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Sonntag, 14. April 2019

Christ oder nicht

Es gibt Menschen, die haben noch nie etwas vom Evangelium Jesu Christi gehört. Oder nichts Richtiges. Es gibt Menschen, die hängen einer bestimmten Religion an und können oder wollen sich darum nicht entschließen, Christus nachzufolgen. All das ist bedauerlich, aber verständlich. Es gibt aber auch Menschen, die haben sehr wohl von Jesus Christus gehört und praktizieren auch keine Religion, die sie davon abhielte, die Lehren des Evangeliums zu hören und seinen Geboten zu folgen, ja, sie sind vielleicht sogar getauft und haben noch dazu Religionsunterricht erhalten, einen wie guten oder schlechten auch immer, aber trotzdem erklären diese Leute, sie könnten mit dem Christentum nichts anfangen oder seien sogar dagegen. Das ist zwar vielleicht erklärbar, aber unverzeihlich.
Gewiss täte die Kirche gut daran, die Schuld dafür zunächst und vor allem bei sich selbst zu suchen. Die Schuld dafür, dass unter Christen und in „christlich geprägter Kultur“ aufgewachsene Christen de facto gar keine Christen sind und auch keine sein wollen. Gläubige Christen könnten ohne Abstrich übernehmen, was Protestanten 1945 über ihr Verhältnis zum und ihr Verhalten im Nationalsozialismus formulierten („Stuttgarter Schuldbekenntnis“): „Wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“
Die Gemeinschaft der Jünger Jesu Christi muss sich nämlich fragen: Warum glaubt man uns nicht? Warum ist, was wir sagen, nicht verbindlich? Warum unser Tun und Lassen nicht vorbildlich? Warum ist es nicht attraktiv, Christ zu sein? Warum interessieren sich die Leute nicht für die Vergebung der Sünden und das ewige Leben? Warum sind sie gelangweilt und abgestoßen? Was sollen wir tun?
Die Kirche als hierarchisch geordnete Gemeinschaft der Gläubigen muss sich also fragen: Was für ein Vorbild sind wir? Folgen wir Christus nach? Treten wir immer und überall für das Evangelium ein? Erlebt man auch als Außen- und Fernstehender, dass wir unseren Nächsten lieben und Gott mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit unserem ganzen Denken und mit unserer ganzen Kraft? Glauben wir wirklich, was glaube zu sollen wir behaupten? Halten wir uns an die Gebote, die wir als von Gott gegeben betrachten? Halten wir uns an die Gebote, die wir uns selbst gegeben haben? Oder sind wir nur ein Traditionsverein mit schwindender Kraft und mehr oder minder sinnlos gewordenen Riten? Macht es einen Unterschied, ob man Christ ist oder nicht? Gehen wir miteinander wir Brüder um? Erkennt man an unserer Freude, unserem Enthusiasmus, unserer Demut, unserer Weisheit, das wir Erlöste sind?
Gott hat die Welt geschaffen und erhält sie. Die Menschen haben sich von Gott abgewandt und in ihren Sünden verloren. Gott ist Mensch geworden, um sie zu befreien. Der Menschensohn starb am Kreuz und erstand von den Toten auf. Damit sind Tod und Sünde überwunden. Christus ging zum Vater und wird wiederkommen, um die Leben und die Toten zu richten. In der Zwischenzeit sind das Evangelium und die Heil wirkenden Sakramente der Kirche anvertraut, um die Menschen zu Gott zu führen — und in der Gemeinschaft mit Gott zu halten. Wenn sie das nicht leistet, hat sie versagt.
Auf der anderen Seite ist jeder Mensch, Erbsünde hin oder her, für sich selbst verantwortlich. Wenn man ihm schon anbietet, frei zu werden, der Sündenverstrickung zu entkommen und die ewige Seligkeit geschenkt zu bekommen, dann sollte er das vernünftigerweise auch annehmen. Oder wenigstens verantwortbare Gründe vorbringen, warum er es nicht tut. Also mehr als ein: Laaangweilig! Ich mag nicht. Mir gibt das nichts. Aber die Kreuzzüge. Aber die Inquisition. Aber der Kindesmissbrauch. Ich lasse mir keine Vorschriften machen. Das ist nicht mehr zeitgemäß. Ich brauche keine Kirche, ich bin spirituell. Lauter Scheißdreck.
Jeder einzelne Mensch muss sich vor Gott verantworten. Er wird gefragt (und gefragt werden): Liebst du mich? Kannst du das beweisen, hast du es bewiesen? „Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen.“
Wer nicht gegen Gott ist, ist für ihn. (Das sind die, die noch nicht zur Wahrheit gelangt sind.) Wer nicht für Gott ist, ist gegen ihn. (Das sind die, die sich von der Wahrheit abgewandt haben.) Wer für Gott ist, den erwartet der Himmel, wer gegen Gott ist, der kommt in die Hölle. Das ist nicht Lohn und Strafe im buchhalterischen Sinne. Das ist einfach Folge der Entscheidungen des Menschen: Wer sich für das Gute entschieden hat, der wird es bekommen. Wer sich gegen das Gute entschieden hat, der wird es nicht bekommen. Es ist schlicht nicht zu verstehen, warum solch einfache Wahrheiten nicht jedem einleuchten und nicht jeder seine Konsequenzen daraus zieht. Und es ist, wie gesagt, unverzeihlich. Denn wer sich gegen das Verzeihen entscheidet, wird schon sehen, was er davon hat.

Sonntag, 7. April 2019

À propos Erlösung

In einem sozialen Netzwerk schrieb einmal einer: „Erlösung ist ein menschliches Bedürfnis, das man eben nicht der Religion überlassen sollte. (Sage ich als durchaus auch religiöser Mensch). Erlösung ist die Erlösung von, wie Freud sagte, gewöhnlichem Unglück oder auch neurotischem Elend. Es ist das ‘pursuit of happiness’. Damit man am Ende sagen kann: ‘Es war genug, drum nimm, oh Herr, nun meine Seele.’ (Elias-Oratorium) Erlösung ist es, wenn man mit seinen Bedürfnissen gesehen und verstanden wird. Sozialdemokraten müssen hier die säkulare Variante liefern.“ („Luitpolt Sylvester“)
Das klingt beinahe gut, ist aber falsch. Bei Erlösung geht es um etwas anderes. Durchaus um Bedürftigkeit, aber eben um Erlösungsbedürftigkeit. Was heißt das?
Der Mensch ist sündig und lebt unter der Herrschaft der Sünde. Mit anderen Worten: Er tut, was er nicht soll, und lässt, was er tun sollte. Das hat Folgen, für ihn und andere. Und zwar keine guten. Auch das böse Tun und Lassen der anderen hat für ihn Folgen. Ebenfalls keine guten. Auch wenn der Einzelne in aller (persönlichen) Unschuld zur Welt kommt, haben andere längst vor ihm gesündigt, er erbt also von Anfang an die Schulden, die im Lauf der Zeit angehäuft wurden und sich sozusagen verzinst haben. Man könnte auch von Strukturen, Institutionen, Sitten, Gebräuchen und Gewohnheiten reden. Diese übergroße Schuld macht den Menschen von Anfang an zum Schuldner (gegenüber Gott, aber auch seinen Mitschuldnern). Ohne Gottes Gnade wäre er deshalb zum Guten gar nicht fähig, weder es zu erkennen, noch es zu tun, denn die Sünden lasten auf ihm, schwächen ihn und hindern ihn daran, sich Gottes unwiderstehlicher Gnade zu überlassen.
An dieser Stelle nun bietet das Christentum, eine Erzählung, die, wiewohl strikt als Historie zu verstehen, der großartigste Mythos aller Zeiten ist: Um Mensch und Gott zu versöhnen und die Herrschaft der Sünde zu brechen, wird Gott selbst Mensch. Der Sohn Gottes, in allem (außer der Sünde) ein Mensch und zugleich ganz und gar Gott, liefert sich dem sündigen Treiben der Menschen aus, sie verurteilen ihn, den völlig Unschuldigen, und töten ihn. Gott, der Unveränderliche, stirbt nicht, aber der Menschensohn, der ganz Mensch und ganz Gott ist, ist sterblich. Doch das ist nicht das letzte Wort der Geschichte: Jesus Christus besiegt den Tod und steht von den Toten auf. Später fährt er zum Himmel auf, der Sohn kehrt zum Vater zurück, verspricht aber, wiederzukommen und am Ende der Zeiten Gericht zu halten. Die, die Gutes getan und Böses gelassen haben, werden zu ihm in den Himmel kommen, die Bösen in die Hölle. Wahnsinnsstory, oder?
Das Evangelium Jesu ist demnach nicht einfach eine besonders radikale Ethik, auch wenn es das unbedingt auch ist. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst und behandle jeden so, wie du von ihm behandelt werden möchtest, das ist zwar das wichtigste Gebot und die Goldene Regel, also die Grundlage alles ethisch richtigen Verhaltens. Aber Jesus setzt richtiges Verhalten und das Tun von Gottes Willen gleich und fordert: Liebe Gott mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit deinem ganzen Denken und mit deiner ganzen Kraft. Nur indem der Mensch Gottes Dasein bejaht, sich ihm zuwendet und sich ihm überlässt, in allem Gottes Willen tun will, also die Königsherrschaft Gottes verwirklichen, kann er Gutes tun und Böses lassen. Auf sich allein gestellt, kann er das nicht, weil er, siehe oben, sündig ist und ein Sklave der Sünde.
Es gibt nichts Gutes, außer man tut es, heißt es bei Erich Kästner. Das ist richtig. Aber ohne Gottes Gnade kann niemand Gutes tun. Wenn es darum im Matthäusevangelium heißt: „Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, empfangt das Reich als Erbe, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist! Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen. Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben oder durstig und dir zu trinken gegeben? Und wann haben wir dich fremd gesehen und aufgenommen oder nackt und dir Kleidung gegeben? (…) Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Und andererseits: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist! Denn ich war hungrig und ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben; ich war fremd und ihr habt mich nicht aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir keine Kleidung gegeben; ich war krank und im Gefängnis und ihr habt mich nicht besucht. (…) Amen, ich sage euch: Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan.“ Dann also geht es offensichtlich um mehr als ein Sozialprogramm, um die Stillung irdischer Bedürfnisse, dann es geht um die letzen Dinge, um Ewiges.
Denn selbst wenn es den Menschen irgendwann endlich doch gelänge — was unwahrscheinlich ist, aber möglich —, ein Zusammenleben zu gestalten, durch das niemand hungert und dürstet, jeder Kleidung und Obdach hat, jeder bei Krankheit, Unfall und Alter umsorgt wird, niemand einsam sein muss, jeder Zugang zu Bildung und Unterhaltung hat, wenn es also mit einem Wort gelänge, die Grundbedürfnisse zu befriedigen und allen Glück zu ermöglichen, dann wäre damit immer noch nicht das Wesentliche erreicht. Denn immer noch würden die Menschen zum Bösen neigen, immer noch gäbe es Leid und Tod. Und das Leiden und Sterben der Früheren wäre ja auch nicht erledigt und ohne Bedeutung.
Hier kommt nun die Erlösung ins Spiel. Leider hat man aus „Erlösung“ ein Allerweltswort gemacht. „Erlösen“ soll (laut Online-Duden) so viel heißen wie frei machen, aus einer Notlage, von Schmerzen, innerer Bedrängnis, befreien, erretten. Dabei kann jemanden „von seinen Schmerzen erlösen“ sogar einfach bedeuten, ihn umzubringen. Erlösung gilt als besonders eindrucksvolle Rettung oder Befreiung. Das Christentum hingegen unterscheidet seit jeher sehr wohl den „Heiland“ oder Retter (sotér, salvator) vom „Erlöser“ (lytrotés, redemptor), obwohl beide Begriffe sich selbstverständlich auf ein und denselben Jesus Christus beziehen. „Erlösen“ heißt streng genommen nämlich „loskaufen“, „Lösegeld bezahlen“. (Der Online-Duden umschreibt „Erlös“ mit „beim Verkauf einer Sache oder für eine Dienstleistung eingenommener Geldbetrag“.)
Theologisch gesprochen: Durch seinen Sühnetod am Kreuz kaufte der Sohn Gottes die Menschen los von ihren Sünde. Er hat die Menschen ein für allemal befreit, indem er für ihre Schulden mit seinem Leben bezahlte. Mit seiner Auferstehung hat er die Macht der Sünde gebrochen und den Tod, die Folge der Sünde, überwunden. Damit ist der Weg frei für das ewige Leben. Auch für die schon Gestorbenen. Auch sie sind erlöst. Auch ihnen steht der Himmel offen.
Warum aber machen dann die Menschen, sogar die getauften, dann meist einen so wenig erlösten Eindruck? Warum geht es noch so sündig zu in der Welt? War der Tod Gottes etwa umsonst?
Tatsache ist, der Mensch muss die Erlösung annehmen, um an ihr vollen Anteil zu haben. Wer so handelt, als wäre er unfrei, ist unfrei. Erst indem der Mensch umkehrt, sein Kreuz auf sich nimmt und Christus nachfolgt, also Gottes Willen tut, wird er fähig zur Heiligkeit, also zu einem Leben ohne Sünde. Dazu gelangen die wenigsten. Viele wollen es erst gar nicht versuchen. Einige aber doch, nur sind die meisten von uns zu schwach dafür, nämlich nicht zuletzt auch zu schwach dafür, sich der Stärke des Höchsten zu überlassen. Aber versuchen sollte man es. Jeden Tag neu. (Dann werden auch die irdischen Bedürfnisse sehr relativ und Gevatter Tod verliert seinen Schrecken.)

