Donnerstag, 15. Januar 2026

Traumbuchhandlung

Ich träumte unlängst von einer mir bis dahin unbekannten Buchhandlung. Ich gehe hinein und bin begeister. Die Bücher stehen ordentlich in den Regalen und sind sehr zahlreich. Fast alle sehen aus wie neu, obwohl sie, wie ich feststelle, zum Teil schon vor langer Zeit veröffentlicht wurden. Die Einbände, ob weich ob fest, sind anmutig und schlicht. Die Regale und die Bücher darin wurden nach Sachgebieten, Verlagen und Autoren geordnet. Ich gehe durch den Laden und entdecke viel Vielversprechendes und einiges, das mir bekannt ist (oder vorkommt). Hier könnte ich viel Geld ausgeben. Ich bin in Hochstimmung. Als ich schließlich vor einer Regalwand stehe, die alle noch nicht vergriffenen Bände der Reihe „suhrkamp taschenbuch wissenschaft“ enthält, nach ihren Nummern geordnet, weine ich fast vor Glück.
Wunscherfüllende Träume dieser Art hatte ich früher oft. Es gab für mich nichts Beglückenderes, als von Läden mit neuen und alten Büchern zu träumen, ganz unwahrscheinlich Entdeckungen zu machen und mir unglaublich Verheißungsvolles auszusuchen. Am Ende ging ich meist voller Vorfreude auf die Lektüre mit einem Stapel Bücher zur Kasse ― und war dann sehr enttäuscht, wenn ich aufwachte und das Glück sich bloß als Traum erwies.
Früher ging ich auch im wachen Leben gern in Buchhandlungen. Als Student, der wenig Geld hatte, schaute ich zwar mehr, als ich kaufte, ließ aber letztlich trotzdem viel Geld in Buchläden. Ich stand nicht selten lange vor den Drehgestellen, die es damals noch gab, und überlegte zum Beispiel, welches Merve-Bändchen ich mir leisten sollte. Oft kam ich erst am nächsten Tag oder übernächsten wieder, um es zu kaufen. Selten oder gar nicht wurde man von einem Buchhändler bei Schauen oder gar Lesen (was ich nie tat) behelligt und zum Kaufen aufgefordert. Die Buchhändler rund um die Universität kannten eben ihr Publikum. (Manche Kolleginnen und Kollegen stahlen Bücher, auch das tat ich nie.) Auch die Bibliotheken, bei denen man selbst ins Depot durfte (oder musste), um zu suchen, was man entlehnen wollte, mochte ich sehr. Ach, all die Bücher, die ich gern gelesen hätte, nie lesen würde, aber lesen könnte …
Und ich hatte jahrzehntelang eine Vorliebe für Antiquariate, besonders moderne. Dabei wusste ich vor allem „Grabbelkisten“ mit Büchern aus Nachlässen sehr zu schätzen, darin waren herrliche Funde zu machen. Etwa interessante Taschenbücher, noch gar nicht so schrecklich alt, meist gut erhalten. (Manchmal erwarb ich übrigens später Bücher, die ich mir als Student nicht hatte leisten können oder wollen, Jahre, Jahrzehnte doch noch.) Das Unvorhersehbare am Stöbern in solchen Bücherkisten gefiel mir, ich erhoffte und fand auch zuweilen Werke, von deren Existenz ich nichts geahnt hatte, und die sich dann oft als sehr lesenswert erwiesen.
Mit dem Schließen so vieler Buchhandlungen und mit der Verlagerung des Buchhandels ― auch und gerade des antiquarischen, und hier auch und gerade des Handels mit gebrauchten und darum sehr billigen Taschenbüchern ― ins Internet, haben die Überraschungen stark abgenommen oder bleiben ganz aus. Grabbelkisten sind fast ausgestorben. Oder dürftiger geworden. (Möglicherweise werfen heutzutage Erben alte Bücher einfach ins Altpapier, statt sie als Kulturgut weiterzugeben.) Dieser Niedergang ist jedenfalls mein Eindruck, betreffend die Großstadt, in deren Nähe ich wohne. Vielleicht ist es anderswo anders.

