Sonntag, 14. April 2019

Christ oder nicht

Es gibt Menschen, die haben noch nie etwas vom Evangelium Jesu Christi gehört. Oder nichts Richtiges. Es gibt Menschen, die hängen einer bestimmten Religion an und können oder wollen sich darum nicht entschließen, Christus nachzufolgen. All das ist bedauerlich, aber verständlich. Es gibt aber auch Menschen, die haben sehr wohl von Jesus Christus gehört und praktizieren auch keine Religion, die sie davon abhielte, die Lehren des Evangeliums zu hören und seinen Geboten zu folgen, ja, sie sind vielleicht sogar getauft und haben noch dazu Religionsunterricht erhalten, einen wie guten oder schlechten auch immer, aber trotzdem erklären diese Leute, sie könnten mit dem Christentum nichts anfangen oder seien sogar dagegen. Das ist zwar vielleicht erklärbar, aber unverzeihlich.
Gewiss täte die Kirche gut daran, die Schuld dafür zunächst und vor allem bei sich selbst zu suchen. Die Schuld dafür, dass unter Christen und in „christlich geprägter Kultur“ aufgewachsene Christen de facto gar keine Christen sind und auch keine sein wollen. Gläubige Christen könnten ohne Abstrich übernehmen, was Protestanten 1945 über ihr Verhältnis zum und ihr Verhalten im Nationalsozialismus formulierten („Stuttgarter Schuldbekenntnis“): „Wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“
Die Gemeinschaft der Jünger Jesu Christi muss sich nämlich fragen: Warum glaubt man uns nicht? Warum ist, was wir sagen, nicht verbindlich? Warum unser Tun und Lassen nicht vorbildlich? Warum ist es nicht attraktiv, Christ zu sein? Warum interessieren sich die Leute nicht für die Vergebung der Sünden und das ewige Leben? Warum sind sie gelangweilt und abgestoßen? Was sollen wir tun?
Die Kirche als hierarchisch geordnete Gemeinschaft der Gläubigen muss sich also fragen: Was für ein Vorbild sind wir? Folgen wir Christus nach? Treten wir immer und überall für das Evangelium ein? Erlebt man auch als Außen- und Fernstehender, dass wir unseren Nächsten lieben und Gott mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit unserem ganzen Denken und mit unserer ganzen Kraft? Glauben wir wirklich, was glaube zu sollen wir behaupten? Halten wir uns an die Gebote, die wir als von Gott gegeben betrachten? Halten wir uns an die Gebote, die wir uns selbst gegeben haben? Oder sind wir nur ein Traditionsverein mit schwindender Kraft und mehr oder minder sinnlos gewordenen Riten? Macht es einen Unterschied, ob man Christ ist oder nicht? Gehen wir miteinander wir Brüder um? Erkennt man an unserer Freude, unserem Enthusiasmus, unserer Demut, unserer Weisheit, das wir Erlöste sind?
Gott hat die Welt geschaffen und erhält sie. Die Menschen haben sich von Gott abgewandt und in ihren Sünden verloren. Gott ist Mensch geworden, um sie zu befreien. Der Menschensohn starb am Kreuz und erstand von den Toten auf. Damit sind Tod und Sünde überwunden. Christus ging zum Vater und wird wiederkommen, um die Leben und die Toten zu richten. In der Zwischenzeit sind das Evangelium und die Heil wirkenden Sakramente der Kirche anvertraut, um die Menschen zu Gott zu führen — und in der Gemeinschaft mit Gott zu halten. Wenn sie das nicht leistet, hat sie versagt.
Auf der anderen Seite ist jeder Mensch, Erbsünde hin oder her, für sich selbst verantwortlich. Wenn man ihm schon anbietet, frei zu werden, der Sündenverstrickung zu entkommen und die ewige Seligkeit geschenkt zu bekommen, dann sollte er das vernünftigerweise auch annehmen. Oder wenigstens verantwortbare Gründe vorbringen, warum er es nicht tut. Also mehr als ein: Laaangweilig! Ich mag nicht. Mir gibt das nichts. Aber die Kreuzzüge. Aber die Inquisition. Aber der Kindesmissbrauch. Ich lasse mir keine Vorschriften machen. Das ist nicht mehr zeitgemäß. Ich brauche keine Kirche, ich bin spirituell. Lauter Scheißdreck.
Jeder einzelne Mensch muss sich vor Gott verantworten. Er wird gefragt (und gefragt werden): Liebst du mich? Kannst du das beweisen, hast du es bewiesen? „Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen.“
Wer nicht gegen Gott ist, ist für ihn. (Das sind die, die noch nicht zur Wahrheit gelangt sind.) Wer nicht für Gott ist, ist gegen ihn. (Das sind die, die sich von der Wahrheit abgewandt haben.) Wer für Gott ist, den erwartet der Himmel, wer gegen Gott ist, der kommt in die Hölle. Das ist nicht Lohn und Strafe im buchhalterischen Sinne. Das ist einfach Folge der Entscheidungen des Menschen: Wer sich für das Gute entschieden hat, der wird es bekommen. Wer sich gegen das Gute entschieden hat, der wird es nicht bekommen. Es ist schlicht nicht zu verstehen, warum solch einfache Wahrheiten nicht jedem einleuchten und nicht jeder seine Konsequenzen daraus zieht. Und es ist, wie gesagt, unverzeihlich. Denn wer sich gegen das Verzeihen entscheidet, wird schon sehen, was er davon hat.

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