Sonntag, 9. Dezember 2012

Kurze Bemerkung zum Atheismus

Es gibt verschiedene Formen von Atheismus. Wirklich glaubwürdig wäre aber wohl nur ein Atheist, der aufrichtig bedauert, dass seiner Überzeugung nach Gott nicht existiert. Denn wer das Dasein Gottes nicht für unbedingt wünschenswert hält, hat entweder nicht verstanden, was gemeint ist, wenn von Göttlichem die Rede ist, oder aber, er versteht es und ist trotzdem dagegen, dann wäre er bewusst böswillig. Die meisten Atheismen bewegen sich nun allerdings irgendwo dazwischen, zwischen Unverstand und Groll, zwischen Gleichgültigkeit und Ressentiment. Bei vielen Atheisten hat man den Eindruck, sie suhlen sich in ihrem Unglauben und sind nicht zufrieden, wenn sie nicht mit Dreck spritzen können. Dazu kommt oft der triumphalistische Aberglaube, die „wahren“ Gründe des Gottesglauibens durchschaut zu haben. Seltsamerweise werden die Gründe für den eigenen Atheismus nie so genau betrachtet. Dass es nur Vernunftgründe seien, die den Ausschlag geben, könnte nur glauben, wer sich noch nie mit einem Atheisten unterhalten hat. Meist geht es um Unvermögen und Unwillen. Wer durch Gläubige in irgendeiner Weise verletzt wurde, ist noch am ehesten entschuldigt, auch wenn der Schluss, vom Fehlverhalten von Gläubigen auf die Irrigkeit des Glaubens zu schlissen, offensichtlich falsch ist. Ansonsten sollten Atheisten sich der Redlichkeit halber klar machen, dass sie etwas negieren, was sie nicht begreifen. Unglaube ist, wie das Wort schon sagt, ein Mangel. Wer ihn für eine Errungenschaft hält, findet sich unversehens in Gesellschaft von Hitler, Stalin, Mao und Pol Pot wieder. Gewiss, auch Gläubige haben im Namen des Glaubens Verbrechen begangen, aber dass Verbrechen und Gottesglaube einander widersprechen, spricht ja gerade für diesen — nicht für jenes und nicht für Glaubensschwund, Glaubensverlust oder Glaubensgegnerschaft.

Freitag, 7. Dezember 2012

Joachim der Peinliche

Gäbe es den Joachim-von-Ribbentrop-Preis für Fehlleistungen auf dem diplomatischem Parkett, er müsste 2012 in der noch rasch zu schaffenden Sonderkategorie „Peinlichstes Staatsoberhaupt des Jahres“ verliehen werden an — Joachim Gauck. Der Mann trifft den Mann, der geistliches Oberhaupt einer Milliarde Katholikinnen und Katholiken ist, nach der Lehre seiner Kirche als Stellvertreter Christi auf Erden gilt und gerade den dritten Band eines Buches über Jesus von Nazareth veröffentlicht hat. Und was geruht der preußische Protestant, Häuptling einer der reichsten und einflussreichsten Nationen der Welt, dem Heiligen Vater als Geschenk mitzubringen? Einen Wanderstock, eine Dose Lebkuchen und seine, also Gaucks, Autobiographie. Hoffentlich hat er in diese auch eine passende Widmung hineingeschrieben: „Meinem lieben Papst in freundlicher Herablassung sein Herr Bundespräsident.“

