Donnerstag, 15. Januar 2015

In Zeiten von Terror, Terrorismus und Meinungsfreiheit (II)

Kommentare zu Ulrich Würdemanns „Freiheit braucht Engagement“:

„Der Angriff der Terroristen in Paris, die Ermordung von 12 Menschen, (…) galten uns, unserer Freiheit.“ Ich sehe das überhaupt nicht so. „Lassen wir uns nicht verhetzen.“ Sehr richtig. Dazu gehört dann aber auch, aus einem Verbrechen keinen Kulturkrieg zu machen: Wir gegen die, unsere Freiheit gegen deren Terrorismus. Da stimmt doch was nicht. Wieso identifizieren sich Millionen Menschen mit den zwölf Toten von Paris, während die drei Dutzend Toten von Sana’a am selben Tag nur eine Meldung unter ferner liefen sind? Und das, obwohl (wenn man der vorherrschenden Interpretation der Anschläge folgt) beide Verbrechen von Islamisten begangen wurden? Warum wird jetzt so getan, als sei ein albernes, hassverbreitendes (und sogar, wie man mir sagt, homophobes) Satire-Magazin der Hort der Demokratie und Meinungsfreiheit? Was ist das für eine (noch dazu angeblich radikale) „Kritik“, die jetzt praktisch vom französischen Staat bezahlt werden soll? Ich find das sehr seltsame Grenzziehungen und Frontstellungen. Und andererseits werden mir da nicht genug Grenzen gezogen. Was für einen Sinn und Zweck hat es, im Namen von „Pluralität und Vielfalt“ (was ist der Unterschied?) die „Klemmschwester“ und den/die „offen schwule(n) Mann / lesbische Frau“, die „politisch ‘konservativ’, ‘liberal’ oder ‘progressiv’“ Agierende, die „schrille Tunte“ und den „schwule(n) Spießer“ alle in einen Topf zu werfen und zu einem LGBTsternchen-Einheitsbrei zu verkochen? Freiheit braucht Engagement, jaja, völlig richtig, aber doch politisches Engagement, und das kann nicht unterschiedslos progerssiv und konservativ, spießig und nichtspießig usw. sein. Nicht jede Lebensweise ist, bloß weil sie mit Homosexualität zu tun hat, bereits sakrosankt und verteidigenswert. Ein schwuler Neonazi ist für mich vor allem ein Neonazi. Freiheit, die bloß bedeutet, dass jeder in seiner Konsumnische treiben darf, was der Staat ihm gerade erlaubt, während im Übrigen die gesellschaftlichen Verhältnisse unagetastet bleiben, ist keine Freiheit. Bekanntlich haben Reiche und Arme dasselbe Recht, unter Brücken zu schlafen … Mit anderen Worten: Ein abstraktes Reden über Rechte und
Freiheiten, das die Machtverhältnisse, die durch Lebensentwürfe gestützt oder untergraben werden, außer Acht lässt, ist unpolitisch und nützt nur dem Bestehenden.

U.W. antwortete, es gehe ihm nicht um einen Kulturkrieg, aber darum, darauf zu verweisen, dass Dogmatismus immer der Freiheit entgegenlaufe. Es gehe ihm gerade nicht um einen 'Einheitsbrei', sondern darum, dass nur in Freiräumen, in freiheitlich verfassten Gesellschaften, verschiedene, auch vom Mainstream abweichende Lebensentwürfe konzipiert und gelebt werden könnten. Sein Appell in Sachen Engagement sei zunächst einmal ein Versuch, denen, die ruhig im Sessel sitzen und denken was geht mich das an, zu sagen: „Bekomm den Arsch hoch“. Dass da weitere Debatten, auch über soziale und politische Verhältnisse, über macht sinnvoll seien, sei unbestritten.

So gesehen stimmen wir (einmal mehr) überein, Ulli. Mich irritiert nur der Anlass. Warum der Anschlag von Paris und nicht der von Sana’a? Warum die Gleichsetzung eines Verbrechens mit einem Anschlag auf Freiheitsrechte? Ein Banküberfall stellt ja auch nicht das Währungssystem in Frage. Eher im Gegenteil: Der Räuber will das Geld doch gerade, um damit zu bezahlen. Übertragen: Wer einen Terrorakt von seiner Symbolik her versteht, folgt der Logik der Terroristen. Nicht irgendwelche Einzeltäter oder untergründigen Netzwerke bedrohen „mühsam erkämpfte Rechte“, sondern das Problem ist die Staatsmacht, die Rechte nach Gutdünken gewährt oder verweigert. Die Emanzipation gerade auch der LGBTsternchen-Politik vom Staat wäre darum angebracht. Sich jetzt stattdessen mit der herrschenden Macht zu solidarisieren bzw. der von dieser verordneten Solidarität zu willfahren, scheint mir unangebracht. (Premier Valls sprach von der „Mission“ von „Charlie Hebdo“; bei aller Liebe zur französischen Kultur: auf die „mission civilisatrice“ pfeif ich …)

