Montag, 19. Januar 2026

Fragment über Barbarei

Man tut den als Barbaren Imaginierten großes Unrecht, wenn man ihnen unterstellt, sich „barbarisch“ zu verhalten, was ja oft nicht einfach nur kulturlos und unzivilisiert heißen soll, sondern nicht zuletzt roh und grausam. Aber nicht die vermeintlich Unterentwickelten (oder Wiederverrohten) sind die Blutrünstigen und Schamlosen, sondern ganz im Gegenteil waren es zu allen Zeiten die, die sich für höherwertig hielten und alles Fremde als unverständlich, rückständig und grobschlächtig verachteten, die die besonders gewaltigen und nachhaltigen Verbrechen begingen. Urbane Verfeinerung hielt die Zentren nie davon ab, sich der Peripherien zu bemächtigen und Menschen, Tiere, Pflanzen auszubeuten, ganze Landschaften umzugraben, auszuhöhlen und zu vergiften und fremde Kulturgüter, Gebräuche, Denkweisen zu vernichten (oder sich, falls für brauchbar erachtet, unentgeltlich anzueignen).
Nicht Attila und Tamerlan (oder formatlose Mickerlinge wie Hitler, Stalin, Mao) sind die typischen Menschen- und Kulturvernichter, sondern repräsentativ für die Akteure von Menschheitsverbrechen sind die kleinen Bürokraten und Ingenieure, die Krämer und Lakaien, die anonym, beflissen und gierig Unheil planen und vollstrecken, das sie nicht verantworten wollen. Diese Herrenmenschen im Gartenzwergformat genießen alle Vorteile des modernen Lebens, Klospülung und Zentralheizung, Schule, Strom und Rechnerkapazität, während ihre raffinierten Beiträge zu Reklame, Produktion und Zerstreuung den zeitgenössischen Terror der Verwertung und Niederhaltung designen und umsetzen. Die Kosten der Profitmaximierung tragen alle, auch die verfeierungsfreudigen Funktionäre, die Ungeschlachten aber umso mehr, als sie keine Chance haben sollen, sich an der Weltausbeutung anders denn als Handlanger und menschliches Verbrauchsmaterial zu beteiligen. Wer aufmuckt, ist ein Spinner, Fanatiker, Abweichler und Gefährder, diskursiv und vernichtungstechnisch vogelfrei.
So funktioniert das System. Und wenn das Zivilisation und Kultur ist, muss man es aus ethischen und ästhetischen Gründen verwerfen. 
Kurzum, „barbarisch“ ist in Wahrheit, wer die Welt in Zivilisierte und Barbaren aufteilt, weil diese abwertende Grenzziehung immer noch dem Geschäftsmodell der Sklavenhalter gedient hat, auch wenn die Sklaven schließlich Arbeiter und Subunternehmer heißen. Wann nämlich hätte denn bei den selbsternannten Kulturnationen die Absage an Grausamkeit und Menschenverachtung begonnen? Nach dem Dreißigjährigen Krieg? Nach der Französischen Revolution? Nach Belgisch-Kongo? Nach Auschwitz? Nach Vietnam? Nach dem letzten Schulmassaker?

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen