Freitag, 12. März 2010

Religion oder Wissenschaft?

Das eigene Vorurteil so präzise auf den Punkt zu bringen, gelingt auch nicht jedem: „Die Religion glaubt jene letzten Wahrheiten schon immer in ihrem Besitz, die die Wissenschaft erst sucht, und auf die hin sie die Überzeugungen der Menschen kritisch befragt“, schreibt Rüdiger Suchsland (in einer hier nicht weiter erheblichen Besprechung eines unerheblichen Filmes; auf Telepolis am 11. März). Nun mag man zwar daran zweifeln, ob solch ungenaue Ausdrücke wie „die Religion“ und „die Wissenschaft“ überhaupt etwas besagen, aber das Spannungsverhältnis von religiösen und wissenschaftlichen Weltsichten hat Suchsland, zumindest aus seiner Sicht, gut getroffen: Die einen wissen immer schon alles, die anderen suchen erst noch nach Wissen.
Die Erfahrung freilich lehrt ganz anderes, als das Klischee wahr haben will. In der wirklichen Welt sind es die Naturwissenschaftler, die mit viel Selbstbewusstsein und ohne Widerspruch zu dulden ihre Dogmen verkünden und jede Abweichung als ignorant, irrational oder obskurantistisch verketzern. Seriöse Theologen hingegen formulieren meist vorsichtig, hören zu, lassen verschiedene Auffassungen gelten und halten nur Weniges in ihrer Wissenschaft für unabdingbar.
Solche dem „aufgeklärten“ Klischee widersprechenden Erfahrung kann jedenfalls jeder machen, der unvoreingenommen das Gespräch sucht (oder wenigstens den Gesprächen anderer zuhört). Man versuche nur einmal, mit einem Naturwissenschaftsgläubigen über Evolution zu diskutieren. Er wird sie nur als unleugbares Faktum gelten lassen und ihren hypothetischen Charakter strikt bestreiten. Punktum. Basta. Ende der Diskussion. Für die Gottesgelehrsamkeit hingegen gilt es als grundlegende Einsicht, dass Gott unerkennbar ist. Von daher erst ist verantwortliche Rede möglich. Und wo Meinungsverschiedenheiten auftreten, beginnt der Diskurs erst, der als hermeneutischer Dialog von Personen ernst genommen wird und nicht, wie in den Naturwissenschaften, in monomanisch-monologischer Manier stur auf die vermeintlich subjektlose Objektivität von Fakten stiert. — Wer also hat hier „letzte Wahrheiten immer schon in Besitz“ und wer sucht erst nach ihnen, indem er das eigene Erkenntnisvermögen kritisch befragt?
Gewiss, es gibt auch religiöse Fundamentalisten, die keine Zweifel und keine vorläufigen Antworten zulassen. Ebenso gibt es Naturwissenschaftlern mit weitem intellektuellen Horizont. Beides sind jedoch Ausnahmen, nicht die Regel.
Der entscheidende Unterschied ist eben überhaupt nicht der von Gläubigkeit und Wissenschaft, sondern der von offenem und geschlossenem Glauben. Zumal Glaube nicht das Gegenteil von Wissen ist, sondern dessen Voraussetzung. Was man nicht glauben kann, das kann man auch nicht wissen. (Was sollte das beispielsweise auch heißen: Ich glaube zwar nicht daran, dass die Erde sich um die Sonne dreht, aber ich weiß, dass es so ist. Das ergäbe ebenso wenig Sinn wie: Ich weiß, dass Gott existiert, aber ich glaube nicht an ihn.)
Glauben heißt nicht „etwas für wahr halten, obwohl man nicht weiß, ob es sich wirklich so verhält“, wie es der ebenso beliebte wie dummer Spruch, glauben heiße nicht wissen, gerne hätte. Glauben heißt, von etwas (oder jemandem) überzeugt sein, auf eine durchaus existenzielle Weise, sich nämlich ganz und gar darauf verlassend, dass das Geglaubte wahr ist. Wissen baut darauf auf. Man kann nichts wissen, ohne von der Wahrheit dieses Wissens überzeugt zu sein. Man kann aber sehr wohl von einer Wahrheit überzeugt sein, für die man weder gewisse Gründe noch Möglichkeiten der Verifizierung oder Falsifizierung angeben kann.
Die Frage ist also nicht, ob, sondern wie man glaubt. Religiöse Fundamentalisten und die meisten Naturwissenschaftler vertreten einen geschlossenen Glauben, der sich keine Zweifel erlauben kann und ängstlich gegen jede Anfechtung verteidigt werden muss. Offener Glaube hingegen schließt Kritik nicht aus, sondern bedarf ihrer, um sich immer von neuem in Frage zu stellen und so Wahres von bloß vermeintlich Wahrem unterscheiden zu können.
In den Religionen wie in den Wissenschaften kommt beides vor, offener und geschlossener Glaube, es ist darum sinnlos, „die Religion“ und „die Wissenschaft“ einander entgegensetzen zu wollen. In den indischen Religionen ist das Verhältnis von Offenheit und Geschlossenheit des Glaubens ein anderes als im Judaismus, in der Literaturwissenschaft ein anderes als in der Molekularbiologie. Na und? Was folgt daraus? Jedenfalls nichts, was mittels eines Klischees auf den Punkt gebracht werden könnte.