Donnerstag, 6. Dezember 2012

Zur Zukunft des „Qualitätsjournalismus“

Wie wird derzeit nicht wieder über die „Gratismentalität“ der Mediennutzer gejammert! Die treibe die guten, alten Printmedien in den Ruin. Professionelle Qualität aber koste, also müsse, auch im Internet, „im Prinzip“ dafür bezahlt werden. Nun hat ja eigentlich niemand die Verlage je daran gehindert, sich für die Internetauftritte ihrer Zeitungen und Zeitschriften Bezahlmodelle auszudenken. Wenn anscheinend bisher nichts davon zu ihrer Zufriedenheit funktioniert hat, ist das ihr Problem, nicht das der Leser. Als ob es deren Pflicht wäre, den Verlagen Umsätze zu verschaffen, damit ihrerseits das Publikum mit wunderbaren Erzeugnissen beglücken können!
Vernünftigerweise bezahlt man auch im Internet wie sonst im Leben nur, wenn man unbedingt muss. Alles andere ist Trinkgeld, Spende, Almosen, Geschenk. Ob man zahlen muss, ist aber nicht eine moralische Frage der Dankbarkeit für angebotenen Qualität, denn die kann es auch umsonst geben, sondern eine rein technische Frage des Zugangs. Wird dieser durch eine Bezahlschranke eingeschränkt, erhöht das sogar noch die Attraktivität kostenfreier Angebote. Lediglich eine Art von ökonomischer Totalzensur -- „Für alles muss bezahlt werden oder es wird abgeschaltet!“ -- könnte das verhindern.
Die Annahme, nur was etwas koste, sei etwas wert (und umgekehrt: was einem etwas wert sei, dafür wolle man auch bezahlen), ist schlicht falsch. Sagen wir mal so: Mit journalistischen Produkten ist es wie mit Sex: Wenn man dafür bezahlt, ist er deshalb nicht notwendig besser. Und „Professionalität“ bedeutet zuweilen das Gegenteil von dem, was der Kunde eigentlich wünscht.
Viele meinen ja, weil sie einer Redaktion angehören und ein regelmäßiges Einkommen beziehen, sei das, was sie machen, immer „Qualitätsjournalismus“. Die Wirklichkeit sieht freilich anders aus. Die redaktionellen Beiträge der allermeisten Zeitungen sind schlicht Müll. Schlecht geschrieben, schlecht gedacht, schlecht recherchiert. Das stört die allermeisten Leser aber gar nicht. Sie wollen nicht gute Texte lesen, sondern Texte, die gut ihre Bedürfnisse befriedigen. Gewiss, so manche Verblödungszeitung ist hochprofessionell gemacht, aber will man das wirklich Qualitätsjournalismus nennen?
Auch von den bösen, bösen, die Printmedien in den Ruin treibenden Gratisangeboten im Internet ist das meiste Müll. Auch von den Blogs kann man mindestens 999 Promille getrost vergessen, wenn man nach guter schreiberischer Qualität, nach fundierter Informationsbeschaffung sucht. Trotzdem funktioniert’s. Jeder holt sich ungefähr das heraus, was er möchte. Wie das finanziert wird, ist nicht notwendig von Interesse.
Das finanzielle Interesse der Verlage und der Verlagsmitarbeiter hingegen ist manifest. Verlagen ist „Qualitätsjournalismus“ herzlich egal, die Kasse muss stimmen. Das wird durch Auflagen und Reichweiten erreicht, die für Werbekunden interessant sind. Wenn Dreck sich besser verkauft als Hochwertiges, hat Hochwertiges keine Chance. Die Verlage, von denen hier die Rede sind (es gibt ja idealistische Projekte, die formell auch Verlage sind), sind nun einmal Wirtschaftsunternehmen und verhalten sich auch so.
Selbstverständlich wäre es Journalisten zu gönnen, dass sie für gute Arbeit gut bezahlt werden. (Dass sie offenkundig oft auch für schlechte durchaus bezahlt werden, sei hier einmal nicht problematisiert.) Aber Bezahlung ist eine Bedingung der wirtschaftlichen Existenz, nicht des journalistischen Könnens und Verwirklichens.
Nach der Logik „Nur bezahlte Leistung ist gute Leistung“ müsste man eigentlich auch über ein Honorar für Leser nachdenken. Es gibt ja unter diesen auch gute und schlechte, gründliche und oberflächliche, interessierte und beiläufige, Vielleser und Halbanalphabeten, Mitdenker und Dazwischenquatscher — wie eben bei den Journalisten auch. Und Leser sind für das Bestehenkönnen eines Lesemediums mindestens genauso wichtig wie Macher. Warum also nicht auch das Lesen bezahlen? Ich wäre dafür.
Verlage und ihre Angestellten sehen das naturgemäß anders. Das ist ihr Problem. Und dafür sollen sie, wenn sie können, Lösungen finden. Wenn sie’s nicht können, dann auf Wiedersehen. Viele Menschen verlieren durch Veränderungen von Marktlagen ihre Jobs, und es sind auch schon ganz andere Berufe unwiderruflich verschwunden. Warum nicht auch die bezahlten Zeitungsmacher? Geschrieben und gelesen wird trotzdem werden. Vielleicht, wenn ich mal ein bisschen visionär sein darf, ist gutes journalistisches Arbeiten in Zukunft eine der Tätigkeiten, die nicht oder nicht immer bezahlt, aber durch ein bedingungsloses Grundeinkommen ermöglicht werden. Eines steht jedenfalls fest: Je freier von wirtschaftlichen Vorgaben und Abhängigkeiten sie ist, desto freier gedacht und gemacht kann Medienarbeit sein. Über „Qualität“ entscheiden sowieso ganz andere Faktoren.

