Was für ein Sieg! Über mich selbst. Ich habe Hasenfleisch gegessen. ― Aber zunächst die Vorgeschichte: Für einige Jahre in meiner Kindheit war meine Familie alles andere als wohlhabend. Anders gesagt: Wir waren arm. Nein, niemand musste hungern, frieren oder in Lumpen gehen. Aber das Geld war knapp. Wir Kinder entbehrten nichts. Wir hatten zu essen, ein Dach überm Kopf, Kleidung, Schulsachen, Spielzeug, Süßigkeiten. Und auch unseren Eltern ging es, denke ich gut, gut. Nur waren eben keine großen Sprünge drin (es gab zum Beispiel keine Waschmaschine und übrigens auch kein Badezimmer: Österreich in den 70ern … ) und jeder Schilling wurde zweimal umgedreht.
Eines Tages nun schenkte mir meine Tante ein Albino-Kaninchen, das ich Schnucki nannte. Ich liebte das Tier innig, auch wenn es mich immer kratzte und gerne anpisste, wenn ich es auf den Arm nahm, um es zu streicheln; nun ja, Liebe erträgt viel. Für Schnucki wurde jedenfalls in einem Gartenhaus, das seit jeher in altösterreichischer Manier Lusthaus genannt wurde, ein Stall gebaut. Wie es dann kam, dass es weiterging, wie es weiterging, weiß ich nicht mehr. Denn es wurde nicht nur der Stall für Schnucki gebaut, sondern weitere Ställe, es wurden weitere Kaninchen angeschafft, die sich naturgemäß wie die Karnickel vermehrten. Ernährt wurden sie mit säckeweise in der Umgebung (nicht zuletzt auf einer an den Rändern herrlich bewachsenen Großbaustelle) gesammeltem Löwenzahn und anderem leckeren Grünzeug.
Der Zweck der Kaninchenzucht war Fleischbeschaffung. Schnucki starb eines friedlichen Todes, aber die anderen Tiere wurden regelmäßig geschlachtet. Bei der Tötung selbst, die ein angeheirateter Großonkel, ein gewesener Wehrmachtssoldat, vornahm, durfte ich nicht dabei sein, aber die toten Tiere, die tropfenden Bälger an der Wäscheleine und die Schüsseln voller Blut sah ich und werde ich auch nie vergessen. Aber nicht dass hat mich traumatisiert, überhaupt nichts, sondern das, was folgte.
Das billig beschaffte Fleisch wurde eingefroren und nach und nach verarbeitet. Einmal in der Woche gab es, meist sonntags, Hasenschnitzel oder Hasengulasch. Woche für Woche. Monat für Monat. Ein paar Jahre lang. ― Den sprachlichen Unterschied von Hase und Kaninchen ignorierte meine Familie übrigens strikt. Später wurde ich, wenn ich Dritten die Geschichte erzählte, oft belehrt es gebe da einen Unterschied. Heute weiß ich, es ist keiner der zoologischen Systematik, beide sind „Hasen“ und „Hasenartige“ …
Als Kind beschwerte ich mich selbstverständlich nie, dass praktisch kein anderes Fleisch auf den Tisch kam ― vielleicht war es auch nur im Rückblick so. Es musste sowieso gegessen werden, was auf den Teller kam. Aufgegessen. Aber seit dem Ende dieser Hasenfleischzeit, seit ich also etwas über neun Jahre alt war, aß ich nie wieder Kaninchen (oder Hase). Der Geschmack, an den ich mich zu erinnern meinte, war für mich der von Armut. Und die war zum Glück überwunden (mein Vater verdiente als Arbeitsmigrant recht gut). Jahrzehntelang erklärte ich darum, ich äße eigentlich alles, nur nicht Erbswurstsuppe und Hasenfleisch.