Sonntag, 31. März 2019

Meine Feuerbach-These

Ich glaube nicht mehr daran, dass es Ludwig Feuerbach gibt oder je gegeben hat. Früher, als ich unter seinem Namen herausgeben Schriften las, nahm ich wie selbstverständlich an, dass eine Person dieses Namens auch wirklich existiert haben müsse. Heute bin ich jedoch überzeugt, dass das bloß ein kindlicher Aberglaube war, an dem man als erwachsener, zum Vernunftgebrauch gelangter Mensch nicht festhalten sollte. Meine These: Feuerbach haben sich seine Leser bloß ausgedacht. Es gibt einfach keinen Beweis für Feuerbachs Existenz. Wie denn auch? Jeder kann jedes Buch unter jedem Namen veröffentlichen, das besagt gar nichts. Analysiert man hingegen sorgfältig, worauf die angeblich von „Feuerbach“ verfassten (oder zumindest „inspirierten“) Schriften tatsächlich hinauslaufen, so erkennt man zweifellos rasch: Feuerbach ist nur eine Erfindung der Menschen. Weil sie eines Tages ihren Gottesglauben lästig fanden und ihre Ressentiments besser mit ihren Lebensgewohnheiten in Einklang bringen wollten, projizierten die Menschen ihre Vorurteile und Albernheiten zwischen zwei Buchdeckel. Sie stellten sich einen Verfasser vor, der noch dümmer und voreingenommener, noch unverschämter und treuloser wäre als sie selbst und bewunderten in ihrer Erfindung, eben diesem sogenannten Feuerbach, ihre Aufgeklärtheit und Angepasstheit an die kapitalistischen Anforderungen des Tages. Nicht mehr an Gott glauben und seine Gebote nicht mehr beachten (oder auch nur kennen) zu müssen, erleichterte sie ungemein und ließ sie sehr bald alles verachten, was ihre Freiheit, einander Böses anzutun, einschränken hätte können. Der Materialismus, als Metaphysik absurd, als Ethik unanständig, war ihre neue Religion und Feuerbach deren imaginärer Prophet. Wer aber heute kritisch und auf der Höhe der Zeit denkt, kann nicht mehr Materialist sein. Er wird den Popanz „Feuerbach“ als überflüssig und hinderlich abtun für jede Beschäftigung mit der Wirklichkeit — zu der nun einmal auch das Dasein Gottes gehört — und sich sagen: Die Philosophen haben Feuerbach nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, ihn zu verwerfen, sich der Wirklichkeit zu stellen und darum an Gott zu glauben.

* * *

A: Aber Feuerbach hat doch gelebt!
B: Woher wissen Sie das? Kannten Sie ihn?
A: Nein, aber andere, seine Zeitgenossen, kannten ihn doch und schrieben über ihn.
B: Kannten Sie diese Zeitgenossen? Haben Sie deren Schriften geprüft und mit unabhängigen Dokumente verglichen? Haben sie solche Dokumente oder andere Beweisstücke denn überhaupt zu Gesicht bekommen?
A: Nein, aber ich verlasse mich auf das Zeugnis anderer. Warum sollten sie lügen? Dass Feuerbach eine bloße Erfindung ist, macht doch einfach keinen Sinn. Ich kann das nicht glauben.
B: Quod erat demonstrandum.

Sonntag, 24. März 2019

Der mystische Leib und sein Ballast

Die Kirche, also die Gesamtheit der Kirchenmitglieder, gilt (seit Paulus und Augustinus bis Pius XII. und dem Zweiten Vatikanischen Konzil) als der mystische Leib Christi. Wenn dem so ist, so muss man leider sagen, dass sich dieser Leib in keinem guten Zustand befindet. Er ist zwar nach außen hin umfangreicher denn je, hat aber in seinem Inneren viel zu viele Hohlräume, die mit nichts gefüllt sind als allenfalls heißer Luft. Er ist sozusagen ein Koloss aus Seifenblasen.
Was dabei, diesseits der Metaphern, das Problem ist, ist allgemein bekannt. Die Menschen wenden sich, wiewohl getauft, von der Kirche ab, teils treten sie (zivilrechtlich) aus, teils besuchen sie keine Gottesdienste mehr, empfangen keine Sakramente mehr und leben nicht mehr gemäß den Regeln, auf die sie nach offizieller Sicht der Kirche verpflichtet sind. Viele brauchen die Kirche, wenn überhaupt, nur für Hochzeit und Begräbnis, sie lassen zwar ihre Kinder taufen, aber erziehen sie nicht zu guten Katholiken, weil sie selbst keine sein wollen.
Launig spricht man von „Karteileichen“, also von Menschen, die zwar offiziell der katholischen Kirche angehören, aber am kirchlichen Leben nicht teilnehmen. Deren Zahl übersteigt in Europa die der aktiven Gläubigen bei weitem. Und das auch in den angeblich „katholischen Ländern“. Nur noch etwa zehn Prozent der Katholiken Deutschlands (und Österreichs) gehen regelmäßig zur Sonntagsmesse. In Spanien sind es etwa zwölf, in Irland, Italien, Portugal etwa 19 und in Polen knapp 38 Prozent. Und das, obwohl jeder Katholik, jede Katholikin verpflichtet ist, jeden Sonntag die heilige Messe zu besuchen!
Was aber tut die Kirche, um die Erfüllung dieser Pflicht durchzusetzen? Nichts. Es handelt sich um Vergehen ohne jegliche Sanktion. Wenn die Kirche aber schon nicht bereit ist, so einfache und für jeden leicht zu befolgende Vorschriften durchzusetzen wie die fünf Kirchengebote (jeden Sonntag Teilnahme an der Messe; an Fasttagen fasten und an Aschermittwoch und Karfreitag kein Fleisch essen; einmal im Jahr beichten; einmal im Jahr den eucharistischen Leib Christi empfange; die Kirche materiell unterstützen), wie soll sie dann auf der Einhaltung der göttlichen Gebote bestehen: nicht lügen, nicht stehlen, nicht morden, nicht ehebrechen usw. Wer sich im Kleinen als untreu erweist, ist es auch im Großen.
Genau das ist es, was am aktuellen Zustand der Kirche nicht stimmt. Nicht die „Kirchenaustritte“, nicht die „Karteileichen“, nicht der angeblich Priestermangel und schon gar nicht die „Missbrauchsskandale“ sind das entscheidende Problem der katholischen Kirche, sondern der erschreckende Umstand, dass sie sich selbst nicht ernst nimmt.
Glaubten die, die in der Kirche etwas zu sagen haben, wirklich an das, was sie verkündigen, würden sie nicht rasten und nicht ruhen, bis alle, die der Kirche angehören, gemäß der Verkündigung zu leben versuchten — oder die Gemeinschaft, die sie innerlich schon verlassen haben, auch äußerlich verlassen. Die Kirchenführung auf allen Ebenen und die Masse der wirklich Gläubigen könnte sich, nähmen sie sich und ihre Verpflichtung auf Christus ernst, nicht damit abfinden, dass es Menschen gibt, die zwar als Katholiken gezählt werden, aber schlechterdings keine sind. Nicht, dass die Kirche nur aus Heilgen bestehen muss, wir sind alle Sünder und Verstöße gegen Gebote wird es immer geben, aber anzuerkennen, dass die Gebote überhaupt gelten und dass man nach Heiligkeit streben sollte, wie unmöglich zu erreichen sie auch scheinen mag, das ist das Mindeste, was man verlangen darf. Genauer: verlangen muss.
Christus hat nicht gesagt: Überlegt euch bitte, ob ihr nicht vielleicht dies oder das tun wollt, wenn nicht, ist es natürlich auch okay, es handelt sich ja eher um Vorschläge, ihr könnt da ganz nach eurem Gewissen, euren Gewohnheiten oder Launen entscheiden. Sondern er sagte: Kehrt um! Tut Gottes Willen oder schmort auf ewig in der Hölle!
Die Nachfolger der Nachfolger Christi, die bischöflichen und priesterlichen Kleriker, aber auch die Laientheologen lassen in den allermeisten Fällen von dieser Klarheit und Schärfe nichts erkennen. Sie führen zwar mehr oder minder erbauliche Reden, aber wer soll davon auch nur ein Wort glauben, wenn dem keine Taten folgen? Es geht selbstverständlich nicht darum, dauernd mit der ewigen Verdammnis zu drohen, aber sehr wohl darum, im Denken, Sagen und sonstigen Handeln Recht und Unrecht zu unterscheiden und gegen das Unrecht mit gemeinschaftstiftenden Taten und nicht bloß mit unverbindlichen Worten vorzugehen.
Das Evangelium, das Christus verkündet und seinen Jüngern zur Verkündigung aufgetragen hat, ist radikal. Eine Kirche, die sich auf dieses Evangelium legitimerweise berufen will, muss darum auch radikal sein, nicht wischiwaschi, nicht angepasst, liberal, moderat, nachsichtig, wegschauend. Die Barmherzigkeit gilt dem Sünder, der Reue zeigt, nicht dem, der auf sein Leben abseits von Gott und Kirche auch noch stolz ist und mit seinen Verstößen gegen Gebote auch noch prahlt!
Fazit: Solange die Kirche sich nicht selbst ernst nimmt und endlich wieder Theorie und Praxis, Recht und Lebenswirklichkeit in Übereinstimmung bringt oder immerhin ehrlich zu bringen versucht, werden auch die meisten Menschen, innerhalb wie außerhalb ihrer Gemeinschaft, sie nicht ernst nehmen.
Es ist allerdings klar, warum die Kirche den toten Ballast, der ihren Leib beschwert und nahezu bewegungsunfähig macht, also die „Karteileichen“, nicht loszuwerden wagt. Aus seelsorgerischen Gründen und aus materiellen. Getauft sind die ungläubigen, aber nicht praktizierenden Katholiken ja, sie sündigen halt, was soll man da machen? Man soll das machen, was die Kirche von alters her gerade aus Sorge ums Seelenheil der Betroffenen getan hat: Den Sündern Kirchenstrafen auferlegen und sie ausschließen, bis diese verbüßt sind. Also keine Hochzeiten, Kindertaufen, Begräbnisse usw. für Menschen, die nicht regelmäßig die Messe besucht haben. Wer ostentativ nichts mit der Kirche zu tun haben will, dem muss die Kirche auch das dekorative Brimborium verweigern.
Würden nur noch die als Katholiken gezählt, die sich (sündig oder nicht) aktiv am kirchlichen Leben beteiligen, wäre allerdings die Katholikenzahl, vor allem in Europa, sehr viel geringer. Offensichtlich befürchtet die Kirchenführung, dann vom Staat weniger beachtet und unterstützt zu werden. Dort, wo zwangsweise „Kirchensteuern“ (Deutschland) oder „Kirchenbeiträge“ (Österreich) erhoben werden, geht’s auch ums Geld.
Tatsächlich könnte eine gesund geschrumpfte, nur noch aus Überzeugten und Teilnehmenden bestehende Kirche mühelos mit dem auskommen, was ihre Mitglieder ihr freiwillig überlassen. Vielleicht müssten allerdings einige betriebskostenintensive Gebäude aufgegeben werden. (In manchen Ländern sind die Kirchengebäude ohnehin schon verstaatlicht.) Na und? Es bedarf doch keiner prunkvollen Kathedrale, um Gott zu rühmen und zu loben; schon gar nicht, wenn sie längst mehr touristische als liturgische Besucher hat. Gott will, dass wir seinen Willen tun. Gold und Marmor sind ihm egal, die sind nur für die Menschen da, die sie zur größeren Ehre Gottes darbringen. Wenn deren Zahl aber zu gering ist, um Edelmetall und feine Mineralien finanzierbar machen, dann genügen notfalls auch Sack und Asche. Gott sieht ins Herz, nicht auf die Krawatte.

