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Montag, 28. August 2023

Warum jemand meinen Roman „Romans Erzählungen“ nicht zu Ende gelesen hat

X. erzählte mir unlängst, er habe von meinem Roman „Romans Erzählungen“ nur etwa siebzig Seiten gelesen und dann die Lektüre abgebrochen. Als Grund gab er an, er habe beim Lesen den Text immer mit meiner Stimme gehört, davon habe er sich nicht freimachen können, er habe aber nun einmal keine Lust, die sexuellen Phantasien seiner Freunde und Bekannten zu lesen.
Selbstverständlich kann man eine solche Einstellung wie die von X. banausisch, gar idiotisch finden (also unkünstlerisch und laienhaft), und sie ist es auch, doch das ändert nichts daran, dass sie nun einmal besteht und eine Lektüre verständlicherweise unangenehm und letztlich unmöglich macht. Und da ich mich als Autor für die Rezeption meiner Texte durchaus interessiere, muss ich mich auch mit einer ― aus meiner Sicht ― recht eigenartig begründeten Ablehnung befassen. Ich bin ja geradezu dankbar, wenn man mir sagt, warum man „Romans Erzählungen“ nicht liest (oder nur ungern gelesen hat). Allzu oft merke ich nur, das man schweigt.
Ehrlich gesagt, ich hatte eine solche Haltung wie die von X. gegenüber meinem Roman, als ich ihn schrieb, nicht vorhergesehen. Gewiss, er ist als Herausforderung angelegt und verlangt den Lesern und Leserinnen einiges ab, vor allem den Verzicht auf Identifikation und genüsslich konsumierbare Realitätssimulationen. Ausdrücklich wird im Roman der Wunsch zurückgewiesen, sich als Leser mit einer Figur mehr oder minder gleichzusetzen, sich in sie und ihre Erlebnisse einzufühlen und es sich in einer Scheinwelt gemütlich zu machen. Dass aber für einen Leser die Identifikation des Autors Stefan Broniowski mit den diversen „ich“ des Textes im Vordergrund stehen könnte (und womöglich auch mit manchen „er“ sowie irgendwie bezeichneten und benannten Figuren), daran hätte ich nie gedacht.
Wer liest denn so? Gewiss, jeder, den das überhaupt interessiert, weiß, dass Thomas Mann in den „Tod in Venedig“ auch persönliche Erfahrungen hat einfließen lassen. Aber deswegen ist Gustav von Aschenbach doch nicht einfach Thomas Mann, so wenig wie Thomas Buddenbrook, Adrian Leverkühn oder Felix Krull. Nicht einmal der „Marcel“ der „Recherche“ ist schlechterdings identisch mit deren Autor Marcel Proust. Solche platt biographisierende Lesart mag es geben, aber sie sind doch absurd! Wozu Literatur, wenn sie nur Verkleidung der Erlebnisse und Phantasien des Autors ist? Es wäre doch ein ziemlich bescheuertes Hobby, als Schreibender das eigene Leben zu verschlüsseln und als Lesender ein fremdes, einen eigentlich gar nichts angehendes zu entschlüsseln. Was bitte schön hätte das mit Kunst zu tun? Oder ist die Literaturgeschichte etwa bloß ein lange Reihe von verkappten Autobiographien? Spricht in all den Texten, egal, wer ausdrücklich zu Wort kommt, immer nur der Autor über sich? Und die „Odyssee“ und der „Don Quijote“? Nun, da die meisten heutigen Leser weder Homer noch Cervantes persönlich gekannt haben dürften, sind sie zum Glück davor bewahrt, die Texte „mit der Stimme“ des jeweiligen Autors hören zu müssen …
Doch selbst wenn ich meinen Roman als Hörbuch eingelesen und verbreitet hätte: Wie kommt man auf die Idee, es gehe darin um mich? Zumal der Text sich doch lang und breit damit befasst, mit Figuration und Autorschaft (und Figurationen der Autorschaft) seine Spielchen zu treiben und sie vor den Augen der Lesenden zu kritisieren, zu relativieren und in bestimmter Weise sogar bedeutungslos zu machen.