Bemerkung über Gotteslästerung

Ilija Trojanow schrieb auf facebook: „Zur Blasphemie: Wenn Gott allmächtig ist, kann er sich nicht selber zur Wehr setzen?“ Ich kommentierte:

Bei der Gotteslästerung geht es doch nicht darum, ob Gott sich wehren kann oder nicht. Um Wehrlosigkeit geht es ja bei Paragraphen, die in manchen Ländern die Verunglimpfung des Staates, seiner Institutionen, Repräsentanten usw. unter Strafe stellen, auch nicht; dass der Staat sich wehren kann, beweisen doch gerade die Paragraphen selbst. Bei der Gotteslästerung geht es um das gestörte Verhältnis zu Gott. Kein Liebender wird wollen, dass der Geliebte von Dritten verleumdet wird, und zwar nicht (oder wenigstens nicht in erster Linie), weil damit seine, des Liebenden, Gefühle verletzt werden, sondern weil dem Geliebten kein Unrecht geschehen soll. Dasselbe gilt für den Gläubigen. Nur Atheisten oder Agnostikern kann es egal sein, was über Gott behauptet wird. Man mag es hinnehmen müssen, dass andere irren, aber dass sie das per definitionem Höchste, Beste, Verehrungswürdigste in den Dreck ziehen dürfen sollen, kann man im Ernst von keinem anständigen Menschen verlangen.


In Zeiten von Terror, Terrorismus und Meinungsfreiheit

Einige meiner Facebook-Postings zwischen dem 7. und 10. Januar 2015.

Pressefreiheit hat eben ihren Preis.

Je ne suis pas du tout Charlie. Wer Hass sät, wird Hass ernten. Nicht, dass ich das Verbrechen nicht verwerflich finde oder die Opfer für „selber schuld“ erkläre. In einem Land, das die Burka verbietet, aber nicht Blasphemie, wundert mich allerdings nichts. Wer glaubt, Respektlosigkeit sei eine Tugend (und außerdem ein gutes Geschäft), dem kann es passieren, dass auch seine Rechte (etwa das auf Leben) missachtet werden. Ce est ce qui se passe. Kein Grund, jetzt hysterisch zu werden. Das Abendland wird durch diese Morde nicht bedroht. Und selbst wenn, wen kümmert’s?

Vor der französischen Botschaft wird Anteilnahme und Solidarität bezeugt. Wie nett. Und vor der jemenitischen? Starben heute nicht auch in Sana’a drei Dutzend Menschen bei einem terroristischen Akt? Doch weiße Leben sind eben mehr wert als nichtweiße, gelten eher als betraueernwert, der spektakuläre Mord an prominenten französischen Journalisten ist „uns“ näher als das fast schon gewohnte Sterben irgendwelcher anonymer Subalternen. Wie passend, dass der ganz normale Rassismus sich gerade dann zeigt, wenn man „Freiheit“ als westlichen Wert beschwört.

Todesstrafe in Frankreich? Ich frage mich seit langem, ob es nicht voreilig war, von der Praxis der Hexenverbrennungen abzugehen. Ich hätte da auch Kandidatinnen. Mme Le Pen liegt derzeit durchaus vorn.
   
Drei Verdächtige, sieben Verhaftungen. Die Täter seien Polizei und Justiz bekannt, sagt der Premierminister. Einer der drei Verdächtigen stellt sich selbst und scheint ein Alibi zu haben. Die Verdächtigen seien überwacht worden, heißt es. Ich muss sagen, mein Vertrauen in den französischen Rechtsstaat wächst von Minute zu Minute.

Bisher ist kein Verdächtiger verhaftet, geschweige denn vor Gericht gestellt und verurteilt worden. Dennoch glaubt alle Welt zu wissen, wer warum die zwölf Morde begangen hat. Als hätte man nur darauf gewartet.

Satire darf alles? Vielleicht waren die zwölf Morde von Paris ja auch nur eine Art von besonders feindseligem Leserbrief. (Und als solcher ebenfalls vom Recht auf Meinungsfreiheit gedeckt.)