Sonntag, 17. März 2019

Kirche und „Reformen“

Wer der römisch-katholischen Kirche von Grund auf schaden will, pflege ich zu sagen, wird ihr die folgenden „Reformen“ vorschlagen: Abschaffung des verpflichten Zölibats der Weltpriester, Zulassung von Frauen zur Priesterweihe, mehr Macht und Einfluss von Laien, insbesondere von Frauen, Abschaffung oder Umdeutung des Ehesakraments, um Scheidung, Wiederverheiratung und vielleicht sogar die Homo-Ehe zu ermöglichen, Umbau der Moraltheologie, vor allem in Fragen der Sexualität (Zulassung von außerehelichem Koitus, Verhütung, Abtreibung), und überhaupt eine grundsätzliche Orientierung am jeweiligen Zeitgeist. Warum ich sicher bin, dass das der Kirche schaden würde? Der Vergleich macht mich sicher.
In der Bundesrepublik Deutschland ist der Anteil der Katholiken an der Gesamtbevölkerung in etwa gleich groß wie der der Protestanten. (Früher gab es weniger Katholiken als Protestanten, 2017 waren es 23,3 Mio. römische Katholiken und 21,5 Mio. Mitglieder von Teilorganisationen der sogenannten EKD und etwa eine halbe Million weitere Protestanten.) Katholische und „Evangelische“ leben also, wenn auch zum Teil regional verschieden verteilt, in ungefähr gleich Zahl unter denselben oder doch sehr ähnlichen Bedingungen. Die Wirkungen des Tuns und Lassens der einen kann also, eine religionssoziologisch einzigartige Situation, sehr gut mit den Wirkungen des Tuns und Lassens der anderen unmittelbar verglichen werden.
Nun haben die Protestanten, jedenfalls die der EKD, all das, was man als „Reformen“ für die katholische Kirche fordert: Keinen Zölibat, Pastorinnen, Mitsprache, ja synodales Übergewicht der Laien, Ehescheidung, moralischen Laxismus und das freudige Hängen der Meinungsfähnchen in den Wind des Zeitgeistes. Trotzdem werden die Protestanten immer weniger, ja es treten sogar mehr Menschen aus den EKD-„Kirchen“ aus (absolut und prozentual) als aus der katholischen, sogar dann, wenn man mal wieder ein „Missbrauchsskandal“ in den Medien lanciert wird.
Was man also der katholischen Kirche wieder und wieder und wieder als „Reformen“ andient, ist also offensichtlich nicht nur kein Erfolgsrezept, sondern im Gegenteil eine Garantie für Mitgliederschwund und gesellschaftliche Einflusslosigkeit.
Selbstverständlich wird diese offen zu Tage liegende Tatsache von den „reformwilligen“ Katholiken und Nichtkatholiken (über die katholische Kirche hat gern jeder eine Meinung) strikt ignoriert. Genauso, wie sie ignorieren, dass einige der angeblichen Probleme nur dort existieren, wo auch die angeblichen Lösungen herkommen: Europa und Nordamerika. Nur dort nämlich gibt es merkbaren Mitgliederschwund und Priestermangel. Weltweit wächst die katholische Kirche und auch die Zahl ihrer Priester. Was nicht heißt, dass es „genug“ Priester gibt, was immer das zu heißen hätte.
Tatsächlich ist es sehr die Frage, ob es auch nur in Europa, etwa in Deutschland, überhaupt wirklich einen „Priestermangel“ gibt. Ja, es stimmt, die absolute Zahl der Priester ist im und seit dem 20. Jahrhundert zurückgegangen. Zugleich aber ist auch die absolute Zahl der Katholiken zurück gegangen (1990 waren es 28,3 Mio., 1950 allerdings auch bloß 23,3). Vor allem aber ist die Zahl der Kirchgänger und der sich sonstwie am kirchlichen Leben Beteiligenden massiv zurückgegangen, wodurch — entgegen dem Bild, dass die öffentlichen Meinung vermittelt — das Verhältnis von Seelsorgern und (aktiven) Gläubigen zahlenmäßig sogar besser ist denn je!
Offensichtlich sind also nicht der Zölibat oder die Beschränkung des Priesteramtes auf Männer oder irgendwelche moraltheologischen Dogmen die Ursachen von Missständen. Den Pflichtzölibat gab es seit dem elften Jahrhundert, warum sollte er erst im 20. zu einem Mangel geführt haben? Frauen wurden von Anfang an nicht zu Priester geweiht und die Moraltheologie blieb über Jahrhunderte dieselbe (was nicht heißt, das jeder sich daran hielt …). Warum soll das plötzlich im 20. Jahrhundert zu Priestermangel und Mitgliederschwund geführt haben? Ist es nicht umgekehrt so, dass alles um die Kirche herum sich veränderte, nämlich immer kirchen- und religionsfeindlicher wurde? Das außerkirchliche Umfeld begünstigt weder die Wahl des zölibatären Priesterstandes noch die Einhaltung der kirchlichen Regeln durch die Masse der Gläubigen. Dass in einer Moderne, die den Menschen erklärt, dass Religion Privatsache oder Mumpitz sei, immer weniger Berufungen zum Priesteramt gehört und gelebt werden und überhaupt immer weniger Menschen wissen und fühlen, dass sie Gottes und der Kirche bedürfen, kann nicht verwundern.
Dass die Kirche der Moderne und ihrer mal aggressiven, mal indifferenten Religionsfeindlichkeit nichts als zunächst hilflose Abwehr und dann verfehlte und halbherzige Anpassung entgegenzusetzen hatte und hat, ist ihr eigentliches Problem. Denn mit all dem hier gegen bloß vermeintliche Probleme Vorgebrachten soll selbstverständlich nicht gesagt werden, die katholische Kirche habe keine echten Sorgen und Nöte und keine Missstände, die behoben werden sollten. Nur müssen die Lösungen ohne jeden Zweifel ganz andere sein als die oben aufgezählten kirchenhasserischen „Reformen“.
Zur Lage des Christentums in Deutschland, wenn dieses hier schon als Beispiel dient, gehört übrigens auch, dass „evangelikale“ (also protestantisch-fundamentalistische) und pfingstlerische Sekten boomen. Das gilt übrigens auch für Lateinamerika und Afrika. Je theologisch und politisch konservativer, je bibelfanatischer, je einpeitschender (nämlich sanges- und tanzlustiger), desto beliebter. Zwar haben manche dieser Sekten auch weibliche Predigerinnen, aber ansonsten ist ihr Weltbild im Vergleich zu dem der Katholiken absolut rückschrittlich und menschenfeindlich. Immer mehr Menschen wenden sich dem zu.
Auf der anderen Seite begann der Verfall der katholischen Kirche (Abnahme des gesellschaftlichen Einflusses, Schwund der Kirchgänger, Kirchenaustritte) gerade zu der Zeit, als diese sich rechtlich, theologisch und liturgisch in der Folge des Zweiten Vatikanischen Konzils ruckartig „reformierte“. Gottesdienste in der Landessprache und Änderung der Zelebrationsrichtung „hin zum Volk“ zum Beispiel fanden für immer weniger und weniger Teilnehmer an den Sonntagsgottesdiensten statt. Ich sage nicht: Das eine ist die Ursache, das andere ist die Wirkung. Ich halte nur fest: Das real existierende aggiornamento, also die faktische oder immerhin versuchte Modernisierung in Form und Inhalt, hat, jedenfalls in den reichen Industriegesellschaften, die katholische Kirche nicht gestärkt, sondern geschwächt. Den einen ging sie nicht weit genug, den anderen zu weit, den dritten war und ist sie egal (weil ihnen die Kirche als solche nichts bedeutet).
Es ist hier nicht der Ort, um aus dem Erstarken gewisser protestantischer Sekten und der Schwäche der katholischen Kirche im Zuge ihres selbstverschuldeten Modernisierungsversuchs weitreichende Schlüsse zu ziehen. Aber man sollte die tatsächlichen, nicht die bloß eingebildeten Gegebenheiten bedenken. Und auf jeden Fall gilt: Den Katholizismus in einen laschen Protestantismus à la EKD zu verwandeln, ist keine Lösung, sonder verurteilte die Kirche endgültig zu einer Zombie-Existenz — innerlich und äußerlich tot, aber immer noch auf Erden wandelnd.

