechnisierten und massiv arbeitsteiligen Gesellschaften das wichtige Wissen oft nicht mehr eine Frage von Leben oder Tod, sondern ein Bedienungswissen. Nahrung, Kleidung, Obdach, Medikation usw. ― darum kümmern sich im Grunde andere, die man dafür bezahlt. Man selbst muss eigentlich nur wissen, was man braucht, um einen Job erledigen zu können, der einem das Bezahlen erlaubt. Und man will wissen, wie man Spaß hat und von anderen akzeptiert wird (Spiel- und Sozialwissen).
Selbstverständlich stellen selbst unzureichende Bildungseinrichtungen eine Menge an Wissen zur Verfügung, das früher nur wenigen zugänglich war. Aber was soll man sagen, obwohl in so vielen Ländern fast jeder die Chance bekommt, Lesen und Schreiben zu lernen, hapert es (man schaue im Internet auf die Kommentare) bei viel zu vielen mit der Anwendung. Ebenso mit Geschichtswissen, Rechnen, den Grundlagen der Naturwissenschaften oder Kenntnissen von Literatur, Künsten, Musik.
Fast scheint es, das Bildungs- und Kommunikationssystem reserviere spezielles Wissen für wenige und enthalte Allgemeinbildung den Vielen vor. Verblödung ist kein Zufall, sondern systemimmanent. Wissen soll dem System dienen ― also der Profitmaximierung auf Kosten von Natur und Mensch ― , also praxisnah, beschränkt, zusammenhanglos und technisch sein. Grundsätzliche Fragen sollen entweder nicht vorkommen oder die Spinner, Träumer, Schwätzer sollen damit unter sich bleiben. Funktioniere, hab Spaß, nähre dich redlich und mucke nicht auf. Wisse nur, was du musst. Frag nicht zu viel. Bleib bei deinem Leisten.
Über permanente technische Innovation
Wozu braucht es immer mehr und immer neue Technik? Es liegt auf der Hand: Um die Menschen zu entmündigen, zu unterdrücken und auszubeuten. Man gaukelt ihnen zwar vor, „die Technik“ ― um diesen mythischen Ausdruck zu gebrauchen ― sei ihre Freundin. Das ist sie aber nicht und kann es nicht sein, nicht unter denen herrschenden Bedingungen, wenn also Entwicklung, Verbreitung und auch Anwendung technischer Phänomene fest in der Hand von profitsüchtigen Konzernen sind. Welches Interesse hätten diese daran, technische Mittel erfinden zu lassen und zur Verfügung zu stellen, die den Menschen ein freieres, selbstbestimmteres, gerechteres, würdevolleres Leben und Zusammenleben ermöglichten? Keines. Im Gegenteil. Man ködert mit Spieltrieb, Unterhaltung, Zerstreuung, ein wenig Bequemlichkeit (die oft mit Abhängigkeit bezahlt wird) und zwingt dann Geräte und Gebrauchsweisen auf, teils direkt (etwa in der Arbeitswelt), teils indirekt (durch Moden und sozialen Druck). „Die Technik“ ist ein Herrschaftsmittel ― und zwar umso mehr, als sie „nicht mehr wegzudenken“ ist (wie die verräterische Phase lautet), also den Alltag bestimmt, fest in individuellen Praktiken verwurzelt ist und als Dispositiv funktioniert als unkritisch hinzunehmender sozialer, politischer, kultureller, ökonomischer Rahmen, der festlegt, was geschehen darf und was nicht, was denkbar ist und was undenkbar.
Gewiss dient die permanente technische Innovation auch dem Umsatz: Technik als Ware soll rasch veralten, um durch neue ersetzt werden zu müssen. Das betrifft Geräte, Programme und auch bloßes Aussehen. Alles wird so konstruiert, dass es nicht dauerhaft zu gebrauchen ist. Die nächste Ware wartet schon. Aber das ist nur die Zwischenphase vor dem nächsten Innovationsschub, der dann eine neue Art von technischem Gerät einführt, die man unbedingt haben, der man sich unbedingt unterwerfen muss.
Technische Entwicklungen werden als unvermeidlich hingestellt: das und das wird kommen, das und das muss kommen, und wir werden es alle haben wollen. Kritik kann demnach nur technikfeindlich sein, weltfremd, spinnert. „Die Technik“ macht alles besser, schöner, einfacher. Und wenn sie mal nicht funktioniert, was in Wahrheit mindestens so sehr ihr normaler Status ist wie das Funktionieren, sind das Störungen, die mit noch mehr Technik leicht zu beheben sind. Grundsätzliche Fragen nach dem Sinn immer neuer technischer Produkte, immer stärkerer Abhängigkeit und Entmündigung werden nicht gestellt. Damit sind sie aber eigentlich auch beantwortet …
Gewiss dient die permanente technische Innovation auch dem Umsatz: Technik als Ware soll rasch veralten, um durch neue ersetzt werden zu müssen. Das betrifft Geräte, Programme und auch bloßes Aussehen. Alles wird so konstruiert, dass es nicht dauerhaft zu gebrauchen ist. Die nächste Ware wartet schon. Aber das ist nur die Zwischenphase vor dem nächsten Innovationsschub, der dann eine neue Art von technischem Gerät einführt, die man unbedingt haben, der man sich unbedingt unterwerfen muss.
Technische Entwicklungen werden als unvermeidlich hingestellt: das und das wird kommen, das und das muss kommen, und wir werden es alle haben wollen. Kritik kann demnach nur technikfeindlich sein, weltfremd, spinnert. „Die Technik“ macht alles besser, schöner, einfacher. Und wenn sie mal nicht funktioniert, was in Wahrheit mindestens so sehr ihr normaler Status ist wie das Funktionieren, sind das Störungen, die mit noch mehr Technik leicht zu beheben sind. Grundsätzliche Fragen nach dem Sinn immer neuer technischer Produkte, immer stärkerer Abhängigkeit und Entmündigung werden nicht gestellt. Damit sind sie aber eigentlich auch beantwortet …
Mittwoch, 11. März 2026
Übrigens (8)
Die Fähigleit der Leute, mir auf die Nerven zu gehen, ist schier unbegrenzt. Sie verfügen offensichtlich über ein unerschöpfliches Reservoir an schlechten Gewohnheiten und eine unerhörte Begabung für spontanes Fehlverhalten. Ihre Rücksichtslosigkeit, ihre Unbildung und ihre abstoßenden Vergnügungen sind legendär. Sie schweigen nur, wenn sie reden sollst, ansonsten schwatzen sie unentwegt. Rülpsen, schniefen, furzen, dass es nur so eine Art hat. Aber am übelsten ist es um ihr Denken bestellt, sofern man von einem solchen überhaupt sprechen kann. Je blöder ein Gedanke, desto sicherer wird er gedacht. Und geäußert.
Dienstag, 10. März 2026
Unterwegs (39)
Der von mir ungeliebte Frühling ― all diese Wärmlichkeit, dieses Sprießen, Blühen, Pollenverströmen ― hat zugegebenermaßen auch seine Vorzüge. Im Burggarten spielt auf dem Rasen ein junger Mann mit sich selbst Fußball. Nackter Oberkörper, lange schwarze Hosen, bloße Füße. Und was für ein Oberkörper! Ihn wohldefiniert zu nennen, wäre noch untertrieben, man muss sagen: von makelloser Schönheit. Narcissus redivivus.
Montag, 9. März 2026
Goethegasse
Ich wurde vor fast 60 Jahren in Baden bei Wien geboren und wohne hier fast fünfzig Jahre. Es gibt in dieser Stadt eine „Goethegasse“. Diese ist mir wohlvertraut, denn in seit meiner Kindheit gehörte sie zum Weg, der von unserem Haus in die Weingärten zwischen Baden und dem Nachbarort Pfaffstätten führt, ein oft gewählter Spazierweg auch noch in späteren Jahren. Zudem war „Goethegasse“ der Name der Station einer Buslinie, die zwischen Baden und Wien und Wien und Baden verkehrt. Unzählige Male stieg ich dort zwischen 1985 und 1986 aus und manchmal auch ein, der restliche Heimweg war dann kurz.
Nun habe ich nach all den jahren erst unlängst und nur durch Zufall erfahren, dass besagte Straße gar nicht, wie ich selbstverständlich immer angenommen hatte, nach dem Weimarer Dichterfürsten benannt ist, sondern nach einem entfernten Verwandten von ihm, Hermann Theodor Goethe, einem Fachmann für Weinbau, Obstkunde und Weinkunde, dem Gründungsdirektor der Weinbauschule in Marburg an der Drau und späteren Professor an der Hochschule für Bodenkultur zu Wien, 1837 geboren in Naumburg an der Saale und verstorben 1911 in Baden bei Wien. (Sein fünffacher Urgoßvater war Johann Wolfgangs Ururgroßvater.)
Hoppla. Ein gewiss verdienstvoller und achtenswerter Mann, dessen zu gedenken der Weinwirtschft und ihren Nutznießern vermutlich sehr wohl ansteht. Aber doch schlechterdings nicht „der“ Goethe, an den man denkt, wenn nur von Goethe die Rede ist. Ein bisschen seltsam ist diese Bennennung also schon: Während man sonst keine Scheu hat, bei der Benamsung von Verkehrsflächen Vor- und Nachnamen (und manchmal sogar den akademischen Grad) anzuwenden, war „Hermann-Goethe-Gasse“ wohl zu viel verlangt.
Was würde ich, weiterforschend, noch entdecken? Dass die Badner „Beethovengasse“ nach dem Radrennfahrer Klausjürgen Beethoven benannt ist, die „Mozartstraße“ nach der marzipanhaltigen Kugel und die „Rathausgasse“ nach dem Gebäude in Lübeck?
Lebenslanges Lernen. Ja, ja. Und im Grunde ist es ja auch wurscht. Goethe ist mir wurscht (der eine wie der andere). Übrigens hieß in Baden er Theaterplatz früher vorübergehend Adolf-Hitler-Platz. Nach wem auch immer …
Nun habe ich nach all den jahren erst unlängst und nur durch Zufall erfahren, dass besagte Straße gar nicht, wie ich selbstverständlich immer angenommen hatte, nach dem Weimarer Dichterfürsten benannt ist, sondern nach einem entfernten Verwandten von ihm, Hermann Theodor Goethe, einem Fachmann für Weinbau, Obstkunde und Weinkunde, dem Gründungsdirektor der Weinbauschule in Marburg an der Drau und späteren Professor an der Hochschule für Bodenkultur zu Wien, 1837 geboren in Naumburg an der Saale und verstorben 1911 in Baden bei Wien. (Sein fünffacher Urgoßvater war Johann Wolfgangs Ururgroßvater.)
Hoppla. Ein gewiss verdienstvoller und achtenswerter Mann, dessen zu gedenken der Weinwirtschft und ihren Nutznießern vermutlich sehr wohl ansteht. Aber doch schlechterdings nicht „der“ Goethe, an den man denkt, wenn nur von Goethe die Rede ist. Ein bisschen seltsam ist diese Bennennung also schon: Während man sonst keine Scheu hat, bei der Benamsung von Verkehrsflächen Vor- und Nachnamen (und manchmal sogar den akademischen Grad) anzuwenden, war „Hermann-Goethe-Gasse“ wohl zu viel verlangt.
Was würde ich, weiterforschend, noch entdecken? Dass die Badner „Beethovengasse“ nach dem Radrennfahrer Klausjürgen Beethoven benannt ist, die „Mozartstraße“ nach der marzipanhaltigen Kugel und die „Rathausgasse“ nach dem Gebäude in Lübeck?
Lebenslanges Lernen. Ja, ja. Und im Grunde ist es ja auch wurscht. Goethe ist mir wurscht (der eine wie der andere). Übrigens hieß in Baden er Theaterplatz früher vorübergehend Adolf-Hitler-Platz. Nach wem auch immer …
Mittwoch, 4. März 2026
Kollektivschuld
Das dumme Wort gegen das Konzept der Kollektivschuld, wenn alle schuldig seien, sei es niemand (Hannah Arendt, verkennt das Wesentliche und verdeckt das Entscheidende: dass nämlich individuelle Schuld und kollektive Schuld einander nicht nur nicht ausschließen, sondern bedingen. Nur weil Individuen mit ihrem Tun und Lassen schuldig werden, gibt es die Schuld von Kollektiven; und weil Kollektive Strukturen ausbilden, die zum Schuldigwerden verführen, anleiten, zwingen, laden Individuen Schuld auf sich, die sie von sich aus gar nicht gewollt hätten.
Bei individueller Schuld kommt es ganz genau darauf an, was dieser oder jener getan oder nicht getan hat, jedes Detail zählt und bedeutet etwas, es gibt unterschiedliches Ausmaß, unterschiedliche Schwere der Schuld, man kann je nachdem verschiedene Entlastungen und Entschuldigungen vorbringen, es kann Trotz oder Reue, Umkehr oder Versteifung, Sühne oder Gleichgültigkeit geben.