Früher ging ich, wie gesagt, gerne in Buchhandlungen. Heute nicht mehr. Es macht mir keinen Spaß mehr, die mitunter nur noch schlecht bestückten Regale durchzusehen. Zu sehr haben sich die Bücher in ihrer Erscheinung (vom Inhalt will ich her gar nicht reden) verändert. Sie sind allzu schmuck geworden, oft grell und schrill, bunt jedenfalls. Und aufgebläht. Ich habe auch Werke gesehen, die ich einst als schlichtes Taschenbuch gekauft hatte, und die nun als marktschreierische Papierziegel aufgemacht waren. Das missfällt mir. Mein Ideal waren immer die unaufdringlich daherkommenden Bücher des französischen Verlages Gallimard (und anderer): Im Grunde Buchblöcke mit weichen Einband (die man, wenn man unbedingt will, binden lassen kann). Oder im deutschen Sprachraum die früher sehr schlicht gehaltenen Einbände (der Taschenbücher von) Suhrkamp, Reclam, Felix Meiner, UTB usw. Einfach, sachlich, unaufgeregt. Klostermann kann das immer noch. Reclam ist leider oft bunt geworden, die Büchlein von Matthes & Seitz bilden sozusagen die Grenze: geschmackvoll, schlicht, vorsichtig ornamental. Was ich sage, ist alles sehr subjektiv, aber warum auch nicht, ich bin kein Buchwissenschaftler, ich bin Kunde und Leser und darf Gefallen an etwas finden oder mein Missfallen an Zuständen und Entwicklungen äußern.
Auch die Buchhandlungen selbst haben sich verändert. Außer im Bereich „Romane“ (vor allem Krimis, Thriller, Fantasy und anderer Dreck, äh, Zeugs) und „Lebenshilfe Schrägstrich Esoterik“ scheint mir alles ausgedünnt, die Regale halten fast nur noch Bestseller feil. (Meist werden Bücher inzwischen ohnehin lieber hingelegt als hingestellt, da sie eine Schauseite haben, die nach Aufmerksamkeit ruft.) Sortiment, was ist das. Sogar sogenannte „Klassiker“ muss man bestellen. (Sie sind Nischenprodukte.) Aber bestellen kann ich auch von zu Hause aus. Dazu brauche ich nirgendwohin zu gehen, schon gar nicht in Läden, die nicht mich als Kunden gar nicht wollen, in denen ich mich wie im falschen Film fühle. Gehe ich (außerhalb der „Vorweihnachtszeit“) doch noch einmal in eine größere Buchhandlung, treffe ich meist mehr Angestellte an als potenzielle Käufer. Aber man versichert mir, auf Nachfrage, alles sei in Ordnung, heute sei nur ein ruhiger Tag. Viele ruhige Tage ergeben freilich einen Ruhestand, letztlich einen Friedhof.
Der sogenannte „stationäre“ Buchhandel ist zu Abfütterungsstationen für Lesestoffkonsumenten verkommen. Die Ware Buch ist mehr denn je ein bloßes Unterhaltungs- und Zerstreuungsmittel, keine Notwendigkeit, um sich in Frage stellen zu lassen und sich zu verändern. (Fachbücher gibt es zwar, aber sie grassieren gern virtuell, wie die Exzerpte und Zusammenfassungen, damit man möglichst wenig lesen muss.) Kochbücher, Reiseführer, Ratgeber aller Art mischen sich in großer Zahl unter die erzählende Literatur. Wörter wie Geist, Bildung, intellektuelle Herausforderung sind nicht nur in diesem Zusammenhang antiquiert, elitär, inhaltslos. Lesen soll Spaß machen und der Spaß soll simpel, ablenkend, folgenlos sein.
Subjektives Genörgel eines alten Mannes? Gewiss. Was nicht heißt, dass der Verfall nicht real ist. Wer sonst sollte ihn bemerken, wenn nicht einer, der ihn nicht will, der ihn nicht ausstehen kann? Veränderung, Verfall, Untergang: ohne zu werten, hätte die Diagnose keinen Sinn.
Aber es wird doch immer mehr gelesen, sagt man mir, besonders junge Leute usw. Die Buchmessen werden immer größer, die Besucherzahlen steigen und die Buchhandelsketten usw. Einmal abgesehen davon, dass Quantität nichts über Qualität besagt, es also nicht auf Verkaufszahlen ankommt, sondern auf Formen und Inhalte von Büchern, stimmt es gar nicht, dass mehr gelesen wird. Die Statistik spricht eine andere Sprache: Die Lesekompetenz sinkt, die Lesetätigkeit verlagert sich zu Kurznachrichten, Newslettern, Textschnippseln, Übersichtsartikeln, also eher zu rasch Konsumierbarem, weg vom Buch. Je geringer der Bildungsstand, desto mehr verringern sich Kompetenz und Lesetätigkeit, aber das wird von den (angeblich) besser Gebildeten nicht ausgeglichen. Dass die Umsatzzahlen für steigen, liegt an steigenden Preisen, die Absatzzahlen sind rückläufig. Und das Bücher gekauft werden, heißt weder, dass sie gelesen werden, noch dass sie gut sind. (Was immer „gut“ heißt: niveauvoll, fordernd, horizonterweiternd, charakterbildend, kritisch; oder einfach cool und geil.)
Es wird also weniger gelesen. Es wird schlechter gelesen. Es wird Schlechteres gelesen. Der Buchkonsum wird zum kleinen Luxus-Event, vergleichbar mit Wellnessbad und Fitnessstudio. Einem alten Kulturpessimisten macht das keine Hoffnung auf die kommende Revolution. Aber man wird ja trotzdem noch von guten Büchern für kluge Leser träumen dürfen …

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