Donnerstag, 8. Oktober 2026

Notiz zur Zeit (272)

So geht Dschurnalismus: Die entscheidende Frage ist immer, ob Proteste friedlich sind. Auf Sachthemen hingegen darf man sich gar nicht erst einlassen. Irgendwas haben die Leute ja immer zu meckern. Aber Ausschreitungen? Feuerwerk? Verletzte oder beleidigte Polizisten?
 
Unterdessen sitzt Macron im Bunker und überlegt, ob er Wenck zum Premierminister ernennen soll.
 
Kollaps des Bildungssystems? Daran auch nur zu denken, ist Ruhestörung.

Bildung wollen sie? Was für Streber! Seht uns an, sagen die Alten, wir hatten auch keine Bildung, und, wie stehen wir heute da?
 
Unterdessen reiben sich die Nationalisten sich die Hände. Inkompetenz, Aufruhr, Gewalt, da kriegen die Leute so schön Angst ― und hübsch sind diese frechen jungen Leute auch noch! ―, dass sie ganz arg dumpf wählen möchten.

Drei Philosophen

Als ich damals nur recht wenig von X. wusste, fand ich ihn furchtbar. als ich dann jedoch später mehr über ihn erfuhr, fand ich ihn noch viel furchtbarer.
 
Immer wieder rühmte man mir im Laufe der Jahre Y. Mit dem müsse ich mich befassen, hieß es. Aber die Gründe der Begeisterung, die ich erraten zu können meine, machen es mir zur Gewissheit, dass ich um so weniger von Y. hielte, je mehr ich mich mit ihm beschäftigte.
 
Lange Zeit hatte ich Z. ignoriert, wohl wissend, was er vielen bedeutete. Ich kam gut ohne ihn aus. Nachdem ich mich nun aber doch einmal ein wenig auf ihn eingelassen habe, weiß ich mich darin bestätigt, dass ich Recht damit hatte, Z. zu ignorieren. Früher war er mir egal. Aber ab jetzt verabscheue ich ihn.

Mittwoch, 7. Oktober 2026

Unzufriedenheit

Dass die Leute unzufrieden sind, steht außer Frage. Wie könnte man denn auch mit dem, was ist, zufrieden sein? Dazu müsste man ein Schwein sein, das von dem, was nicht sein soll, profitiert, dass also Scheiße baut und Scheiße verkauft und Scheiße frisst.
Unzufriedenheit ist ein Bedingung der Moderne diesseits des Profits, der Euphorie und Ablenkung. Wer nicht unzufrieden wäre, bekäme nicht mit, was Sache ist und seine Rolle darin. Unzufriedenheit wäre darum auch eine Bedingung, um zu Einsicht zu gelangen und etwas verändern zu wollen.
Aber am schlimmsten sind darum die, die die damit zufrieden sind, unzufrieden zu sein. Die sich in ihrer Unzufriedenheit eingerichtet haben und deshalb gar keine wirkliche Veränderung wollen, die im Gegenteil die Unzufriedenheit brauchen, um wie gewohnt weiterzumachen, um alles so zu lassen, wie es ist, oder es schlimmer werden zu lassen, weil ihre Unzufriedenheit neue Nahrung braucht. Auch diese Konformisten des Ressentiments sind Profiteure, die unzufrieden sind, weil sie funktionieren, und die funktionieren, weil sie unzufrieden sind.
Unzufrieden kann jeder Dummkopf sein. Aber wem nützt seine Unzufriedenheit? Wer nützt seine Unzufriedenheit, um etwas zu ändern? Dazu, etwas zum Besseren zu verändern, statt aus Groll und Lebensleere heraus weiterzumachen und alles noch übler werden zu lassen, bis aus Unzufriedenheit Verzweiflung und aggressiver Nihilismus wird, der ganz zufrieden damit, wenn alles kurz und klein geschlagen wird?
„Rechts“ zu wählen ist Terrorismus von unten. Der nicht mit Bomben und Geiselnahmen operiert, sondern mit dem Wahlzettel. Aber mit einer vergleichbaren Lust am Schrecken, am höhnischen Machtgefühl der Selbstgerechten, die nichts bewirken als Feindschaft, Unrecht, Mord und Drohung. Wählen, damit nichts besser wird. Aber vielleicht irgendwie doch anders, nämlich die eigene Wut und zugleich das Überlegenheitsgefühl imaginärer Gemeinschaftlichkeit bestätigend. Wir sind wer und es liegt an uns. Und wenn alle dabei draufgehen.
Noch schlimmer als die mit der Unzufriedenheit Zufriedenen sind also die, die mit dieser selbstgefälligen Unzufriedenheit sehr zufrieden sind, weil sie von ihr profitieren. Die nämlich ein Geschäftsmodell darauf gründen, Ressentiments zu stimulieren und kollektiven Willen zur Destruktion in Wählerstimmen zu transformieren. Das sind die eigentlichen Schweine, die die armen Schweine Scheiße fressen lassen, um selbst besser an den Trog der Macht zu kommen.