Sonntag, 10. März 2019

Gottes Plan?

Ich mag die Rede von „Gottes Plan“ nicht. Menschen machen Pläne. Sie nehmen sich etwas vor, legen sich in Gedanken etwas zurecht, bemühen sich um die Mittel, warten auf die Gelegenheit und versuchen dann, umzusetzen, was sie sich vorgenommen haben. Pläne von Menschen können scheitern oder gelingen. Gotte Tun und Lassen aber ist anders. Gott plant nicht. Gott ist ewig und unveränderlich. Sein Handeln ist nicht der Zeit unterworfen. Er nimmt sich nicht zu einem Zeitpunkt X etwas vor, das er zum Zeitpunkt Y dann umsetzt (oder auch nicht). Was Gott will, will er „vor aller Zeit“ und also „immer schon“. Was er tut, tut er „vor aller Zeit“ und also „immer schon“. Gott ist vollkommen frei. Bei ihm ist alles möglich. Den Unterschied von Vorhaben und Verwirklichung und erst recht die Möglichkeit des Scheiterns gibt es bei ihm nicht.
Es stimmt, die biblischen Erzählungen zeichnen da mitunter ein anderes Bild. Da kann es schon mal passieren, dass Gott etwas tut und es später bereut, dass er etwas tun will und sich davon abbringen lässt. Diese Darstellungen sind menschlich verständlich, aber theologisch falsch. Gott ändert seine Meinung nicht und bekommt immer, was er will.
Menschen hingegen sind der Zeit unterworfen. Und damit findet auch ihr Verhalten zu Gott in der Zeit statt. Ihr Verhältnis zu Gottes Willen verändert sich. Auch wenn sie sich bemühen, ihn zu erkennen und ihm gemäß zu handeln, gelingt ihnen das nicht immer. Diese Abfolge von Absicht und Tat, Sünde und Vergebung, Gnade und Umkehr, Verworfenheit und Seligkeit, so die Hoffnung der Gläubigen, dieses Durcheinander von Ereignissen und Zuständen kann letztlich nicht zufällig, sondern muss im Ganzen sinnvoll sein. Der gute und barmherzige Gott spielt nicht mit den Menschen ein grausames Spiel, sondern er sorgt dafür, dass alles gut ausgeht. Darum sagen manche: „Gott hat einen Plan.“
Die Rede von Gottes Plan scheint zu meinen, dass Gott etwas ganz Bestimmtes vorhat und der Mensch sich diesem Vorhaben anschließen kann oder nicht (mit den entsprechenden Folgen). Sie scheint zu betonen, dass die Erfüllung von Gottes Willen noch aussteht, dass die Menschen nicht immer wissen, worauf alles hinausläuft, dass aber Gott letztlich dafür sorgt, dass alles ineinandergreift und Sinn macht.
Das alles ist nicht völlig falsch. Gott will etwas von jedem einzelnen Menschen. Diesem ist nicht immer klar, was das ist. Und selbst wenn es ihm klar ist, handelt er nicht immer danach. Doch bis zum Ende ist immer noch Hoffnung und die Möglichkeit der Umkehr. Die Gnade ist immer da und steht dem Menschen immer zur Verfügung, wenn er sich für sie entscheidet. Letztlich wird das Gute den Sieg davontragen über das Nichts.
Das kann auch gar nicht anders sein. Denn Gott ist allmächtig; das meint aber nicht eine ins Riesige gesteigerte Macht nach der Art menschlicher Macht. Allmacht meint: Gott ist Schöpfer und Erhalter der Welt. Alles Dasein stammt von ihm und was geschieht, geschieht, weil er es geschehen lässt. Das heißt nicht, dass alles, was zu sein und zu geschehen scheint, Gottes Willen entspricht. Was Gottes Willen zuwiderläuft, geschieht in der Zeit, aber ist in Ewigkeit nichtig. Das Böse ist nicht ein Seiendes, das nicht gut ist, sondern im Grunde nicht Seiendes, also nichts. Das, was nicht sein soll, ist grundlos, nur das, was sein soll, ist in vollem Sinne wahr und wirklich. Der Mensch hat also streng genommen nicht die Wahl zwischen zwei Optionen: dem Guten und dem Bösen, sondern nur zwischen Sein und Nichts. Nur indem er Gottes Willen tut, ist der Mensch frei, sonst ist er ein Knecht der Sünde. Nur indem er seine Wahlfreiheit nutzt, um das Gute zu wollen, wählt er richtig, ansonsten wählt er Unfreiheit, Unwahrheit, Nichts.
Der Mensch ist frei, seine Freiheit zu wählen. Nur er selbst (und die Last der Sünde) kann dem entgegenstehen, nicht Gott. Gott liebt jeden einzelnen Menschen. Er hat ihn zur Freiheit berufen und will nur das Beste für ihn. Darum gibt es keinen Widerspruch zwischen Gottes Willen und dem, was der Mensch will, wenn er frei ist, das Beste für sich und alle anderen zu wollen. Genau das meint „Gottes Herrschaft“. Und weil diese nicht zufällig ist, sondern notwendig, wird sie kommen. Sie ist der Schöpfung schon vorausgesetzt und wird am Ende der Zeiten ohne Widerspruch erfüllt sein.
Die Notwendigkeit der Herrschaft Gottes erübrigt jeden „Plan“. Plan und Realität sind bei Gott von vornherein dasselbe. Darum erübrigt sich auch die Rede von „Gottes Plan“, weil Gottes Wille schon hier und jetzt verwirklicht ist. Der Mensch muss „nur noch“ in diese Wirklichkeit eintreten …

Mittwoch, 6. März 2019

Politischer Aschermittwoch

Das Christentum und seine „Werte“ als traditionelles Fundament des Abendlandes? Wirklich? Seit Jahrhunderten ist der Aschermittwoch in der westlichen Kirche der Beginn der vorösterlichen Fastenzeit, ein Tag des Verzichts, der Einkehr und der Buße, eine Gelegenheit, im stillen Kämmerlein über die eigene Unzulänglichkeit und Endlichkeit nachzudenken. „Mensch, bedenke, du bist Staub und kehrest zum Staube zurück“. Und was geschieht stattdessen? Zu Bier und Schweinsbraten versammeln sie sich, um grunzend und johlend dem zuzustimmen, was vom Rednerpult an Gemeinheiten über den politischen Gegner ausgeschüttet wird. Antichristlicher geht’s nicht.

Freitag, 30. März 2018

Unterwegs (2)

Eigentlich hätte ich den drei jungen Männern (mutmaßlich vom indischen Subkontinent) in der Nähe des Stephansplatzes gern gesagt: "This is Europe! Respect our values! Free your ankles!" Hosenbeine bis zum Schuh bei 14 Grad Celsius, wo gibt’s denn sowas!

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Beim Ostermarkt am Hof gibt es einen Stand namens Käseparadies. Wenn das das Paradies ist, möchte ich nicht wissen, wie die Käsehölle riecht.


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Schade, dass die Menschen keinen Bezug zu Karfreitagsritualen mehr haben. Vielleicht würden ihnen sonst heute Fleisch, Wurst, Schinken und Speck noch besser schmecken.

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Wie intolerant von mir. Am Nebentisch bestellt jemand einen Cappuccino mit Sojamilch, und ich bin genervt.


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An mir ist es, andere zu nerven. Ich gebe Kellnern nach der Teebestellung eine Sanduhr mit, und wenn der Tee lange genug gezogen hat, presse ich den Teefilter mit meiner Teebeutelzange aus … Ha!