Ja, ich, Stefan Broniowski, bin es, der „Romans Erzählungen“ geschrieben hat, und ja, in den Text sind auf verschiedene Weise gewiss auch irgendwelche privaten Dinge eingeflossen. Aber weder das eine noch das andere spielt für die Lesbarkeit des Romantextes eine Rolle. Aus meiner Sicht handelt es sich bei meinem Roman vielmehr um etwas Objektives, von mir völlig Losgelöstes, um eine komplex konstruierte Ansammlung sprachlicher Ereignisse, deren Bedeutung (oder Bedeutungslosigkeit) der Leser oder die Leserin sich erst erarbeiten muss, nämlich indem er oder sie den Sinn, den es für ihn oder sie haben soll, anhand des Vorgelegten erst herstellt, um dadurch etwas über sich selbst und sein oder ihr Verhältnis zu Sprache, Literatur, Realität usw. zu erfahren.
Durch das Gespräch mit X., dem ich für seine Offenheit sehr dankbar bin, musste ich also nun feststellen, dass dieses meine Sicht vielleicht nicht falsch, aber eben nur eine mögliche ist. Eine Formulierung Foucaults aufgreifend, könnte man sagen, der Roman kann statt als Monument auch als Dokument gelesen werden. Als Psychobiographie Stefan Broniowskis. Na, viel Spaß dabei! Wozu soll das gut sein? Wen interessiert das? Warum unter den verschiedenen möglichen Haltungen ausgerechnet diese völlig unbedeutende und, wie sich gezeigt hat, letztlich kontraproduktive einnehmen? Warum eine Lesart wählen, die einem keinen Genuss und keine Anregung verschafft, sondern nur Abneigung einflößt und unweigerlich zum Abbruch der Lektüre führt?
X. sagte, er konnte nicht anders, als den Text mit meiner Stimme zu hören. Mag ja sein, aber warum? Warum den Zufall, dass er mich kennt, nicht zum Anlass für freundlich voreingenommenes Interesse am Werk nehmen, sondern sich von der Zwangsvorstellung beherrschen lassen, hier werde ihm etwas aufgedrängt, was ihn nichts angehe. Literatur hat es oft mit Innenleben und Affekten und Begierden zu tun, warum werden diese zum unerträglichen Problem, wenn man zufällig den Autor kennt, und bleiben als Elemente eines autonomen Textes lesbar, wenn man den Autor zufällig nicht kennt? Nicht etwa, wie der Text geschrieben ist, hat X. seinem Bekunden nach gestört (aber vielleicht hat er es bloß nicht erwähnt), sondern gewisse „Stellen“ darin waren ihm zu persönlich. Marquis de Sade also ja, Broniowski aber nein? (Zufällig weiß ich, dass X. Sade gelesen hat; wir taten das zur selben Zeit …)
Ein merkwürdiges Verhältnis zu Literatur. Zur Kunst überhaupt. Ich kann mir vielleicht noch vorstellen, dass X. ein Ölbild bedenklich findet, dass, sagen wir mal, eine gute Freundin von ihm nackt zeigt. Aber dass ein mit ihm befreundeter Maler Frauenakte malt oder, ein besserer Vergleich, Männerakte, die als Selbstporträts deutbar sind, das würde ihn stören? Bin ich zu harsch, wenn ich eine solche Einstellung (wie immer verständlich oder berechtigt sie sein mag) als Banausentum bezeichnen möchte?
X. sagte, er lese auch sonst nicht mehr viel, höchstens zwei, drei Bücher im Jahr. Das war früher anders, wie ich weiß. X. ist ein überdurchschnittlich gebildeter Mitteleuropäer, der sich lange Zeit für alles Möglich interessierte, auch Literatur und Philosophie; beim Philosophiestudium lernt wir einander ja auch vor über fünfunddreißig Jahren kennen. Heute, sagt X., habe er an all dem „Intellektuellem“ keinerlei Interesse mehr. Die Philosophie liege heute weit hinter ihm. Sie bedeute ihm nichts mehr. Und Literatur sei ihm nie so wichtig gewesen (obwohl ich weiß, dass es eine Handvoll Autoren gab, von denen er „alles“ gelesen hatte).
