Sonntag, 11. April 2021

Glosse LXXVII

Dein Wohnzimmer wird zum dschüm, sagt die Reklametussi im Reklamefilmchen. Und so sehr derlei auch in den Ohren schmerzt, ist es andererseits doch erfreulich, dass dem Fanatismus in der Verwendung englischer Wörter immer noch keine Liebe zu deren halbwegs korrekter Aussprache entspricht.

Samstag, 10. April 2021

Verrückt oder ganz normal?

Sind denn alle verrückt geworden? Den Eindruck könnte man haben. Aber sie sind nicht verrückt geworden, sie waren es vorher schon. Schon vorher waren sie Konformisten und orientierten sich bei der Ausgestaltung ihres ach so individualistischen Lebensstils an dem, was sie für die Praktiken und die Erwartungen anderer hielten. Schon vorher waren sie leichtgläubig und ließen sich von „Medien“ „informieren“, deren Geschäftsmodell Affirmation des Bestehenden und Ablenkung davon durch Unterhaltung und oberflächliche und lückenhafte Berichterstattung war. Schon vorher waren sie, die sich immer für selbständig, gar kritisch hielten, autoritätshörig und jederzeit bereits, sich der Obrigkeit zu unterwerfen. Schon vorher wollten sie glauben, dass die Politiker, deren Unvermögen und kleinliche Gier unübersehbar waren, irgendwie doch das Beste für alle wollten, und das das „repräsentative“ System, in dem der Einzelne nichts, intermediäre Instanzen, die fest im Griff von Einflüsterern stehen, alles zu entscheiden haben, das unüberbietbar beste politische System sei. Schon vorher vertrauten sie einerseits der Apparate- und Klassenmedizin ihr Leben an, hofften aber zugleich auf diese und jene exotische Scharlatanerie, was sie heute zu willigen Opfern und Nachplapperern einer in der Sache hilflosen, in der Deutung aber aber vollmundigen Expertenclique macht. Schon vorher pflegten sie einen rücksichtslosen Lebensstil (Automobil, Fernreisen, Wasser, Energie, Müll) und gaben vor, auf technologische Innovationen zu warten, die die Probleme lösen würden, die es ohne das allgemeine Fehlverhalten gar nicht gäbe. Schon vorher interessierten sie sich nicht für die Menschen außerhalb ihrer Kreise, nicht für Armut und Ausbeutung, Elend und Vergiftung, Unbildung und Perspektivlosigkeit. Schon vorher forderten sie „Solidarität“, wenn sie Konformität meinten, und verwarfen Kritik als Spinnerei und Terrorismus.
Darum ist die „Normalität“, zu der sie zurückwollen, nie normal gewesen, sondern war immer schon ein universelles Irresein. Die Leute sind nicht verrückt geworden, sondern die verrückten Zustände, die sie zuließen und betrieben, haben lediglich einen gewissen Wandel erfahren. Dasselbe Personal hat in derselben Anstalt nur neue Zwangsjacken verteilt und die Gummizellen kleiner gemacht. Aber nach wie vor gelten die, die sich einen Rest Vernunft bewahrt haben, als besonders gefährliche Irre.