Freitag, 14. April 2017

Gegen eine Verharmlosung des Christentums

Christentum muss weh tun. Nämlich den Christen und auch den Nichtchristen. Ein Christentum, das nicht weh tut, ist keines. Was nichts kostet, ist auch nichts wert, und für die Nachfolge Christi ist unbedingt das ganze Leben daranzugeben. Gelegenheits- und Teilzeitchristentum zählt einfach nicht. Der Preis ist das Ganze. Ganz oder gar nicht, das ganze Leben bis zum Tod und darüber hinaus. Wer Christ sein will, muss deswegen nicht unbedingt sterben, aber er muss dazu bereit sein. Er braucht den Tod nicht zu fürchten. Vor allem aber soll er leben, voll und ganz leben für Christus, mit Christus und in Christus. Das ist ein unerhörter Anspruch. Christentum ist nämlich keine harmlose Sache. Es ist autoritär, totalitär, revolutionär, radikal und extremistisch.
Das Christentum ist autoritär, denn was Jesus Christus sagt, gilt, jetzt und für immer. Sein Evangelium ist Richtschnur für das Denken, Reden und Handeln. Es ist unveränderlich und unfehlbar. Der Christ soll nicht mehr dies und das wollen, was ihm halt so einfällt, sondern nur noch, was Gott will. Sein ganzes Tun und Lassen soll er am Willen Gottes ausrichten und sich in allem, wirklich in allem Gott unterordnen.
Das Christentum ist totalitär, denn es betrifft alles und jeden. Es lässt keine Ausreden gelten und gestattet keine Ausnahmen. Es fordert alles und duldet keinen Widerspruch. Es gilt immer und überall, Tag und Nacht, Jahr für Jahr, lückenlos und ohne irgendeinen Freiraum. Christ ist man ganz oder gar nicht. Ein bisschen Christ sein gibt es so wenig wie ein bisschen schwanger sein.
Das Christentum ist revolutionär, denn Jesus Christus fordert zur Umkehr auf. Das heißt, dass alles anders werden muss, dass jeder Einzelne anders werden muss, nämlich frei von Sünde. Das Evangelium fordert einen neuen Menschen und erfordert darum den Tod des alten. Um Christus nachzufolgen, muss man umkehren, sich von der Sünde abwenden und Gott zuwenden. Man muss sich von den hinderlichen Bindungen an diese Welt lossagen und frei werden für das ewige Leben. Das ist die größte Umwälzung von allen.
Das Christentum ist radikal, denn es will von Grund auf einen besseren Menschen, einen, der Gutes tut und Böses lässt, und damit von Grund auf bessere Verhältnisse. Das Übel soll an der Wurzel gepackt und ausgerottet werden. Es geht nicht um äußere Formen, um so ein bisschen Frömmigkeit obenhin, sondern um ein Leben nach Gottes Wort durch und durch. Alles soll von Grund auf gut werden, jeder einzelne Mensch ein Heiliger, alle zusammen eine Gemeinschaft von Heiligen.
Das Christentum ist extremistisch, denn es gibt sich nicht mit halben Sachen zufrieden. Es verlangt nach dem ganzen Menschen, nach seinem ganzen Leben, nach seiner vollen, bedingungslosen Hingabe. Der Christ soll bis zum Äußersten gehen. Den Willen Gottes zu tun ist der Extremfall, der gemäß dem Evangelium zum Normalfall werden soll. Die herrschende Normalität, das Mittelmaß, die Lauheit, das nicht ganz böse, aber auch nicht ganz gut Sein, steht dem Christentum im Wege und muss mit allen Mitteln bekämpft werden. Kompromisse sind Komplizenschaften. Die Wahrheit gilt unbedingt. Jede Einschränkung, Abschwächung, Weglassung verrät sie an die Lüge. Es gilt, das Gute zu tun und das Böse zu lassen, alles andere ist Sünde.
Die Sünde stammt nicht von Gott. Die Sünde macht unfrei, Gott aber will die Freiheit jedes einzelnen Menschen. Die Menschen jedoch haben sich und einander zu Knechten der Sünde gemacht. Alle Schlechtigkeit der Welt erwächst aus dem Tun und Lassen der Menschen. Sie müssen ihr Tun und Lassen von Grund auf und nachhaltig ändern, damit etwas besser werden kann. Aber das vermögen sie nicht aus eigener Kraft. Sie brauchen Christus. Nur durch ihn, mit ihm und in ihm kann alles vollendet werden.
Am Ende wird alles gut. Bis dahin ist alles mehr oder minder schlecht außer Gott und das, was von Gott stammt. Nur wenn sie sich ganz Gott überlassen, können die Menschen der Sünde entkommen und in Gottes Herrlichkeit eingehen. Ohne die Gnade Gottes sind die Menschen nichts, ihr Treiben ist nichtig und böse. Die Gnade Gottes aber hilft der Schwachheit auf, sie führt zur Vergebung der Sünden und zur ewigen Seligkeit.
Christentum ist Einspruch gegen die Schlechtigkeit der Welt. Damit dieser Einspruch sinnvoll ist, muss er so vorgebracht werden, dass die Welt ihn sich nicht gefallen lassen kann. Ein Christ, der nicht von der Welt verfolgt wird, hat sich nicht entschieden genug gegen die Welt gewandt.
Christ sein heißt, der Welt eine Absage zu erteilen. Christen dürfen nicht so wie die Welt sein wollen. Sie dürfen nicht wollen, was die unter der Herrschaft der Sünde stehende Welt will. Sie müssen der Welt widersprechen. Diesen Widerspruch am eigenen Leibe zu erfahren, bedeutet zu leiden.
Darum ist Leiden nichts Schlechtes. Wer leidet, hat Anteil am Guten, das dem Bösen und dem das Böse widerspricht. Vieles ist nicht so, wie es sein sollte. Das Gute ist das, was sein soll, das Böse soll nicht sein. Trotzdem geschieht es, und dieser Widerspruch widerfährt den Menschen als Leiden. Niemand soll sich oder anderen unnötigerweise Leid zufügen. Wer kann, soll das Leid anderer und das eigene lindern und beseitigen. Leiden ist kein Selbstzweck. Es zeigt an, dass etwas nicht in Ordnung ist. Man braucht das Leiden also nicht zu suchen, aber man darf ihm auch nicht ausweichen, wenn das hieße, die Wahrheit zu verraten. Nicht jedes Leiden ist sofort oder überhaupt je verständlich und ergibt einen erkennbaren Sinn. Gleichwohl ist es, wenn es unvermeidbar ist, anzunehmen. Gottes Sohn hat für uns gelitten. Wer um Christi willen leidet, wer sein Leiden Gott aufopfert, wird Anteil haben an der Herrlichkeit dessen, der den Tod überwunden hat.
Nur der, der ganz Gott und ganz Mensch war, konnte durch seinen Tod und seine Auferstehung die Herrschaft der Sünde brechen und Gott und Menschen versöhnen. Durch sein Opfer sind die Menschen ein für alle Mal freigekauft (erlöst) von der Sünde. Das heißt nicht, dass seither niemand mehr sündigt. Auch nicht, dass niemand mehr leidet. Aber es heißt, dass die Sünde, wenn der Sünder sich von ihr ab- und dem Erlöser zuwendet, vergeben wird und dass an die Stelle der unvermeidliche Folge der Sünde, also des Todes und der ewige Qual der Gottesferne (Hölle), das ewige Leben und die Seligkeit der Schau von Gottes Herrlichkeit tritt.

Sonntag, 9. April 2017

Anmerkung zu „Aschermittwoch" (6)

Selbstverständlich habe ich Feinde. Jeder, der den Willen Gottes nicht tut, ist mein Feind. Er schadet sich und allen anderen, also auch mir. Wer zu Ausbeutung, Verblödung und Zerstörung beiträgt, ist mein Feind. Selbstverständlich bete ich für meine Feinde. Ich bete dafür, dass sie umkehren mögen. Ich habe aber wenig Hoffnung, dass sie es tun, und glaube nicht daran. Aber wenn sie es nicht tun, wird die Geschichte nicht gut aussgehen. Eine Geschichte sei dann zu Ende erzählt, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen habe, heißt es bei Dürrenmatt. Das nehme ich als geschichtsphilosophische These: Am Ende steht die Katastrophe, und wenn es nicht die totale Katastrophe ist, ist es nicht das wirkliche Ende. Dieses Ende muss und wird kommen. Es wird fürchterlich sein, womöglich auch fürchterlich banal, wie es das Böse im Grunde in seiner Grundlosigkeit immer ist. Es besteht zwar keine historische Notwendigkeit, dass alles übel ausgeht, aber die Erfahrung lehrt, dass es doch eher wahrscheinlich ist, dass die Menschen nicht umkehren, sich nicht der Gnade Gottes überlassen, nicht mit aller Kraft das Gute tun und das Böse unterlassen wollen. Eine gerechte und wohlhabende Gesellschaft, ein Zusammenleben ohne Unterdrückung und mit allseitiger Förderung von jedem durch alle wäre möglich, denn es gibt keinen Grund, warum sie unmöglich sein soll. Aber sie wird, in globalem Maßstab, sehr wahrscheinlich nicht zu Stande kommen. Allzu stark sind die Kräfte der Gier, der Selbstsucht, der Eifersucht, der Rachsucht, der Süchtigkeit überhaupt, der Eitelkeit, der Feigheit, all der Neigungen zum Bösen, zur Abwendung von Gott und dem Nächsten, die unser Zusammenleben bestimmen. Und allzu schwach sind wir, wenn wir uns nicht auf Gott stützen, und oft selbst dann, wenn wir vorgeben, das zu tun. Aus eigener Kraft, ohne die Gnade Gottes, vermag der Mensch nichts Gutes zu tun. Dies ist aber kein Mangel, als wäre der Mensch von Natur aus defekt, sondern selbst bereits ein Gnadenerweis: Gott hat den Menschen so geschaffen, dass er durch Gottes Gnade fähig ist, das Gute zu tun und das Böse zu lassen. Alles, was der Mensch dabei tun muss, ist, sich der Gnade nicht in den Weg zu stellen. So wie die Sonne auch dann scheint, wenn man ihr den Rücken zukehrt, ist Gottes liebende Zuwendung zum Menschen auch dann da, wenn der Mensch sich von Gott abwendet. Sich Gott zuzuwenden und seine Gnade ungehindert wirken zu lassen, darauf kommt es an. Weil ich darin nur zu oft versage, bin ich mein eigener Feind. Auch für diesen Feind bete ich.

Sonntag, 2. April 2017

Anmerkung zu „Aschermittwoch“ (5)

Selbstverständlich darf Gott keine Ausrede sein. Kein Lückenbüßer für das eigene Versagen, die Welt zu erklären und mit Schlechten und Unangenehmen im Leben zurechtzukommen. Gott darf nicht missbraucht werden zur Beruhigung, Ablenkung, Verwirrung. Gewiss kommt es darauf an, Gott zu vertrauen. Aber das ist ein Aufruf zum Handeln, nicht dazu, sich bequem zurückzulehnen und zu sagen: Der Herrgott wird’s schon richten. Ja, Gott wird am Ende der Zeiten alles vollenden, aber er wird dabei Gericht halten über jeden einzelnen von uns und darüber, was wir getan und was wir gelassen haben. Dabei wird es nichts zählen, dass wir doch diese oder jene Überzeugung hatten und uns als gute Menschen fühlten, uns womöglich sogar Christen nannten. „Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern nur, wer den Willen meines Vaters im Himmel erfüllt. Viele werden an jenem Tag“ — dem Tag des Gerichtes — „zu mir sagen: Herr, Herr, sind wir nicht in deinem Namen als Propheten aufgetreten und haben wir nicht mit deinem Namen Dämonen ausgetrieben und mit deinem Namen viele Wunder vollbracht? Dann werde ich ihnen antworten: Ich kenne euch nicht. Weg von mir, ihr Übertreter des Gesetzes!“ (Mt 7,21 ff.) Stattdessen gilt: „Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist. Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen. (…) Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25,341b-36.40b) Es gibt vieles, das wir Gott überlassen müssen. Wir brauchen auch nicht alles zu wissen. Manches bleibt eine Herausforderung an den Glauben. Aber was wir tun können, müssen wir tun. Daran werden wir gemessen.