Kollektive Schuld ist anderer Art. Sie ergibt sich nicht einfach aus der Summe einzelner Taten, individueller Verfehlungen und böser Absichten. Bei ihr geht es um die Wirkungen von gemeinschaftlichen Verhaltensmustern, um Sitten und Gebräuche, um die Großen Erzählungen, die das kollektive Selbstverständnis bestimmen, um die geschichtliche Lage und das eingeübte Verhältnis zu anderen Kollektiven. Und es geht um Institutionen, Regeln, Normen, die dem Individuum auferlegt werden, ob es will oder nicht, denen es sich unter Umständen auch dann beugen muss, wenn es nicht damit einverstanden ist.
Nur individuelle Schuld gelten zu lassen, aber keine kollektive, privatisiert das Schuldigwerden, entsozialisiert, entpolitisiert und enthistorisiert es und verkleinert so Schuld auf das Einzelnen Mögliche, also auf im Ganzen meist ganz unbedeutende Taten, die ― außer bei einigen wenigen ― so monströs dann gar nicht zu sein scheinen, wie es der Monstrosität der Ereignisse entspräche. Täter, Tat und Schuld werden banalisiert und das Gewaltige gerät aus dem Blick. Geschichte hört dann auf, ethisch bewertet werden zu können. Politik liegt dann außerhalb der Moral.
Erst das kollektive Zusammenwirken aber, die Vielfältigkeit (und sogar Widersprüchlichkeit) der Beteiligungen, das sozusagen anonyme Funktionieren der kleinen Rädchen, das sich nur im Überblick als Riesenmaschine mit Richtung, Ziel und Auswirkung darstellt, erst das Verständnis für Überindividuelle also ermöglicht das Erkennen einer Schuld, die menschliches Maß übersteigt.
Denn wenn selbst sich dieses oder jenes Individuum wenig zu schulden kommen lässt, kann sein für sich genommen vielleicht nicht zu beanstandendes oder doch verständliches Handeln, nicht zuletzt aber auch sein Wegschauen, sein Leugnen, seine Ausflüchte und sogar sein Widerstand zu bösem Tun beitragen.
Um ein Beispiel zu geben. Der Überfall auf Polen war der Beginn des Zweiten Weltkrieges. Sollen man sagen: Hitler war schuld? Das war er gewiss, aber er als Individuum gab keinen Schuss ab und marschierte nirgendwo ein. Er gab Befehle. Aber wer hat gehorcht? Soll man die Namen der planenden und kommandierenden Offiziere nennen, waren sie die Schuldigen? Oder die marschierenden, Panzer fahrenden, schießenden Soldaten? Soll man sagen, Müller, Meyer, Schulze usw. waren die Schuldigen? Offensichtlich genügt das nicht. Um das historische Ereignis des Überfalls auf Polen zu begreifen, muss man sagen: Deutschland hat Polen überfallen. Und weil nicht Länder handeln, sondern Menschen: Die Deutschen haben die Polen überfallen. Das verallgemeinert und lässt möglicherweise außer Acht, was Einzelne taten oder unterließen, wofür oder wogegen sie waren. Aber keine noch so genaue (ja sogar: gerade eine jede Einzelheit erfassende) Aufzählung ergäbe keinen Begriff der Wirklichkeit und verwiese das Ereignis in die Nichtigkeit eines Durcheinanders.
Erst der Begriff der Kollektivschuld erlaubt es also, Geschichtliches zu erklären und die Schuldfrage nicht nur individuell, sondern auch politisch zu klären.
Bei individueller Schuld kommt es ganz genau darauf an, was dieser oder jener getan oder nicht getan hat, jedes Detail zählt und bedeutet etwas, es gibt unterschiedliches Ausmaß, unterschiedliche Schwere der Schuld, man kann je nachdem verschiedene Entlastungen und Entschuldigungen vorbringen, es kann Trotz oder Reue, Umkehr oder Versteifung, Sühne oder Gleichgültigkeit geben.
Kollektive Schuld ist anderer Art. Sie ergibt sich nicht einfach aus der Summe einzelner Taten, individueller Verfehlungen und böser Absichten. Bei ihr geht es um die Wirkungen von gemeinschaftlichen Verhaltensmustern, um Sitten und Gebräuche, um die Großen Erzählungen, die das kollektive Selbstverständnis bestimmen, um die geschichtliche Lage und das eingeübte Verhältnis zu anderen Kollektiven. Und es geht um Institutionen, Regeln, Normen, die dem Individuum auferlegt werden, ob es will oder nicht, denen es sich unter Umständen auch dann beugen muss, wenn es nicht damit einverstanden ist.
Nur individuelle Schuld gelten zu lassen, aber keine kollektive, privatisiert das Schuldigwerden, entsozialisiert, entpolitisiert und enthistorisiert es und verkleinert so Schuld auf das Einzelnen Mögliche, also auf im Ganzen meist ganz unbedeutende Taten, die ― außer bei einigen wenigen ― so monströs dann gar nicht zu sein scheinen, wie es der Monstrosität der Ereignisse entspräche. Täter, Tat und Schuld werden banalisiert und das Gewaltige gerät aus dem Blick. Geschichte hört dann auf, ethisch bewertet werden zu können. Politik liegt dann außerhalb der Moral.
Erst das kollektive Zusammenwirken aber, die Vielfältigkeit (und sogar Widersprüchlichkeit) der Beteiligungen, das sozusagen anonyme Funktionieren der kleinen Rädchen, das sich nur im Überblick als Riesenmaschine mit Richtung, Ziel und Auswirkung darstellt, erst das Verständnis für Überindividuelle also ermöglicht das Erkennen einer Schuld, die menschliches Maß übersteigt.
Denn wenn selbst sich dieses oder jenes Individuum wenig zu schulden kommen lässt, kann sein für sich genommen vielleicht nicht zu beanstandendes oder doch verständliches Handeln, nicht zuletzt aber auch sein Wegschauen, sein Leugnen, seine Ausflüchte und sogar sein Widerstand zu bösem Tun beitragen.
Um ein Beispiel zu geben. Der Überfall auf Polen war der Beginn des Zweiten Weltkrieges. Sollen man sagen: Hitler war schuld? Das war er gewiss, aber er als Individuum gab keinen Schuss ab und marschierte nirgendwo ein. Er gab Befehle. Aber wer hat gehorcht? Soll man die Namen der planenden und kommandierenden Offiziere nennen, waren sie die Schuldigen? Oder die marschierenden, Panzer fahrenden, schießenden Soldaten? Soll man sagen, Müller, Meyer, Schulze usw. waren die Schuldigen? Offensichtlich genügt das nicht. Um das historische Ereignis des Überfalls auf Polen zu begreifen, muss man sagen: Deutschland hat Polen überfallen. Und weil nicht Länder handeln, sondern Menschen: Die Deutschen haben die Polen überfallen. Das verallgemeinert und lässt möglicherweise außer Acht, was Einzelne taten oder unterließen, wofür oder wogegen sie waren. Aber keine noch so genaue (ja sogar: gerade eine jede Einzelheit erfassende) Aufzählung ergäbe keinen Begriff der Wirklichkeit und verwiese das Ereignis in die Nichtigkeit eines Durcheinanders.
Erst der Begriff der Kollektivschuld erlaubt es also, Geschichtliches zu erklären und die Schuldfrage nicht nur individuell, sondern auch politisch zu klären.
Montag, 2. März 2026
Aufgeschnappt (bei Ibn Chaldun)
Die Regierung ist eine Einrichtung, die das Unrecht bekämpft, außer sie begeht es selbst.
Samstag, 28. Februar 2026
Stand der Dinge (6)
Ich gebe zu, ich will von alledem möglichst nichts wissen. So wenig, wie überhaupt geht. Man entkommt dem zwar trotzdem nicht, aber man muss sich ihm ja nicht auch noch zuwenden. Das Schreckliche wird nicht weniger schrecklich, wenn man darüber ins Bild gesetzt wird. Wenn man sich dem Gerede derer aussetzt, die auch nicht mehr zu sagen wissen, als dass das Schreckliche schrecklich ist, aber die sehr froh sind, darüber reden zu dürfen. Viel reden zu dürfen. Das Schreckliche wird nicht weniger schrecklich, aber es wird banalisiert. In gewohnte Formate eingefügt. Das ist ein Schreckliches zweiter Art, das vielleicht das Schreckliche erster Art irgendwie erträglich und konsumierbar machen soll, aber gerade das will ich nicht und kann ich nicht. Das Schreckliche ist unerträglich und soll es bleiben müssen. All das Gerede ist schlimmer als Nichtstun. Zumal man wirklich nichts tun kann. Ja, man könnte protestieren. Weil das die Machthaber dieser Welt immer sehr beeindruckt. Sie sind ja bekannt dafür, zugänglich zu sein für rationale Argumente und moralische Einwände. Proteste rütteln selbstverständlich auch die Massen auf, die schweigende Mehrheit. Auch die ist ja bekannt dafür, zugänglich zu sein für rationale Argumente und moralische Einwände. Sogleich geht sie dann nach den Protesten zur Aktion über und beendet die Missstände. Aber nein, auch Spott ist keine Hilfe. Wer protestieren mag, soll es tun, wenn er sich dann besser fühlt. Ich will mich gar nicht besser fühlen. Aber auch nicht noch schlechter durch das Aufbereiten all der Einzelheiten. Mir genügt es zu wissen, dass Schreckliches geschieht, ungeheures Leid, ungeheures Unrecht, und dass ich dagegen bin. So nutzlos das ist. So nutzlos es ist, dagegen anzuschreiben und angeschrieben zu haben. Du kannst ein Leben lang sagen, was alles nicht stimmt, und kannst sogar Vorschläge machen, was zu tun wäre, um es besser zu machen. Aber wenn die Leute nicht wollen, dann kannst du nichts machen. Lasst mich in Ruhe damit.
Mittwoch, 25. Februar 2026
Notiz über das Geschlechterverhältnis
„Der männliche Blick ruht auf der Frau.“ So stellt sich Klein-Erna (jeglichen Geschlechts) das vor. Jeder Mann ist vom Begehren von Frauen bis oben hin angefüllt. Die armen Frauen aber wollen gar nicht Schauobjekte sein, sie brezeln sich bloß so auf, nur für sich selbst, weshalb sie all den Aufwand der Kosmetik, Kleidung, Körperformung in der Öffentlichkeit am liebsten unter ein Burka verborgen hielten. Denn Frauen möchten eigentlich für ihre intellektuellen, moralischen, technischen Kompetenzen anerkannt werden. Bloß, die dummen Männer, die besser schauen als denken können, die reduzieren Frauen immer auf ihr Aussehen, so dass sie statt über Spinoza und Sartre, Nockenwellen und Doppelflanschrotatoren, Rote Zwerge und Parallaxensekunden zu reden, Schminktipps geben und Aperol Sprizz saufen müssen. Mit der Peitsche werden Frauen schon als Bädchen (nach der Ballerina- und Prinzessin-Phase) dazu getrieben, lieber Influencerin, Model oder Nagellackentfernerin werden zu wollen als Bauarbeiterin, Zerspanungsmechanikerin oder Totengräberin.
(26. Mai 2023; leicht überarbeitet)
(26. Mai 2023; leicht überarbeitet)
Montag, 23. Februar 2026
Glosse CXLIII
Tscheopspyramide. (So im Tefau gehört.) Damit ist jetzt hoffentlich der Gipfel der Verblödung und somit Tiefpunkt der Bildung erreicht.
Donnerstag, 19. Februar 2026
Notiz über Technikkonsum
Als es erfunden worden war und auf den Markt kam, brauchte kein Mensch so ein Ding. Wer es sich anschaffte, hatte einfach ein neues Spielzeug. Und zeigte, dass er „für Neues offen“ war, also bereit sich, den Konsumwünschen, die ihm nahegelegt wurden, zu unterwerfen. Dann aber verbreitete sich der Besitz des Dings, zu Zeiten geradezu explosiv, und schließlich wurde es allgemein. Fast jeder besaß eines oder mehrere. Wer dann nicht „wie alle“ eines besaß, war ausgeschlossen und galt als minderbemittelt. Als schließlich unübersehbar wurde, welche Nachteile der Gebrauch des Dings für alle hatte, hieß es: Es geht nicht mehr ohne.
Für „Ding“ kann man in dieser Geschichte, die immer mehr oder minder gleich zu verlaufen scheint, verschiedenes einsetzen; das Automobil oder das Mobiltelephon, den Kühlschrank oder die Klimaanlage. Immer geht es um Konsumterror, beschränkten nutzen und erhebliche ökologische, kulturelle und seelische Kosten
Für „Ding“ kann man in dieser Geschichte, die immer mehr oder minder gleich zu verlaufen scheint, verschiedenes einsetzen; das Automobil oder das Mobiltelephon, den Kühlschrank oder die Klimaanlage. Immer geht es um Konsumterror, beschränkten nutzen und erhebliche ökologische, kulturelle und seelische Kosten
(24. März 2023; überarbeitet)
Mittwoch, 18. Februar 2026
Über Vulgärevolutionismus
„Der Daumen ist evolutionär zum Greifen gedacht.“ Von wem?, möchte man fragen. Sätze wie dieser, von denen sich unzählige irgendwo aufschnappen lassen, zeigen, wie die Evolutionshypothese, die zum wissenschaftlichen Standardmodell geworden ist, zugleich als Mythosersatz und Ersatzmythos funktioniert. Selbst wenn man, warum eigentlich?, die wissenschaftliche Darstellung dessen, was Evolution gewesen sein soll, vom populären Glauben daran unterscheiden möchte, kann man die Wissenschaftler mit ihrem Drang, ihre annahmen zu popularisieren und als Fakten hinzustellen, nicht davon freisprechen, dem mythischen Denken damit Vorschub geleistet zu haben. Eine Evolutionshypothese ist das eine, der Evolutionismus, der jeden Widerspruch diskreditierende Glaube an das Zutreffen der Hypothese, ist etwas anderes und verbindet sich, angesichts unterschiedlicher Bildungskompetenzen und Reflexionsgewohnheiten, geradezu zwangsläufig mit völlig unwissenschaftlichen (also mit wissenschaftlichen Mitteln nicht zu rechtfertigenden) Vorstellungen. Das ergibt einen Vulgärevolutionismus, und der steht dem vernünftigen Denken im Wege.
