Sonntag, 30. November 2025

1. Advent 2025

„Verfickte Scheiße, ist das besinnlich“, druckt ein kommerzieller Kerzenfabrikant auf seine Waren und trifft damit den Punkt. Die „Vorweihnachtszeit“, die für die meisten Menschen den Advent restlos aufgefressen hat, und das Fest, auf das sie angeblich hinausläuft, wird gern mit „Besinnlichkeit“ in Verbindung gebracht. Aber was heißt das? Wie kann der Mischmasch aus amerikanisch-britischem Konservengedudel, grün-rot grundiertem Dauergeglitzer, groteskem Elch- und Wichtelterror, Punsch- und Glühweinkonsum, internalisierter Einkaufsliste und von den Amis dem Globus geschenkten Bläckfreidäh-Geplärr „besinnlich“ sein“? Der Duden definiert besinnlich so: „nachdenklich; beschaulicher, geruhsamer Besinnung dienend“. Wer kann das mit der real existierenden Vorweihnachtszeit, die von etwa Ende August bis zum 24. Dezember dauert, zusammenbringen? Nachdenken, besinnen, gar das eigenen Leben im Zusammenhang mit anderen und den Weltverhältnissen betrachten ― Fehlanzeige. Sentimental sein, konsumfreudig, berauscht ― so geht das.
Der Advent war und ist eine Zeit der Besinnung und Buße, also der Umkehr vom Misslingenden zum Gelingenden, der Hinwendung an die Gnade Gottes. Als Vorbereitung des Festes der Geburt des Mensch gewordenen Gottes, unseres Herrn und Erlösers, damals in Bethlehem. Der wiederkommen wird in Herrlichkeit, niemand weiß wann, es kann auch gleich jetzt sein, und uns richten wird. Er wird nicht fragen: Hast du beim Einkaufen genug gespart, kannst du alle Strophen von Last Christmas auswendig, hast du genug Kerzen und Teelichter aufgestellt, wie lauten die Namen der Rentiere von Santa Claus? Sondern er wird fragen: Was hast du gemacht aus deinem Leben? Warst du für andere da? Hast du dich eingesetzt für das Gute, auch dort, wo der Einsatz unbeliebt ist und weh tut?