Sonntag, 26. März 2017

Anmerkung zu „Aschermittwoch“ (4)

Bemerkenswert ist wohl auch, dass die Formulierung der Goldenen Regel, wie Jesus sie im Evangelium nach Matthäus (7,12: „Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen!“) und nach Lukas (6,31: „Was ihr von anderen erwartet, das tut ebenso auch ihnen.“) gibt, positiv ist und nicht negativ wie im bekannten deutschen Reim: Was du nicht willst, dass man dir tut, das füg auch keinem andern zu. Diese Positivität impliziert meinem Verständnis nach eine anthropologische These über den fundamental sozialen Charakter der Extistenz. Es ist eben nicht primär so, dass die Freiheit des einen durch die Freiheit des anderen begrenz wäre (wie es etwa der Liberalismus lehrt), sondern die Freiheit des einen ermöglicht die Freiheit des anderen. Anders gesagt: Es geht vor allem darum, dass die Menschen für einander da sind und ihr Tun und Lassen das Sein aller betrifft. (Dasein im doppeltenaber dabei der Sache nach durchaus verschränkten Sinne verstanden: als existierend angenommen werden und für einander sorgen.) Man ist ja, wie ich zu sagen pflege, immer in Gesellschaft. Das ist in vielfältiger Hinsicht Voraussetzung des eigenen Daseins, und unvermeidbarerweise wirkt dabei das Verhalten aller Einzelnen auf jeden Einzelnen zurück, der seinerseits, ob er will oder nicht, das Verhalten aller auf seine Weise und im Rahmen seiner Möglichkeiten mitbestimmt. Konsequenterweise wendet sich Jesu Formulierung der Goldenen Regel nicht an diesen oder jenen einen Einzelnen, sondern an alle, an die Gemeinschat aller, die Gottes Willen tun wollen. Egoismus und Ethik schließen einander aus. Ethik ist immer Sozialethik, denn niemand handelt, ohne dass er in Gesellschaft wäre. Auch die Sorge um sich, die jeden in unterschiedlichem Maße und verschiedenen Formen umtreibt, ist eingebettet in die Sorge anderer und für andere. Handeln freilich muss der Einzelne, Kollektive handeln nicht, was als ihr „Handeln“ erscheint, ist zusammengesetzt aus einzelnen Akten Einzelner. Darum sind moralische Appelle immer auch an den Einzelnen zu richten, ohne dass dieser deswegen als isoliertes Subjekt, als souveräner Herr des Verfahrens zu gälten hätte, im Gegenteil.

Sonntag, 19. März 2017

Anmerkung zu „Aschermittwoch“ (3)

Ich habe auf die Goldene Regel verwiesen. Bei dieser geht es nicht um Reziprozität. Weder konditional („Wenn du so und so handelst, werde ich so und so handeln“) noch kausal („Weil du so und so handelst, handle ich so und so“). Sondern es geht darum, gleichsam vom anderen her zu denken: Wenn ich an deiner Stelle wäre, wie möchte ich von dir behandelt werden? Nun kann man einwenden, dass es doch Menschen gibt, die misshandelt, ausgebeutet, missachtet werden wollen. Wenn also einer sagt: Ich möchte von dir schlecht behandelt werden, also darf ich dich schlecht behandeln — befolgt der nicht auch die Goldene Regel? Nein, denn wer sich selbst nicht achtet, kann den anderen nicht achten und darum nicht wirklich vom anderen her denken. Wer die eigene Freiheit nicht will, kann nicht frei wollen. Ohne freien Willen und ohne Achtung vor dem anderen ist aber die Anwendung der Goldenen Regel ebenso wenig sinnvoll möglich wie ohne Vernunftgebrauch. Die Goldene Regel, die der Kern jeder Ethik ist, setzt sozusagen einen unbeschädigten Menschen voraus, der sich und anderen keinen Schaden zufügen will. Setzt ihn jedenfalls insoweit voraus, als er die Regel frei, vernünftig und achtsam anwenden können muss. Wenn also jemand, aus welchen Gründen auch immer, ethische Regeln nicht verstehen oder befolgen kann, spricht das nicht gegen diese Regeln.

Sonntag, 12. März 2017

Anmerkung zu „Aschermittwoch“ (2)

Ich habe behauptet, dass das, was Gott will, und das, was der Mensch will, dasselbe ist. Nun ist es ja aber tatsächlich nachweislich so, dass Menschen oft anders wollen als Gott. Man nennt das Sünde. Tatsache ist auch, dass die Menschen das, was sie nicht wollen sollen, unter Bedingungen wollen, die sie zur Sünde verführen. Aber das hebt den freien Willen nicht auf, sondern erschwert nur den Vollzug seiner Freiheit. Wirklicher Wille ist freier Wille. Paradox gesagt: Nur unter der Bedingung der Unbedingtheit — die er aus eigener Kraft nie erreicht, nach der er aber mit aller Kraft streben muss — ist der Mensch frei. Frei, zu wollen, was er will. Das Problem dabei ist, dass diese Freiheit nur wirklich ist, wenn sie nicht zur Unfreiheit missbraucht wird. Sünde ist Unfreiheit. Der unbedingte, also freie Wille des Menschen will die Unbedingtheit und Freiheit seines Wollens. Will der frei Wollende hingegen seine Unfreiheit, dann will er, was er nicht will, dann will er absurderweise unfrei wollen. Diesen Widerspruch kann er allerdings nicht dem anlasten, der ihn mit freiem Willen begabt hat. Es ist seine eigene Sünde. Um also frei zu wollen, muss der Mensch versuchen, sich von der Bedingtheit seines Wollens frei zu machen, die ihn an die Sünde bindet, muss versuchen, das Gute zu wollen, nicht das Böse, die Freiheit, nicht die Unfreiheit. Das Wollen und Tun des Bösen, die Sünde, ist, wie gesagt, Unfreiheit. Gottes Willen zu tun, ist Freiheit. Denn nur Gott will nie und unter keinem Umständen das Falsche. Darum will, wer das will, was Gott will, das Beste für sich und alle anderen.

Sonntag, 5. März 2017

Anmerkung zu „Aschermittwoch“ (1)


Ich habe geschrieben: „Was wir tun und was wir lassen, das sind, alles in allem genommen, die Verhältnisse, in den wir leben.“ Wenn nun der Einzelne sein Verhalten ändert, indem er Gutes tut und Böses lässt, so ändern sich zwar die Verhältnisse, aber das bedeutet nicht, dass daraufhin alles gut wird, und wäre es nur für den Einzelnen. Im Gegenteil: „Was alle angeht, können auch nur alle lösen. Jeder Versuch eines einzelnen, für sich zu lösen, was alle angeht, muss scheitern.“ (Dürrenmatt) Die Verhältnisse sind bekanntlich kompliziert. Eine einzelne Verhaltensveränderung ändert zwar das Ganze, aber das muss weder unmittelbar merkbar sein noch in eine gewünschte Richtung gehen. Man kennt das Bild von Flügelschlag des Schmetterlings, der über unüberschaubare Vermittlung einen Wirbelsturm auslöst. Das Verhalten jedes Einzelnen trägt also zwar zu den Verhältnissen bei, aber die Wirkung dieses Beitrags auf das Ganze ist für endliche Wesen nicht vorhersehbar. Denn es ist eben das Verhalten wirklich jedes Einzelnen, aus dem die wirklichen Verhältnisse bestehen. Heißt das nun, dass der Einzelne nichts für sich bewirken kann und darum nichts an sich verändern soll? Nein, denn das Richtige zu tun und das Falsche zu lassen, ist immer richtig. Der Einzelne braucht nicht zu beanspruchen, die Welt zu verändern (auch nicht im Zusammenschluss mit anderen), die braucht das nicht, sie ändert sich sowieso dauernd. Nicht bloße Veränderung ist also das Entscheidende, sondern um Veränderung zum Besseren. Was aber der Einzelne auf jeden Fall zum Besseren verändern kann und soll, ist sein eigenes Verhalten (gern auch im Zusammenschluss mit anderen). Hier kann und wird er wirken. Ob das zu seinen Lebzeiten oder überhaupt je die Verhältnisse im Ganzen verbessert, muss ihn nicht kümmern. Die einzig wahre Weltrevolution ist die Revolution der des Verhaltens der Einzelnen. Wenn jeder Gutes tut und Böses lässt, ist alles in Ordnung. Aber das ist nicht der Fall, und was du tust und lässt, muss darum möglichst unabhängig davon geschehen. Die Revolution bist du selbst, oder es wird keine Revolution geben.

Mittwoch, 1. März 2017

Aschermittwoch

Alles könnte so schön sein. Und auch gut werden. Aber die Wahrscheinlichkeit ist eher gering. Es liegt an uns. An jedem Einzelnen und allen zusammen. Was wir tun und was wir lassen, das sind, alles in allem genommen, die Verhältnisse, in denen wir leben. Und diese Verhältnisse bestimmen mit, was wir tun und was wir lassen. Ein Teufelskreis. Denn die Verhältnisse, wer wüsste es nicht, die sind nicht gut.
Dabei wäre alles ganz einfach. Das Gute tun und das Böse lassen. Um mehr geht’s eigentlich gar nicht. Das wär’s schon. Das läge im ureigensten Interesse jedes Einzelnen und aller zusammen. Wer andere behandelt, wie er selbst von anderen behandelt werden will (Goldene Regel), macht nichts verkehrt. Den Hungernden und Dürstenden zu essen und zu trinken geben, die Nackten kleiden, die Fremden hereinlassen und unterbringen, den Einsamen, Kranken, Gefangenen beistehen. Überhaupt: Sich um die Kümmern, um die man sich kümmern kann. Mehr ist es gar nicht. Anstand. Rücksicht. Wohlwollen. Demut.
Stattdessen passiert das: Wir wollen haben, haben, haben. Dinge. Aufmerksamkeit. Macht. Lauter dummes Zeug also. Auf Kosten der anderen, unvermeidlicherweise. Das kann nicht gut gehen.
Jeder ist mehr oder minder erbärmlich. Nur sehr wenige bleiben nicht hinter ihren Möglichkeiten zurück. Die meisten bei weitem. Auch ich. Daraus folgt: Du musst dein Leben ändern. Irgendwas ist grundverkehrt, also muss da was grundsätzlich anders werden.
Etwas aus sich zu machen, heißt nicht, eine Stellung in der Welt einzunehmen. Sich einzurichten im Unrecht und es sich bequem zu machen im Vergänglichen. Denn wozu? Nichts bleibt. Das letzte Hemd hat keine Taschen. Auch nicht für Siegerurkunden. Erst recht nicht fürs Sparbuch. Was man Diesseits nennt, wird eines Tages nicht alles gewesen sein können, spätestens nämlich, wenn das letzte Stündlein schlägt. Wenn dann mehr nicht ist, als das, was halt so war, ist alles nicht. Wenn aber noch was kommt, geht es schon jetzt um ganz etwas anderes.
Eine Pointe der Theologie ist ja, dass das, was Gott will, dasselbe ist, wie das, was jeder selber wollte, wenn er sich durchschaute und alles überblickte. Gott will das Beste für jeden. Wer auch das Beste für jeden will und danach handelt, tut also Gottes Willen. So einfach ist das. Es könnte so schön sein. Und alles würde gut.
Von selbst aber wird das nicht passieren. Es gibt nichts Gutes, sagt Kästner, außer man tut es. Allerdings gibt es eben auch Gott, den vollkommen Guten, und weil der, wie man so sagt, allmächtig ist, wird am Ende doch wohl das geschehen sein, was er will.