Die sehr verbreiteten Vorstellungen, „die Natur“ oder „das Universum“ oder eben „die Evolution“ steuere einen zielgerichteten Prozess, der dafür sorgt, das Lebewesen so sind, wie sie sind, und sich so verhalten, wie sie sich verhalten, ist völliger Blödsinn. Im Grunde werden hier Modelle aus den Religionen auf naturkundliche Zusammenhänge übertragen. Wer heute noch sagte: „Der liebe Gott hat dem Menschen zwei Daumen gegeben, damit er greifen kann“, machte sich vermutlich lächerlich. Wer aber sagt: „Die Natur / die Evolution hat dafür gesorgt“ usw., wird durchaus Verständnis und Zustimmung finden.
Aber gibt es eine Entität, die man „die Natur“ oder „das Universum“ oder „die Evolution“ nennen kann? Ist diese Entität mit der Fähigkeit zur Planung, zur Zielsetzung, zur Durchsetzung von bestimmten Vorhaben (und zur Verwerfung anderer) ausgestattet? Nein. Das sind mythische Vorstellungen. Ihnen entspricht nichts in der Realität. Zumindest nicht in der wissenschaftlich erforschbaren.
Die Evolutionshypothese besagt, einfach formuliert, dass Exemplare einer Spezies durch zufällige Mutationen (Veränderungen ihres Erbgutes) ihren Umweltbedingungen besser angepasst sind als andere und sich in der Folge auch erfolgreicher fortpflanzen können. Von einer Entwicklung (einem „Evolutionsprozess“) kann nur rein deskripitiv die Rede sein („es war so“), nicht normativ („es sollte so kommen“). Es gibt keine „Höherentwicklung“, weil es zwar ein Kriterium, die Anpassung als Fortpflanzungsbedingung, aber ansonsten nur Zufälle gibt. Es ist möglich und soll vorgekommen sein, dass keine der Mutationen zur einer gelingenden Anpassung an veränderte Umweltbedingungen führt und eine Spezies ausstirbt. Denkbar wäre sogar, dass zufällig keine Spezies sich ausreichend anpasst und sämtliche Lebewesen irgendwann aussterben. (Auch wenn das wegen der Fülle der Spezies und mutatorischen Möglichkeiten unwahrscheinlich ist; auch ändern sich Umweltbedingung selten radikal ― es sei denn, der Mensch greift ein.)
Man kann also sinnvollerweise nur sagen: Zufällig hat der Mensch Daumen und das hat für ihn den und den Vorteil. Keineswegs aber: Weil Daumen vorteilhaft sind, hat der Mensch welche. Welche Instanz hätte diesen Vorteil vorhergesehen und die Ausbildung von Daumen herbeigeführt?
Um Grunde wird mit der Einführung von Teleologie und Intention in die Annahme eines ansonsten zufälligen Prozesses, die Evolutionstheorie ad absurdum geführt. Sie wurde ja gerade aufgestellt, um die Verschiedenheit (und Veränderlichkeit) der Arten mit rein naturwissenschaftlichen Mitteln erklären zu können, ohne also einen übernatürlichen Schöpfer und Erhalter postulieren zu müssen.
Indem nun aber „die Evolution“, „die Natur“, „das Universum“ (in moralisher Hinsicht. „das Karma“) zu einer Quasiperson stilisiert wird, die dieses will und jenes sorgt, die Absichten hat, Zwecke verfolgt, Ziele erreicht usw., indem also ein wissenschaftlich als rein zufälliges zu beschreibendes Geschehen wie ein Gottesersatz oder Ersatzgott behandelt wird, zeigt sich, dass der Evolutionismus zwar als Ideologie (die Ideen als Fakten andient) sehr erfolgreich war, das aber nur um den Preis, dass sein atheistisch-säkularistisches Gegenprojekt zum Schöpfungsglauben bei vielen seiner Anhänger doch nur als Variante einer Mythologie aufgefasst wird.
Soll man daraus schließen, dass die Menschen Sehnsucht nach einer sinnvoll geordneten, auf zunehmendes Gutsein ausgerichteten Welt haben? Dass sie zwar bereit sind, einen konkreten Gott zu leugnen oder zu Ignorieren, aber seine stelle mit diffusen Konzepten besetzen müssen, weil sie ein bloß kontingentes Universum nicht ertragen? Vermutlich.
Es geht übrigens gar nicht darum, ob die Evolutionshypothese zutreffend ist oder nicht. Es geht darum, Hypothese und Faktizität auseinanderzuhalten und kritisch zu betrachten, welche Funktionen welche Annahmen (egal, ob richtig oder falsch) und Welche Tatsachenbehauptungen (ebenso) im Denken, Fühlen und Handeln der Menschen und in ihrem Zusammenleben haben. Der Darwinismus war eine Projektion der kapitalistischen Verhältnisse des viktorianischen Zeitalters auf das „Reich der Natur“. (Weshalb der Ausdruck „Sozialdarwinismus“ ein Pleonasmus ist.) Moralfreies Profitstreben und dessen Belohnung mit politischer, ökonomischer, kultureller Macht und entsprechendem Ansehen erschienen so als Anpassungsleistung (Anpassungszufall) und Überleben des Stärkeren (stärker Angepassten). Ausbeutung und Konformismus erhielten eine „naturwissenschaftliche“ Begründung. Der Erfolgreichere war gegenüber dem Versager im Recht. So amalgamierten Calvinismus und Szientismus. Kolonialismen und Rassismen aller Art konnten religiöse und ethische Bedenken endgültig beiseite wischen.
Indem nun der Vulgärevolutionismus den herkömmlichen persönlichen Gott, der etwas will und fordert und daraus Konsequenzen zieht, durch unpersönliche Mächte ersetzt, die zwar Teleologien verfolgen, aber im Grunde keine ethische Forderungen erheben (das vielbeschworene „Karma“ ist ja bloß ein abstraktes Vergeltungsprinzip: Auge um Auge), entmoralisierter und verunmenschlicht er weiter die menschlichen Verhältnisse und verweigerte sich den Begriffen Sünde, Reue, Vergebung und Erlösung.
Die sehr verbreiteten Vorstellungen, „die Natur“ oder „das Universum“ oder eben „die Evolution“ steuere einen zielgerichteten Prozess, der dafür sorgt, das Lebewesen so sind, wie sie sind, und sich so verhalten, wie sie sich verhalten, ist völliger Blödsinn. Im Grunde werden hier Modelle aus den Religionen auf naturkundliche Zusammenhänge übertragen. Wer heute noch sagte: „Der liebe Gott hat dem Menschen zwei Daumen gegeben, damit er greifen kann“, machte sich vermutlich lächerlich. Wer aber sagt: „Die Natur / die Evolution hat dafür gesorgt“ usw., wird durchaus Verständnis und Zustimmung finden.
Aber gibt es eine Entität, die man „die Natur“ oder „das Universum“ oder „die Evolution“ nennen kann? Ist diese Entität mit der Fähigkeit zur Planung, zur Zielsetzung, zur Durchsetzung von bestimmten Vorhaben (und zur Verwerfung anderer) ausgestattet? Nein. Das sind mythische Vorstellungen. Ihnen entspricht nichts in der Realität. Zumindest nicht in der wissenschaftlich erforschbaren.
Die Evolutionshypothese besagt, einfach formuliert, dass Exemplare einer Spezies durch zufällige Mutationen (Veränderungen ihres Erbgutes) ihren Umweltbedingungen besser angepasst sind als andere und sich in der Folge auch erfolgreicher fortpflanzen können. Von einer Entwicklung (einem „Evolutionsprozess“) kann nur rein deskripitiv die Rede sein („es war so“), nicht normativ („es sollte so kommen“). Es gibt keine „Höherentwicklung“, weil es zwar ein Kriterium, die Anpassung als Fortpflanzungsbedingung, aber ansonsten nur Zufälle gibt. Es ist möglich und soll vorgekommen sein, dass keine der Mutationen zur einer gelingenden Anpassung an veränderte Umweltbedingungen führt und eine Spezies ausstirbt. Denkbar wäre sogar, dass zufällig keine Spezies sich ausreichend anpasst und sämtliche Lebewesen irgendwann aussterben. (Auch wenn das wegen der Fülle der Spezies und mutatorischen Möglichkeiten unwahrscheinlich ist; auch ändern sich Umweltbedingung selten radikal ― es sei denn, der Mensch greift ein.)
Man kann also sinnvollerweise nur sagen: Zufällig hat der Mensch Daumen und das hat für ihn den und den Vorteil. Keineswegs aber: Weil Daumen vorteilhaft sind, hat der Mensch welche. Welche Instanz hätte diesen Vorteil vorhergesehen und die Ausbildung von Daumen herbeigeführt?
Um Grunde wird mit der Einführung von Teleologie und Intention in die Annahme eines ansonsten zufälligen Prozesses, die Evolutionstheorie ad absurdum geführt. Sie wurde ja gerade aufgestellt, um die Verschiedenheit (und Veränderlichkeit) der Arten mit rein naturwissenschaftlichen Mitteln erklären zu können, ohne also einen übernatürlichen Schöpfer und Erhalter postulieren zu müssen.
Indem nun aber „die Evolution“, „die Natur“, „das Universum“ (in moralisher Hinsicht. „das Karma“) zu einer Quasiperson stilisiert wird, die dieses will und jenes sorgt, die Absichten hat, Zwecke verfolgt, Ziele erreicht usw., indem also ein wissenschaftlich als rein zufälliges zu beschreibendes Geschehen wie ein Gottesersatz oder Ersatzgott behandelt wird, zeigt sich, dass der Evolutionismus zwar als Ideologie (die Ideen als Fakten andient) sehr erfolgreich war, das aber nur um den Preis, dass sein atheistisch-säkularistisches Gegenprojekt zum Schöpfungsglauben bei vielen seiner Anhänger doch nur als Variante einer Mythologie aufgefasst wird.
Soll man daraus schließen, dass die Menschen Sehnsucht nach einer sinnvoll geordneten, auf zunehmendes Gutsein ausgerichteten Welt haben? Dass sie zwar bereit sind, einen konkreten Gott zu leugnen oder zu Ignorieren, aber seine stelle mit diffusen Konzepten besetzen müssen, weil sie ein bloß kontingentes Universum nicht ertragen? Vermutlich.
Es geht übrigens gar nicht darum, ob die Evolutionshypothese zutreffend ist oder nicht. Es geht darum, Hypothese und Faktizität auseinanderzuhalten und kritisch zu betrachten, welche Funktionen welche Annahmen (egal, ob richtig oder falsch) und Welche Tatsachenbehauptungen (ebenso) im Denken, Fühlen und Handeln der Menschen und in ihrem Zusammenleben haben. Der Darwinismus war eine Projektion der kapitalistischen Verhältnisse des viktorianischen Zeitalters auf das „Reich der Natur“. (Weshalb der Ausdruck „Sozialdarwinismus“ ein Pleonasmus ist.) Moralfreies Profitstreben und dessen Belohnung mit politischer, ökonomischer, kultureller Macht und entsprechendem Ansehen erschienen so als Anpassungsleistung (Anpassungszufall) und Überleben des Stärkeren (stärker Angepassten). Ausbeutung und Konformismus erhielten eine „naturwissenschaftliche“ Begründung. Der Erfolgreichere war gegenüber dem Versager im Recht. So amalgamierten Calvinismus und Szientismus. Kolonialismen und Rassismen aller Art konnten religiöse und ethische Bedenken endgültig beiseite wischen.
Indem nun der Vulgärevolutionismus den herkömmlichen persönlichen Gott, der etwas will und fordert und daraus Konsequenzen zieht, durch unpersönliche Mächte ersetzt, die zwar Teleologien verfolgen, aber im Grunde keine ethische Forderungen erheben (das vielbeschworene „Karma“ ist ja bloß ein abstraktes Vergeltungsprinzip: Auge um Auge), entmoralisierter und verunmenschlicht er weiter die menschlichen Verhältnisse und verweigerte sich den Begriffen Sünde, Reue, Vergebung und Erlösung.
Mittwoch, 11. Februar 2026
Bezahlbaren Wohnraum schaffen?