Montag, 1. März 2010

Möllers Konfessionen

Wieder eines dieser Bücher, die ich nicht gelesen hätte, wenn man sie mir nicht sehr empfohlen und dann dankenswerterweise gleich zum Lesen mitgegeben hätte. Die Lektüre war nun bestimmt nicht uninteressant und oft auch kurzweilig, aber am Ende fragt man sich doch: Wozu hab ich das alles jetzt erfahren?
Eine Seltsamkeit besteht darin, dass Steffen Möller mit diesem Buch gleich drei Bücher auf einmal geschrieben hat: seine Memoiren, für die er freilich noch ein bisschen zu jung ist (und vielleicht auch ein bisschen zu uninteressant); ein Buch über Polen, das er freilich schon im Jahr davor vorgelegt hatte („Viva Polonia“); und ein Bekenntniswerk über seine Liebe zur klassischen Musik. Letzteres ist der bemerkenswerteste Aspekt und zu Recht der, dem der Autor am meisten Aufmerksamkeit widmet. Allerdings bleibt er im Persönlichen und Privaten stecken. Dass er ein repräsentativer Fall ist, wäre erst zu belegen. Wenn aber nicht und wenn er auch sonst zu keinerlei Allgemeingültigkeit vordringt, warum sollte das, was er über seine Hörgewohnheiten der letzten dreißig Jahre zu erzählen weiß, für irgendjemand anderen von Bedeutung sein als für ihn selbst? Die Darstellung anderer „Klassik-Fans“, die Möller in seinem Buch vorkommen lässt, vermitteln jedenfalls nicht den Eindruck, es gäbe so etwas wie einen halbwegs einheitlichen Typus des sich ob der Absonderlichkeit seiner Präferenzen verstecken müssenden Hörers „klassischer“ Musik.
Möller hätte sein Thema ernster nehmen können — und sich selbst weniger wichtig. Gewiss, persönliche Erfahrungen haben oft ihre Berechtigung und gegen eine witzige Erzählweise ist überhaupt nichts einzuwenden. Aber das Ganze wäre relevanter geworden, wenn nicht Steffen Möller im Mittelpunkt gestanden hätte, sondern ganz allgemein die Frage nach der Besonderheit des Hörens von „klassischer“ Musik inmitten einer „klassikfeindlichen“ Massenkultur. Mehr Forscherdrang und weniger Selbsterforschung hätten dem Text gut getan. So aber ist alles irgendwie ganz nett, aber irgendwie auch wenig belangvoll.

Steffen Möller: Vita classica. Bekenntnisse eines Andershörenden, Frankfurt am Main 2009