Sonntag, 9. März 2014

„I’m gonna tell God everything“

Ende vorigen Jahres tauchte im Internet das Bild eines blutüberströmten weinenden Jungen auf. Bei dem Dreijährige, so informierten Bildunterschriften und Kommentare, handle es sich um ein Opfer des syrischen Bürgerkrieges, das bald nach der Aufnahme seinen Verletzungen erlegen sei. Seine letzten Worte, heißt es, seien gewesen: „Ich werde Gott alles sagen!“
Wem das nicht das Herz zerreißt, der hat keines.
Dabei ist es völlig gleichgültig, ob die Geschichte stimmt. Es genügt, dass man sich vorstellen kann, dass sie wahr ist. Ein Kind in höchster Not, voller Schmerzen und Todesangst, ist sich völlig sicher, dass es, wenn es tot sein wird, bei Gott sein wird, und dann wird es die ganze Welt wegen ihrer Schlechtigkeit anklagen.
Herzzerreißend.
Gott werde den Tod des kleinen Jungen rächen, meinen manche, die das Foto im Netz kommentiert haben. Aber führt Vergeltung zu Gerechtigkeit? Neues Leid, und sei es die Höllenpein der Verdammten, hebt altes Leid nicht auf. Es muss noch etwas anderes geben als Rache und den Wunsch danach. Der Satz des kleinen Jungen verlangt nach mehr.
Viele Menschen nehmen die Tatsache, dass es Leid in der Welt gibt, zum Anlass, das Dasein Gottes zu bezweifeln oder zu bestreiten. Wie kann ein Gott, so fragen sie, der angeblich gut und allmächtig ist, all das Böse zulassen, das Menschen widerfährt?
Mir geht es gerade umgekehrt. Gerade die unbestreitbare Tatsache, dass es Leid gibt, spricht für mich für die Notwendigkeit Gottes, dafür, dass er vollkommen gut und dass bei ihm nichts unmöglich ist.
Was Gott zulässt, ist der freie Wille des Menschen. Im Rahmen unserer Möglichkeiten (die allerdings beschränkt sein können), können wir uns für oder gegen etwas entscheiden, können handeln, wie wir wollen. Handlungen haben aber Folgen. Sorgte Gott dafür, dass menschliches Handeln folgenlos bliebe, schaffte er damit die Wirklichkeit und letztlich den freien Willen des Menschen ab. Wenn es gleichgültig wäre, wie wir uns entscheiden, weil immer nur Gutes dabei herauskommen kann, wären unsere Entscheidungen sinnlos. Gott will aber, dass die Menschen das Gute wählen. Unerfreulicherweise nützen sie allerdings ihre Freiheit oft widmungswidrig zum Bösen.
Die Folgen sind bekannt. Nicht nur unsere eigenen Handlungen jedoch, sondern auch die Handlungen anderer haben für uns Folgen. Zwar gibt es gewiss viel Gutes, das man uns tut, doch sind wir immer auch in die Sünden anderer verstrickt und verstricken andere in unser eigenes böses Tun. Und darum, und nicht weil Gott versagt hätte, ist die Welt, wie sie ist.
Zu Recht also klagt der sterbende kleine Junge uns vor dem Richterstuhl Gottes an. Wir alle, jeder auf seine Weise, sind mitschuldig an seinem Leiden und seinem Tod und an dem Leiden und Sterben so vieler anderer. Wie kommen wir aus dieser Schuld heraus? Wer bewahrt uns vor den bösen Folgen unserer Handlungen? Können wir uns selbst aus der Verstrickung in die Schlechtigkeit der Welt befreien?
Und gesetzt selbst, wir würden umkehren, unser Leben völlig umkrempeln und nicht nur bessere, sondern sogar vollkommen gute Menschen werden; gesetzt auch, es gelänge — was ich mir wünsche, woran ich aber nicht glaube — das Zusammenleben der Menschen in Zukunft so zu gestalten, dass niemandem mehr Unrecht zugefügt wird; gesetzt also, die Welt würde irgendwann zu einem fortan besseren Ort, so bliebe eben doch die Tatsache, dass es einmal Unrecht und Schlechtigkeit gegeben hat.
Selbst wenn also jeder, der lebt, glücklich ist, weder Demütigung noch Schmerz, weder Ausbeutung noch Einsamkeit, weder Krankheit noch — was ich mir nicht vorstellen kann und auch nicht für wünschbar halte — den Tod kennt, so bliebe doch die unbestreitbare Tatsache, dass Menschen gelitten haben und gestorben sind.
Kann man sich damit abfinden? Ich kann es nicht. Nicht im Namen eines irdischen Paradieses und nicht auf Grund sonst einer Vertröstung. Ich will keine leeren Versprechungen, ich will Wirklichkeit. Ich will, dass am Ende alles gut ist, davon gehe ich nicht ab. Die Vorstellung hingegen, all das Leid, das es gibt und gegeben hat, bleibe in Ewigkeit übrig, all die Toten blieben tot und das wär’s dann, erscheint mir unerträglich grausam.
Brächte es denn wirklich einer derjenigen, die nicht an das ewige Leben glauben, über sich, dem unter Schmerzen sterbenden Jungen ins Gesicht zu sagen: Bald bist du tot und dann gibt es dich nicht mehr. Nicht mehr und nie wieder. Und alles, was du erlitten hast, ist sinnlos. Wäre das nicht unmenschlich? Völlig menschenwirdrig?
Ich habe nie geleugnet, dass mein Glaube an die Notwendigkeit Gottes ein Schwäche ist, nämlich das völlige Unvermögen, die Endgültigkeit des Totseins und die Unaufgehobenheit des Gelittenhabens zu akzeptieren. Aber nicht jede Schwäche ist etwas Schlechtes. Diese hier verweist auf eine Grenze, nämlich die, an der das Menschen Mögliche endet, aber noch lange nicht erreicht und bei weitem nicht erfüllt ist, was Menschen zusteht. Was meiner festen Überzeugung nach zu sein hat, geht über das hinaus, was Menschen tun können. Den Rest muss Gott übernehmen.
Darum vertraue ich nicht auf den Zorn, sondern auf die Barmherzigkeit Gottes. „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein“, sagte der sterbende Jesus zu dem Mitmenschen, der neben ihm gekreuzigt wurde. Er hat es, daran glaube ich, auch zu dem kleinen Jungen gesagt, dessen Foto und letzte Worte um Welt gegangen sind. Und ich kann nicht glauben, dass er nicht Wort gehalten hat.

Sonntag, 17. April 2011

Palmarum

Wenn aber nun also, wie an den vorangegangen Sonntagen argumentiert wurde, zum einen die Goldene Regel eine ausreichende Grundlegung der Ethik darstellt und zum anderen nicht das Fürwahrhalten von Glaubenssätzen, sondern der Vollzug eines (zumindest impliziten und unter Umständen gar nicht bewussten) bejahenden Gottesverhältnisses in tätiger Nächstenliebe genügt, um der ewigen Seligkeit für würdig befunden zu werden — wozu dann noch die verschiedenen Christentümer?
Tatsächlich hat Jesus Christus, auf den die Christentümer sich berufen, selbst kein e Konfession namens „Christentum“ begründet (und erst recht nicht, wie es modisches Vorurteil will, eine Art „Reformjudaismus“), sondern er hat das Evangelium vom kommenden Gottesreich verkündet, er hat Jünger zur Nachfolge aufgerufen und er ist, wie es heißt, gestorben und auferstanden. Und damit ist der entscheidende Punkt berührt, an dem Logos und Mythos einander kreuzen.
In der Liturgie gibt es die Frage nach dem mysterium fidei (dem Geheimnis des Glaubens), die so beantwortet wird. Mortem tuam annuntiamus, Domine, et tuam resurrectionem confitemur, donec venias. (In deutscher Fassung: Deinen Tod, o Herr, verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.)
Hier sind wesentliche Glaubensaussagen verdichtet. Nach kirchlicher Lehre ist in Jesus Christus Gott erschienen, denn nur er, der ganz Gott und ganz Mensch ist, kann Gott und Mensch versöhnen, die durch die Sünde entzweit sind. Was aber wäre die schlimmste aller Sünden, das größte aller Verbrechen, wenn nicht der Mord an Gott selbst? Indem nun der Sohn Gottes sich von den Menschen hinrichten ließ, also den Tod, der ja nach christlicher Lehre nichts Natürliches, sondern Lohn der Sünde ist, auf sich nahm, so der zentrale christliche Mythos, kaufte er, der einzige Unschuldige, die wahren Schuldigen los („loskaufen“ ist bekanntlich die wörtliche Übersetzung von „erlösen“) und überwand den Tod, nicht nur für sich selbst, sondern ein für alle mal für alle. Darum wird von der Kirche die Taufe (also wörtlich das „Eintauchen“ im Sinne eines symbolischen Ertrinkenmachens) als Hinneinnahme in den Tod Christi und damit auch als Verheißung der Auferstehung vollzogen.
Überwindung des Todes bedeutet selbstverständlich nicht, dass niemand mehr stürbe, sondern dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Das letzte Wort überhaupt ist nach Überzeugung der Jünger Christi dasselbe wie das erste Wort, also das Wort Gottes — womit eben nicht irgendwelche von Menschen verfasste Schriftstücke gemeint sind, sondern der Sohn Gottes selbst, der auferstandene Menschensohn.
Dass dieser wiederkehren wird, ist unaufgebbarer Teil des christlichen Bekenntnisses. Die Welt ist nicht ewig, die Geschichte ist nicht endlos, sondern die alles Endliche strebt seinem Abschluss und seiner Vollendung im Unendlichen zu. Es gibt ein Ende der Zeiten: Aus zeitlicher Sicht wird es erst kommen, sub specie aeternitatis aber ist es „immer schon gewesen“.
Diese Wiederkehr des Auferstandenen — um die Lebenden und die Toten zu richten, wie es in den Glaubensbekenntnissen heißt — beendet den historischen Prozess und ist sozusagen der letzte Akt der Erlösung, die mit der Menschwerdung begann, mit Tod und Auferstehung ihren Höhepunkt hatte und mit der Himmelfahrt Christi eine Art Verzögerung einleitete, die dann ihr ersehntes Ende haben wird. Das ist es, was am Palmsonntag als Tag der Erinnerung an den Einzug Jesu Christi in Jerusalem gefeiert wird: Die Hoffnung auf die Wiederkehr des Erlösers und den Abschluss der Erlösung.
Ich habe diese Geschichte als Mythos bezeichnet, keineswegs, um sie abzuwerten (zumal für mich ist das Mythische nicht minderwertig ist), sondern um anzudeuten, dass es eine Erzählung ist, die erst im Glauben zur Wahrheit wird. Die Goldene Regel und ihre Folge, das richtige Tun, kann als vernünftig behauptet und von jedem Gutwilligen eingesehen werden, unabhängig von religiöser und sonstiger Einstellung. Die Behauptung von Tod, Auferstehung und Wiederkehr aber ist eben ein mysterium fidei, das sich nur dem erschließt, der es annimmt.
Dazu hatten alle vor Christus Lebenden keine Chance und auch die nicht, die aus anderen Gründen nie etwas von ihm gehört haben oder nur Unzureichendes oder die ein Christentum vorgelebt bekommen, das sie abstoßen muss. Soll man nun annehmen, alle diese seien vom Heil ausgeschlossen? Manche Theologen haben das behauptet. Doch wie bereits in der „Predigt“ zum 5. Fastensonntag erwähnt wurde, lehrt Jesus etwas anderes. Nimmt man dieses Evangelium ernst, kommt es nicht darauf an, dass der zu Erlösende  Christ ist (im Sinne einer Konfessionszugehörigkeit), sondern nur darauf, dass Christus der Erlöser ist. Die verwirklichende Annahme der Erlösung von Seiten des Einzelnen geschieht nicht als Erwerb einer Vereinsmitgliedschaft, sondern als Vollzug eines — wie gesagt möglicherweise unbewussten — Gottesverhältnisses, also des Bejahens des Guten. Wer demnach so lebt, dass er das tut, was er von anderen an Gutem erwartet, wer also unter anderem die Hungernden und Dürstenden, die Flüchtlinge und Obdachlosen, die Armen, Kranken und Gefangenen wie seine Brüder behandelt, der hat es richtig gemacht und muss kein Gericht fürchten, auch und gerade nicht das Jüngste. Und auch der, der weiß, dass er fehlbar ist und nicht immer alles richtig gemacht hat, muss sich nicht fürchten, sondern er kann sich vertrauensvoll der Barmherzigkeit des Ewigen überlassen. Na, dann kann der Richter und Erlöser ja kommen …