Vor vielen Jahren las ich bei einem Schriftsteller, leider vergaß, bei wem, er kenne die Wörter für „Hase“ und „Kaninchen“ in so ziemlich allen Kultursprachen, damit er derlei im Restaurant nicht versehentlich bestelle. Das sei für ihn der Geschmack der Armut seiner Kindheit. Ich hatte einen Leidensgenossen gefunden, und es gab weitere. Pour moi, s'il vous plaît, ni lièvre ni lapin. Merci.
Doch bei mir ist das mit dem Mögen und Nichtmögen, wie könnte es anders sein, reichlich seltsam. Wenn mir etwas nicht schmeckt, nämlich ganz und gar nicht schmeckt, will ich wissen, warum das so ist und ob es nicht anders sein könnte. Koriander zum Beispiel. Nicht die gemahlen Samen als Gewürz, sondern die Blätter als Zutat. Als ich vor vielen Jahren zum ersten Mal beim Chinesen ein Gericht mit grünem Koriander aß, dachte ich, ich müsse kotzen. So etwas Widerliches. Ich wusste zunächst gar nicht, was es war. Aber ich bekam es heraus (als ich im thailändischen Restaurant die Petersilie aus der Suppe fischen musste, die aber gar keine Petersilie war, wie ich erfuhr, sondern eben Koriander). Seither mied ich das Zeug. Meine Forschungen ergaben, dass die Abneigung gegen Koriander genetisch bedingt sei. Für manche schmeckten die Blätter wie Petersilie oder irgendein anderes Gewürzkraut, hieß es, für manche aber unerträglich seifig. Nun, seifig fand ich Koriander gar nicht. Er schmeckte für eher nach Autoreifen (nein, ich habe keine gekostet, sondern meine: so wie diese riechen, wenn sie erzeugt werden). Viele Jahre also bitte kein Koriander für mich. Danke. Bis ich mir eines Tages beim Portugiesen meines Vertrauens ganz bewusst Koriandersuppe bestellte. Die war köstlich! Von wegen Gene! Was mir schmeckt oder nicht, entscheide ich selbst, nicht irgendwelche Chromosomen. Später kaufte ich mir in der (wie ich sie nenne) Migrantenecke eines Supermarktes eine Koriander-Paste, die scharf, aber wohlschmeckend war. Ich hatte etwas überwunden.
Zurück zum Hasen. Der Herbst ist die Wildpretzeit. Ich bevorzuge zwar Wildschwein, Fasan, Rebhuhn oder Reh, aber als ich im Hinblick auf einen bevorstehenden Restaurant-Besuch auf der Karte „Feldhasen nach Großmutterart mit Semmelknödeln und Preiselbeeren“ sah, fasste ich den Plan, mich von meine Trauma, das vielleicht nur ein Phantasma war, zu befreien.
Und heute also geschah es. Ich aß Hasenfleisch. Sagen wir so: Muss ich nicht haben. Es gibt Leckereres. Aber es war auch nicht abstoßend. Kann man essen. Kann ich essen. Mit anderen Worten: Ich habe über mich selbst triumphierte. Ich darf mir sagen: Ich bin nicht der Sklave meines Geschmacks oder dessen, was ich dafür halte, meiner zufälligen Vorlieben oder Abneigungen. Ich lasse mich auf Neues ein und auf Altes, egal, wie frühere Erfahrungen waren. (Vielleicht ist es ja diesmal anders.)
Ich gebe zu, ich bin ein bisschen stolz auf mich. Ich gehöre sowieso nicht zu den Mäkeligen, die dies nicht mögen und das nicht. Schon gar nicht zu denen, die sich (ohne jede medizinische Notwendigkeit einreden) sie könnten nicht, sie sollten nicht, sie dürften nicht. Es gibt gewiss sinnvolle und erforderliche Diäten (wer Zöliakie hat, muss Gluten meiden, bei anderen ist es Spinnerei). Aber aus gesunden Zutaten auf bekömmliche und schmackhafte Weise zubereitete Speisen abzulehnen, weil es dem eigenen style widerspricht, ist bescheuert. Manchen, so scheint mir, schmeckt dies und das bloß deshalb nicht, weil sie sonst gar keine Persönlichkeit vorzuweisen hätten. Wenn man schon ein Nichts ist, lebt man immerhin vegan. Wie auch immer, mir sei das ferne. Ich bin dankbar für jedes gute Essen. Mahlzeit!