Mittwoch, 5. Dezember 2012

Konservativ? Zwecklos!

Es hat ihnen nichts genützt. Obwohl sie mit allem Nachdruck beteuerten, sie und die gleichgeschlechtlich Verpartnerten draußen im Lande seien mindestens so konservativ wie die Mehrheit der CDU-Parteitagsdelegierten, die ihr Anliegen schließlich überstimmte: Sie bekamen trotzdem die Zustimmung zur steuerrechtlichen Gleichbehandlung der Homo-Registrationspartnerschaft mit der Hetero-Ehe nicht geschenkt. All die leider völlig ungeheuchelten Beschwörungen von Familienwerten waren völlig zwecklos. Nicht einmal, dass Jens Spahn David Cameron zitierte, der bekanntlich sagte, „I don’t support gay marriage despite being a Conservative. I support gay marriage, because I am a Conservative“, konnte die innerparteilichen Gegner der Gleichbehandlung umstimmen. (Oder bewirkte möglicherweise gar das Gegenteil. Denn wer in Deutschland mag schon Cameron? Mutti und ihre Fans bestimmt nicht.)
Doch die, die sich jetzt über die bösen, bösen Schwarzen grämen, die so schrecklich rückschrittlich sind, mögen sich trösten: Es ging ja bloß ums Ehegattensplitting, nicht etwa um die Abschaffung der Homo-Ehe. Zur Debatte stand also lediglich eine steuerrechtliche Begünstigung, die es in ganz Europa ohnedies nur in Deutschland (und Luxemburg) gibt und von der wohlgemerkt einkommensstarke Paare in höherem Maße profitieren als Paare mit mittleren und kleinen Einkommen. Ohne das so zu wollen (oder zu bemerken) hat die CDU am Dienstag in Hannover im Grunde also lediglich gegen die Ausweitung einer ungerechten (und unterm Gesichtspunkt des EU-Rechts ziemlich problematischen) Regelung gestimmt … Kein Grund zum Heulen also.
Und dann: Die Sozialdemokraten, die ja 2013 voraussichtlich wieder Juniorpartner in einer Großen Koalition werden, haben in ihrem Programm sogar die Abschaffung des Ehegattensplittings stehen! (Wäre doch eine schöne Ironie der Geschichte: Die CDU hätte jetzt für die Ausweitung des Splittings votiert, dann aber im Koalitionsabkommen womöglich der Abschaffung zugestimmt …) Regt das irgendjemanden auf? Nein, weil keiner die Sozen ernst nimmt.
Das wirklich Traurige und Ärgerliche an der ganzen Debatte aber, ob nun in der CDU oder sonstwo in Deutschland, ist in Wahrheit, dass die Frage „Ehegattensplitting auch für Homos, ja oder nein“ als das einzige homopolitische Thema gelten darf, das überhaupt noch in der Öffentlichkeit vorkommt. Darüber aber könnte man sich jetzt einmal ausnahmsweise zurecht grämen!

Sonntag, 2. Dezember 2012

Müssen Vegetarier Fleischessen für vegetarisch halten?