Die Rede vom „bezahlbaren Wohnraum“ (von dem es zu wenig gebe und von dem es mehr geben solle) ist blanker Unsinn. Alles Wohnen ist bezahlbar. Wenn man denn genug Geld hat. Was also eigentlich gemeint ist: Der Anteil am Einkommen, den die Menschen fürs Wohnen aufwenden müssen, ist zu hoch. Das mag schon stimmen, wie immer man das auch genau berechnen will. (Und wie definiert man „zu“ hoch?) Jedenfalls hat die Sache also offenkundig zwei Seiten: hohe Kosten und dafür zu geringe Einkommen.
Die Höhe der Mieten bestimmen, im Rahmen der Gesetze, die Vermieter. Die wären schön blöd, wenn sie weniger verlangten, als sie bekommen können. Und sie werden bestimmt auch nicht mehr verlangen, als doch noch irgendjemand zu zahlen bereit ist. Das wäre auch blöd, denn vermietbare Wohnungen, die keiner mietet, sind auf Dauer ein Verlustgeschäft. Also regeln, wenn es so einfach ist, wohl tatsächlich Angebot und Nachfrage die Miethöhen. Außer die öffentliche Hand greift ein. Durch Deckelung der Mietpreise und Nötigung zum anteiligen Bau billiger Wohnungen. Das stellt eine Art von sanfter Enteignung dar, einen Eingriff ins Recht, das, was einem gehört, zu jedem beliebigen Preis zu verkaufen oder eben zu vermieten. Wie man das begründen will, ist schwer zu sagen, denn die Käufer und Mieter sind ja nicht gezwungen, die verlangten Preise zu bezahlen. Oder eben schon, scheint man sagen zu wollen, irgendwo müssen sie ja wohnen. Aber das tun sie doch jetzt schon, könnte man dagegenhalten, es sind ja keineswegs alles Obdachlose, die da massenhaft nach günstigem Wohnraum verlangen.
Andererseits also der zu hohe Anteil der Wohnkosten am Einkommen. Da könnte man nun auf die Idee kommen, dass man dann, um „Wohnraum bezahlbar“ zu machen, die Einkommen erhöhen müsste. Was so generell etwas schwierig ist, weil die verschiedenen Berufsgruppen mit getrennten Verträgen gegeneinander ausgespielt werden, und ein Generalstreik zur Anhebung aller Löhne und Gehälter auf ein Niveau, bei dem der durchschnittliche Wohnaufwand einen bestimmten Anteil nicht übersteigt nicht in Sicht ist.
Die Lösung? Ein bisschen fördern, ein bisschen fordern. Sogenannte sozial Schwache sollen ― nicht etwa besseres Einkommen, sondern ― billigere Wohnungen (und allenfalls Zuschüsse) bekommen, die Wohnungsindustrie diese (vorübergehend) zur Verfügung stellen müssen. Die Besserverdiener sollen günstige Kredite bekommen und bauen lassen. Mit anderen Worten: Alles bleibt, wie es ist, man verteilt nur Almosen und knapst ein bisschen bei denen ab, die ohnehin keiner leiden kann, bei den Vermietern und Baukonzernen.
Manche meinen freilich, man müsste große Vermietungsgesellschaften überhaupt enteignen. Womit vermutlich Verstaatlichung gemeint ist. Der gute Vater Sozialstaat soll Millionen oder Milliarden springen lassen, um die vom Markt, den er sonst schützt und hegt und pflegt, eher Benachteiligten irgendwo günstig unterzubringen. Das hieße: Alle zahlen mit Steuern und Abgaben dafür, dass Einkommensschwache anständig wohnen können. Aber warum das nur beim Wohnen so halten, nicht auch bei Essen, Kleidung und dem Erwerb und Betrieb von Unterhaltungselektronik? (Die Urlaubsindustrie wird ja schließlich auch mit Steuergeld gesponsert.) Warum nicht gleich überall dort, wo es für ein gutes Leben nicht reicht, alles vom Staat liefern lassen? Was man naturgemäß irgendwie finanzieren müsste. Da wissen einige Rat: Die Reichen mehr besteuern!
Manche träumen vermutlich ohnehin von entschädigungsloser Enteignung. Von so ein bisschen revolutionärem Wohnsozialismus mit Kapitalismus drumherum sozusagen. Wer das durchsetzen und wie das ohne Gewalt gehen soll, weiß der Teufel.
Es stimmt: Es ist genug Geld da. Aber blöderweise gehört es immer schon jemandem. Dem müsste man also etwas davon wegnehmen. Das geschieht ja bereits: Der Unterschied von Steuern, Enteignung und Verstaatlichung von allem und jedem ist nur graduell. Eine Frage vom Mäßigung oder Umsturz.
Allerdings gibt es mit beiden Polen längst gewisse Erfahrungen: Reiner Kapitalismus ohne wohlfahrtstaatliche Abmilderung führt zu Massenelend. Totaler Etatismus führt zu Massenelend, Bildung neuer herrschender Funktionärsklassen und politischem Terror.
Es hilft nichts: Will man das Problem von Einkommen und Lebenshaltungskosten (zu denen die Kosten fürs Wohnen gehören) grundsätzlich und auf Dauer lösen, kommt man mit Kosmetik oder Ressentiment, mit ein bisschen Fürsorge und ein bisschen Zwang nicht weiter. Das passt nur die Probleme dem prinzipiellen Status quo an. Statt eines verbesserten Weiterso wäre aber ein anderes, gerechteres, freieres, anständigeres Zusammenleben nötig. Dessen Formen müssen wohl erst erfunden und ausprobiert werden. Bis sich rücksichtsloses Profitstreben für niemanden mehr rechnet. Dass bestimmte Wirtschaftsbereiche wie etwa das Wohnen innerhalb des Kapitalismus dessen Logik entzogen werden können, ist unwahrscheinlich.
Wenn also die Forderung „Bezahlbaren Wohnraum schaffen!“ bedeutet, innerhalb eines schlechten Systems weiterzuwursteln, Benachteiligungen aufrechtzuerhalten, aber abzumildern, um Unmut zu dämpfen, und die grundsätzliche Frage „Wie gerecht und vernünftig ist Wohnen und Eigentum überhaupt?“ nicht einmal ansatzweise zu stellen, dann bin ich dagegen.
Die Höhe der Mieten bestimmen, im Rahmen der Gesetze, die Vermieter. Die wären schön blöd, wenn sie weniger verlangten, als sie bekommen können. Und sie werden bestimmt auch nicht mehr verlangen, als doch noch irgendjemand zu zahlen bereit ist. Das wäre auch blöd, denn vermietbare Wohnungen, die keiner mietet, sind auf Dauer ein Verlustgeschäft. Also regeln, wenn es so einfach ist, wohl tatsächlich Angebot und Nachfrage die Miethöhen. Außer die öffentliche Hand greift ein. Durch Deckelung der Mietpreise und Nötigung zum anteiligen Bau billiger Wohnungen. Das stellt eine Art von sanfter Enteignung dar, einen Eingriff ins Recht, das, was einem gehört, zu jedem beliebigen Preis zu verkaufen oder eben zu vermieten. Wie man das begründen will, ist schwer zu sagen, denn die Käufer und Mieter sind ja nicht gezwungen, die verlangten Preise zu bezahlen. Oder eben schon, scheint man sagen zu wollen, irgendwo müssen sie ja wohnen. Aber das tun sie doch jetzt schon, könnte man dagegenhalten, es sind ja keineswegs alles Obdachlose, die da massenhaft nach günstigem Wohnraum verlangen.
Andererseits also der zu hohe Anteil der Wohnkosten am Einkommen. Da könnte man nun auf die Idee kommen, dass man dann, um „Wohnraum bezahlbar“ zu machen, die Einkommen erhöhen müsste. Was so generell etwas schwierig ist, weil die verschiedenen Berufsgruppen mit getrennten Verträgen gegeneinander ausgespielt werden, und ein Generalstreik zur Anhebung aller Löhne und Gehälter auf ein Niveau, bei dem der durchschnittliche Wohnaufwand einen bestimmten Anteil nicht übersteigt nicht in Sicht ist.
Die Lösung? Ein bisschen fördern, ein bisschen fordern. Sogenannte sozial Schwache sollen ― nicht etwa besseres Einkommen, sondern ― billigere Wohnungen (und allenfalls Zuschüsse) bekommen, die Wohnungsindustrie diese (vorübergehend) zur Verfügung stellen müssen. Die Besserverdiener sollen günstige Kredite bekommen und bauen lassen. Mit anderen Worten: Alles bleibt, wie es ist, man verteilt nur Almosen und knapst ein bisschen bei denen ab, die ohnehin keiner leiden kann, bei den Vermietern und Baukonzernen.
Manche meinen freilich, man müsste große Vermietungsgesellschaften überhaupt enteignen. Womit vermutlich Verstaatlichung gemeint ist. Der gute Vater Sozialstaat soll Millionen oder Milliarden springen lassen, um die vom Markt, den er sonst schützt und hegt und pflegt, eher Benachteiligten irgendwo günstig unterzubringen. Das hieße: Alle zahlen mit Steuern und Abgaben dafür, dass Einkommensschwache anständig wohnen können. Aber warum das nur beim Wohnen so halten, nicht auch bei Essen, Kleidung und dem Erwerb und Betrieb von Unterhaltungselektronik? (Die Urlaubsindustrie wird ja schließlich auch mit Steuergeld gesponsert.) Warum nicht gleich überall dort, wo es für ein gutes Leben nicht reicht, alles vom Staat liefern lassen? Was man naturgemäß irgendwie finanzieren müsste. Da wissen einige Rat: Die Reichen mehr besteuern!
Manche träumen vermutlich ohnehin von entschädigungsloser Enteignung. Von so ein bisschen revolutionärem Wohnsozialismus mit Kapitalismus drumherum sozusagen. Wer das durchsetzen und wie das ohne Gewalt gehen soll, weiß der Teufel.
Es stimmt: Es ist genug Geld da. Aber blöderweise gehört es immer schon jemandem. Dem müsste man also etwas davon wegnehmen. Das geschieht ja bereits: Der Unterschied von Steuern, Enteignung und Verstaatlichung von allem und jedem ist nur graduell. Eine Frage vom Mäßigung oder Umsturz.
Allerdings gibt es mit beiden Polen längst gewisse Erfahrungen: Reiner Kapitalismus ohne wohlfahrtstaatliche Abmilderung führt zu Massenelend. Totaler Etatismus führt zu Massenelend, Bildung neuer herrschender Funktionärsklassen und politischem Terror.
Es hilft nichts: Will man das Problem von Einkommen und Lebenshaltungskosten (zu denen die Kosten fürs Wohnen gehören) grundsätzlich und auf Dauer lösen, kommt man mit Kosmetik oder Ressentiment, mit ein bisschen Fürsorge und ein bisschen Zwang nicht weiter. Das passt nur die Probleme dem prinzipiellen Status quo an. Statt eines verbesserten Weiterso wäre aber ein anderes, gerechteres, freieres, anständigeres Zusammenleben nötig. Dessen Formen müssen wohl erst erfunden und ausprobiert werden. Bis sich rücksichtsloses Profitstreben für niemanden mehr rechnet. Dass bestimmte Wirtschaftsbereiche wie etwa das Wohnen innerhalb des Kapitalismus dessen Logik entzogen werden können, ist unwahrscheinlich.
Wenn also die Forderung „Bezahlbaren Wohnraum schaffen!“ bedeutet, innerhalb eines schlechten Systems weiterzuwursteln, Benachteiligungen aufrechtzuerhalten, aber abzumildern, um Unmut zu dämpfen, und die grundsätzliche Frage „Wie gerecht und vernünftig ist Wohnen und Eigentum überhaupt?“ nicht einmal ansatzweise zu stellen, dann bin ich dagegen.
(Juli/August 2024)
Montag, 9. Februar 2026
Stand der Dinge (5)
„Wir können uns unseren Sozialstaat bald nicht mehr leisten“, lautet das allgegenwärtige Mantra. So viel ist immerhin richtig: Der Masse der Leute etwas wegzunehmen, um es manchen von ihnen als Almosen zurückzugeben, ist tatsächlich kein sonderlich zukunftsfähiges Vorgehen. Was aber kann sich eine Gesellschaft (oder deren Staat) leisten oder nicht und woran misst man das? Wenn die Reichen immer Reicher werden, dann kann es ja wohl nicht sein, dass nicht genug Geld da wäre. Da findet lediglich eine Umverteilung (durch Eigentumsverhältnisse und Begünstigungen) längst statt, ehe es zur Umverteilung (durch Transferleistungen) kommt.
Das Geld ist da, Wohlstand für alle ist möglich. Man müsste nur aufhören, Unrecht durch Gesetze zu schützen, und müsste endlich den Kapitalismus durch vernünftiges Wirtschaften ersetzen.
Stand der Dinge (4)
Dem letzten „ZDF Politbarimeter“ zu Folge sind drei Viertel der Befragten nicht der Meinung, in der BRD werde zu wenig gearbeitet. Zudem befürworteten 60 Prozent ein Land mit „hohen Steuern und umfangreichen Sozialleistungen“ und nur 27 Prozent eines „niedrigen Steuern und geringen Sozialleistungen.