Montag, 5. April 2021

Wellenverbrecher

Sollte stimmen, was „die Medien“ gerne berichten, dass nämlich eine Mehrheit der Bevölkerung für noch härtere Maßnahmen ist, so wäre das nicht überraschend und sehr bezeichnend. Die Politiker und ihre Handlanger in den Massenmedien haben den Leuten monatelang nicht nur eingehämmert, sie würden von einer „Welle“ bedroht, sondern es sei möglich und notwendig, diese zu brechen. Zwei Phantasmen, das einer tödlichen Bedrohung und das von deren Abwendung durch Zwang und Unterdrückung, verbinden sich. Da dürfen die immer noch nicht verstummten Stimmen nichts gelten, die sagen, so schlimm stehe es gar nicht, jedenfalls nicht schlimmer als sonst bei der saisonalen Ausbreitung von Infektionskrankheiten, und staatliche Maßnahmen seien nachweislich nutzlos, aber schädlich.
Realität und Wissenschaft, die diese nüchtern beschreibt, gelten nichts, wenn man eine Überwirklichkeit will, die von Szenarien, Modellen, Prognosen und düsteren Prophezeiungen gestützt wird.
Dies ist offenkundig die Stunde der Aufwiegler, nicht der Abwiegler. Aber nicht gegen Unterdrückung, Ausbeutung, Verdummung und Zerstörung wird aufgewiegelt, sondern dafür. Wer Schlimmes vorhersagt wird weit eher gehört als der, der beruhigen kann, sofern sich mit der Vorhersagen nur die Feststellung der Notwendigkeit das Kasteiung verbindet.
Ja, die Leute wollen wohl, dass ihre Grundrechte eingeschränkt werden, dass sie gegängelt werden, dass man ihnen vorschreibt, wo sie wann sein dürfen und welchem „hygienischen“ Regularien und medizinischen Eingriffen sie sich zu unterwerfen haben. So sehr das moderne Individuum immer auf seiner Freiheit bestand, als Mitglied des Kollektivs war ihm diese Freiheit immer unangenehm, glaubte es immer schon an die Unentbehrlichkeit von Regeln, die Erlaubtes von Unerlaubtem scharf Scheiden und Fehlverhalten sanktionieren; das moderne Individuum und der moderne Staat gehören zusammen. Das Zusammenleben darf eben nicht von Sitte und Herkommen, Vernunft und Takt bestimmt werden, sondern, so die klassische Formel des Liberalismus, die Freiheit des einen hört dort auf, wo die des anderen anfängt, was ja nur heißt, dass ich die Bedingung der Unfreiheit des anderen bin und umgekehrt er die der meinen: Jeder gegen jeden und der Staat über allen.
Wo kämen wir denn da hin, wenn jeder machte, was er wollte! Freiheit ist also Unordnung und Unordnung ist schlecht fürs Geschäft. Oder die Gesundheit. Denn die ist ja bekanntlich das Wichtigste, ohne diesen Wert keine anderen Werte. Wobei gar nicht mehr direkt die Gesundheit des Individuums zählt, sondern die große oder kleine Zahl entscheidet, die sich aus den Messungen und Zählungen und Hochrechnungen ergibt. Denn das ist die biopolitische Wende: Nicht was dieser oder jener in Bezug auf seine Gesundheit oder die von anderen tut oder lässt, sondern was alle Einzelnen insgesamt tun und lassen zusammengerechnet ergibt den Zustand der Gesellschaft, aus dem allenfalls der Status eines Individuums herausgerechnet werden kann.
Der Einzelne weiß sich folglich nicht mehr so sehr davon bedroht, wie er sein Leben führt (das wäre allerdings ein anderes Thema: die Selbstoptimierung) oder was ein anderer Einzelner, mit dem er wirklich zu tun hat, macht oder nicht macht, sondern vor allem davon, ob allgemein ein Wohlverhalten gemäß den jeweiligen Regeln stattfindet. Mit anderen Worten: Gesundheit und deren Bedrohung oder Bewahrung wird abhängig vom Maß der Konformität und Repression in der Gesellschaft.
Hinzukommt die Logik der Verschärfung: Viel hilft viel. Unter der völlig realitätsfernen Prämisse, dass gegenseitige Abschottung samt Schließung von Orten der Begegnung etwas gegen Einfluss haben müsse auf das „Infektionsgeschehen“ (was wissenschaftlich widerlegt ist, um es nochmals zu betonen), wünscht man noch mehr Abschottung und eine lückenlosere Schließung. „Wellenbrechen“ um jeden Preis, also auch, wenn Krieg gegen das Virus mehr kosten sollte als jeder Friedensschluss.
Diese „Logik“ ― möge der Staat uns peinigen, damit uns das Heil werde ― erinnert unweigerlich an die Geißlerzüge aus Pestzeiten, deren völlig fanatisierte Teilnehmer darauf setzten, dass Schmerz und blutige Striemen den Beistand des Himmels erzwingen müssten. Sie wollten das Ende der Pest herbeiführen, auch wenn sie daran zu Grunde gehen sollten. Die Kirche verwarf damals diese Theorie und Praxis. Heute gibt es fast niemanden mehr, der dem biopolitischen Flagellantentum („Wir müssen eben Einschränkungen in Kauf nehmen“) etwas entgegensetzen will.
So wird denn der aktuelle Fanatismus, zusammengerührt aus Bedrohungsangst, Unterdrückungslust, Desinformation, massiven wirtschaftlichen Interessen, staatlichem Machtrausch und vagen medizinischen Versprechungen, zur eigentlichen Welle, die durch die Köpfe der Menschen schwappt und letzte Reste kritischen Denkvermögens herausspült.

Sonntag, 4. April 2021

Ja, bin ich denn hier von lauter Verrückten umgeben!“, schrie er, als sie ihn nach dem Gespräch mit der Anstaltsleitung wieder zurück in seine Zelle brachten.

Donnerstag, 1. April 2021

Nur so ein Gedanke (über Realität)

Kundin, beim Bezahlen: „Ich glaub, ich hab die falsche Nummer eingetippt.“
Verkäuferin: „Wir werden ja gleich sehen, ob’s funktioniert hat.“
Ich, der Nächste in der Reihe: „Hoffentlich!“
Das ist tatsächlich etwas, wovor ich mich ein wenig fürchte: Dass ich irgendwo eine Nummer oder ein Passwort eingebe und den erwünschten Zugang erhalte ― und dass mir dann einfällt, dass Nummer oder Passwort nachweislich falsch sind und gar nicht hätten funktionieren dürfen. Im Traum kann einem so etwas passieren, davon kann man dann aufwachen, weil man merkt, dass man nur träumt. Wenn es aber passierte, wenn man unzweifelhaft wach ist und nicht aufwachen kann, wäre das schlimm. Was bräche dann ein? Einfach nur das System von Identitäten, Codes und Passwörtern, das unsere Zugriffe auf die Realität regelt und kontrolliert? Oder die Realität selbst, die sich dann als widerspruchsvoll und willkürlich erwiese, als gar nicht so verlässlich aus Widerständen und der Notwendigkeit, diese auszuräumen oder zu umgehen, aufgebaut? Ein Alptraum wäre das, so oder so.