Eines Tages nun schenkte mir meine Tante ein Albino-Kaninchen, das ich Schnucki nannte. Ich liebte das Tier innig, auch wenn es mich immer kratzte und gerne anpisste, wenn ich es auf den Arm nahm, um es zu streicheln; nun ja, Liebe erträgt viel. Für Schnucki wurde jedenfalls in einem Gartenhaus, das seit jeher in altösterreichischer Manier Lusthaus genannt wurde, ein Stall gebaut. Wie es dann kam, dass es weiterging, wie es weiterging, weiß ich nicht mehr. Denn es wurde nicht nur der Stall für Schnucki gebaut, sondern weitere Ställe, es wurden weitere Kaninchen angeschafft, die sich naturgemäß wie die Karnickel vermehrten. Ernährt wurden sie mit säckeweise in der Umgebung (nicht zuletzt auf einer an den Rändern herrlich bewachsenen Großbaustelle) gesammeltem Löwenzahn und anderem leckeren Grünzeug.
Der Zweck der Kaninchenzucht war Fleischbeschaffung. Schnucki starb eines friedlichen Todes, aber die anderen Tiere wurden regelmäßig geschlachtet. Bei der Tötung selbst, die ein angeheirateter Großonkel, ein gewesener Wehrmachtssoldat, vornahm, durfte ich nicht dabei sein, aber die toten Tiere, die tropfenden Bälger an der Wäscheleine und die Schüsseln voller Blut sah ich und werde ich auch nie vergessen. Aber nicht dass hat mich traumatisiert, überhaupt nichts, sondern das, was folgte.
Das billig beschaffte Fleisch wurde eingefroren und nach und nach verarbeitet. Einmal in der Woche gab es, meist sonntags, Hasenschnitzel oder Hasengulasch. Woche für Woche. Monat für Monat. Ein paar Jahre lang. ― Den sprachlichen Unterschied von Hase und Kaninchen ignorierte meine Familie übrigens strikt. Später wurde ich, wenn ich Dritten die Geschichte erzählte, oft belehrt es gebe da einen Unterschied. Heute weiß ich, es ist keiner der zoologischen Systematik, beide sind „Hasen“ und „Hasenartige“ …
Als Kind beschwerte ich mich selbstverständlich nie, dass praktisch kein anderes Fleisch auf den Tisch kam ― vielleicht war es auch nur im Rückblick so. Es musste sowieso gegessen werden, was auf den Teller kam. Aufgegessen. Aber seit dem Ende dieser Hasenfleischzeit, seit ich also etwas über neun Jahre alt war, aß ich nie wieder Kaninchen (oder Hase). Der Geschmack, an den ich mich zu erinnern meinte, war für mich der von Armut. Und die war zum Glück überwunden (mein Vater verdiente als Arbeitsmigrant recht gut). Jahrzehntelang erklärte ich darum, ich äße eigentlich alles, nur nicht Erbswurstsuppe und Hasenfleisch.
Vor vielen Jahren las ich bei einem Schriftsteller, leider vergaß, bei wem, er kenne die Wörter für „Hase“ und „Kaninchen“ in so ziemlich allen Kultursprachen, damit er derlei im Restaurant nicht versehentlich bestelle. Das sei für ihn der Geschmack der Armut seiner Kindheit. Ich hatte einen Leidensgenossen gefunden, und es gab weitere. Pour moi, s'il vous plaît, ni lièvre ni lapin. Merci.