Irgendwas machen die Parteien, die gewählt werden wollen, offensichtlich falsch. Die CDU regiert und konzipiert hartnäckig gegen die Mehrheit der Leute an, die SPD (oder die „Linke“) schafft es nicht, glaubwürdig zu vermitteln, dass sie dem Mehrheitswillen im Zweifelsfall entspräche.
Anscheinend ist Rassismus („wenig Zuwanderung“) das einzige, worin Berufspolitiker und Volksempfinden überein kommen.
Irgendwas machen die Parteien, die gewählt werden wollen, offensichtlich falsch. Die CDU regiert und konzipiert hartnäckig gegen die Mehrheit der Leute an, die SPD (oder die „Linke“) schafft es nicht, glaubwürdig zu vermitteln, dass sie dem Mehrheitswillen im Zweifelsfall entspräche.
Anscheinend ist Rassismus („wenig Zuwanderung“) das einzige, worin Berufspolitiker und Volksempfinden überein kommen.
Montag, 2. Februar 2026
Mitteilung
Den halbgebildeten Tefaukrimikritikern, die homo homini lupus auf Hobbes zurückführen, sei mitgeteilt, dass die Formulierung in Wahrheit auf Plautus zurückgeht, der fast neunzehn Jahrhunderte vor Hobbes lebte.
Stand der Dinge (3)
„Steuern senken und Sozialleistungen kürzen!“ In meine Ausdrucksweise übersetzt: Die Reichen reicher und die Armen ärmer machen. Es wundert mich, dass den neoliberalen Arschlöchern ihre ewig gleichen Forderungen nicht langweilig werden. Noch mehr aber wundert es mich, dass es Leute gibt, die dumm oder böswillig genug sind, um derlei zuzustimmen und um Parteien, die es umzusetzen versprechen, auch noch zu wählen.
Soll man sich vorstellen, dass da Menschen, denen es eigentlich ganz gut geht, damit ihre Abstiegsängste bekämpfen und ihre Aufstiegshoffnungen stimulieren wollen? Was hat jemand mit gutem Einkommen davon, wenn jemand anderem (ihm selbst ja bloß nicht!) die Sozialleistungen gekürzt werden? Keinen Cent, weder jetzt noch je. Allenfalls die Befriedigung, dass jemand, der angeblich zu faul zum Arbeiten ist, bestraft wird. Was freilich, außer in Kazetts und Gulags, noch nie jemanden motiviert hat, zum „Leistungsträger“ zu werden.
Die Angehörigen der Mittelschicht, die den Lakaien der Reichen und ihrem sehnlichen Wunsch nach Sozialabbau zustimmen, täuschen sich gewaltig: Von den Krümeln, die da abgezwackt werden, wird ihr Anteil am Kuchen nicht größer. Wenn der Kuchen wächst, bekommen die Reichen mehr davon. Wenn er schrumpft, ebenfalls.
Nur ein vernünftig organisiertes Zusammenleben, in dem es für alle reicht, jeder genug hat und es allen gut geht, ist eine tragfähige Grundlage für die Verteilung von Mehrwert nach beitragender Leistung.
Es stimmt, was verteilt werden soll, muss erst erwirtschaftet werden. Warum aber erwirtschaften im herrschenden System viele so viel, was an nur wenige verteilt wird? Nämlich an genau die, die längst mehr als genug haben? (An die Unbedürftigen also, statt an die Bedürftigen.) Denn ungerechte Eigentumsverhältnisse sind auch eine (vorausgesetzte) „Umverteilung“.
Soll man sich vorstellen, dass da Menschen, denen es eigentlich ganz gut geht, damit ihre Abstiegsängste bekämpfen und ihre Aufstiegshoffnungen stimulieren wollen? Was hat jemand mit gutem Einkommen davon, wenn jemand anderem (ihm selbst ja bloß nicht!) die Sozialleistungen gekürzt werden? Keinen Cent, weder jetzt noch je. Allenfalls die Befriedigung, dass jemand, der angeblich zu faul zum Arbeiten ist, bestraft wird. Was freilich, außer in Kazetts und Gulags, noch nie jemanden motiviert hat, zum „Leistungsträger“ zu werden.
Die Angehörigen der Mittelschicht, die den Lakaien der Reichen und ihrem sehnlichen Wunsch nach Sozialabbau zustimmen, täuschen sich gewaltig: Von den Krümeln, die da abgezwackt werden, wird ihr Anteil am Kuchen nicht größer. Wenn der Kuchen wächst, bekommen die Reichen mehr davon. Wenn er schrumpft, ebenfalls.
Nur ein vernünftig organisiertes Zusammenleben, in dem es für alle reicht, jeder genug hat und es allen gut geht, ist eine tragfähige Grundlage für die Verteilung von Mehrwert nach beitragender Leistung.
Es stimmt, was verteilt werden soll, muss erst erwirtschaftet werden. Warum aber erwirtschaften im herrschenden System viele so viel, was an nur wenige verteilt wird? Nämlich an genau die, die längst mehr als genug haben? (An die Unbedürftigen also, statt an die Bedürftigen.) Denn ungerechte Eigentumsverhältnisse sind auch eine (vorausgesetzte) „Umverteilung“.
Warum erwirtschaften also stattdessen nicht alle alles für alle? Zweck des Wirtschaftens ist Bedürfnisbefriedigung. Nicht freilich des Bedürfnisses nach Übernmaß, Verschwendung und Macht. Sondern zunächst und vor allem der einfachen Bedürfnisse, die bei jedem mehr oder minder die gleichen sind. Wenn das Ziel der Wirtschaftsweise nicht grundsätzliche Gleichheit (mit einer allenfalls darauf aufbauenden Belohnung von Verdiensten) ist, sondern zerstörerisches Unrecht ist, ist der Sozialstaat nur eine Art von Feuerpause im wirtschaftlichen Bürgerkrieg aller gegen jeden.
Unterwegs (38)
Vor sechs Jahren war ich im Februar in Venedig. Noch vor Karnevalsbeginn reiste ich ab. Aber schon in den Tagen davor stieß ich immer wieder auf Stellen in der Stadt, wo morgens der Gehweg mit Konfetti bedeckt war. Ich hatte Gefallen daran, mir vorzustellen, dass da nachts kleine Gemeinschaften von Einheimischen schon mal ein bisschen vorfeierten, bevor Touristen und professionelle Karnevalisten mit Gedränge und Getue alles unerträglich machen würden.
Freitag, 30. Januar 2026
Übrigens (7)
Ich bin recht dankbar dafür, dass Verlage oft sogenannte Leseproben zur Verfügung stellen. Denn ab und zu lese ich irrgendwo etwas über einen Roman, meist eine Rezension, und denke mir, wenn dort gelobt wird: Wie schlimm ist es wirklich? Eine Leseprobe erlaubt mir dann, mit eigenen Augen zu sehen, wie es um den Text steht. Das ist naturgemäß nur ein kleiner, fast zufälliger Eindruck (die Leseproben sind ja fast immer bloß die ersten Seiten eines Buches), also nur eine unmethodische Stichprobe. Und darum nur in dem Maße aussagekräftig. Wenn mir aber schon im ersten Absatz Tempusfehler, falsche Konjunktive, ungelenke Wortwahl und stilistische Affigkeit entgegentreten, reicht mir das. Ich bin kein Literaturkritiker. Ich muss nicht alles lesen, was man so liest. Ich darf mich entscheiden. Und ich entscheide mich dagegen.
Dabei ist so eine Leseprobe sozusagen nur ein weiterer Beleg. Ich habe gelernt, schon anhand einer Rezension zu ahnen, ach was, zu wissen, wie schlecht die Prosa ist, die da angepriesen wird. Ich darf mich zum Glück darauf verlassen, dass der Geschmack meiner Zeitgenossen zielsicher meinem entgegengesetzt ist. Je übler der Dreck, desto erfolgreicher. Erst die Jubelrezensionen, dann die Umsatzzahlen, dann die Buchpreise. Untrüglich Indizien des Minderwertigen. Auch dafür bin ich dankbar.
Dienstag, 27. Januar 2026
Stand der Dinge (2)
Ja, protestiert nur in großer Zahl Das wird Trump und die Seien sicher beeindrucken und umstimmen. Das sind ja alles hochanständige Leute, die vernünftigen Argumenten immer zugänglich sind. Besonders, wenn sie von besorgten Bürgern kommen.
Gewalt ist keine Lösung. Aber friedlicher Protest wird auch keiner sein. Was also tun? Dass ich auch nicht weiß, was die Lösung wäre, heißt nicht, dass es eine gibt.
Das Regime arbeitet zweifellos auf Destabilisierung hin. Am liebsten wohl bis zu dem Punkt, an dem es heißt: Na, unter solchen Umständen sind natürlich keine Wahlen möglich. (Besonders in Staaten mit Hegemonie des politischen Gegners).
Das wird die nicht freuen, die glauben, das Problem ließe sich durch Wahlen lösen. Dabei haben doch Wahlen überhaupt erst das Problem geschaffen. Wenn die Mehrheit einer Wahlbevölkerung faschistisch ist, kommt bei Wahlen eben ein Mandat für ein faschistisches Regime heraus.
Soll man etwa Demokratie einschränken, um sie vor sich selbst zu schützen? Einschränkung der Demokratie, gerade das ist es doch, was die Autoritären wollen.
Was also tun? Verzweifeln? Abwarten? Ignorieren?
Gewalt ist keine Lösung. Aber friedlicher Protest wird auch keiner sein. Was also tun? Dass ich auch nicht weiß, was die Lösung wäre, heißt nicht, dass es eine gibt.
Das Regime arbeitet zweifellos auf Destabilisierung hin. Am liebsten wohl bis zu dem Punkt, an dem es heißt: Na, unter solchen Umständen sind natürlich keine Wahlen möglich. (Besonders in Staaten mit Hegemonie des politischen Gegners).
Das wird die nicht freuen, die glauben, das Problem ließe sich durch Wahlen lösen. Dabei haben doch Wahlen überhaupt erst das Problem geschaffen. Wenn die Mehrheit einer Wahlbevölkerung faschistisch ist, kommt bei Wahlen eben ein Mandat für ein faschistisches Regime heraus.
Soll man etwa Demokratie einschränken, um sie vor sich selbst zu schützen? Einschränkung der Demokratie, gerade das ist es doch, was die Autoritären wollen.
Was also tun? Verzweifeln? Abwarten? Ignorieren?
Samstag, 24. Januar 2026
Oxfam mal wieder
Ich mag diese Mitteilungen von Oxfam Erst neulich wurde bekannt gegeben, seit 2020 habe das Vernögen der Milliardäre um 80 Prozent zugelegt. Solche Zahlen kann und will ich nicht überprüfen. Ich möchte sie gern glauben. Sie werden schon stimmen. Sie bestätigen mich. Sie beziffern die Verhältnisse, die ich kritisiere und verwerfe. Ich sage dann gern: Na bitte, der Kapitalismus funktioniert. Die Reichen werden reicher, die Superreichen noch superreicher. Die Mittelschichten halten still (oder treten nach unten und buckeln nach oben). Die Armen können sowieso nichts machen. (Ihnen fehlen die Mittel, das definiert sie. Sie könnten nur ihre Leiber selbst in eine Schlacht werfen. Worauf die Mächtigen mit der Gewalt der Maschinen reagierten.)
So ein bisschen Bestätigung tut gut, auch wenn das, was bestätigt wird, also eine schlechte Meinung über schlechte Zustände und schlechte Aussichten, nichts Gutes ist.
Jahrein, jahraus rede und schreibe ich gegen das Böse an, gegen den Staat, gegen die Weltwirtschaftsunordnung, gegen Krieg und Elend, gegen das globale System der Ausbeutung, Zerstörung, Unterdrückung und Verdummung. Man hört nicht auf mich. Man widerspricht mir nicht einmal, sondern ignoriert mich und macht genau das weiter, wovor ich warne und was ich als verantwortungslos, bescheuert und destruktiv anprangere.
Da kommen mir Zahlen wie die von Oxfam ganz gelegen. Sie könnten auch anders sein. 70 Prozent oder 90 Vermögenszuwachs bei Milliardären. Was liegt daran. Wichtig ist: Es steht schlimm und wird immer noch schlimmer. Alle machen mit. Die ganz wenigen, die nicht mitmachen, erreichen fast nichts.
Das es so nicht weitergehen kann, wenn nicht alle draufgehen sollen, ist offensichtlich. Mit Händen zu greifen. Jeder Optimismus, der auf Rationalität und Technologie setzt, ist absurd. Was uns in die Scheiße reitet, zieht den Karren nicht aus dem Dreck. Es geht nicht um technische Probleme. Es geht um Moral. Also um Politik.
Wichtig wären Einsicht, Empörung, Bruch, Entwickung von praktischen Alternativen. Es darf nicht so weitergehen. Und weil es trotzdem so weitergeht, braucht es Kraft, Haltung zu bewahren. Darum bin ich dankbar, wenn Zahlen wie die von Oxfam mich bestätigen und meine Einschätzung bekräftigen.