Samstag, 29. November 2025

Nachtrag zu „Leute (37)“

Wie sich herausstellte, war X. empört über das, was ich über die Unmöglichkeit, P. zu lesen (und P. und L. zu hören), gesagt hatte. Nicht, weil daran irgendetwas falsch gewesen wäre, sondern weil sie das eben „anders sieht“. Sie nahm die (zugegebermaßen wie bei mir üblich scharf polemisch vorgebrachte) Kritik nicht zum Anlass sachlicher Auseinandersetzung, sondern nahm es persönlich. Folgerichtig suchte sie auch nicht das Gespräch und stellte zur Rede, sondern spielte die beleidigte Leberwurst und strafte mit Schweigen. Wie Frauen das halt so machen. Als sie wieder ansprechbar war, kamen allerhand Ausreden und Beschuldigungen. Uninteressant. Ich habe nichts falsch gemacht, auch nicht, dass ich erst darüber nachdachte, bevor ich darüber schrieb. (Worüber ich ja übrigens auch geschrieben habe.)
Unzutreffend ist die Behauptung von X., ich drehte es mir, wie ich wolle. Einmal sei ich gegen die akademische Philosophie, dann aber dafür, wenn es gegen P. gehe. Daran stimmt gar nichts. Es ist vielmehr so: Ich hatte in „Leute (37)“ geschrieben: „Ich habe Philosophie studiert und kann ganz gut Geschwätz von genuinem Denken unterscheiden.“ Inwiefern widerspricht das zum Beispiel dem Zitat von Cioran, das ich meiner Aphorismensammlung „Philosophie als heitere Wissenschaft und strenge Kunst“ vorangestellt habe: „Die Philosophen schreiben für die Professoren, die Denker für die Schriftsteller“? Gar nicht. Während Cioran nämlich Philosophen und Denker unterscheidet, unterscheide ich (in besagtem Text gegen P.-Lektüre) zwischen genuiner Philosophie und Geschwätz. Geschwätz im Sinne von Nicht-Philosophie, die sich als Philosophie ausgibt; dass sich außerdem innerhalb der wirklichen Philosophie eine akademisch gebundene und eine wie auch immer zu benennende andere Praxis („Denken“) unterscheiden lassen, hat mit der Unterscheidung von Geschwätz und ernstzunehmendem Philosophieren nichts zu tun. Meine Kritik am Philosophiebetrieb, seiner größtenteils musealen Einstellung und der viel zu oft bürokratischen Leidenschaftslosigkeit der dargereichten Erzeugnisse impliziert doch in keiner Weise, dass ein mediengeiler Dummschwätzer eine Alternative zum universtätsprofessoralen Diskurs ist! 
Nein, ich habe in „Leute (37)“ meine Kritik nicht „gedreht“, sondern sie auf einen anderen Gegenstand gerichtet. Dass ich Philosophie studiert habe, ist keine Parteinahme für die akademische Philosophie (sonst hätte ich ja wohl auch deren Diplome erworben). Dass ich Philosophie und Geschwätz zu unterscheiden vermag, ist eine Selbsteinschätzung, die bestreiten kann, wer möchte, er oder sie möge es aber mit Argumenten tun. Davon, dass ich „es mir drehe, wie ich es brauche“, kann (in diesem Zusammenhang) also überhaupt keine Rede sein. X. hat da etwas missverstanden, vermutlich, weil sie etwas missverstehen wollte. Man sollte aber halt das lesen, was wirklich da steht, darf sich nicht vom Groll und der eigenen Leberwurstigkeit übermannen lassen und jemandem eine widersprüchliche Argumentation unterstellen, der wenigstens Argumente hat (und nicht bloß Befindlichkeiten und Lebensumstände).
Wie auch immer. Wirklich wichtig ist das alles nicht. Es gibt viel pseudophilosophisches Geschwätz auf dem Markt und manche konsumieren das eben gern. Warum ich aber ausgerechnet P. besonders verabscheue, ihn aus der Öffentlichkeit verbannt sehen möchte und nicht will, dass er Zuschauerinnen (beiderlei Geschlechts), Zuhörerinnen (ebenso) und Leserinnen (dito) hat, betrifft aber nicht zuletzt den gefährlichen Schwachsinn, den er zu einem entscheidenden politischen Thema abgesondert hat: Er verbreitet russländische Narrative („NATO bedrohte Russland“), hetzt gegen die Ukraine und fordert de facto deren Kapitulation. Dass die Ukraine, seiner Meinung nach keine Demokratie ist (trotz frei gewähltem Parlament und ebensolchem Präsidenten ― ganz im Unterschied zu Russland mit seinem Diktator und dessen gefälschten Wahlen) ―, westliche Werte verteidige, hält er für eine „bizarre Vorstellung“. Dass die Ukraine den Krieg gewinnen könne, schließt er aus. Da kann er hundertmal den russischen Angriffskrieg einen Angriffskrieg nennen: Wer nicht ohne Wenn und Aber für die demokratisch-selbstbestimmte Souveränität und die territoriale Integrität der Ukraine eintritt, treibt Putins Politik. Wer nicht Putins Niederlage wünscht, steht auf Putins Seite. Das ist verbrecherisch. Leider anscheinend nicht im justiziablen Sinne. Also dann eben: unverzeihlich. 