Meinen Roman hatte er also nur zu Hand genommen, weil es eben mein Roman ist. Ehrlich gesagt, ich hatte das von noch viel mehr Menschen, die mich kennen, erwartet: dass die bloße Nachricht, ich hätte einen Roman veröffentlicht, in ihnen den dringenden Wunsch wecken würde, ihn recht bald zu lesen. Das war allerdings dann so überhaupt nicht der Fall. Sogar einige von denen, den ich ein Exemplar geschenkt hatte, hüllten sich in Schweigen oder teilten nach vielen Monaten auf Nachfrage mit, sie seien noch nicht zum Lesen gekommen oder noch lange nicht damit fertig …
Wie auch immer. Ich bin in solchen Fällen ― und es gibt erfreulicherweise auch ganz andere! ― weder beleidigt oder gekränkt, sondern nur verwundert. Mir selbst geht es da nämlich anders. Wann immer ich erfahre, dass jemand, den ich kenne und schätze, etwas Neues geschrieben hat, besorge ich es mir und lese es. (Es wäre denn ein Krimi.) Vielleicht „höre“ ich den Betreffende dann auch beim Lesen und beziehe Textpassagen auf das Wissen, das ich über ihn zu haben meine. Nur hat das keinen Einfluss darauf, ob mir der Text gefällt oder nicht, ob ich ihm etwas abgewinnen kann oder nicht, und was ich von dem Werk insgesamt halte. Zumindest ist das die Einstellung, die ich haben will; und wenn ich entdeckte, dass es anders wäre, versuchte ich, etwas daran zu ändern. Man ist doch als Leser nicht der Sklave seiner Erwartungen und Vorannahmen! Man ist vielmehr gebildet und wahrt kritisch-ironische Distanz.
X. jedenfalls hat sich entschieden, nach nicht einmal einem Sechstel des Romans nicht mehr weiterzulesen. Ausdrücklich genannt hat er als Grund die „sexuellen Phantasien“, die er nicht lesen wolle (weil er sie für meine hält). Von den intellektuellen Spielereien, mit denen der Text gespickt ist, und die X. als Ex-Philosophen und Ex-Intellektuellen doch auch zuwider sein müssten, war, warum auch immer, in unserem Gespräch keine Rede. Darum will ich hier über die zur Rede stehenden Textabschnitte noch ein paar grundsätzliche Dinge sagen.
Selbstverständlich handelt es sich bei den Darstellungen sexueller Handlungen, die den Text durchsetzen, keineswegs um meine privaten sexuellen Phantasien. Und selbst wenn sie derlei wären: Es ist vollkommen belanglos, woher ich den Stoff bezogen habe, diese Passagen sind literarische Konstrukte wie alle anderen Passagen des Romans auch. Sie sind bewusst weder pornographisch noch „erotisch“ gestaltet, sondern in ihrer sprachlichen Einfachheit und Gleichförmigkeit, in ihrer Knappheit und Wiederholbarkeit im Grunde nur Belege für Foucaults berühmten Satz: „Sex ist langweilig.“
Aber selbstverständlich haben sie noch eine andere Funktion als die zu langweilen: Sie sollen offensichtlich provozieren. Als explizite Darstellungen von Sexualakten von Männern mit Männern stellen sie den Leser und die Leserin, und zwar relativ unabhängig von der jeweiligen sexuellen Orientierung,  auf den Prüfstand: Was macht das mit dir? Was löst es aus: Scham, Ekel, Langeweile? Oder doch Geilheit? Sex ist etwas, darf man annehmen, was im Leben vieler eine grolle Rolle spielt. Und irgendwo treibt es dauernd ein Mann mit einem anderen (oder triebe es gern). Trotzdem wird dieser Teil der sozialen Realität zumeist weder literarisch noch sonstwie repräsentiert. Er bleibt marginal und exzeptionell (oder ins Pornographische verbannt).
Auch die aufgeklärte, tolerante, queerfreundliche Gesellschaft hält schwulen Sex nach wie vor auf Abstand. Kulturell dominant sind die Repräsentationen heterosexuellen Begehrens. Darum käme niemand auf die Idee, einen Roman, in dem Männer mir Frauen, Frauen mit Männern Sex haben, als „heterosexuelle Literatur“ zu bezeichnen. Was aber, wenn es im Text Männer mit Männern treiben? (Vgl. S. 309 ff.)
Wenn also ein Leser sich von den „Sex-Szenen“ meines Romans „Romans Erzählungen“ herausgefordert fühlt und ihretwegen die Lektüre abbricht (obwohl er doch einfach über sie hinweglesen könnte, der Text besteht ja zu mehr als 85% aus anderem), so ist er an der bewusst eingebauten Herausforderung gescheitert. Und ich würde ihm raten, sich zu fragen, warum eigentlich ― statt sich bequem darauf zurückzuziehen, er wolle sowas halt nicht lesen.