Stand der Dinge (1)
Die Wahrheit nicht nur verdrehen, sondern frontal attackieren. Das Offensichtlich leugnen und lügen, lügen. lügen, bis alle mürbe und müde werden, und nicht mehr die Wahrheit Thema ist, sondern die Unwahrheit, wie lächerlich, dumm und gemein sie auch sein mag. Kein Gedächtnis haben (außer für Feinde), rasch das Thema wechseln, persönlich scharf angehen, übertreiben, Zahlen erfinden, Fakten erfinden. Was man gesagt hat, abstreiten. Nur von sich selbst überzeugt sein, nicht von irgendwelchen Normen und Werten. Moralische Vorhaltungen als antiquiert und sachfremd zurückweisen, aber versuchen, andere moralisch zu diskreditieren.
Donnerstag, 22. Januar 2026
Dementia historica
Wenn ich mich richtig erinnere, war es doch so: Als Hitler damit drohte, Strafzölle zu erheben, wenn er das Sudentenland nicht bekomme, marschierten Frankreich und Großbritannien in Deutschland ein, setzten die Nazis ab und verinderten so den Zweiten Weltkrieg (inklusive Judenvernichtung).
Wenn ich mich richtig erinnere, war es doch so: Die Palästinenser, nachdem sie Österreich und Teile der Tscheckoslowakei ihrem Staat angeschlossen hatten, überfielen Polen und später die Sowjetunion, eroberten fast ganz Europa und töteten Millionen von Menschen. Darum wird, seit man die Palästinenser schließkich besiegt hat, völlig zu Recht nicht nur deren Land, sondern im Grunde die ganze Welt von einem Kontrollrat mit Sitz auf dem Alten Jüdischen Friedhof in Prag regiert.
Wenn ich mich richtig erinnere, war es doch so: Die Ukraine überfiel Russland.
Wenn ich mich richtig erinnere, war es doch so: Die Menschen, sagen wir mal im Sudan oder Somalia oder dem Jemen usw. usf. sind alle traditionell faul, dumm, unzivilisiert und hungern darum völlig zu Recht.
Wenn ich mich richtig erinnere, war es doch so: Demokratie war immer nur was für die Herrenmenschen und die Sklaven dürfen ruhig in Diktaturen leben, unterdrückt, ausgebeutet, belogen und getötet werden. Darum darf man völlig zu Recht Geschäfte mit beispielsweise Rotchina machen, ja sich sogar in Abhängigkeit von diesem Begeben, die einem eines Tages schrecklich auf den Kopf fallen wird, und trotzdem weiter von Demokratie und Menschenrechten schwafeln.
Dienstag, 20. Januar 2026
Miscellanea ethica
Wenn du dich fragst, ob du dich bessern könntest, könntest du es sehr wahrscheinlich. Wenn du es dich nicht fragst, dann ganz bestimmt.
Montag, 19. Januar 2026
Fragment über Barbarei
Man tut den als Barbaren Imaginierten großes Unrecht, wenn man ihnen unterstellt, sich „barbarisch“ zu verhalten, was ja oft nicht einfach nur kulturlos und unzivilisiert heißen soll, sondern nicht zuletzt roh und grausam. Aber nicht die vermeintlich Unterentwickelten (oder Wiederverrohten) sind die Blutrünstigen und Schamlosen, sondern ganz im Gegenteil waren es zu allen Zeiten die, die sich für höherwertig hielten und alles Fremde als unverständlich, rückständig und grobschlächtig verachteten, die die besonders gewaltigen und nachhaltigen Verbrechen begingen. Urbane Verfeinerung hielt die Zentren nie davon ab, sich der Peripherien zu bemächtigen und Menschen, Tiere, Pflanzen auszubeuten, ganze Landschaften umzugraben, auszuhöhlen und zu vergiften und fremde Kulturgüter, Gebräuche, Denkweisen zu vernichten (oder sich, falls für brauchbar erachtet, unentgeltlich anzueignen).
Nicht Attila und Tamerlan (oder formatlose Mickerlinge wie Hitler, Stalin, Mao) sind die typischen Menschen- und Kulturvernichter, sondern repräsentativ für die Akteure von Menschheitsverbrechen sind die kleinen Bürokraten und Ingenieure, die Krämer und Lakaien, die anonym, beflissen und gierig Unheil planen und vollstrecken, das sie nicht verantworten wollen. Diese Herrenmenschen im Gartenzwergformat genießen alle Vorteile des modernen Lebens, Klospülung und Zentralheizung, Schule, Strom und Rechnerkapazität, während ihre raffinierten Beiträge zu Reklame, Produktion und Zerstreuung den zeitgenössischen Terror der Verwertung und Niederhaltung designen und umsetzen. Die Kosten der Profitmaximierung tragen alle, auch die verfeierungsfreudigen Funktionäre, die Ungeschlachten aber umso mehr, als sie keine Chance haben sollen, sich an der Weltausbeutung anders denn als Handlanger und menschliches Verbrauchsmaterial zu beteiligen. Wer aufmuckt, ist ein Spinner, Fanatiker, Abweichler und Gefährder, diskursiv und vernichtungstechnisch vogelfrei.
Nicht Attila und Tamerlan (oder formatlose Mickerlinge wie Hitler, Stalin, Mao) sind die typischen Menschen- und Kulturvernichter, sondern repräsentativ für die Akteure von Menschheitsverbrechen sind die kleinen Bürokraten und Ingenieure, die Krämer und Lakaien, die anonym, beflissen und gierig Unheil planen und vollstrecken, das sie nicht verantworten wollen. Diese Herrenmenschen im Gartenzwergformat genießen alle Vorteile des modernen Lebens, Klospülung und Zentralheizung, Schule, Strom und Rechnerkapazität, während ihre raffinierten Beiträge zu Reklame, Produktion und Zerstreuung den zeitgenössischen Terror der Verwertung und Niederhaltung designen und umsetzen. Die Kosten der Profitmaximierung tragen alle, auch die verfeierungsfreudigen Funktionäre, die Ungeschlachten aber umso mehr, als sie keine Chance haben sollen, sich an der Weltausbeutung anders denn als Handlanger und menschliches Verbrauchsmaterial zu beteiligen. Wer aufmuckt, ist ein Spinner, Fanatiker, Abweichler und Gefährder, diskursiv und vernichtungstechnisch vogelfrei.
So funktioniert das System. Und wenn das Zivilisation und Kultur ist, muss man es aus ethischen und ästhetischen Gründen verwerfen.
Kurzum, „barbarisch“ ist in Wahrheit, wer die Welt in Zivilisierte und Barbaren aufteilt, weil diese abwertende Grenzziehung immer noch dem Geschäftsmodell der Sklavenhalter gedient hat, auch wenn die Sklaven schließlich Arbeiter und Subunternehmer heißen. Wann nämlich hätte denn bei den selbsternannten Kulturnationen die Absage an Grausamkeit und Menschenverachtung begonnen? Nach dem Dreißigjährigen Krieg? Nach der Französischen Revolution? Nach Belgisch-Kongo? Nach Auschwitz? Nach Vietnam? Nach dem letzten Schulmassaker?
Kurzum, „barbarisch“ ist in Wahrheit, wer die Welt in Zivilisierte und Barbaren aufteilt, weil diese abwertende Grenzziehung immer noch dem Geschäftsmodell der Sklavenhalter gedient hat, auch wenn die Sklaven schließlich Arbeiter und Subunternehmer heißen. Wann nämlich hätte denn bei den selbsternannten Kulturnationen die Absage an Grausamkeit und Menschenverachtung begonnen? Nach dem Dreißigjährigen Krieg? Nach der Französischen Revolution? Nach Belgisch-Kongo? Nach Auschwitz? Nach Vietnam? Nach dem letzten Schulmassaker?
Sonntag, 18. Januar 2026
Im ICE Age
Das Agieren der Mitarbeiter der Behörde mit dem Namen United States Immigration and Customs Enforcement und dem Kürzel ICE, das irrational, brutal, letal genannt werden muss, ist ebenso erschreckend wie bestätigend: Der Staat regrediert auf das, was ihn im Kern ausmacht ― Terror. Der Anspruch, allein das Recht zu vertreten und allein Gewalt ausüben zu dürfen, ist nicht erst Kennzeichen faschistischer Zustände, sondern von Staatlichkeit überhaupt. Der Saat als solcher ist ein Bürgerkrieg.
Faschistoid ist Situation freilich auch: Es existiert in den USA derzeit ein Kult der Gewalt, der Autorität, inkarniert in einer Führerfigur, die kritiklose Bewunderung und sklavischen Gehorsam fordert, es gibt Lügenpropaganda, Realitätsverleugnung, Verachtung der Schwachen und Fremden, eine massive Abwertung des politischen Gegners und ein Desinteresse an Rationalität, Kompromiss, Kooperation.
Seit jeher wird die amerikanische Demokratie dem Rest der Welt als vorbildlich hingestellt, mit ihrer Gewaltenteilung, ihren checks und balances, ihrem Föderalismus und Gemeinsinn. Nichts davon war je wahr. Das Wahlsystem hing wie das Justizsystem immer schon vom verfügbaren Kapital ab, ein Großteil der Bevölkerung wählt nicht, lebt in prekären Verhältnissen oder sitzt im Gefängnis. Rassismus, Xenophobie. Soziophobie, Klassenhass prägen den Alltag. Minderwertige Waren, minderwertige Unterhaltung, minderwertige Bildung herrschen vor. Wer Geld hat, viel Geld, kann durchaus gut leben; dann aber nicht anständig, weil das Wirtschaftssystem Ausbeutung von Mensch und Natur (und die Selbst- und Massenverdummung) zur Pflicht macht.
In ihrer Verblendung glauben viele, sie seien frei, wenn sie zwischen Formen des Unterdrücktwerdens wählen dürfen. Gewalt, und sei es nur potenzielle, als Waffenbesitz, gilt als Grundrecht und Notwendigkeit; das zeigen auch die Bildschirmrepräsentationen, wo am laufenden Band abgemurkst wird und „Gesetzeshüter“, die bewusst und effizient Grenzen überschreiten, als Helden gelten.
Ob die Erfahrungen mit ICE und Insurrection Act die Mär vom Guten Vater Staat nachhaltig beschädigen werden? In den USA gilt viel zu vielen ein fürsorglicher Staat als Weg in die kommunistische Entmündigung und Repression. Besorgte Bürger werden sich darum zwar gegen Exzesse verwahren wollen, aber das Prinzip des Leviathans, der alle vor einander schützen müsse, weil sonst jeder dem anderen ein Raubtier sei, weiterhin begreiflich finden und begrüßen.
Die Agenten des ICE sind allerdings auch Bürger. Es ist das Mitmachen beim Unrecht im Namen des Rechts, der gewaltsamen Durchsetzung willkürlicher Normen, das nicht nur die Grundlage des Funktionierens im Faschismus, sondern auch im liberalen Staat ist. Bürger gegen Bürger: das ist der Staat.
So lange sie nur „Illegale“ beträfen, wäre die Empörung über systematische Übergriffe der ICE gering. Weil sie aber auch „uns“, die „normalen“ Bürger erreichen können, versetzt das viele zu Recht in Wut. Genau das ist beabsichtigt. Es geht den gerade Herrschenden um einen Machtkampf, nicht um Verwaltungsakte (Identitätskontrollen, Statutsüberptüfungen, Deportationen). Wer setzt sich durch: Vernunft oder Gewalt, Anstand oder Gier? Die Machtmittel sind ungleich verteilt. Das Ende ungewiss. Die Hoffnung gering.
Faschistoid ist Situation freilich auch: Es existiert in den USA derzeit ein Kult der Gewalt, der Autorität, inkarniert in einer Führerfigur, die kritiklose Bewunderung und sklavischen Gehorsam fordert, es gibt Lügenpropaganda, Realitätsverleugnung, Verachtung der Schwachen und Fremden, eine massive Abwertung des politischen Gegners und ein Desinteresse an Rationalität, Kompromiss, Kooperation.
Seit jeher wird die amerikanische Demokratie dem Rest der Welt als vorbildlich hingestellt, mit ihrer Gewaltenteilung, ihren checks und balances, ihrem Föderalismus und Gemeinsinn. Nichts davon war je wahr. Das Wahlsystem hing wie das Justizsystem immer schon vom verfügbaren Kapital ab, ein Großteil der Bevölkerung wählt nicht, lebt in prekären Verhältnissen oder sitzt im Gefängnis. Rassismus, Xenophobie. Soziophobie, Klassenhass prägen den Alltag. Minderwertige Waren, minderwertige Unterhaltung, minderwertige Bildung herrschen vor. Wer Geld hat, viel Geld, kann durchaus gut leben; dann aber nicht anständig, weil das Wirtschaftssystem Ausbeutung von Mensch und Natur (und die Selbst- und Massenverdummung) zur Pflicht macht.
In ihrer Verblendung glauben viele, sie seien frei, wenn sie zwischen Formen des Unterdrücktwerdens wählen dürfen. Gewalt, und sei es nur potenzielle, als Waffenbesitz, gilt als Grundrecht und Notwendigkeit; das zeigen auch die Bildschirmrepräsentationen, wo am laufenden Band abgemurkst wird und „Gesetzeshüter“, die bewusst und effizient Grenzen überschreiten, als Helden gelten.