Über die römisch-katholische Kirche kann man immer alles behaupten, es wird immer gern geglaubt oder zumindest weitererzählt, es mag noch so unglaubwürdig sein, Hauptsache, es ist boshaft. „Homo-Ehe unterstützt: Katholische Kirche verstößt 17-Jährigen“, titelte beispielsweise im November queer.de. Ach, du heilige Inquisition!, das klingt wirklich übel. Man sieht vorm geistigen Auge geradezu eine Prozession von Männern in Kapuzenkutten, die unterwegs sind, einen Scheiterhaufen zu entzünden, auf den ein unschuldiger junger Mensch gefesselt ist, dessen einziges Verbrechen darin bestanden hat, eine vom überholten Dogma der Amtskirche abweichende Auffassung zu vertreten. Darf derlei in unserem schönen 21. Jahrhundert denn noch sein?
Leider stellt sich der Fall dann im Text unterhalb des reißerischen Titels sehr undramatisch dar. Der 17-jährige Lennon Cihak aus Minnesota habe im Vorfeld der US-amerikanischen Präsidentenwahl, bei der in seinem Bundesstaat auch eine gegen die „Homo-Ehe“ gerichtete Volksabstimmung stattfinden sollte, sich selbst neben einem verbotsbefürwortenden Plakat, das er mit einem verbotsgegnerischen Text überschriebenen habe, photographiert und das Bild auf Facebook gepostet. „Mehrere seiner Schulfreunde haben den ‘Gefällt-mir’-Button geklickt, aber nicht sein Pfarrer. Hochwürden ließ den Bub[en] wissen, dass er mit dieser politischen Einstellung kein guter Katholik sei[,] und verweigerte ihm das Sakrament der Firmung.“
Was denn, wegen dieses einen harmlosen Fotos kein guter Katholik? Das ist mal wieder typisch für diesen reaktionären Verein. Und queer.de zitiert die Mutter des Ungefirmten (nach dem „Grand Forks Herald“): „Wir kennen ja die katholischen Ansichten, aber ich hätte nie gedacht, dass jemandem die Firmung verweigert wird, wenn er kein Hunder[t]prozentiger ist. Das hat mich wirklich schockiert.“
Ach,. die Arme. Ja, wirklich, das kommt überraschend, dass diese bornierten Pfaffen erwarten, dass man das Bekenntnis zu den Lehren der Kirche, das man bei der Firmung ablegt, auch ernst nehmen müsse. Wer rechnet denn mit sowas!
Ein Schönheitsfehler des Berichtes auf queer.de ist allerdings, dass im Text von der im Titel behaupteten Verstoßung keine Rede mehr ist. Ein Firmkandidat wurde für ungeeignet befunden, gefirmt zu werden, mehr hat eigentlich nicht stattgefunden. Unter journalistischem Gesichtspunkt kommt es allerdings noch schlimmer. Denn da queer.de sich nicht die Mühe machte, bei der Recherche auch die Sichtweise der anderen, in diesem Falle: beschuldigten Seite wahrzunehmen, entpuppt sich, wenn man das nachholt, der ganze Artikel als Falschmeldung. Man könnte auch sagen: als kirchenfeindliche Hetze.
Der angebliche Bösewicht in der Geschichte stellt die Sache jedenfalls in einem entscheidenden Punkt anders dar. Pfarrer Gary LaMoine berichtete von der Angelegenheit in einem offenen Brief an seine Gemeinde. Darin heißt es, einige Firmkandidaten hätten sich entschieden, nicht in die volle Gemeinschaft mit der katholischen Kirche einzutreten, weil sie nicht mit den Lehren der Kirche hinsichtlich der Ehe übereinstimmten. Der Pfarrer hebt hervor, dass es die Entscheidung dieser Kandidaten war, nicht gefirmt zu werden, die sie ausdrücklich gegenüber einer oder mehreren Personen, die den Firmunterrichts abhielten, geäußert hatten.
Einer dieser Kandidaten habe seinen Wunsch, gefirmt zu werden, nach dem Überschmieren eines Pro-Marriage-Plakates und dem Posten einer Aufnahme davon bei Facebook zurückgezogen. Er, LaMoine, habe den jungen Mann zur Rede gestellt, warum er derlei mache, wenn doch wisse, dass er damit zentrale Lehren der Kirche über die Ehe ablehne, worauf der Junge auf persönliche Gründe für seine Ablehnung verwiesen und gesagt habe, er wolle nicht mehr gefirmt werden. Das stehe, so der Geistliche, im Widerspruch zu späteren Äußerungen des Kandidaten und seiner Familie. Es stimme aber nicht, dass, wie behauptet, das Sakrament der Firmung verweigert worden sei, vielmehr habe der Kandidat selbst Abstand davon genommen. Diese Aussage LaMoines ist insofern glaubwürdig, als er zugleich erklärt: Wenn der Firmkandidat nicht selbst auf den Wunsch, gefirmt zu werden, verzichtet hätte, hätte er, der Gemeindepfarrer, ihn von Gewährung des Firmsakramentes ausgeschlossen.