Doch bei mir ist das mit dem Mögen und Nichtmögen, wie könnte es anders sein, reichlich seltsam. Wenn mir etwas nicht schmeckt, nämlich ganz und gar nicht schmeckt, will ich wissen, warum das so ist und ob es nicht anders sein könnte. Koriander zum Beispiel. Nicht die gemahlen Samen als Gewürz, sondern die Blätter als Zutat. Als ich vor vielen Jahren zum ersten Mal beim Chinesen ein Gericht mit grünem Koriander aß, dachte ich, ich müsse kotzen. So etwas Widerliches. Ich wusste zunächst gar nicht, was es war. Aber ich bekam es heraus (als ich im thailändischen Restaurant die Petersilie aus der Suppe fischen musste, die aber gar keine Petersilie war, wie ich erfuhr, sondern eben Koriander). Seither mied ich das Zeug. Meine Forschungen ergaben, dass die Abneigung gegen Koriander genetisch bedingt sei. Für manche schmeckten die Blätter wie Petersilie oder irgendein anderes Gewürzkraut, hieß es, für manche aber unerträglich seifig. Nun, seifig fand ich Koriander gar nicht. Er schmeckte für eher nach Autoreifen (nein, ich habe keine gekostet, sondern meine: so wie diese riechen, wenn sie erzeugt werden). Viele Jahre also bitte kein Koriander für mich. Danke. Bis ich mir eines Tages beim Portugiesen meines Vertrauens ganz bewusst Koriandersuppe bestellte. Die war köstlich! Von wegen Gene! Was mir schmeckt oder nicht, entscheide ich selbst, nicht irgendwelche Chromosomen. Später kaufte ich mir in der (wie ich sie nenne) Migrantenecke eines Supermarktes eine Koriander-Paste, die scharf, aber wohlschmeckend war. Ich hatte etwas überwunden.
Zurück zum Hasen. Der Herbst ist die Wildpretzeit. Ich bevorzuge zwar Wildschwein, Fasan, Rebhuhn oder Reh, aber als ich im Hinblick auf einen bevorstehenden Restaurant-Besuch auf der Karte „Feldhasen nach Großmutterart mit Semmelknödeln und Preiselbeeren“ sah, fasste ich den Plan, mich von meine Trauma, das vielleicht nur ein Phantasma war, zu befreien.
Und heute also geschah es. Ich aß Hasenfleisch. Sagen wir so: Muss ich nicht haben. Es gibt Leckereres. Aber es war auch nicht abstoßend. Kann man essen. Kann ich essen. Mit anderen Worten: Ich habe über mich selbst triumphierte. Ich darf mir sagen: Ich bin nicht der Sklave meines Geschmacks oder dessen, was ich dafür halte, meiner zufälligen Vorlieben oder Abneigungen. Ich lasse mich auf Neues ein und auf Altes, egal, wie frühere Erfahrungen waren. (Vielleicht ist es ja diesmal anders.)
Ich gebe zu, ich bin ein bisschen stolz auf mich. Ich gehöre sowieso nicht zu den Mäkeligen, die dies nicht mögen und das nicht. Schon gar nicht zu denen, die sich (ohne jede medizinische Notwendigkeit einreden) sie könnten nicht, sie sollten nicht, sie dürften nicht. Es gibt gewiss sinnvolle und erforderliche Diäten (wer Zöliakie hat, muss Gluten meiden, bei anderen ist es Spinnerei). Aber aus gesunden Zutaten auf bekömmliche und schmackhafte Weise zubereitete Speisen abzulehnen, weil es dem eigenen style widerspricht, ist bescheuert. Manchen, so scheint mir, schmeckt dies und das bloß deshalb nicht, weil sie sonst gar keine Persönlichkeit vorzuweisen hätten. Wenn man schon ein Nichts ist, lebt man immerhin vegan. Wie auch immer, mir sei das ferne. Ich bin dankbar für jedes gute Essen. Mahlzeit!
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