Montag, 1. Februar 2010

Ein falscher Gott

Hochwürden Gerhard Maria Wagner und ich hängen offensichtlich nicht derselben Religion an. Wenn er ein Christ ist, bin ich keiner, und umgekehrt. (Wagners Verein, der römisch-katholischen Kirche, gehöre ich wohlgemerkt ohnehin nicht an.) Der Pfarrer von Windischgarsten, der schon das Unheil, das der Hurricane Katrina anrichtete, auf Gottes unmittelbaren Eingriff zurückführen wollte — „Es ist wohl kein Zufall, dass in New Orleans alle fünf Abtreibungskliniken sowie Nachtklubs zerstört wurden“ —, liebäugelt Medienberichten zufolge auch beim Erdbeben in Haitit mit dem Zorn des Höchsten als Ursache: „Es ist schon interessant, dass in Haiti 90 Prozent Anhänger von Voodoo-Kulten sind.“
Ein ungemein liebenswürdiger Gott, der Hunderttausende Menschen abmurkst, darunter auch religionsunmündige Kinder, weil ihm die vor Ort praktizierte Religiosität nicht passt. Als ob er beim Jüngsten Gericht nicht Gelegenheit genug zum Verhängen ewiger Höllenstrafen hätte!
Dieser Gott Wagners ist nicht mein Gott, und ich wage zu behaupten: Er ist auch nicht der Gott Jesu Christi. Es ist ein nach alttestamentarischem Bilde geformter bösartiger Götze, der gegen alles wütet, was ihm nicht passt. Und dem es scheißegal ist, ob die Leidtragenden etwas dafür können oder nicht. Kein Gott der Liebe, sondern des Hasses.
Nun ist nicht anzunehmen, dass Pfarrer Wagner von der Religion des Vaudou (so die korrekte Bezeichnung für Haiti) mehr als oberflächliche und verzerrte Kenntnis hat. Aber selbst wenn man, was legitim sein könnte, an dieser Religion etwas auszusetzen hätte, ist noch sehr die Frage, wer welche Verantwortung trägt. Die Haitianer haben sich ihre Religiosität ebenso wenig ausgesucht wie die Windischgarstner ihren Katholizismus. Und da soll Gott dreinfahren? Warum dort? Warum nicht anderswo? Als ob es sonst keine religiösen Sündenpfühle gäbe … (War übrigens für Wagner das Erdbeben von Assisi 1997, bei dem vier Menschen umkamen und Ober- und Unterkirche von San Francesco mitsamt kostbaren Fresken von Giotto und Cimabue beschädigt wurden, ein Schlag Gottes gegen den Franziskus-Kult?)
Was ist Wagner nur für ein Mensch, wenn er an einen solch bösartigen Gott glauben möchte? Hier überschreitet die religiöse Privatmeinung die Grenze zur Häresie und sogar Blasphemie. An einen willkürlich strafenden Gott glauben zu wollen, ist angesichts des realen Unglücks der Betroffenen menschenverachtend und eingedenk jeder verantwortbaren Theologie gottesverachtend. Wenn sonst nichts sicher ist, eines ist gewiss: Dafür kommt der Kerl ins eines Tages Fegefeuer. Mindestens. Dann wird er sehen, was er davon hat, sich einen so bösartigen Gott auszudenken.