Warum sollte Hochwürden LaMoine in der Frage, ob er ausgeschlossen habe oder der Firmkandidat zurückgezogen, lügen, wenn er doch zugibt, er hätte ausgeschlossen, wenn nicht zurückgezogen worden wäre? Andererseits scheint die Familien Cihak das mediale Interesse zu genießen und der Kirche gern ans Bein zu pinkeln. Warum sie überhaupt noch weiter der katholischen Kirche angehören wollen, obwohl sie von ihr so offensichtlich nichts halten, bleibt rätselhaft. Eine Verstoßung fand jedenfalls nicht statt. Ein Firmkandidat wollte aus gutem Grund nicht mehr gefirmt werden. That’s it.
Uns selbst wenn es anders gewesen wäre, als es offensichtlich war, wenn also einem Kandidaten der Empfang des Firmsakramentes verweigert worden wäre, wieso ist das ein Problem? Und für wen?
Gehen wir die Sache grundsätzlich an: In einer pluralistischen Gesellschaft steht es jedem in fast jeder Hinsicht frei, für dieses oder gegen jenes zu sein. Wenn beispielsweise Lennon Cihak für die Homo-Ehe ist, dann ist das, zivilgesellschaftlich gesehen, sein gutes Recht. Viele, nicht alle, werden ihm zustimmen. Und wenn andererseits die katholische Kirche gegen die Homo-Ehe ist, dann ist das deren gutes Recht. Viele, nicht alle, werden ihr widersprechen.
Weder die Zustimmung der einen noch der Widerspruch der anderen macht eine Überzeugung zu einer richtigen oder falschen. Ob eine Überzeugung richtig oder falsch ist, spielt in einem die Freiheit der Meinungsäußerung schützenden Rechtsstaat auch keine Rolle hinsichtlich des Rechtes, sie zu vertreten. Und es betrifft auch nicht — und das ist der in unserem Fall entscheidende Punkt — das Recht eines Vereines, von seinen Mitgliedern zu erwarten und zu verlangen, dass sie die Überzeugungen, auf denen nach Meinung der zuständigen Vereinsinstanzen der Verein gegründet ist, teilen und ihnen nicht öffentlich widersprechen.
Um ein Beispiel zu bringen: Sollte ein Vegetarier-Verein es nicht überaus problematisch finden dürfen, wenn manche seiner Mitglieder darauf bestehen, das Essen von Fleisch müsse endlich als genauso vegetarisch gelten wie das Essen von Gemüse? Man mag die Haltung der katholischen Kirche zur Ehe für falsch halten. Das darf man auch durchaus sagen. Aber ist es berechtigt, sie zu diffamieren, weil sie von ihren Mitgliedern Konsequenz verlangt?
Ich persönlich, falls das jemanden interessiert, bin nicht Mitglied der römisch-katholischen Kirche. Aber ich achte deren Recht darauf, homosexuelle Betätigung für Sünde zu halten, wie ich auch das Recht von Vegetariern achte, Fleischverzehr für falsch zu halten, obwohl ich in beiden Angelegenheiten, Sexualität und Ernährung, ganz anderen Überzeugungen vertrete. Homosexualität nicht für Sünde zu halten hindert mich im Übrigen nicht, ein Gegner der Homo-Ehe zu sein, wie ich auch ein Gegner der Hetero-Ehe bin. Es ist eben alles nicht so einfach, wie man es sich bei queer.de denkt: Auf der einen Seite die Lesbenundschwulen, die alle für die Homo-Ehe sind, auf der anderen Seite die religiösen Reaktionäre, deren Homophobie zum Himmel schreit.
Vielmehr bedeuten Pluralismus, Meinungsfreiheit, Glaubensfreiheit eben auch: Vegetarierer müssen Fleischesser nicht als Vegetarier akzeptieren. Die katholische Kirche muss Befürworter der Ehe-Öffnung nicht firmen. Und ich darf Fleisch und Gemüse essen, Männer lieben, ohne auch nur einen von ihnen heiraten zu wollen, die Rechte eines Vereins verteidigen, dem ich nicht angehöre und dessen Überzeugungen ich nicht teile — und ich darf den Ton von queer.de unnötig schrill und geradezu hetzerisch finden, wenn es um die katholische Kirche geht.