Wohlgemerkt, jeder Leser, jede Leserin hat das Recht, meinen Roman „Romans Erzählungen“ schlecht zu finden, bescheuert, lächerlich, wichtigtuerisch, manieriert, verfehlt, geschmacklos, aufdringlich usw. usf. Aber er ist, so meine ich, auf jeden Fall eines: ein Angebot, über das man nachdenken kann. Warum gefällt einem daran dieses, aber jenes nicht? Was soll das alles? Welche Erwartungen hat man und was folgt daraus, wenn sie nicht erfüllt werden? Wie geht man mit Herausforderungen um, mit Überraschungen, mit Langeweile, mit Überforderung?
Wie X. mit „Romans Erzählungen“ umgegangen ist, weiß ich ja nun, zumindest in groben Zügen. Hoffentlich hält dieser Blog-Text hier niemanden davon ab, mir seinerseits zu berichten, wie es ihm mit dem Roman ergangen ist. Ich schreibe doch nicht für mich. Schon gar nicht, um lediglich private Passionen auszuleben. Ich schreibe, um der anderen willen. ― Lest! Spürt! Ahnt! Lacht! Ärgert euch! Denkt nach! Denkt noch einmal nach! Ändert euer Leben!

Freitag, 23. September 2022

Helmut Kronstetter: Rezension von Stefan Broniowskis „Romans Erzählungen“

Dieser Roman ist misslungen. Falls man überhaupt von einem Roman sprechen kann, also einem Beitrag zur narrativen Belletristik. Oder handelt es sich lediglich um eine lose und wirre Aneinanderreihung von Sätzen? Aber der Verfasser hat seinem Text die Bezeichnung „Roman“ gegeben, also belassen wir es fürs Erste dabei.
Ob ein literarischer Text gelungen oder misslungen ist, bemisst sich selbstverständlich zunächst und vor allem an seinen eigenen Ansprüchen und daran, ob und wie er diesen gerecht wird. Welches die Ansprüche des vorliegenden Textes sein könnten, bleibt unerfindlich. Die herkömmlichen Ansprüche eines Romans scheinen es jedenfalls nicht zu sein, es soll offensichtlich nicht eine Geschichte (oder auch mehrere) erzählt werden, von irgendeinem Anfang zu irgendeinem Ende, mit Haupt- und Nebensträngen des Erzählens, mit Haupt- und Nebenfiguren, mit mehr oder minder anschaulichen Beschreibungen und anregenden Gedanken.
Schon der Titel des Textes ist fragwürdig. „Romans Erzählungen“ ― soll das heißen, dass jemand namens Roman erzählt (hat), oder aber, dass ein literarisches Werk erzählt (wird) oder aus Erzählungen besteht? Soll also die erste oder die zweite Silbe von „Roman“ betont werden? Der Verfasser scheint beides für möglich zu halten und nichts von beidem zu bestätigen. Oder sogar beides. Fast scheint es überflüssig zu erwähnen, dass im ganzen Roman keine Figur namens Roman vorkommt, außer an der einen Stelle, an der erwähnt wird, dass im ganzen Roman an keiner Stelle eine Figur namens Roman vorkommt …
Die sichtbare Gliederung des umfangreichen Textes ist ausgesprochen bizarr: 153 Kapitel mit, man kann es nachzählen, insgesamt 969 Abschnitten. Dabei dürfte irgendeine Zahlensymbolik eine Rolle spielen, auch wenn man ohne weitere Hinweise (die es nicht gibt) nicht erraten kann, welche. Die Abschnitte sind von unterschiedlicher Länge und also auch die Kapitel. Kaum einmal haben zwei aufeinander folgende Abschnitte etwas miteinander zu tun, die Gliederung in Kapitel scheint zudem willkürlich. Sowohl die Verteilung der Figuren, der Erzählweisen und der Themen und Motive scheint zwar irgendeiner vorab ausgeklügelt Ordnung zu erfolgen, aber es bleibt beim besten Willen völlig unerkennbar, welcher. Der Verfasser dürfte es darauf angelegt zu haben, durch gewisse formale und inhaltliche Festlegungen möglichst große Unordnung zu erzeugen. Das immerhin ist ihm recht gut gelungen.