Dienstag, 6. Oktober 2026

Die Zukunft war früher besser

Als einst die Optimisten darüber phantasierten, wie herrlich es werden würde, wenn erst die Maschinen den Menschen die Arbeit abnähmen, da ging es um schwere, gefährliche, schmutzige, geistlose und entwürdigende Tätigkeiten. Die sollten, so der Wunsch, den Robotern vorbehalten sein, während die Menschen, sofern sie überhaupt noch arbeiten wollten, ihr kreatives Potenzial frei und lustvoll entfalten sollten.
Doch seltsam: Heutzutage, wo die Robotik auch in Fabriken weit fortgeschritten ist, arbeiten immer noch Menschen in Bergwerken, auf Ölfeldern, in Fabriken für Massenprodukte, als Kanalräumer und Straßenreiniger usw. usf. Von all den Bauern und Fischern in den wenig industrialisierten Weltgegenden ganz abgesehen.
Die sich früher schon über die Zukunft ganz genau Bescheid wussten, sagten für heute schon längst fliegende Autos voraus. Gekommen sind Fahrradkuriere, die essen ausliefern, ein Mangel an Ladestationen für E-Autos und eine in Dysfunktionalität versinkende Bahn.
Als große Errungenschaft unserer Zeit gilt es hingegen, dass sogenannte „künstliche Intelligenz“ den Menschen das Lesen und Schreiben abnimmt, längst auch das kreative, dass man im Kundendienst von Firmen und beim Zugang zu Behörden und anderen Instanzen von unnahbaren Programmen abgewimmelt wird, dass man mit realitätslosen Bildchen und Filmchen bespaßt und betrogen wird … Viele freuen sich auf Telemedizin und darauf, dass die Alten und Kranken von Robotern gepflegt werden, während man die Einsamen mit Roboterhaustieren, Roboterenkeln und Sexrobotern abspeist. ― Tapfere neue Welt der Zombies und ihrer maschinellen Herren!

Montag, 5. Oktober 2026

„Unsere Demokratie“

Man hat ihnen das Wahlrecht gewährt, aber sie haben nichts daraus gemacht. Außer das zu wählen, was nichts ändern. Und allenfalls noch Populisten, die alles noch schlimmer machen. Weder von den Unterschichten, der sogenannten Arbeiterklasse oder Frauen gingen jemals irgendwelche politische Impulse aus, die die Gesellschaft verändert und sich so von dem unterschieden hätten, was „weiße männliche Bürger“ auch so hinbekommen hatten.
Wir leben in einer Demokratie, heißt es immer. Da fragt man sich schon, warum zum Frauen, die sic doch immer für benachteiligt halten und darum Sonderrechte fordern, diese Forderungen immer an Männer richten, die sie ihnen erfüllen sollen, statt einfach entsprechend zu wählen. Sie sind doch in der Mehrheit.
Das Wahlrecht der Untertanen ist ein Mittel zu ihrer Beherrschung, sonst nichts. Indem man den Leuten einredet, sie selbst seien es ja, die alles entschieden, hält man sie davon ab, die wirklichen Entscheidungen derer in Frage zu stellen (oder sich auch nur bewusst zu machen), die wirklich an der Macht sind. Einer Macht, die nicht zur Disposition steht, schon gar nicht durch das Herumwählen der Untertanen.
Die real existierende Demokratie ist, könnte man sagen, eine Verschwörung zum Zwecke der Verhinderung freier, gemeinschaftlicher Selbstbestimmung ― also dessen, was Demokratie im Prinzip zu sein vorgibt,. in der Realität aber nicht ist. Es handelt sich um eine offen zu Tage liegende Verschwörung, die gerade darum unsichtbar bleibt, zumal berufsmäßige und sich selbst berufende Schwätzer unentwegt zu Ablenkungszwecken von Demokratie faseln, als ginge es dabei nicht um Entmündigung, Raub und Betrug, sondern um ernstzunehmende Verfahren, den „Volkswillen“ zu ermitteln und einzusetzen.
Real existierende Demokratie funktioniert nur dann im Sinne ihrer Erfinder und Betreiber, wenn es gelingt, die Leute dazu zu bringen, entgegen ihren Interessen zu wählen. Also nicht Solidarität, Gerechtigkeit, Umweltschutz, allgemeinen Wohlstand und freies Miteinander, sondern Konkurrenz, Ausbeutung, Zerstörung, Unterdrückung, Manipulation, Bespaßung und Ungleichheit.
„Unsere Demokratie“, sagt ihr, und ich lache. Aber es ist kein Scherz, stelle ich fest, ihr meint das ernst. Ihr glaubt wirklich daran, dass das politische System euer eigenes ist und um euretwillen funktioniert. An diesem Glauben haltet ihr fest und beschwört ihn, allen gegenläufigen Erfahrungen zum Trotz. Wobei für einen mündigen Menschen die entscheidende Erfahrung sein sollte, dass sich durch Wahlen nichts ändert. Dass man wählen kann, wen und was man will, dass dann aber irgendwelche korrupten, inkompetenten Statthalter des Kapitals regieren. Wer das nicht mitbekommen hat oder wer es leugnet oder herunterspielt, hat sein Wahlrecht völlig umsonst.