Sonntag, 31. Januar 2010

Moral: Lehre und Wirklichkeit

Da hat aber mal einer den Durchblick: „Wenn sich die Lehre der katholischen Kirche zur Sexualität so weit von den realen Fragestellungen, auch junger Menschen, entfernt, dass sie mit den realen Erfahrungen praktisch nichts mehr zu tun hat, dann führt das die junge Generation zu ganz großen Teilen in eine Sprachlosigkeit“, wird P. Klaus Mertes (SJ), der Rektor des Berliner Canisius-Kollegs von der dpa zitiert. Nun sollte freilich der Aberglaube, es handle sich um Akte der Befreiung, wenn zu Diskursen über Sexualität angereizt werde, seit Foucaults Widerlegung der Repressionshypothese in „Sexualität und Wahrheit“ eigentlich an Kraft verloren haben. Aber bis Berlin ist derlei vielleicht noch nicht durchgedrungen.
Darum geht es aber auch gar nicht. Mertes nicht, der dpa nicht und den vielen Zeitungen nicht, die das Mertens-Zitat (oft in variierter Form) verbreiten. Es geht auch nicht um die angeblichen Missbrauchsfälle im Canisius-Kolleg vor zum Teil mehr als dreißig Jahren. (Von angeblich darf man sprechen, da keinerlei Beweise für die Anschuldigungen erbracht wurden.) Die bilden nur den schaurig-schönen Rahmen.
Worum es geht, sind die Signalwörter „Kirche“, „Lehre zur Sexualität“, „reale Erfahrungen“. Es ist immer dieselbe Leier: Die von der Kirche geforderte Sexualmoral sei nicht mehr zeitgemäß, die Lebenswirklichkeit heutiger Menschen sei eine andere usw. usf. Allerdings ergeben sich bei diese weit verbreiteten Geschwätz einige logische Schwierigkeiten.
Zum einen ist es selbstverständlich so, dass sich, wenn gelehrte Moral und praktizierte Moral nicht übereinstimmen, erstere aber im Wesentlichen seit langem dieselbe ist, offensichtlich nicht die Lehre vom Leben, sondern die Praxis von der Theorie entfernt hat.
Zum anderen kann und soll Moral doch wohl nicht einfach aus dem abgeleitet werden, was die Leute so tun. Handlungen haben sich an moralischen Vorgaben zu orientieren, nicht umgekehrt. Welchen Sinn hätte Moral sonst? Aber darum geht es wohl: Moral abzuschaffen.
Und warum auch nicht. In anderen Lebensbereichen würde das Prinzip „Passe die Regeln dem Handeln an, nicht das Handeln den Regeln“ ja ebenfalls wunderbar funktionieren. Etwa im Straßenverkehr. Wozu denn noch Geschwindigkeitsbeschränkungen, Vorfahrtsregeln, Alkoholverbot am Steuer usw.? Das ist nicht mehr zeitgemäß, denn es entspricht nicht den realen Erfahrungen. Die Leute fahren bekanntlich auch besoffen Auto, rasen und ignorieren Verkehrsschilder. Dem sollte der Staat endlich seine veraltete Straßenverkehrsordnung anpassen!
Aber im Ernst. Man muss die Normen der römisch-katholischen Kirche hinsichtlich sexueller Aktivität nicht billigen, aber auch als Außenstehender kann man ihre zeitlose Konsequenz respektieren: Keine sexuellen Handlungen außerhalb der Ehe von Mann und Frau. Das entsprach zu keiner Zeit den „realen Erfahrungen“, auch vor hundert oder tausend Jahren haben die Menschen schon gewichst, vor und außerhalb der Ehe gefickt, es mit Personen des eigenen Geschlechts getrieben. Na und? Das soll ein moralisches Argument sein? Die Leute haben damals auch gelogen, gestohlen gemordet — und tun es bekanntlich heute noch. Soll darum die kirchliche Lehre hinsichtlich Lüge, Diebstahl oder Mord der „Lebenswirklichkeit“ angepasst werden? Oder hat sich Moral etwa nur im Bereich des Sexuellen den jeweiligen „realen Fragestellungen“ zu fügen? Und warum dann das? Kann man das irgendwie begründen?
Durchblicker à la Pater Mertes sind brav angepasst an den Zeitgeist. Sie plappern das, was die Leute hören (oder lesen) wollen. Mit Moral und deren ernstzunehmender Problematisierung hat derlei aber nichts zu tun.