Ob die Erfahrungen mit ICE und Insurrection Act die Mär vom Guten Vater Staat nachhaltig beschädigen werden? In den USA gilt viel zu vielen ein fürsorglicher Staat als Weg in die kommunistische Entmündigung und Repression. Besorgte Bürger werden sich darum zwar gegen Exzesse verwahren wollen, aber das Prinzip des Leviathans, der alle vor einander schützen müsse, weil sonst jeder dem anderen ein Raubtier sei, weiterhin begreiflich finden und begrüßen.
Die Agenten des ICE sind allerdings auch Bürger. Es ist das Mitmachen beim Unrecht im Namen des Rechts, der gewaltsamen Durchsetzung willkürlicher Normen, das nicht nur die Grundlage des Funktionierens im Faschismus, sondern auch im liberalen Staat ist. Bürger gegen Bürger: das ist der Staat.
So lange sie nur „Illegale“ beträfen, wäre die Empörung über systematische Übergriffe der ICE gering. Weil sie aber auch „uns“, die „normalen“ Bürger erreichen können, versetzt das viele zu Recht in Wut. Genau das ist beabsichtigt. Es geht den gerade Herrschenden um einen Machtkampf, nicht um Verwaltungsakte (Identitätskontrollen, Statutsüberptüfungen, Deportationen). Wer setzt sich durch: Vernunft oder Gewalt, Anstand oder Gier? Die Machtmittel sind ungleich verteilt. Das Ende ungewiss. Die Hoffnung gering.
Donnerstag, 15. Januar 2026
Traumbuchhandlung
Ich träumte unlängst von einer mir bis dahin unbekannten Buchhandlung. Ich gehe hinein und bin begeister. Die Bücher stehen ordentlich in den Regalen und sind sehr zahlreich. Fast alle sehen aus wie neu, obwohl sie, wie ich feststelle, zum Teil schon vor langer Zeit veröffentlicht wurden. Die Einbände, ob weich ob fest, sind anmutig und schlicht. Die Regale und die Bücher darin wurden nach Sachgebieten, Verlagen und Autoren geordnet. Ich gehe durch den Laden und entdecke viel Vielversprechendes und einiges, das mir bekannt ist (oder vorkommt). Hier könnte ich viel Geld ausgeben. Ich bin in Hochstimmung. Als ich schließlich vor einer Regalwand stehe, die alle noch nicht vergriffenen Bände der Reihe „suhrkamp taschenbuch wissenschaft“ enthält, nach ihren Nummern geordnet, weine ich fast vor Glück.
Wunscherfüllende Träume dieser Art hatte ich früher oft. Es gab für mich nichts Beglückenderes, als von Läden mit neuen und alten Büchern zu träumen, ganz unwahrscheinlich Entdeckungen zu machen und mir unglaublich Verheißungsvolles auszusuchen. Am Ende ging ich meist voller Vorfreude auf die Lektüre mit einem Stapel Bücher zur Kasse ― und war dann sehr enttäuscht, wenn ich aufwachte und das Glück sich bloß als Traum erwies.
Früher ging ich auch im wachen Leben gern in Buchhandlungen. Als Student, der wenig Geld hatte, schaute ich zwar mehr, als ich kaufte, ließ aber letztlich trotzdem viel Geld in Buchläden. Ich stand nicht selten lange vor den Drehgestellen, die es damals noch gab, und überlegte zum Beispiel, welches Merve-Bändchen ich mir leisten sollte. Oft kam ich erst am nächsten Tag oder übernächsten wieder, um es zu kaufen. Selten oder gar nicht wurde man von einem Buchhändler bei Schauen oder gar Lesen (was ich nie tat) behelligt und zum Kaufen aufgefordert. Die Buchhändler rund um die Universität kannten eben ihr Publikum. (Manche Kolleginnen und Kollegen stahlen Bücher, auch das tat ich nie.) Auch die Bibliotheken, bei denen man selbst ins Depot durfte (oder musste), um zu suchen, was man entlehnen wollte, mochte ich sehr. Ach, all die Bücher, die ich gern gelesen hätte, nie lesen würde, aber lesen könnte …
Und ich hatte jahrzehntelang eine Vorliebe für Antiquariate, besonders moderne. Dabei wusste ich vor allem „Grabbelkisten“ mit Büchern aus Nachlässen sehr zu schätzen, darin waren herrliche Funde zu machen. Etwa interessante Taschenbücher, noch gar nicht so schrecklich alt, meist gut erhalten. (Manchmal erwarb ich übrigens später Bücher, die ich mir als Student nicht hatte leisten können oder wollen, Jahre, Jahrzehnte doch noch.) Das Unvorhersehbare am Stöbern in solchen Bücherkisten gefiel mir, ich erhoffte und fand auch zuweilen Werke, von deren Existenz ich nichts geahnt hatte, und die sich dann oft als sehr lesenswert erwiesen.
Mit dem Schließen so vieler Buchhandlungen und mit der Verlagerung des Buchhandels ― auch und gerade des antiquarischen, und hier auch und gerade des Handels mit gebrauchten und darum sehr billigen Taschenbüchern ― ins Internet, haben die Überraschungen stark abgenommen oder bleiben ganz aus. Grabbelkisten sind fast ausgestorben. Oder dürftiger geworden. (Möglicherweise werfen heutzutage Erben alte Bücher einfach ins Altpapier, statt sie als Kulturgut weiterzugeben.) Dieser Niedergang ist jedenfalls mein Eindruck, betreffend die Großstadt, in deren Nähe ich wohne. Vielleicht ist es anderswo anders.
Früher ging ich, wie gesagt, gerne in Buchhandlungen. Heute nicht mehr. Es macht mir keinen Spaß mehr, die mitunter nur noch schlecht bestückten Regale durchzusehen. Zu sehr haben sich die Bücher in ihrer Erscheinung (vom Inhalt will ich her gar nicht reden) verändert. Sie sind allzu schmuck geworden, oft grell und schrill, bunt jedenfalls. Und aufgebläht. Ich habe auch Werke gesehen, die ich einst als schlichtes Taschenbuch gekauft hatte, und die nun als marktschreierische Papierziegel aufgemacht waren. Das missfällt mir. Mein Ideal waren immer die unaufdringlich daherkommenden Bücher des französischen Verlages Gallimard (und anderer): Im Grunde Buchblöcke mit weichen Einband (die man, wenn man unbedingt will, binden lassen kann). Oder im deutschen Sprachraum die früher sehr schlicht gehaltenen Einbände (der Taschenbücher von) Suhrkamp, Reclam, Felix Meiner, UTB usw. Einfach, sachlich, unaufgeregt. Klostermann kann das immer noch. Reclam ist leider oft bunt geworden, die Büchlein von Matthes & Seitz bilden sozusagen die Grenze: geschmackvoll, schlicht, vorsichtig ornamental. Was ich sage, ist alles sehr subjektiv, aber warum auch nicht, ich bin kein Buchwissenschaftler, ich bin Kunde und Leser und darf Gefallen an etwas finden oder mein Missfallen an Zuständen und Entwicklungen äußern.
Auch die Buchhandlungen selbst haben sich verändert. Außer im Bereich „Romane“ (vor allem Krimis, Thriller, Fantasy und anderer Dreck, äh, Zeugs) und „Lebenshilfe Schrägstrich Esoterik“ scheint mir alles ausgedünnt, die Regale halten fast nur noch Bestseller feil. (Meist werden Bücher inzwischen ohnehin lieber hingelegt als hingestellt, da sie eine Schauseite haben, die nach Aufmerksamkeit ruft.) Sortiment, was ist das. Sogar sogenannte „Klassiker“ muss man bestellen. (Sie sind Nischenprodukte.) Aber bestellen kann ich auch von zu Hause aus. Dazu brauche ich nirgendwohin zu gehen, schon gar nicht in Läden, die nicht mich als Kunden gar nicht wollen, in denen ich mich wie im falschen Film fühle. Gehe ich (außerhalb der „Vorweihnachtszeit“) doch noch einmal in eine größere Buchhandlung, treffe ich meist mehr Angestellte an als potenzielle Käufer. Aber man versichert mir, auf Nachfrage, alles sei in Ordnung, heute sei nur ein ruhiger Tag. Viele ruhige Tage ergeben freilich einen Ruhestand, letztlich einen Friedhof.
Der sogenannte „stationäre“ Buchhandel ist zu Abfütterungsstationen für Lesestoffkonsumenten verkommen. Die Ware Buch ist mehr denn je ein bloßes Unterhaltungs- und Zerstreuungsmittel, keine Notwendigkeit, um sich in Frage stellen zu lassen und sich zu verändern. (Fachbücher gibt es zwar, aber sie grassieren gern virtuell, wie die Exzerpte und Zusammenfassungen, damit man möglichst wenig lesen muss.) Kochbücher, Reiseführer, Ratgeber aller Art mischen sich in großer Zahl unter die erzählende Literatur. Wörter wie Geist, Bildung, intellektuelle Herausforderung sind nicht nur in diesem Zusammenhang antiquiert, elitär, inhaltslos. Lesen soll Spaß machen und der Spaß soll simpel, ablenkend, folgenlos sein.
Subjektives Genörgel eines alten Mannes? Gewiss. Was nicht heißt, dass der Verfall nicht real ist. Wer sonst sollte ihn bemerken, wenn nicht einer, der ihn nicht will, der ihn nicht ausstehen kann? Veränderung, Verfall, Untergang: ohne zu werten, hätte die Diagnose keinen Sinn.
Aber es wird doch immer mehr gelesen, sagt man mir, besonders junge Leute usw. Die Buchmessen werden immer größer, die Besucherzahlen steigen und die Buchhandelsketten usw. Einmal abgesehen davon, dass Quantität nichts über Qualität besagt, es also nicht auf Verkaufszahlen ankommt, sondern auf Formen und Inhalte von Büchern, stimmt es gar nicht, dass mehr gelesen wird. Die Statistik spricht eine andere Sprache: Die Lesekompetenz sinkt, die Lesetätigkeit verlagert sich zu Kurznachrichten, Newslettern, Textschnippseln, Übersichtsartikeln, also eher zu rasch Konsumierbarem, weg vom Buch. Je geringer der Bildungsstand, desto mehr verringern sich Kompetenz und Lesetätigkeit, aber das wird von den (angeblich) besser Gebildeten nicht ausgeglichen. Dass die Umsatzzahlen für steigen, liegt an steigenden Preisen, die Absatzzahlen sind rückläufig. Und das Bücher gekauft werden, heißt weder, dass sie gelesen werden, noch dass sie gut sind. (Was immer „gut“ heißt: niveauvoll, fordernd, horizonterweiternd, charakterbildend, kritisch; oder einfach cool und geil.)
Es wird also weniger gelesen. Es wird schlechter gelesen. Es wird Schlechteres gelesen. Der Buchkonsum wird zum kleinen Luxus-Event, vergleichbar mit Wellnessbad und Fitnessstudio. Einem alten Kulturpessimisten macht das keine Hoffnung auf die kommende Revolution. Aber man wird ja trotzdem noch von guten Büchern für kluge Leser träumen dürfen …
Wunscherfüllende Träume dieser Art hatte ich früher oft. Es gab für mich nichts Beglückenderes, als von Läden mit neuen und alten Büchern zu träumen, ganz unwahrscheinlich Entdeckungen zu machen und mir unglaublich Verheißungsvolles auszusuchen. Am Ende ging ich meist voller Vorfreude auf die Lektüre mit einem Stapel Bücher zur Kasse ― und war dann sehr enttäuscht, wenn ich aufwachte und das Glück sich bloß als Traum erwies.
Früher ging ich auch im wachen Leben gern in Buchhandlungen. Als Student, der wenig Geld hatte, schaute ich zwar mehr, als ich kaufte, ließ aber letztlich trotzdem viel Geld in Buchläden. Ich stand nicht selten lange vor den Drehgestellen, die es damals noch gab, und überlegte zum Beispiel, welches Merve-Bändchen ich mir leisten sollte. Oft kam ich erst am nächsten Tag oder übernächsten wieder, um es zu kaufen. Selten oder gar nicht wurde man von einem Buchhändler bei Schauen oder gar Lesen (was ich nie tat) behelligt und zum Kaufen aufgefordert. Die Buchhändler rund um die Universität kannten eben ihr Publikum. (Manche Kolleginnen und Kollegen stahlen Bücher, auch das tat ich nie.) Auch die Bibliotheken, bei denen man selbst ins Depot durfte (oder musste), um zu suchen, was man entlehnen wollte, mochte ich sehr. Ach, all die Bücher, die ich gern gelesen hätte, nie lesen würde, aber lesen könnte …
Und ich hatte jahrzehntelang eine Vorliebe für Antiquariate, besonders moderne. Dabei wusste ich vor allem „Grabbelkisten“ mit Büchern aus Nachlässen sehr zu schätzen, darin waren herrliche Funde zu machen. Etwa interessante Taschenbücher, noch gar nicht so schrecklich alt, meist gut erhalten. (Manchmal erwarb ich übrigens später Bücher, die ich mir als Student nicht hatte leisten können oder wollen, Jahre, Jahrzehnte doch noch.) Das Unvorhersehbare am Stöbern in solchen Bücherkisten gefiel mir, ich erhoffte und fand auch zuweilen Werke, von deren Existenz ich nichts geahnt hatte, und die sich dann oft als sehr lesenswert erwiesen.