Sonntag, 23. November 2025

Notiz über Kafka

Von Kafka zu lernen, heißt scheitern zu lernen. Man mag Kafkas Leidenschaft für das Schreiben bewundern und das von ihm Geschriebene wegen seiner kunstvoll ans Unbewusste rührenden Machart hochschätzen, aber seine Texte führen nirgendwohin. Dazu ist Literatur auch nicht verpflichtet. Kafka erklärt nicht die Welt, er gibt keine tiefen Einblicke in die Seelen der Menschen, er kennt den Sinn des Lebens nicht (selbst seine eigenen Texte entzieht er geschickt dem Sinn im Sinne einer eindeutigen Deutbarkeit), er sagt nicht, was zu tun oder nicht zu tun ist. Er führt nur vor, nämlich sich selbst, aber nicht als Person, sondern seine Sprache. Er schrieb einmal, er sei ganz und gar Literatur. Das stimmt, wenn er schreibt. Seine Texte sind genau das: Literatur, und weisen nicht über sich hinaus.
Da helfen auch all die biographischen Einzelheiten und Querverweise nichts, die die akribische Forschung herbeigeschafft und aufgehäuft hat, dieses unverschämte Zurschaustellen sämtlicher irgend fassbarer Lebensereignisse und Lebensäußerungen ― das Kafka, diesen scheuen, zurückhaltenden, bescheidenen, sich niemals wichtig machenden Menschen, hätte er sich eine solche mikroskopische Autopsie seiner Existenz jemals vorstellen können, unendlich gequält hätte. Es nützen auch Psychologie und Exegese nichts, die Texte sind die Texte und sie verraten nicht mehr, als da steht.
Und auch philologische Eifer des Vergleichs von Textvarianten ändert daran nichts. Was geschrieben steht, steht geschrieben. Mehr wollte Kafka nicht und mehr konnte er auch nicht. Eher weniger.
Keineswegs ist das heutige kanonische Kafka-Korpus die Literatur, die Kafka schreiben wollte. Die er vielleicht geschrieben hätte, wie er gewollt hätte, wenn er sich getraut hätte, es zu dürfen.
Kafkas Wunsch, dass nach seinem Tod alles Unveröffentlichte vernichtet werden sollte, ist bekannt. (Brod missachtete ihn zum Glück.) Dieser Wunsch entstammt wohl nicht nur der Schamhaftigkeit und Bescheidenheit Kafkas (und de, vorausschauenden Unwillen, dass andere über seine Texte verfügen sollen), sondern auch dem Bewusstsein des Versagens. Kafka wurde nicht fertig mit dem, was er schreiben wollte, und brachte es nicht und nicht zu Stande.
Nicht nur seine drei Romane sind Bruchstücke geblieben, unzählige Texte wurden angefangen zum Teil umgeschrieben und irgendwann unfertig liegen gelassen )nicht erst bei Kafkas Tod).
Kafka wurde nicht der Autor, der er hätte sein wollen. Weil er es nicht konnte, aber auch, weil er es paradoxerweise nicht wollte. Der Selbstzweifel, die Selbstverhinderung dürften die Person Kafkas in hohem Maße ausgezeichnet haben, so viel darf man sagen, ohne indiskret zu werden. (Die ausgezeichnet Editionslage all des Unfertigen bezeugt es ja,) Er wollte und wollte nicht. Aber er hörte nicht auf und schrieb und schrieb und schrieb. Das und seine Sprache macht ihn als Schriftsteller groß.
In seinem Freund Brod hatte er einen, der ihn zum Veröffentlichen drängte. Oft verweigerte er sich dem, oft auch nicht. Er genoss seine Weigerung und litt an ihr, er fand Gefallen am Veröffentlichen und litt daran. Mann vergisst zuweilen, dass Kafka nicht nur einzelnen Personen oder im kleinen Kreis eigene Texte vorlas, sondern auch öffentlich.
Das Fragment ist keineswegs die Kafka angemessene Form. Es ist überhaupt keine Textform, es ist ein Textzustand. Es könnte auch anders sein. Kafka war es lieber, wenn es anders war. (Wie stolz war auf das „Urteil“!) aber es gelang ihm oft nicht. Es gelang ihm öfter nicht als doch. Das war keine Absicht, kein Gestaltungswille, das war ein Versagen, eine Ratlosigkeit, ein Abbrechenmüssen. Insofern zwar auch eine schriftstellerische Entscheidung ― das Liegenlassen wegen Unvermögens; vom Vernichteten wissen wir ja meist nichts ―, aber eine bloß negative, eben ein Eingeständnis des Scheiterns.