Sonntag, 10. April 2011

Judica

Dass man sich und alle anderen in letzte Instanz der Barmherizgkeit Gottes anheimstellen muss, ist keine Einladung zu ethischer Indifferenz oder selbstgenügsamem Quietismus. Man mag zurecht das Konzept von Lohn und Strafe als allzu geschäftsmäßig in Frage stellen und darauf verweisen, dass kein menschliches Verdienst die ewige Seligkeit gleichsam erkaufen kann. Gleichwohl ist der urprotestantische Aberglaube vom „Glauben allein“, der die verächtliche Verwerfung der Heilsnotwendigkeit guter Werke bedingt, eine völlige Pervertierung des Evangeliums. Denn worin besteht ein solches Geglaube, das ohne praktische Dimension auskommen zu können vermeint? Doch bloß in einem letztlich selbstgefälligen Fürwahrhalten. „Glaube“, der nur irgend ein Vermeinen ist und nicht Vollzug, im Zweifelsfall also Tat, ist kein ernstzunehmender Glaube.
Im Evangelium nach Matthäus wird das (25,31-46)  deutlich gesagt (und weil’s so schön ist, sei es in voller Länge zitiert: Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt und alle Engel mit ihm, dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen. Und alle Völker werden vor ihm zusammengerufen werden und er wird sie voneinander scheiden, wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet. Er wird die Schafe zu seiner Rechten versammeln, die Böcke aber zur Linken. Dann wird der König denen auf der rechten Seite sagen: Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist. Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen. Dann werden ihm die Gerechten antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben, oder durstig und dir zu trinken gegeben? Und wann haben wir dich fremd und obdachlos gesehen und aufgenommen, oder nackt und dir Kleidung gegeben? Und wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? Darauf wird der König ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. Dann wird er sich auch an die auf der linken Seite wenden und zu ihnen sagen: Weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist! Denn ich war hungrig und ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich nicht aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir keine Kleidung gegeben; ich war krank und im Gefängnis und ihr habt mich nicht besucht. Dann werden auch sie antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig oder obdachlos oder nackt oder krank oder im Gefängnis gesehen und haben dir nicht geholfen? Darauf wird er ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan. Und sie werden weggehen und die ewige Strafe erhalten, die Gerechten aber das ewige Leben.
Von wegen also, der „Glaube allein“ genüge! Vom Glauben ist hier gar nicht die Rede, jedenfalls nicht vom theoretischen. Wer Gutes tut — und das meint: für andere da ist —, der glaubt, auch wenn er vielleicht nicht weiß, dass er glaubt: Sein Glaube ist Praxis.
Das Gegenstück zu Mt 25,31-46 findet sich in Mt 7, 21: Nicht jeder der zu mir sagt: Herr, Herr! wird eingehen in das Königreich des Himmels, sondern wer den Willen meines Vaters in den Himmeln tut. Dies geht zusammen mit Lk 13,25 wohl auf die sogenannte Logienquelle zurück, für die man rekonstruiert hat: Was nennt ihr mich: Herr, Herr!, und tut nicht was ich sage? (Q 6,46). Der frühchristliche 2. Clemensbrief bringt die Fassung: Nicht jeder, der zu mir „Herr, Herr“ sagt, wird gerettet werden, sondern wer das Gerechte tut.
Kurzum, das „Religiöse“ im Sinne dieser oder jener Folklore und dieses oder jenes Fürwahrhaltens ist völlig untergeordnet (mitunter sogar entgegengesetzt) dem Tun dessen, was Gott will. Und was das ist, was Gott will, darüber besteht kein Zweifel: Das Beste für jeden Einzelnen. Die detaillierten Kriterien dafür mögen in dieser oder jener Situation problematisch scheinen und werden diskutiert werden müssen. Im Prinzip aber ist alles einfach und klar: Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen! Darin besteht das Gesetz und die Propheten. (Mt 7,12) Diese so genannte Goldene Regel setzt keinerlei religiöse Doktrin voraus. Im Unterschied zum deutschen Sprichwort „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu“, ist sie positiv formuliert. Und im Unterschied zu Kants kategorischem Imperativ („Handle, wie du sollst“) ist sie unkompliziert, unprätentiös und unmittelbar einsichtig. Keine Ethik kann ihr widersprechen oder wesentlich über sie hinausgehen. Mit ihr kommt man durchs ganze Leben. Und, wenn das Evangelium wahr ist, noch weiter.

Sonntag, 3. April 2011

Laetare

Wenn also der Tod — nicht so sehr der eigene, als vielmehr der des geliebten Anderen — alles zu entwerten, alles in einen Abgrund der Sinnlosigkeit zu reißen droht; und wenn andererseits gerade aus der existenziell erfahrenen Nichthinnehmbarkeit des endgültigen Nichts die Notwendigkeit eines den Tod überwindenden und Leben garantierenden Erbarmens folgt — das freilich nicht zwingend bewiesen, sondern nur gehofft und geglaubt werden kann: Was heißt das dann für die eigene Lebensführung?
Zum einen können die irdischen Freuden und Leiden nicht ganz ernst genommen werden. Nicht, dass nicht wirklich gelitten und genossen, erfreut und betrauert werden könnte, aber Trauer und Freude, Genuss und Leid haben nicht das letzte Wort. Glaube und Hoffnung gegen darüber hinaus und haben Wesentlicheres zu sagen.
Zum anderen können im Gegenteil Freud und Leid, Trauern und Genießen, gerade weil sie unter dem Vorbehalt ihrer Endlichkeit und Nichtendgültigkeit stehen, ganz und gar ernst genommen, ganz und gar angenommen, ganz und gar erlebt werden, denn wer glaubt und hofft, das mit dem Kontigenten nicht alles vorbei ist, kann Freude und Genuss als Vorfreude und Vorgenuss erfahren, auf das, was vielleicht noch kommt.
Und all das Leid, das eigene und das fremde? Mir hat da immer eine Notiz Franz Kafkas zu denken gegeben: „Nur hier ist Leiden Leiden. Nicht so, als ob die, welche hier leiden, anderswo wegen dieses Leidens erhöht werden sollen, sondern so, dass das, was in dieser Welt leiden heißt, in einer andern Welt, unverändert und nur befreit von seinem Gegensatz, Seligkeit ist.“
Ich verstehe das so: In dieser Welt besteht ein notwendiger Gegensatz zwischen dem, was sein soll, und dem, was nicht sein soll. Leiden ist Erfahren dieses Gegensatzes. Wie sollte man denn auch nicht unter Unrecht, unter Missgeschick, unter Mangel leiden? Niemand soll hungern oder krank sein, niemand soll bestohlen, betrogen und belogen werden, niemand soll entwürdigt, entrechtet, verfolgt, gequält, verletzt, getötet werden, niemand soll von Bildung und Unterhaltung ausgeschlossen werden — aber all das passiert und zwar, im Wesentlichen deshalb, weil Menschen es Menschen antun. Wie aber sollte man nicht darunter leiden, wenn es einem widerfährt? Widerfährt einem aber nicht das, was nicht sein soll, sondern das, was sein soll und wie es sein soll, dann ist das — vom „Gegensatz befreit“ — letztlich Seligkeit.
Streng genommen ist also nicht das Leiden das Üble, das nicht sein soll, sondern das, woran gelitten wird, soll nicht sein. Schlechtes soll nicht sein; was nicht sein soll, aber erfahren wird, ist schlecht. Leiden als Erfahrung dessen, was nicht sein soll, ist das Gegenstück zur Freude, die die Erfahrung dessen ist, was sein soll. Ja, für den, der an das Gute, Wahre und Schöne glaubt und seine Unvergänglichkeit erhofft, ist Leiden eigentlich Freude, nur eben noch nicht befreit vom Gegensatz, sondern in diesen eingespannt und ihm verfallen. Leiden ist Leiden am falschen Endlichen. Freude ist Freude am ins Unendliche reichenden Endlichen. Denn was je sein sollte, wird immer gewesen sein. Und was nie sein sollte, wird nie gewesen sein.