Mit dem Schließen so vieler Buchhandlungen und mit der Verlagerung des Buchhandels ― auch und gerade des antiquarischen, und hier auch und gerade des Handels mit gebrauchten und darum sehr billigen Taschenbüchern ― ins Internet, haben die Überraschungen stark abgenommen oder bleiben ganz aus. Grabbelkisten sind fast ausgestorben. Oder dürftiger geworden. (Möglicherweise werfen heutzutage Erben alte Bücher einfach ins Altpapier, statt sie als Kulturgut weiterzugeben.) Dieser Niedergang ist jedenfalls mein Eindruck, betreffend die Großstadt, in deren Nähe ich wohne. Vielleicht ist es anderswo anders.
Früher ging ich, wie gesagt, gerne in Buchhandlungen. Heute nicht mehr. Es macht mir keinen Spaß mehr, die mitunter nur noch schlecht bestückten Regale durchzusehen. Zu sehr haben sich die Bücher in ihrer Erscheinung (vom Inhalt will ich her gar nicht reden) verändert. Sie sind allzu schmuck geworden, oft grell und schrill, bunt jedenfalls. Und aufgebläht. Ich habe auch Werke gesehen, die ich einst als schlichtes Taschenbuch gekauft hatte, und die nun als marktschreierische Papierziegel aufgemacht waren. Das missfällt mir. Mein Ideal waren immer die unaufdringlich daherkommenden Bücher des französischen Verlages Gallimard (und anderer): Im Grunde Buchblöcke mit weichen Einband (die man, wenn man unbedingt will, binden lassen kann). Oder im deutschen Sprachraum die früher sehr schlicht gehaltenen Einbände (der Taschenbücher von) Suhrkamp, Reclam, Felix Meiner, UTB usw. Einfach, sachlich, unaufgeregt. Klostermann kann das immer noch. Reclam ist leider oft bunt geworden, die Büchlein von Matthes & Seitz bilden sozusagen die Grenze: geschmackvoll, schlicht, vorsichtig ornamental. Was ich sage, ist alles sehr subjektiv, aber warum auch nicht, ich bin kein Buchwissenschaftler, ich bin Kunde und Leser und darf Gefallen an etwas finden oder mein Missfallen an Zuständen und Entwicklungen äußern.
Auch die Buchhandlungen selbst haben sich verändert. Außer im Bereich „Romane“ (vor allem Krimis, Thriller, Fantasy und anderer Dreck, äh, Zeugs) und „Lebenshilfe Schrägstrich Esoterik“ scheint mir alles ausgedünnt, die Regale halten fast nur noch Bestseller feil. (Meist werden Bücher inzwischen ohnehin lieber hingelegt als hingestellt, da sie eine Schauseite haben, die nach Aufmerksamkeit ruft.) Sortiment, was ist das. Sogar sogenannte „Klassiker“ muss man bestellen. (Sie sind Nischenprodukte.) Aber bestellen kann ich auch von zu Hause aus. Dazu brauche ich nirgendwohin zu gehen, schon gar nicht in Läden, die nicht mich als Kunden gar nicht wollen, in denen ich mich wie im falschen Film fühle. Gehe ich (außerhalb der „Vorweihnachtszeit“) doch noch einmal in eine größere Buchhandlung, treffe ich meist mehr Angestellte an als potenzielle Käufer. Aber man versichert mir, auf Nachfrage, alles sei in Ordnung, heute sei nur ein ruhiger Tag. Viele ruhige Tage ergeben freilich einen Ruhestand, letztlich einen Friedhof.
Der sogenannte „stationäre“ Buchhandel ist zu Abfütterungsstationen für Lesestoffkonsumenten verkommen. Die Ware Buch ist mehr denn je ein bloßes Unterhaltungs- und Zerstreuungsmittel, keine Notwendigkeit, um sich in Frage stellen zu lassen und sich zu verändern. (Fachbücher gibt es zwar, aber sie grassieren gern virtuell, wie die Exzerpte und Zusammenfassungen, damit man möglichst wenig lesen muss.) Kochbücher, Reiseführer, Ratgeber aller Art mischen sich in großer Zahl unter die erzählende Literatur. Wörter wie Geist, Bildung, intellektuelle Herausforderung sind nicht nur in diesem Zusammenhang antiquiert, elitär, inhaltslos. Lesen soll Spaß machen und der Spaß soll simpel, ablenkend, folgenlos sein.
Subjektives Genörgel eines alten Mannes? Gewiss. Was nicht heißt, dass der Verfall nicht real ist. Wer sonst sollte ihn bemerken, wenn nicht einer, der ihn nicht will, der ihn nicht ausstehen kann? Veränderung, Verfall, Untergang: ohne zu werten, hätte die Diagnose keinen Sinn.
Aber es wird doch immer mehr gelesen, sagt man mir, besonders junge Leute usw. Die Buchmessen werden immer größer, die Besucherzahlen steigen und die Buchhandelsketten usw. Einmal abgesehen davon, dass Quantität nichts über Qualität besagt, es also nicht auf Verkaufszahlen ankommt, sondern auf Formen und Inhalte von Büchern, stimmt es gar nicht, dass mehr gelesen wird. Die Statistik spricht eine andere Sprache: Die Lesekompetenz sinkt, die Lesetätigkeit verlagert sich zu Kurznachrichten, Newslettern, Textschnippseln, Übersichtsartikeln, also eher zu rasch Konsumierbarem, weg vom Buch. Je geringer der Bildungsstand, desto mehr verringern sich Kompetenz und Lesetätigkeit, aber das wird von den (angeblich) besser Gebildeten nicht ausgeglichen. Dass die Umsatzzahlen für steigen, liegt an steigenden Preisen, die Absatzzahlen sind rückläufig. Und das Bücher gekauft werden, heißt weder, dass sie gelesen werden, noch dass sie gut sind. (Was immer „gut“ heißt: niveauvoll, fordernd, horizonterweiternd, charakterbildend, kritisch; oder einfach cool und geil.)
Es wird also weniger gelesen. Es wird schlechter gelesen. Es wird Schlechteres gelesen. Der Buchkonsum wird zum kleinen Luxus-Event, vergleichbar mit Wellnessbad und Fitnessstudio. Einem alten Kulturpessimisten macht das keine Hoffnung auf die kommende Revolution. Aber man wird ja trotzdem noch von guten Büchern für kluge Leser träumen dürfen …
Mittwoch, 14. Januar 2026
Billiger Trick, den manche gerne schlucken
„Lebensmittel werden billiger“, jauchzen Österreichs Medien. Denn die Regierenden haben vor, den einschlägigen Mehrwertsteuersatz von derzeit zehn auf fünf Prozent zu senken. Das macht allerdings nur dann irgendetwas billiger, wenn der Handel die Preise auch entsprechend senkt. Und zwar dauerhaft und nicht bloß als vorübergehenden Werbe-Gag, dem später wieder „Anpassungen“ folgen.
Und selbst wenn die Lebensmittelpreise tatsächlich um die rechnerischen 4,54 Prozent sinken würden, für die Verbraucher, die im Durchschnitt 12 Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben, bedeutete das wenig. Das statistische Durchschnittseinkommen beträgt 2.990 Euro im Monat, davon 12 Prozent sind 358,80, vermindert um besagte 4,54 Prozent ergibt das 16 Euro und 29 Cent Ersparnis. Wahnsinnig viel ist das nicht. (Weniger als eine Stunde Arbeit beim genannten Durchschnittseinkommen.) Arme geben übrigens mehr Geld und einen höheren Anteil ihres Einkommens für Lebensmittel aus. Weil sie aber eben weniger Einkommen haben, nützt ihnen die Mehrwertsteuerkürzung auch weniger als denen, die viel Geld fürs Essen ausgeben.
Aber damit es überhaupt zu irgendwelchen Effekten für die Käufer kommt, müssten, wie gesagt die Lebensmittelpreise tatsächlich gesenkt werden. Derzeit liegen sie im Durchschnitt 20 Prozent (!) über denen beim großen Nachbarn BRD. Wenn man das weiß, dürfte das Vertrauen in die Ehrlichkeit und Kundenfreundlichkeit der Lebensmittelhandelsketten (die bekanntlich alle ausschließlich oder überwiegend in deutscher Hand sind) doch eher gering ausfallen.
Und selbst wenn die Lebensmittelpreise tatsächlich um die rechnerischen 4,54 Prozent sinken würden, für die Verbraucher, die im Durchschnitt 12 Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben, bedeutete das wenig. Das statistische Durchschnittseinkommen beträgt 2.990 Euro im Monat, davon 12 Prozent sind 358,80, vermindert um besagte 4,54 Prozent ergibt das 16 Euro und 29 Cent Ersparnis. Wahnsinnig viel ist das nicht. (Weniger als eine Stunde Arbeit beim genannten Durchschnittseinkommen.) Arme geben übrigens mehr Geld und einen höheren Anteil ihres Einkommens für Lebensmittel aus. Weil sie aber eben weniger Einkommen haben, nützt ihnen die Mehrwertsteuerkürzung auch weniger als denen, die viel Geld fürs Essen ausgeben.
Aber damit es überhaupt zu irgendwelchen Effekten für die Käufer kommt, müssten, wie gesagt die Lebensmittelpreise tatsächlich gesenkt werden. Derzeit liegen sie im Durchschnitt 20 Prozent (!) über denen beim großen Nachbarn BRD. Wenn man das weiß, dürfte das Vertrauen in die Ehrlichkeit und Kundenfreundlichkeit der Lebensmittelhandelsketten (die bekanntlich alle ausschließlich oder überwiegend in deutscher Hand sind) doch eher gering ausfallen.
Sonntag, 11. Januar 2026
Glosse CXLII
Dass eine österreichische Synchronsprecherin den dritten Teil des Namens der Familie Sachsen-Coburg-Koháry nicht korrekt aussprechen kann (sie betont die zweite Silbe), ist tieftraurig. Alle mehrsilbigen ungarischen Wörter werden auf der ersten Silbe betont. Der Akzent überm A bezeichnet keine Betonung, sondern den Laut [a] (im Unterschied zu [ɒ], den das A ohne Akzent bezeichnet.) Das könnte man als Österreicherin wissen. Ungarn ist ein Nachbarland. In Österreich lebt eine gesetzlich anerkannte ungarische Minderheit. Wer fürs Staatsfernsehen arbeitet (auch etwa als Redakteur oder Synchronregisseur), sollte, wenn er oder sie schon keine Bildung erworben hat, so doch so viel Respekt aufbringen, sich wenigstens in die Lage zu versetzen, die Eigennamen von Mitbürgern und Nachbar halbwegs richtig auszusprechen.
Notiz zur Zeit (264)
Weil’s mal ein bisschen heftiger geschneit hat, ist natürlich die menschengemachte Erderwärmung komplett widerlegt …
Was bringt die Leute dazu, ihre Ausbeuter, Unterdrücker, Verdummer gegen deren Kritiker in Schutz zu nehmen? Eingefleischter Selbsthass?
Lügen, lügen, lügen und das Offensichtliche leugnen. Hatte doch schon gut geklappt, als man ein kleines Kind war und von Mutti erwischt wurde.
Lügen, lügen, lügen und das Offensichtliche leugnen. Hatte doch schon gut geklappt, als man ein kleines Kind war und von Mutti erwischt wurde.
Warum wollen die Leute unbedingt dumm sein? Aus demselben Grund, aus dem sie böse sein wollen?
Freitag, 9. Januar 2026
Unterwegs (37)
An der Bushaltestelle fiel mir auf, dass das Wartehäuschen erneuert wurde. Die kleinen Metallroste, auf den man sitzen könnte, sind wohl immer noch unbequem (und im Winter gewiss arschkalt), haben jetzt aber außerdem noch jeweils zwei schmale, gebogene Stege, die verhindern sollen, dass auf diesen Quasibänken jemand liegen kann. Gar ein Betrunkener oder ein Obdachloser. Denn das ist ja bekanntlich das größte Problem jeder Großstadt, dass jemand dort schläft, wo das nicht hingehört, also im öffentlichen Raum, dass mit anderen Worten die gesellschaftlichen Missverhältnisse sichtbar (und ruchbar) werden durch das ausgelebte Schlafbedürfnis der Ärmsten und Schwächsten. Dafür ist Geld da.
Montag, 5. Januar 2026
Unterwegs (36)
Straße. Passanten. Ein Mann lehnt, mit dem Gesicht zur Wand, gegen eine Hausmauer und schluchzt. Niemand, auch ich nicht, bleibt stehen, fragt, bietet Hilfe an. Niemand will in irgendetwas verwickelt werden. Was sind wir nur für Ungeheuer, ein Mitmensch leidet, und wir schauen weg.
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