Samstag, 22. November 2025

Die Macht, Böses zu tun

Trumps Umfragewerte seien schlecht, heißt es, nur 38 Prozent der Befragten 8und somit der Bevölkerung der USA) seien mit ihm und seiner Amtsführung zufrieden. Ich finde nicht, dass das wenig ist. Fast zwei von fünf, das scheint mir eherv viel zu viel. Üer 38 Prozent Zuspruch würde sich manche politische Parte freuen (CDU/CSU 28,5, ÖVP 26,3 bei den jeweils letzten nationalen Wahlen). Hätte die AfD oder die FPÖ 38,8 Prozent, wäre der Aufruhr groß. (Derzeit 20,8 und 28,9.)
Die Frage ist doch eher: Wieso hat Trump überhaupt Unterstützer? Der Mann ist boshaft, dumm, hässlich, ungebildet und lächerlich. Dass den überhaupt jemand als Präsidenten haben wollte und noch will, ist ein Rätsel. Es sei denn, man kehrt das um und sagt sich: Gerade weil er so bösartig, dumm, hässlich, ungebildet und lächerlich ist, wollen ihn viele an der Macht.
Trump verkörpert die Schechtigkeit der Leute, ihre Verachtung für Recht und Bewunderung von Brutalität, ihre Ressentiments und ihren Hass auf all, die nicht so sind, wie sie zu sein glauben. Seine schamlose Selbstverherrlichung, die jedem vernünftigen Menschen zuwider sein muss, ist für andere gerade etwas Bewundernswertes.
Das sagt viel über die moralische, intellektuelle und tiefenpsychische Realität der US-amerikanischen Gesellschaft und „Kultur“. Wo alles käuflich ist und der, der mehr kaufen kann, besser angesehen ist, wo Macht und Vermögen die einzigen Werte sind und alles Religiöse calvinistisch und kryptocalvinistisch in sein Gegenteil umgelogen wird: Nächstenhass, Erbarmungslosigkeit, Streben nach weltlichen Gütern, Hochmut, unverhohlene und versteckte Geilheit ― in diesem Sumpf aus Verlogenheit, Realitätsverlust, Gier und ethischem Unvermögen gedeihen abartige Kreaturen wie Trump und das Gesindel, das ihn umgibt.
Wer so tut, als wäre das „normal“ und man müsse Trump eben hinnehmen, steckt sich an. Wer wirtschaftliche Interessen über moralische Ansprüche und intellektuelle Mindestanforderungen stellt, steuert auf eine Versumpfung hin.
Nein zu Trump, nein zu allem, wofür er steht. Für die Mächtigen dieser Welt ist das undenkbar. Für sie ist das, selbst wenn sie klüger als das demente Kleinkind auf dem Präsidententhron und weniger unappetitlich scheinen, kaum möglich. Ihre Interessen sind mit denen der USA viel zu verflochten. Sie müssen und wollen kooperieren. Aber warum immer tun, was den Mächtigen dient? Warum ihnen und ihren Medienknechten nach dem Munde reden?
Trump ist nicht echt. Hier wird Politik nur simuliert. Mit allerdings sehr realen Folgen. Schlechten Folgen. (außer für wenige Profiteure. Aber nehmen die nicht Schaden an ihrer Seele?) Im Grunde ist das ganze Getue das Gegenteil von Politik. Das zeigt sich daran, dass nichts Konstruktives angestrebt und erreicht wird, sondern nur Destruktives. Das „Positive“ ist nur Schall und Rauch, Glitzer und Einbildung. Trump kann nichts Gutes tun, selbst wenn er wollte. Er will aber gar nicht. er ist böse. Seine Macht ist nur die Macht, anderen Schaden zuzufügen. Die Macht, Böses zu tun.
Dabei darf man nicht mitmachen.

Notiz vom 25. Oktober 2023

Man rühmt den Rechtsstaat, weil er das Individuum schütze. Doch wovor schützt er es? Die rechtsstaatlichen Grundsätze und die staatlich anerkannten Grundrechte sind in die Staatlichkeit eingebaute Mechanismen, die dem Schutz des Individuums vor dem Staat dienen, vor dem willkürlichen Eingriff der Staatsgewalt in die individuelle Lebensführung. Der Rechtsstaat schützt also vor sich selbst. Das Problem dabei: Der Staat definiert eigenmächtig, was gerade schützenswert ist und was nicht. Dass alles staatliche Handeln an Gesetze gebunden ist, ändert nichts daran, dass das Setzen von Gesetzen, deren Anwendung und Änderung, selbst staatliche Aktivität ist, die der relativen Willkür der Politik unterliegt. Im Zweifelsstaat bestimmt der Staat, wo die Grenze seines Eingriffsrechts liegt. Die liberale Vorstellung vom Staat als Garanten von staatsfreien Räumen ist nicht falsch, übersieht aber das Paradoxon: Der Staat schützt vor sich selbst und verfügt über die Recht setzende Macht, Schützenswertes von nicht Schützenswertem zu unterscheiden. Der liberale Staat garantiert Freiheit, aber nicht Garantiertheit des Garantierens.