Der Stil, die Sprache, die Machart des Textes sind mehr oder minder gleichförmig. Eher schlicht als elaboriert, eher grau als vielfarbig. Die eingestreuten Darstellungen sexueller Handlungen zum Beispiel, allesamt übrigens solcher zwischen Männern, sind weit entfernt davon, pornographisch zu sein, dafür sind sie zu wenig erregend, zu wenig plastisch, zu wenig an die Affekte des Leser appellierend; und das gilt mutatis mutandis für alle übrigen Textstücke auch: Es wird nicht unmittelbar die Vorstellungs- und Einbildungskraft oder das Einfühlungsvermögen des Lesers angesprochen, sondern lediglich an den Intellekt appelliert. Die Texte schwanken dabei zwischen Ironie und Naivität, ohne dass die eine von der anderen immer zu unterscheiden wäre.
Nebenbei: Was der Sinn besagter „Sexszenen“ sein soll, bleibt völlig offen. Sie stehen wie Fremdkörper zwischen den Textstücken. Ein Zusammenhang mit anderem Erzählten lässt sich nahezu nie herstellen. Und wenn doch, lässt sich kaum sagen, worin er bestehen und was er zum Ganzen beitragen soll. Geht es um Sagbarkeit und Unsagbarkeit? Die Ausstellung von Intimität, um sie umso besser hinter Wörtern zu verbergen? Die Darbietung reiner Akte, die ansonsten nichts mit dem Roman zu tun haben?
Jedenfalls trägt der Sex zur Romanhandlung nichts bei. Wie auch? Es gibt ja gar keine wirkliche Handlung des Romans, auch wenn sich etwa anhand wiederkehrender Figuren gewisse Handlungsstränge abzeichnen; geht man dem freilich im Detail nach, erkennt man allerhand Lücken und Widersprüche. Man könnte auch von einem Durcheinander schier unzähliger Erzählungen sprechen, die oft irgendwo anfangen, ohne irgendwo zu enden. Oder die enden, ohne je richtig begonnen zu haben. Im Roman selbst ist von Romanen die Rede, die, wenn man es richtig versteht, Teile des Ganzen sind; vielleicht handelt es um mehr oder minder nicht zu Ende gebrachte Texte des Verfassers, die er hier sozusagen einer Resteverwertung zugeführt hat. Dagegen wäre für sich genommen nichts einzuwenden. Nur dass die Reste, wenn es denn welche sind, zu nichts Halbem und nichts Ganzem verarbeitet wurden, sondern nahezu beliebige Einlagen in der trüben Suppe des Gesamtromans bilden.
Es gibt keine Handlung des Romans, so könnte man es also auch formulieren, weil es zu viele gibt. Ein Junge verliebt sich in einen anderen, ein älterer Mann in einen jüngeren, der ihm aber merkwürdig fern bleibt, einer unternimmt Reisen mit einem seltsamen Wissenschaftler, ein anderer mit einem nicht weniger seltsamen osteuropäischen Aristokraten, zwei phantastischen Gestalten, wie sie im Buche stehen, ein weiterer gerät in allerhand seltsame Situationen, die ihn einem Geheimnis auf der Spur sein lassen, vier junge Ratten erleben diverse Abenteuer und werden zu Helden, einer findet sich in einer fremden Welt wieder, bestaunt deren Andersheit und besteht einen großen Kampf. So weit so banal. Man meint, irgendetwas davon schon gelesen zu haben, nur besser, weil eindrucksvoller und mitreißender erzählt. Und vor allem vollständig ausgeführt und nicht so bruchstückhaft, lückenhaft, ungereimt.