Weibliches Einfühlungsvermögen

Wenn Sie hören, es gebe eine aktuelle psychologisch Studie zum Verhältniss von Schuldgefühlen und Geschlecht, was würden Sie vermuten, was die Forscher herausgefunden haben? Richtig geraten! Frauen haben öfter Schuldgefühle als Männer. Also wieder einmal eine wissenschaftliche Studie, die die Welt dringend gebraucht hat …
Und das ging so: 360 männlichen und weiblichen Personen im Alter von 15 bis 50 Jahren wurden unter Leitung von Itziar Etxebarria an der Universität im baskischen San Sebastián als Auskunftgeber ausgewählt. „In der Befragung mussten die Probanden unter anderem einschätzen, wie schuldig sie sich nach verschiedenen Alltagssituationen fühlen, beispielsweise wenn sie einen Krankenbesuch aufschieben, den Geburtstag eines guten Freundes vergessen oder in einem Streit zu grobe Worte gewählt haben. Frauen zeigten durchweg ein deutlich intensiveres Schuldempfinden als Männer, wenn sie ihre Gefühle auf einer Skala einordnen sollten. Weitere Fragen in der Studie ergaben, dass sich Frauen auch viel häufiger schuldig fühlen als Männer. Als Ursache vermuten die Wissenschaftler, dass Männer sich schlechter in andere Menschen einfühlen können, und daher oft gar nicht merken, wenn sie jemanden verletzt haben. Deshalb sehen sie auch seltener einen Grund für Reue.“ (www.sueddeutsche.de, Franziska Draeger)
„Die Wissenschaftler bewerten ihre Ergebnisse dahingehend, dass Frauen nicht etwa zu schnell und zu intensiv Schuldgefühle entwickeln, sondern eher die Männer zu selten und zu wenig: Das starke Geschlecht erkenne offensichtlich einfach seltener, wann es einer Person Leid zugefügt oder sie in Unannehmlichkeiten gebracht hat. Diese Fähigkeit entwickeln Männer demnach erst im Laufe der Jahre, während Frauen bereits im Kindesalter dazu angeleitet werden, sich um andere zu kümmern. Doch auch Frauen machen bezüglich Schuld und Mitgefühl eine zeitliche Entwicklung durch: Junge Frauen zeichnen sich vor allem durch Empathie aus, sie leiden also mit der Person mit, der sie geschadet haben. Mit zunehmendem Alter neigen sie allerdings stattdessen immer mehr zu einem ängstlich-aggressiven Schuldgefühl: Anstelle des Mitgefühls tritt die Sorge, welche Konsequenzen der angerichtete Schaden für die eigene Person haben könnte, sowie der Ärger über die unangenehmen Schuldgefühle.“ (www.wissenschaft.de, Mascha Sacht)
Ich liebe solche Studien, bei denen man herausbekommt, was man vorher schon weiß, und diese Resultate mit dem „erklärt“, was man sich halt so denkt!
Der Haken an der Sache: Es ist ein Unterschied, ob man selbst meint, sich in andere einfühlen zu können, oder ob man es tatsächlich kann und tut. Nur die subjektive Einschätzung der Probanden und Probandinnen konnte ja aber erfragt werden. Nun lehrt aber die schlichte Alltagserfahrung, dass Frauen zwar sehr oft zu wissen meinen, was jemand anderer denkt oder fühlt, dass sie damit aber keineswegs immer richtig liegen. Man möchte fast sagen: im Gegenteil …
Die weibliche Geschlechtsrolle legt ihren Akteurinnen nahe, sich für Spezialistinnen in Sachen Innenleben zu halten, die eigene und fremde Gefühlserlebnisse ausführlich zur Sprache bringen müssen. Männer hingegen gelten dann im Einklang mit ihrer Rolle befindlich, wenn sie ihre Befindlichkeit und die anderer nicht reflektieren, sondern beherzt handeln und alles Widrige in sich hineinfressen. So weit das Doppelklischee, das sich wunderbar mit sich selbst ergänzt.
In Wirklichkeit, so meine ich, verstehen Frauen nicht besser als Männer, was in ihnen selbst und anderen Menschen vorgeht. Sie glauben das nur und verwenden ihr vermeintliches „Wissen“ als Machtmittel. Weil sie unablässig mit Seelenvorgängen, eigenen und fremden, befasst sind, meinen sie, sich in einer überlegenen Urteilsposition zu befinden. „Du sagst zwar nichts, aber ich weiß, was du fühlst. Du leugnest es zwar, aber ich weiß es besser.“ Bei ihrem Herumpsychologisieren hilft ihnen, dass sie sich vor allem für sich selbst interessieren, dafür, wie sie von anderen gesehen und bewertet werden. Da aber solche Sichtweisen und Einschätzungen nicht immer manifest werden, muss man halt spekulieren, was das Gegenüber so denkt und fühlt.
Das alles klingt böse und frauenfeindlich, aber so ist nun einmal — mit manchen Ausnahmen — meine persönliche Erfahrung. Und vermutlich nicht meine allein. Frauen sind überhaupt nicht einfühlsamer, im Gegenteil, Frauen sind für gewöhnlich weit rücksichtsloser als Männer. Irgendein Beispiel: Man gehe einmal eine belebte Straße entlang, man wird rasch merken, dass es weit öfter vor einem gehende Frauen als Männer sind, die unvermittelt stehen bleiben oder plötzlich die Richtung wechseln. Eine hinter ihnen gehende Person existiert für sie bis zum Zuammenprall einfach nicht. Sie haben sie nicht wahrgenommen und darum nicht berücksichtigt. Wäre sie ihnen hingegen entgegengekommen, wäre sie sofort in ein Raster eingefügt worden (bekannt / unbekannt, neutral / relevant, freundlich / feindlich, begehrend / abweisend, hilfreich / bedrohlich usw.), und es wäre ihr unterstellt worden, selbst so zu rastern.
Frauen leben eben meist in ihrer eigenen, auf sie zentrierten Welt. Daher erklärt sich auch ihre „Fürsorge“. Diese besteht im Grunde in nichts anderem, als das, was ihnen begegnet, auf sich zu beziehen. Daher kümmern sie sich um so vieles, auch gern um solches, das sie nichts angeht.
All das sind Dinge, über die man eigentlich nicht sprechen darf, sonst gilt man wie gesagt als frauenfeindlich. Was soll’s … Dass es Verallgemeinerungen und Stereotypen sind, die hier geäußert wurden, sei zugestanden. Aber dass es, wenn Sie einmal heimlich ehrlich sind, auch Ihre Erfahrungen wiedergibt, werter Herr, das werden Sie doch wohl nicht ganz leugnen wollen?