Bei der Ermordung Anna Politkowskajas, bei der Verurteilung Chelsea Mannings, bei der Vorverurteilung und Ächtung Edward Snowdons, bei der Verleumdung Max Blumenthals - um nur vier Beispiele zu nennen - würde ich sagen: Ja, das galt im Grunde auch mir, da geht es auch um meine Freiheit, um meine Rechte. Bei „Charlie Hebdo“ kann ich sagen: Nein, das hat mit mir nichts zu tun, hier ist die Pressefreiheit oder Meinungsfreiheit nicht bedroht. Selbst wenn die bereits durchgesetzte (weil vorausgesetzte) Erzählung, hier hätten religiöse Fanatiker auf Satire reagiert, stimmt. Es sind staatliche und wirtschaftliche Strukturen, die Freiheiten bedrohen, einschränken, aufheben und damit Rechte mit Füßen treten. Verbrecher und Verrückte hingegen sind bloß Einzelfälle, unschön, schmerzhaft und tragisch, aber unbedeutend im Vergleich zum systematischen Terror der Herrschenden. Dass viele das anders empfinden, irritiert mich nicht. Das bin ich seit dem 11. September 2001 gewohnt.

Tut mir leid, aber jede Sache, bei der Merkel, Hollande & Co. vorneweg marschieren, ist eine schlechte.

Anschlag auf die Hamburger Morgenpost. Kommt jetzt „Je suis Mopo“? Und wenn, was man sich ja vorstellen kann, jemand in der Redaktion der „Bild„-Zeitung ein Gemetzel anrichtete, gälte dann weit und breit „Je suis Bild“? Mir ist das alles zu hysterisch.

Die Meldung vom Tod Anita Ekbergs berührt mich stärker und tiefer als das Tamtam um die Morde von Paris. Stimmt irgendwas nicht mit mir?

Premier Valls sprach bei seinem Redaktionsbesuch gar von der „Mission“ von „Charlie Hebdo“. Wer weiß, was es mit der französischen „mission civilisatrice“ auf sich hatte (und hat), kann sich nur gruseln.


Sonntag, 30. November 2014

Homos wieder einmal keine Pädos

Derzeit wird wieder einmal mit Nachdruck klargestellt: Homosexuelle sind keine Kinderschänder. Das wird schon stimmen, ist aber auch irgendwie schade. Hätte der Sache Pepp gegeben, nachdem Schwulsein zuletzt doch ziemlich langweilig geworden ist - nach den Herauskommnissen all der Cooks, Fabritiusse, Hitzelspergers, Daleys und anderer Biedermänner. Da Pädophilie nun aber anscheinend das letzte wirkliche Pfui der modernen Gesellschaft ist, halten es die Frontmänner schwuler Volksaufklärung zu Recht für dringend geboten, sich sauber von solchen Schweinereien abzugrenzen, aufdass ihrem Normalitätsanspruch bloß nichts Gesellschaftskritisches (etwa in Gestalt einer Infragestellung der Entsexualisierung von Kindern und der Kriminalisierung und Pathologisierung von Perversion) in die Quere komme. Laaangweilig!

Sexualkundeunterricht

Schon das Wort Bildungsplan erregt bei mir Brechreiz. Für auf unanständige Weise pervers hielte ich zudem jeden, der sagte, er hätte in seiner Schulzeit seine Lehrerinnen und Lehrer gern über noch mehr intime Details der Sexualität reden hören wollen. Gibt es solche Leute überhaupt? Ist je irgendjemand durch mangelnde Erörterung sexueller Vielfalt in seiner erotischen Entwicklung beschädigt worden? Aufzeigen, bitte! Stellt den Kindern einfach so viel Pornographie zur freien und unbeaufsichtigten Verfügung, wie sie haben wollen, der Rest ergibt sich. Ich bin jedenfalls gegen diese Pädagogisierung von allem und jedem, und wenn der Reiz einer abweichenden Lust nicht mehr darin bestehen darf, dass sie ihm im Geheimen und gegen den Rest der Welt kultiviert werden kann, wozu ist sie dann gut? Das „Natürliche“ und „Gesunde“, zu dem im Sexualkundeunterricht notwendigerweise alles drängt, ist etwas für die Tommis und Annikas dieser Gesellschaft, nicht für unsereins. (Freilich, es redet sich leicht, wenn man keine Schuldgefühle hatte und nie normal sein wollte.)