Aber um seine Geschichten, und neben den eben erwähnten gibt es noch jede Menge anderer, schert sich der Roman nicht eben viel. Er kümmert sich sozusagen ausschließlich um sich selbst. Wenn es in diesem Text überhaupt ein durchgehaltenes Thema gibt, dann ist das das Schreiben als solches und das Schreiben von Romanen im allgemeinen und des vorliegenden Romanes im besonderen. Der Ort dafür ist vorzugsweise irgendein Kaffeehaus. Man könnte sich vorstellen, einer habe über längere Zeit nichts anders getan, als alles aufzuschreiben, was ihm, im Café sitzend, durch den Kopf ging, wozu dann eben nicht zuletzt das Nachdenken über das Schreiben und das Nachdenken über das Nachdenken gehört hat …
Der Verfasser interessiert sich nicht im mindesten für die Figuren, die er vorkommen lässt. Keine von ihnen wird anschaulich, zumal kaum eine überhaupt auch nur beschrieben oder charakterisierend vorgestellt wird. Die meisten haben mehr oder minder dieselbe Sprechweise, die die Schreibweise ihres Erfinders sein dürfte. Der damit seine Figuren einfach zu austauschbaren Sprachrohren dessen macht, was er zufällig gerade sagen will. Darum sind es lauter Papiertiger und Pappkameraden, keine Vorführungen von Menschen aus Fleisch und Blut ― aber das auch das sagt eine von ihnen, wenn der Rezensent sich richtig erinnert, an irgendeiner Stelle ganz ähnlich schon selbst.
Der Roman ist nicht welthaltig, weil die einzige Wirklichkeit, die er zu kennen scheint, die des Gespräches ist, wohl eines Selbstgespräches mit verteilten Rollen, eines Gespräches, in dem es nur um das Sprechen und Gesprochenhaben als solches geht. Zwar werden im Roman viele Orte erwähnt, allerhand europäische Städte werden als fast austauschbare Schauplätze herumgereicht, aber im Grunde verlässt das Erzählen nie den Kaffeehaustisch, an dem es sich so gemütlich sitzen und über Gott und die Welt philosophieren lässt.
Ein Philosophieren und Theologisieren, nebenbei bemerkt, das dem Rest des Textes mehr oder minder willkürlich untergeschoben wird und sich allzu häufig nicht organisch mit ihm verbindet. Was allerdings für andere Textsorten, die in diesem, sit venia verbo, Sauhaufen von einem Roman vorkommen, ebenfalls gesagt werden muss.
Kurzum, es gibt schon deshalb keine Handlung und kein Thema des Romans, weil es im strengen Sinne keinen Roman gibt. Nichts rundet sich, weniges verknüpft sich, es gibt Andeutungen von Zusammenhängen, aber das können auch falsche oder zumindest verwischte Spuren sein und nichts kommt zu einem befriedigenden Abschluss. Dazwischen taucht allerhand erratisches Material auf, von dem schwer zu sagen ist, welche Funktion es hat, wenn es denn überhaupt eine haben soll. Nämlich eine andere als die, gewollt funktionslos zu sein.
Gegenstand des Romans, könnte man großzügigerweise sagen, ist das Stattfinden des Romans selbst. Soll man dieses Spiel der Selbstreferenzialität als postmodern deuten? Oder als postpostmodern? Gar postpostpostmodern? Handelt es sich um ein Erzählen und Nichterzählen um des Nichterzählens und Erzählens willen? Aber was soll das? Warum schreibt man derlei? Nur, um es geschrieben zu haben? Doch warum und wozu soll jemand das lesen?
Je mehr man sich in solche Fragen verstrickt lässt, desto mehr scheint man sich in den Roman selbst zu verstricken. Als ob der Rezensent auch nur eine weitere Figur des Textes wäre, wie es schon der Verfasser und der Leser ausdrücklich sind, ja sogar die Erzählung selbst tritt in der „Romans Erzählungen“ als Figur auf. Wenn diese blutleeren Gedankenspiele genau das waren, worauf der Verfasser hinauswollte, dann ist es ihm gelungen. Sein Roman ist, grobianisch gesprochen, eine einzige Hirnwichserei, ein intellektualistischer Amoklauf, ein Unterlaufen literarischer Normen und Konventionen auf gar nicht so hohem Niveau. Im Ansatz, wie man wird zugeben müssen, nicht unbedingt neu, dafür in der Ausführung erstaunlich kunstlos. So gesehen wären die Ansprüche, die der vorliegende Text für sich formulieren könnte, vollkommen erfüllt und der Roman durch und durch gelungen
 
Helmut Kronstetter ist ein Pseudonym Stefan Broniowskis. Den Roman „Romans Erzählungen“ gibt es allerdings wirklich.

Samstag, 17. September 2022

In eigener Sache

 


Mein Roman „Romans Erzählungen“ ist erschienen. Er kann ab sofort direkt bei BoD.de oder bei jedem anderen Buchhändler bestellt werden. Die ISBN lautet 978-3-75-682198-3.